Stand: 20.04.2018

Diese Seite beschreibt die Aufgaben, die der Bund Sankt Michael zur Erfüllung seines Auftrags durchführt oder unterstützt.

Diese Aufgaben ergeben sich aus dem Auftrag des Bundes sowie aus den Ergebnissen unseres Dienstvorhabens, das eine Strategie für die Kontinuität des Christentums in Europa erarbeitet.

1. Erkennen und Verstehen der Herausforderungen für das Christentum in Europa

Der Bund analysiert die Lage des Christentums in Europa sowie die Lage des Umfelds, in der sich das Christentum in Europa bewegt, um strategische Herausforderungen für es zu erkennen und zu verstehen.

„Mein Volk kommt um, weil ihm die Erkenntnis fehlt.“
Hosea 4,6

Der Bund leistet dies auf der Grundlage eines  Auftrags  des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dieses betonte, die Kirche habe „die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten.“ Es gelte daher, „die Welt, in der wir leben, ihre Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen.“ Johannes Paul II. hatte diesen Auftrag 2003 bekräftigt:

„Es ist eine ruhige kritische Auseinandersetzung mit der aktuellen kulturellen Situation Europas nötig, welche die auftretenden Tendenzen und die bedeutendsten Ereignisse und Situationen unserer Zeit im Lichte der zentralen Stellung Christi und der christlichen Anthropologie bewertet.“

Michelangelo – Die delphische Sibylle (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Auch der katholische Philosoph Robert Spaemann erklärte in diesem Zusammenhang, dass es vor dem Hintergrund der Lage auch darauf ankomme, „der gegenwärtigen Realität ins Auge zu sehen, sie mit allen rationalen Mitteln zu analysieren, um sie dann im Lichte der Offenbarung zu beurteilen“.

  • Die in diesem Rahmen durch den Bund betrachteten Herausforderungen umfassen alle Bereiche des Lebens, etwa Kultur, Gesellschaft und Politik sowie Wirtschaft, Wissenschaft und Technik.
  • Dabei geht es vor allem darum zu erkennen und zu verstehen, wie sich die jeweiligen Herausforderungen gestalten, und was sie für das Christentum in Europa bedeuten. Den Schwerpunkt bilden dabei alle Faktoren, Entwicklungen und Akteure, die sich negativ auf die Kontinuität des Christentums in Europa auswirken können.
  • Der Bund untersucht zudem die Voraussetzungen kultureller Kontinuität des Christentums in Europa. Er nimmt dabei Impulse aus anderen Teilen der Kirche auf, etwa Erfahrungen der Christen des Nahen Ostens und Afrikas.

Die so gewonnenen Erkenntnisse bilden die Grundlage für alles weitere Handeln des Bundes.

2. Aufbau einer Organisation zur Bewältigung der Herausforderungen

Der Bund baut zur Bewältigung der Herausforderungen für das Christentum in Europa eine an den Erfordernissen der Lage ausgerichtete Organisation auf und entwickelt diese laufend weiter.

Diese Organisation umfasst neben zentralen Funktionen lokale Gesprächskreise und Dienstgemeinschaften, die in ihrem Umfeld im Sinne des Auftrags des Bundes wirken.

Um Wirkung im Sinne des Auftrags zu erzielen, benötigt der Bund die Unterstützung fähiger und motivierter Menschen sowie Ressourcen.

„Silent men were observed about the country, or discovered in the forest, digging, clearing and building; and other silent men, not seen, were sitting in the cold cloister, tiring their eyes and keeping their attention on the stretch, while they painfully copied and recopied the manuscripts which they had saved. There was no one who contended or cried out, or drew attention to what was going on, but by degrees the woody swamp became a hermitage, a religious house, a farm, an abbey, a village, a seminary, a school of learning and a city.“
John Henry Newman

2.1 Mitglieder und Mitwirkende

Der Bund richtet sich an jene, die im Sinne seines Auftrags zum dienenden Einsatz für das Christentum in Europa bereit sind und sich mit dem christlichen Erbe Europas identifizieren.

