Stand: 09.11.2017

1. Was ist das Abendland?

Das Abendland ist der kulturell durch das katholische Christentum geformte und durch die griechische und römische Antike sowie durch germanische und keltische Einflüsse geprägte Teil Europas. Es ist zugleich eine die Nationen vereinende und zugleich über sie hinausreichende geistig-religiöse Gemeinschaft.

In seinem Aufsatz „Was heißt ‚Christliches Abendland‘?“ schrieb der katholische Philosoph Josef Pieper, dass die Antwort auf diese Frage „stets wieder geleistet werden“ müsse, damit unsere Kultur sich selbst verstehe. Die Antwort auf diese Frage sei zudem wichtig für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft aus den eigenen Wurzeln heraus.

2. Die Ursprünge des Abendlandes

Die ältesten Wurzeln des Abendlandes liegen vermutlich in indoeuropäischen Einflüssen, die im fünften vorchristlichen Jahrtausend entstanden und über die Kulturen des antiken Roms und Griechenlands und später über keltische und germanische Kultur in die abendländische Tradition eingingen. Ebenfalls sehr weit zurück gehen die Einflüsse des Judentums sowie die noch älteren ägyptischen und babylonischen Einflüsse, die es aufnahm.

Ein Verschmelzen von antiker und christlicher Tradition findet sich bereits im frühen christlichen Mönchtum, welches christliches Wirken und Kontemplation mit römischer Organisation und Disziplin verband. Später entstand als Synthese aus antiken und christlichen Elementen das Rittertum, das christliches Dienstethos mit antiken Kriegerethos verband.

Von Europäern wurde erstmals im Jahr 754 gesprochen, als ein anonymer Autor unter diesem Begriff Franken, Langobarden, Sachsen und Friesen zusammenfasste, die im Jahre 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers unter der Führung von Karl Martell die islamischen Eroberungszüge in Richtung Westeuropa zum Stehen gebracht hatten.

Der Begriff des Abendlands beinhaltet auch eine Abgrenzung gegenüber dem islamischen Morgenland, dessen Angriffe seit dem 7. Jahrhundert die Herausbildung einer abendländischen Identität gefördert haben.

Der gemeinsame Abwehrkampf gegen Araber, Magyaren, Hunnen, Osmanen und totalitäre Ideologien zwang die Völker des Abendlandes immer wieder, zusammen zu stehen, und stärkte dabei den abendländischen Gedanken.

Um die erste Jahrtausendwende war die Entstehung des Abendlandes im Wesentlichen abgeschlossen. Zu dieser Zeit waren wesentliche Teile Westeuropas bereits durch das Christentum durchdrungen und geeint, und die ersten großen Werke des christlichen Europas wie Kathedralen und Universitäten entstanden. Außerdem setzte der Prozess der Bildung von Nationen aus den Stämmen Europas ein.

Ab dieser Zeit war auch ein starkes Bevölkerungswachstum zu beobachten, das dazu führte, das bislang unbewohnte Teile Europas besiedelt und zahlreiche Städte gegründet wurden.

3. Das Wesen des Abendlandes

Der Historiker Christopher Dawson beschreibt die Geschichte des Abendlandes als „die Geschichte einer Reihe von Renaissancen von religiösen und geistigen Erneuerungsbewegungen“.

Josef Pieper zufolge bestehe das Wesen des Abendlandes in „theologisch gegründeter Weltlichkeit“.

Der Dichter Novalis schrieb über das Abendland:

Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Euro­pa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs.

4. Das Abendland und die Gegenwart

Seit dem Verlust der religiösen Einheit West- und Mitteleuropas und im Zuge der Moderne ist das Abendland von einer geopolitischen Tatsache zu einem geistigen Ideal geworden.

  • Wesen des Abendlandes sei Zusammendenken und Zusammenleben in theologisch gegründeter Weltlichkeit.
  • Bejahende Zuwendung zur Welt, menschlicher Vernunft , natürlicher Wirklichkeit in allen Bereichen, wird durch Absolutsetzung des Religiösen, Geistigen nicht ausgelöscht sondern gefördert.
  • Hat Wurzeln im ersten christlichen Jahrtausend, erreichte Blüte aber erst im zweiten, Durchbruch mit Aristoteles-Rezeption Albertus Magnus und Schüler Thomas von Aquin.
  • Religion erschöpft sich nicht in Vollzug des Kultus und Kontemplation, weltzugewandt, weltormende Theologie
  • „Das Abendländische ist ein geschichtlicher Entwurf, der unter stets sich verändernden Bedingungen immer neu in geschichtliche Wirklichkeit umgesetzt werden muß.“
  • Josef Pieper: Tradition ist die Bewahrung und Weitergabe des in Wahrheit bewahrenswerten über die Generationen