Stand: 13.12.2018

Viele Aspekte katholischer Glaubenspraxis beziehen sich unmittelbar auf den schützenden und bewahrenden Dienst am Nächsten und am Gemeinwesen bzw. haben einen wehrhaften Bezug.

1. Marienverehrung mit wehrhaften Bezügen

1.1 Militärische Bezüge der Marienverehrung

Marienverehrung spielte bei der Verteidigung des Christentums eine wichtige Rolle; insbesondere bei der Verteidigung des christlichen Europas gegen islamische bzw. arabische und osmanische Invasionen.

Das christliche Rittertum war von ausgeprägter Marienverehrung gekennzeichnet. Der Katalane Ramón Llull, der um 1290 eines der wichtigsten Werke über das Rittertum verfasste, sprach von der heiligen Mutterguttes die „mächtig in Schlachten“ sei. Sie sei die Hoffnung der kämpfenden Ritter, und ohne ihre Hilfe könnten diese nicht siegen.1

1.1.1 Die Reconquista

So begann etwa die Reconquista auf der spanischen Halbinsel um das Jahr 722 am Marienheiligtum Covadonga, als der Heerführer Pelagius von Asturien dort um Beistand bat. Auch die erfolgreiche Abwehr osmanischer Invasionen, etwa im Rahmen entscheidender Ereignisse wie der Seeschlacht von Lepanto 1571 oder der Beendigung der Belagerung Wiens 1683, steht in einem engen Zusammenhang mit der Verehrung Marias.

König Alfons VIII. (1155-1214) von Spanien wählte Maria als Schutzpatronin. Unter seiner Führung begann die Reconquista größere Erfolge aufzuweisen. Im späten 13. Jahrhundert fand der Schäfer Gil Cordero am Ufer des Guadalupe eine Madonnenstatue, die mutmaßlich 714 von den Einwohnern der Gegend vor den maurischen Invasoren versteckt worden war. Am Fundort wurde daraufhin eine Kapelle errichtet. König Alfons XI. von Kastilien, der die Kapelle mehrfach besucht hatte, erbat die Hilfe Guadelupes vor der Schlacht am Salado (1340). Seinen Sieg schrieb er ihrem Beistand zu und erklärte die Kirche zu einem königlichen Heiligtum. Der spätere Heilige Ferdinand III. und sein Sohn Alfons X. verstanden sich als marianische Könige. Moscheen in den befreiten Städten wurden oft in Kirchen umgewidmet, die nach Maria benannt wurden. Eine große Zahl von Legenden berichtet über das Eingreifen Marias.

1.1.2 Der Abwehrkampf gegen das Osmanische Reich

Nach einem Sieg über ein überlegenes osmanisches Heer, den er auf das Wirken Marias zurückführte, ließ König Ludwig I. von Ungarn in Mariazell eine Kirche errichten. König Johann III. Sobieski betete vor der Schwarzen Madonna von Tschenstochau in Polen 1683 um die Rettung Europas vor dem Islam, als er sich zusammen mit polnischen Kräften auf dem Weg zur Befreiung Wiens von der osmanischen Belagerung befand. Die ihm unterstellten Soldaten habe er nach dem Besuch angewiesen, im Namen Marias Gott um Hilfe zu bitten. Den unter seiner Führung erzielten entscheidenden Sieg in der Schlacht am Kahlenberg, der die islamische Bedrohung Mitteleuropas für lange Zeit beendete, führte er später auf das Wirken Marias zurück.

1.2 Das Rosenkranzfest

Das heute „Fest der allerseligsten Jungfrau Maria vom Rosenkranz“ (Festum Beatae Mariae Virginis a Rosario), kurz „Rosenkranzfest“ genannte Ereignis wird in der Liturgie der katholischen Kirche am 7. Oktober gefeiert.

Es ist eng verbunden mit der Abwehr der Expansionsbestrebungen des osmanischen Reiches in Richtung Europa im 16. und 18. Jahrhundert. Der Fürsprache der Gottesmutter, die durch das Rosenkranzgebet vieler Beter zu Hilfe gerufen worden war, wurde damals der Sieg über die Angreifer zugeschrieben.

Das Rosenkranzfest wurde durch Papst Pius V. als Dank für den Sieg in der Seeschlacht von Lepanto am 7. Oktober 1571 eingeführt. Durch den Sieg der Flotte der Heiligen Liga wurden damals islamische Expansionsbestrebungen in Richtung Europa im östlichen Mittelmeerraum vorläufig abgewehrt.

  • Das Fest „Maria vom Siege“ wurde zum Jahrestag des Sieges am 7. Oktober 1572 eingeführt. Weil in Rom die sog. Rosenkranzbruderschaften um einen Sieg gebetet hatten, wurde es später in „Rosenkranzfest“ umbenannt. 1573 gestattete Papst Gregor XIII. ein „Fest des heiligen Rosenkranzes“ für alle Kirchen, die einen „Rosenkranzaltar“ besaßen.
  • 1716, nach dem Sieg der kaiserlichen Truppen unter dem Kommando des Prinzen Eugen von Savoyen über das osmanische Reich in der Schlacht von Peterwardein in Ungarn, nahm Papst Clemens XI. das Fest in den Römischen Kalender auf. Es wurde nun am ersten Sonntag im Oktober begangen.
  • Im Jahr 1913 legte Papst Pius X. es auf den 7. Oktober fest.

Das ursprünglich „Maria vom Siege“ genannte Fest war der Dank der Kirche für die Rettung Europas durch den christlichen Sieg über die osmanische Flotte in der Seeschlacht von Lepanto 1571.

1.3 Das Gebet zu Maria, der Siegerin in allen Schlachten Gottes (Papst Pius XII.)

Das Gebet wurde von Pius XII. formuliert.

Hehre Königin des Himmels, höchste Herrin der Engel, du hast von Anbeginn von Gott die Macht und die Sendung erhalten, den Kopf des Satans zu zertreten. Wir bitten dich demütig, sende deine heiligen Legionen, damit sie unter deinem Befehle und durch deine Macht die höllischen Geister verfolgen, überall bekämpfen, ihre Verwegenheit zuschandenmachen und sie in den Abgrund zurückstoßen.

