Stand: 13.12.2018

Der englische Historiker Richard Barber gilt als einer der führenden Experten auf dem Gebiet der mittelalterlichen höfischen Kultur. In seinem Werk „Der Heilige Gral: Geschichte und Mythos“ analysiert er die verschiedenen Strömungen des Gralsmythos. Dieser sei entgegen moderner Verzerrungen eindeutig als Werk der katholischen Kultur des Hochmittelalters zu identifizieren, in dem die Kultur und Spiritualität des christlichen Rittertums zum Ausdruck komme.

Dabei macht er deutlich, dass der Mythos und seine unterschiedlichen Überlieferungen in den Kulturen Europas zu tief und zu vielfältig sind, um vollständige, eindeutige und abschließende Interpretationen zu ermöglichen. Ausgestattet mit Kenntnissen über das religiöse Denken des Mittelalters könne man den Versuch einer Interpretation jedoch wagen, ohne in die häufig grotesken Fehldeutungen zu verfallen, welche die moderne Wahrnehmung des Gralsmythos prägten.

1. Hintergrund

Der Gralsmythos wird in einer Reihe von Werken beschrieben, die in den Jahren zwischen 1190 und 1250 von Chrétien de Troyes, Robert de Boron, Wolfram von Eschenbach und anderen Autoren verfasst wurden, als die abendländische Kultur sich auf dem Höhepunkt ihrer geistigen Kraft befand.

  • Anders als die Ritterepik des Mittelalters beschreibt der Gralsmythos keine militärischen Taten, sondern die Spiritualität des christlichen Rittertums, an dessen Angehörige sich die Autoren richteten. Der Mythos handele einem der Autoren zufolge von „Rittern und edlen Männern“, die „willens waren, Mühen und Härten zu erdulden, zum Lobpreis des Gesetzes unseres Herrn Jesus Christus“.
  • Laut Barber handele es sich beim Gralsmythos in erster Linie um ein Werk der katholischen Kultur des Hochmittelalters. Die Reformation habe den Mythos abgelehnt, weil er sich offensichtlich auf das katholische Verständnis des Abendmahls stütze und in ihn auch außerbiblische Bezüge, etwa aus keltischen Mythen oder dem apokryphen Nikodemus-Evangelium, eingeflossen seien. Auch die katholische Gegenreformation habe dem Mythos distanziert gegenüberstanden.

2. Themen des Gralsmythos

Die Spiritualität des christlichen Rittertums werde laut Barber vor allem in den im Gralsmythos behandelten Themen sichtbar.

  • Schützender Dienst: Der Gral als metaphysisches Zentrum der Welt werde durch einen Orden von Gralsrittern geschützt. Deren Einsatz sei überwiegend geistlicher Natur und bestehe vor allem in Anstrengungen, die eigene Seele vor Korrumpierung zu bewahren. wozu der Gral ihnen Kraft verleihe. Eschenbach zufolge bedeute das Hüten des Grals, „sich der Askese hinzugeben“. Der Gral befände sich auf einer Burg und nicht in einer Kirche, was unterstreiche, dass dieser einer Bedrohung ausgesetzt sei, wobei er nicht direkt bedroht werde, sondern seine Wirkung. In einigen Varianten des Mythos wirken die Gralsritter zudem verborgen in einer von Instabilität gekennzeichneten Welt, in der sie ein stabilisierendes, die Ordnung und den Frieden erhaltendes Element darstellen.
  • Das Heilige: Der Gral sei nur für Menschen sichtbar, die einen spirituellen Reifeprozess durchlaufen hätten. Auch die Gralsburg sei für die meisten Menschen unsichtbar und befinde sich an einem entlegenen, von der materiellen Welt getrennten Ort.
  • Krise, Zerfall und Auflösung: Die Welt des Gralsmythos befände sich in einer Krise bzw. in Auflösung und sei verwüstet, weil der Gralskönig und die Gralsritter sich hätten korrumpieren lassen und die Gnade Gottes nicht mehr durch den Gral in die Welt hinein wirken könne. In einigen Varianten des Mythos wird die Verwüstung des Landes als Folge des Wirkens der durch Sünde korrumpierten Eliten oder des Unvermögens der korrumpierten Gralsritter geschildert, ihren Dienst in der Welt zu leisten.
  • Berufung und Auftrag: Nur ein Held bzw. ein Ritter von besonderer Tauglichkeit und Reinheit könne den Gral und die Gralsburg finden, durch seine Taten den kranken bzw. korrumpierten Gralskönig heilen oder ablösen und dadurch das Wirken des Grals in der Welt und das Ende der Krise bewirken. Der entsprechende Held fühle sich zum Rittertum berufen und erlange zunächst die militärische Tauglichkeit, durch die er Mitglied der Tafelrunde werden könne, bevor er oder die Gemeinschaft den übernatürlichen Auftrag zur Suche nach dem Gral erhielten.
  • Entwicklung und Prüfung: Der Held entwickele sich im Zuge seiner Suche nach dem Gral spirituell und durchlaufe eine Reihe von Prüfungen, was verschiedenen Helden unterschiedlich gut gelinge. Die Prüfungen seien dabei vor allem spiritueller Natur und würden unter anderem in Versuchungen bestehen. Sakramente wie Taufe, Beichte und Kommunion seien wesentlicher Bestandteil der Entwicklung des Helden. Wolfram von Eschenbach betone zum Beispiel, dass der Held nur durch „die Kraft der Taufe die Kameradschaft derer erlangen“ könnte, „die den Gral anschauen“. Entscheidend für die Erfüllung des Auftrags sei es zudem, die richtige Frage nach der Natur und dem Zweck des Grals zu stellen.

