Stand: 12.09.2018

In seinem 2018 in deutscher Übersetzung erschienenen Buch „Die Benedikt-Option“ entwirft der Autor Rod Dreher eine Strategie für christliches Leben in postchristlichen Gesellschaften.

1. Was ist die Benedikt-Option?

Die Benedikt-Option ist ein strategischer Ansatz, der die kulturelle Kontinuität des Christentums in westlichen Gesellschaften unter Krisenbedingungen ermöglichen soll.

  • Dreher geht davon aus, dass der westlichen Welt eine Zeit gravierender Verwerfungen bevorstehe, die auch das Christentum treffen würden. Es brauche in dieser Lage „jemanden der Archen baut, die sie und den lebendigen Glauben durch das Meer der Krise tragen können – durch ein Dunkles Zeitalter, das Jahrhunderte andauern könnte“.
  • Die Strategie Drehers konzentriert sich auf die Bildung von Netzwerken aus kleinen Gemeinschaften und sie unterstützender Institutionen. Diese sollten wie die durch den hl. Benedikt von Nursia gegründeten Klöster im Chaos des Spätantike unter den künftig zu erwartenden Bedingungen den Kern einer christlichen Gegenkultur bilden und eine spätere kulturelle Erneuerung ermöglichen.
  • Dreher spricht in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit einer Hinwendung zur Tradition. In einem Text, der die Aussagen seines Buches präzisiert, fordert er eine „antimoderne Rückkehr zu den Wurzeln“ alsZeichen des Widerspruchs gegen die moderne Welt“ und der „Zurückweisung eines wurzellosen Zeitalters“.

Dreher erklärt, er wolle Christen mit seinem Buch aufwecken und sie „ermutigen, aktiv zu werden, um sich zu kräftigen, solange noch Zeit dazu ist“. Er stützt sich dabei vor allem auch auf Gedanken Joseph Ratzingers (Benedikts XVI.), den er neben dem hl. Benedikt als „den zweiten Benedikt der Benedikt-Option“ bezeichnet, sowie auf Gedanken des katholischen Philosophen Alasdair MacIntyre.

2. Die Krise der westlichen Welt und ihre Ursachen

Carl Blechen – Stürmische See mit Leuchtturm (gemeinfrei)

Dreher zufolge befände sich der westliche Kulturraum gegenwärtig am Vorabend einer existenziellen Krise, deren geistige Wurzeln mehrere Jahrhunderte zurückreichen würden. Bereits im späten Mittelalter seien die Grundlagen materialistischer Ideologien entstanden, welche die transzendente Aspekte der Wirklichkeit leugnen oder ausblenden würden.

Diese Ideologien hätten sich seit der Renaissance durchgesetzt und naturwissenschaftlich, technisch und materiell äußerst erfolgreiche Gesellschaften hervorgebracht. Gleichzeitig hätten sie durch ihre Ablehnung und Bekämpfung der religiösen Grundlagen und Bezüge von Kultur und Gesellschaft die Grundlage der Kultur als solcher schrittweise zerstört.

Der jetzt erreichte „Endpunkt der Moderne“ sei von zunehmender Leugnung nicht nur der metaphysischen, sondern auch der physischen Wirklichkeit und der Vorstellung der Existenz einer objektiven Wirklichkeit überhaupt geprägt. Die gegenwärtig übernehmenden postmodernen Ideologien würden dabei noch weniger dazu in der Lage sein, die versprochenen utopischen Zustände zu verwirklichen, als es ihre modernen Vorgänger waren, welche die totalitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts hervorbrachten.

2.1 Das Scheitern des politischen Konservatismus

Der kulturelle Kampf christlich-konservativer Akteure gegen diese Ideologien sei vollständig gescheitert. Ein christlicher Konservatismus existiere zudem nicht mehr in nennenswertem Umfang, weil der real existierende Konservatismus von liberaler Ideologie überformt worden sei und dazu beitrage, die Krise der westlichen Welt weiter zu verschärfen.

