Stand: 05.11.2017

Diese Seite stellt Beiträge des Philosophen Martin Rhonheimer über Herausforderungen für das Christentum in Europa sowie das aus dem christlichen Erbe begründete freiheitliche Europa der Gegenwart vor.

Rhonheimer lehrt Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz in Rom und hat sich vor allem mit den christlichen Grundlagen des freiheitlichen Staates sowie mit der prinzipiellen Unvereinbarkeit islamischer und freiheitlicher Konzepte auseinandergesetzt.

In seinem 2007 in der dritten Auflage erschienenen Werk „Christentum und säkularer Staat“ untersucht er unter anderem die möglichen langfristigen Folgen von Islamisierungsprozessen für die säkularen Staaten Europas. Den Islam betrachtet er dabei in seiner real existierenden Form als einen überwiegend nicht assimilierbaren kulturellen „Fremdkörper“ und prognostiziert Europa in Folge dessen langfristig „epochale Herausforderungen“.

1. Das Problem der Kulturblindheit moderner Ideologien

Eine verantwortungsbewusste Politik müsse den Islam „zunächst einmal so verstehen, wie er sich selbst versteht, und nicht wie westlich orientierte, säkulare Muslime oder im interreligiösen Dialog engagierte Christen ihn gerne haben möchten.“

Islambezogene Herausforderungen in Europa seien auch das Resultat der Schwäche moderner Ideologien und des ihr innewohnenden Relativismus, der wertmäßig nicht zwischen Auflösung und Stärkung kultureller Substanz unterscheide und diese als gleichwertige Optionen politischen Handelns betrachte, was tendenziell Auflösung fördern würde. Zudem würden moderne Ideologien zur Kulturblindheit neigen und die fundamentalen Unterschiede zwischen den Religionen meist ausblenden oder unterschätzen.

2. Der Islam als kultureller Fremdkörper in Europa

Der Islam könne keinen Beitrag zur Erneuerung der kulturellen Substanz Europas leisten, weil er eine eigene, sich von der christlichen und säkularen Kultur Europas deutlich unterscheidende Kultur hervorgebracht habe. Ein wachsender kultureller Einfluss des Islams in Europa erfolge daher zwangsläufig auf Kosten der kulturellen Substanz Europas.

  • Zwischen dem säkularen und liberalen Staat und dem Christentum in Europa gebe es eine Ursprungsbeziehung, weil christliche Weltanschauung ihn hervorgebracht habe. Auch wenn es ein Spannungsverhältnis zwischen Säkularismus und Christentum in Europa gebe, seien diese sich aufgrund dieses Ursprungsverhältnisses nicht grundsätzlich fremd.
  • Der Islam hingegen müsste seinen Wesenskern aufgeben, um sich in ein ähnliches Verhältnis zum säkularen Staat zu begeben wie das Christentum, weshalb die reale Beziehung zwischen Islam und säkularem Staat „eine solche der fundamentalen Unvereinbarkeit“ sei.
  • Rhonheimer verweist in diesem Zusammenhang auch auf eine Bewertung des Islam aus katholischer Perspektive durch Benedikt XVI. bzw. Joseph Ratzinger. Der Islam sei „ganz offenkundig gerade das Gegenmodell zur pluralistischen Demokratie und kann daher nicht zu deren gründenden Kraft werden.“

Ein Beispiel dafür sei die Religionsfreiheit, die im Sinne des Grundgesetzes ein Religionsverständnis voraussetze, das nicht das Verständnis des Islam sei. Was von islamischer Seite meist unter Berufung auf Religionsfreiheit eingefordert werde, beziehe sich tatsächlich auf die Sphäre des Politischen. Solche Forderungen müsse der „säkulare freiheitliche Verfassungsstaat […] kategorisch zurückweisen.“

Da der Islam die weltanschaulichen Grundlagen säkularer Demokratien nicht teilen könne ohne sich selbst aufzugeben, stelle er in entsprechenden Staaten einen „Fremdkörper“ dar:

Islam, islamische Kultur und muslimischer Glaube hingegen sind hier, in ihrer bisherigen Gestalt, Fremdkörper und in dieser ihrer originalen Gestalt auch nicht assimilierbar.

Der liberale Islam stelle keine aus dem Inneren des Islam kommende authentische religiöse Bewegung dar, sondern sei der Versuch, aus politischen Motiven heraus einen staatskompatiblen Islam zu schaffen. Aus einer solchen politischen Instrumentalisierung der Religion könne jedoch kaum eine relevante religiöse Strömung entstehen. Die Zukunft solcher Ansätze sei daher ebenso fraglich wie die Perspektiven der Integration eines signifikanten Anteils der Muslime in Europa.

Auch multikulturalistische Ansätze, die von der Möglichkeit der dauerhaften Koexistenz christlich inspirierter und islamischer Rechtsordnung ausgehen, seien zum Scheitern verurteilt. Es könne in einer Gesellschaft auf Dauer nur eine einzige politische und rechtliche Kultur geben.

