Stand: 22.04.2018

Die katholische Soziallehre hat eine Reihe von strategischen Ansätzen zum Umgang mit islambezogenen Herausforderungen formuliert. Diese sehen einen selbstbewussten Dialog mit dem Islam mit dem Ziel dessen besseren Verständnisses, dem friedlichen Zusammenleben und der Sicherstellung christlicher Interessen bei gleichzeitiger Bekämpfung vor allem militant-islamistischer Strömungen vor. Zudem gilt auch gegenüber dem Islam der Missionsauftrag des Christentums.

1. Achtung gegenüber positiven Aspekten im Islam

Eine meist aus der pauschalen Ablehnung von Religion geborene Islamfeindlichkeit, wie sie in säkularen Ideologien zu finden ist, ist katholischen Ansätzen der Auseinandersetzung mit dem Islam fremd. Katholische Theologie hat immer betont, dass das Gute in allem gefunden werden kann, und das auch der Irrtum nur eine unvollständige Form der Wahrheit darstellt.

Auf der Grundlage dieses Denkens hat das Christentum das Gute, dem es in anderen Religionen und den von ihnen gestifteten Kulturen begegnet ist, von Beginn an in geordneter Form in seine Kultur aufgenommen, wodurch es innerlich wuchs. Gegenüber dem Islam kann das Christentum ähnlich verfahren. Die Existenz guter Elemente im Islam und in islamischer Kultur grundsätzlich abzustreiten daher auch bedeuten, dem Christentum eine Gelegenheit zum Wachstum vorzuenthalten.

Ebenso kann eine katholische Perspektive auch im ungünstigsten Fall niemals Menschen als Feinde betrachten, sondern nur die negativen geistigen Einflüsse, denen sie ggf. unterliegen.

In der im Rahmen des II. Vatikanischen Konzils im Jahre 1965 veröffentlichten Erklärung „Nostra Aetate“ über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen heißt es über den grundsätzlichen Umgang mit diesen Religionen:

Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Handlungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet.

Die Kirche betrachte dementsprechend positive Aspekte des Verhaltens von Muslimen „mit Hochachtung“ und ruft dazu auf, „sich aufrichtig um gegenseitiges Verstehen zu bemühen und gemeinsam einzutreten für Schutz und Förderung der sozialen Gerechtigkeit, der sittlichen Güter und nicht zuletzt des Friedens und der Freiheit für alle Menschen.“

Papst Benedikt XVI. sagte 2012, dass das Dokument die Schwäche aufweise, von Religion „nur positiv“ zu sprechen und „die kranken und gestörten Formen von Religion“ auszuklammern, „die geschichtlich und theologisch von großer Tragweite sind“.

2. Realistischer Dialog mit dem Islam

Grundlagen einer Strategie zum Umgang mit islambezogenen Herausforderungen hatte Papst Johannes Paul II. in seinem Schreiben „Ecclesia in Europa“ im Jahre 2003 formuliert.

  • Dialog mit dem Islam sei wünschenswert, um diesen besser zu verstehen. Solcher Dialog dürfe jedoch nicht durch „religiösen Relativismus geprägt“ sein und zu der Annahme führen, dass „eine Religion gleich viel gilt wie die andere“.
  • Solcher Dialog müsse sich zudem „des beträchtlichen Unterschiedes zwischen der europäischen Kultur, mit ihren tiefen christlichen Wurzeln, und dem muslimischen Denken bewußt sein“.
  • Außerdem müsse es im Dialog mit dem Islam darum gehen, christliche Interessen sicherzustellen, etwa „Gegenseitigkeit bei der Zusicherung der Religionsfreiheit […] in Ländern […] wo die Christen in der Minderheit sind“.

Im Rahmen dieses Dialogs können auch die weltanschaulichen Schwächen und negativen Tendenzen im Islam angesprochen werden. Wo islamische Akteure diese verteidigen oder der Auseinandersetzung ausweichen, schwächen sie ihre eigene Glaubwürdigkeit, weshalb diese Form des Dialogs zur Schwächung problematischer Tendenzen im Islam beiträgt.

Zudem kann es im Dialog darum gehen, positive Elemente im Islam zu erkennen, um in einem späteren Schritt prüfen zu können, ob ihre geordnete Integration in christliche Kultur möglich ist.