Der vollkommenste Ritter könne seinen Auftrag schließlich erfüllen und ermögliche die Heilung des Gralskönigs oder übernehme sein Amt, wodurch er in eine höhere Form des Dienstes eintrete. Er ermögliche die Erneuerung des Landes und die Wiederherstellung der Ordnung, weil die Gnade Gottes nun wieder durch den Gral in die Welt hinein wirken könne.

Dabei werden geistliche und sonstige Aspekte von Tauglichkeit im Männlichkeitsideal des Rittertums, das im Gralsmythos zum Ausdruck kommt, nicht gegeneinander ausgespielt, sondern sie ergänzen einander. Der zum höchsten Dienst taugliche Mann muss im Sinne des Rittertums zunächst auch im militärischen Sinne tauglich sein. Parsifals Entwicklung, die ihm letztlich die Erfüllung seiner Berufung ermöglicht, beginnt dementsprechend mit seiner militärischen Ausbildung, endet aber nicht dort. Das Ideal des umfassend tauglichen Mannes wurde später von Pius II. in seiner Schrift über die Ausbildung der militärischen Verteidiger des Christentums weiter ausgeführt.

2.1 Die Krise des Landes Logrien und ihre Überwindung im Gralsmythos

Um das Jahr 1190 veröffentlichte Chrétien de Troyes die älteste bekannte Erzählung des Gralsmythos unter dem Titel „Die Geschichte vom Gral“. Ihr stellte ein unbekannter Autor einen Elucidation genannten Prolog voran. Dieser handelt von der Krise des Landes Logrien, dessen König die transzendente Ordnung verletzt und das Land von seinem geistigen Zentrum trennt. Der Text handelt außerdem von einer Gemeinschaft von Rittern, die gegen das damit verbundene Böse kämpft und das Land durch die Wiederanbindung an sein geistiges Zentrum erneuert.

Der Text der Elucidation wurde nur in einem einzelnen Manuskript überliefert, bei dem es sich wahrscheinlich um eine Abschrift einer teilweise zerstörten Vorlage handelt. Der Text ist unvollständig, enthält zahlreiche Brüche, wurde stellenweise fehlerhaft übertragen und ergänzt, wirft unbeantwortete Fragen auf und enthält mögliche Verweise auf nicht erhaltene ältere Texte, was ihn als besonders rätselhaft erscheinen lässt.

Dieser Beitrag über die Elucidation stützt sich auf die deutsche Übersetzung von Konrad Sandkühler.1 Eine englischsprachige Übersetzung ist hier verfügbar.

Teil 1: Die Krise des Landes Logrien

Der Text beschreibt zu Beginn, „wie und weshalb das reiche Land Logrien zerstört wurde“. In diesem Land habe es Jungfrauen gegeben, die in Brunnengrotten lebten und einen „hohen Dienst“ verrichteten, indem sie Menschen aus goldenen Bechern speisten. Sandkühler vermutet, dass dieses Bild Sagen entnommen wurde, die das Thema der übernatürlichen Unterstützung beschreiben, die der im Rahmen der transzendenten Ordnung handelnde Mensch erhält.

