Stand: 13.12.2018

1. Das Abendland

1.1 Was ist das Abendland?

Das Abendland ist der kulturell durch das katholische Christentum geformte und durch die griechische und römische Antike sowie durch germanische und keltische Einflüsse geprägte Teil Europas. Es ist zugleich eine die Nationen vereinende und über sie hinausreichende geistig-religiöse Gemeinschaft.

In seinem Aufsatz „Was heißt ‚Christliches Abendland‘?“ schrieb der katholische Philosoph Josef Pieper, dass die Antwort auf diese Frage „stets wieder geleistet werden“ müsse, damit unsere Kultur sich selbst verstehe. Die Antwort auf diese Frage sei zudem wichtig für die Gestaltung der Gegenwart und der Zukunft aus den eigenen Wurzeln heraus.

Dem katholischen Theologen Karl Rahner zufolge sei das Abendland der „geschichtlich-kulturelle Raum des Christentums, den Gott auf es hin als seine Vorbedingung […] geschaffen hat oder den es selbst als seine geschichtliche Leibhaftigkeit sich gebildet hat“ sowie die „Einwurzelung des Christentums in der öffentlichen Geschichte“.1

1.2 Die Ursprünge des Abendlandes

Die ältesten Wurzeln des Abendlandes liegen vermutlich in indoeuropäischen Einflüssen, die im fünften vorchristlichen Jahrtausend entstanden und über die Kulturen des antiken Roms und Griechenlands und später über keltische und germanische Kultur in die abendländische Tradition eingingen. Ebenfalls sehr weit zurück gehen die Einflüsse des Judentums sowie die noch älteren ägyptischen und babylonischen Einflüsse, die es aufnahm.

Ein Verschmelzen von antiker und christlicher Tradition findet sich bereits im frühen christlichen Mönchtum, welches christliches Wirken und Kontemplation mit römischer Organisation und Disziplin verband. Später entstand als Synthese aus antiken und christlichen Elementen das Rittertum, das christliches Dienstethos mit antiken Kriegerethos verband.

Von Europäern wurde erstmals im Jahr 754 gesprochen, als ein anonymer Autor unter diesem Begriff Franken, Langobarden, Sachsen und Friesen zusammenfasste, die im Jahre 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers unter der Führung von Karl Martell die islamischen Eroberungszüge in Richtung Westeuropa zum Stehen gebracht hatten.

Der Begriff des Abendlands beinhaltet auch eine Abgrenzung gegenüber dem islamischen Morgenland, dessen Angriffe seit dem 7. Jahrhundert die Herausbildung einer abendländischen Identität gefördert haben.

Der gemeinsame Abwehrkampf gegen Araber, Magyaren, Hunnen, Osmanen und totalitäre Ideologien zwang die Völker des Abendlandes immer wieder, zusammen zu stehen, und stärkte dabei den abendländischen Gedanken.

Um die erste Jahrtausendwende war die Entstehung des Abendlandes im Wesentlichen abgeschlossen. Zu dieser Zeit waren wesentliche Teile Westeuropas bereits durch das Christentum durchdrungen und geeint, und die ersten großen Werke des christlichen Europas wie Kathedralen und Universitäten entstanden. Außerdem setzte der Prozess der Bildung von Nationen aus den Stämmen Europas ein.

Ab dieser Zeit war auch ein starkes Bevölkerungswachstum zu beobachten, das dazu führte, das bislang unbewohnte Teile Europas besiedelt und zahlreiche Städte gegründet wurden.

1.3 Das Wesen des Abendlandes

Der Historiker Christopher Dawson beschreibt die Geschichte des Abendlandes als „die Geschichte einer Reihe von Renaissancen von religiösen und geistigen Erneuerungsbewegungen“.

Josef Pieper zufolge bestehe das Wesen des Abendlandes in „theologisch gegründeter Weltlichkeit“.

