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Stand: 24.10.2018

Die Geschichte des christlichen Europas bzw. des Abendlandes wird hier aus der Perspektive der Spiritualität des schützenden und bewahrenden Dienstes in Schlaglichtern dargestellt. Die Seite befindet sich noch in einem frühen Entwurfsstadium.

Die Seite beschreibt vor allem die Geschichte der Kämpfe um die Schaffung und Verteidigung des christlichen Erbes Europas.

Der französische Philosoph Bernard-Henri Lévy betonte, dass Europa „kein Ort, sondern eine Idee“ sei. Es gibt jedoch sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber, was das Wesen Europas ausmacht. Der abendländische Gedanke betont die christlichen Wurzeln, das christliche Wesen und die christliche Bestimmung Europas und unterscheidet sich dabei deutlich von materialistischen Europakonzepten, die in Europa vor allem eine Freihandelszone oder einen durch die gemeinsame Abstammung seiner Bewohner bestimmten Raum sehen.

1. Ur- und Frühgeschichte

In den vergangenen zehn Jahren haben die Populationsgenetik und die Archäologie viele Fragen in diesem Zusammenhang vorläufig beantworten können, die früher weitgehend Gegenstand von Spekulation waren. Zu diesen Fragen gehört auch die Frage nach der Herkunft der Völker Europas. Sie ist noch nicht vollständig verstanden, wird aber mit fortschreitender wissenschaftlicher Erkenntnis zunehmend transparent.

1.1 Die Kulturen der europäischen Altsteinzeit (ca. 50.000-14.000 v. Chr.)

Die Besiedlung Europas durch den modernen Menschen erfolgte vermutlich durch die Nachfahren einer kleinen Gruppe von Menschen, die vor rund 60.000 Jahren den afrikanischen Kontinent verließ. Diese drangen vom Nahen Osten aus auf einem von Neanderthalern bewohnten, durch den Wechsel von Eis- und Warmzeiten gekennzeichneten Kontinent vor.

Vor rund 45.000 Jahren bildete sich in Europa der Cro- Magnon-Mensch heraus. Es setzte eine Phase kultureller Kreativität und Produktivität ein, die Werke hervorbrachte, die bis dahin in der Geschichte der Menschheit unbekannt waren.

  • Die ältesten sicher belegten Musikinstrumente wurden in den Höhlen Geißenklösterle und Hohlefels auf der Schwäbischen Alb gefunden und sind rund 43.000 bzw. 37.000 Jahre alt.
  • In weiten Teilen Europas wurden Frauenfiguren gefunden, die erstmals vor rund 35.000 Jahren nachzuweisen sind und mit Schwerpunkt zwischen 28.000 und 12.000 Jahren alt sind. Die sog. „Venus von Brassempouy“ zeigt die älteste bekannte Darstellung eines menschlichen Gesichts.
  • Immer aufwändigere Bestattungen deuten darauf hin, dass die Menschen der Jungsteinzeit sich fortschreitend intensiv mit dem Tod und dem Leben nach dem Tod auseinandersetzten.
  • Die Zeit der Höhlenmalereien dauerte von ca. 38.000 bis 5.000 v. Chr. Sie entstanden mutmaßlich im Zusammenhang mit Initiationsriten. Die Kunstwerke in den Höhlen von Chauvet (ca. 30.000 v. Chr.) und Lascaux (ca. 16.000 v. Chr.) sind von zeitloser Erhabenheit und Schönheit.

Europa bildete zu dieser Zeit erstmals einen zusammenhängenden Kulturraum zwischen Atlantik und Schwarzem Meer. Die damals lebenden Menschen gehören zu den Vorfahren der heutigen Europäer.1

Während eines Kältemaximums, das vor rund 30.000 Jahren begann, ging die Zahl der Menschen in Europa stark zurück, auf vielleicht nur tausend Menschen. Die Menschen Europas zogen sich vermutlich nach Nordspanien, Italien, den Balkan und die Nordküste des Schwarzen Meeres und möglicherweise Anatolien zurück, von wo aus Nordeuropa später neu besiedelt wurde. Selbst in wärmeren Phasen lebten damals vermutlich nur einige tausend Menschen gleichzeitig in Europa.

Vor rund 25.000 Jahren bildeten sich im Raum des kaspischen Meeres Gruppen von Menschen heraus, deren Vertreter in einer Jahrtausende umspannenden Wanderung über den Nahen Osten und Routen südlich und nördlich des Schwarzen Meeres nach Europa vordrangen, wo vor 16.000-13.000  Jahren der Rückzug der eiszeitlichen Gletscher neue Lebensräume freigab. Vor rund 10.000 Jahren begannen Menschen in die Teile Deutschlands nördlich der Donau vorzudringen, die mit dem Ende der Eiszeit bewohnbar wurden.

1.2 Die neolithische Revolution (seit ca. 6.000 v.Chr)

Vor rund 14.000 Jahren entstanden im Nahen Osten die ersten auf Landwirtschaft gestützten, sesshaften Kulturen. Vor rund 8.500 Jahren weiteten diese ihren Einfluss über Westananatolien und Levante auf die Ägais, den Balkan und von dort aus auf ganz Europa aus. In Westanatolien entstand um 7.500 mit Çatalhöyük eine der ersten Städte.

Der Prozess der neolithischen Durchdringung Europas dauerte mehrere tausend Jahre und fand in Form von Migration von Bauern in das dünn besiedelte Europa statt, welche die ansässige Bevölkerung überwiegend in Richtung Norden verdrängte, sich zum Teil aber auch mit ihr vermischte.

Die Bauern der Jungsteinzeit stellen neben den nacheiszeitlichen Jägern und Sammlern eine weitere Gruppe der Vorfahren der heutigen Europäer dar.2

Aus dieser Phase stammen u.a. die Werke der Megalithkultur (ca. 4.500-2.000 v.Chr), die in den küstennahen Räumen von Mittelmeer und Nord- sowie Ostsee entstanden, etwa die Bauten von Stonehenge (ab ca. 3.000 v.Chr.). Diese Werke belegen den hohen Stellenwert der Religion im Europa der Jungsteinzeit, da der damalige Aufwand zu ihrer Errichtung enorm war.

Ab ca. 3800 v. Chr drangen Angehörige der Trichterbecher-Kulturen im Zuge einer rund ein Jahrtausend anhaltenden Migrationsbewegung aus Skandinavien nach Süden vor. Es handelte sich  bei Nachkommen der Menschen, die zuvor von den neolithischen Bauern nach Norden verdrängt worden waren. Archäoligisch sind aus diesem Zeitraum viele Spuren von Gewalt nachgewiesen.