Die verbliebenen authentischen Konservativen würden überwiegend Illusionen anhängen und die Dimensionen der Krise unterschätzen. Mit ihrer unrealistischen Vorstellung, dass diese Krise mit politischen Mitteln überwindbar sei, ähnelten sie russischen Aristokraten, die nach der kommunistischen Revolution im Exil Pläne für die Restauration der Monarchie diskutierten. Die Probleme einer defekten Kultur seien jedoch nicht mit politischen Mitteln lösbar.

Auch ein Konservatismus, der die Lage zutreffend bewerte, wäre jedoch kurz- und mittelfristig machtlos gegen die überlegenen Kräfte, denen er gegenüberstehe.

2.2 Das Versagen der Kirche

Iwan Aiwasowski – Schiffbruch (gemeinfrei)

Auch die Kirche habe sich „als weitgehend untauglich erwiesen, die Triebkräfte des kulturellen Niedergangs effektiv zu bekämpfen“. Das Christentum habe in westlichen Gesellschaften seinen prägenden Einfluss auf die Kultur bereits vor Jahrzehnten verloren und befände sich auf allen Gebieten in der Defensive.

Das Christentum „sollte eigentlich eine mächtige Gegenkraft gegen den radikalen Individualismus und Säkularismus der Moderne sein“. Von einzelnen Themen wie Lebensschutz und dem Schutz von Ehe und Familie abgesehen würden große Teile der Kirche jedoch noch nicht einmal mehr versuchen, eine solche Kraft zu sein:

  • Der Großteil der Christen aller Konfessionen reagiere auf den zunehmend aggressiven Kulturkampf säkularer Ideologien mit Planlosigkeit und würde „nicht begreifen, was um sie herum passiert“. Anzeichen für die bevorstehenden Verwerfungen würden verbreitet „heruntergespielt oder ignoriert“. Dem von Dreher zitierten Benediktiner Cassian Folsom zufolge laufe „die Welt […] Gefahr, über eine Klippe zu rasen, aber wir sind so gefesselt von den Lichtern und dem Tempo des modernen Lebens, dass wir die Gefahr nicht erkennen“.
  • Teilweise wirke die Kirche sogar aktiv an der Zerstörung christlicher Kultur mit. Die Kirche sei häufig nur noch eine „Seelsorgeabteilung für eine dem Konsum verfallene Kultur“, die innerlich von modernen Ideologien „kolonisiert“ worden sei und „nicht mehr Seelen formt, sondern Egos pflegt“.
  • Die geistig durch die Ideologien der Gegenwart überformten Teile der Kirche seien innerlich „durch Egoismus, Hedonismus und Materialismus erkaltet“. Sie verkündeten eine neue Religion, die mit dem Christentum nur noch manche Begriffe und Formen gemeinsam habe.

Diese Teile der Kirche präge ein an die Stelle der ursprünglichen christlichen Lehre getretener „moralistisch-therapeutischer Deismus“, der sich durch seinen Nutzwert für das Individuum legitimiere und in erster Linie dessen Wohlbefinden fördern wolle und nur noch ein Dienstleister für getaufte Heiden sei.

2.3 Die bevorstehenden Verwerfungen und die künftige Lage des Christentums

Dreher zitiert eine Warnung Joseph Ratzingers (Benedikts XVI.), dem zufolge für das Christentum in Folge der allgemeinen kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung „sehr schwere Zeiten bevorstehen“ würden und man „mit erheblichen Erschütterungen rechnen“ müsse.

  • Der Kulturkampf sei verloren und die Dämme seien gebrochen. Die westliche Welt befände sich in einem Stadium beschleunigter kultureller Auflösung. Diese Tendenz sei mittelfristig nicht mehr aufzuhalten oder umkehrbar.
  • Die größten Herausforderungen für das Christentum würden „von der liberalen, säkularen Ordnung selbst“ und ihrem destruktiven Wirken ausgehen. Es trete zunehmend ein „feindseliger säkularer Nihilismus“ in Erscheinung, der keinen Verständigungsfrieden mit der traditionellen Kultur und dem Christentum akzeptieren werde.
  • Kulturelle Auflösungstendenzen würden nicht mehr nur von „einer kleinen linksgerichteten Elite“ getragen, sondern vom „Mainstream der Gesellschaft“, der das Christentum als rückständig und intolerant betrachte und in der Auflösung seiner kulturellen Werke eine Voraussetzung für gesellschaftlichen Fortschritt sehe.