Der Physiker Werner Heisenberg schrieb über das Wesen des Abendlandes:

Unser ganzes kulturelles Leben, unser Handeln, Denken und Fühlen wurzelt in der geistigen Substanz des Abendlandes, also in dem geistigen Wesen, das in der Antike begonnen hat, […] das dann im Christentum mit der Bildung der Kirche seine große Wendung erfahren und schließlich beim Ausgang des Mittelalters  in einer großartigen Vereinigung von christlicher Frömmigkeit mit der geistigen Freiheit der Antike die Welt als die Welt Gottes ergriffen und umgestaltet hat.2

Der Dichter Novalis schrieb über das Abendland:

Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Euro­pa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs.

1.4 Das Abendland und die Gegenwart

Seit dem Verlust der religiösen Einheit West- und Mitteleuropas und im Zuge der Moderne ist das Abendland von einer geopolitischen Tatsache zu einem geistigen Ideal geworden.

2. Das Rittertum

Das Rittertum ist das christliche Soldatentum. Seine Aufgabe war es, das Christentum, die Kirche und schutzbedürftige Menschen zu schützen und zu verteidigen, wie es die Zeremonie „ad benedicendum novum militem“ beschreibt. Das Tugend- und Haltungsideal des Rittertums ist dabei anders als die militärischen und politischen Formen seiner historischen Gestaltung zeitlos und wirkt bis in die Gegenwart nach.

Dem Historiker Christopher Dawson zufolge habe das Christentum mit dem Rittertum einen „geistigen Urtyp“ geschaffen, der alte nordische Kriegertraditionen in spezifisch christliche Formen überführt habe. So sei etwas das Prinzip der Treue gegenüber einer Sippe oder im Rahmen eines persönlichen Gefolgschaftsverhältnisses in das Prinzip der Treue gegenüber Gott und der Christenheit überführt worden, was eine Art religiösen Patriotismus geschaffen habe.

Erzbischof Turpin sagt im Rolandslied an Roland gerichtet, dass es beim Dienst des Ritters um den Kampf zur Erhaltung des Christentums gehe. Wer dabei falle, sei ein Märtyrer. Mit solchen Vorstellungen habe das Rittertum das kämpferische Ethos des Kriegers mit den Idealen des Christentumstums verbunden. Die Wurzeln des Rittertums liegen zudem vermutlich im sehr alten, in indoeuropäischen Kulturen entstandenen Konzept der trifunktionalen Gliederung von Gesellschaften in Geistliche, Kämpfer und Bauern.

3. Der Miles Christianus

Das Konzept beschreibt primär das Ideal des asketischen Christen, der einen inneren Kampf um das Heil seiner Seele führt, etwa im Rahmen des Mönchtums. Gregor VII. verwendete den Begriff des „Miles Christi“ erstmals zur Beschreibung christlicher Soldaten, die einen gerechten Krieg zur Verteidigung des Christentums führen. In diesem Zusammenhang beschreibt der Begriff im Rahmen des Konzepts des Rittertums das Ideal des Christen, welcher dem Christentum und der Kirche schützend und verteidigend dient und dafür ebenfalls asketische Tugend entwickeln muss. Der Begriff des „Miles Christi“ wurde ursprünglich zur Bezeichnung von Mönchen verwendet.

4. Der Gottesfrieden

Im Mittelalter begann die Kirche angesichts des Versagens weltlicher Autoritäten in diesem Bereich vermutlich zunächst auf dem Gebiet des heutigen Frankreichs damit, die Menschen, die sich nicht selbst vor Bewaffneten schützen konnten, unter ihren Schutz zu stellen. Dies betraf neben Geistlichen auch Bauern, Kaufleute und Frauen. Diejenigen, die Übergriffe gegen die begangen, belegte sie mit Kirchenstrafen. Zudem verpflichtete sie Bewaffnete darauf, ihre Waffen nur zu schützendem Dienst einzusetzen. Dem Historiker Alain Demurger zufolge habe das Christentum dadurch dem schlechten Krieg den Krieg erklärt.

