Stand: 31.05.2018

Christliche Weltanschauung geht davon aus, dass der Mensch über eine von ihm selbst nicht überwindbare, begrenzte und unvollkommene Natur verfügt. Der Mensch verfüge zwar über Wille und Verstand, die jedoch korrumpierbar seien. Der Mensch sei zudem leicht zum Bösen verführbar, etwa über seine ungeordneten Leidenschaften und sein Streben nach Macht und Besitz.

Zudem betrachtet christliche Weltanschauung den Menschen nicht nur wie materialistische Weltanschauung es tut als biologisches Wesen, sondern auch als geistiges Wesen. Sie sieht den Menschen somit weder als ausschließlich durch seine Abstammung oder sein Geschlecht bestimmt an, noch betrachtet sie ihn als reines Willens- und Verstandeswesen. Zudem geht sie davon aus, dass der Mensch bestimmte biologische Aspekte seiner Identität nicht ändern könne, etwa seine Identität als Mann oder Frau.

Benedikt XVI. schrieb über die Natur des Menschen und die aus ihr folgenden Erfordernisse für die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens:

Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.

1. Die Notwendigkeit der Kontrolle von Macht

Da das Streben von Macht den Menschen ebenso korrumpieren kann wie andere Leidenschaften, geht christliche Weltanschauung von der Notwendigkeit der Kontrolle von politischer Macht aus.

Familien begrenzen die Macht des Staates in christlicher Weltanschauung nach unten, während sie das Naturrecht nach oben hin begrenzt. Die Bindung politischer Herrschaft an das Naturrecht ist daher ein Weg der Gewaltenkontrolle, ebenso wie es die Kontrolle und Mäßigung politischer Herrschaft durch eine intakte Kultur ist.

Unnötige Machtkonzentration ist zu vermeiden, und Entscheidungskompetenzen sind im Sinne des Subsidiaritätsprinzips auf der kleinsten Ebene zu belassen, die zur eigenständigen Bewältigung einer Aufgabe oder Lösung eines Problems in der Lage sind.

2. Die Ablehnung utopischen Denkens

Christliches Denken lehnt zudem utopisches Denken, das von der Möglichkeit der Erziehung eines unbegrenzt guten Menschen und der Schaffung einer perfekten Gesellschaft ausgeht ab, weil der Mensch seine Natur nicht ändern kann und alle Utopien deshalb bislang mit oft katastrophalen Begleiterscheinungen scheiterten.

Christliche Demut ist die Einsicht des Menschen in die Tatsache seiner Unvollkommenheit. Christliche Weltanschauung erkennt an, dass Menschen aufgrund ihrer Unvollkommenheit nicht dazu in der Lage sind, die Komplexität der Welt vollständig zu überschauen oder Wahrheit vollständig zu erkennen oder sie gar zu besitzen. Christen gehen daher niemals davon aus, die Wahrheit zu repräsentieren oder zu besitzen, sondern streben danach, sich von ihr besitzen zu lassen.

Utopische Ideologien gehen hingegen davon aus, dass die Perfektionierung des Menschen und der Gesellschaft möglich sind, und dass der revolutionäre Bruch mit dem Gewachsenen und die Zerstörung des Überlieferten erforderlich sind, um den von ihnen angestrebten Idealzustand zu erreichen. Sie halten an ihren Visionen auch dann fest, wenn praktische Erfahrungen ihnen widersprechen, schotten sich gegenüber der Wirklichkeit ab und neigen zur Blindheit, wobei sie sich selbst mit der Schönheit ihrer abstrakten Ideale blenden. Wo die Wirklichkeit sich ihnen nicht fügt, neigen sie dazu, ihre Ideale gewaltsam durchsetzen zu wollen.

3. Skepsis gegenüber der Masse

Christliche Weltanschauung ist aus der Annahme der Unvollkommenheit des Menschen heraus skeptisch gegenüber dem destruktiven Potenzial, das von Massen ausgeht.

Massen gehorchen nicht dem Verstand, sondern ihren Stimmungen, und neigen stets dazu, die schlechtesten Teile der Natur des Menschen freizusetzen. Sie sind sind durch Ansprache niederer Instinkte besonders gut mobilisierbar. Ernst Jünger beschrieb, dass das Unmenschliche gerade im Kollektiven hervortrete. In den Evangelien wird beschrieben, wie die Masse die Freilassung des Kriminellen Barrabas forderte, Jesus Christus aber zum Tode verurteilt sehen wollte.

Christliche Weltanschaung ist daher auch skeptisch gegenüber de Potenzial der nicht durch republikanische Elemente gemäßigten Demokratie, eine Tyrannei der Mehrheit hervorzubringen.

Die Idealisierung des Volkes durch moderne Ideologien stellt in diesem Zusammenhang oft genug nur eine Verherrlichung der Masse und des Mobs dar. Clemens August Graf von Galen sagte in seiner ersten Predigt nach dem Zweiten Krieg vor den Trümmern des Doms von Münster, das der Gedanke, dass alle Gewalt vom Volk ausgehe, Ausdruck der Überschätzung des Menschen sei: „Die Gewalt, die vom Volke ausgeht, haben wir nun erlebt.“

4. Die Notwendigkeit von Kultur

Die Natur des Menschen macht es zudem erforderlich eine Kultur zu schaffen, die seinen Schwächen und den destruktiven Tendenzen in seiner entgegenwirkt und seine Leidenschaften ordnet. Ohne diese Kultur würden die Schwächen des Menschen noch stärker zu Tage treten.  Die Natur des Menschen macht es zudem erforderlich, politische Macht zu kontrollieren, weil diese Menschen korrumpiert.