Stand: 01.03.2018

Diese Seite dokumentiert Positionen Kardinal Robert Sarahs zur Lage des Christentums in Europa und zu den Herausforderungen, denen es gegenübersteht.

Der aus Guinea stammende Robert Kardinal Sarah gilt als eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der katholischen Kirche der Gegenwart und als ein möglicher Kandidat für das Amt des Papstes. Papst Benedikt XVI. hatte Kardinal Sarah in einer seiner wenigen öffentlichen Äußerungen nach seiner Emeritierung 2017 als „geistlichen Lehrer“ bezeichnet, was als Zeichen dafür gedeutet wurde, dass auch er Sarah als möglichen Kandidaten für das Amt des Papstes unterstützt.

1. Die Herausforderung des Christentums durch utopische revolutionäre Ideologien und den politischen Islam

Er sieht das Christentum gleichermaßen durch radikale Strömungen im Islam und durch utopische säkulare Ideologien herausgefordert:

„Was im 20. Jahrhundert Nazi-Faschismus und Kommunismus waren, das sind heute westliche Ideologien über Homosexualität und Abtreibung sowie der Islamistische Fanatismus“, sagte Sarah […]. Die Kirche befinde sich zwischen dem Götzendienst westlicher Freiheit und dem islamischen Fundamentalismus, beides seien „apokalyptische Bestien“, ergänzte Sarah. „Wir befinden uns, um einen Slogan zu benutzen, zwischen ‚Gender-Ideologie und IS’“ […]. Die größten Bedrohungen für die Kirche seien auf der einen Seite schnelle und leichte Scheidungen, Abtreibungen und die Homo-Ehe. Auf der anderen Seite stünde „die Pseudofamilie im ideologisierten Islam, die Polygamie, eine Abwertung der Frau, sexuelle Sklaverei, und die Kinderheirat legitimiert“.

In einer Predigt, die er im August 2017 während eines Besuchs in der Vendée in Frankreich hielt, ging er auch auf den dort zwischen 1793 – 1796 aktiven Widerstand gegen den Terror der französischen Revolution ein und zog Parallelen zur Gegenwart. Er rief in diesem Zusammenhang Christen zum Kampf gegen revolutionäre Ideologien und den Islamismus auf:

Wir Christen brauchen den Geist der Bewohner der Vendée! […] Wie sie müssen wir unsere Aussaat, unsere Ernte, die von unseren Pflügen gezogenen Furchen verlassen, um zu kämpfen – nicht für die Verteidigung menschlicher Interessen, sondern für Gott! Wer wird also heute für Gott aufstehen? Wer wird es wagen, sich den modernen Verfolgern der Kirche entgegenzustellen? […] Heute sterben unsere christlichen Brüder im Nahen Osten, in Pakistan, in Afrika für ihren Glauben, vernichtet von den Kolonnen des sie verfolgenden Islamismus. […]
Liebe Freunde, das Blut der Märtyrer fließt in Euren Adern. Seid ihm treu! […] Nur die großzügige Liebe und die uneigennützige Hingabe des eigenen Lebens können den Haß gegen Gott und die Menschen besiegen, der Ursprung jeder Revolution ist. Die Bewohner der Vendée haben uns gelehrt, allen diese Revolutionen zu widerstehen. Sie haben uns gezeigt, daß es auf die Höllenkolonnen, die nationalsozialistischen Vernichtungslager, die kommunistischen Gulag, die islamistischen Barbarei nur eine Antwort gibt: Die völlige Selbsthingabe des eigenen Lebens.

Er zog zudem eine Linie vom Terror der französischen Revolution zu den utopischen Ideologien der Gegenwart:

Heute wieder, vielleicht heute sogar mehr denn je, wollen die Revolutionsideologen den natürlichen Ort der Selbsthingabe, der freudigen Großzügigkeit und der Liebe vernichten – ich meine die Familie! Die Gender-Ideologie, die Verachtung der Fruchtbarkeit und der Treue sind die neuen Leitsprüche der Revolution. Die Familien sind zu vielen Vendées geworden, die ausgerottet werden sollen. Man plant systematisch sie auszulöschen, wie man es einst gegen die Vendée getan hat. […] Überall: Die christlichen Familien müssen freudige Avantgarde eines Aufstandes gegen diese neue Diktatur des Egoismus sein!

Der Kardinal betonte dabei, dass der Widerstand in Europa gegen den „real existierenden Atheismus, der unser Leben erstickt“, ein geistiger Widerstand sein müsse, der „ohne Ressentiments und ohne Animositäten“ zu führen sei.

Auf der Konferenz „Europa Christi“, die im Oktober 2017 in Polen stattfand, sprach er über die geistige Krise Europas und der westlichen Welt sowie über deren Aufstand gegen die Ordnung Gottes. Berichte über die Äußerungen Kardinal Sarahs finden sich hier und hier.

