Stand: 13.11.2018

Das Subsidiaritätsprinzip ist eine der Grundlagen der katholischen Soziallehre und bestimmt das richtige Verhältnis zwischen sozialen Einheiten. Es sieht vor, dass gesellschaftliche Aufgaben von der kleinsten Einheit oder auf der niedrigsten Organisationsebene durchgeführt oder gelöst werden sollen, die dazu in der Lage ist.

Der Begriff der Subsidiarität geht auf die römische Militärsprache zurück, in der das subsidium „Hilfe aus der Reservestellung“ bezeichnete.1

Das Subsidiaritätsprinzip wurde wurde in der Enzyklika „Quadragesimo anno“ von Papst Pius XI 1931 ausgeführt:

Wie dasjenige, was der Einzelmensch aus eigener Initiative und mit seinen eigenen Kräften leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen werden darf, so verstößt es gegen die Gerechtigkeit, das, was die kleineren und untergeordneten Gemeinwesen leisten und zum guten Ende führen können, für die weitere und übergeordnete Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen; zugleich ist es überaus nachteilig und verwirrt die ganze Gesellschaftsordnung. Jedwede Gesellschaftstätigkeit ist ja ihrem Wesen und Begriff nach subsidiär; sie soll die Glieder des Sozialkörpers unterstützen, darf sie aber niemals zerschlagen oder aufsaugen.

Das Subsidiaritätsprinzip beruht auf der Anerkennung der Natur des Menschen und der Eingebundenheit des Menschen in natürliche Gemeinschaften, vor allem in die Familie. Christliche Weltanschauung betrachtet die Gesellschaft als System von aufeinander bezogenen Bindungen und Gemeinschaften, die bei der Familie beginnen. Auch Vereine und sonstige freiwillige Zusammenschlüsse stellen aus dieser Sicht eine der Grundlagen der Gesellschaft dar. Je mehr Aufgaben sie leisten und je weniger Aufgaben der Staat leistet, desto wünschenswerter ist dies. Entsprechende Bindungen und Gemeinschaften sind durch den Staat zu stärken oder zumindest nicht anzutasten, wie es auch das Solidaritätsprinzip erfordert.

In christlicher Weltanschauung beschränkt sich die Rolle des Staates auf die Sicherstellung des Gemeinwohls. Dazu soll der Staat innere und äußere Sicherheit gewährleisten sowie die Einhaltung der Gesetze garantieren, welche die individuellen Rechte seiner Bürger schützen. Er soll gleichzeitig Freiräume schützen, in denen kulturtragende Kräfte wie die Familie und freiwillige Zusammenschlüsse seiner Bürger wirken können.

Zentralismus und der Verlagerung von politischen Entscheidungen auf Institutionen, die von den zu lösenden Problemen weit entfernt sind, steht christliches Denken skeptisch gegenüber. Ein Grund dafür ist auch das christliche Menschenbild, das davon ausgeht, dass die Korrumpierbarkeit eines Menschen oder einer Institution mit der Fülle ihrer Macht wächst.

Wirksame politische Mitbestimmung erfordert die Nähe zu den Themen, über die entschieden werden soll. In den Wirtschaftswissenschaften gibt es das Konzept des „Skin in the Game“, demzufolge derjenige bessere Entscheidungen treffe, der im Fall einer Fehlentscheidung deren Risiken zu tragen hätte.

Im militärischen Bereich beruht die Auftragstaktik auf dem Subsidiaritätsprinzip.

Juan Donoso Cortés schrieb:

Mit dem Katholizismus gibt es keine Erscheinung, die sich nicht einfügt in die hierarchische Ordnung der Erscheinungen, und kein Ding, das sich nicht einfügt in die hierarchische Ordnung der Dinge.

1. Der begrenzte Anspruch des Staates

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) betonte, dass ein Staat aus der Perspektive der katholischen Soziallehre nur eine begrenzte Rolle haben könne:

Nicht ist es Aufgabe des Staates, das Glück der Menschheit herbeizuführen, und nicht es daher seine Aufgabe, neue Menschen zu erschaffen. Es ist ferner nicht seine Aufgabe, die Welt in ein Paradies zu verwandeln, und er kann es auch nicht; wenn er es dennoch versucht, setzt er sich absolut und verlässt dann seine Grenzen. Er benimmt sich dann, als ob er Gott wäre, und wird dadurch – wie die Apokalypse zeigt – zum Tier aus dem Abgrund, zur Macht des Antichrist.2

2. Der Nationalstaat als subsidiärer Gestaltungsrahmen des Gemeinwohls

Der Nationalstaat ist der auf dem Subsidiaritätsprinzip beruhende, durch aus geteilter Kultur wachsende Bindungen gestärkte abendländische Entwurf einer wertekonsensfähigen und somit auch gemeinwohlfähigen Solidargemeinschaft.

