Stand: 22.01.2018

Christliche Weltanschauung beruht auf dem Dienstgedanken, der Ausdruck der Forderung zur Nächstenliebe ist. Dieser Gedanke hat das gesamte abendländische Erbe geprägt, das darauf beruht, die Schwachen zu schützen und die unvollkommene Welt im Rahmen des Möglichen menschlicher zu gestalten. In diesem Zusammenhang soll politisches Handeln nach christlicher Vorstellung stets den Dienst am Gemeinwohl zum Ziel haben.

1. Was ist das Gemeinwohl?

Das Gemeinwohl ist laut Definition der Kirche im Dokument „Gaudium et Spes“ die Gesamtheit der Bedingungen gesellschaftlichen Lebens, die allen Teilen der Gesellschaft ein vollständigeres und leichteres Erreichen ihrer Vollendung ermöglichen. Das Gemeinwohl ist zudem die soziale und gemeinschaftliche Dimension des moralisch Guten in Bezug auf das Wohl aller Menschen und des ganzen Menschen.

Zum Gemeinwohl gehören laut katholischer Soziallehre (KKK 1925) die frei folgenden Elemente:

  • Achtung und Förderung der Grundrechte der Person;
  • Sicherstellung und Entwicklung der geistigen und materiellen Grundlagen des Gemeinwesens;
  • Sicherheit des Gemeinwesens und seiner Mitglieder.

1.1 Elemente des Gemeinwohls aus der Sicht von Historikern

Der Historiker Shalom Salomon Wald hat dies konkretisiert, indem er die Faktoren untersucht, die den langfristigen Bestand und die Entfaltung eines Gemeinwesens in der Geschichte gefördert haben. Ihm zufolge seien dies die folgenden Faktoren:

  • Pflege seines Kulturkerns und seiner Identität
  • Stärkung innerer Bindungen
  • Konstruktive Beilegung innerer Konflikte
  • Äußere Verteidigungsbereitschaft und Wehrhaftigkeit
  • Hohe Qualität des Führungspersonals
  • Hohes Leistungsniveau in Naturwissenschaft und Technik
  • Belastbare Allianzen und zuverlässige Verbündete
  • Wohlstand und konstruktive Beilegung von Verteilungskonflikten
  • Intakte demographische Grundlagen

Der Historiker Crane Brinton schrieb in seiner Studie über die Anatomie von Revolutionen, dass diese in der Regel nur dort erfolgreich waren, wo eine Regierung in ihrem Dienst am Gemeinwohl versagt habe. Dies wiederum sei in der Regel die Folge eines Mangels an militärischen Tugenden, mangelnder Achtung für überliefertes Denken und Verhalten sowie mangelnder Anpassungsfähigkeit für wechselnde Lagen gewesen. Zudem sei in solchen Regierungen politische Dekadenz u.a. in Form mangelnden Handlungsgewillens bzgl. existenzieller Herausforderungen zu beobachten gewesen. Häufig sei das Verhalten der Eliten zudem von moralischer Dekadenz gekennzeichnet gewesen, was Verachtung in der Bevölkerung erzeugt habe. Eine gemeinwohlfähige, dauerhafte Regierung müsse zudem über Korpsgeist verfügen und von der eigenen Berufung zur Herrschaft überzeugt sein und für die tüchtigsten Teilen der Bevölkerung hinreichende Aufstiegsmöglichkeiten in die gesellschaftliche Elite ermöglichen.

1.2 Gemeinwohl und Antifragilität

Der Risikoforscher und Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb setzte sich in seinem Werk „Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen“ mit den Eigenschaften nachhaltiger Systeme auseinander, die Herausforderungen aller Art auf optimale Weise begegnen könnten und durch sie sogar stärker würden. „Antifragile“ Systeme, etwa Gemeinwesen, hätten die folgenden Eigenschaften:

  • Aktiver Umgang mit Schwächen und Bedrohungen: Sie würden aktiv nach möglichen Bedrohungen suchen, diese frühzeitig erkennen und seien dadurch in der Lage, sich auf sie einzustellen. Sie würden ihr Umfeld und ihre Lage zudem vom Negativen ausgehend betrachten und die Reduzierung von unnötiger Komplexität sowie von Schwächen und Verwundbarkeiten anstreben und dadurch Risiken präventiv reduzieren. Dazu gehöre, dass sie das Scheitern untauglicher Systemelemente förderten anstatt es herauszuzögern, zum Beispiel durch die Übernahme privater Risiken durch das Gemeinwesen, bevor sie systemrelevant („too big to fail“) würden.
  • Meritokratie und persönliche Verantwortung: In ihnen würden Entscheidungsträger die Risiken ihrer Entscheidungen persönlich tragen, und ihr Schicksal sei unauflöslich mit dem des Systems verbunden. Ein Beispiel dafür sei ein Schiff, dessen Kapitän nach traditionellem Verständnis im Fall des Untergangs mit diesem unterzugehen habe. Sie seien zudem meritokratisch organisiert und würden die Übertragung von Verantwortung von früheren Erfolgen abhängig machen, während sie diese bei Misserfolg konsequent wieder entziehen würden.
  • Aufrechterhaltung hoher Standards: Sie würden nicht primär Stabilität anstreben, sondern sich in dosierter Form Belastungen aussetzen, die sie zur Herausbildung von Stärken und Eliminierung von Schwächen zwingen würden, etwa in Form hoher Standards.
  • Dezentralität und Vorsorge: Sie seien dezentral bzw. in kleinen Einheiten organisiert und würden Reserven und Redundanzen bilden. Zentralistische Strukturen seien hingegen allgemein fragil, könnten auf Herausforderungen nur langsam reagieren und würden im Notfall benötigte Reserven als ineffizient betrachten.

