Stand: 11.12.2018

Diese Seite enthält Beiträge zur Formulierung einer Strategie für die Kontinuität des Christentums in Europa und zur Bewältigung der strategischen Herausforderungen, denen es gegenübersteht. Der Inhalt, der sich noch in einem frühen Entwurfsstadium befindet, wird laufend aktualisiert.

1. Grundlagen

Der Strategieentwurf des Bundes Sankt Michael beschreibt einen möglichen Weg zur Sicherstellung der Kontinuität des Christentums in Europa. Der Entwurf wird laufend weiterentwickelt und der Entwicklung Lage des Christentums in Europa angepasst werden.

Er beruht auf den Gedanken Rod Drehers über eine mögliche Strategie christlichen Lebens in post-christlichen Gesellschaften, die er „Benedikt-Option“ nannte. Er knüpfte dabei an einen Gedanken des katholischen Philosophen Alasdair MacIntyre an, den dieser in seinem Werk „Der Verlust der Tugend“ beschrieben hatte:

Es ist immer gefährlich, zu enge Parallelen zwischen einer historischen Periode und einer anderen zu ziehen; und zu den irreführendsten dieser Parallelen gehören jene, die zwischen unserer eigenen Zeit in Europa und Nordamerika und der Epoche vom Niedergang des Römischen Reichs bis ins frühe Mittelalter gezogen worden sind. Dennoch gibt es gewisse Parallelen. […] Was in diesem Stadium zählt, ist die Schaffung lokaler Formen von Gemeinschaft, in denen die Zivilisation und das intellektuelle und moralische Leben über das neue finstere Zeitalter hinaus aufrechterhalten werden können, das bereits über uns gekommen ist. Und da die Tradition der Tugenden die Schrecken der letzten Finsternis überstanden hat, sind wir nicht ganz ohne Grund zur Hoffnung. Diesmal warten die Barbaren allerdings nicht jenseits der Grenzen; sie beherrschen uns schon seit einer ganzen Weile. Und gerade das mangelnde Bewußtsein dessen macht einen Teil unserer mißlichen Lage aus. Wir warten nicht auf einen Godot, sondern auf einen anderen, zweifelohne völlig anderen Benedikt.

Der Strategieentwurf stützt sich zudem auf die in der „Pariser Erklärung“ formulierten Impulse.

1.1 Das Christentum: Ein heiliges Erbe

Das Christentum ist die Verwirklichung des christlichen Glaubens im Leben der Menschen, in der Kultur und in der gesellschaftlichen Ordnung. Es entstand und wächst aus der Berührung des Menschen durch das Heilige, das über die Jahrhunderte hinweg das, was es in allen Kulturen und allen menschlichen Werken an Gutem vorfand, in seinen Dienst stellte, veredelte, formte, vollendete und zu einer Einheit verband. Seine Grundlage ist Jesus Christus und der Dienstgedanke, den er verkörpert, welchen den Menschen über sich hinaus und zum Ziel seines Daseins führt.

  • Das Christentum beinhaltet einen Glauben, eine Religion, eine Lehre und eine Tradition. Es beinhaltet zudem eine bestimmte Vorstellung des Wahren, Guten und Schönen und schuf daraus eine viele Völker vereinende Kultur und Identität, eine soziale Ordnung und eine auf Gott hingeordnete Weise zu leben, die den Blick des Menschen über diese Welt hinausweist.
  • Das Christentum gleicht dabei einem Strom, der aus einer übernatürlichen Quelle stammt und, immer mächtiger werdend, die Zeiten durchfließt und die Welt verwandelt. Es gleicht auch einem Baum, der, aus göttlichem Keim stammend, über die Jahrhunderte und Jahrtausende hindurch Gott entgegenwächst.

Der Historiker Christopher Dawson beschrieb die christlich-abendländische Kultur als eine „Weiterwirkung von einem Volk zum anderen in einer ununterbrochenen Reihe von geistigen Bewegungen“. Das dabei geschaffene Erbe sei größer als die Völker, die seine Träger waren und sind, und werde diese überdauern.

Kein materielles Erbe kann auf Dauer Bestand haben, doch das Erbe des Christentums hat einen Ursprung, der jenseits dieser Welt liegt. Das Christentum wird daher bis zum Ende der Zeit bestehen, und die in seinem Dienst getanen Werke wirken in die Ewigkeit hinein.

Dabei ist das Christentum auch an Fehlern und Irrwegen gewachsen und hat sie durch ständige Neuausrichtung auf sein Ziel immer wieder überwunden und daraus Lehren gezogen.

Der übernatürliche Wert des Christentums

Der eigentliche Wert des Christentums liegt nicht in seinen kulturellen Leistungen und materiellen Werken, sondern im Beitrag dieser Leistungen und Werke zum Heil der Seelen.

  • Der Mensch als Mängelwesen braucht eine aus dem Glauben heraus lebende Kultur, um das Ziel seines Daseins erreichen zu können und Gott besser erkennen und ihm dienen zu können. Das Christentum ist identisch mit dieser Kultur.
  • Diese Kultur stellt eine geistige und materielle Substanz dar, die Fäden gleicht, aus der ein Schutz gegen die Dunkelheit gewoben wird. Sie gleicht auch dem Material, aus dem Dämme gegen die Kräfte der Auflösung und des Verfalls errichtet werden.
  • Wo diese Kultur nicht vorhanden ist, ist der Mensch dem Wirken dieser Kräfte preisgegeben, die ihn zum Sklaven der schwächsten Teile seiner Natur machen und seine Seele hinabziehen.