Erhabendste Gottesmutter, schicke dein unüberwindliches Kriegsheer auch in den Kampf gegen die Sendlinge der Hölle unter den Menschen. Zerstöre die Pläne der Gottlosen und beschäme alle, die Übles wollen. Erwirke ihnen die Gnade der Einsicht und der Be­kehrung, auf daß sie dem Dreieinigen Gott und dir die Ehre geben. Verhilf überall der Wahrheit und dem Recht zum Siege.

Himmlische Mutter, dir empfehlen wir unsere Kinder. Sei du ihr täglicher Schutz gegen die Nachstellungen der sichtbaren und unsichtbaren Feinde. Nimm sie an deine Hand, leite und führe sie durch alle Gefahren des Leibes und der Seele zu deinem göttlichen Sohne! Amen.

O Maria, stark wie ein Heer, verleihe den Sieg unseren Scharen. Wir sind so gebrechlich, und der Satan wütet mit solchem Übermut. Aber unter deinem Banner sind wir sicher, daß wir siegen. Unser Feind kennt die Kraft deines Fußes, er fürchtet die Majestät deines Blickes.

Rette uns, o Maria, schön wie der Mond, herrlich wie die Sonne, stark wie ein geordnetes Heer, das sich nicht vom Haß leiten läßt, sondern entflammt ist von Liebe. Amen.

1.4 Die Maria-Hilf-Verehrung

In Zeiten der Not suchten Katholiken vor allem auch Hilfe bei der Muttergottes. Schon früh wurde sie daher unter dem Titel „Hilfe der Christen“ angerufen. Das älteste bekannte Mariengebet, dessen Entstehung sich bis ins 3. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, zeigt Maria als Schutzfrau und Helferin der Gläubigen.

In der „Litanei zur Schmerzensmutter“ wird Maria u.a. die „Mutter der Bedrängten“, die „Helferin der Notleidenden“ und der „Schild der Streitenden“ genannt. Pius XI. nannte sie die „mächtigste Beschützerin“.2

Besonders ausgeprägt war dies im Zusammenhang mit der Bedrohung Europas durch die Osmanen zu beobachten. In vielen Kirchen im süddeutschen und österreichischen finden sich in diesem Zusammenhang Gnadenbilder der Muttergottes als Auxiliatrix Christianorum. Die Marienverehrung auf dem Passauer Mariahilfberg steht ebenfalls im Kontext dieser Bedrohung.

Als 1683 Wien durch die Türken belagert wurde, floh Leopold I. nach Passau. Vor dem Gnadenbild der Wallfahrtskirche Mariahilf betete das Kaiserpaar täglich um Rettung aus der Türkengefahr. Als dann die christliche Allianz die Entsatzschlacht am Kahlenberg unter dem Kampfmotto „Maria hilf!“ gewann, wurde das Passauer Mariahilf-Gnadenbild zum Staatsgnadenbild der Habsburgermonarchie. Die bei der Schlacht erbeuteten Waffen der besiegten Türken sind im Beichtgang der Kirche Mariahilf zu besichtigen. Die Maria-Hilf-Verehrung verbreitete sich zudem auch in Polen und Ungarn.

  • Die Schutzmantelmadonna: Es handelt sich um eine Form der Mariendarstellung, die die Gläubigen unter ihrem ausgebreiteten Mantel birgt. Diese Haltung symbolisiert den Schutz Mariens. Während des 30-jährigen Krieges entstand dieses Lied, welches das Schutzmantelmotiv aufgreift (GL 534): „Maria breit den Mantel aus/mach Schirm und Schild für uns daraus/lass uns darunter sicher stehn/bis alle Stürm vorüber gehn.“

1.5 Das Motiv der „Maria vom Siege“

Darstellungen in der Offenbarung des Johannes, welche die als Maria gedeutete apokalyptische Frau auf einem Halbmond stehend beschreiben („Mondsichelmadonna“), trugen mutmaßlich dazu bei, dass sich viele Gläubige vor allem im Zusammenhang mit der Bedrohung des Christentums durch die Osmanen an Maria wandten.

Der Überlieferung nach habe bei der Belagerung der Johanniter auf der Insel Rhodos durch die Osmanen im Jahr 1480 eine „mit glänzendem Schild und Lanze bewaffnete Jungfrau gefolgt von den ‚Himmlischen'“ die Osmanen in die Flucht geschlagen.

Die Verehrung der „Mutter vom Großen Sieg“ war in Europa nach der erfolgreichen Abwehr der osmanischen Bedrohung bei Lepanto 1571 und bei Wien 1683, die auf ihr Wirken zurückgeführt wurde, weit verbreitet. Nach dem Sieg rief Papst Pius V. das Fest „Beatae Mariae Virginis de Victoria“, („Unserer Heiligen Frau der Siege“) aus, das an jedem ersten Sonntag im Oktober in allen Kirchen mit einem Rosenkranzaltar gefeiert werden sollte.

  • Die „Türkenmadonna“: Die über die Osmanen triumphierende Muttergottes wurde im Zusammenhang mit den marianischen Bezügen der Verteidigung Wiens gegen die Osmanen in der Kunst auch als „Türkenmadonna“ dargestellt.

1.6 Das Fest Mariä Namen

Nach der zweiten Wienbelagerung im Jahre 1683, die 30 Tage nach Mariä Himmelfahrt für die Christen entschieden worden war, ordnete Papst Innozenz XI. für die ganze Kirche das Gnadenfest Mariä Namen an, das jährlich in Gedenken bzw. zum Dank an den Sieg bei Wien begannen werden sollte.

2. Die Verehrung des hl. Erzengels Michael

Der heilige Erzengel Michael bzw. Sankt Michael ist einer der Erzengel genannten, vom Christentum und anderen Religionen beschriebenen nichtmenschlichen Wesenheiten. Er gilt als Führer der Seraphim, die in der Hierarchie dieser Wesenheiten den höchsten Rang einnehmen. In der christlichen Tradition gilt er als Streiter Gottes, der das Volk Gottes und die christliche Ordnung beschützt. Außerdem repräsentiert er die  wehrhaften Aspekte der Kirche und die schützenden männlichen Tugenden.