Der „stetige Niedergang des Christentums und die stetig zunehmende Feindseligkeit gegenüber traditionellen Werten“ sei prägend für westliche Gesellschaften geworden. Diese Entwicklung werde sich künftig noch beschleunigen, was auch daran erkennbar sei, dass in den USA einige große Konzerne dazu übergegangen seien, den Kampf gegen christliche Kultur, etwa den Kampf gegen den besonderen Schutz von Ehe und Familie, finanziell und ideell zu unterstützen.

Christliches Denken und Leben rücke zunehmend in den Bereich des gesellschaftlichen Tabus und des strafrechtlich Verbotenen. Christen in westlichen Gesellschaften müssten künftig mindestens dazu bereit sein, soziale Isolation und berufliche Nachteile als Folge ihres Bekenntnisses in Kauf zu nehmen.

Dies werde immer größeren Assimilationsdruck erzeugen, der dazu führe, dass ungefestigte Christen sich vom Christentum abwenden würden. Dies werde insbesondere junge Menschen betreffen. Es sei möglich, dass die heute lebenden Menschen „vielleicht noch in ihrer Lebenszeit Zeugen des effektiven Todes des Christentums in unserer Zivilisation werden“. Dies werde „nicht das Ende der Welt, aber […] das Ende einer Welt sein“, nämlich unserer eigenen.

In dieser Lage sei die Kirche eine „Arche, die auf stürmischen, zerstörerischen Wassern dahintreibt“. Es könne jedoch ein „verborgener Segen in dieser Krise“ liegen. Im Alten Testament werde die strafende Seite Gottes betont, der sein Volk auf diesem Weg zur Besinnung bringe und zur Umkehr führe.

3. Die Bewahrung des Guten in scheiternden Kulturen

Fra Angelico – Der heilige Benedikt (gemeinfrei)

Dreher stützt sich auf Überlegungen des Philosophen Alasdair MacIntyre, der in den 1980er Jahren in seinem Werk „Der Verlust der Tugend“ die kulturelle Krise des Westens aus moralphilosophischer Sicht analysiert und das Scheitern moderner und postmoderner Ideologien und der darauf beruhenden Gesellschaften prognostiziert hatte.

MacIntyre sprach in diesem Zusammenhang vor einer „heraufziehenden Zeit der Barbarei“, in der jene, die das Gute bewahren wollten, dies nur als Akteure einer Gegenkultur tun könnten, die sich in einem schwierigen Umfeld behaupten werden müsse:

Es ist immer gefährlich, zu enge Parallelen zwischen einer historischen Periode und einer anderen zu ziehen; und zu den irreführendsten dieser Parallelen gehören jene, die zwischen unserer eigenen Zeit in Europa und Nordamerika und der Epoche vom Niedergang des Römischen Reichs bis ins frühe Mittelalter gezogen worden sind. Dennoch gibt es gewisse Parallelen. Es stellte einen entscheidenden Wendepunkt in der älteren Geschichte dar, als Männer und Frauen mit guten Absichten Abstand davon nahmen, das Römische Imperium zu stützen und aufhörten, den Fortbestand der Zivilisation und der moralischen Gemeinschaft mit dem Fortbestand dieses Imperiums gleichzusetzen.