Der eigentliche Wert des Christentums besteht somit über seine materiellen Leistungen hinaus darin, dass es durch seine Werke dabei hilft, das Heilige erfahrbar zu machen und Menschen zum Glauben und einem zur Heiligkeit strebenden und ein auf Gott sowie das Wahre, Gute und Schöne ausgerichteten Leben inspiriert. Es trägt dadurch zum Heil des Menschen bei. Alle Werke des Christentums erhalten ihren Wert dadurch, dass sie diesem Zweck dienen.

1.2 Das Christentum und Europa

Das Christentum erreichte Europa vermutlich im Jahre 49, als der hl. Apostel Paulus einem im Traum an ihn gegangenen Ruf gehorchend von Troja aus nach Philippi segelte. Der Historiker Christopher Dawson beschrieb die Bedeutung dieses Moments folgendermaßen:

Er brachte Europa das Samenkorn eines neuen Lebens, das letztlich bestimmt war, eine neue Welt zu schaffen.

Für Europa hat das Christentum eine besondere Bedeutung:

  • Das Christentum ist die geistige Wurzel Europas und bildete die Grundlage, auf der sich aus den vorchristlichen europäischen Stämmen die Völker Europas, die abendländische Kultur, die Identität Europas und seine wichtigsten kulturellen Leistungen entwickeln konnten.
  • Das Christentum hat in Europa seit der Antike über die Jahrtausende hinweg die besten Gedanken und Werke in sich aufgenommen, denen es begegnete, sie zusammengeführt und auf ein höheres Ziel hingeordnet.
  • Über Jahrhunderte prägte zum Beispiel der Gedanke der Nächstenliebe bzw. des Dienstes am Nächsten die Entwicklung der Kulturen Europas und ihrer Institutionen.
  • Das Christentum hat dadurch in Europa kulturelle Bestände von höchstem Wert geschaffen, die alle Völker und Kulturen der Welt inspiriert haben.

Im Mittelalter legten christliche Mönche durch die Auswertung und Aufnahme des antiken Erbes die Grundlage für die späteren kulturellen Leistungen Europas. Pius X. betonte in diesem Zusammenhang, dass das Christentum „die positiven Elemente der alten heidnischen Kulturen“ in sich aufgenommen und „bewahrt und vervollkommnet“ habe.

Die Verbindung zwischen dem Christentum und Europa war während der kulturellen Blütezeit Europas so eng, dass das Christentum und Europa hier weitgehend identisch waren. Benedikt XVI. schrieb über das christliche Europa:

Die Kultur Europas ist aus der Begegnung von Jerusalem, Athen und Rom – aus der Begegnung zwischen dem Gottesglauben Israels, der philosophischen Vernunft der Griechen und dem Rechtsdenken Roms entstanden. Diese dreifache Begegnung bildet die innere Identität Europas. Sie hat im Bewusstsein der Verantwortung des Menschen vor Gott und in der Anerkenntnis der unantastbaren Würde des Menschen, eines jeden Menschen Maßstäbe des Rechts gesetzt, die zu verteidigen uns in unserer historischen Stunde aufgegeben ist.

Dem katholischen Theologen Karl Rahner zufolge sei das christliche Europa bzw. das Abendland der „geschichtlich-kulturelle Raum des Christentums, den Gott auf es hin als seine Vorbedingung […] geschaffen hat oder den es selbst als seine geschichtliche Leibhaftigkeit sich gebildet hat“ sowie die „Einwurzelung des Christentums in der öffentlichen Geschichte“.1

Die Menschen, die am Aufbau des Christentums mitwirkten, hätten laut dem hl. Johannes Paul II. „als ,lebendige Steine‘ mit Christus, dem ‚Eckstein‘, verbunden, Europa als geistiges und moralisches Bauwerk errichtet und den Nachkommen das kostbarste Erbe hinterlassen.“

1.3 Die Kontinuität des Christentums in Europa als Auftrag

Der Dienst am Christentum ist letztlich ein Dienst an Gott und gehört zu den größten und wichtigsten Aufgaben, die ein Mensch überhaupt leisten kann. In Europa konnte das Christentum nur deshalb wachsen, weil immer wieder Menschen diesen Auftrag annahmen, sich in den Dienst stellten und gegen die Kräfte der Auflösung und des Verfalls in sich selbst und in ihrem Umfeld kämpften.

Die Achtung gegenüber diesem Erbe erfordert persönlichen Einsatz zu seiner Weitergabe, damit es auch kommenden Generationen dienen kann. Das Christentum gleicht dabei gemäß dem biblischen Bild einem Weinberg, der von Generation zu Generation weitergegeben wird und zu pflegen ist, damit er immer wieder neu Frucht bringen kann.

Wie alles von Wert musste auch das Erbe des Christentums gegen Widerstände errungen und immer wieder gegen Herausforderer verteidigt werden. Immer wieder brachte das Christentum aber auch die Abwehrkräfte hervor, die erforderlich waren, um diese Aufgabe zu leisten. Der Historiker Michel Mourre beschrieb in diesem Zusammenhang die Kirche als Trägerin nicht nur des christlichen, sondern des gesamten kulturellen Erbes Europas:

Die Kirche lebte, sie umschloss und gab Gott und den Menschen, was an Werten verflossener Jahrhunderte übrigblieb. Was abgestorben war, hatte den Tod verdient. Doch was im abendländischen Erbe lebenswürdig gewesen war, lebte in der katholischen Kirche.

