Stand: 04.11.2017

Diese Seite beschreibt Beiträge des katholischen Philosophen Robert Spaemann (geb. 1927) zur Spiritualität des schützenden Dienstes.

Spaemann war ein Berater Benedikts XVI. und lehrte zuletzt an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

1. Vorausetzungen der Erneuerung des Christentums in Europa

Spaemann äußerte sich in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ 2012 über die Voraussetzungen einer Erneuerung des Christentums in Europa. 

Wenn es deshalb in Gottes Plan liegen sollte, die Kirche in Europa noch einmal zur kulturell prägenden Kraft werden zu lassen, dann nur, wenn sie als Heimat derer sichtbar wird, die der Banalität überdrüssig sind, also als das wirklich Andere, als wirkliche Alternative zur Zivilisation der Banalität und das heißt: als Kirche der Heiligen. […]

Eine an den Geist der Zeit angepaßte Kirche wird in Zukunft immer weniger interessieren. Den großen christlichen Aufbrüchen gingen stets Epochen des Rückzugs, der Distanznahme und der Rückbesinnung voraus. Ohne den Rückzug des heiligen Benedikt in die Einsamkeit von Subiaco wäre dieser Heilige nicht Patron Europas geworden. […] Als Ausgangsposition für christliche Mission ist aber die zeitweise Verbannung ins sogenannte Ghetto offensichtlich günstiger als die Anpassung an den Zeitgeist, durch die das Salz allmählich schal wird.

2. Das Christentum als Gegenpol zu totalitären Ideologien

Spaemann betonte u.a. die Bedeutung des Christentums als Gegenpol zu säkularen, totalitären Utopien. Der Glaube befähige Christen zum Widerstand gegen diese:

Nur Überzeugungstäter leisten, wenn es ernst wird, Widerstand. Die Alternative wäre der banale Nihilismus, der die Menschen zu gefügigen Ratten macht, die sich mit Hilfe des Lustprinzips in jede Richtung manipulieren lassen und deren höchste spirituelle Leistung die Ironie ist.

3. Christliche Identität und die „heilige Erzählung“ vom „tausendjährigen Abwehrkampf der christlichen Zivilisation“

Im 2016 erschienenen zweiten Band seiner „Meditationen eines Christen“ schreibt er unter anderem über christliche Identität und ihre Weitergabe durch „heilige Erzählungen“. Dazu gehöre auch der „tausendjährige Abwehrkampf der christlichen Zivilisation gegen den islamischen Imperialismus“.

Identität werde durch „große Erzählungen“ gestiftet und weitergegeben. Christen seien dazu verpflichtet, die Tradition, in der sie stehen, durch entsprechende Weitergabe dieser Erzählungen fortzusetzen.

Was begründet die Identität eines Volkes? Die Gemeinsamkeit der Erinnerung. Die Gemeinsamkeit einer ‚großen Erzählung‘. Und das gilt erst recht für das Volk Gottes. Es lebt von der Tradition, vom Empfangen und von der Weitergabe des Empfangenen. […] Der heutige christliche Beter steht selbst in dieser Tradition und ist verpflichtet, sie weiterzugeben.

Die weiterzugebenden „heiligen Geschichten“ würden dabei nicht nur Inhalte der Bibel umfassen, sondern auch die Traditionsbestände der ersten zwei Jahrtausende christlicher Geschichte. Dies gelte vor allem für die Geschichten der christlichen Heiligen und Märtyrer, von denen man lernen könne, was Nachfolge Christi bedeute, und wie vielfältig diese Nachfolge aussehen könne.

In diese Geschichte gehört der tausendjährige Abwehrkampf der christlichen Zivilisation gegen den islamischen Imperialismus, die Erzählung von Karl Martell und der Schlacht von Tour und Poitiers, vom Sieg der Christen in der Seeschlacht von Lepanto mit Don Juan d’Austria, begleitet vom Rosenkranzgebet der ganzen Christenheit. Schließlich die Rettung Wiens durch den Prinzen Eugen und den König von Polen. Und so geht es weiter […].

Eine „Aneignung der großen heiligen Erzählung“ durch Christen im Europa der Gegenwart bewertet Spaemann positiv. Dies „könnte Zeichen für eine Wende sein, in der die Christenheit ihre Identität zurückgewinnt“.

