Stand: 01.06.2018

Anlässlich des 200. Geburtstags des Schweizer Kulturhistorikers Jacob Burckhardt (1818-1897) bezeichnete der zuletzt an der Universität Konstanz lehrende Historiker Jürgen Osterhammel dessen Theorie historischer Krisen als „Sturmlehre der Geschichte“ für die Gegenwart und hob die Aktualität der Gedanken Burckhardt vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Lage in Europa hervor. Burckhardt habe zudem die geistig-kulturellen Kräfte, die historisches Geschehen bestimmten, zutreffend erkannt.

Jacob Burkhardt befasste sich in seinem erst nach seinem Tod veröffentlichten Werk „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ mit dem Wesen historischer Krisen, also mit Lagen, welche die politische und kulturelle Kontinuität von Gemeinwesen gefährden.  Er argumentierte dabei auf einer konservativen Grundlage und warnte unter anderem vor dem totalitären Potenzial utopischer Ideologien, einer bevorstehenden geistig-kulturellen Krise Europas in Folge seiner Abwendung vom Christentum, heraufziehenden „gewaltigen Völkerkriegen“ und der kulturzerstörenden Wirkung der Konsumgesellschaft.

1. Das Wesen historischer Krisen

Historische Krisen würden aus dem Gegensatz zwischen der Schwäche einer bestehenden Ordnung und der Stärke ihrer Herausforderer heraus entstehen. Die Schwäche des Bestehenden erzeuge bei den Herausforderern „hoffnungsvolle Aufregung“ in Form der Erwartung, an die Stelle des Bestehenden treten zu können.

Er kritisiert in diesem Zusammenhang materialistisches Denken, das u.a. in Faktoren wie Armut den Auslöser von Krisen sieht. In Krisen würden „nicht die Elendesten, sondern die Emporstrebenden den eigentlichen Anfang machen“.

Historische Krisen seien davon gekennzeichnet, dass es in ihnen ums Ganze bzw. um das „Heiligste“ der Konfliktparteien gehe. Unter diesen Bedingungen könne die Krise aus Sicht der Beteiligten oft nur durch die „Zernichtung des Gegners“ überwunden werden. Historische Krisen würden daher tendenziell extreme Verläufe nehmen.

2. Krisen stellen Gesellschaften vor die Wahl zwischen Erneuerung und Untergang

Historische Krisen stellen die wegen ihrer Schwäche herausgeforderte Ordnung vor die Wahl, diese Schwächen entweder zu überwinden oder unterzugehen. Besonders gefährlich seien Krisen in fortgeschrittenen Stadien kultureller Schwäche. Die im Zuge der Ausbreitung des Islam vernichteten Byzantiner hätten kaum eine Chance gehabt, denn sie hätten „ganz anders werden müssen, als sie waren, um jenem Fanatismus zu widerstehen, welcher dem Getöteten das Paradies und dem Sieger den Genuß der Herrschaft über die Welt versprach.“

Die Notwendigkeit, sich gegen einen Angreifer zu verteidigen, könne in einem von kulturellem Zerfall betroffenen Gemeinwesen zwar positive Wirkung entfalten, denn eine Krise „entwickelt die Kräfte im Dienst eines Allgemeinen und zwar des höchsten Allgemeinen und innerhalb einer Disziplin, welche zugleich die höchste heroische Tugend sich entfalten läßt“. Man solle dennoch nicht auf Krisen hoffen, weil vor allem Kriege  meist „nicht viel mehr als Elend mit sich“ brächten und immer mit dem Risiko der eigenen Vernichtung verbunden seien:

Krisen treiben das Große wohl hervor, aber es kann das letzte sein.

Es sei besser, sich in Zeiten der Stärke die destruktiven Folgen von kultureller Auflösung und Schwäche vor Augen zu halten und diesen entgegenzuwirken, bevor sie zu Krisen führen.

3. Das Problem der Krisenleugnung des liberalen Fortschrittsoptimismus

Burckhardt kritisiert die optimistische Perspektive des Liberalismus, der davon ausgeht, dass Geschichte sich kontinuierlich in Richtung des Fortschritts vollziehe und es daher keine negativ zu bewertenden Krisen, sondern nur neutralen oder positiven Wandel gebe.

Der Liberalismus des 19. Jahrhunderts habe etwa die Völkerwanderungen, die das Römische Reich zerstörten, zum Teil positiv bewertet weil diese eine „Verjüngung“ Europas nach sich gezogen hätten. Der „Drang jugendlicher Völker von großer Fruchtbarkeit nach dem Besitz […] menschenarm gewordener Länder“ habe tatsächlich aber keine positiven Auswirkungen auf das Römische Reich gehabt, sondern sei für dieses „rein ertötend“ verlaufen.

Dies gelte allgemein vor allem für solche Krisen, die aus der Begegnung unterschiedlicher Kulturen entstehen. Es sei naiv, hier nur von der Möglichkeit der gegenseitigen Befruchtung auszugehen, denn es gebe auch „rein negative und zerstörende Barbareien“.

4. Religion als Treiber historischen Geschehens und die bevorstehende „große religiöse Krisis“ Europas

Religion sei der wesentliche Treiber historischen Geschehens, weil andere Treiber wie die Kultur und der Staat von ihr abhängig seien:

Hohe Ansprüche haben die Religionen auf die Mutterschaft über die Kulturen, ja die Religion ist eine Vorbedingung jeder Kultur, die den Namen verdient, und kann sogar geradezu mit der einzig vorhandenen Kultur zusammenfallen. […] Eine mächtige Religion entfaltet sich in alle Dinge des Lebens hinein und färbt auf jede Regung des Geistes, auf jedes Element Kultur ab. […] Jede Religion würde, wenn man sie rein machen ließe, Staat und Kultur völlig dienstbar, d. h. zu lauter Außenwerken ihrer selbst machen und die ganze Gesellschaft von sich aus neu bilden.

Religionen würden „heiliges Recht“ und die Voraussetzungen dafür schaffen, dass „große Zwecke erreicht werden […] und daß die ganze Nation darin ihren Ausdruck, ihr Pathos und ihren Stolz gegenüber anderen Völkern zu finden vermag.“ Religiös inspirierte Völker seien „wirklich für etwas dagewesen und haben eine mächtige Spur zurückgelassen“.

Europa stehe möglicherweise vor einer „großen religiösen Krisis“ und somit auch vor einer Krise seiner historischen Existenz, da der „moderne Geist“ die „Deutung des ganzen hohen Lebensrätsels unabhängig vom Christentum“ versuche. Es gebe jedoch keine historischen Beispiele für das Überleben einer Kultur, die sich von der sie begründenden Religion gelöst habe. (ts)