Das Land sei von einem König namens Amangon beherrscht worden, dessen Auftrag es gewesen sei, die Jungfrauen zu beschützen. Der König und seine Gefolgschaft hätten sich jedoch durch das Böse korrumpiren lassen, die transzendente Ordnung verletzt und dadurch die Krise des Landes ausgelöst:

König Amangon, der überaus böse und feige handelte, verletzte als erster die gute Sitte, und dann tat es mancher andere ihm nach durch das Beispiel, das er an dem König nahm, der sie doch im Zaume halten und die Jungfrauen in Frieden und Ehre schützen und hüten sollte. Er überwältigte eine der Jungfrauen wider ihren Willen, beraubte sie der Ehre und entriß ihr den goldenen Becher. Den nahm er mit sich fort und ließ sich immer und allezeit daraus bedienen. Davon sollte viel Unheil kommen, denn von nun an diente die Jungfrau nicht mehr […]. Die andren jedoch dienten noch fernerhin. Ach Gott, weshalb nahmen doch die anderen Vasallen die Ehre nicht wahr? Als sie sahen, daß ihr Herr die schönsten Jungfrauen überwältigte, taten sie ihnen in gleicher Weise Gewalt und raubten ihnen die goldenen Becher. So kam denn aus keiner der Brunnengrotten mehr eine Jungfrau, keine diente mehr […]. […]

Ihr Herren, auf diese Art geriet das Land in Verfall. Und der König kam darob zu bösem Ende und alle anderen nach ihm, die den Jungfrauen Leid angetan hatten.

Das Motiv der Jungfrauen in den Brunnengrotten findet sich im Gralsmythos an keiner anderen Stelle. Es verweist jedoch indirekt auf den Gral, etwa in Form der goldenen Becher, aber auch in Form der Jungfrauen, die in anderen Erzählungen den Gral in den Saal der Gralsburg tragen. Auch der korrumpierte König ist ein typisches Motiv des Gralsmythos, so dass die Einbindung dieser nur in der Elucidation zu findenden Motive vermutlich der Verstärkung allgemeiner Gralsmotive dienen sollte.

Als entscheidend wird in der Elucidation so wie in anderen Gralserzählungen dargestellt, dass die Gralsburg, die „das Land so erlaucht gemacht hatte“, in Folge des Handelns des korrumpierten Königs nicht mehr gefunden werden konnte. Losgelöst von seinem metaphysischen Zentrum ging das Königreich schließlich „zugrunde“ und wurde „tot und verödet“.

Teil 2: Die dienende Gemeinschaft und ihr Auftrag

In dieser Lage werden die Ritter der Tafelrunde des König Artus tätig:

Die Fürsten der Tafelrunde lebten zur Zeit des Königs Artus. […] Sie waren so gute Ritter, so tapfer und stark und stolz, so männlich und kühn, daß sie alsbald, sowie sie von diesen Abenteuern erzählen hörten, unverzüglich die Brunnengrotten wiederfinden wollten. Alle schworen insgeheim, sie wollten in Kraft die Jungfrauen schützen […]. Sie wollten die Sippe derer vernichten, die ihnen so großen Schaden zugefügt hatten […]. Wenn sie einen fangen könnten, so würden sie ihn brennen oder hängen. Sie […] schickten Gebete zu Gott, daß er die Grotten wieder in solchen Stand bringe, wie sie ehedem gewesen waren.

Die Ritter begeben sich in „Ehre, in Männlichkeit und edler Kraft“ auf die Suche, auf der sie Kämpfe zu bestehen haben und Verluste erleiden h. Ein Gefangener, der sich als Nachfahre der von Amangon missbrauchten Jungfrauen herausstellt, erklärt ihnen, dass das von diesem geschaffene Unheil nicht wieder gutzumachen sei. Der eigentliche  Auftrag der Ritter bestehe darin, mit der Hilfe Gottes die Gralsburg wiederzufinden, den Ort, „aus dem die Freude kommen soll, so daß dieses Land wieder im Lichte leuchten wird“.

Teil 3: Die Überwindung der Krise

Der Ritter Gauwain ist schließlich der erste, der die Gralsburg findet, wodurch „das ganze Reich genas“. Auch Perceval gelingt dies, „der an Heldentum die Ritter aller Zeiten und Länder übertraf“.