1.3 Die Indoeuropäer und die Aunjetitzer Kultur (ca. 2.800-1.600 v. Chr.)

Der Archäologe Harald Meller und der Historiker Kai Michel kritisierten, dass wichtige Völker dieser Zeit nach ihren materiellen Produkten benannt worden seien, was ihrer Bedeutung für die europäische Geschichte unangemessen sei. Die Schnurkeramiker- und die Glockenbecherkultur seien „zwei der faszinierendsten europäischen Kulturen überhaupt“.3

  • Die Schnurkeramiker (ca. 2.800-2.200 v.Chr.): Die Proto-Indoeuropäer waren wahrscheinlich Angehörige der Jamnaja-Kultur, die im Zeitraum vor rund 6.000-4.000 Jahren möglicherweise aufgrund verschlechterter Umweltbedingungen in mehreren Wellen aus ihrem nördlich von Kaukasus und Schwarzem Meer gelegenen Siedlungsraum nach Ost- und Mitteleuropa vordrangen und dabei ihre Sprache, Religion und Kultur verbreiteten. Sie waren die Träger der schnurkeramischen Kultur (ca. 2.800-2.350 v.Chr.), die damals Mittel- und Osteuropa prägte.4 Es drangen vorwiegend Männer nach Mitteleuropa vor, die sich ansässige Frauen als Partnerinnen nahmen. Spuren von Kämpfen sind für diese Zeit archäologisch kaum nachweisbar. Mutmaßlich war Mitteleuropa zu dieser Zeit nur dünn besiedelt, weil sie die Proto-Indoeuropäer die Pest in Europa verbreiteten. Die Proto-Indoeuropäer stellen neben den nacheiszeitlichen Jägern und Sammlern sowie den neolitischen Bauern den dritten maßgeblichen Einfluss dar, aus dem die Menschen Europas hervorgingen.5 Auf die proto-indoeuropäische Sprache gehen die meisten heutigen europäischen Sprachen zurück. Zu den proto-indoeuropäischen kulturellen Einflüssen gehören auch die Annahme der Existenz eines anderen Göttern übergeordneten Vatergottes (Proto-Indoeuropäisch: dyeus phater, Altgriechisch: Zeus pater, Latein: Iupiter) und die Dreiteilung der Gesellschaft in Klerus, Kriegerklasse und Bauern.
  • Die Glockenbecher-Kultur (ca. 2.500-2.200 v.Chr): Ab ca. 2.500 v.Chr. drangen auch die Menschen der sog. Glockenbecherkultur aus Siedlungsgebieten, die nach aktuellen Erkenntnissen ebenfalls aus dem Raum nördlich des Schwarzen Meeres stammen, nach Mitteleuropa vor. Ab ca. 2.400 v. Chr. erreichten sie die britische Insel, wo sie Stonehenge übernahmen und weiterbetrieben. Sie waren durch Pferde sehr mobil und besiedelten Teile West- und Mitteleuropas inselartig. Sie beherrschten die Bronzeherstellung und unterhielten wahrscheinlich ganz Europa umspannende Handelsnetzwerke, entlang der sie auch ihre mit der Errichtung von Ringheiligtümern verbundene Religion verbreiteten.
  • Die Aunjetitzer Kultur (ca 2.200-1.600 v. Chr.): Ab ca. 2.200 v. Chr verbanden sich Schnurzkeramiker und Glockenbecher-Kultur auf v.a. auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts zur Aunjetitzer Kultur, die Träger des ersten bekannten Staates Mitteleuropas war. Durch günstige geographische Bedingungen für Landwirtschaft in Form von Schwarzerdeböden sowie die Lage an einem Knotenpunkt europäischer Handelswege konnte die Kultur eine Armee unterhalten, die das Gebiet über Jahrhunderte vor äußeren Bedrohungen schützte und eine lange Friedensperiode ermöglichte. Befestigungen und Spuren von Kämpfen sind für diese Zeit archäologisch nicht nachweisbar. Die Kultur schuf u.a. die Himmelsscheibe von Nebra, die früheste bekannte konkrete Himmelsdarstellung in der Geschichte des Menschen. Sie errichtete zudem große, pyramidenähnliche, mit weißem Kalk überzogene Hügelgräber für ihre Herrscher, die heute weitgehend abgetragen sind. Die Aunjetitzer Kultur stand wahrscheinlich im Kontakt zu den damaligen Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiens, von denen sie kulturelle Impulse aufnahm.6

2. Antike

2.1 Die antiken Wurzeln des Abendlandes

2.1.1 Das antike Griechenland
Philipp von Foltz – Das Zeitalter des Perikles (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die Grundlagen der Kultur des antiken Griechenlands entstanden ab ca. 2.600 v. Chr. auf Kreta in Form der nicht indoeuropäisch-sprachigen minoischen Kultur, welche u.a. eine Schrift schuf, aus der später auch die lateinische Schrift hervorging. Teile der minoischen Kultur überlebten ihren Untergang um 1450 v. Chr.

Die auf indoeuropäische Ursprünge zurückgehende mykenische Kultur (ca. 1.600-1.200 v. Chr.) war die erste Hochkultur auf dem europäischen Kontinent.

Die Zeit zwischen dem 12. und 8. Jahrhundert v. Chr. wird als „dunkles Zeitalter“ bezeichnet, weil aus ihr keine Schriftzeugnisse überliefert sind.

Ab ca. 800 v. Chr. bildet sich eine auf Stadtstaaten (Poleis) gestützte Kultur heraus, die im gesamten Mittelmeerraum Kolonien gründen.

Ab dem 5. Jhd. v. Chr. führen diese durch die äußere Bedrohung zur Einheit gezwungenen Stadtstaaten einen Abwehrkampf gegen persische Versuche zur Expansion nach Europa. Der Begriff „Europa“ entstand zu dieser Zeit. Zwischen ca. 500 und 400 v. Chr. erfolgte auch der kulturelle Aufstieg Athens. Zwischen dem 5. und dem 3. Jahrhundert v. Chr. wirkten die Philosophen Sokrates, Platon und Artistoteles, welche die gesamte europäische Geistesgeschichte bis in die Gegenwart prägen. Auch der Bildungsbegriff der griechischen Antike und ihre auf schlichter Eleganz beruhende Ästhetik wirken bis in die Gegenwart nach.

2.1.2 Das antike Rom

Die römische Kultur hellenisierte sich kulturell ab dem 3. Jhd. v. Chr. und nach der Eroberung Griechenlands setzten die Römer ab dem 2. Jhd. v. Chr. das kulturelle Erbe der Griechen in ihrem Reich fort. Sie schufen die erste politische Ordnung auf europäischer Ebene mit einer gemeinsamen Sprache, in die die Völker und Stämme der damaligen Zeit geordnet eingebunden waren. Das römische Recht wirkt bis in die Gegenwart nach, und einige der herausragenden technischen Werke der Römer wie Wasserleitungen, Brücken und Straßen werden noch heute genutzt.

Im Römischen Reich fand das Christentum die Grundlage dafür vor, zur Weltreligion werden zu können. Die katholische Kirche ist die einzige zu römischer Zeit entstandene Institution, die den Untergang des Reiches überlebte und dabei vieles aus seiner Zeit bewahrte.

2.1.3 Kelten und Germanen

Die Stämme Nord- und Westeuropas treten in der Spätantike mit der Annahme des Christentums und der Einführung einer Schriftkultur in die Geschichte ein.