3. Evangelisierung von Muslimen als Beitrag zu deren Integration in Europa

Papst Johannes Paul II. hatte in seinem Schreiben „Ecclesia in Europa“ im Jahre 2003 erklärt, dass es notwendig sei, „die Christen, die in täglichem Kontakt mit den Muslimen leben, entsprechend darauf vorzubereiten, den Islam auf objektive Weise kennenzulernen und sich mit ihm auseinandersetzen zu können.“

In Kontext der Worte Johannes Pauls II. wird dabei deutlich, dass „Auseinandersetzung“ hier vor allem auch Anstrengungen zur Evangelisierung von Muslimen bedeutet. Evangelisierung kann dabei einen Beitrag zu der von Johannes Paul II. geforderten vollständigen bzw. „echten Integration“ von Muslimen in Europa leisten.

Darüberhinaus hat das Christentum einen allgemeinen Missionsauftrag, der sich auch auf Muslime erstreckt. Muslimen die christliche Botschaft vorzuenthalten würde bedeuten, ihnen den Dienst der Nächstenliebe zu verweigern.

4. Gestaltung der Migration und Präsenz von Muslimen nach den Erfordernissen des Gemeinwohls

Die Position der katholischen Soziallehre zur gemeinwohlorientierten Gestaltung von Migration geht zurück auf den hl. Thomas von Aquin.

  • Der Umgang mit Fremden sei ihm zufolge nach den Erfordernissen des Gemeinwohl zu gestalten. Fremden, die als Reisende auftreten und sich an das Gesetz halten, sei Gastfreundschaft zu gewähren.
  • Fremde, die sich dauerhaft niederlassen wollten, müssten sich kulturell assimilieren, damit ihre Präsenz nicht im Widerspruch zum Gemeinwohl stehe, und damit sie zu diesem einen Beitrag leisten könnten.
  • Eine Präsenz von Fremden, die mit Bedrohungen für die Sicherheit eines Gemeinwesens verbunden sei, schade dem Gemeinwohl und sei daher abzulehnen.

Auf diesen Gedanken beruht die im Katechismus der Katholischen Kirche festgehaltene Position der Soziallehre, der zufolge ein Gemeinwesen nach seinen Möglichkeiten auch Fremden in Not helfen solle. Ein Migrant habe als Gast jedoch auch Verpflichtungen gegenüber seinen Gastgebern, etwa „das materielle und geistige Erbe seines Gastlandes dankbar zu achten, dessen Gesetzen zu gehorchen und die Lasten mit zu tragen.“

Papst Johannes Paul II. sprach 2003 „Probleme im Zusammenhang mit den wachsenden Migrantenströmen” an und erwähnte in diesem Zusammenhang die tiefgreifenden kulturellen Unterschiede „zwischen der europäischen Kultur, mit ihren tiefen christlichen Wurzeln […] und dem muslimischen Denken. Staaten seien sittlich verantwortlich, eine “Kontrolle der Zuwanderungsströme unter Berücksichtigung der Erfordernisse des Gemeinwohls durchzuführen. Die Aufnahme muß immer unter Einhaltung der Gesetze erfolgen und daher, wenn nötig, mit der Ausschaltung von Mißbräuchen einhergehen.“ Es müsse zudem das „besondere kulturelle Erbe jeder Nation bewahrt werden“.

Der Schutz der kulturellen Grundlagen des Gemeinwesens als Erfordernis des Gemeinwohls

Der Staatsrechtler und Katholik Ernst-Wolfgang Böckenförde betonte, dass der säkularisierte Staat „zunehmend auf vorhandene und gelebte Kultur als die Kraft angewiesen“ sei, „die eine relative Gemeinsamkeit vermittelt und ein die staatliche Ordnung tragendes Ethos hervorbringt“. Diese Kultur habe sich „weithin aus bestimmten religiösen Wurzeln, aus davon geprägten Traditionen und Verhaltensweisen geformt.“ Migration und die Präsenz fremder Kulturen könnten potenziell dazu führen, dass „der kulturelle Sockel“, auf dem ein Staat beruht, „sich zunehmend parzelliert, aushöhlt und seine verbindende Kraft einbüßt“.