Große Opfer wurden erbracht, damit das Christentum seine Größe und Kulturhöhe erreichen und behaupten konnte. Entsprechend groß ist die Verantwortung jeder neuen Generation von Christen, der dieses Erbe anvertraut ist, um es fortzusetzen.

Johannes Paul II. hatte in diesem Sinne zum Einsatz für die Weitergabe des christlichen Erbes aufgerufen:

Doch dieses Erbe gehört nicht nur der Vergangenheit an; es ist ein Zukunftsplan zum Weitergeben an die künftigen Generationen, weil es der Ursprung des Lebens der Menschen und Völker ist, die miteinander den europäischen Kontinent geschmiedet haben.

Papst Franziskus über den Auftrag der kulturellen Kontinuität

Papst Franziskus rief vor dem Hintergrund der Herausforderungen, denen das Christentum in Europa immer stärker ausgesetzt ist, dazu auf, „die europäische Identität zu bewahren und wachsen zu lassen“. Ein Europa, das seine christliche Seele verliert, werde letztlich auch seine säkularen Errungenschaften verlieren, die auf diesem Erbe beruhten.

Er knüpfte in einer im Oktober 2017 gehaltenen Ansprache an MacIntyre an, als er die gegenwärtige Lage in Europa mit der verglich, „als die antike Zivilisation unterging und die Herrlichkeiten Roms zu jenen Ruinen wurden, die wir heute noch in der Stadt bewundern können, als die neuen Völker über die Grenzen des alten Reichs drängten“.

  • In dieser Lage sei der hl. Benedikt von Nursia hervorgetreten und habe sich der Krise seiner Zeit entgegengestellt. Auf der Grundlage christlicher Weltanschauung habe er im Chaos der Spätantike Klöster errichtet, „die über die Zeit zur Wiege der menschlichen, kulturellen und religiösen und auch wirtschaftlichen Renaissance des Kontinents“ wurden.
  • Christen sollten wie der hl. Benedikt für Europa eintreten, indem sie auf Grundlage christlicher Weltanschauung Gemeinschaft stiften, kulturelle Substanz schaffen und Bindungen stärken. Dadurch sollten sie als „Gegengift“ zu individualistischen Ideologien wirken, die „losgelöst von jeder Bindung“ eine „entwurzelte Gesellschaft entwickelt“ hätten, „welcher der Sinn für die Zugehörigkeit und für das Erbe fehlt.“
  • Wie der hl. Benedikt in der Zeit des untergehenden römischen Reiches sollten Christen den Kern einer Verfall und Niedergang entgegenwirkenden, intakten Gegenkultur bilden und dadurch „Europa wieder eine Seele“ geben.

2. Lage, Risiken und strategische Annahmen

2.1 Die Lage des Christentums in Europa

Die Lage des Christentums in Europa wird hier dargestellt und analysiert.

2.2 Strategische Annahmen

Der Strategieentwurf des Bundes beruht auf den folgenden strategischen Annahmen über die künftige Entwicklung des Umfelds, in dem sich das Christentum in Europa bewegt, sowie über die damit verbundenen Erfordernisse für das eigene Handeln.