  • Die Kelten schufen mit der Hallstatt-Kultur (800-450 v. Chr.) die erste höhere Kultur in Europa nördlich der Alpen, die schließlich bis zum Atlantik und an das Schwarze Meer expandierte. Die Latènekultur (450-60 v. Chr.) herrschte über weite Teile Mittel- und Westeuropas errichtete ab ca. 200 v. Chr. urbane Zentren und erreichte die Schwelle zur Hochkultur. Die Kelten wurden später von Germanen und Römern verdrängt oder unterworfen, so dass ihre Kultur in der Spätantike nur noch am westlichen Rand Europas existierte. Hier bildete sie einen Rückzugsraum für das Christentum, von dem später die Christianisierung großer Teile des Kontinents ausging.
  • Die aus der Jastorf-Kultur (ca. 500 v. Chr) hervorgegangenen germanischen Stämme leisteten der Expansion Roms Widerstand und zerstörten während der Völkerwanderung der Römische Reich. Sie waren später jedoch die Träger der Erneuerung des Reichsgedankens in Europa.
2.1.4 Das Judentum

Der jüdische Monotheismus und die auf den Zehn Geboten beruhende jüdische Naturrechtstradition prägten das Christentum und dadurch auch Europa. Die jüdische Tradition nahm auch ägyptische, persische, hethitische, sumerische, babylonische und andere Elemente auf, die teilweise auch in das Christentum eingingen und so in einer veredelten Form bis in das christliche Europa der Gegenwart weiterexistieren.7

2.2 Der Untergang des römischen Reiches (400-476)

3. Mittelalter

3.1 Die Geburt Europas aus dem Geist des Christentums

Papst Benedikt XVI. schrieb über die kulturellen Wurzeln Europas:

Von der Wirkungsgeschichte des Mönchtums her können wir sagen, daß im großen Kulturbruch der Völkerwanderung und der sich bildenden neuen staatlichen Ordnungen die Mönchsklöster der Ort waren, an dem die Schätze der alten Kultur überlebten und zugleich von ihnen her eine neue Kultur langsam geformt wurde.

Es sei jedoch nicht das Ziel der Mönche gewesen, die alte Kultur zu erhalten oder eine neue zu schaffen. Sie hätten vielmehr Gott gesucht:

Da ist zunächst und als erstes ganz nüchtern zu sagen, daß es nicht ihre Absicht war, Kultur zu schaffen oder auch eine vergangene Kultur zu erhalten. Ihr Antrieb war viel elementarer. Ihr Ziel hieß: quaerere Deum. In der Wirrnis der Zeiten, in der nichts standzuhalten schien, wollten sie das Wesentliche tun – sich bemühen, das immer Gültige und Bleibende, das Leben selber zu finden. Sie waren auf der Suche nach Gott. Sie wollten aus dem Unwesentlichen zum Wesentlichen, zum allein wirklich Wichtigen und Verläßlichen kommen. […] Quaerere Deum: Weil sie Christen waren, war dies nicht eine Expedition in eine weglose Wüste, eine Suche ins völlige Dunkel hinein. Gott hatte selbst Wegzeichen ausgesteckt, ja, einen Weg gebahnt, den zu finden und zu gehen die Aufgabe war. Dieser Weg war sein Wort, das in den Büchern der heiligen Schriften vor den Menschen aufgeschlagen war.

Daraus habe sich die christliche Kultur Europas beiläufig entwickelt. Die Mönche hätten auf ihrer Suche Sprachen lernen und sich mit theologischen Gedanken auseinandersetzen müssen, wozu sie Schulen und Bibliotheken gebracht hätten.

3.1.1 Die Geburt der Völker und Nationen Europas auf christlicher Grundlage

Der Historiker Adrian Hastings wies darauf hin, dass sich die Herausbildung der Völker Europas auf der kulturellen Grundlage des Christentums erfolgt sei.8

Die katholische Kirche schuf die geistig-kulturellen Grundlagen dafür, dass mit dem Frankenreich Chlodwigs der erste Vorläufer der späteren europäischen Nationalstaaten entstehen konnte.

Bischof Agobard von Lyon (ca. 769-840) erklärte, dass es im Reich Karls des Großen „nicht mehr Aquitanier und Langobarden, Burgunder oder Allemannen“ gebe, weil alle Bewohner des Reiches durch den Glauben an Gott geeint seien, „der Knecht und der Herr, der Arme und der Reiche, der Ungelehrte und der Gebildete, der Schwache und der Starke, der niedrige Arbeiter und der erhabene Kaiser“.9

Nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt wurden viele Sprachen zum ersten Mal niedergeschrieben, weil christliche Missionare die Bibel in sie übersetzten. Die Bibel war auch in einigen europäischen Sprachen das erste existierende schriftliche Dokument.

3.2 Das Frankenreich und der Übergang zwischen Antike und Mittelalter (ab ca. 450)

Die Franken unter dem aus der Dynastie der Merowinger stammenden König Chlodwig stellten sich als die stärkste germanische Gruppe zur Zeit des Untergangs des Römischen Reiches heraus. Unter Chlodwig (466-511) gelangen Siege gegen andere germanische Stämme sowie die Unterwerfung der Galloromanen, wodurch die Grundlagen des Frankenreiches geschaffen wurden, das er als den Erben Roms verstand. Chlodwig versuchte fortzusetzen und zu bewahren, was vom römischen Erbe noch vorhanden war. Durch seinen zusammen mit rund 3.000 Kriegern vollzogenen Übertritt zum katholischen Christentum zwischen 497-499 schuf er vor allem aber eine der Grundlagen des späteren christlichen Europas.

3.3 Die Kontinuität der Kirche im Chaos nach dem Untergang des Römischen Reiches

Die Grundlagen Europas seien laut Dawson im Chaos des im fünften und sechsten Jahrhundert von Migrationswellen überrannten untergehenden Römischen Reiches von Männern geschaffen worden, die sich aus christlichem Geist heraus gegen die Auflösung und den Zerfall gestellt hätten, der sie umgab.

Papst Gregor der Große (540-604) habe im sechsten Jahrhundert die Lage Roms so beschrieben:

Wenn wir betrachten, wie andere Menschen gestorben sind, finden wir Trost in dem Gedanken an die Art des Todes, die uns bedroht. Welche Verstümmelungen, welche Grausamkeiten haben wir an Menschen verübt gesehen, für die der Tod die einzige Rettung ist und in deren Mitte zu leben eine Qual war! […]

Und sogar wir Überlebenden, wenige wie wir sind, täglich werden wir mit dem Schwerte geschlagen, täglich werden wir heimgesucht von Schmerzen ohne Zahl […] Denn der Senat ist nicht mehr, das Volk ist vergangen, aber Sorge und Seufzen werden täglich vervielfacht unter den wenigen, die übrigblieben. Rom ist nun schon leer und brennend.