2.2 Die Gesprächskreise und Dienstgemeinschaften des Bundes

Der Bund fördert die Bildung von Gesprächskreisen und Dienstgemeinschaften und unterstützt diese. Benedikt XVI. hatte zur Bildung solcher Gemeinschaften aufgerufen:

„Bildet Gemeinschaften aus dem Glauben heraus. […] Sucht Gemeinschaft im Glauben, Weggefährten, die gemeinsam die große Pilgerstraße weitergehen, die uns die Weisen aus dem Orient zuerst gezeigt haben.“

Die Dienstgemeinschaften sind Orte der Zurüstung und Stützpunkte dienenden Wirkens. Sie haben den folgenden Auftrag:

  • Auseinandersetzung mit der Lage des Christentums in Europa;
  • Auseinandersetzung mit Frage der Spiritualität des schützenden und bewahrenden Dienstes;
  • Durchführung von Dienstvorhaben zur Förderung von Resilienz und Dienstfähigkeit der Kirche sowie zur kulturellen Erneuerung;
  • Gegenseitige Unterstützung der Mitglieder.

In ihrem persönlichen Umfeld bilden die Mitglieder der Gemeinschaften Kerne kultureller Erneuerung.

„Natürlich soll unter den Gläubigen selber allmählich wieder etwas wie die Brüderlichkeit der Kommunikanten aufgebaut werden, die sich durch ihre gemeinsame Zugehörigkeit zum Gottestisch auch im privaten Leben miteinander verbunden fühlen und wissen, dass sie in Notsituationen aufeinander zählen können, eben wirklich eine Familiengemeinschaft sind.“
Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.)

2.3 Die zentralen Funktionen des Bundes

Die zentralen Funktionen des Bundes haben den folgenden Auftrag:

  • Durchführung zentraler Aufgaben u.a. in den Bereichen Organisation, Recht, sowie Information und Kommunikation;
  • Entwurf von Dienstprogrammen und -Vorhaben sowie Sammlung und Auswertung von Erfahrungen;
  • Durchführung der zentralen Dienstvorhaben (Analyse, Strategie, Spiritualität etc.);
  • Unterstützung der Gesprächskreise und Dienstgemeinschaften;
  • Pflege von Netzwerken auf nationaler und internationaler Ebene;
  • Kontinuierliche Verbesserung und Weiterentwicklung des Bundes.

3. Stärkung von Resilienz und Dienstfähigkeit in der Kirche

Der Bund führt zentrale und dezentrale Dienstprogramme und -Vorhaben durch, um Resilienz und Dienstfähigkeit in der Kirche im Angesicht der erkannten Herausforderungen zu stärken.

Dabei geht es vor allem darum, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Kirche, also die Gemeinschaft der Christen, mögliche Verwerfungen möglichst gut bewältigen und ihren Dienst am Nächsten und am Gemeinwesen auch unter schwierigen Bedingungen ausüben kann.

Die Absicht des Bundes ist es dabei, Resilienz und Dienstfähigkeit seiner Mitglieder und Mitwirkenden zu stärken, die diese Impulse dann in ihre Gemeinden und ihr Umfeld hineintragen.

Der hl. Johannes Paul II. hatte in diesem Zusammenhang dazu aufgerufen:

„Es ist von grundlegender Bedeutung, „spezifische Berufungen zu wecken und zu fördern, die dem Gemeinwohl dienen: Menschen, die nach dem Beispiel und dem Stil der sogenannten ‚Väter Europas‘ fähig sind, Baumeister der europäischen Gesellschaft von morgen zu sein, und sie auf die soliden Fundamente des Geistes gründen.“

Der katholische Theologe Romano Guardini schrieb diesbezüglich, dass die Christen im künftigen Europa vor allem Tapferkeit benötigen würden, „die sich dem heraufdrohenden Chaos entgegenstellt“. Außerdem würden diese Christen entschlossen sein müssen:

„Der christliche Glaube […] aber wird eine neue Entschiedenheit gewinnen müssen. Auch er muss aus den Säkularisationen, den Ähnlichkeiten, Halbheiten und Vermengungen hinaus.“

Dienstvorhaben und -Programme

Die folgenden Vorhaben zur Stärkung von Resilienz und Dienstfähigkeit befinden sich derzeit in Vorbereitung:

  • Virtus-Programm: Christlicher Humanismus strebt die umfassende Entfaltung aller Fähigkeiten des Menschen an, damit er sein ganzes Potenzial zum Dienst am Nächsten und am Gemeinwesen einsetzen kann. Das Virtus-Programm entwickelt ein Konzept, dass Christen für die Wahrnehmung von Aufgaben in Apostolaten des schützenden und bewahrenden Dienstes stärkt.
  • Custos-Programm: Ein Christ soll der „Hüter seines Bruders“ (1 Mo 4,9) sein. Auch in Europa sind Christen, insbesondere Konvertiten, in zunehmendem Maße Sicherheitsrisiken ausgesetzt. Das Custos-Programm entwickelt Sicherheitskonzepte für Christen und christliche Gemeinden, die besonderen Risiken ausgesetzt sind, und unterstützt ihre praktische Umsetzung.

4. Erneuerung Europas im Geist des Christentums

Das Christentum hat auch einen Auftrag zur Gestaltung der Welt. Das Dekret „Apostolicam Actuositatem“ des II. Vatikanischen Konzils formulierte 1965 den christlichen Auftrag zum „Aufbau der gesamten zeitlichen Ordnung“. Die Sendung der Kirche bestehe auch darin, „die zeitliche Ordnung mit dem Geist des Evangeliums zu durchdringen und zu vervollkommnen.“

Der katholische Theologe Romano Guardini sagte, dass Christen vor dem Hintergrund der kulturellen und sonstigen Entwicklungen in Europa mittelfristig ähnlich wie der hl. Benedikt von Nursia im Umfeld des zerfallenden Römischen Reiches „das Chaos zur neuen Gestalt bewältigen“ werden müssten.

Der hl. Johannes Paul II. rief Christen zu Anstrengungen auf, Europa im Geist des Christentums zu erneuern:

„Die Christen sind also aufgerufen, einen Glauben zu kultivieren, der ihnen erlaubt, sich kritisch mit der gegenwärtigen Kultur auseinanderzusetzen und ihren Verführungen zu widerstehen; die Bereiche von Kultur, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik wirksam zu beeinflussen; deutlich zu machen, daß die Gemeinschaft der Mitglieder der katholischen Kirche untereinander und mit den anderen Christen stärker ist als jedes ethnische Band; den Glauben voll Freude an die jungen Generationen weiterzugeben; eine christliche Kultur aufzubauen, die in der Lage ist, die vielschichtige Kultur, in der wir leben, zu evangelisieren.“

Der Aufbau eines neuen Europas erfordere ihm zufolge nach christlichen Werten erzogene Menschen, „die bereit sind, sich für die Verwirklichung des Gemeinwohls einzusetzen“, und die „in den verschiedenen Verantwortungsbereichen des zivilen Lebens, der Wirtschaft, der Kultur, des Gesundheitswesens, der Erziehung und der Politik so wirken sollen, daß sie dort die Werte des Reiches Gottes einfließen lassen können.“

„Werde wach und stärke, was noch übrig ist, was schon im Sterben lag.“
Offenbarung 3, 2

„Deine Leute bauen die uralten Trümmerstätten wieder auf, die Grundmauern aus der Zeit vergangener Generationen stellst du wieder her. Man nennt dich den Maurer, der die Risse ausbessert, den, der die Ruinen wieder bewohnbar macht.“
Jesaja 58,12

4.1 Schaffung von Räumen christlichen Lebens

Physische und kulturelle Räume christlichen Lebens ermöglichen es Christen in den kulturell zunehmend heterogenen Gesellschaften Europas, ihre Kultur zu pflegen und an kommende Generationen weiterzugeben. Die Schaffung und Festigung solcher Räume ist die Voraussetzung dafür, dass Christen als kreative Minderheiten in diesen Gesellschaften wirken und so ihren Dienst an ihnen verrichten können.