  • Christen werden in Europa zu einer Minderheit werden: Aufgrund der demographischen Entwicklung, Migration und abnehmender Stärke religiöser Bindungen unter Christen werden diese in den kommenden Jahrzehnten zu einer Minderheit werden, die zunächst stetig kleiner werden wird.
  • Das Umfeld für das Christentum wird in Europa schwieriger werden: Als religiöse Minderheit werden Christen neben anderen religiösen und weltanschaulichen Gruppen leben, die Christen und dem Erbe des Christentums gegenüber nicht immer freundlich gesinnt sein werden. In der Wahrnehmung einer wachsenden Zahl von Menschen erscheint das Christentum als fremdartig, unverständlich oder rückständig. Diese Wahrnehmung wird von unzutreffenden Darstellungen über das Christentum, aber auch von Fehlentwicklungen innerhalb des Christentums geprägt. Die derzeit noch vorhandene christliche Prägung von Teilen der Kultur wird in den kommenden Jahren weitgehend verschwinden.
  • Das allgemeine Krisenpotenzial in Europa nimmt zu: Zunehmende Verfalls- und Auflösungserscheinungen auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens werden dazu führen, dass die allgemeine Instabilität und das Krisenpotenzial in Europa stetig zunehmen. Die verbliebene kulturelle Substanz in Europa ist mittlerweile zu schwach geworden, um solche Entwicklungen noch abzuwenden. Auch politische Akteure und politisches Handeln können diese Entwicklung, die im Kern kulturelle Ursachen hat, nicht mehr abwenden, sondern allenfalls noch verzögern. Dies wird mittelfristig mit einer Serie konvergierender Krisen verbunden sein, die das Umfeld für Christen in Europa zusätzlich und möglicherweise über einen sehr langen Zeitrum anhaltend verschlechtern werden.
  • Es wird vor allem auf die Schaffung von Freiräumen für christliches Leben ankommen: Eine wesentliche politische Aufgabe wird unter den künftigen Bedingungen die Schaffung und Erhaltung von Freiräumen sein, die es Christen ermöglichen, ein christliches Leben zu führen. In weitgehend entchristlichten Gesellschaften werden darüber hinaus christliche Elemente in der staatlichen Ordnung immer schwieriger Aufrecht zu erhalten sein, und entsprechende Versuche werden von Nichtchristen zunehmend negativ beantwortet werden und fruchtlos bleiben.
  • Unverbindliche Formen des Christentums werden im künftigen Umfeld nicht bestehen können: In einem für das Christentum zunehmend schwierigen Umfeld werden unverbindliche Formen des Christentums gegen den entstehenden sozialen und anderen Druck nicht bestehen können und sich auflösen, assimilieren oder zu allenfalls noch vordergründig christlich anmutenden Ausläufern säkularer Ideologien transformieren. Die verbliebenen Christen werden zunehmend diejenigen sein, die dem Druck des schwieriger werdenden Umfelds standhalten können, weil sie verbindlichere Formen praktizieren, über starke religiöse Bindungen verfügen, Teil einer zuverlässigen und starken Gemeinschaft sind und auf belastbare Solidarstrukturen zurückgreifen können.
  • Europa braucht den Dienst des Christentums: Unter den Bedingungen der bevorstehenden Verwerfungen werden immer mehr Menschen in Europa bereit sein anzuerkennen, dass die Ursache der Krise Europas die Trennung von seinen christlichen Wurzeln ist, und dass eine Überwindung dieser Krise die Wiederanbindung an diese Wurzeln voraussetzt. Unter diesen Bedingungen wird die Kirche dazu in der Lage sein müssen, den erforderlichen Dienst an Europa zu leisten und überzeugendere Erklärungen für das Geschehen sowie bessere Lösungen und Ansätze zur Bewältigung der Herausforderungen   anbieten zu können als es sein von Zerfall und Auflösung gekennzeichnetes Umfeld es kann.
  • Die Glaubwürdigkeit der Kirche muss wiederhergestellt werden: Die Kirche leidet in Europa auch unter den Folgen einer Glaubwürdigkeitskrise, die durch das jahrzehntelange Wirken von durch weltliche Interessen korrumpierten Tendenzen und  Strukturen in ihrem Inneren entstanden ist. Die hohe Zahl von Missbrauchsfällen in der Kirche ist nur ein Beispiel dafür. Die Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit der Kirche setzt die vollständige Entfernung entsprechender Elemente aus der Kirche voraus.
  • Langfristiges Denken ist erforderlich: Sowohl die Sicherheitstellung der Kontinuität des Christentums in Europa als auch die Erneuerung Europas im Geist des Christentums sind langfristig orientierte Aufgaben, die über viele Generationen hinweg zu leisten sind. Sie zu erfüllen setzt voraus, in langen Zeiträumen zu denken und dazu bereit zu sein, die Wirkungen des eigenen Handelns selbst nicht mehr zu sehen.
  • Eliten sind die Träger kultureller Entwicklung: Kultureller Wandel geht stets von Eliten aus. Da die Bewältigung der Herausforderungen für die Kontinuität des Christentums in Europa langfristig vor allem eine Veränderung des kulturellen Umfelds erfordert, müssen Christen Teil der kulturellen und anderer Eliten sein, um auf diese Eliten wirken und sie für sich gewinnen zu können. Positive Veränderung kann in diesem Zusammenhang auch durch zahlenmäßig kleine, aber in hohem Maße fähige und dienstbereite Gruppen bewirkt werden.
  • Die eigenen Ziele sind nicht ohne politischen und sonstigen Einfluss erreichbar

2.3 Risiken

  • Exklusivitätsdenken: Auf starken religiösen Bindungen beruhende Vorhaben neigen zu Exklusivitätsdenken, das potenzielle Unterstützer und Verbündete ausschließt. In der Kommunikation neigen solche Vorhaben z.B. dazu, eine Sprache zu verwenden, die nur von den eigenen Mitgliedern verstanden wird. Zudem gibt es in solchen Vorhaben die Tendenz, sich von der Umgebung zu isolieren, anstatt dem christlichen Auftrag zu folgen und in ihr zu wirken.
  • Innere Spaltungstendenzen: In solchen Vorhaben besteht ein erhöhtes Risiko von inneren Spaltungstendenzen, z.B. wenn unterschiedliche Strömungen einander mangelnde Glaubenstreue vorwerfen.
  • Verschwörungstheorien in der Außenwahrnehmung: Strategisch ausgerichteten religiösen Vorhaben wird erfahrungsgemäß von Teilen ihrer Umwelt mit großem Misstrauen begegnet, das häufig die Grundlage für irrationale Verschwörungsheorien bildet. Eine transparente Darstellung der eigenen Ziele und des eigenen Vorgehens kann dem entgegenwirken.
  • Intoleranz und Feindseligkeit: Akteure, die das Christentum grundsätzlich ablehnen, werden auch Versuche ablehnen, christliches Leben in einem postchristlichen Europa zu ermöglichen. Sie werden darauf wie in der Vergangenheit etwa im Herrschaftsbereich totalitärer Ideologienpotenziell allgemein praktiziert auch mit Versuchen der Rufschädigung, der sozialen Isolation und Angriffen auf die berufliche Existenz reagieren.

3. Angestrebter Zielzustand

Der angestrebte Zielzustand beschreibt die Bedingungen, die vorliegen müssen, damit das Ziel der Kontinuität des Christentums in Europa sichergestellt ist.