4. Der Dienst am Nächsten erfordert Unterscheidung nach Nähe

Wenn das Christentum von Nächstenliebe spricht und das Konzept in sein Zentrum stellt, meint es damit nicht positive Gefühle gegenüber anderen Menschen wie der Begriff „Liebe“ in der modernen Alltagssprache definiert ist. Statt dessen bezeichnet das Konzept eine dienende Grundhaltung, die nicht eigene Interessen in den Mittelpunkt stellt, sondern das eigene Leben einer über ihm stehenden geistigen Autorität unterordnet und auch dann zur Tat bereit ist, wenn dies Nachteile mit sich bringt.

In diesem Sinne erfordert Nächstenliebe immer auch Einsatz und Opfer. Da es aber nicht möglich ist, sich für alle grundsätzlich richtigen Anliegen gleichermaßen einzusetzen, erfordert Nächstenliebe Unterscheidungen.

Spaemann zufolge sollten in diesem Zusammenhang angemessene Unterscheidungen nach dem Grad der eigenen Nähe zu dem jeweiligen Anliegen getroffen werden sollen:

Es gibt verschiedene Grade der Nähe, und hier hat Augustinus den entscheidenden Begriff geprägt: ordo amoris, also eine Rangordnung der Liebe. Wo unserer Hilfe Grenzen gesetzt sind, da ist es auch gerechtfertigt auszuwählen, also zum Beispiel Landsleute, Freunde oder auch Glaubensgenossen zu bevorzugen. Johannes schreibt in einem Brief: Tut Gutes allen. Besonders aber den Glaubensgenossen. Es gibt rational nachvollziehbare Gründe der Auswahl.

Praktisch bedeutet dies, dass etwa eine Mutter gegenüber ihren Kindern oder ein Ehemann gegenüber seiner Ehefrau richtig handeln, die einander mit größerem Einsatz dienen als anderen Menschen. Umgekehrt würde etwa ein Ehemann falsch handeln, der seine Familie vernachlässigt, weil er sich für ihm fremde Menschen einsetzt.

5. Robert Spaemann und die „Pariser Erklärung“ von 2017

Spaemann war einer der Unterzeichner der „Pariser Erklärung“, die eine Gruppe christlich-konservativer Intellektueller 2017 veröffentlicht hatte. Im Dokument analysierten sie die gegenwärtige geistige und kulturelle Lage Europas und riefen zu seiner Verteidigung gegen die Herausforderungen auf, die es in seiner Existenz bedrohen.

  • Die Unterzeichnet kritisieren, dass ein „falsches Europa“ dabei sei, das authentische Erbe Europas sowie seine Kulturen und Nationen zu zerstören. Dieses falsche Europa beruhe auf einer „Kultur der Ablehnung des Eigenen“, strebe nach der Trennung Europas von seinen Wurzeln und sei „unüberwindbar vorurteilsbehaftet gegenüber der Vergangenheit“.
  • Es werde von Akteuren vorangetrieben, die geistig und kulturell heimatlose „Waisen aus eigener Wahl“ seien, einer utopischen Ersatzreligion und einem „Aberglauben an einen unaufhaltbaren Fortschritt“ anhingen und dabei auch ein „falsches Christentum“ für ihre Zwecke konstruiert hätten.
  • Dieses falsche Europa sei dabei, die „Kolonisierung unserer Heimat“ voranzutreiben, einen „pseudoreligiösen Kreuzzug für eine entgrenzte Welt“ zu führen und eine technokratische Tyrannei zu errichten.

Die Verteidiger des eigentlichen, traditionellen Europas müssten jetzt handeln, oder sie würden ihre Heimat verlieren.

Das falsche Europa bedroht uns. […] Die Schirmherren dieses falschen Europas sind […] unfähig, die Fehler jener post-nationalen und post-kulturellen Welt zu erkennen, die sie selber konstruieren. Mehr noch: Sie sind ignorant gegenüber den wahren Quellen der menschlichen Würde, die sie angeblich so hoch schätzen. Sie ignorieren die christlichen Wurzeln Europas, lehnen diese sogar ab. […]
Wir versprechen, dieser Gefahr für unsere Zukunft entgegenzutreten. Wir werden das wahre Europa verteidigen, erhalten und verfechten, jenes Europa, dem wir in Wahrheit zugehörig sind. […] Das wahre Europa ist geprägt durch das Christentum. […] Das wahre Europa ist in Gefahr. […] Unsere Zukunft ist das wahre Europa.

Die geistige Erneuerung Europas erfordere die Zurückweisung der Ideologien des falschen Europas sowie die Wiederanbindung an die geistigen Wurzeln, aus denen Europa einst entstanden sei und zu seiner Kulturhöhe emporwachsen konnte. Europa müsse sich auf seine „tiefe historische Weisheit und seine Traditionen beziehen“, um eine Zukunft zu haben.