5. Die Ökumene des Blutes

Das Konzept wurde 2016 in einer gemeinsamen Erklärung von Papst Franziskus und dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill beschrieben. Demnach würden die Feinde des Christentums ihren Vernichtungswillen gegen das Christentum als solches richten und nicht zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen unterscheiden. Im Angesicht feindlicher Angriffe seien konfessionelle Streitigkeiten daher unangemessen. Papst Franziskus: „Wenn uns der Feind im Tod vereint, wie kommen wir dazu, uns im Leben zu trennen?

6. Der „Athleta Christi“

Der Ehrentitel Athleta Christi (lateinisch für „Kämpfer Christi“) wurde im 15. Jahrhundert von den Päpsten an Personen verliehen, die sich besonders um die militärische Verteidigung des Christentums gegen das Osmanische Reich verdient gemacht hatten. Zu den Ausgezeichneten zählen u.a. Johann Hunyadi und Georg Kastriota.

7. Das „Bollwerk der Christenheit“ (Antemurale Christianitatis)

Der Begriff bezeichnet die europäischen Grenzgebiete des Christentums, die Angriffen nichtchristlicher Angreifer ausgesetzt waren. Leo X. bezeichnete mit diesem Begriff 1519 die Kroaten, die Invasionen des Osmanischen Reiches in Richtung Mitteleuropa über lange Zeiträume und unter großen Opfern. erfolgreich Widerstand leisteten. Das 16. und 17. Jahrhundert wurde wegen der fortgesetzten Angriffe der Osmanen nach einem 1703 erschienenen Gedicht Paul Ritter-Vitezovićs als Plorantis Croatiae saecula duo („die zwei traurigen Jahrhunderte Kroatiens“) bekannt. Pius II. hatte den Begriff zuvor zur Bezeichnung Albaniens verwendet, das unter Skanderbeg den Osmanen Widerstand leistete.

8. Das geheime Deutschland

Das Konzept beschreibt die Werke und Ideale deutscher Kultur christlich-abendländischen Geistes, die durch die Jahrhunderte hindurch entstanden, sich dabei aufeinander bezogen und aufeinander aufbauten und dadurch ein unsichtbares, geistiges Deutschland schufen.

Es beschreibt auch seine Träger, die oft im Gegensatz zu den politischen und gesellschaftlichen Erscheinungen der Zeit und Umstände standen, in der sie lebten und wirkten. Das Konzept spielte dementsprechend im militärischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine wichtige Rolle.

Ernst Kantoriwicz definierte das Konzept so:

Es ist die geheime Gemeinschaft der Dichter und Weisen, der Helden und Heiligen, der Opferer und Opfer, welche Deutschland hervorgebracht hat und die Deutschland sich dargebracht haben […]. Es ist […] ein Geisterreich wie der mittelalterliche Heiligen- und Engelsstaat, ist ein Menschenreich wie Dantes als ‚Humana civilitas‘ erschaute Jenseitswelt der drei Bezirke […] es ist die in Stufen und Ränge geordnete Heroenwelt des heutigen, des künftigen und des ewigen Deutschland.

9. Das christliche Königtum

Im Mittelalter entstand die Vorstellung, dass politische Herrschaft sich durch ihre Einfügung in die Ordnung Gottes legitimiere. Könige würden ihre Legitimität von Gott erhalten, weshalb ihre Aufgaben auch die Verteidigung des Christentums und der Schutz des Friedens seien. Ihre Erhebung war mit kirchlichen Formen wie etwa bei Salbung und Krönung verbunden. Ihre Herrscherinsignien waren von christlicher Symbolik geprägt.

10. Die Reichsidee

Das Ideal einer völkerübergreifenden politischen Einheit auf Grundlage christlicher Ordnungsvorstellungen und Kultur entstand zur Karolingerzeit. Es geht auf den römischen Reichsgedanken zurück und lebt im christlich-konservativen Ideal der europäischen Einheit fort.