3.1 Innere Lage der Kirche

  • Alle Teile der Kirche stehen treu zu ihrer Lehre.
  • Unter den Christen Europas herrschen starke religiöse Bindungen und ein ausgeprägtes christliches Identitätsbewusstsein vor.
  • Die konfessionelle Spaltung ist überwunden, und neue Spaltungstendenzen sind nicht erkennbar.
  • Die Zahl der Christen in Europa sowie der christliche Bevölkerungsanteil des Kontinents nehmen stetig zu.
  • Die Kirche in Europa verfügt über in höchstem Maße fähiges, integeres und dienstbereites Führungspersonal auf allen Ebenen.
  • Die Kirche in Europa ist unabhängig von politischer, staatlicher und sonstiger Einflussnahme oder Abhängigkeiten.
  • Die Kirche in Europa erhält eine gesunde Spannung gegenüber den Gesellschaften, in denen sie wirkt, aufrecht. Anpassung an säkulare Weltanschauungen findet nicht statt.
  • Schädliche Entwicklungen und Phänomene innerhalb der Kirche sind überwunden, und wirksame Maßnahmen verhindern ihr erneutes Entstehen bereits im Ansatz.
  • Die Kirche in Europa ist ein belastbarer und verlässlicher Bestandteil des weltweiten Netzwerkes der Kirche.
  • Die Kirche in Europa kann aufgrund ihres hohen Maßes an Resilienz auch größere Krisen in ihrem Umfeld überstehen und ihren Dienst an den Menschen und Gemeinwesen Europas auch unter Krisenbedingungen fortsetzen.

3.2 Lage im Umfeld

  • Im europäischen Umfeld der Kirche herrscht uneingeschränkte, staatlicherseits wirksam garantierte Religionsfreiheit für Christen.
  • Christliches Leben ist in Europa ohne Einschränkungen oder Nachteile möglich.
  • Christenfeindliche Aktivitäten jeglicher Art sind auf ein Minimum beschränkt und werden durch die Staaten Europas wirksam bekämpft.
  • Christenfeindliche Strömungen sind gesellschaftlich isoliert und ohne relevanten Einfluss.

3.3 Der Dienst der Kirche

  • Christen leisten auf Grundlage ihrer überlegenen Qualifikation und Dienstbereitschaft wertvolle und unverzichtbare Beiträge auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens.
  • Christen dienen den Gemeinwesen, in denen sie leben, insbesondere durch eine starke Repräsentierung in den jeweiligen kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Eliten.
  • Christen tragen durch ihren Dienst aktiv dazu bei, dass sie zusammen mit anderen Menschen in Europa in einem sicheren und stabilen Umfeld leben können.
  • Christliche Impulse für alle Gebiete des Lebens sind von überlegener Qualität, werden auch von nicht-christlichen Menschen geschätzt, sind in immer stärkerem Maße gesellschaftlich prägend und neutralisieren zunehmend den Einfluss dysfunktionaler sowie korruptiver Lebensstile und Weltanschauungen.

4. Strategische Ziele

Die strategischen Ziele unterstützen die Erreichung des angestrebten Zielzustands und beziehen sich unmittelbar auf diesen. Jedes strategische Ziel behandelt dabei einen Auftrag, der zur Erreichung des Zielstands erforderlich ist.

4.1 Kulturelle Erneuerung Europas im Geist des Christentums

Das Christentum hat auch einen Auftrag zur Gestaltung der Welt. Das Dekret „Apostolicam Actuositatem“ des II. Vatikanischen Konzils formulierte 1965 den christlichen Auftrag zum „Aufbau der gesamten zeitlichen Ordnung“. Die Sendung der Kirche bestehe auch darin, „die zeitliche Ordnung mit dem Geist des Evangeliums zu durchdringen und zu vervollkommnen.“

Der katholische Theologe Romano Guardini sagte, dass Christen vor dem Hintergrund der kulturellen und sonstigen Entwicklungen in Europa mittelfristig ähnlich wie der hl. Benedikt von Nursia im Umfeld des zerfallenden Römischen Reiches „das Chaos zur neuen Gestalt bewältigen“ werden müssten.

Deine Leute bauen die uralten Trümmerstätten wieder auf, die Grundmauern aus der Zeit vergangener Generationen stellst du wieder her. Man nennt dich den Maurer, der die Risse ausbessert, den, der die Ruinen wieder bewohnbar macht.

Jesaja 58,12

Papst Johannes Paul II. rief Christen zu Anstrengungen auf, Europa im Geist des Christentums zu erneuern:

Die Christen sind also aufgerufen, einen Glauben zu kultivieren, der ihnen erlaubt, sich kritisch mit der gegenwärtigen Kultur auseinanderzusetzen und ihren Verführungen zu widerstehen; die Bereiche von Kultur, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik wirksam zu beeinflussen; deutlich zu machen, daß die Gemeinschaft der Mitglieder der katholischen Kirche untereinander und mit den anderen Christen stärker ist als jedes ethnische Band; den Glauben voll Freude an die jungen Generationen weiterzugeben; eine christliche Kultur aufzubauen, die in der Lage ist, die vielschichtige Kultur, in der wir leben, zu evangelisieren.

