Stand: 11.07.2018

Tradition ist der Bestand an erprobten, geprüften und bewährten Antworten auf Grundfragen des Menschen. Der Traditionsgedanke beruht auf der Annahme einer überzeitlichen Ordnung, die als Standard dient, an der alle kulturellen Leistungen gemessen werden, sowie als Ziel, auf das eine Kultur sich in einem organischen Prozess hin entwickelt. Die Entwicklung einer Kultur auf der Grundlage des Traditionsprinzips stellt das ständige Streben danach das, diesem Standard näherzukommen.

Im Buch Jeremia wird der Traditionsgedanke als Forderung Gottes beschrieben:

So spricht der Herr: Stellt euch an die Wege und haltet Ausschau, fragt nach den Pfaden der Vorzeit, fragt, wo der Weg zum Guten liegt; geht auf ihm, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.

Der Medizin-Nobelpreisträger Konrad Lorenz kritisierte materialistisches Denken, das die Bedeutung der Tradition für die Kultur leugne:

Der Irrglaube, daß nur das rational Erfaßbare oder gar nur das wissenschaftlich Nachweisbare zum festen Wissensbesitz der Menschheit gehöre, wirkt sich verderblich aus. Er führt die „wissenschaftlich aufgeklärte” Jugend dazu, den ungeheuren Schatz von Wissen und Weisheit über Bord zu werfen, der in den Traditionen jeder Kultur wie in den Lehren der großen Weltreligionen enthalten ist. Wer da meint, all dies sei null und nichtig, gibt sich folgerichtig auch einem anderen, ebenso verderblichen Irrtum hin, indem er in der Überzeugung lebt, Wissenschaft könne selbstverständlich eine ganze Kultur mit allem Drum und Dran auf rationalem Wege und aus dem Nichts erzeugen. Eine Kultur enthält ebensoviel „gewachsenes”, durch Selektion erworbenes Wissen wie eine Tierart, die man bekanntlich bisher auch noch nicht „machen“ kann!

1. Tradition ist Auswahl auf Grundlage von Bewährung und Tauglichkeit

Tradition ist der Bestand an erprobten, geprüften und bewährten Antworten auf Grundfragen des Menschen sowie der Bestand dessen, was an zeitlos gültiger Erkenntnis darüber freigelegt wurde. Sie ist nach einem verbreiteten Sprichwort nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.

Tradition ist zudem das, was sich über einen langen Zeitraum unter den Bedingungen der Wirklichkeit bewährt und allen Herausforderungen standgehalten hat. Tradition nimmt auf diesem Weg schrittweise Erfahrungswissen auf, was Antworten auf Fragen menschlicher Existenz angeht, und schafft dabei immer größere und wertvollere Bestände.

Wenn es um Fragen geht, welche die Natur des Menschen berühren, ist die in diesem Prozess entstandene Tradition so gut wie immer der auf theoretischen und abstrakten Erwägungen beruhenden Innovation überlegen. Innovationen können jedoch die Tradition aufgenommen werden, wenn sie sich in der Wirklichkeit bewähren.

Je älter etwas ist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass es bereits von vielen Generationen für tauglich und weitergebenswert gehalten wurde, weil es sich im Leben bewährte. Der Traditionsgedanke begegnet dem Alten daher mit Achtung und dem Neuen mit prüfender Vorsicht. Dabei lehnt der Traditionsgedanke das Neue jedoch nicht grundsätzlich ab, und er hängt auch nicht dem überholten Alten an.

2. Die komplexe Natur des Menschen erfordert Tradition

Der Mensch braucht als Mängelwesen Kultur, die durch Tradition wächst, die zudem ein kollektives und generationenübergreifendes Gedächtnis darstellt. Durch die Annahme einer Tradition nimmt er einen Bestand an Erfahrungswissen auf, der es ihm erlaubt, den Herausforderungen der Welt nicht unvorbereitet begegnen zu müssen.

Durch die Aufnahme von und den Anschluß an Tradition hat der Mensch an einer Weisheit teil, die größer ist als die einzelner Menschen, und deren Werke größer sind, als sie auch die besten rationalen Entwürfe erzeugen könnten. Der Philosoph Bernhard von Chartres schuf um 1120 das Bild der Zwerge, die auf den Schultern von Riesen stehen, um das Verhältnis des Menschen zur Tradition zu beschreiben.

Zudem ist die Natur des Menschen, aber auch die der Welt, häufig zu komplex, als dass einzelne Menschen sie hinreichend gut erfassen und erklären könnten. Auch die besten rationalen Entwürfe scheitern daher häufig in der Erprobung, weshalb es unangemessen wäre, theoretische Entwürfe denen den Antworten der Tradition vorzuziehen.

3. Tradition wächst aus dem Ewigen

Die Natur des Menschen und der Welt ist unveränderlich, weshalb auch die Grundfragen des Menschen zu allen Zeiten die prinzipiell gleich bleiben. Der katholische Philosoph Robert Spaemann schrieb dazu:

Wo es um Fragen des richtigen Lebens geht, könnte nur Falsches wirklich neu sein. Und doch muss das, was Menschen immer schon wissen, von Zeit zu Zeit neu gedacht werden, weil die realen Bedingungen des Lebens und die zur Verfügung stehenden Begriffe für unsere Selbstverständigung sich wandeln.