Im September 2017 hatte Rhonheimer seine Überlegungen in einem in der „Neuen Zürcher Zeitung“ erschienenen Aufsatz weiter präzisiert und die prinzipiele Unvereinbarkeit islamischer und christlich-abendländischer Ordnungsvorstellungen betont:

Der IS ist keine Häresie […] sondern handelt genau nach dem in der Geschichte wiederkehrenden Muster kriegerischer islamischer Expansion. Das Vorbild ist Mohammed selbst. […]

Der Islam ist seinem Wesen nach mehr als eine Religion. Er ist ein kultisches, politisches und soziales Regelwerk, will religiöse und politisch-soziale Ordnung in einem sein. Und er war von Anfang an kriegerisch. Der Islam will das «Haus des Islam» auf der ganzen Welt verbreiten. Es geht ihm dabei nicht so sehr um religiöse Bekehrung der Nichtmuslime als um ihre Unterwerfung unter die Scharia.[…]

Für den Islam sind Nichtmuslime keine vollwertigen Menschen. Denn islamischer Lehre gemäss ist der Mensch von Natur aus Muslim, die menschliche Natur selbst, die «fitra», ist muslimisch. Nichtmuslime sind folglich Abtrünnige, «denaturierte» Menschen. Im Islam kann es deshalb keine prinzipielle Gleichheit aller Menschen aufgrund ihrer Natur und kein für alle – unabhängig von der Religionszugehörigkeit – geltendes Naturrecht geben. […]

Die christlichen Kirchen konnten für Prozesse der Selbstreinigung immer auf ihre Ursprünge rekurrieren und, sich an ihre Gründungsidee erinnernd, historischen Ballast abwerfen. Der Islam müsste sich für solche Selbstreinigung – gerade umgekehrt – von seiner Gründungsidee distanzieren, sein politisch-religiöses Doppelwesen aufgeben und sich damit in seiner religiösen Substanz verändern.

3. Die Präsenz des Islams als Quelle von Konflikten und „epochale Herausforderung“

Rhonheimer sieht in Folge der grundsätzlichen Inkompatibilität des Islams mit europäischen Ordnungsvorstellungen und dessen wachsender Präsenz in Europa erhebliche Risiken auf Europa zukommen:

Misslingt solche Integration, so schließt dieser Konflikt unkalkulierbare und unvorhersehbare Risiken in sich, sobald einmal eine kritische Masse von Bürgern islamischen Glaubens in einem westlichen Staat angesiedelt ist. Alle historische Erfahrung zeigt: Je stärker die Muslime zahlenmäßig sind, umso radikaler glauben sie, umso mehr prägen sie islamisches Bewusstsein und Identität aus und umso dünner wird die Luft für Andersgläubige.

Der Islam werde wegen seines inhärenten Spannungsverhältnisses zu Kultur und politischer Ordnung Europas Rhonheimer zufolge immer stärker als „Gegenkultur“ in Erscheinung treten, was „epochale Herausforderungen“ nach sich ziehen werde.

Europa stehe deshalb zumindest ein „Wettbewerb der Kulturen“ bevor. Wahrscheinlicher sei langfristig jedoch ein darüber hinausgehender Konflikt zwischen den „radikal divergierenden zivilisatorischen Konzeptionen“ des Islams und des christlich geprägten säkularen Europas.

4. Die Negation des Christentums als Wesenskern des Islam

Zuvor hatte Rhonheimer darauf hingewiesen, dass der Wesenskern des Islams in der Ablehnung der christlichen Offenbarung bestehe. Der Islam stelle „aufgrund seines Menschen- und Gottesbildes […] die absolute Antithese zum Christentum“ dar, da „Jesus lediglich als Prophet und nicht als Messias angesehen wird“.

Der Islam ist nicht eine Religion, die Jesus Christus nicht kennt. Sondern eine Religion, für die gerade wesentlich ist, Jesus als Erlöser des Menschen zu leugnen. Die zentrale christliche Glaubensaussage »Jesus ist Gottessohn, er ist Gott« ist für Muslime eine Blasphemie.“

5. Christlicher Glaube als Voraussetzung eines neuen europäischen Selbstbewusstseins und der Integration von Muslimen

Die Schwäche Europas in der Auseinandersetzung mit islambezogenen Herausforderungen bestehe vor allem darin, dass Europa im Zuge der Abwendung vom christlichen Glauben auch „den Glauben an die Überlegenheit unserer modernen freiheitlichen Zivilisation verloren“ habe.

Aus dieser Position heraus sei es unmöglich, glaubwürdig für die Werte und die Kultur Europas einzustehen. In der gegenwärtigen Lage müsse es darum, gehen, „unseren muslimischen Mitbürgern unseren Glauben dadurch attraktiv machen, dass wir ihn wirklich leben. Und indem wir dazu stehen, dass unsere westliche Zivilisation zu so viel Wohlstand und Lebensqualität geführt hat, weil sie auf dem Humus des Christentums gewachsen ist.“