In der christlichen Kunst wird der Erzengel Michael meist als Krieger dargestellt, der gegen einen Drachen kämpft. Der Drachenkampf symbolisiert dabei den Kampf gegen das Böse. Drachen gelten zudem als allgemeines Symbol für die Bedrohung des Lebens sowie für die den Menschen bedrohenden und angreifenden Kräfte des Bösen.

2.1 Der hl. Erzengel Michael in der Bibel

In der Bibel wird Sankt Michael vor allen in der Offenbarung des Johannes sowie im Buch Daniel erwähnt.

Die wichtigste Erwähnung findet sich in der Offenbarung des Johannes (Offb 12,7-9):

Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.

Im Buch Daniel (Dan 12,1) wird er als „Engelfürst“ bezeichnet, der für das Volk Gottes kämpft:

In jener Zeit tritt Michael auf, der große Engelfürst, der für die Söhne deines Volkes eintritt. Dann kommt eine Zeit der Not, wie noch keine da war, seit es Völker gibt, bis zu jener Zeit. Doch dein Volk wird in jener Zeit gerettet, jeder, der im Buch verzeichnet ist.

Da die Kirche seit der Ankunft Jesu Christi mit dem Volk Gottes identisch ist, bezeichnete Papst Johannes Paul II. den Erzengel als „Beschützer und Helfer“ der Kirche „in allen ihren Kämpfen für die Verteidigung und Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden“. Papst Benedikt XVI. bekräftigte dies 2007 und sagte über den Erzengel, dass dessen Aufgabe der Bibel nach auch darin bestehe, „Beschützer des Gottesvolkes zu sein“.

Eine weitere kurze Erwähnung findet sich in Judas 9, wo der Erzengel Satan sagt:

Der Herr weise dich in die Schranken.

Als Gott die Engel auf ihre Bereitschaft zu dienen prüfte, antwortete Luzifer der Überlieferung nach, dass er nicht zu dienen bereit sei. Sankt Michael hingegen war gehorsam und stellte sich in den Dienst. Sein Name bedeutet in hebräischer Sprache: „Wer ist wie Gott?“, was sowohl ein Schlachtruf als auch eine Antwort auf die Revolte gegen Gott durch Satan und als Leitsatz des Kampfes der treu zu Gott und seiner Ordnung stehenden geistigen Kräfte zu verstehen ist.

Sankt Michael wird zudem die Antwort „serviam“ („ich werde dienen“) als Antwort auf das „non serviam“ Luzifers zugeschrieben.

2.2 Die Verehrung des hl. Erzengels Michael

Pius XII. sagte über die Verehrung des hl. Erzengels Michael:

Noch nie war die Hinwendung zum heiligen Erzengel Michael so dringend wie heute. Denn die Welt, von Lüge und Hass vergiftet und von Terror und Gewalt zerrissen, hat die moralische Gesundheit und Freude verloren.

In der Kunst wird der Erzengel häufig als Krieger mit Schwert und Lanze dargestellt, der gegen den meist als Drachen dargestellten Satan kämpft.

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurden Bezüge auf den hl. Erzengel Michael in der Kirche deutlich reduziert, etwa in der Heiligen Messe, an deren Ende zwischen 1886 und 1964 ein Michaelsgebet gesprochen wurde.

2018 entschlossen sich im Zuge der Krise der Kirche in den USA viele Bischöfe dort dazu, dieses Gebet wieder stärker zu betonen. Es wird nun nach dem Schlußsegen der Heiligen Messe gesprochen und ist damit nicht unmittelbar Teil von ihr.

2.2.1 Michaelsverehrung durch Menschen in Sicherheitsberufen

Der hl. Erzengel Michael gilt als Schutzpatron der Soldaten, insbesondere auch der Fallschirmjäger, sowie der Polizisten. Im Mittelalter galt er zusammen mit dem hl. Georg als Schutzpatron des Rittertums. Die hl. Johanna von Orleans sah ihn in ihren Visionen, in denen sie ihre Berufung empfing.

In den USA wird am Michaelistag zum Teil eine sog. „Blue Mass“ für Menschen zelebriert, die in Sicherheitsberufen tätig sind, etwa Polizisten, Soldaten, Feuerwehrleute und Personal von Rettungsdiensten. Diese Tradition wurde am Michaelistag 1934 durch Thomas Dade an der St. Patrick’s Catholic Church in Washington D.C. eingeführt.

Der hl. Erzengel Michael spielte im spirituellen Leben des französischen Gendarmerie-Offiziers Arnaud Beltrame eine wichtige Rolle. Beltrame stellte sich am 23.03.2018 bei einem Einsatz gegen einen islamistischen Terroristen im südfranzösischen Trèbes als Austauschgeisel zur Verfügung und starb dabei als christlicher Märtyrer.

2.2.2 Michaelsverehrung bei katholischen Jugendbünden des 20. Jahrhunderts

Der hl. Erzengel Michael war für die katholischen Bünde der Zwischenkriegszeit, etwa die Sturmschar, eine wichtige Identifikationsfigur, ähnlich wie Sankt Georg für die Pfadfinderbewegung. Die Sturmschar beging seit 1932 ihren Bundestag, bei dem neue Mitglieder feierlich aufgenommen wurden, am Michaelistag.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten diente die Michaelsverehrung aus der Betonung der Ablehnung des neuheudnisch geprägten Nationalsozialismus. Die Bundestage der Sturmschar galten als kämpferische Glaubenskundgebungen, die Patriotismus und Ablehnung des Nationalsozialismus miteinander verbanden. Unter dem Druck der Nationalsozialisten benannte sich die Sturmschar 1937 in „Gemeinschaft Sankt Michael“ um und behielt diesen Namen bis zu ihrem Verbot 1939 bei.

2.2.3 Orte der Michaelsverehrung

Ein wichtiger Ort der Verehrung des Erzengels ist der Monte Sant’Angelo in der süditalienischen Provinz Apulien. Der Erzengel wird hier seit dem Jahr 493 verehrt, nachdem er dort mehrmals erschienen sei. Der Ort gilt als eines der wichtigsten Heiligtümer Italiens und wurde von zahlreichen Päpsten, Kaisern und Heiligen besucht. Der hl. Franziskus von Assisi soll beim Besuch so bewegt gewesen sein, dass er sich nicht für würdig gehalten habe, die heilige Grotte des Ortes zu betreten.