Der Aufbau eines neuen Europas erfordere ihm zufolge nach christlichen Werten erzogene Menschen, „die bereit sind, sich für die Verwirklichung des Gemeinwohls einzusetzen“, und die „in den verschiedenen Verantwortungsbereichen des zivilen Lebens, der Wirtschaft, der Kultur, des Gesundheitswesens, der Erziehung und der Politik so wirken sollen, daß sie dort die Werte des Reiches Gottes einfließen lassen können.“

Johannes Paul II. betonte, dass eine solche Erneuerung die Voraussetzung dafür sein, damit Europa „wieder die Funktion eines Leuchtturmes in der Weltzivilisation einnehmen“ könne.2

Werde wach und stärke, was noch übrig ist, was schon im Sterben lag.

Offenbarung 3, 2

4.2 Wiederanbindung Europas an seine christlichen Wurzeln

Die Überwindung der geistig-kulturellen Krise Europas setzt voraus, dass es dem Christentum gelingt, seine kulturbegründende Rolle wieder einzunehmen und die Vorstellung transzendenter Ordnung bereitzustellen, an der es derzeit mangelt. Gelingt dies dem Christentum nicht, kann es keine Überwindung dieser Krise geben.

Als kreative Minderheit können Christen durch ihren Dienst die Wiederanbindung Europas an seine christlichen Wurzeln bewirken und ihm dadurch seine wahre Identität zurückgeben. Dies kann gelingen, wenn Christen deutlich machen, dass christliche Weltanschauung über überzeugendere Antworten auf die Grundfragen des Lebens und bessere Lösungen für die Gestaltung des Gemeinwesens verfügt als andere Weltanschauungen. Das Christentum kann die kulturelle Substanz regenerieren, die über Jahrzehnte des Wirkens säkularer Ideologien schleichend aufgelöst wurde.

  • Das Christentum kann den Gemeinwesen Europas seine auf Naturrecht und dem Streben nach Gemeinwohl sowie einem realistischen Menschenbild und seinem Dienstethos beruhenden Ansätze zur Verfügung stellen, welche die destruktiven Folgen des Wirkens utopischer Ideologien heilen und überwinden können.
  • Jedes Gemeinwesen beruht darauf, dass es in ihm Menschen gibt, die auch dann zum Dienst an ihm bereit sind, wenn es ihnen keinen Vorteil bringt. Wo es an solchen Menschen mangelt, zerfällt ein Gemeinwesen spätestens in Zeiten der Not. Christen, für die selbstloser Dienst eine Berufung und einen Weg zu Gott darstellt, können diesen Dienst leisten.
  • Das Christentum kann Europa seine große Erzählung wiedergeben, die es ihm in der Vergangenheit ermöglichte, völker- und generationenübergreifend seine großen Werke  zu schaffen. Diese Erzählung kann den zunehmend heterogenen Gesellschaften Europas außerdem eine gemeinsame Grundlage und ein verbindendes Prinzip geben und integrierend wirken. Es hat über Jahrhunderte bewiesen, dass es dazu in der Lage ist, während säkulare Ideologien wie Nationalismus oder die totalitären Ideologien der Moderne Europa spalteten und zu den größten Katastrophen seiner Geschichte führten.
  • Das Christentum ist die geistige Grundlage aller großen Werke Europas inklusive der säkularen Leistungen der Aufklärung oder der Idee der Menschenrechte. Durch die Wiederanbindung Europas an seine christlichen Wurzeln wird daher auch die Fortsetzung des positiven säkularen Erbes Europas ermöglicht.

Papst Leo XIII. schrieb 1891:

Denn es ist ein bekanntes Axiom, daß jede Gesellschaft, die sich aus Niedergang erheben will, im Sinne ihres Ursprungs arbeiten muß. Durch das Streben nach dem beim Ursprung gesetzten Ziele muß das entsprechende Leben in den gesellschaftlichen Körper kommen. Abweichen vom Ziele ist gleichbedeutend mit Verfall; Rückkehr zu demselben bedeutet Heilung.

Papst Papst Johannes Paul II. schrieb 2003:

Es geht darum, eine klar gegliederte Kultur- und Missionstätigkeit in Gang zu setzen, indem man mit überzeugenden Aktionen und Argumentationen zeigt, daß das neue Europa notwendigerweise zu seinen letzten Wurzeln zurückfinden muß. […] All dessen eingedenk, verspürt die Kirche heute mit neuer Verantwortung die Dringlichkeit, dieses kostbare Erbe nicht zu vergeuden und Europa durch die Wiederbelebung der christlichen Wurzeln, in denen es seinen Ursprung hat, bei seinem Aufbau zu helfen.

Der Politikwissenschaftler Eric Voegelin ging von der Möglichkeit einer Erneuerung westlicher Gesellschaften durch ihre Wiederanbindung an das Transzendente aus. Da die Seele des Menschen und das Transzendente nicht verschwinden würden wenn man ihre Existenz leugne, würden moderne Ideologien umso stärkere Gegenkräfte erzeugen, je mehr sie sich durchsetzten. Eine allgemeine und umfassende „Wiederherstellung der Kräfte der Zivilisation“ sei möglich, wenn sich die Eliten westlicher Gesellschaften wieder dem „heroischen Abenteuer der Seele, das Christentum heißt“ zuwenden würden.

4.3 Christen als schöpferische Minderheit

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) sprach davon, dass Christen in Europa künftig die Aufgabe haben würden, als „schöpferische Minderheit“, die aus kleinen, im Glauben gefestigten Gemeinschaften bestehe, die Erneuerung Europas voranzutreiben.

