Stand: 01.08.2018

Tradition ist der Bestand an erprobten, geprüften und bewährten Antworten auf Grundfragen des Menschen. Der Traditionsgedanke beruht auf der Annahme einer überzeitlichen Ordnung, die als Standard dient, an der alle kulturellen Leistungen gemessen werden, sowie als Ziel, auf das eine Kultur sich in einem organischen Prozess hin entwickelt. Die Entwicklung einer Kultur auf der Grundlage des Traditionsprinzips stellt das ständige Streben danach dar, diesem Standard näherzukommen.

Im Buch Jeremia wird der Traditionsgedanke als eine Forderung Gottes beschrieben:

So spricht der Herr: Stellt euch an die Wege und haltet Ausschau, fragt nach den Pfaden der Vorzeit, fragt, wo der Weg zum Guten liegt; geht auf ihm, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.

1. Tradition ist Auswahl auf Grundlage von Bewährung und Tauglichkeit

Tradition ist der Bestand an erprobten, geprüften und bewährten Antworten auf Grundfragen des Menschen sowie der Bestand dessen, was an zeitlos gültiger Erkenntnis darüber freigelegt wurde. Sie ist nach einem verbreiteten Sprichwort nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.

Tradition ist zudem das, was sich über einen langen Zeitraum unter den Bedingungen der Wirklichkeit bewährt und allen Herausforderungen standgehalten hat. Tradition nimmt auf diesem Weg schrittweise Erfahrungswissen auf, was Antworten auf Fragen menschlicher Existenz angeht, und schafft dabei immer größere und wertvollere Bestände.

Wenn es um Fragen geht, welche die Natur des Menschen berühren, ist die in diesem Prozess entstandene Tradition so gut wie immer der auf theoretischen und abstrakten Erwägungen beruhenden Innovation überlegen. Innovationen können jedoch die Tradition aufgenommen werden, wenn sie sich in der Wirklichkeit bewähren.

Je älter etwas ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es bereits von vielen Generationen für tauglich und weitergebenswert gehalten wurde, weil es sich im Leben bewährte. Der Traditionsgedanke begegnet dem Alten daher mit Achtung und dem Neuen mit prüfender Vorsicht. Dabei lehnt der Traditionsgedanke das Neue jedoch nicht grundsätzlich ab, und er hängt auch nicht dem überholten Alten an.

2. Die komplexe Natur des Menschen und der Wirklichkeit erfordert Tradition

Der Mensch braucht als Mängelwesen Kultur, die durch Tradition wächst, die zudem ein kollektives und generationenübergreifendes Gedächtnis darstellt. Durch die Annahme einer Tradition nimmt er einen Bestand an Erfahrungswissen auf, der es ihm erlaubt, den Herausforderungen der Welt nicht unvorbereitet begegnen zu müssen.

Durch die Aufnahme von und den Anschluß an Tradition hat der Mensch an einer Weisheit teil, die größer ist als die einzelner Menschen, und deren Werke größer sind, als sie auch die besten rationalen Entwürfe erzeugen könnten. Der Philosoph Bernhard von Chartres schuf um 1120 das Bild der Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen, um das Verhältnis des Menschen zur Tradition zu beschreiben.

Zudem ist die Natur des Menschen, aber auch die der Welt, häufig zu komplex, als dass einzelne Menschen sie hinreichend gut erfassen und erklären könnten. Auch die besten rationalen Entwürfe scheitern daher häufig in der Erprobung, weshalb es unangemessen wäre, theoretische Entwürfe denen den Antworten der Tradition vorzuziehen.

Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz zählte das „Abreißen der Tradition“ zu den Herausforderungen, „die unsere Kultur mit Vernichtung bedrohen“. Dieses könne dazu führen, dass die europäische Kultur „ausgelöscht werden kann wie eine Kerzenflamme“.1

Lorenz zufolge liege „kumulierende Tradition“ aller Kulturentwicklung zugrunde. Die planvolle Entwicklung einer Kultur, wie sie eine „überhebliche Aufklärung“ anstrebe, sei kaum möglich, da die Wirklichkeit dafür komplex sei. Nur die Bewährung in der Praxis könne verlässlich Aufschluß darüber geben, ob eine Idee oder ein Konzept eine Kulur und das auf ihr beruhende Gemeinwesen stärke oder nicht. Eine „größte Konservativität im Festhalten am Bewährten und Erprobten“ gehöre daher „zu den lebensnotwendigen Eigenschaften“ eines Gemeinwesens.