Pius XII. beschrieb, dass „der Erzengel Michael diesen Ort unter seinen besonderen Schutz nahm und damit zu gleicher Zeit kundtun wollte, dass hier Gott besonders verehrt werden sollte zu seinem und der Engel Gedächtnis.“3

Papst Johannes Paul II. pilgerte 1987 zum Monte Sant’Angelo und erklärte zu diesem Anlass:

Ich bin gekommen, um den Erzengel Michael zu verehren und ihn anzurufen, damit er die Kirche in einem Moment schütze und verteidige, in dem es schwierig ist, ein authentisches christliches Zeugnis ohne Kompromisse oder Halbheiten zu geben.

Ein weiterer wichtiger Ort der Michaelsverehrung ist der Mont Saint-Michel in der Normandie.

2.3 Gebete zum hl. Erzengel Michael

Es gibt zwei wichtige Gebete zum hl. Erzengel Michael, die beide von Papst Leo XIII. formuliert wurden.

2.3.1 Gebet zum heiligen Erzengel Michael von Papst Leo XIII. (1886)

Im Jahre 1884 erfuhr Papst Leo XIII. eine Vision von einer Zukunft, in der der Satan in der Kirche triumphieren würde. Zwei Jahre später fügte er deshalb der Liturgie der alten lateinischen Messe einige „Fürbitten in bedrängter Zeit“ hinzu, darunter auch ein Gebet zum Heiligen Erzengel Michael.

Das Gebet war zwischen 1886 und 1964 Teil der Heiligen Messe.

Dies ist der Text des Gebets:

Heiliger Erzengel Michael,
verteidige uns im Kampfe;
gegen die Bosheit und die Nachstellungen des Teufels sei unser Schutz!
Gott gebiete ihm, so bitten wir flehentlich.
Und du, Fürst der himmlischen Heerscharen,
stürze den Satan und die anderen bösen Geister,
die zum Verderben der Menschen
die Welt durchziehen,
mit Gottes Kraft hinab in den Abgrund.
Amen.

Der lateinische Text des Gebetes lautet:

Sancte Michael Archangele,
defende nos in proelio;
contra nequitiam et insidias diaboli esto praesidium.
Imperet illi Deus, supplices deprecamur:
tuque, Princeps militiae Caelestis,
satanam aliosque spiritus malignos,
qui ad perditionem animarum pervagantur in mundo,
divina virtute in infernum detrude.
Amen

1888 formulierte Leo XIII. noch ein zweites, längeres Michaelsgebet.

2018 begannen zahlreiche katholische Gemeinden in den USA vor dem Hintergrund der Krise der Kirche wieder damit, das Gebet nach dem Schlußsegen der Heiligen Messe zu beten.

2.3.2 Gebet zum heiligen Erzengel Michael von Papst Leo XIII. (1888)

Von Papst Leo XIII. (1810-1903) stammt neben einem bekannteren kürzeren Gebet auch dieses 1888 veröffentlichte, im Folgenden wiedergegebene Gebet zum heiligen Erzengel Michael. Er formulierte das Gebet zur Verwendung in Exorzismen.

Dies ist der Text des Gebetes:

Heiliger Erzengel Michael,
Du ruhmreicher Prinz der himmlischen Heerscharen,
verteidige uns in diesem schlimmen Krieg, den wir gegen Mächte und Gewalten,
gegen die Beherrscher der Welt der Finsternis
und gegen die bösen Geister in den Himmelshöhen führen müssen.
Komme den Menschen zu Hilfe,
die Gott nach seinem Bild und Gleichnis gemacht, unsterblich erschaffen,
und aus der Tyrannei des Teufels um einen teuren Preis erkauft hat.

Kämpfe – vereint mit dem Heer der seligen Engel – heute wieder so die Schlachten des Herrn,
wie Du einst gegen Luzifer, den Anführer des teuflischen Stolzes
und seine abtrünnigen Engel gekämpft hast!
Denn sie siegten nicht! Ihre Stätte ward nicht mehr gefunden im Himmel.
Hinab gestürzt wurde stattdessen der grausame Drache, die alte Schlange,
die Teufel und Satan genannt wird und der die ganze Welt verführt.
Er wurde vom Himmel hinabgeworfen auf die Erde, und mit ihm all seine Engel.

Doch sieh! Der Urfeind hat sich wieder erhoben.
Der Menschenmörder hat wieder Mut gefasst.
Als Engel des Lichts verwandelt und getarnt schweift er mit einer Vielzahl böser Geister
in Raubzügen auf der Erde umher,
um hier den Namen Gottes und seines Gesalbten auszumerzen
und sich der Seelen zu bemächtigen, die für die Krone ewigen Ruhms bestimmt waren,
um sie umzubringen und dem ewigen Untergang zu weihen.
Wie Abwasser gießt der feindselige Drache
das Gift seiner Bosheit auf Menschen, deren Geist und Herzen er verführt verdorben hat:
Den Geist der Lüge, der Ehrfurchtslosigkeit und Gotteslästerung;
den todbringenden Hauch der Ausschweifung und aller Laster und Gemeinheit.

Die überaus durchtriebenen Feinde erfüllen die Kirche,
die Braut des unbefleckten Lammes,
mit Galle und Bitterkeit und berauschen sie mit Wermut.
Ihre frevlerischen Hände haben sie an die heiligsten Schätze gelegt.
Selbst am heiligen Ort, wo der Sitz des heiligen Petrus und der Lehrstuhl der Wahrheit
zur Erleuchtung der Völker errichtet ist,
haben sie den Thron ihrer abscheulichen Gottlosigkeit aufgestellt,
voller Heimtücke, damit, nachdem der Hirt geschlagen ist,
sie auch die Herde zerstreuen können.

Erhebe Dich also, unbesiegbarer Prinz,
und stehe dem Gottesvolk gegen den Ansturm der bösen Geister bei! Gib Du ihm den Sieg!
Die heilige Kirche verehrt Dich als ihren Hüter und Beschützer.
Du bist ihr Ruhm, weil Du sie gegen die bösen Mächte der Erde und Unterwelt verteidigst.
Dir hat der Herr die Seelen der Menschen anvertraut,
um sie in die himmlische Glückseligkeit zu geleiten.