Christliche Weltanschauung betrachtet Völker als Teil der Schöpfungsordnung. Sie strebt nicht nach der Auflösung der Völker, sondern danach, dass sie zu Christus finden.3 Das Gegenprinzip, das nach Auflösung der Völker strebende Prinzip, wird durch Babylon symbolisiert. Das Volk Israel bzw. das Babylon gegenübergestellte Jerusalem wird im Alten Testament als die Urnation beschrieben, die als Licht und Vorbild für alle anderen Völker dienen soll.

Die als Antwort auf nationalistische Ideologie formulierte Enzyklika „Mit brennender Sorge“ betont die Achtung der christlichen Weltanschauung gegenüber natürlichen Bindungen, die weder geleugnet noch aufgelöst, sondern geheiligt werden sollen.

Gottes Sonne leuchtet über alles, was Menschenantlitz trägt. Sein Gesetz gilt unabhängig von Raum und Zeit, Land und Rasse, es kennt keine Vorrechte und Ausnahmen […]. Unter dem Kuppelbau der vom Erlöser gestifteten einen Kirche ist Platz und Heimat für alle Völker, Nationen und Sprachen, ist Raum für die Entfaltung aller vom Schöpfer in die Einzelnen und die Volksgemeinschaften hineingelegten besonderen Eigenschaften, Anlagen, Vorzüge, Aufgaben und Berufungen.

Papst Franziskus sagte über über die Identität des Menschen als Angehöriger eines Volkes:

Die Zugehörigkeit zu einem Volk hat einen großen theologischen Wert: Gott hat in der Heilsgeschichte ein Volk erlöst. Es gibt keine volle Identität ohne die Zugehörigkeit zu einem Volk. Niemand wird alleine gerettet, als isoliertes Individuum. Gott zieht uns an sich und betrachtet dabei die komplexen Gebilde der zwischenmenschlichen Beziehungen, die sich in der menschlichen Gesellschaft abspielen. Gott tritt in diese Volksdynamik ein.

Der hl. Johannes Paul II. schrieb über die Bedeutung der Nation in der Weltanschauung des Christentums im Rahmen der Forderung des vierten Gebotes, Vater und Mutter zu ehren:

Deshalb besitzt auch das vierte der Zehn Gebote eine so große Bedeutung: „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ […]. Es handelt sich hier vor allem um das Erbe des Menschseins und dann auch um das Menschsein in einer näher bestimmten persönlichen und sozialen Situation. Hier hat sogar die leibliche Ähnlichkeit mit den Eltern ihre Bedeutung. […] Diese Bindung hat einen weiteren Rahmen als die Familie mit ihrem Lebensraum. Ein solcher Rahmen ist wenigstens ein Stamm, meistens aber ein Volk oder die Nation, in der ihr geboren seid. So erweitert sich das Erbe aus der Familie. Durch die Erziehung in eurer Familie nehmt ihr an einer bestimmten Kultur und auch an der Geschichte eures Volkes oder eurer Nation teil. Das familiäre Band bedeutet zugleich die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die größer ist als die Familie, woraus sich eine weitere Basis für die Identität der Person ergibt. Wenn die Familie die erste Erzieherin eines jeden von euch ist, so ist gleichzeitig – durch die Familie – der Stamm euer Erzieher wie auch das Volk oder die Nation, mit der wir durch die Einheit der Kultur, der Sprache und der Geschichte verbunden sind. Dieses Erbe stellt zugleich eine moralische Aufgabe dar. Indem ihr den Glauben übernehmt und die Werte und Inhalte erbt, die zusammen die Kultur eurer Gesellschaft, die Geschichte eurer Nation bilden, wird jeder von euch in seinem individuellen Menschsein geistig ausgestattet. […] Vor diesem Erbe können wir nicht in einer passiven oder sogar ablehnenden Haltung verharren […]. Wir müssen alles tun, was wir können, um dieses geistige Erbe aufzunehmen und zu bestätigen, es zu erhalten und zu fördern. Diese Aufgabe ist wichtig für alle Gesellschaften, besonders aber wohl für jene, die sich am Anfang ihrer autonomen Existenz befinden, oder auch für jene, die diese Existenz und ihre wesentliche nationale Identität vor der Gefahr äußerer Zerstörung oder innerer Auflösung verteidigen müssen. […] Das Verständnis vom „Vaterland“ entwickelt sich eng verbunden mit dem Verständnis von der „Familie“, in gewissem Sinne entwickelt sich das eine im Bereich des anderen. Wenn ihr dieses gesellschaftliche Band erfahrt, das viel weiter ist als die familiäre Bindung, beginnt ihr auch stufenweise teilzunehmen an der Verantwortung für das Allgemeinwohl jener größeren Familie, die das irdische „Vaterland“ eines jeden von euch ist. Die herausragenden Gestalten der vergangenen wie der gegenwärtigen Geschichte einer Nation sind beispielhaft auch für die Zeit eurer Jugend und fordern die Entwicklung jener sozialen Liebe, die öfter „Vaterlandsliebe“ genannt wird.