Die in den 1960er Jahren in Europa dominant gewordenen progressiven Ideologien und die von ihnen vorangetriebene kulturelle Revolution würden auf einem fehlerhaften Welt- und Menschenbild beruhen, welches die Komplexität der Wirklichkeit unterschätze und aus diesem Irrtum heraus Tradition als unnötig betrachte oder als rückschrittlich bekämpfe.

Die damit ebenfalls verbundene „gewaltige Unterschätzung des nicht-rationalen, kulturellen Wissensschatzes und die gleiche Überschätzung dessen, was der Mensch als Homo faber mittels seiner Ratio auf die Beine zu stellen vermag“ seien Faktoren, „die unsere Kultur mit Vernichtung bedrohen“:

Der Irrglaube, daß nur das rational Erfaßbare oder gar nur das wissenschaftlich Nachweisbare zum festen Wissensbesitz der Menschheit gehöre, wirkt sich verderblich aus. Es führt die „wissenschaftlich aufgeklärte“ Jugend dazu, den ungeheuren Schatz von Wissen und Weisheit über Bord zu werfen, der in den Traditionen jeder alten Kultur wie in den Lehren der großen Weltreligionen enthalten ist. Wer da meint, all dies sei null und nichtig, gibt sich folgerichtig auch einem anderen, ebenso verderblichen Irrtum hin, indem er in er Überzeugung lebt, Wissenschaft könne selbstverständlich eine ganze Kultur mit allem Drum und Dran auf rationalem Wege und aus dem Nichts erzeugen.

Progressive Ideologien würden gleichzeitig zum „Haß“ auf die als Fortschrittshemmnis wahrgenommene Tradition neigen und übersehen, dass „eine Kultur ausgelöscht werden kann wie eine Kerzenflamme“.

3. Tradition wächst aus dem Ewigen

Die Natur des Menschen und der Welt ist unveränderlich, weshalb auch die Grundfragen des Menschen zu allen Zeiten die prinzipiell gleich bleiben. Der katholische Philosoph Robert Spaemann schrieb dazu:

Wo es um Fragen des richtigen Lebens geht, könnte nur Falsches wirklich neu sein. Und doch muss das, was Menschen immer schon wissen, von Zeit zu Zeit neu gedacht werden, weil die realen Bedingungen des Lebens und die zur Verfügung stehenden Begriffe für unsere Selbstverständigung sich wandeln.

Der katholische Theologe Romano Guardini schrieb zudem, dass die lebendige Tradition der Kirche und des Christentums aus Jesus Christus heraus wachsen würde. Sie wächst aus einer unveränderlichen Quelle heraus und wird dabei einem Abbild immer ähnlicher, das in der Ewigkeit besteht.

Der katholische Philosoph Nicolás Dávila schrieb über den Traditionsgedanken und seine Träger:

Der lautere Reaktionär ist kein Träumer von vergangenen Zeiten, sondern Jäger heiliger Schatten auf ewigen Hügeln.

4. Tradition und übergenerationale Gemeinschaft

Tradition schafft eine Verbindung zwischen den Generationen, durch die sie gemeinsam an einem großen Werk mitwirken.

Der politische Philosoph Edmund Burke schrieb über das generationenübergreifende Denken des Konservatismus:

Ein Staat […] ist eine Gemeinschaft in allem was wissenswürdig, in allem was schön, in allem was schätzbar und gut und göttlich im Menschen ist. Da die Zwecke einer solchen Verbindung nicht in einer Generation zu erreichen sind, so wird daraus eine Gemeinschaft zwischen denen, welche leben, denen, welche gelebt haben, und denen, welche noch leben sollen.

Der primäre Sinn einer Gesellschaft sei nicht die Befriedigung der Bedürfnisse ihrer Mitglieder, sondern die Sicherstellung der Kontinuität des Erbes. Dieses sei ein von jeder Generation zu pflegendes und an die nächste Generation zu übergebendes wertvolles Gut.

Der katholische Denker Gilbert Keith Chesterton bezeichnete Tradition als „die Demokratie der Toten“, welche frühere, lebende und künftige Generationen zu einem übergenerationen Gemeinwesen verbinde:

Es liegt doch auf der Hand, dass Tradition nichts weiter ist als Demokratie in zeitlicher Erstreckung. Tradition baut auf den Einklang gewöhnlicher menschlicher Stimmen statt auf irgendeine vereinzelte oder willkürliche Quelle. […] Tradition lässt  sich als erweitertes Stimmrecht fassen. Tradition bedeutet, dass man der am meisten im Schatten stehenden Klasse, unseren Vorfahren, Stimmrecht verleiht. Tradition ist Demokratie für die Toten. Sie ist die Weigerung, der kleinen, anmaßenden Oligarchie derer, die zufällig gerade auf der Erde wandeln, das Feld zu überlassen.