Der katholische Theologe Romano Guardini schrieb zudem, dass die lebendige Tradition der Kirche und des Christentums aus Jesus Christus heraus wachsen würde. Sie wächst aus einer unveränderlichen Quelle heraus und wird dabei einen Abbild immer ähnlicher, das in der Ewigkeit besteht.

Der katholische Philosoph Nicolás Dávila schrieb über den Traditionsgedanken und seine Träger:

Der lautere Reaktionär ist kein Träumer von vergangenen Zeiten, sondern Jäger heiliger Schatten auf ewigen Hügeln.

4. Tradition als übergenerationale Gemeinschaft

Tradition schafft eine Verbindung zwischen den Generationen, die durch sie gemeinsam an einem großen Werk mitwirken.

5. Tradition ist dynamisch

Das Christentum wurde in Europa heimisch, indem es das prüfte, was es hier an kulturellen Beständen vorfand, und das Gute daran auf seine Ziele hinordnete und in seine Tradition integrierte.

Tradition ist ewiges Werden und etwas, dem sich die Träger einer Tradition annähern. Wo sie erstarrt, würde aus der Tradition mit der Zeit ein Traditionalismus, der sich darauf beschränkt, am Vergangenen ohne dessen Prüfung festzuhalten, wodurch es zu schädlichem Ballast werden kann. Der Traditionsgedanke geht zudem nicht davon aus, dass es einen idealen Zustand in der Vergangenheit gab, der wiederhergestellt werden könne oder solle.

Der katholische Theologe Romano Guardini beschrieb das Wesen der Tradition am Beispiel der Kirche. Diese sei ein „lebendiges Wesen“:

Sie lebt durch die Zeit weiter, werdend, wie alles Lebendige wird; sich wandelnd, dennoch im Wesen immer die gleiche.

Im Dokument „Dei Verbum“ des Zweiten Vatikanischen Konzils heißt es über das dynamische Wesen der Tradition der Kirche:

Die Kirche führt in Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt. Diese apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes einen Fortschritt.

Auf dem Traditionsgedanken beruhende Kulturen und Gesellschaften sind somit dynamisch und nicht statisch. Der Fortschrittsbegriff des Traditionsgedankens beruht dabei nicht auf revolutionären Brüchen mit den Werken der Vergangenheit wie in modernen Ideologien, sondern auf schrittweiser Entwicklung.

5.1 Die notwendige Herausforderung der Tradition

Entwicklung erfordert es, dass Traditionen regelmäßig herausgefordert werden, um ihren Wert zu prüfen und ggf. vorhandene Schwächen zu identifizieren. Der katholische Philosoph Leszek Kolakowski schrieb dazu:

Erstens: Hätten nicht neue Generationen unaufhörlich gegen die ererbte Tradition aufbegehrt, würden wir heute noch in Höhlen leben. Und zweitens: Würde das Aufbegehren gegen die ererbte Tradition einmal universell, würden wir uns bald wieder in den Höhlen befinden.

Auch die Gegner einer Tradition können diese befruchten, indem sie ihre Schwächen erkennen, sie herausfordern und eine Tradition dadurch zur Korrektur dieser Schwächen oder zur Herausbildung neuer Stärken zwingen.

5.2 Das Ausscheiden schwacher und untauglicher Elemente aus der Tradition

Wo in der eigenen Tradition schlechte, schwache und untaugliche Elemente erkennbar werden, müssen diese erklärt, von den guten Elementen abgrenzt und schließlich aus der Tradition ausgeschieden werden. Dieser Ansatz unterscheidet sich vom modernen Ansatz, der die schlechten Elemente in einer Tradition zum Anlass nimmt, um die Zerstörung der ganzen Tradition zu fordern.

5.3 Christliches Traditionsverständnis und Traditionalismus

Mit dem christlichen Verständnis von Tradition nicht identisch ist die Position des sog. Traditionalismus, der davon ausgeht, dass Tradition nur in ihrem Ursprung vollkommen war und Geschichte eine Abstiegsbewegung von einem Goldenen Zeitalter ausgehend darstellt.

6. Tradition muss bewahrt werden

Eine Tradition bricht ab, wenn eine einzige Generation sie nicht weitergibt. Mit Tradition muss daher sorgsam umgegangen werden, wenn die durch sie aufgebauten Bestände an Weisheit nicht verloren gehen sollen.

6.1 Sprache als Mittel der Überlieferung

Damit Tradition gepflegt werden kann, braucht sie Mittel und Symbole, die das Überlieferte ausdrücken. Die überlieferte Sprache ermöglicht Verständigung über viele Generationen hinweg. Sprache ist Ausdruck eines bestimmten Denkens, das nur noch bedingt ausgedrückt werden kann, wenn die Sprache dazu verlorengeht. Die Pflege des klassischen Lateins gab einigen Institutionen eine dauerhafte Form und ein Gedächtnis, das mittlerweile Jahrtausende umfasst.