In dieser „Zeit des allgemeinen Verfalls und der Zerstörung“ seien „die Grundlagen des neuen Europa gelegt“ worden. Das Papsttum sei damals der letzte verbliebene Träger der antiken Kultur gewesen, die christliches Denken mit griechischer Philosophie und römischem Ordnungsgeist verbunden habe.  Es sei der Kirche dadurch gelungen, „alle Lebenskräfte im allgemeinen Verfall der europäischen Kultur zu vereinen“:

Durch alles Unglück der Völkerwanderung hindurch bewahrten die Wortführer der christlichen Sache, Männer wie Sidonius Apollinaris oder der heilige Avitus, nicht nur den Glauben an Christus, sondern auch an die Berufung des Römischen Reiches und an die Überlegenheit der alten Kultur. Die Christen fühlten, dass das Werk des Reiches nicht vergeblich sein konnte, solange die Kirche lebte.

Die Kirche, die schon damals von staatlichen Institutionen unabhängig gewesen sei, habe so als einige Institution den Zusammenbruch des Reiches überstanden und weiter wirken können. Dabei sei es zunächst gar nicht die Absicht Gregors des Großen und anderer Männer seiner Zeit gewesen, eine neue Ordnung zu schaffen, da dieser Gedanke unter den damaligen Bedingungen absurd gewesen wäre. Die Männer dieser Zeit hätten ihre Kraft aus dem christlichen Motiv geschöpft, den überlebenden Menschen bis zuletzt zu helfen. Einer zeitgenössischen Inschrift zufolge habe Gregor der Große es „verachtet“, „niedergeworfen zu werden, obgleich die Welt versagte.“

In der „Vita Sancti Severini“ wird beschrieben, dass die römische Garnison und Verwaltung in Passau sich in den Jahren nach 476 augelöst hätten nachdem Soldzahlungen ausblieben. In dieser Lage habe die Kirche die Aufgaben übernommen, die bis dahin der römische Staat geleistet habe.

3.3.1 Christliche Klöster als Inseln im Chaos und Geburtsstätten europäischer Kultur

Bereits im sechsten Jahrhundert hätten Persönlichkeiten wie der römische Beamte und spätere Klostergründer Cassiodor (ca. 485-580) erkannt, dass der Staat als Träger höherer Kultur früher oder später ausfallen würde. Er habe systematisch das Wissen der Antike in einem Kloster gesammelt, um es über den Zusammenbruch hinaus zu retten.

Später seien weitere Führergestalten und Heilige wie Benedikt von Nursia (480-547) in Italien oder Columban und Columba in Irland hervorgetreten. Diese hätten eine „in jeder Beziehung zertrümmerte Welt“ vorgefunden, ihren Auftrag im Geist der Propheten des Alten Testamentes ausgeführt und Gemeinschaften um sich versammelt und mit ihnen Zentren geistiger Macht in Form von Klöstern geschaffen. Die Heiligen hätten dabei als „lebendige Kraft“ gewirkt, und die von ihnen gegründeten Klöster waren „Heimstätten einer solchen lebendigen Kraft“:

So war der Geist der Männer, die die neue Zeit schufen – Männer wie der heilige Augustinus, der die Eitelkeit und Vergeblichkeit menschlicher Macht erkannte; wie der heilige Benedikt, der mitten im Unheil der Gotenkriege eine kleine Welt des Friedens und der geistlichen Ordnung schuf; wie der heilige Gregor, der die Sorgen einer ganzen Welt auf seinen Schultern trug, als die ihn umgebende Kultur in Trümmer fiel; wie der heilige Bonifatius, der trotz tiefer Entmutigung und Enttäuschung sein Leben hingab für das Wachstum des christlichen Volkes.

Als „die Finsternis sich über dem Abendland verdichtete“, seien „die Mönche […] die Apostel des Abendlandes und die Begründer der mittelalterlichen Kultur“ gewesen, „die Wächter und Hüter“, „welche auf den Mauern der Stadt Christi Wache hielten und die Angriffe der feindlichen Geister abwehrten“.

In „einer Welt voller Unsicherheit, Unordnung und Barbarei“ hätten die christlichen Mönche „das Ideal einer geistlichen Ordnung und disziplinierten sittlichen Tätigkeit“ gelebt, „die das Kloster zu einer Oase des Friedens in einer kriegerischen Umwelt machten“. Die Klöster seien Komplexe aus Schulen, Kirchen, Wohnhäusern und sozialen Einrichtungen gewesen, die zunehmend an die „Stelle der sterbenden Städte getreten“ und zu Zentren der Kultur geworden seien. Von den Klöstern aus hätten Missionare Reisen in chaotische Gebiete unternommen und dort Stützpunkte geschaffen, aus denen wiederum neue Klöster hervorgingen.

Der in Irland lebende Abt Molua (gest. ca. 609) beschrieb die Arbeit der Mönche folgendermaßen:

Meine lieben Brüder, pflügt die Erde gut und arbeitet fleißig, damit ihr ausreichend zu essen, zu trinken und euch zu kleiden habt. Denn dort, wo die Diener Gottes keinen Mangel leiden, dort herrscht Beständigkeit, und wo Beständigkeit ist, dort ist Gottesdienst möglich und damit religiöses Leben. Und das Ziel des religiösen Lebens ist das ewige Leben.

John Henry Newman zeichnete dieses Bild des kulturbegründenden Wirkens der Klöster:

Überall auf den Feldern und in den Wäldern bemerkte man schweigsame Männer, die dort gruben, lichteten oder anbauten, während andere schweigsame Männer, die man nicht zu sehen bekam, in den kalten Klöstern saßen und mit angespannter Aufmerksamkeit und arbeitsmüden Augen immer aufs neue die Manuskripte abschrieben, die sie gerettet hatten. Da war kein Streit noch Lärm und niemand machte Aufhebens von dem, was geleistet wurde, aber nach und nach erwuchsen in der sumpfigen Wildnis erst eine Einsiedelei, dann ein Kloster, ein Gutshof, eine Abtei, ein Dorf, ein Seminar, eine Schule und schließlich eine Stadt.

3.4 Die iro-schottische Mission (ca. 590-800)

Dawson hebt das Wirken des iro-schottischen keltischen Mönchtums hervor, welches das Christentum in weiten Teilen Mittel- und Westeuropas verbreitete. Die keltischen Mönche hätten den Zusammenbruch des Römischen Reiches an entlegenen Orten an der Peripherie Europas überstanden und dort eine Kultur geschaffen, die von ausgeprägter Disziplin, Opferbereitschaft, sowie Wertschätzung von Ehre, Treue und Arbeit gekennzeichnet gewesen sei.

Diese Kultur habe römische und christliche Kultur mit dem lokalen Erbe sowie dem Ethos der heidnischen Kriegerbünde verbunden. In Form der Heiligenlegenden habe man die alte Heldendichtung fortgesetzt, die zudem christianisiert worden sei, etwa in Form des Beowulf-Mythos. Dadurch sei enorme kulturelle Strahlkraft auf die Umgebung entstanden, aus der sich vor allem Adelige den Mönchen angeschlossen hätten.