Der Historiker Arnold Toynbee hatte beobachtet, dass der Aufstieg von Kulturen stets das Ergebnis des Wirkens einer solchen Minderheit war. Der hl. Benedikt etwa schuf im Chaos des untergehenden Römischen Reiches ein alternatives Modell christlichen Lebens, das die guten Teile des griechischen und römischen Erbes mit einschloss. Diesem Modell schlossen sich andere Menschen an, die später in das zerstörte Europa hineinwirkten und so seine Erneuerung ermöglichten. Als kreative Minderheit können Christen in diesem Sinne auch im heutigen Europa kulturelle Erneuerung bewirken.

4.3.1 Ausstrahlen in die Welt: Kulturelle und karitative Werke

Gelingendes christliches Leben, das sich von den es umgebenden Verfallsumfeldern sichtbar unterscheidet, sowie die Höhe christlicher Kultur gehören zu den glaubwürdigsten und überzeugendsten Botschaften, die Menschen für das Christentum aufgeschlossen macht. Als kreative Minderheit müssen Christen individuell und als Gemeinschaft entsprechende kulturelle Strahlkraft entfalten, in ihr Umfeld hineinwirken.

Papst Johannes Paul II. rief Christen 2003 dazu auf, „sich kritisch mit der gegenwärtigen Kultur auseinanderzusetzen und ihren Verführungen zu widerstehen; die Bereiche von Kultur, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik wirksam zu beeinflussen“.

Er rief Christen dazu auf:

Während du in der Welt mit den Werten des kommenden Reiches lebst, sollst du Kirche der Liebe sein, sollst du deinen unentbehrlichen Beitrag leisten, um in Europa eine immer menschenwürdigere Gesellschaft aufzubauen.

Als kreative Minderheit können Christen solchen Umfeldern bzw. inmitten einer „verdorbenen und verwirrten Generation […] als Lichter in der Welt“ agieren (Phil 2,15) und ausgehend von der durch sie geschaffenen Infrastruktur und Gemeinschaften intakten Lebens Räume kulturell erneuern.

Kulturelle Erneuerung bedeutet in diesem Zusammenhang, kulturelle Substanz durch Errichten einer Ordnung und Stiftugen von Bindungen und Verbindlichkeiten zu schaffen.

Diese Erneuerung wird im Rahmen eines koordinierten, geplanten Vorgehens sowie in Form bestimmter Projekte erfolgen, die Menschen aus von kultureller Auflösung geprägten Umfeldern herauslösen, so dass sie selbst in den christlichen Dienst eintreten und dessen Wirkung verstärken können.

Die kirchliche „Option für die Armen“ wird sich künftig stärker als bisher auch auf kulturelle Nöte erstrecken müssen. Papst Franziskus beschrieb die Kirche in diesem Zusammenhang als „Feldhospital“, dass für die Menschen da sein müsse, die von den kulturellen Folgen moderner Weltanschauungen und Lebensstile betroffen seien.

Auf diese Weise wurde das Christentum in der Vergangenheit zur prägenden kulturellen Kraft Europas, und es wird diese Rolle auf diesem Weg auch künftig wieder einnehmen können.

4.3.2 Das Christentum als unverzichtbarer Bestandteil des Gemeinwesens

Durch Engagement auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens, etwa in der Politik, im öffentlichen Dienst, im Bildungswesen oder in der Wirtschaft sowie durch vorbildliches staatsbürgerliches Verhalten tragen Christen zur Erneuerung der Gesellschaft bei.

Je besser Christen zur Leistung dieser Aufgaben qualifiziert sind und je professioneller und loyaler sie diese verrichten, desto wertvoller wird ihr Dienst für das Gemeinwesen sein.

Christen werden durch diesen Dienst für das Gemeinwesen unverzichtbar. Dies kann dazu beitragen, die Wahrnehmung des Christentums zu verbessern und gegen das Christentum gerichtete Tendenzen abzuschwächen. Auf diese Weise gelang es in der Geschichte vielen Minderheiten, in ihnen negativ gegenüberstehenden Umfeldern weiterzuleben.

Bemüht euch um das Wohl der Stadt […] denn in ihrem Wohl liegt euer Wohl.

Jeremia 29, 7

5. Operative Ziele

Operative Ziele unterstützen die Erreichung der strategischen Ziele und sind in Operationslinien bzw. in Handlungsfeldern zusammengefasst. Der Stand der Erreichung der operativen Ziele ist anhand von Indikatoren überprüfbar. Einzelaufgaben unterstützen die Erreichung der operativen Ziele. Details dazu folgen später.

5.1 Schaffung von Räumen christlichen Lebens

Physische und kulturelle Räume christlichen Lebens ermöglichen es Christen in den kulturell zunehmend heterogenen Gesellschaften Europas, ihre Kultur zu pflegen und an kommende Generationen weiterzugeben. Die Schaffung und Festigung solcher Räume ist die Voraussetzung dafür, dass Christen als kreative Minderheiten in diesen Gesellschaften wirken und so ihren Dienst an ihnen verrichten können.

Je größer der Kontast zwischen christlichem Leben und der es umgebenden Gesellschaft wird, desto größer wird der auf Christen lastende Druck zur Assimilation in nichtchristliche Kultur werden. Räume christlichen Lebens können diesen Druck reduzieren und Christen dadurch in christlicher Lebensführung unterstützen und in ihrem Dienst stärken. Diese Räume sind so zu gestalten, dass sie diese Aufgabe auch unter schwierigsten Bedingungen erfüllen könnten.