MacIntyre formulierte hier den Gedanken, den Dreher zum Kern der Benedikt-Option machte:

Statt dessen machten sie sich daran, oft ohne genau zu erkennen, was sie taten, neue Formen von Gemeinschaft aufzubauen, in denen das moralische Leben aufrechterhalten werden konnte, so daß Moral und Zivilisation die heraufziehende Zeit der Barbarei und Finsternis überleben konnten. Wenn meine Darstellung unserer moralischen Lage richtig ist, sollten wir ebenfalls zu dem Schluß kommen, daß auch wir nun seit einiger Zeit ebenfalls diesen Wendepunkt erreicht haben. Was in diesem Stadium zählt, ist die Schaffung lokaler Formen von Gemeinschaft, in denen die Zivilisation und das intellektuelle und moralische Leben über das neue finstere Zeitalter hinaus aufrechterhalten werden können, das bereits über uns gekommen ist. Und da die Tradition der Tugenden die Schrecken der letzten Finsternis überstanden hat, sind wir nicht ganz ohne Grund zur Hoffnung. Diesmal warten die Barbaren allerdings nicht jenseits der Grenzen; sie beherrschen uns schon seit einer ganzen Weile. Und gerade das mangelnde Bewußtsein dessen macht einen Teil unserer mißlichen Lage aus. Wir warten nicht auf einen Godot, sondern auf einen anderen, zweifelsohne völlig anderen Benedikt.

MacIntyre geht in seinem Buch nicht weiter auf den hl. Benedikt ein, den er hier nur als Symbol für die von ihm beschriebene Antwort auf die Krise westlicher Gesellschaft erwähnt. Dreher stützte sich bei seiner Benennung der Benedikt-Option vor allem auf die entsprechenden Gedanken MacIntyres, bezog in seine im nächsten Teil unserer Serie über die Benedikt-Option beschriebenen praktischen Überlegungen jedoch auch benediktinische Ansätze mit ein.

3.1 Die Krise überdauern: Aufbau christlicher Gemeinschaften und Netzwerke

Da die Krise westlicher Gesellschaften nicht mehr abzuwenden sei, müssten Christen laut Dreher nach Ansätzen suchen, die diese Krise überdauern könnten. Die Benedikt-Option sei ein strategischer Ansatz zur Schaffung einer offensiven Gegenkultur, die in Form von Netzwerken kleiner Gemeinschaften kulturelle Kontinuität unter ungünstigen Bedingungen gewährleisten könne.

Angesichts der beschriebenen Lage brauche es laut Dreher „kreative, gemeinschaftsorientierte Lösungen […] die uns helfen, an unserem Glauben und unseren Werten festzuhalten in einer Welt, die ihnen immer feindseliger gegenübersteht“:

Die Flut steigt den Kirchen bis ans Dach. […] Die Welle kann nicht aufgehalten werden, man kann sie nur reiten. […] Könnte es sein, dass der beste Weg, die Flut zu bekämpfen, darin besteht … die Flut nicht zu bekämpfen? Aufzuhören, Sandsäcke aufzutürmen, und stattdessen eine Arche zu bauen, die Schutz bietet, bis das Wasser zurückweicht und wir unsere Füße wieder auf trockenes Land setzen können? Statt unsere Energie und Ressourcen in politischen Kämpfen zu verschwenden, die wir nicht gewinnen können, sollten wir daran arbeiten, Gemeinschaften, Institutionen und Netzwerke des Widerstands aufzubauen, die die feindliche Übermacht überlisten, überdauern und schließlich überwinden können.1

Entweder gelinge es, eine „gegenkulturelle Weise, das Christentum zu leben“ zu schaffen, oder spätestens die Generation der eigenen Kinder werde dem Assimilationsdruck der postmodernen Kultur und Gesellschaft erliegen, womit das Christentum dort erlöschen werde.

3.2 Christlicher Konservatismus in einer scheiternden Kultur: Widerstand statt Verteidigung

Frank Craig – La Pucelle (gemeinfrei)

Dreher zufolge sei das zentrale Motiv des christlichen Konservatismus (den er nicht parteipolitisch definiert) der auf der christlichen Nächstenliebe beruhende Wille zum Dienst am Nächsten. Darauf beruhe der christlich-konservative Wille zur Bewahrung der Bindung des Gemeinwesens an seine religiöse Grundlage und zur Bewahrung der kulturellen Bestände, die auf dieser Grundlage geschaffen wurden.