Die keltischen Mönche hätten außerdem unter heidnischen Bauern gewirkt, zunächst in Irland und Schottland und später auf dem europäischen Kontinent. Sie hätten den „bäuerlichen Geist von der Ankunft einer neuen Macht überzeugt, stärker als alle Naturgeister der alten Bauernreligion“. Dies sei ihnen gelungen, weil sie nicht als Fremde in Erscheinung traten und die mönchische Kultur stark von Elementen heidnischer Kultur geprägt gewesen sei, die jedoch durch christlichen Geist veredelt waren.

Diese Mönche seien, „selbst Landleute mit einem tiefen Gefühl für die Natur und ihre Wildheit“ gewesen. Sie „standen der bäuerlichen Gesittung nah genug, um sie mit dem Geist der neuen Religion durchtränken zu können“. Wo früher Naturgeister verehrt worden seien, habe man nun christliche Heilige sowie heilige Quellen und Bäume verehrt, die den neuen, größeren Mächten geweiht gewesen seien. Steinkreuze hätten die Druidensteine des alten Kultes ersetzt, dessen Bräuche man ebenfalls umgewidmet habe.

Die Strategie der Christianisierung Europas

Die seit dem späten sechsten Jahrhundert von den Klöstern in Irland und Schottland in Einsätze auf dem europäischen Kontinent ausgesendeten Mönche hätten im Rahmen einer Strategie der Kirche gehandelt, deren Ziel die Christianisierung Europas gewesen sei. In ihrem Handeln sei die „wohlüberlegte Absicht erkennbar“ gewesen, „eine lateinisch-christliche Kultur zu schaffen bzw. wiederherzustellen, die allgemeiner geistiger Besitz des neuen christlichen Reiches werden sollte.“

Die im Rahmen dieser Strategie eingesetzten Mönche seien „zum Schöpfer einer neuen christlichen Kultur und zur Schule christlichen Lebens für die neuen Völker Westeuropas“ geworden. Es sei ihnen gelungen, „die Welle der Barbarei im westlichen Europa zum Rückfluten zu bringen und das Land, das in der Völkerwanderungszeit verwüstet und entvölkert worden war, wieder zu kultivieren“.

Die von ihnen geschaffenen Klöster wie Fulda, St. Gallen, Hersfeld, Benediktbeuern, Tegernsee, Kremsmünster, Lorsch und Corvey seien „Ausstrahlungspunkte der christlichen Kultur“ sowie weiterer Missionstätigkeit unter den germanischen und keltischen Stämmen gewesen.

Persönlichkeiten wie Bonifatius (675-753), der Apostel der Deutschen oder Alkuin (730-804), ein Berater Karls des Großen, hätten enorme Wirkung entfaltet und wesentlich zur Schaffung des Karolingerreiches beigetragen. Die iro-schottischen Mönche hätten mit der Zeit „Inseln des geistigen Lebens inmitten der wiederkehrenden Flut des Barbarentums“ geschaffen, wobei Dawson sich auf die im neunten Jahrhundert einsetzenden Wikingereinfälle bezieht. Die Klosterkultur Irlands und Schottlands sei später von den Wikingern weitgehend vernichtet worden, aber es sei ihr zuvor noch gelungen, die Saat für die Erneuerung Europas zu legen.

Der Apostel der Friesen, der hl. Wilibrord (ca. 658-739), gründete in Utrecht in den heutigen Niederlanden eine Missionsschule, über die eine Chronik berichtete:

Die Schüler stammten nicht aus einem Volk, sondern waren aus der Blüte aller benachbarten Völker vereint Sie waren von solchem Vertrauen, solcher Freundlichkeit und geistlichen Freude beseelt, dass an sie in ihrer Einheit sonnenklar als Söhne eines geistlichen Vaters und der Mutter aller, der Liebe erkannte. Einige waren aus dem edlen Stamm der Franken, einige aus dem frommen Volk der Angeln, einige aus der neuen Pflanzung Gottes, die erst in unseren Tagen bei den Frieden und Sachen angelegt wurde. Andere kamen von den Bayern und Schwaben, die dieselbe Religion hatten, oder von welchem Volk und Stamm sie Gott gerade gesangt hatte.10

3.5 Die Karolinger (ca. 751-843)

Bis zur Zeit Karls des Großen (768-814) hätten die Völker Nordeuropas von der verbliebenen kulturellen Substanz der Antike gelebt, seien aber selbst nicht schöpferisch tätig geworden. Mit den Karolingern jedoch taucht laut Christopher Dawson  „die europäische Kultur aus dem Zwielicht eines vorgeburtlichen Daseins empor in die Bewusstheit eines wirkkräftigen Lebens“.

Das Fränkische Reich der Karolinger habe die „Sammlung der halb verlorenen Reste des klassischen und patristischen Schrifttums und seine Wiederbelebung als Grundlage einer neuen Kultur“ angestrebt und damit eine erste Renaissance des antiken Erbes hervorgebracht.

In den Karolingern hätten sich die wesentlichen Ströme europäischer Tradition vereinigt, die  sowohl gallo-römische Bischöfe und Heilige als auch fränkische Krieger umfasst habe. Unter der Führung Karls des Großen sei es ihnen gelungen, auf Grundlage von militärischer Kompetenz und religiöser Begeisterung eine christliche Ordnung zu errichten und die Grenzen des christlichen Europas zu verteidigen. Unter der Herrschaft Karls des Großen sei zum Beispiel erstmals organisierter Widerstand gegen die islamischen Eroberungszüge auf der spanischen Halbinsel geleistet worden.

Christopher Dawson sah in einigen Aspekten der Herrschaft Karls des Großen Parallelen zu islamischen Praktiken, etwa seine entgegen der christlichen Lehre praktizierte gewaltsame Verbreitung der Religion und Anordnung von Zwangstaufen, durch die er z.B. die Sachsen religiös in sein Reich integrieren wollte.

In den Nachfahren Karls zerfiel sein Reich. Aus den Nachfolgereichen wurden viele Jahrhunderte später das heutige Frankreich, Deutschland und die Beneluxstaaten. Die zur Zeit Karls des Großen verbreitete Schrift sowie das Kirchen- und Verwaltungssystem strahlten auf ganz Westeuropa aus und prägten es über Jahrhunderte.

3.6 Die Krise des christlichen Europas im neunten und zehnten Jahrhundert

In den Jahren zwischen 850 und 950 habe Europa laut Christopher Dawson die größte Krise seiner gesamten bisherigen Geschichte durchgemacht und in Folge der von Norden, Süden und Osten angreifenden Invasionen mehrfach am Rande der Vernichtung gestanden. Es sei damals „in die schlimmste Gesetzlosigkeit und Finsternis, die es vielleicht je erlebt hat“, eingetreten. Europa sei wieder in kleinste, von räuberischen Adeligen beherrschte Regionen zerfallen, die sich untereinander in ständigen Fehden bekämpft hätten.

Erneut hätten Klöster eine wichtige Rolle als Rückzugsorte der Kultur in einer von Krieg und Chaos geprägten Umgebung gespielt:

So war in der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts die westliche Kultur bis an den Rand des Abgrunds geraten. […] Die Christenheit war eine Insel geworden, umgeben von den steigenden Fluten des Islam und des Barbarentums.

