Stand: 01.02.2018

Doktoren an der Universität von Paris – Aus dem Manuskript Chants Royaux (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die abendländische Diskussionskultur, deren Ziel die Suche nach Wahrheit durch den Austausch und die Prüfung von Argumenten ist, entstand an den christlichen Universitäten des Mittelalters. Diese auch durch den hl. Thomas von Aquin mit geschaffene und gepflegte Kultur ist unverändert dazu geeignet, das Streben nach Erkenntnis zu fördern.

Universitäten sind eines der kulturellen Werke des Christentums. Die ersten Universitäten entstanden im Mittelalter als Weiterentwicklung christlicher Bischofs- und Klosterschulen, in denen u.a. Logik und Argumentationstechnik gelehrt und gepflegt wurden.

Der hl. Thomas von Aquin lehrte im 13. Jahrhundert an der Universität von Paris und entwickelte dort in Anknüpfung an die griechische Philosophie der Antike seine Methode des Denkens, aus der die vernunftsorientierte Kultur des Abendlandes hervorging.

Dem Historiker Werner Paravicini zufolge habe es im Mittelalter zudem die Vorstellung eines Adels bzw. Rittertums der Gelehrten sowie eine „Parallelisierung von geistigem und praktischem Kampf, Disputation und Turnier“ gegeben, aus der eine „neue Kultur der dialogischen, agonalen Diskussion“ entstanden sei.

1. Das Streben nach Erkenntnis als Ziel

Eine nach Erkenntnis strebende Diskussionskultur setzt voraus, dass alle Beteiligten das Ziel des Strebens nach Erkenntnis teilen, und dass Diskussion für sie nicht nur eine Plattform für rhetorischen Schlagabtausch darstellt.

2. Rationalität als Grundlage

Eine Diskussionskultur, die das Streben nach Erkenntnis zum Ziel hat, setzt voraus, dass alle Beteiligten anerkennen,  dass absolute, von der Wahrnehmung des Menschen unabhängige Wahrheit existiert, und dass man sich dieser mit den Mitteln des Verstandes annähern kann.

3. Toleranz

Toleranz in der Diskussion ist eine Erfordernis christlicher Demut bzw. der Einsicht in die eigene Unvollkommenheit und Irrtumsmöglichkeit. Toleranz erfordert es, auf Zwang, Drohungen, Verleumdung und andere illegitime Mittel in Debatten grundsätzlich zu verzichten.

4. Die christliche Diskussionskultur des hl. Thomas von Aquin

Die Lehrmethode der christlichen Universität des Mittelalters stellte eine Streitfrage (questio disputata) in den Mittelpunkt, die in einer geordneten Form geprüft wurde. Die Summa Theologiae des hl. Thomas von Aquin, in dem dieser die abendländische Philosophie wesentlich mitbegründete, ist Ausdruck dieser Methode.

  • Keine Frage und kein begründeter Einwand gilt, dabei als unzulässig, und alle werden gleichermaßen mit den Mitteln des Verstandes und der Logik geprüft, um der Wahrheit näher zu kommen.
  • Diese Methode ist ihrem Wesen nach unpolemisch. Gegenstandpunkte werden in dieser Methode stets auf ihre Stärken geprüft, und in ihrer stärksten Form in die Diskussion mit einbezogen. Der Wahrheit kommt man in diesem Verständnis nur näher, wenn man die bislang als gültig verstandene Position der stärksten denkbaren Herausforderung unterzieht. Diese Methode sucht daher aktiv nach solchen Herausforderungen und versucht, sie so vollständig und angemessen wie möglich zu verstehen. Der hl. Thomas von Aquin war dafür bekannt, dass er die Kernaussagen der von ihm betrachteten und z.T. verworfenen Einwände häufig präziser formulierte, als es deren Urheber taten.
  • Die Auseinandersetzung mit den Schwächen einer Position hat in dieser Methode nur einen nachgeordneten Rang, weil eine Schwäche weniger zur Wahrheitsfindung beiträgt als eine Stärke. Die Überbetonung der Auseinandersetzung mit den Schwächen anderer Standpunkte kann in diesem Verständnis ein Ausdruck von invidueller Eitelkeit sein, der es in erster Linie darum geht, Recht behalten zu wollen, weshalb sie der Auseinandersetzung mit den Stärken anderer Standpunkte ausweicht.
  • Diese Methode ist mit einem hohen Grad an Differenziertheit verbunden, weil sie kaum eine Position oder einen Gedanken pauschal und grundsätzlich verwirft. Dazu trägt auch bei, dass katholisches Denken das Böse oder das Schlechte nicht als eigenständige Kraft wahrnimmt, sondern als etwas, das nur aus der Korruption des Guten entsteht. Auch in schlechten Ideen sind diesem Denken nach Wahrheitskerne enthalten, die freigelegt werden können.

Dass der hl. Thomas von Aquin auf alle ihm zur Verfügung stehenden Quellen und Impulse zurückgriff, etwa auf die heidnischen Philosophen der griechischen und römischen Antike oder die Werke des jüdischen Philosophen Maimonides oder der islamischen Philosophen Averroes und Avicenna und auch die Einwände auf die Frage danach, ob es Gott gibt, auf dem beschriebenen Weg sachlich prüfte, zeigt, welchen Grad an Diskussionskultur und welches hohe Maß an geistiger Freiheit die christliche Diskussionskultur bereits im Mittelalter erreicht hatte.

Bischof Robert Barron sah in der Methode des hl. Thomas von Aquin einen Impuls zur Korrektur der Schäden, welche die Postmoderne im geistigen Leben westlicher Gesellschaften hinterlassen hat:

What this Thomistic method produces is, in its own way, a “safe space” for conversation, but it is a safe space for adults and not timorous children. It wouldn’t be a bad model for our present discussion of serious things.

5. Die Mängel postmoderner Ansätze

Ein Gegenmodell zur abendländischen Diskussionskultur ist der in westlichen Gesellschaften zunehmend verbreitete postmoderne Ansatz, der die Existenz von absoluter Wahrheit ablehnt und die Welt in Anknüpfung an neomarxistische Ansätze als Schauplatz von Machtkämpfen wahrnimmt, in denen Annahme der Existenz von Wahrheit und der Möglichkeit, sich ihr durch rationale Diskussion anzunähern, nur eines von vielen Mitteln ist, dass herrschende Klassen zur Unterdrückung anderer einsetzen.

Diese Ansätze sehen Diskussion somit nicht als einen Weg zur Erkenntnis, sondern als Schauplatz eines Machtkampfes, in dem es darum geht, die Gegenseite als unterdrückerisch zu entlarven, in dem man ihr „Fundamentalismus“, „Sexismus“, „Homophobie“ etc. unterstellt. Eine Auseinandersetzung mit ihren Argumenten wird dabei als überflüssig wahrgenommen, da diese in postmoderner Wahrnehmung grundsätzlich keinen Wert haben können und nur rhetorische Mittel zur Stützung von Herrschaft sind.

Vertreter der Postmoderne diskutieren daher in der Regel nicht, sondern suchen in der Position der Gegenseite nach Reizworten, auf die sie sich ggf. in ihren Vorwürfen beziehen können. Wo sie nicht auf entsprechende Reizworte stoßen, versuchen sie, die Gegenseite dazu zu provozieren, diese dennoch zu äußern, damit ihre Methode besser greifen kann, oder sie schaffen Zerrbilder der Gegenposition, um diese leichter in Tabuzonen rücken und für diskussionsunwürdig erklären zu können. (ts)