Je größer der Kontast zwischen christlichem Leben und der es umgebenden Gesellschaft wird, desto größer wird der auf Christen lastende Druck zur Assimilation in nichtchristliche Kultur werden. Räume christlichen Lebens können diesen Druck reduzieren und Christen dadurch in christlicher Lebensführung unterstützen und in ihrem Dienst stärken. Diese Räume sind so zu gestalten, dass sie diese Aufgabe auch unter schwierigsten Bedingungen erfüllen könnten.

Bei diesen Räumen soll es sich nicht um Rückzugsorte handeln, sondern um Kerne der Erneuerung, die auf ihr Umfeld ausstrahlen.

Schaffung physischer Räume christlichen Lebens

In Räumen christlichen Lebens kann dieses Leben so wachsen, dass es in die Welt hinein wirken kann. Dafür sind bestimmte Bedingungen erforderlich, etwa ein intaktes Umfeld, in dem Unsicherheit oder sonstige Auflösungs- und Verfallserscheinungen minimiert sind.

Solche Räume benötigen physische Infrastruktur, etwa Kirchen und Schulen. Um diese Infrastruktur herum können sich christliche Familien ansiedeln, die sich gegenseitig in ihrem Leben als Christen unterstützen.

Schaffung christlicher Solidarstrukturen

Solidarstrukturen unterstützen christliche Familien dabei, inmitten der sie umgebenden Gesellschaft ein christliches Leben zu führen und ihre Kinder im Geist des Christentums aufzuziehen. Solche Strukturen beruhen auf Gegenseitigkeit sowie Vertrauen. Sie stehen wegen ihrer Unabhängigkeit von staatlicher Infrastruktur auch dann zur zuverlässig zur Verfügung stehen, wenn diese vorübergehend oder dauerhaft ausfällt oder Menschen aus politischen Gründen von ihrer Inanspruchnahme ausgeschlossen werden.

Schaffung kultureller Räume christlichen Lebens

Es liegt in der Natur des Christentums, ein schwieriges Umfeld nicht als Gegner zu betrachten, sondern sich für sein Wohl und seine Erneuerung einzusetzen. Um dies leisten zu können, müssen sich Christen jedoch von korruptiven kulturellen Tendenzen, die dieses Umfeld prägen, fernhalten und befreien, d.h. sie müssen in der Welt leben, aber sich nicht von ihrem Geist formen lassen (Joh 17, 11-19).

Dazu ist die Schaffung kultureller Räume erforderlich, die von der sie umgebenen Welt abgegrenzt sind, und innerhalb deren schützender Grenzen christliches Leben wachsen kann.

Kulturelle Räume christlichen Lebens umfassen ein eigenes Bildungswesen sowie Medien und Kommunikationsplattformen sowie geistes- und kulturwissenschaftliche Tätigkeit.

Pflege und Vermittlung des christlichen Erbes

Viele Christen der Gegenwart sind mit ihrem Erbe nur unzureichend vertraut oder empfinden dies aus Unkenntnis heraus als Last. Christen müssen jedoch selbst davon überzeugt sein, dass ihr Erbe in höchstem Maße wertvoll ist, bevor sie andere Menschen glaubwürdig dafür begeistern können.

Dieses Erbe beinhaltet auch praktische Lösungen für ein gelingendes Leben.

Die Pflege des Erbes beinhaltet seine Erschließung, seine Vermittlung und seine Weiterentwicklung im Sinne der Aufforderung, alles zu prüfen und das Gute zu behalten (1 Thess 5,21).

Dazu sollen Kompendien erstellt und gepflegt werden, die dieses Erbe in allen seinen Aspekten so erschließen, dass Menschen es sich individuell und in Gemeinschaft wieder aneignen können. Dieses Vorgehen wurde beim Aufbau von Nationen, etwa den USA, in der Vergangenheit bereits erfolgreich praktiziert, wo die „McGuffrey Readers“ die Aneignung der kulturellen Identität des Landes untersttzten.

4.2 Christen als schöpferische Minderheit

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) sprach davon, dass Christen in Europa künftig die Aufgabe haben würden, als „schöpferische Minderheit“, die aus kleinen, im Glauben gefestigten Gemeinschaften bestehe, die Erneuerung Europas voranzutreiben.