Bitte inständig den Gott des Friedens,
Er möge den Satan unter unseren Füßen zermalmen,
damit er die Menschen nicht länger gefangen halten und der Kirche schaden könne!
Bringe Du unsere Bitten vor das Angesicht des Allerhöchsten,
lass sie zur Aussöhnung mit der Gnade und dem Erbarmen des Herrn kommen,
während Du den Drachen ergreifst,
die alte Schlange, die der Teufel und der Satan ist,
und ihn gefesselt in den Abgrund stürzt und bindest,
damit er die Völker nicht mehr verführe.
Amen.

2.4 Der Michaelistag (29. September)

Das Fest des hl. Erzengels Michael bzw. der Michaelistag wird am 29. September begangen. Im Mittelalter war der Michaelistag ein gebotener kirchlicher Feiertag.

Der Michaelistag wurde durch den fränkischen König Ludwig den Frommen, einen Sohn und Nachfolger Karls des Großen, auf dem Konzil von Mainz 813 auf Ende September festgelegt. Er sollte so die heidnische Festwoche zur Verehrung Wotans ablösen, die ab Herbstbeginn zur Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche gefeiert wurde.

In diesem Zusammenhang spielte auch der Herbstbeginn bzw. die Vorbereitung auf den herannahenden Winter eine wichtige Rolle. Am Michaelistag fanden häufig Erntefeste und Jahrmärkte statt. Es sind zudem zahlreiche Bauernregeln rund um den Michaelistag überliefert, die sich auf entsprechende Zeichen beziehen.4

2.5 Das Michaelslied („Unüberwindlich starker Held, Sankt Michael“)

Das bekannteste Michaelslied mit dem Titel „Unüberwindlich starker Held, Sankt Michael“ wird Friedrich Spee (1591–1635) zugeschrieben. Das Lied war im katholischen Gesangbuch „Gotteslob“ von 1975 noch enthalten, wurde in die Fassung von 2013 jedoch nicht mehr aufgenommen.

2.6 Die Michaelshymne von Gertrud Le Fort

Die katholische Schriftstellerin Getrud von Le Fort dichtete 1933 vor dem Hintergrund des beginnenden Unheils der Herrschaft des Nationalsozialismus eine Michaelshymne, in der sie ihrer Hoffnung auf eine christliche Erneuerung Deutschlands Ausdruck verlieh:

Erzener Engel, gedenke deines Erzvolks,
Das du in Dienst genommen am Throne des Völker-Vaters,
Als die Nationen einst ihre ewigen Führer empfingen!
Du unser Feldherr vom Himmel, vergiß nicht Deines Feldheers
Und führe es wieder wie einst,
Da du beim Ansturm der Heiden
Ihm vorgebraust im triumphierenden Banner!
Engel, du selber hattest Deutschland gewaffnet,
Du gabst ihm den Ritterschlag Christi,
Du gabst ihm das heil’ge Panier,
Und unter dem Schild deiner Flügel
Wurde es selber zum Schild
Wider den Drachen des Abgrunds –
Nun liegt dein Volk im Abgrund!!
Ritter-Engel, brich auf,
Held aller Helden,
Gewaffnet mit ehernem Licht
Und mit der Wahrheit
Unerbittlichem Schwert:
O rette dein eigenes Banner!
Mit deinem Namen
Wird uns der Richter einst rufen am letzten Tage der Völker
Mit deinem Namen
Ehrt uns der Spott noch der Welt –
Satanvernichtender Engel,
Vernichte du in unsren Reihen den Satan
Sieger-Engel des unbesieglichen Gottes,
Besiege dein eigenes Volk
Und wirf es im goldnen Gewitter der himmlischen Scharen
In seine ewige Burg!

2.7 Der hl. Erzengel Michael als Schutzpatron Deutschlands

Der hl. Bonifatius führte im 8. Jahrhundert die Michaelsverehrung im Rahmen seiner Mission unter den Stämmen des späteren Deutschlands ein, weil er vermutete, dass diese sich wegen ihrer martialischen Traditionen gut mit ihm identifizieren können würden. Auf diese Zeit geht auch die Kirche St. Michael auf dem Michaelsberg neben dem Fuldaer Dom zurück.

Im frühen Mittelalter wurde ein Bild des Erzengels in das Reichsbanner aufgenommen, zusammen mit dem Satz: „Ecce Michael, princeps magnus, venit in adiutorium mihi“ („Dies ist Michael, der große Fürst, er kommt mir zur Hilfe“). Seit dem frühen Mittelalter gilt Sankt Michael auch als Schutzpatron der deutschen Nation. Im Jahre 2022 jährt sich die Wallfahrt Kaiser Heinrich II. zum wichtigsten Michaelsheiligtum Monte Sant’Angelo zum tausendsten Mal.

Dem Erzengel wurden zwei wichtige Siege in den Abwehrkämpfen gegen die damals noch heidnischen Ungarn zugeschrieben. Es handelt sich um den Sieg in der Schlacht an der Unstrut (933) und den Sieg in der Schlacht auf dem Lechfeld unter Otto I. im Jahr 955. Bei beiden Schlachten wurde den Truppen des Reiches das Reichsbanner vorangetragen, das den Erzengel zeigte. Ungarischen Chronisten zufolge habe auf deutscher Seite ein „fliegender Gott mit goldenen Flügeln“ gekämpft und die Schlacht entschieden.

2.8 Der Drachenkampf als universelles religiöses und mythologisches Motiv

Der Psychologe Jordan B. Peterson behandelt in seiner Arbeit mit Schwerpunkt den geistigen Kampf des Menschen gegen die chaotischen Kräfte, die seine Seele angreifen.

Mythologische Bezüge spielen im Werk Petersons, der sich auf die Arbeit des Psychologen C.G. Jung und des von ihm beeinflussten Mythologen Joseph Campbell stützt, eine wichtige Rolle. Mythen seien Erzählungen, die psychologisch fundierte Aussagen über die Natur des Menschen sowie seine Rolle und seinen Auftrag in der Welt beschrieben. Mythen seien der Ausdruck eines tieferen, im Gegensatz zum rationalen Denken größere Teile der Wirklichkeit umfassenden Denkens.