Was das Finden der Gralsburg genau bedeutet, beschreibt der Text nicht. In anderen Texten des Mythos wird jedoch deutlich, was damit gemeint ist. Hier wird die Suche nach der Gralsburg bzw. die Suche nach dem Gral als die Suche nach Gott beschrieben. In der Gralserzählung Robert de Borons beschreibt der Ritter Galahad den Anblick des sich ihm zeigenden Grals als „das Wunderbare, das alles andere übertrifft“. Im Mythos kann der beste Ritter die Gralsburg finden und die Welt wieder an ihr geistiges Zentrum anbinden.

Der Text erwähnt „sieben Hüter“, bei denen es sich mutmaßlich um Ritter handelt, welche siebenmal die Burg finden und die ihnen auferlegten Prüfungen bestehen, wodurch das Land siebenmal aus ähnlichen Krisen gerettet wird:

Dieses Abenteuer schuf große Freude, wodurch das Volk sich wieder nach der großen Zerstörung vermehrte […], wodurch das Reich sich wieder bevölkerte, so daß die Gewässer, die nicht mehr strömten, und die Quellen, die nicht mehr sprudelten, sondern versiegt gewesen waren, wieder durch die Auen rannen. Da wurden die Wiesen grün und üppig und die Wälder dicht belaubt. An dem Tage, da der Hof gefunden ward, wurden im ganzen Lande die Wälder so weit und üppig, so schön und hochgewachsen, daß alle sich wunderten, die das Land befuhren.

Der Text endet damit, dass „Menschen voll großer Bosheit“, die „aus den Grotten stammten“, Krieg gegen König Artus und seine Ritter führen und besiegt werden.

Hintergrund: Der Aufstieg und Fall von Kulturen und der zeitlose Auftrag des bewahrenden Dienstes

Der Gralsmythos ist vielfältig interpretierbar, verleiht aber auch einer Erkenntnis Ausdruck, die von Historikern und Sozialwissenschaftlern erst Jahrhunderte später formuliert wurde. Da eine Religion das Zentrum einer Kultur darstellt, führt die Abwendung vor allem der Eliten einer Kultur von der Religion zur Auflösung und schließlich zum Tod einer Kultur. Von den geistigen Quellen ihrer Kultur abgeschnitten kann eine Gesellschaft ihre kulturelle Substanz nicht mehr erneuern und stirbt.

Leo XIII. erklärte: „Abweichen vom Ziele ist gleichbedeutend mit Verfall; Rückkehr zu demselben bedeutet Heilung.“ Benedikt XVI. betonte vor diesem Hintergrund, dass der Kampf um die Erhaltung der Bindung der Kultur an ihren transzendenten Kern eine zeitlose Aufgabe sei.

Auch der Politikwissenschaftler Eric Voegelin ging von der Möglichkeit einer Erneuerung sterbender Kulturen durch ihre Wiederanbindung an das Transzendente aus. Da die Seele des Menschen und das Transzendente nicht verschwinden würden, wenn man ihre Existenz leugne, würden moderne Ideologien umso stärkere Gegenkräfte erzeugen, je mehr sie sich durchsetzten. Eine allgemeine und umfassende „Wiederherstellung der Kräfte der Zivilisation“ sei möglich, wenn sich die Eliten westlicher Gesellschaften wieder dem „heroischen Abenteuer der Seele, das Christentum heißt“ zuwenden würden. (ts)

3. Was ist der Gral?

Barber zufolge beziehe sich der Gralsmythos auf die katholische Lehre von der Realpräsenz Jesu Christi in der Eucharistie. Dies gehe aus den Eigenschaften hervor, die der Gral laut der verschiedenen Versionen des Gralsmythos habe.