Böckenförde zitiert den damaligen Präfekten der Glaubenskongregation Kardinal Joseph Ratzinger und späteren Papst Benedikt XVI. aus einem Briefwechsel zu diesem Thema:

In einem weltanschaulich neutralen Staat müssten nicht alle öffentlich erscheinenden Symbole gleich behandelt werden, so dass entweder alle gleichmäßig oder keines öffentlich erscheinen könne. Ein Staat habe doch seine eigenen kulturellen und religiösen Wurzeln, die auch dann für ihn in gewisser Hinsicht konstitutiv blieben, wenn er selbst sich den Religionen gegenüber zur Neutralität verpflichtet wisse. Andernfalls, so der Kardinal, müssten die Privilegien des Sonntags verschwinden, die Gesetzgebung in Sachen Ehe und Familie gleichermaßen der muslimischen wie der christlichen Tradition Rechnung tragen. Abschließend heißt es: „Ein Staat kann sich nicht völlig von seinen eigenen Wurzeln abschneiden und sich sozusagen zum reinen Vernunftstaat erheben, der ohne eigene Kultur und ohne eigenes Profil alle für Ethos und Recht relevanten Traditionen gleich behandelt und alle öffentlichen Äußerungen der Religionen gleich einstuft. Was in der Diskussion der letzten Jahre ziemlich unzulänglich mit dem Wort »Leitkultur« angesprochen war, ist in der Sache fundiert.“

Freiheiten könne ein Staat laut Böckenförde nur bedingt gewähren „gegenüber Religionen und religiösen Überzeugungen, die ihrerseits eine grundsätzliche Trennung von Staat und Religion und damit den säkularen Staat nicht akzeptieren und meinen, dies aus theologischen Gründen nicht tun zu können“. Eine Religion müsse zumindest „die Religionsfreiheit als gesetzlich bestehend respektieren und sich entsprechend verhalten“.

Auf der anderen Seite kann und darf der säkularisierte Staat keiner religiösen Überzeugung, welchen Rückhalt bei den Menschen sie auch haben mag, die Chance einräumen, unter Inanspruchnahme der Religionsfreiheit und Ausnutzung demokratischer Möglichkeiten seine auf Offenheit angelegte Ordnung von innen her aufzurollen und schließlich abzubauen. Daraus folgt: Wäre davon auszugehen, dass eine Religion, aktuell der Islam, sich gegenüber der Religionsfreiheit auf Dauer aktiv resistent verhält, sie also abzubauen suchte, sofern sich politische Möglichkeiten, etwa über Mehrheitsbildung, dazu bieten, so hätte der Staat dafür Sorge zu tragen, dass diese Religion beziehungsweise ihre Anhänger in einer Minderheitsposition verbleiben. Das würde gegebenenfalls entsprechende politische Gestaltungen im Bereich von Freizügigkeit, Migration und Einbürgerung notwendig machen.

Die Präsenz von Strömungen im Islam, die dieses Minimalkriterium nicht erfüllten, müsste entsprechend minimiert werden. In diesem Fall sei „der Staat ungeachtet seiner Freiheitlichkeit und Offenheit gehalten, Barrieren zu errichten, die die Anhänger des Islam hindern, direkt oder indirekt aus der Minderheitsposition herauszutreten. Darin läge kein Selbstwiderspruch, sondern nur die Selbstverteidigung des säkularisierten Staats.“

Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat in der Vergangenheit bei seinen Entscheidungen ähnlich argumentiert:

Jedenfalls kann sich auf die Glaubensfreiheit nicht berufen, wer die Schranken übertritt, die die allgemeine Wertordnung des Grundgesetzes errichtet hat. Das Grundgesetz hat nicht irgendeine, wie auch immer geartete freie Betätigung des Glaubens schützen wollen, sondern nur diejenige, die sich bei den heutigen Kulturvölkern auf dem Boden gewisser übereinstimmender sittlicher Grundanschauungen im Laufe der geschichtlichen Entwicklung herausgebildet hat.

5. Bekämpfung radikaler und militanter Strömungen im Islam

Im von Papst Johannes Paul II. beauftragten Kompendium der Soziallehre der Kirche wird islamistischer Terrorismus  als „Entweihung und Gotteslästerung“ eingestuft (Nr. 515). Versuche wie die der Islamisten, ganze Gruppen von Menschen aufgrund ihres christlichen Glaubens auszulöschen, werden als „Verbrechen gegen Gott und gegen die Menschlichkeit“ verurteilt (Nr. 506).

Es sei zudem die moralische Pflicht der Angegriffenen, notfalls „die Verteidigung auch mit Waffengewalt zu organisieren“ (Nr. 500). Zudem bestehe eine moralische Pflicht anderer dazu, zugunsten der Angegriffenen militärisch einzugreifen (Nr. 506).