Dies gelte insbesondere für den in vielen Kulturen zu findenden Kampfmythos. Dieser beschreibt eine Auseinandersetzung zwischen göttlichen Wesenheiten auf kosmischer Ebene. In diesem Kampf stehen sich ein die kosmische Ordnung verteidigender göttlicher Held sowie ein diese Ordnung bedrohender und herausfordernder, das Chaos repräsentierender Drache gegenüber. Im Kampf zwischen beiden geht es um die Herrschaft über den Kosmos.

Peterson geht davon aus, dass dieses mythologische Motiv zu den ältesten Überlieferungen des Menschen gehört. Es stamme aus unbekannter Quelle, sei in vielen Kulturen zu finden und erstmals vor rund 6.000 Jahren aufgetaucht.

Das Bild des Drachenkampfes im Christentum

Eine herausgehobene Rolle spielt dieser Kampfmythos im Christentum bzw. in der Bibel, wo das Motiv des Drachenkampfes sich sowohl im Buch Genesis als auch in der Offenbarung des Johannes findet. Hier wird die gesamte Geschichte des Menschen als Schauplatz eines kosmischen Kampfes dargestellt, in dem ein Drache, „die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt“, Krieg führt gegen „eine Frau, mit der Sonne bekleidet“ sowie gegen ihren zur Herrschaft über die Welt bestimmten Sohn und jene, die die „Gebote Gottes bewahren und an dem Zeugnis für Jesus festhalten.“

Das Bild des Drachen als Feind des Menschen findet sich im christlichen Kontext im Alten Testament (etwa in Gen 3,1) sowie in der Offenbarung des Johannes (etwa in Offb 12), wo der heilige Erzengel Michael als Drachentöter beschrieben wird. Der Drache ist hier insbesondere der Feind Evas (in Gen 3,1) sowie der Feind der als Maria gedeuteten apokalyptischen Frau. In der Kunst wird auch Jesus Christus bzw. das Lamm Gottes vereinzelt als Drachentöter dargestellt.

Drachentöter treten in der christlichen Überlieferung darüberhinaus in vielfacher Gestalt auf. Der bekannteste legendäre Drachentöter ist der heilige Georg. Die hl. Margareta von Antiochia ist eine der seltenen Drachentöterinnen. Der hl. Martha von Bethanien wird die Zähmung des Drachen Tarasque zugeschrieben, ebenso dem hl. Marcellus von Paris.

Das Motiv des Drachenkampfes außerhalb des Christentums

Das Bild des Drachens und des Drachentöters ist in den Mythen der Menschheit nahezu universell verbreitet. Einige Beispiele sind:

  • Marduk besiegt den Chaos-Drachen Tiamat in der babylonischen Mythologie;
  • Apollon besiegt Python und Herakles besiegt Hydra in der griechischen Mythologie;
  • In indischen Mythen kämpft Garuda gegen einen Drachen.
  • In der japanischen Mythologie tötet Gozu-Tenno einen Drachen, um die Prinzessin Inada zu retten. Gozu-Tenno wird verbreitet mit der schintoistischen Schutzgottheit Susanoo no mikoto („Tapfer-schneller-ungestümer Mann“) gleichgesetzt, die ebenfalls gegen Drachen kämpft.
  • Bayajidda tötet in der Ursprungslegende der afrikanischen Hausa den Drachen Sarki, der den Zugang zum Wasser eines Brunnens behindert;
  • Siegfried tötet in der germanischen Mythologie den Drachen Fafnir.

Bei den Drachentötern der Legenden und Mythen handelt sich um Männer, die gegen das Böse kämpfen und dazu Tugend aufbringen müssen. Ein Drachentöter befreit zumeist durch seine Tat die Menschen aus der Umgebung vor Überfällen und Verwüstungen durch den feindseligen Drachen oder aus einer langanhaltenden Dürre. Manchmal rettet er Frauen aus der Gefangenschaft in der Drachenhöhle oder gewinnt Zugang zu einem Schatz, der vom Drachen verwahrt und bewacht wurde.

Die Motive des Drachens und des Drachentöters sind so tief in der europäischen Kultur verwurzelt, dass sie auch in Unterhaltungsfilmen der Gegenwart eine promimente Rolle spielten.

3. Sonstiges

  • Fronleichnamsprozessionen: Diese sind seit 1264 belegt. An ihnen nahmen von Anfang an Ritter sowie Schützenbruderschaften teil. Prozessionen bzw. das „Hinziehen zum Gottesdienst“ gehen vermutlich auf römische Vorbilder zurück, z.B. die Triumphzüge siegreicher Feldherren.
  • Der Jakobsweg: Pilgerfahrt zur Unterstützung der spanischen Recoquista
  • Das Mittagsläuten: Papst Calixtus III. (1378–1458) ordnete aus dem Anlass der damaligen Bedrohung Österreichs und Ungarns durch die Osmanen am 29. Juni 1456 an, dass Kirchenglocken mittags durch ihr Geläut die Gläubigen dazu aufrufen sollten, drei Vater Unser und drei Ave Maria beten. Das Heer Sultan Mehmeds II. wurde am 22. Juli 1456 nahe Belgrad trotz seiner Übermacht von einer Allianz aus ungarischen Truppen und einem bäuerlichen Kreuzfahrerheer geschlagen. Papst Calixtus III. erhielt erst am 6. August 1456 die Siegesnachricht. Aufgrund der zeitlichen Nähe der Ereignisse und der damaligen langen Kommunikationswege nahmen der Klerus und die Gläubigen an, dass fortan das kirchliche Mittagsgeläut zur Feier der erfolgreichen Abwehr der muslimischen Invasoren zu ertönen habe. Nachdem die Bedrohung des osmanischen Reiches gegenüber Europa trotz dieses Sieges für Jahrhunderte nicht gebannt war, wurde die päpstliche Anordnung fortgeführt und als Dankesbrauch für die Abwehr der Bedrohung bis heute beibehalten. Es ging als „Türkenläuten“ in den allgemeinen Sprachgebrauch ein. Die Praxis hatte Vorläufer. So hatte Erzbischof Wolfram von Prag schon 1399 verordnet, jeden Freitag solle um neun, der Todesstunde alle Glocken geläutet werden, um dem Sieg der Osmanen über die Christen zu gedenken. Dabei sollten die Menschen in ihren Tätigkeiten innezuhalten und mit gebeugtem Knie fünfmal das Gebet des Herrn zu sprechen. Seit dem 18. Jahrhundert wird das Mittagsläuten wieder vorwiegend als Gebetsläuten zum Angelus-Gebet verstanden.
  • „Türkenglocken“: Es handelt sich dabei um Kirchenglocken, die aus von geschlagenen osmanischen Angreifern zurückgelassenen Kanonen gegossen wurden. Sie finden sich vor allem in Österreich. Ein bekanntes Beispiel ist die Türkenglocke auf dem Grazer Schlossberg, die 1587 im Auftrag gegeben wurde und aus 101 osmanischen Kanonen gefertigt worden sei. Nach dem Sieg in der Schlacht um Wien bzw. in der Schlacht am Kahlenberg 1683 wurde die Glocke jeweils morgens, mittags und abends 101 Mal zum Dank an die Muttergottes und als Bitte für weiteren Schutz geläutet. Auch die „Pummerin“, die größte Glocke des Stephansdoms in Wien, wurde aus zurückgelassenen osmanischen Kanonen gegossen.
  • Gebetswachen: Ein übliches Ritual vor dem Ritterschlag war eine nächtliche Gebetswache in Rüstung vor einer Figur der Muttergottes.