  • In den vergangenen Jahrhunderten sei das Christentum die dominierende kulturelle Kraft in westlichern Gesellschaften gewesen, weshalb sich konservative Christen im Rahmen des kulturellen Konsenses dieser Gesellschaften bewegten bzw. diesen definierten.
  • Der Großteil des Handelns christlicher Konservativer habe in der Vergangenheit daher darin bestanden, als Teil politischer und kultureller Eliten die Kultur und Ordnung christlicher Gesellschaften zu schützen und zu verteidigen.
  • Dies habe sich in den vergangenen Jahrzehnten jedoch geändert. Diese Gesellschaften würden nun von anderen Eliten und nicht-christlichen Ideologien geprägt.
  • Liberale Tendenzen in der Kirche seien auch Folge von Versuchen des christlichen Bürgertums, in den sich zunehmend von ihren christlichen Wurzeln entfernenden Gesellschaften Teil des kulturellen Konsenses und dessen zu bleiben, was in Deutschland als „Mitte der Gesellschaft“ bezeichnet wird.

Wer am zeitlos Gültigen festhalte, fände sich zunehmend in einer gesellschaftlichen Randposition wieder. Unter den künftigen Bedingungen werde man als Christ daher bewusst eine Gegenposition einnehmen müssen, weil die Akzeptanz durch die neuen gesellschaftlichen Eliten und den von ihnen definierten kulturellen Konsens nur um den Preis der Aufgabe des eigenen Christseins möglich sein werde.

Für konservative Christen bedeute dies, dass sie stärker als bisher dazu bereit sein müssten, „Zeichen des Widerspruchs gegen die moderne Welt“ zu setzen und die Distanz gegenüber der sie umgebenden Welt zu betonen. Um für die Menschen in zerfallenden Gesellschaften da sein zu können, müssten Christen sich von diesen Gesellschaften und ihrer Kultur deutlich unterscheiden und „denen, die zu uns kommen, eine neue und entschieden andere Lebensweise bieten“.

3.3 Die Benedikt-Option als offensiver Ansatz

Dreher betont ausdrücklich, dass die von ihm beschriebene Strategie nicht mit einem „Rückzug ins Ghetto“ verbunden sei. Jesus Christus habe nicht den Rückzug befohlen, sondern die Jünger in Einsätze „mitten unter die Wölfe“ entsandt:

Angriff ist die beste Verteidigung. Man verteidigt sich, in dem man attackiert […]. Greifen wir an, indem wir Gottes Königreich vergrößern – zuerst in unseren Herzen, dann in unseren Familien, und dann in der Welt. Ja, man benötigt Grenzen, aber es ist unsere Pflicht, diese Grenzen nicht dort zu belassen, wo sie sind. Wir müssen sie ausweiten, Territorium hinzugewinnen, immer weiter.

Christen müssten ihren Dienst an den Menschen gerade dann versehen, wenn die Bedingungen schwierig seien. Es gehe darum, „die reale Welt zurückzuerobern“, sie von den Problemen „des modernen Lebens zu befreien“ und die „große Lüge der Moderne“, nämlich ihren den Menschen zerstörenden Materialismus, zu überwinden.

Dreher beschreibt somit keinen Rückzug bzw. kein Ausweichen, sondern die Schaffung befestigter Stützpunkte, von denen aus besser in die Welt hinein gewirkt werden kann. Er zitiert einen benediktinischen Mönch, der diese Stützpunkte als „Insel der Heiligkeit und Beständigkeit“ in einer Welt des Chaos beschreibt.

Dreher zufolge seien die durch die christliche Gegenkultur errichteten Grenzen gegenüber der umgebenden Welt nicht dazu da, um sich hinter ihnen zu verstecken. Diese Grenzen sollten vielmehr Räume schaffen, in die die schlechten Kräfte dieser Welt weniger hineinwirken könnten, so dass Christen in ihnen für ihren Dienst stark werden könnten. Auch die Klöster des frühen Mittelalters, die der hl. Benedikt gründete, waren keine Orte der Weltflucht, sondern Schulen des Dienstes, die Männer hervorbrachten, die das sie umgebende Chaos mit der Hilfe Gottes bekämpften.