Wissenschaft, Schriftkultur, Kunst und sonstige Kultur seien zu dieser Zeit nur innerhalb der Kirche aufrechterhalten worden.

3.6.1 Die Wikingerinvasionen (ca. 793-1066)

Die um das Jahr 800 einsetzenden Wikingereinfälle hätten laut Christopher Dawson die irisch-schottische Klosterkultur, von der die Christianisierung großer Teile Westeuropas ausgegangen war, vernichtet. Es gebe Hinweise, dass die Wikinger dabei nicht nur materielle, sondern auch weltanschauliche Motive verfolgten und gezielt das Christentum bekämpften. Sie hätten bei ihren Einfällen im Raum zwischen Irland, Schottland, Nordfrankreich und Norddeutschland „große Landstriche […] in Wüsten verwandelt“ und das gesellschaftliche und kulturelle Gefüge an vielen Orten aufgelöst.

Zu dieser Zeit seien heute weitgehend vergessene Kriegerheilige wie Herzog Bruno von Sachsen (ca. 830-880) hervorgetreten. Er fiel als Heerführer zusammen mit den als „Ebstorfer Märtyrern“ bekannten Adeligen und Kriegern in der Normannenschlacht in der Lüneburger Heide im Jahre 880 beim Versuch, eine Invasion heidnischer Normannen abzuwehren.

Das christliche Europa habe sein Überleben zu dieser Zeit jedoch insgesamt weniger seiner militärischen Widerstandskraft verdankt, sondern vor allem der kulturellen Strahlkraft des Christentums, die zur Konversion der heidnischen Nordvölker und der Einstellung ihrer Angriffe geführt habe.

3.6.2 Die islamischen Invasionen in Westeuropa (ab 711)

Als das christliche Europa aus den Trümmern des Römischen Reiches zu entstehen begann, erreichten die islamischen Eroberungswellen die Südwestflanke Europas.

711 setzte ein islamisches Heer von Nordafrika aus auf die spanische Halbinsel über. Im Kampf gegen angreifende Muslime fiel 711 in der Schlacht am Río Guadalete Roderich, der letzte König der Goten. Die Muslime vernichteten das katholische westgotische Reich auf der spanischen Halbinsel, das als einer der vollkommensten Nachfolgestaaten des Römisches Reiches galt.

Um das Jahr 720 stießen Muslime bis nach Zentralfrankreich vor und bedrohten de gesamten nördlichen Mittelmeerraum bis zu den Alpen.

Christopher Dawson führt die enormen militärischen Erfolge des Islam auf „die kämpferische Sittenstrenge, dieses Wesensgesetz des Islam“ zurück. Dem Islam sei es durch seine „düstere Einfachheit“ und seine Betonung von asketischer Strenge, Gehorsam und Unterwerfung gelungen, kriegerische arabische Stämme, die sich zuvor ständig gegenseitig bekämpft hätten, zu einen und ihre Kraft nach außen zu richten. Die byzantinischen Söldnerheere hätten dieser Kraft an der Südostflanke des christlich-europäischen Kulturraumes wenig entgegenzusetzen gehabt.

3.6.2. Das „dunkle Jahrhundert“ der Kirche (ca. 882-1046)

Im neunten und zehnten Jahrhundert habe sich auch die Kirche laut Daswon auf dem Tiefpunkt ihrer Geschichte befunden und ein „dunkles Jahrhundert“ durchgemacht. Der Heilige Stuhl sei damals zur „Spielfigur einer verdorbenen und rohen Adelsherrschaft geworden“ und habe im 10. Jahrhundert „die tiefsten Tiefen seiner Entehrung“ erfahren und zeitweise der Kontrolle einer Maitresse namens Marozia unterstanden.

3.7 Die Überwindung der Krise im zehnten und elften Jahrundert

3.7.1 Die Cluniazensische Reform (ca. 1000-1050)

Die Krise der Kirche brachte eine vom Benediktinerkloster Cluny ausgehende Reformbewegung hervor, die nicht wie die des 16. Jahrhundert gegen das Papsttum wirkte, sondern es erneuern wollte. Dabei sprach die damalige Erneuerungsbewegung die Verfallserscheinungen ihrer Zeit sehr deutlich an. Französische Bischöfe hätten zum Beispiel im Jahre 991 erklärt „Zeugen der Ankunft des Antichrist zu sein, denn dies ist der Abfall, von dem der Apostel spricht, nicht der Völker, sondern der Kirche selbst“.

Aus dieser Bewegung gingen Päpste hervor, welche die Bindung der Kirche an die Tradition wiederherstellten. Sie schuf außerdem zusammen mit weltlichen Herrschern wie Otto III. das Heilige Römische Reich als Gemeinwesen der christlichen Völker.

3.8 Die Hochphase des christlichen Europas (ca. 1050-1300)

Die Krise Europa im neunten und zehnten Jahrhundert war laut Dawson rückblickend Ausdruck der „Geburtswehen einer neuen Zeit“. Während der Zeit der Krise seien in Europa Kräfte entstanden, die es ermöglicht hätten, dass der Kontinent zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert sein „gestaltendes Zeitalter“ erlebt habe. Dieses „brachte nicht diese oder jene Kulturerscheinung hervor, sondern die Kultur selbst – die Wurzel und den Grund aller späteren kulturellen Hochleistungen“. Das Hochmittelalter sei entgegen dem verbreiteten Klischee nicht „die Zeit der Finsternis“ gewesen, sondern „die Zeit der Morgendämmerung“. Dies sei auch deshalb möglich gewesen, weil die korrumpierten Elemente europäischer Kultur die vorhergehende Krise nicht überlebt hätten:

Der Krieg unterwarf die im Aufbau begriffene Ordnung des abendländischen Christentums einer furchtbaren Probe. Alles Schwache und Überflüssige wurde ausgemerzt, und nur die härtesten und widerstandsfähigsten Elemente, die sich als gegen Unsicherheit und Gewalt gewappnet erwiesen hatten, blieben übrig.

Im 11. Jahrhundert hätten die Kräfte der Erneuerung sich endgültig durchgesetzt und die Krise Europas überwunden. Zu dieser Zeit sei das Heidentum erloschen und es hätten sich auf der Grundlage der gemeinsamen christlichen Religion sowohl die abendländische Einheit als auch die Völker Europas herausgebildet:

Und zu derselben Zeit hatte der lange Winter des finsteren Zeitalters sein Ende erreicht, und überall im Westen regte sich neues Leben, neue soziale und geistige Kräfte erwachten, der Westen trat aus dem Schatten des Ostens hervor und nahm seinen Platz  ein als unabhängige Einheit an der Seite der älteren Kulturen der morgenländischen Welt. […] [D]as dunkle Zeitalter war zu Ende, die westliche Kultur trat ans Licht. […] Es wurden nicht nur die Grundlagen der heutigen Welt geschaffen, sondern vor allem bildete sich jener Völkerverband, der mehr ist als irgendeine rein geographische Einheit und den wir Abendland nennen.“

Auf dem Gebiet des heutigen Nordfrankreichs und des westlichen Deutschlands sei damals in einer Phase höchster kultureller Produktivität ein nordeuropäischer Katholizismus entstanden, der Institutionen wie Universitäten oder das Rittertum sowie Werke wie die gotische Baukunst geschaffen habe. Es habe ein rasches Bevölkerungswachstum eingesetzt, das die Besiedlung zuvor unbewohnter Räume und die Gründung von Städten ermöglicht habe.

