Stand: 29.08.2018

Die Position der katholischen Soziallehre zur gemeinwohlorientierten Gestaltung von Migration geht zurück auf den hl. Thomas von Aquin, der als bedeutendste Philosoph unter den Kirchenlehrern mit seinem im 13. Jhd. entstandenen Werk die Soziallehre mitbegründet hat.

Der hl. Thomas bezog sich in seinen Gedanken über das Bürgerrecht v.a. auf Aristoteles sowie die im Alten Testament beschriebene Praxis des Volkes Israel und verwies auf die Risiken, die entstehen würden, wenn Fremden, die sich noch nicht mit dem Gemeinwohl identifizieren, Einfluss in einem Gemeinwesen gewährt werde.1 Er nahm damit die Diskussion über die Herausforderungen der Integration kulturferner Migranten in westlichen Gesellschaften um Jahrhunderte voraus.

  • Der Umgang mit Fremden sei ihm zufolge nach den Erfordernissen des Gemeinwohl zu gestalten. Fremden, die als Reisende auftreten und sich an das Gesetz halten, sei Gastfreundschaft zu gewähren.
  • Fremde, die sich dauerhaft niederlassen wollten, müssten sich kulturell assimilieren, damit ihre Präsenz nicht im Widerspruch zum Gemeinwohl stehe, und damit sie zu diesem einen Beitrag leisten könnten.
  • Eine Präsenz von Fremden, die mit Bedrohungen für die Sicherheit eines Gemeinwesens verbunden sei, schade dem Gemeinwohl und sei daher abzulehnen.

Auf diesen Gedanken beruht die im Katechismus der Katholischen Kirche festgehaltene Position der Soziallehre, der zufolge ein Gemeinwesen nach seinen Möglichkeiten auch Fremden in Not helfen solle. Ein Migrant habe als Gast jedoch auch Verpflichtungen gegenüber seinen Gastgebern, etwa „das materielle und geistige Erbe seines Gastlandes dankbar zu achten, dessen Gesetzen zu gehorchen und die Lasten mit zu tragen.“

Der hl. Johannes Paul II. hatte erklärt, dass die katholische Soziallehre auch die eine Verpflichtung von Staaten dazu vorsehe, eine “Kontrolle der Zuwanderungsströme unter Berücksichtigung der Erfordernisse des Gemeinwohls“ durchzuführen. Die Aufnahme von Migranten müsse „immer unter Einhaltung der Gesetze erfolgen und daher, wenn nötig, mit der Ausschaltung von Mißbräuchen einhergehen.“ Es müsse zudem das „besondere kulturelle Erbe jeder Nation bewahrt werden“.

Migration müsse unter Berücksichtigung der Erfordernisse des „universellen Gemeinwohls“ gestaltet werden. Dazu gehörten auch die „unveräußerlichen Rechte“ u.a. auf Heimat und „das ethnische, kulturelle, sprachliche Erbe zu erhalten und weiterentwickeln zu können“. Dieses Recht gelte auch für die Menschen der Gesellschaften, die Ziel von Migration seien. Unkontrollierte Migration würde „dem Gemeinwohl jener Gesellschaften, die Aufnahme gewähren, Schaden und Nachteile einbringen.“ Zudem stelle die „Anwesenheit von nichtchristlichen Immigranten in Ländern mit alter christlicher Tradition […] für die kirchliche Gemeinde eine Herausforderung dar.“

Die katholische Soziallehre geht bei ihrer Betonung des universellen Gemeinwohls nicht von einer abstrakt verstandenen Menschheit als Referenzpunkt aus, sondern vom konkreten eigenen Umfeld des Handelnden, dem gegenüber dieser eine besondere Verantwortung besitzt. So vermeidet die Soziallehre es, dass im Rahmen gesinnungsethischer Argumentation mutmaßliche Menschheitsinteressen ohne Rücksicht auf die praktischen Folgen gegen die Bedürfnisse einer konkreten Gemeinschaft von Menschen ausgespielt werden.

Migration aus fremden Kulturkreisen ohne Assimilation schadet dem Gemeinwohl tendenziell, weil sie seine kulturellen Voraussetzungen schwächt und innere Konflikte fördert. Kardinal Walter Brandmüller betonte daher 2018, dass das Recht eines Volkes, seine eigene Kultur zu schützen „eine naturrechtlich begründete Selbstverständlichkeit“ sei.2

Traditionell wurden Staatsangehörigkeit und Bürgerrechte als Privileg und Auszeichnung betrachtet, nicht als universeller Anspruch der unterschiedslos jedem zu gewähren sei. In der Demokratie des antiken Griechenlands besaß derjenige die vollen Bürgerrechte, der ohne Einschränkungen dazu bereit und in der Lage war, für das Gemeinwohl einzutreten. Fremde, die durch ihre Präsenz vom Gemeinwesen der Polis profitierten, hatten entsprechende Steuern zu entrichten, waren aber von dessen Gestaltung ausgeschlossen.