4. Praktische Aspekte der Benedikt-Option

Dreher setzt sich in diesem Zusammenhang vor allem mit Gemeinschaftsbildung, dem Aufbau von Netzwerken und der Ausbildung jener auseinander, die unter den künftigen Krisenbedingungen im Sinne ihrer christlichen Berufung als „Licht der Welt“ die Erneuerung und den Wiederaufbau westlicher Gesellschaften leisten sollen.

4.1 Sammlung und Gemeinschaftsbildung

Die Grundlage der von Dreher vorgeschlagenen Strategie stellt die Sammlung der Kräfte dar, die dazu bereit seien „Gemeinschaften zu bilden […] in denen eine gelebte Tugend das lange Dunkle Zeitalter, das uns bevorsteht, überleben kann“.

Diese Sammlung solle um religiöse Kerne herum erfolgen, in denen die christliche Tradition und Lehre sowie Liturgie noch intakt und lebendig seien. Man erkenne diese Kerne daran, dass sie am Ziel festhalten, den Menschen nach dem Vorbild Christi zu formen. Um solche Kerne herum könne der Glaube gepflegt werden, wachsen und in schwierigen Umfeldern überdauern.

Dreher, der als Journalist an der Aufdeckung der bis auf höchste Ebenen der kirchlichen Hierarchie in den USA und möglicherweise auch darüber hinaus reichenden Missbrauchsnetzwerken in der katholischen Kirche beteiligt war, geht davon aus, dass aufgrund der Verfallserscheinungen in der Kirche eine wesentliche Herausforderung bestehen wird, solche intakten Kerne zu identifizieren:

Wenn wir heutigen Christen nicht fest auf dem Felsen der geheiligten Ordnung stehen, wie unsere heilige Tradition sie offenbart – eine Ordnung des Denkens, Redens und Handelns, die das Christliche in der Kultur verkörpert und von Generation zu Generation weiterträgt -, dann haben wir überhaupt keinen Boden mehr unter den Füßen. Wenn wir nicht Praktiken in unser tägliches Leben einbeziehen, die sicherstellen, dass diese geheiligte Ordnung uns, unseren Familien und Gemeinschaften stets präsent bleibt, werden wir sie verlieren. Und wenn wir sie verlieren, laufen wir Gefahr, Ihn aus den Augen zu verlieren, auf den alles in dieser geheiligten Ordnung hinweist wie eine göttliche Schatzkarte.

Es sei erforderlich, im ersten Schritt Grenzen zwischen entsprechenden Gemeinschaften und der umgebenden Welt zu ziehen, um diese Gemeinschaften vor der Korrumpierung zu schützen, die verweltlichte Teile der Kirche ergriffen habe. Einer der von Dreher befragten Benediktinermönche sprach davon, dass eine gute christliche Gemeinschaft als „Insel der Heiligkeit und Beständigkeit“ in der sie umgebenden Welt existieren müsse. Hinter schützenden Grenzen sei es leichter, das eigene Leben mit den Anforderungen heiliger Ordnung in Übereinstimmung zu bringen.

Die entstehenden Gemeinschaften sollten Impulse des monastischen Lebens in das Leben christlicher Laien integrieren, um ein resilienteres christliches Leben zu ermöglichen:

[W]ir […] folgen unserem Pilgerweg auf den Spuren Benedikts, hinaus aus der in Trümmern liegenden imperialen Stadt […]. Wir finden andere, die so sind wie wir, und bauen Gemeinschaften auf, Schulen für den Dienst des Herrn. Wir tun das nicht, um die Welt zu retten, sondern aus keinem anderem Grund als dem, dass wir Ihn lieben und wissen, dass es eine Gemeinschaft und eine geordnete Lebensweise braucht, um Ihm voll und ganz zu dienen.

Wir leben liturgisch, tragen unsere geheiligte Überlieferung in Anbetung und Gesang weiter. […] Wir heiraten und geben unsere Kinder in die Ehe, und obwohl wir im Exil leben, „suchen wir der Stadt Bestes“. […] Wir lesen die Bibel und erzählen unseren Kindern von den Heiligen. Und wir erzählen ihnen auch – im Obstgarten und am Lagerfeuer – von Odysseus, Achill und Aeneas, von Dante und Don Quixote, von Frodo und Gandalf, und all die Geschichten, die überliefern, was es bedeutet, Männer und Frauen der westlichen Welt zu sein.