Dieser nordeuropäische Katholizismus sei später der Träger des jahrhundertelangen Abwehrkampfes gegen die islamischen Eroberungswellen gewesen und habe diese zeitweise in Form der Kreuzzüge zurückdrängen können.

3.8.1 Das römisch-deutsche Kaisertum

König Otto I., der Herrscher des ostfränkischen Reiches und ein Nachfahre der von Karl dem Großen unterworfenen Sachen, besiegte die Slawen und annektiere Teile Mitteleuropas in sein Reich. Er setzte sich nach seiner Krönung im Jahre 936 demonstrativ auf den Karlsthron, um zu unterstreichen, dass er seine auf der christlich-römischen Reichsidee begründete Tradition fortsetzen wolle. Er schuf damit die Grundlage der römisch-deutschen Reichstradition, die Europa über Jahrhunderte prägte.

In der Schlacht auf dem Lechfeld 955 führte er das Heer an, das die Raubzüge der Ungarn in Mitteleuropa durch seinen Sieg beendete. Die Ungarn bekehrten sich nach ihrer Niederlage zum Christentum.

3.8.2 Die Kreuzzüge (1095-1291)

Die im Zeitraum zwischen 1095 bis 1291 durchgeführten Kreuzzüge sind als der letztlich fehlgeschlagene Versuch, die islamischen Eroberungszüge in Richtung des christlichen Kulturraumes einzudämmen und zurückzudrängen, differenziert zu betrachten. A

nlass waren Versuche der islamischen Eroberer zur Vernichtung der heiligen Stätten des Christentums in Jerusalem sowie zur Unterbindung von Pilgerfahrten. Darüber hinaus waren sie eine Antwort auf Christenverfolgungen und auf ein Unterstützungsuntersuchen des bedrängten Byzantinischen Reiches, was die Kreuzzüge zu einem Vorläufer der humanitären Interventionen der Gegenwart macht.

Die Kreuzzüge waren dabei grundsätzlich defensiv angelegt. Der Historiker Egon Flaig sah 2006 in den Kreuzzügen trotz mancher in ihrem Rahmen beobachteten Fehlentwicklungen (etwa der Plünderung Konstantinopels entgegen des Befehls des Papstes im vierten Kreuzzug) insgesamt eine positiv zu bewertende Leistung, welche die islamische Expansionsbewegung in Richtung Europa über mehrere Jahrhunderte unterband und so dazu beitrug, das sich hier die abendländische Synthese aus antikem und christlichem Denken herausbilden konnte. Das moderne Europa verdanke den Kreuzzügen ähnlich viel wie den griechischen Abwehrkämpfen gegen die Perser.

Johann Wolfgang von Goethe, der dem Christentum ansonsten distanziert gegenüberstand, würdigte die Kreuzzüge ausdrücklich als historische Leistung:

Indessen bleiben wir allen aufgeregten Wall- und Kreuzfahrern zu Dank verpflichtet, da wir ihrem religiösen Enthusiasmus, ihrem kräftigen, unermüdlichen Widerstreit gegen östliches Zudringen doch eigentlich Beschützung und Erhaltung der gebildeten europäischen Zustände schuldig geworden.

Dem Historiker Christopher Dawson zufolge habe der Beginn der Kreuzzüge einen Wendepunkt in der abendländischen Geschichte markiert::

In diesem Augenblick enden die langen Jahrhunderte der Schwäche, der Isolierung und der kulturellen Unterlegenheit, als die neuen Völker der westlichen Christenheit zu den alten Zentren der östlichen Mittelmeerkultur zurückkehren.

4. Neuzeit

4.1. Das Ausgreifen des christlichen Europas in die Welt (seit 1492)

Walter Kardinal Brandmüller schrieb 2018 über das europäische Ausgreifen in die Welt:

Die Kolonisierung war gewiß auch in bestimmter Hinsicht ein naturrechtswidriger Vorgang. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite war sie aber auch mit der christlichen Mission verbunden. Sie hatte also ein doppeltes Gesicht. Man darf nicht verschweigen, daß das, was an Zivilisation heute in den afrikanischen Ländern existiert, eine Folge der Mission bzw. der Kolonisierung war. Auch die Landnahme der Spanier im heutigen Lateinamerika hatte ihre zwei Seiten. Die dortigen Völker haben noch im 16. Jahrhundert massenhaft aus kultischen Gründen Menschen geopfert. Das hörte mit der Kolonisierung und der damit verbundenen Christianisierung auf. […] Niemand kann in Abrede stellen, daß die lateinamerikanischen Stämme ausgebeutet worden sind, Niemand kann aber auch in Abrede stellen, daß ihnen gleichzeitig Kultur und Bildung gebracht wurden.11

4.2 Das „goldene Jahrhundert“ des habsburgischen Spaniens (1550-1660)

Nach dem Abschluß der Reconquista 1492 erlebte Spanien eine kulturelle Blütezeit, die ihren Höhepunkt in den Jahren zwischen 1550 und 1660 erreichte. Gleichzeitig stieg Spanien zur Weltmacht auf.

Laut Oswald Spengler sei hier der Geist der Gotik „zum letztenmal in großartigen Formen“ aufgelebt, nachdem der Abwehrkampf gegen die Muslime ein besonders Dienstethos geschaffen habe.12

Außerdem seien in dieser Zeit die Jesuiten als „einzige und letzte große Gründung seit jenen Ritterorden, die im Kampf gegen die Ungläubigen entstanden waren“, hervorgetreten.  Mit dem „spanisch-gotischen Geist des Barock“ habe sich ein „starker und strenger Lebensstil über die westeuropäische Welt“ verbreitet. Der Spanier dieser Zeit habe eine große Mission in sich gefühlt und sei entweder Soldat oder Priester gewesen und habe Gott oder dem König gedient. Erst der preußische Stil habe ein vergleichbares Ideal „von solcher Strenge und Entsagung wieder ins Dasein gerufen“. Spengler sprach von der „Zucht und Disziplin des spanischen Geistes, der wie der preußische aus den Ritterorden der gotischen Zeit hervorging“.13

Im Escorial, dem spanischen Königspalast, sei der moderne Staat von Männern der „großen Pflichterfüllung“ geschaffen worden. Der spanische Geist habe „sich den Planeten erobern“ wollen, der europäischen Kultur den Gedanken des Universalkaisertums geschenkt und ein Reich geschaffen, in dem die Sonne nicht untergegangen sei. Männer wie Christoph Kolumbus seien in den Dienst Spaniens getreten, nachdem andere ihre Qualität nicht erkannt hätten.14

Das habsburgische Spanien habe zudem der Korruption der Renaissancekirche ein Ende gemacht und sei zugleich der Reformation mit ihrem spanisch-gotischen Stil entgegengetreten, „der bis heute den Vatikan beherrscht“.15

4.3 Der Kampf gegen die muslimischen Piraten und Sklavenjäger Nordafrikas (ca. 1500-1844)

Nach dem Abschluss der Befreiung Spaniens von der islamischen Herrschaft siedelten sich geflohene muslimische Morisken auf dem Gebiet des heutigen Marokkos und Algeriens an. Von dort aus begannen sie zusammen mit Arabern und Mauren Angriffe auf die Seefahrt christlicher Staaten im Mittelmeer sowie gegen Orte an der Mittelmeer- und Atlantikküste.