  • Die wesentlichen Eigenschaften des Grals seien übernatürlich. Seine materiellen Eigenschaften, wie die seiner Form als Schale oder Kelch, seien nachrangig. Wichtig seien der Inhalt des Grals und das, was durch ihn wirke.
  • Der Gral sei etwas, das der Welt verlorenging und das zum Heil der Menschen gesucht und gefunden werden müsse, was aber nur denen gelingen könne, die nach der Heiligung ihres Lebens strebten und zu dessen Schau derjenige, der danach suche, würdig sein müsse. Wer hingegen in Sünde lebe oder nicht getauft sei, könne oder dürfe den Gral nicht sehen.
  • Mit dem Gral sei das vollkommene und zugleich für den Menschen geheimnisvolle Gute verbunden und es sei der höchste Wunsch der Gralssucher, dieses vollständig zu sehen. In der Version Robert de Borons sterbe der ritterliche Held Galahad nach dem Anblick des enthüllten Grals, den er als „das Wunderbare, das alles andere übertrifft“ und als den „Quell unerschrockener Tapferkeit, der Taten Triebfeder“ beschreibt.
  • Der Gral stelle eine Verbindung zwischen materieller und immaterieller Welt da, und Gott verkünde durch ihn den Gralsrittern seinen Willen. Der Gral sei das metaphysische Zentrum der Welt, von dem aus der Segen Gottes in die Welt gelange und von dem sie lebe. Wo diese Verbindung durch die Korrumpierung der Hüter des Grals unterbrochen werde, setzten Verfall und Niedergang in der Welt ein.
  • Das Wirken des Grals heile, ernähre und stärke das Leben. Der Gral sei zudem äußerst mächtig und in der Lage, Wunder zu bewirken.

Der Anblick des Grals werde als mystische Erfahrung beschrieben. So sage Galahad in einer Version des Mythos:

Denn jetzt sehe ich offen, was die Zunge nicht beschreiben noch das Herz erfassen kann. Hier sehe ich den Anfang jeglichen Wagemuts, die Grundursache aller Tapferkeit, hier sehe ich das Wunder aller Wunder.

Der Gral habe zudem in fast allen Versionen des Gralsmythos einen unmittelbaren Bezug zu Jesus Christus und zur Eucharistie. Er sei je nach Darstellung entweder der Kelch des letzten Abendmahles, mit dem laut der im apokryphen Nikodemus-Evangelium wiedergegebenen Legende Joseph von Arimathäa das Blut Christi aufgefangen habe, oder allgemein ein Behältnis, das eine Hostie enthält. In einer Version des Gralsmythos befinde sich im inneren des Grals ein Kind, während in einer anderen ein Engel darin jeden Karfreitag eine Hostie ablege. Die mit der Enthüllung des Grals verbundene Gralsprozession trage Züge der katholischen Liturgie.

4. Moderne Verzerrungen des Gralsmythos

Barber kritisiert moderne Interpretationen des Gralsmythos, die diesen entstellt oder verzerrt wiedergeben und falsch deuten würden. Die Romantik des 19. Jahrhundert habe damit begonnen, den christlichen Kern auszublenden und ihn durch moderne, nationale Bezüge zu ersetzen. Dazu habe man etwa die keltischen Bezüge des Mythos deutlich übertrieben dargestellt. Die Historikerin Sandra Franz hatte in diesem Zusammenhang die neuheidnisch-völkischen Religionsentwürfe beschrieben, die in Deutschland ab dem 19. Jahrhundert entstanden waren und sich dabei auch auf den Gralsmythos bezogen.

Zu den verzerrenden Darstellungen gehört jedoch nicht Richard Wagners Oper „Parsifal“, die sich eng am Text Wolfram von Eschenbachs orientiert. Weil Wagner die christlichen Aspekte des Mythos betonte, wandte sich Friedrich Nietzsche von ihm ab.

Auch die in jüngerer Zeit entstandenen Interpretationsansätze, wie der durch den Schriftsteller Dan Brown populär gemachte feministische Ansatz, würden laut Barber auf Unkenntnis bzw. dem Unverständnis der realen kulturellen und religiösen Ursprünge und Bezüge des Mythos beruhen.

Barber kritisiert zudem die pseudo-traditionalistische Entstellung des Gralsmythos durch den Esoteriker Julius Evola. Dieser habe sich zwar der Sprache der Tradition sowie entsprechender Bilder und Symbole bedient, aber ebenfalls den christlichen Kern des Mythos durch moderne (in seinem Fall esoterische) Bezüge zu ersetzen versucht. Er sei bei seiner Entstellung des Gralsmythos besonders weit gegangen, indem er diesen als Ausdruck einer von ihm erfundenen, im Mythos nicht nachweisbaren antichristlichen „hyperboräischen Tradition“ darzustellen versuchte.