Der Historiker Arnold Toynbee hatte beobachtet, dass der Aufstieg von Kulturen stets das Ergebnis des Wirkens einer solchen Minderheit war. Der hl. Benedikt etwa schuf im Chaos des untergehenden Römischen Reiches ein alternatives Modell christlichen Lebens, das die guten Teile des griechischen und römischen Erbes mit einschloss. Diesem Modell schlossen sich andere Menschen an, die später in das zerstörte Europa hineinwirkten und so seine Erneuerung ermöglichten. Als kreative Minderheit können Christen in diesem Sinne auch im heutigen Europa kulturelle Erneuerung bewirken.

Ausstrahlen in die Welt: Kulturelle und karitative Werke

Gelingendes christliches Leben, das sich von den es umgebenden Verfallsumfeldern sichtbar unterscheidet, sowie die Höhe christlicher Kultur gehören zu den glaubwürdigsten und überzeugendsten Botschaften, die Menschen für das Christentum aufgeschlossen macht. Als kreative Minderheit müssen Christen individuell und als Gemeinschaft entsprechende kulturelle Strahlkraft entfalten, in ihr Umfeld hineinwirken.

Papst Johannes Paul II. rief Christen 2003 dazu auf, „sich kritisch mit der gegenwärtigen Kultur auseinanderzusetzen und ihren Verführungen zu widerstehen; die Bereiche von Kultur, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik wirksam zu beeinflussen“.

Während du in der Welt mit den Werten des kommenden Reiches lebst, sollst du Kirche der Liebe sein, sollst du deinen unentbehrlichen Beitrag leisten, um in Europa eine immer menschenwürdigere Gesellschaft aufzubauen.
Johannes Paul II.

Als kreative Minderheit können Christen solchen Umfeldern bzw. inmitten einer „verdorbenen und verwirrten Generation […] als Lichter in der Welt“ agieren (Phil 2,15) und ausgehend von der durch sie geschaffenen Infrastruktur und Gemeinschaften intakten Lebens Räume kulturell erneuern.

Kulturelle Erneuerung bedeutet in diesem Zusammenhang, kulturelle Substanz durch Errichten einer Ordnung und Stiftugen von Bindungen und Verbindlichkeiten zu schaffen.

Diese Erneuerung wird im Rahmen eines koordinierten, geplanten Vorgehens sowie in Form bestimmter Projekte erfolgen, die Menschen aus von kultureller Auflösung geprägten Umfeldern herauslösen, so dass sie selbst in den christlichen Dienst eintreten und dessen Wirkung verstärken können.

Die kirchliche „Option für die Armen“ wird sich künftig stärker als bisher auch auf kulturelle Nöte erstrecken müssen. Papst Franziskus beschrieb die Kirche in diesem Zusammenhang als „Feldhospital“, dass für die Menschen da sein müsse, die von den kulturellen Folgen moderner Weltanschauungen und Lebensstile betroffen seien.

Auf diese Weise wurde das Christentum in der Vergangenheit zur prägenden kulturellen Kraft Europas, und es wird diese Rolle auf diesem Weg auch künftig wieder einnehmen können.

Dienst am Gemeinwesen: Das Christentum als unverzichtbarer Bestandteil des Gemeinwesens

Durch Engagement auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens, etwa in der Politik, im öffentlichen Dienst, im Bildungswesen oder in der Wirtschaft sowie durch vorbildliches staatsbürgerliches Verhalten tragen Christen zur Erneuerung der Gesellschaft bei.

Je besser Christen zur Leistung dieser Aufgaben qualifiziert sind und je professioneller und loyaler sie diese verrichten, desto wertvoller wird ihr Dienst für das Gemeinwesen sein.

Christen werden durch diesen Dienst für das Gemeinwesen unverzichtbar. Dies kann dazu beitragen, die Wahrnehmung des Christentums zu verbessern und gegen das Christentum gerichtete Tendenzen abzuschwächen. Auf diese Weise gelang es in der Geschichte vielen Minderheiten, in ihnen negativ gegenüberstehenden Umfeldern weiterzuleben.