Modernen Schätzungen zufolge wurden in diesem Zusammenhang zwischen 1530 und 1780 etwa 1,25 Millionen Christen versklavt, die meisten davon durch Raubzüge an den Küsten Italiens, Spaniens und Portugals. Diese fortgesetzten Angriffe waren Anlass zahlreicher militärischer Interventionen europäischer Staaten, an denen sich ab dem späten 18. Jahrhundert auch die USA beteiligten. Erst nach der französischen Eroberung Algeriens gegen Mitte des 19. Jahrhunderts konnte das islamische Piratentum im Mittelmeer endgültig unterbunden werden.

4.4 Die Reformation und ihre Folgen

Durch die Reformation verlor das abendländische Christentum seine Einheit und Europa seine gemeinsame religiöse Grundlage.

Die Ursache der Reformation waren Mißstände in der Kirche, aber auch Bestrebungen deutscher Fürsten und Städte, sich aus der Einheit des Reiches lösen zu wollen, wozu Luther ihnen eine weltanschauliche Grundlage lieferte.

4.5 Die Französische Revolution

4.5.1 Der Widerstand in der Vendée und der Bretagne gegen den Terror der Französischen Revolution (1793-96 bzw. 1794-1804)

Der nach einem ihrer Führer „Chouannerie“ benannte Widerstand in der Bretagne, der sich vor allem auch gegen Entchristianisierungsversuche der Revolutionäre richtete, ist weniger bekannt als der in der Vendée. Er erfasste auch benachbarte Regionen wie Anjou, Maine und die Normandie, wobei zum Höhepunkt der Bewegung rund 50.000 Widerstandskämpfer aktiv gewesen sein sollen.

Menschen gehäutet um aus Haut Reithosen für Offiziere der Truppen zu machen. In einem Bericht beschrieb Louis Antoine de Saint-Just, ein Vertrauter Robbesspieres, die an der Zivilbevölkerung verübten Verbrechen:

In Meudon wird menschliche Haut gegerbt. Sie ist von besserer Qualität als die Haut der Gänse. Die der Frauen ist weicher, aber nicht so stabil.

In Clisson töteten Soldaten unter der Führung von General Crouzat am 05.04.1794 150 Frauen und verbrannten sie, um aus den Leichen Fett zu gewinnen.

4.6 Die Krise Europas im 20. Jahrhundert

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) sprach vom „Karfreitag des 20. Jahrhunderts“, in dem die Gottverlassenheit eines Europas, das Gott zurückgewiesen habe, ihre furchtbare Wirkung offenbart habe:

Wenn Kant und Hegel Recht behalten hätten, dann hätte die voranschreitende Aufklärung den Menschen immer freier, immer gerechter, immer vernünftiger, immer gerechter machen müssen. Stattdessen steigen wachsend aus seiner Tiefe jene Dämonen auf, die wir so eifrig totgesagt hatten und lehren den Menschen, Angst vor seiner eigenen Macht und Ohnmacht zu empfinden. Vor seiner Macht zu zerstören; vor seiner Ohnmacht, sich selbst zu finden und der eigenen Unmenschlichkeit Herr zu werden.16

4.6.1 Nationalismus, Romantik und die Selbstzerstörung Europas im Ersten Weltkrieg

Nationalismus und Romantik waren Ausdruck von Versuchen, im geistigen Vakuum der Moderne Absolutheiten zu schaffen, die an die Stelle des verlorenen Glaubens und der Religion treten sollten.

Der Erste Weltkrieg fand in einem von Zivilisationsmüdigkeit gekennzeichneten Umfeld statt, in dem sich große Teile der politischen und kulturellen Eliten Europas anfänglich eine Erneuerung der Kultur durch den Krieg erhofften. Populäre Philosophien betonten den „Willen zur Macht“.

Paul Schütz schrieb, dass viele kriegsbegeisterte junge Männer nicht mit der Heiligen Schrift, sondern mit der heidnischen Edda, Goethes Faust und Nietsches Zarathustra im Gepäck in den Krieg gezogen seien.

4.6.2 Der katholische Widerstand gegen den Kommunismus (1917-1989)

Die katholische Kirche spielte insbesondere unter Papst Johannes Paul II. eine entscheidende Rolle bei der Befreiung Osteuropas von kommunistischer Herrschaft.

4.6.3 Der christliche Widerstand gegen den Nationalsozialismus (1933-1945)

Der Nationalsozialismus war seinem Wesen nach so wie der Kommunismus antichristlich ausgerichtet und plante für die Nachkriegszeit die vollständige Zerschlagung vor allem der katholischen Kirche in seinem Herrschaftsbereich. Die katholische Kirche hatte bereits in den späten zwanziger Jahren insbesondere die Rassenideologie und den Antisemitismus des Nationalsozialismus als unvereinbar mit dem christlichen Menschenbild verurteilt.

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler nannte „die unzweideutige Kritik, mit der die katholische Amtskirche bis 1933 der Hitler-Bewegung begegnete, ein Ruhmesblatt ihres politischen Urteilsvermögens.“ 17

Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus ging hauptsächlich von christlich-konservativen Kräften aus, die u.a. bestimmend für die Widerstandsbewegung im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 waren.

Der damalige Papst Papst Pius XII. in Verbindung zum militärischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Deutschland und unterstützte diesen. Das „Martyrologium Germanicum“ erfasst 415 katholische deutsche Märtyrer, die neben den vielen Märtyrern anderer Konfessionen und denen aus anderen Ländern Europas durch Nationalsozialisten wegen ihres Glaubens getötet wurden. Es enthält unter anderem Mitglieder der Weißen Rose und des Kreisauer Kreises. Zu den bislang heiliggesprochenen Märtyrern des Widerstands gehört u.a. Alfred Delp.

4.6.3 Der Wiederaufbau Westeuropas im Geist des Christentums

Der Wiederaufbau Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg und die damaligen Bestrebungen zu größerer europäischer Einheit fanden zunächst im Geist des Christentums und auf Grundlage der katholischen Soziallehre statt.

Erst später gewannen Kräfte die Oberhand, welche den Versuch der politischen Einigung Europas im Rahmen einer zentralistischen Bürokratie und in bewusster Abwendung von den christlichen Wurzeln Europas betrieben.