Stand: 11.10.2018

Der Philosoph Nikolai Berdjajew (1874–1948) stand der konservativen katholischen Erneuerungsbewegung seiner Zeit nahe. In seinem Werk „Das neue Mittelalter“ setzte er sich 1923 mit der geistig-kulturellen Krise Europas auseinander und suchte nach „Wegen zu einem neuen Rittertum“, das diese Krise überwinden könne.

Das Buch übte einen starken Einfluss auf Teile des christlichen Widerstands gegen den Nationalsozialismus aus. Berdjajew verfasste es nach seiner Emigration aus der Sowjetunion in Berlin unter dem Eindruck des Aufkommens totalitärer Bewegungen sowie des laufenden kulturellen und religiösen Zerfalls Europas und seiner Selbstzerstörung im Ersten Weltkrieg.

1. Berdjajews Geschichtsphilosophie

Historische Abläufe seien Berdjajew zufolge von Phasen gekennzeichnet, die er mit Tagen und Nächten vergleicht.

  • Die Tage seien Phasen raschen materiellen Fortschritts und großer materieller Werke, die auf kultureller Substanz beruhten, die in den materiell weniger eindrucksvollen Nächten geschaffen werde.
  • In den Nächten hätten die tragenden Akteure einer Kultur besonderen Zugang zum Heiligen und zur Tiefe. In ihnen werde kulturelle Substanz geschaffen, die über Jahrhunderte lang positiv nachwirken könne. Die Nacht sei „ursprünglicher und elementarer als der Tag“ und nur in ihr offenbare sich das Göttliche.

Die in der Nacht geschaffene geistige Substanz werde während des Tages mangels Kontakt zum Heiligen verbraucht. Wenn dieser Verbrauch ein bestimmtes Stadium erreicht habe, ende der Tag, was mit Krisen und Katastrophen verbunden sei:

Der Tag der Geschichte weicht stets unter gewaltigen Erschütterungen und Katastrophen der anbrechenden Nacht, – nie geht er friedlich zur Neige.

Das christliche Mittelalter habe in einem positiven Sinne die „Nachtzeit der Weltgeschichte“ dargestellt und habe den Großteil dessen geschaffen, was die abendländische Kultur ausmache. In ihm hätten sich „Urkräfte und Energien entfaltet […] die dann später dem Arbeitstag der Neuzeit verschlossen geblieben sind“.

2. Moderne Ideologien als Antireligionen und Akteure der Selbstzerstörung Europas

Berdjajew verwirft alle Ideologien der Moderne, die er als Gegenentwürfe zu christlicher Weltanschauung bzw. als materialistische Antireligionen betrachtet, die „das ganze geistige Leben der Menschheit“ bekämpfen würden und die für die Selbstzerstörung Europas verantwortlich seien.

Die „Träger der wahren Entwicklung des Geistes“ seien zu allen Zeiten religiöse Menschen gewesen. Wenn der Mensch sich wie vom materialistischen Denken gefordert vom wahren Gott abwende, wende er sich automatisch falschen Göttern zu. Die Anhänger modernen Denkens hätten sich durch ihre Abwendung von Gott dunklen Kräften ausgeliefert:

Nicht frei im Geiste ist der Mensch der Neuzeit […]. Er ist in der Gewalt eines ihm unbekannten Herrschers, einer übermenschlichen und unmenschlichen Macht, die sich der Gesellschaft, welche die Wahrheit, die Wahrheit Gottes, nicht anerkennen will.

Die Aufklärung sei „gegen den Sinn der Welt und gegen die wahren Grundlagen des Lebens“ gerichtet, weil sie Rationalität mit Materialismus gleichsetze und die Auflösung von Bindungen als Voraussetzung zur Befreiung des Menschen betrachte. Kennzeichnend für sie sei der „Verlust eines Zentrums, eines höheren Ziels“.

Der christliche Universalismus propagiere nicht Auflösung, wie einige moderne Ideologien behaupten würden, sondern beruhe auf der Annahme eines geistigen Zentrums, um das herum sich alle Dinge ordneten, wodurch Bindungen geschaffen würden. Das von modernen Ideologien propagierte Gegenteil sei „die entfesselte Welt des heidnischen Partikularismus, in deren Tiefen Todeskampf und Vernichtung toben“.