„Bemüht euch um das Wohl der Stadt […] denn in ihrem Wohl liegt euer Wohl.“
Jeremia 29, 7

Europäische Vernetzung

Um voneinander zu lernen und durch strategische Koordination besser Wirkung erzielen zu können, ist eine europäische und darüber hinaus gehende Vernetzung christlicher Vorhaben anzustreben.

4.3 Die Wiederanbindung Europas an seine christlichen Wurzeln

Die Überwindung der geistig-kulturellen Krise Europas setzt voraus, dass es dem Christentum gelingt, seine kulturbegründende Rolle wieder einzunehmen und die Vorstellung transzendenter Ordnung bereitzustellen, an der es derzeit mangelt. Gelingt dies dem Christentum nicht, kann es keine Überwindung dieser Krise geben.

Als kreative Minderheit können Christen durch ihren Dienst die Wiederanbindung Europas an seine christlichen Wurzeln bewirken und ihm dadurch seine wahre Identität zurückgeben. Dies kann gelingen, wenn Christen deutlich machen, dass christliche Weltanschauung über überzeugendere Antworten auf die Grundfragen des Lebens und bessere Lösungen für die Gestaltung des Gemeinwesens verfügt als andere Weltanschauungen. Das Christentum kann die kulturelle Substanz regenerieren, die über Jahrzehnte des Wirkens säkularer Ideologien schleichend aufgelöst wurde.

  • Das Christentum kann den Gemeinwesen Europas seine auf Naturrecht und dem Streben nach Gemeinwohl sowie einem realistischen Menschenbild und seinem Dienstethos beruhenden Ansätze zur Verfügung stellen, welche die destruktiven Folgen des Wirkens utopischer Ideologien heilen und überwinden können.
  • Jedes Gemeinwesen beruht darauf, dass es in ihm Menschen gibt, die auch dann zum Dienst an ihm bereit sind, wenn es ihnen keinen Vorteil bringt. Wo es an solchen Menschen mangelt, zerfällt ein Gemeinwesen spätestens in Zeiten der Not. Christen, für die selbstloser Dienst eine Berufung und einen Weg zu Gott darstellt, können diesen Dienst leisten.
  • Das Christentum kann Europa seine große Erzählung wiedergeben, die es ihm in der Vergangenheit ermöglichte, völker- und generationenübergreifend seine großen Werke  zu schaffen. Diese Erzählung kann den zunehmend heterogenen Gesellschaften Europas außerdem eine gemeinsame Grundlage und ein verbindendes Prinzip geben und integrierend wirken. Es hat über Jahrhunderte bewiesen, dass es dazu in der Lage ist, während säkulare Ideologien wie Nationalismus oder die totalitären Ideologien der Moderne Europa spalteten und zu den größten Katastrophen seiner Geschichte führten.
  • Das Christentum ist die geisige Grundlage aller großen Werke Europas inklusive der säkularen Leistungen der Aufklärung oder der Idee der Menschenrechte. Durch die Wiederanbindung Europas an seine christlichen Wurzeln wird daher auch die Fortsetzung des positiven säkularen Erbes Europas ermöglicht.

„Denn es ist ein bekanntes Axiom, daß jede Gesellschaft, die sich aus Niedergang erheben will, im Sinne ihres Ursprungs arbeiten muß. Durch das Streben nach dem beim Ursprung gesetzten Ziele muß das entsprechende Leben in den gesellschaftlichen Körper kommen. Abweichen vom Ziele ist gleichbedeutend mit Verfall; Rückkehr zu demselben bedeutet Heilung.“
Papst Leo XIII. (1891)

„Es geht darum, eine klar gegliederte Kultur- und Missionstätigkeit in Gang zu setzen, indem man mit überzeugenden Aktionen und Argumentationen zeigt, daß das neue Europa notwendigerweise zu seinen letzten Wurzeln zurückfinden muß. […] All dessen eingedenk, verspürt die Kirche heute mit neuer Verantwortung die Dringlichkeit, dieses kostbare Erbe nicht zu vergeuden und Europa durch die Wiederbelebung der christlichen Wurzeln, in denen es seinen Ursprung hat, bei seinem Aufbau zu helfen.“
Papst Johannes Paul II. (2003)