Bei diesen Räumen soll es sich nicht um Rückzugsorte handeln, sondern um Kerne der Erneuerung, die auf ihr Umfeld ausstrahlen.

Schaffung physischer Räume christlichen Lebens

In Räumen christlichen Lebens kann dieses Leben so wachsen, dass es in die Welt hinein wirken kann. Dafür sind bestimmte Bedingungen erforderlich, etwa ein intaktes Umfeld, in dem Unsicherheit oder sonstige Auflösungs- und Verfallserscheinungen minimiert sind.

Solche Räume benötigen physische Infrastruktur, etwa Kirchen und Schulen. Um diese Infrastruktur herum können sich christliche Familien ansiedeln, die sich gegenseitig in ihrem Leben als Christen unterstützen.

Schaffung christlicher Solidarstrukturen

Solidarstrukturen unterstützen christliche Familien dabei, inmitten der sie umgebenden Gesellschaft ein christliches Leben zu führen und ihre Kinder im Geist des Christentums aufzuziehen. Solche Strukturen beruhen auf Gegenseitigkeit sowie Vertrauen. Sie stehen wegen ihrer Unabhängigkeit von staatlicher Infrastruktur auch dann zur zuverlässig zur Verfügung stehen, wenn diese vorübergehend oder dauerhaft ausfällt oder Menschen aus politischen Gründen von ihrer Inanspruchnahme ausgeschlossen werden.

Schaffung kultureller Räume christlichen Lebens

Es liegt in der Natur des Christentums, ein schwieriges Umfeld nicht als Gegner zu betrachten, sondern sich für sein Wohl und seine Erneuerung einzusetzen. Um dies leisten zu können, müssen sich Christen jedoch von korruptiven kulturellen Tendenzen, die dieses Umfeld prägen, fernhalten und befreien, d.h. sie müssen in der Welt leben, aber sich nicht von ihrem Geist formen lassen (Joh 17, 11-19).

Dazu ist die Schaffung kultureller Räume erforderlich, die von der sie umgebenen Welt abgegrenzt sind, und innerhalb deren schützender Grenzen christliches Leben wachsen kann.

Kulturelle Räume christlichen Lebens umfassen ein eigenes Bildungswesen sowie Medien und Kommunikationsplattformen sowie geistes- und kulturwissenschaftliche Tätigkeit.

Pflege und Vermittlung des christlichen Erbes

Viele Christen der Gegenwart sind mit ihrem Erbe nur unzureichend vertraut oder empfinden dies aus Unkenntnis heraus als Last. Christen müssen jedoch selbst davon überzeugt sein, dass ihr Erbe in höchstem Maße wertvoll ist, bevor sie andere Menschen glaubwürdig dafür begeistern können.

Dieses Erbe beinhaltet auch praktische Lösungen für ein gelingendes Leben.

Die Pflege des Erbes beinhaltet seine Erschließung, seine Vermittlung und seine Weiterentwicklung im Sinne der Aufforderung, alles zu prüfen und das Gute zu behalten (1 Thess 5,21).

Dazu sollen Kompendien erstellt und gepflegt werden, die dieses Erbe in allen seinen Aspekten so erschließen, dass Menschen es sich individuell und in Gemeinschaft wieder aneignen können. Dieses Vorgehen wurde beim Aufbau von Nationen, etwa den USA, in der Vergangenheit bereits erfolgreich praktiziert, wo die „McGuffrey Readers“ die Aneignung der kulturellen Identität des Landes untersttzten.

5.2 Stärkung von interkonfessioneller und interreligiöser Zusammenarbeit

Konservative, auf die Bewahrung der jeweiligen Lehre und Tradition ausgerichtete Akteure in den verschiedenen christlichen Konfessionen, aber auch im Judentum, stehen in westlichen Gesellschaften den gleichen Herausforderungen gegenüber und vertreten im Bereich der Soziallehre meist ähnliche Positionen. Dies führt angesichts zunehmender Herausforderungen zu einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen diesen Konfessionen und Religionen.

Im Fall der Annäherung zwischen katholischer Kirche und orthodoxem Judentum ist ausschlaggebend, dass die gemeinsamen Interessen die Auswirkungen der vorhandenen Gegensätze deutlich überwiegen. Im Verhältnis zu den meisten islamischen Akteuren überwiegen hingegen die Konflikte, weshalb es hier keine relevante Zusammenarbeit gibt und wohl auch langfristig nicht geben wird. Der kürzlich ins Leben gerufene ständige Dialog zwischen der katholischen Kirche und der „Islamischen Weltliga“ stellt keine Zusammenarbeit zur Erreichung gemeinsamer Ziele dar, sondern einen Versuch, den von islamischen Akteuren ausgehenden Konflikten mit diplomatischen Mitteln zu begegnen.

Prinzipiell möglich wäre hingegen eine Zusammenarbeit mit liberalen Minderheitenströmungen im Islam, die anders als die Mehrheitsströmungen auf konfrontative Positionen gegenüber dem Christentum verzichten. Hier gibt es gemeinsame Interessen, etwa was die Abwehr radikaler Strömungen im Islam angeht, die sowohl für Christen als auch für nicht-islamistische Muslime eine Bedrohung darstellen.