Linke und rechte Ideologien würden keine weltanschaulichen Gegensätze darstellen, sondern einen zusammenhängenden, auf dem materialistischen Denken der Aufklärung beruhenden Komplex darstellen. Alle diese Ideologien seien das „Resultat eines langen historischen Prozesses des Abfalls vom geistigen Zentrum des Lebens, von Gott“ und gleichermaßen Teil einer „zusammenbrechenden Welt“:

  • Der Kommunismus sei „die Religion des Teufels“. Sozialisten hätten „der bourgeoisen kapitalistischen Gesellschaft ihren Materialismus, ihre Gottlosigkeit, ihr oberflächliches Aufklärertum, ihre Abneigung gegen den Geist und alles Geistige, ihre Gier nach dem Leben und seinen Befriedigungen, ihren Kampf und egoistische Interessen“ entlehnt. Ihr Internationalismus sei „eine widerwärtige Karikatur des Universalismus“.
  • Nationalismus sei Ausdruck eines Strebens nach Atomisierung und Auflösung der gewachsenen christlich-abendländischen Einheit. Der Nationalist denke wie ein Egoist, der seine Bedürfnisse über die aller anderen Menschen stelle. Die europäischen Nationalismen seien „durchaus heidnisch, tief antichristlich und antireligiös“, weil für sie die Nation nicht Teil einer größeren Ordnung, sondern „ein falscher Gott“ sei.
  • Den damals entstehenden Faschismus prägten laut Berdjajew eine „furchtbare Verrohung“ sowie die „kriegerisch-gewalttätigen Instinkte der Jugend“.
  • Auch den Liberalismus lehnt er wegen dessen Materialismus ab. Der Kapitalismus sei „ein Kind der zersetzenden und vernichtenden Gier“. Der liberalen Demokratie wirft er vor, auf der „Verkündigung des Rechts auf Irrtum und Lüge“ zu beruhen. Sie verherrliche aus einem naiv-optimistischen Menschenbild heraus zudem die Masse und unterschätze, dass in ihr auch böse Kräfte wirken könnten.

Berdjajew äußert sich jedoch auch positiv über einzelne Konzepte der Moderne und nennt etwa das Konzept der geistigen Freiheit „eine unverlierbare, ewige Errungenschaft.“ Er lehnt zudem eine romantische Idealisierung des Mittelalters oder Forderungen nach einer Rückkehr zu früheren historischen Zuständen ab. Erst das Versagen von Christen habe das Erstarken moderner Ideologien möglich gemacht. Die kommunistische Revolution in Russland habe nicht eine intakte christliche Ordnung zerstört, sondern stelle das „Zuendefaulen des alten Regimes“ dar.

3. Die heraufziehende Nacht und die bevorstehenden Verwerfungen

Da die Aufklärung und die auf ihr beruhenden modernen Ideologien die vorhandene geistig-kulturelle Substanz mittlerweile weitgehend verbraucht hätten, stehe eine von Verwerfungen begleitete Zeit des Übergangs bevor. Die „Feinhörigsten“ würden das Herannahen der Nacht bereits wahrnehmen.

Bevor das neue Mittelalter anbreche, werde Europa jedoch eine chaotische, von „Barbarisierung“ gekennzeichnete Phase durchlaufen. Es stehe eine Zeit des „religiösen Kampfes“ und der „religiösen Polarisation“ zwischen dem Christentum und säkularen Antireligionen bzw. modernen Ideologien bevor. Die „Kraft des Bösen wird erstarken, wird neue Formen annehmen und uns neue Leiden bringen“.

Man könne jedoch nicht exakt vorhersagen, wann dieser Prozess seinen Höhepunkt erreiche. Es sei möglich, dass „die technische Zivilisation […] noch einen letzten Versuch machen“ könnte „sich bis zum äußersten, bis zur schwarzen Magie zu entwickeln.“

4. Wege zu einem neuen Rittertum und zur Erneuerung Europas

Dem Scheitern materialistischer Ideologien werde eine „geistige Revolution“ folgen. Eines Tages werde man die großen Fragen wieder stellen und die „Atmosphäre des Wunders“ werde zurückkehren. Der Gegenentwurf zum materialistischen bzw. horizontalen Denken der Moderne sei das vertikale Denken des Christentums, das die Bindung an Gott betone.

Christen müssten sich auf die bevorstehenden Verwerfungen und die Zeit danach vorbereiten, dem modernen Prinzip der Verneinung das christliche Prinzip des Dienstes entgegensetzen und „Wege zu einem neuen Rittertum“ suchen:

Die Christen müssen ihren Willen auf die Begründung einer christlichen Kultur richten und vor allem das Reich Gottes und seine Wahrheit suchen. […] In der Vorahnung der Nacht kann man das Auge für die Erkenntnis des Bösen schärfen und die Wege zu einem neuen Rittertum suchen.

Die bevorstehenden Verwerfungen würden das Christentum innerlich reinigen, da in ihnen alle Gründe verschwinden würden, aus der Suche nach persönlichen Vorteilen fromm erscheinen zu wollen. Für das Christentum sei Verfolgung besser als staatliche Protektion. Das neue Mittelalter werde möglicherweise keine freudevolle Zeit darstellen, aber in ihm würden auf jeden Fall die „Illusionen eines irdischen Glücks keine Gewalt mehr über uns“ haben.

Es sei sinnlos, frühere Zustände restaurieren zu wollen, welche die modernen Revolutionen erst ermöglicht hätten. Das neue Mittelalter werde statt dessen Europa wieder an das Ewige anbinden. Dabei werde es die Leistungen und Stärken der Moderne integrieren und etwas Neues hervorbringen, so wie das erste Mittelalter nicht die antike Welt wieder herstellte, sondern das Abendland schuf.