Eine Herausforderung für solche Gemeinschaften werde darin bestehen, sektenartige Eigenschaften wie übertriebene Kontrolle der Mitglieder zu vermeiden. Die über viele Jahrhunderte hinweg aufgebauten Erfahrungsbestände des christlichen Mönchtums könnten dabei helfen.

Drehers Ansatz wird zum Teil missverstanden, weil die christlichen Gemeinschaften, die er in seinem Buch vorstellt (darunter die benediktinischen Mönche von Norcia und die katholische Laiengemeinschaft Tipi Loschi in Italien) zum Teil räumlich getrennt vom Rest der Gesellschaft leben. Dreher betont jedoch, dass dies daran liege, dass es noch nicht viele Beispiele für solche Gemeinschaften gebe und dass eine räumliche Trennung künftig in den meisten Fällen weder möglich noch wünschenswert sein werde.

4.2 Christliche Gemeinschaften als Schulen des Dienstes

Christen könnten der Welt nicht geben, was sie selbst nicht hätten. Der hl. Benedikt habe seine Klöster als „Schulen für den Dienst des Herrn“ und seine Ordensregel als eine praktische Anleitung zu christlicher Lebensgestaltung verstanden, was ein Vorbild für die zu schaffenden Gemeinschaften und die von ihnen zu leistende Formung und Ausbildung von Christen für ihren Dienst darstelle.

Dreher zitiert den Kirchenhistoriker Robert Louis Wilken, demzufolge es in der gegenwärtigen Lage zunächst darum gehen müsse, „die Überreste christlicher Kultur zu verstehen und zu verteidigen“ und sie sich anzueignen. Die kulturellen Bestände des Christentums beinhalteten „eine Weisheit, die einfachen Gläubigen dabei helfen kann, sich inmitten der modernen Welt zum Kampf zu rüsten, das neue Dunkle Zeitalter nicht bloß durchzustehen, sondern sogar in ihm aufzublühen“.

Das Christentum sei mehr als nur eine Weltanschauung. Es äußere sich in der gesamten Lebenshaltung eines Menschen. Die Menschen der sich um religiöse Kerne herum bildenden Gemeinschaften müssten ihrem Leben eine entsprechende Form geben.

4.3 Der Aufbau christlicher Netzwerke

Diese Gemeinschaften sollten sich untereinander vernetzen, denn die „zersetzenden Kräfte, die von der populären Kultur ausgehen, sind zu stark als dass Individuen oder einzelne Familien ihnen aus eigener Kraft widerstehen könnten“.

Dreher bezieht sich bei seinen Gedanken über christliche Netzwerke vor allem auf das Konzept der „Parallel-Polis“, das von christlichen Dissidenten im Ostblock während der Zeit der kommunistischen Herrschaft entworfen und umgesetzt worden war. Wir hatten dieses Konzept hier näher vorgestellt. Dreher bezieht sich außerdem auf Erfahrungen von Juden, die ähnliche Strukturen in für sie ungünstigen Umfeldern geschaffen haben.

Diese Netzwerke sollten Christen möglichst unabhängig machen und eine Solidarstruktur bilden, die christliches Leben unter schwierigen Bedingungen unterstützen solle, etwa durch die Vermittlung von Bildung, unabhängig von dysfunktionalen oder ideologisierten öffentlichen Schulsystemen oder durch die Vermittlung von Arbeitsplätzen.

Solche Netzwerke sollten unnötige Konflikte mit ihrer Umwelt vermeiden. Wo sie politisch aktiv würden, solle es vor allem darum gehen, Freiräume für Christen aufrechtzuerhalten oder zu schaffen.

4.5 Das Licht der Welt

Hubert Robert – Betender Eremit in einer römischen Tempelruine (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die Benedikt-Option ist eine offensive Strategie, deren Ziel es ist, Christen dabei zu unterstützen, dass sie auch unter schwierigen Bedingungen ihren Auftrag erfüllen können, „Licht der Welt“ und „Salz der Erde“ zu sein.