Papst Paul. VI. definierte das Traditionsprinzip 1967 als Ausdruck der Gemeinschaftsnatur des Menschen und als Erfordernis übergenerationaler Solidarität:

Der Mensch ist aber auch Glied der Gemeinschaft. Er gehört zur ganzen Menschheit. Nicht nur dieser oder jener, alle Menschen sind aufgerufen, zur vollen Entwicklung der ganzen menschlichen Gesellschaft beizutragen. Die Kulturen entstehen, wachsen, vergehen. Aber wie jede Woge der steigenden Hut weiter als die vorhergehende den Strand überspült, schreitet auch die Menschheit auf dem Weg ihrer Geschichte voran. Erben unserer Väter und Beschenkte unserer Mitbürger, sind wir allen verpflichtet, und jene können uns nicht gleichgültig sein, die nach uns den Kreis der Menschheitsfamilie weiten. Die Solidarität aller, die etwas Wirkliches ist, bringt für uns nicht nur Vorteils mit sich, sondern auch Pflichten.2

5. Tradition ist dynamisch

Das Christentum wurde in Europa heimisch, indem es das prüfte, was es hier an kulturellen Beständen vorfand, und das Gute daran auf seine Ziele hinordnete und in seine Tradition integrierte.

Tradition ist ewiges Werden und etwas, dem sich die Träger einer Tradition annähern. Wo sie erstarrt, würde aus der Tradition mit der Zeit ein Traditionalismus, der sich darauf beschränkt, am Vergangenen ohne dessen Prüfung festzuhalten, wodurch es zu schädlichem Ballast werden kann. Der Traditionsgedanke geht zudem nicht davon aus, dass es einen idealen Zustand in der Vergangenheit gab, der wiederhergestellt werden könne oder solle.

Der katholische Theologe Romano Guardini beschrieb das Wesen der Tradition am Beispiel der Kirche. Diese sei ein „lebendiges Wesen“:

Sie lebt durch die Zeit weiter, werdend, wie alles Lebendige wird; sich wandelnd, dennoch im Wesen immer die gleiche.

Im Dokument „Dei Verbum“ des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es über das dynamische Wesen der Tradition der Kirche:

Die Kirche führt in Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt. Diese apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Fortschritt.

Auf dem Traditionsgedanken beruhende Kulturen und Gesellschaften sind somit dynamisch und nicht statisch. Der Fortschrittsbegriff des Traditionsgedankens beruht dabei nicht auf revolutionären Brüchen mit den Werken der Vergangenheit wie in modernen Ideologien, sondern auf schrittweiser Entwicklung. Fortschritt ist in diesem Sinne gepflegte und erfolgreich weitergeführte Tradition.

5.1 Die notwendige Herausforderung der Tradition

Entwicklung erfordert es, dass Traditionen regelmäßig herausgefordert werden, um ihren Wert zu prüfen und ggf. vorhandene Schwächen zu identifizieren. Der katholische Philosoph Leszek Kolakowski schrieb dazu:

Erstens: Hätten nicht neue Generationen unaufhörlich gegen die ererbte Tradition aufbegehrt, würden wir heute noch in Höhlen leben. Und zweitens: Würde das Aufbegehren gegen die ererbte Tradition einmal universell, würden wir uns bald wieder in den Höhlen befinden.

Auch die Gegner einer Tradition können diese befruchten, indem sie ihre Schwächen erkennen, sie herausfordern und eine Tradition dadurch zur Korrektur dieser Schwächen oder zur Herausbildung neuer Stärken zwingen.

5.2 Das Ausscheiden schwacher und untauglicher Elemente aus der Tradition

Wo in der eigenen Tradition schlechte, schwache und untaugliche Elemente erkennbar werden, müssen diese erklärt, von den guten Elementen abgrenzt und schließlich aus der Tradition ausgeschieden werden. Dieser Ansatz unterscheidet sich vom modernen Ansatz, der die schlechten Elemente in einer Tradition zum Anlass nimmt, um die Zerstörung der ganzen Tradition zu fordern.

6. Tradition muss aktiv angeeignet, bewahrt und gepflegt werden

Eine Tradition bricht ab, wenn eine einzige Generation sie nicht weitergibt. Mit Tradition muss daher sorgsam umgegangen werden, wenn die durch sie aufgebauten Bestände an Weisheit nicht verloren gehen sollen.

Tradition kann nicht einfach übernommen werden, sondern sie muß immer wieder neu erarbeitet und erlernt werden.