Stand: 23.10.2018

Das Konzept der Unterscheidung von Kirche und Staat hat sich auf Grundlage christlichen Denkens seit dem Mittelalter in Europa herausgebildet. Es beruht auf dem Selbstverständnis der Kirche als Organisation, die ihren Auftrag in Verkündigung des Glaubens und Dienst am Nächsten sieht.

In der abendländischen Tradition bildeten Kirche und Staat niemals eine Einheit, die aufgehoben hätte werden müssen. Die Unterscheidung von Kirche und Staat ist eine Konstante christlicher Weltanschauung und Kultur.

Unterscheidung, aber keine Trennung von Kirche und Staat

Die christliche Staatsauffassung kennt eine Unterscheidung zwischen der geistigen und weltlicher Sphären, aber keine Trennung.

Die katholische Soziallehre bejaht prinzipiell Staatswesen, die auf der Unterscheidung von Kirche und Staat beruhen, Christliche, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass diese auf kulturellen Grundlagen beruhen, die sie nicht selbst erzeugen können. Christen haben in diesem Zusammenhang den Auftrag, auf allen Gebieten menschlichen Lebens dienend zu wirken, darunter auch in Staat und Politik. Der Religionsfreiheit sicherstellende säkulare Staat und der Dienst des Christentums können sich auf der Grundlage dieses Verständnisses gegenseitig ergänzen.

Das Subsidiaritätsprinzip der christlichen Soziallehre, das auch in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland eingeflossen ist, beinhaltet die Forderung, dass der Staat von ihm ansonsten unabhängige christliche Akteure in ihrem Dienst am Gemeinwohl nicht nur zu dulden, sondern aktiv zu unterstützen soll.

Staatliche Macht stellt in christlicher Weltanschauung zudem keinen Selbstzweck dar, sondern hat eine dem Ziel des Gemeinwohls nachgeordnete Funktion. Die Frage danach, was z.B. Gerechtigkeit ist, kann nur unter Rückgriff auf metaphysische bzw. religiöse Aussagen beantwortet werden. Wo ein diesbezügliches Zusammenwirken zwischen Kirche und Staat nicht gegeben ist, verkümmert Politik laut Benedikt XVI. zu einer Technokratie, die ihr eigentliches Ziel, nämlich die Schaffung einer möglichst gerechten Ordnung, vergesse. Diese Ordnung ist im christlichen Sinn eine Herrschaft Christi, nämlich „das Reich der Wahrheit und des Lebens, das Reich der Heiligkeit und der Gnade, das Reich der Gerechtigkeit und des Friedens“.1

Leo XIII. hielt dazu fest:

Von der Religion, mit der Gott verehrt wird, hängt das Wohl des Staates und der Gesellschaft ab.2

Das II. Vatikanischen Konzil erklärte, dass die Kirche und der Staat den „Dienst zum Wohl aller um so wirksamer leisten [können], je mehr und besser sie rechtes Zusammenwirken miteinander pflegen“.3

Die Unterscheidung zwischen Kirche und Staat soll zudem auch die Unabhängigkeit der Kirche sicherstellen. Das Christentum lebt aus der Spannung zur Welt und stirbt in der Anpassung an sie. Staatsnähe korrumpiert eine Religion und ein Christentum, das sich als Staatsreligion versteht, würde das Christentum für nachgeordnete Zwecke instrumentalisieren und zu einer oberflächlichen Zivilreligion machen, wodurch es sein eigentliches Wesen verlöre.

Die Unmöglichkeit der weltanschaulichen Neutralität des Staates und das Problem des Laizismus

Ein Staat kann nicht weltanschaulich neutral sein, weil jede seiner Entscheidungen auf einem Wert beruht, der wiederum auf einer Weltanschauung beruht.

Hinter der Forderung nach weltanschaulicher Neutalität verbirgt sich meist die Absicht, vorhandene Wertbezüge aufzugeben und durch die einer anderen (etwa einer laizistischen) Weltanschauung zu ersetzen, was jedoch nicht offen ausgesprochen wird.

Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist ebenfalls nicht weltanschaulich neutral, sondern beruht wesentlich auf dem christlichen Konzept des Naturrechts sowie der katholischen Soziallehre.