3.1 Das Angelus-Gebet: Ein Gebet für die Rettung Europas

Das Angelus-Gebet wurde 1571 durch Papst Pius V. eingeführt. Es geht auf mehrere Vorläufer zurück. Einer davon ist ist die Einführung des täglichen Mittagsläuten durch Papst Calixt III. im Jahre 1456, bei dem sich alle Christen wegen der osmanischen Bedrohung unter der Führung Mehmet II. im Gebet vereinen und mit drei Ave Maria und Vaterunser-Gebeten um Schutz für das bedrohte Christentum bitten sollten.

Damals standen die Osmanen erstmals vor Belgrad, konnten aber abgewehrt werden, weil am 22. Juli 1456 ein ungarisches Heer die Türken zurückschlug. Mehmet II. hatte zuvor im Jahre 1453 Konstantinopel erobert.

3.2 Waffensegnungen

Die „Benedictio Armorum“ hat ihren Ursprung im frühen Rittertum und sind seit dem 10. Jhd. belegt. Sie sollten unter anderem den Träger der Waffen darauf verpflichten, diese zum Schutz von „Kirchen, Witwen, Waisen und allen, die Gott dienen“ einzusetzen.

Das katholische Ritual der Waffensegnung wurde lange im Pontifikale Romanum, einem liturgischen Buch, überliefert.

  • Waffen wurden vor der Übergabe an den Kandidaten für Ritterstand durch einen Priester oder Bischof im Zuge der Schwertleite innerhalb einer heiligen Messe nach der Evangelienlesung gesegnet. Das Schwert wurde nach der Segnung zusammen mit anderer gesegneter Ausrüstung angelegt.
  • Der Ritter zog darauf das Schwert, schwang es dreimal in der Luft und steckte es wieder in die Scheide. Danach küsste ihn der Bischof (oder Priester) und gab ihm den Ritterschlag. Man legte dem Ritter die Sporen an und der Bischof (oder Priester) überreichte ihm eine Kriegsfahne.
  • In den ältesten Formularen wurde Gott darum gebeten, den Ritter zu beschützen und das Schwert zu segnen, „insofern“ damit „Kirchen, Witwen, Waisen und alle, die Gott dienen“ gegen die Heiden verteidigt würden. Aus den mittelalterlichen Ritualsammlungen wurde die Segnung des Schwerts (mit der Segnung anderer Ausrüstungsgegenstände des Ritters) in der Liturgiereform nach dem tridentinischen Konzil 1596 in das Pontifikale Romanum übernommen. Ein der Ritualsequenz der Schwertleite ähnliches Formular findet sich auch zur „Segnung eines neuen Soldaten“ nach den Ritualen der Weihe von König und Königin im Pontifikale Romanum..
  • Wenn der Bischof ein Schwert segnen will, sagt er zu jenem, dem es übergeben werden soll, während (jener) vor ihm kniet, er (der Bischof) aber ohne Mitra steht und während einer der Assistenz es (das Schwert) vor ihm hält: V (= Vorsteher, Bischof): Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn. R (= Antwort): Der Himmel und Erde erschaffen hat. V: Der Herr sei mit euch. R: Und mit deinem Geiste. V: Lasset uns beten. Wir bitten dich, Herr, du mögest geruhen, dieses Schwert zu segnen und diesen, deinen Diener, der es mit deiner Erlaubnis erhalten will; du mögest ihn durch Wachsamkeit deiner Frömmigkeit schützen und ihn unverletzt bewahren. Durch Christus, unseren Herrn etc. R: Amen. Daraufhin besprengt er das Schwert mit Weihwasser. Dann setzt er sich, nimmt die Mitra, übergibt es jenem, dem es übergeben werden soll, und spricht, während derselbe weiterhin vor ihm kniend bleibt: Empfange dieses Schwert im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und benütze es zu deiner Verteidigung, und (zur Verteidigung) der heiligen Kirche Gottes, und zur Verwirrung der Feinde des Kreuzes Christi und des christlichen Glaubens. Und soweit es die menschliche Schwäche gestattet, mögest du damit niemanden in ungerechter Weise verletzen, was er selbst dir zu gewähren geruhen möge; er, der mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebt und herrscht, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. R: Amen.
  • In dieser Form der Segnung des Schwertes wird Gott um den Schutz des Ritters gebeten und die Zweckbestimmung des Schwertes selbst wird in eine Mahnrede an seinen Träger umgestaltet. Die Mahnrede setzt der zukünftigen Verwendung des Schwerts sehr enge Grenzen.

Weder im Ersten noch im Zweiten Weltkrieg sind Waffensegnungen nachgewiesen.5

Vor allem aufgrund von missbräuchlicher Verwendung für säkulare Zwecke im 20. Jahrhundert bzw. aufgrund der Segnung von Waffen, die für den Einsatz zu schlechten Zwecken gedacht waren, werden Waffensegnungen derzeit durch die Kirche nicht praktiziert. In den nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erschienenen Ausgaben des Pontifikale Romanum sind entsprechende Segensformeln nicht mehr enthalten.