Die aufzubauenden Gemeinschaften und Netzwerke sollen dazu als Inseln intakten christlichen Lebens in ihrem unmittelbaren Umfeld evangelisierend wirken, so wie es die Klöster des hl. Benedikts in der Zeit nach dem Untergang des Römischen Reiches taten.

Dreher knüpft hier an Gedanken Joseph Ratzingers (Papst Benedikt XVI.) an, der 1970 beschrieben hatte, wie kleine christliche Gemeinschaften, die sich innerlich von „falschen Progressismen“ befreit hätten, nach dem Scheitern der säkularen utopischen Ideologien den Wiederaufbau der von ihnen zerstörten westlichen Welt beginnen könnten. Die Menschen dieser innerlich und möglicherweise auch äußerlich verwüsteten Welt würden dann „die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas ganz Neues entdecken […] als eine Antwort, nach der sie im Verborgenen immer gefragt haben.“ Ratzinger schrieb dazu 1996:

Vielleicht müssen wir von den volkskirchlichen Ideen Abschied nehmen. Möglicherweise steht uns eine anders geartete, neue Epoche der Kirchengeschichte bevor, in der das Christentum eher wieder im Senfkorn-Zeichen stehen wird, in scheinbar bedeutungslosen, geringen Gruppen, die aber doch intensiv gegen das Böse anleben und das Gute in die Welt hereintragen: die Gott hereinlassen. Ich sehe, daß hier wieder ganz viel Bewegung dieser Art da ist.4

In den zunehmend von kulturellem, spirituellem und sonstigem Verfall gekennzeichneten Umfeldern würden Dreher zufolge sichtbares christliches Leben und christliche Kultur wie Leuchttürme in ihre Umgebung ausstrahlen und so die Erneuerung der Überreste westlicher Gesellschaften bewirken.

Dreher zitiert abschließend Marco Sermarini, den Leiter der von ihm vorgestellten Laiengemeinschaft Tipi Loschi, mit dem Aufruf:

Ich weiß nicht, was in diesem Leben als nächstes passiert, aber in der Zwischenzeit müssen wir für das Gute kämpfen […]. Die Chance, das Gute in der Welt zu bewahren, ist nicht mehr als eben nur eine Chance. Wir müssen die Gelegenheit nutzen, die wir haben, um einen Felsen in die Erde zu pflanzen und dafür zu sorgen, dass dieser Felsen fest an seinem Platz steht. […] Nichts, was wir in diesem Leben tun, wird ewig Bestand haben, und trotzdem müssen wir Dinge so bauen, als wären sie für die Ewigkeit […]. Das ist es, was Gott will.

5. Kirchliche Stimmen zur Benedikt-Option

Erzbischof Georg Gänswein gilt als einer der engsten Vertrauten des emeritierten Papstes Benedikt XVI., dem er als Privatsekretär dient. In einem im September 2018 in Rom gehaltenen Vortrag warnte er, dass angesichts der gegenwärtigen Lage des Christentums in westlichen Gesellschaften „das ganze Projekt unserer Zivilisation auf dem Spiel“ stehe. Die durch den Autor Rod Dreher entworfene „Benedikt-Option“ stelle einen geeigneten Ansatz zur Bewältigung dieser Krise dar.

Die Benedikt-Option sei eine „wunderbare Inspiration“ und gleiche „einer praktikablen Anleitung zum Bau einer Arche“. Es gebe „keinen Staudamm […] mit dem sich die große Flut noch aufhalten ließe, die nicht erst seit gestern dabei ist, das alte christliche Abendland zu überschwemmen“. Drehers Blick auf die Lage sei „prophetisch“, denn er habe „die große Flut kommen sehen“.

Sein Strategieentwurf erscheine „in weiten Teilen quasi im stillen Dialog mit dem schweigenden Papa emerito verfasst“, aber die beschriebene Strategie müsse noch konkretisiert werden.