  • Europa habe sich nach der Überwindung des Kommunismus dagegen entschlossen, seine Zukunft auf der Grundlage seines christlichen Erbes zu gestalten. Es habe sich statt dessen für die „Ideologie des liberalen Individualismus“ entschieden, von seinen Wurzeln getrennt und sei in eine Phase der „stillen Apostasie“ und des Nihilismus eingetreten, die von materialistischen und utopischen Ideologien geprägt sei. Die westliche Welt befinde sich in einer geistigen Krise und im Aufstand gegen die Ordnung Gottes.
  • Die kulturelle Auflösung der westlichen Welt habe globale Auswirkungen. Insbesondere das von ihr verbreitete kulturrevolutionäre Menschenbild der Gender-Ideologie würde großen Schaden anrichten, etwa in Form der angestrebten Auflösung des Konzeptes der Ehe von Mann und Frau des traditionellen Familienbilds. Die Verbreitung dieser Ideologien stelle eine „neue Form des Kolonialismus“ dar.
  • Der Umgang mit dem Thema Migration sei Ausdruck der geistigen Krise Europas. Die Verwirklichung des Gemeinwohls erfordere die Unterscheidung von Migranten nach ihrer kulturellen Integrierbarkeit. Liberale Ideologien würden hingegen würden diese Unterscheidung nicht treffen, weil sie globale Vereinheitlichung durch die Auflösung von Grenzen, Nationen und Kulturen anstrebten. Ihr Ziel sei eine Welt, deren einzige Werte Produktion und Konsum seien.

Christen in Europa müssten vor diesem Hintergrund Zeugnis dafür ablegen, dass der Kern einer Nation ihre Kultur sei, und dass der Kern einer Kultur der Glaube sei. Nationen wie Polen hätten aus dem Glauben heraus in der Vergangenheit heroischen Widerstand gegen die Ideologien des Bösen geleistet und seien jetzt dazu berufen, Wächter des christlichen Erbes in Europa zu sein.

2. Kardinal Sarah über islambezogene Herausforderungen für das Christentum und Europa

Sarah hatte im April 2017 vor islambezogenen Herausforderungen für Europa und den Gefahren, die durch den in Europa zu beobachtenden Identitätsverlust entstehen, gewarnt:

Jener extremistische Islam aber, der als politische Organisation auftritt und sich dem Rest der Welt aufzwingen will, stellt nicht nur eine Gefahr für Afrika dar. Er ist ist vor allem eine Gefahr für die Gesellschaften in Europa, die allzu oft keine Identität und keine Religion mehr haben. Wenn eine Gesellschaft aber ihre eigenen Werte verdammt, die aus ihrer Tradition, Kultur und Religion hervorgegangen sind, dann ist sie dem Untergang geweiht. Denn sie hat damit jeglichen Antrieb, jegliche Energie und jeglichen Willen verloren, um für die Verteidigung ihrer Identität zu kämpfen.

Kardinal Sarah hatte zudem europäischen Regierungen zuvor Tatenlosigkeit angesichts der zunehmenden Aggressivität radikal-islamischer Akteure vorgeworfen:

Wie viele Tote braucht es, wie viele abgeschlagene Köpfe bis die europäischen Regierenden die Lage begreifen, in der sich der Westen befindet?

3. Warnung vor dem drohenden Tod Europas

Im November 2016 warnte er, dass nicht nur der  Kultur, sondern auch den Menschen Europas der Tod durch Trennung von ihren Wurzeln und Abbruch der Weitergabe ihres Erbes drohe. Gegenüber französischen Medien sagte er:

[D]ie größte Sorge besteht darin, dass Europa den Sinn für seine Ursprünge verloren hat. Es hat seine Wurzeln verloren. Und ein Baum, der keine Wurzeln hat, stirbt ab. Ich habe Angst, dass der Westen stirbt. Es gibt viele Anzeichen dafür. Niedrige Geburtsraten. Und ihr seid schließlich von anderen Kulturen überströmt, von anderen Völkern, die euch fortschreitend in ihrer Zahl dominieren und eure Kultur vollkommen verändern werden, eure Überzeugungen, eure Werte.

4. Die Mitverantwortung der Kirche an der Krise Europas

Während eines Aufenthalts in Belgien warf Kardinal Sarah im Februar 2018 Teilen der Kirche vor, die geistig-kulturelle Krise Europas mitzuverantworten. Die Kirche in Europa befände sich in einer „großen Glaubenskrise“ und würde häufig nicht mehr treu zur eigenen Lehre und Tradition stehen, stattdessen Anpassung an utopische und materialistische Ideologien betreiben und mit entsprechenden Akteuren kollaborieren, etwa bei Anstrengungen zur Auflösung von Ehe und Familie. Kardinal Sarah sprach diesbezüglich von einem „Verrat“ von Teilen der Kirche an der Menschheit.