3.3 Segnung von Kriegsflaggen

Diese wird als „Benedictio Vexilli Bellici“ bezeichnet.

3.4 Das „Türkengebet“ und die „Türkenpredigten“

Diese waren eine bis zum Ende der osmanischen Einfälle in Mitteleuropa im 17. Jahrhundert verbreitete Praxis. In diesen Gebeten stand die Auseinandersetzung mit den eigenen sittlichen Verfehlungen im Vordergrund, die als eigentliche Ursache der osmanischen Bedrohung betrachtet wurde. In Predigten wurden dabei auch Missstände angeprangert, welche die Erfolge der Osmanen begünstigten. Papst Calixtus III. ermahnte in diesem Sinne etwa in einer Bulle aus dem Jahr 1456 zu Gebet, Fasten und Buße sowie zu Bittprozessionen und Messen sowie Predigten. 1571 ordnete auch Papst Pius IV. entsprechende Gebete an, bei denen das Eingeständnis der eigenen Sünden und Unzulänglichkeiten im Vordergrund stand. Die Christenheit trage selbst Schuld an der osmanischen Bedrohung und habe diese durch sündige Lebensweise und Vernachlässigung des Betens heraufbeschworen. In entsprechenden Predigten, etwa des bekannten Augustiners Abraham a Sancta Clara, ging es dementsprechend neben dem Aufruf zum Kampf auch um innere Umkehr und Erneuerung. Zudem riefen entsprechende Gebete und Predigten zur konfessionellen und politischen Einheit bei der Abwehr dieser Bedrohung auf.

3.5 Das Grabmal des unbekannten Soldaten

Das Konzept ist im ganzen christlich geprägten Kulturraum verbreitet und beruht auf christlichen Vorstellungen über den moralischen Rang des Dienstes unter Opfern. Die Grabstätten enthalten die Gebeine von Soldaten, deren Namen nicht bekannt bzw. nur Gott bekannt ist, wie auf vielen Inschriften vermerkt ist.

Das entsprechende Grabmal steht somit symbolisch für alle Menschen, die im schützenden Dienst an einem Gemeinwesen den Tod fanden, weshalb ihnen besondere Achtung gebührt. In Großbritannien befindet sich das Grabmal des unbekannten Soldaten im Eingangsbereich der Westminster Abbey im Mittelgang, so dass jeder, auch die Mitglieder der königlichen Familie, bei offiziellen Anlässen um das Grab herumgehen und dem unbekannten Soldaten seine Ehre erweisen muss. In einigen Staaten wird dem Bestattetem posthum die höchste Tapferkeitsauszeichnung verliehen, während in anderen die Ehrenwache keine Dienstgradabzeichen trägt um anzuerkennen, dass diejenigen, die dienend ihr Leben gaben, grundsätzlich im Rang über anderen stehen.

3.6 Der Gottesfrieden

Die „Treuga Dei“, der Gottesfriede, gebot am Donnerstag wegen der Einsetzung des Altarssakramentes, am Freitag wegen des Todes Christi, am Samstag wegen der Grabesruhe sowie am Sonntag den Frieden und verbot Kämpfe. Das gleiche galt für Festen, Feiern und Gedenktage.

Im Mittelalter begann die Kirche angesichts des Versagens weltlicher Autoritäten in diesem Bereich vermutlich zunächst auf dem Gebiet des heutigen Frankreichs damit, die Menschen, die sich nicht selbst vor Bewaffneten schützen konnten, unter ihren Schutz zu stellen. Dies betraf neben Geistlichen auch Bauern, Kaufleute und Frauen. Diejenigen, die Übergriffe gegen die begangen, belegte sie mit Kirchenstrafen. Zudem verpflichtete sie Bewaffnete darauf, ihre Waffen nur zu schützendem Dienst einzusetzen. Dem Historiker Alain Demurger zufolge habe das Christentum dadurch dem schlechten Krieg den Krieg erklärt.

3.7 Kreuzzüge

Die im Zeitraum zwischen 1095 bis 1291 durchgeführten Kreuzzüge sind als der letztlich fehlgeschlagene Versuch, die islamischen Eroberungszüge in Richtung des christlichen Kulturraumes einzudämmen und zurückzudrängen, differenziert zu betrachten. Anlass waren Versuche der islamischen Eroberer zur Vernichtung der heiligen Stätten des Christentums in Jerusalem sowie zur Unterbindung von Pilgerfahrten. Darüber hinaus waren sie eine Antwort auf Christenverfolgungen und auf ein Unterstützungsuntersuchen des bedrängten Byzantinischen Reiches, was die Kreuzzüge zu einem Vorläufer der humanitären Interventionen der Gegenwart macht. Die Kreuzzüge waren dabei grundsätzlich defensiv angelegt. Der Historiker Egon Flaig sah 2006 in den Kreuzzügen trotz mancher in ihrem Rahmen beobachteten Fehlentwicklungen (etwa der Plünderung Konstantinopels entgegen des Befehls des Papstes im vierten Kreuzzug) insgesamt eine positiv zu bewertende Leistung, welche die islamische Expansionsbewegung in Richtung Europa über mehrere Jahrhunderte unterband und so dazu beitrug, das sich hier die abendländische Synthese aus antikem und christlichem Denken herausbilden konnte. Das moderne Europa verdanke den Kreuzzügen ähnlich viel wie den griechischen Abwehrkämpfen gegen die Perser. Johann Wolfgang von Goethe, der dem Christentum ansonsten distanziert gegenüberstand, würdigte die Kreuzzüge ausdrücklich als historische Leistung: “Indessen bleiben wir allen aufgeregten Wall- und Kreuzfahrern zu Dank verpflichtet, da wir ihrem religiösen Enthusiasmus, ihrem kräftigen, unermüdlichen Widerstreit gegen östliches Zudringen doch eigentlich Beschützung und Erhaltung der gebildeten europäischen Zustände schuldig geworden.” Dem Historiker Christopher Dawson zufolge habe der Beginn der Kreuzzüge einen Wendepunkt in der abendländischen Geschichte markiert: „In diesem Augenblick enden die langen Jahrhunderte der Schwäche, der Isolierung und der kulturellen Unterlegenheit, als die neuen Völker der westlichen Christenheit zu den alten Zentren der östlichen Mittelmeerkultur zurückkehren.“