Modernes Denken würde laut Taleb die Verwundbarkeit von Systemen erhöhen, weil sein oft naives Verständnis von Rationalität sowohl die Folgen von Komplexität als auch langfristige sowie indirekte und nichtlineare Auswirkungen von Handlungen unterschätzen würde. Es überschätze gleichzeitig die Möglichkeit, auf Grundlage theoriegeleiteter Ansätze komplexe Systeme steuern, ihre Entwicklung prognostizieren oder auf sie Einfluss nehmen zu können.

Modernes Denken gehe außerdem häufig von moralisch aufgeladenen Abstraktheiten aus, von denen auf die Wirklichkeit bzw. darauf, wie sie sein solle, geschlussfolgert werde. Gleichzeitig habe es die Tendenz, die Möglichkeit krisenhafter Entwicklungen zu unterschätzen und existenzielle Herausforderungen in seiner Neigung zum positiven Denken umso stärker auszublenden, je akuter sie würden. Das Ergebnis sei, dass die Wirklichkeit häufig verzerrt wahrgenommen und Lagen unzutreffend beurteilt würden, was zu schlechten Entscheidungen führe.

Es neige zudem dazu, traditionelle Lösungen und Ansätze als „irrational“ abzulehnen, die im Gegensatz zu theoriebasierten Ansätzen jedoch unter komplexen Bedingungen langfristig erprobt seien und ihre Tauglichkeit bewiesen hätten. Traditionelles Denken sei seinem Wesen nach daher antifragil und modernen Ansätzen oft überlegen, was seine Krisentauglichkeit angehe.

2. Politik als Dienst am Gemeinwohl

Dem katholischen Theologe Romano Guardini zufolge sei politische Macht in christlicher Weltanschauung nicht die bloße Fähigkeit zur Durchsetzung der eigenen Interessen, sondern „dienende Stärke“:

Es gibt aber noch eine andere Form, wie Macht geübt wird, nämlich die des Dienstes. Damit ist nicht die Unterordnung des Schwächeren gemeint; dieser Dienst ist im Gegenteil Sache der Stärke, die sich für das Leben verantwortlich fühlt – für alles das, was Leben heißt: Mensch, Volk, Kultur, Ordnung des Landes und der Erde.

Dieses Machtverständnis könne jedoch nicht auf Grundlage modernen, säkularen Denkens entstehen, da es von der Legitimation politischen Handelns durch einen göttlichen Auftrag ausgehe, in dessen Rahmen der Dienst ausgeübt werde, und an dem er sich zu messen habe. Die politischen Eliten, die das künftige Europa schaffen, sollten dies in Abgrenzung von den Entwürfen der Moderne auf Grundlage des Gedankens der „dienenden Stärke“ tun:

Dienende Stärke, die will, dass die Dinge der Erde wieder Recht werden. In dieser Form der Machtübung ist kein Glanz, keine Erhabenheit, sondern schlichte Sachlichkeit.

Christliche Weltanschauung lehnt das Konzept des Gesellschaftsvertrages ab, das gesellschaftliches und politisches Leben in erster Linie als Transaktion und Ausdruck von Ansprüchen an andere betrachtet. Ein dauerhaftes Gemeinwesen beruht im Gegensatz dazu auf Dienst und Pflichtempfinden, das zumindest in der Führung und bei den Funktionsträger des Staates notwendig ist.

In der Bevölkerung eines Staates ist das die Dienstbereitschaft am Gemeinwohl fördernde Pflichtempfinden von der Stärke der vorhandenen Bindungen abhängig. Je mehr sich Menschen miteinander und mit dem Gemeinwesen identifizieren, desto größer ist in der Regel auch der Grad der Bereitschaft, sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Die Mitglieder eines Gemeinwesens mit starken Bindungen stehen füreinander auch ohne Entlohnung ein und sind bereit dazu, zu geben anstatt zu nehmen.