Pius XII. erklärte, dass das Christentum nationale Besonderheiten nicht einebnen, sondern sie veredeln wolle. Sein Ziel sei es, „das religiöse Leben auf jede Weise mit dem Brauchtum der Heimat zu verbinden“.4 Benedikt XV. warnte vor der „Vorstellung von einer wahrhaft universalen Republik“, welche „auf der absoluten Gleichheit der Menschen und der Geister beruht, aus welcher jede Unterscheidung der Nationalitäten verbannt würde“. Diese Vorstellung würde in der Praxis „unweigerlich eine noch nie dagewesene Schreckensherrschaft entfesseln“.

Das Konzept des souveränen Nationalstaates gehört zu den größten politischen Errungenschaften der abendländischen Tradition. Es beinhaltet eine Friedensordnung auf Grundlage realistischer Anthropologie. Nationalstaaten haben sich als die bislang leistungsfähigsten politischen Institutionen der Menschheitsgeschichte erwiesen. Die katholische Kirche schuf die geistig-kulturellen Grundlagen dafür, dass mit dem Frankrenreich Chlodwigs der erste Vorläufer der späteren europäischen Nationalstaaten entstehen konnte.

Die Zusammenarbeit zur Erreichung des Gemeinwohls fällt Menschen umso leichter, je ähnlicher sie sich kulturell sind. Ein Nationalstaat begünstigt daher prinzipiell die Erreichung des Gemeinwohls. Nationale Bindungen gehören zudem zu den stärksten sozialen Bindungen. In der Geschichte der Menschheit scheiterten viele Imperien an der Kraft solcher Bindungen, deren Realität kluge Politik nicht ignorieren kann. Es entspricht außerdem der Natur des Menschen, dass Solidargemeinschaften nur mit Grenzen funktionieren.

Die christliche Soziallehre betrachtet die Nation als Teil einer Reihe von aufeinander bezogenen, sich ergänzender Bindungen, die bei der Familie beginnen und alle auf ein transzendentes Ziel hin ausgerichtet sind.  Er ist der einzige Rahmen, in dem bislang Demokratie in einer das Gemeinwohl fördernden Form verwirklicht werden konnte. Der Staatsrechtler Josef Isensee bezeichnete die Demokratie deshalb als „Tochter des Nationalstaats“.

Die christliche Soziallehre, auf der die Nachkriegsordnung Westeuropas beruht, betrachtet den Nationalstaat zudem als wesentliches Element einer internationalen Friedensordnung. Als Erweiterung der natürlichen Gemeinschaft der Familie beruhe er auf Bindungen, die das gemeinsame Verfolgen des Gemeinwohls fördern würden, wie es Johannes Paul II. beschrieben hatte.

Der Nationsgedanke der christlichen Soziallehre wirkt dabei sowohl den Exzessen eines auf Kosten anderer Nationen betriebenen Nationalismus als auch den Exzessen der nach Auflösung von Nationen strebenden neo-marxistischen Ideologien entgegen.

Die Gemeinschaft der durch das gemeinsame christliche Erbe verbundenen Nationen Europas sollte in diesem Denken nicht die Nationen auflösen, so wie der Nationalstaat nicht die Familie als seinen tragenden Bestandteil auflösen soll, sondern ursprünglich die einzelnen Nationen gegen äußere Bedrohungen wie die durch den Kommunismus stärken.

Im Kompendium Soziallehre der Kirche betonte Angelo Kardinal Sodano die „Notwendigkeit, das nationale Bewusstsein zu pflegen, ohne dabei jedoch den Weg des Rechts und das Bewusstsein von der Einheit der Menschheitfamilie aus den Augen zu verlieren“.

Der Theologe Romano Guardini beschrieb den Nationalstaat als „Ort der lebendigen Einwurzelung des Menschen“. In Europa sei die Nation nicht abgeschlossen und auf sich bezogen entstanden, sondern sie sei eingeordnet gewesen in einen europäisch-abendländischen Kontext bzw. eine „von Geschichte gesättigte Form charakteristischen Lebens, die aber ein Organ im umfassenderen Zusammenhang bildet“. Die Moderne habe die im Christentum wurzelnde abendländische Einheit zerstört, wobei auch der die Nationen gegeneinander in Stellung bringende Nationalismus eine moderne Ideologie sei. Die Nationen Europas müssten wieder umdenken und die Nation so denken, „dass sie ihre Vergangenheit auf das Werden dieser großen Lebensgestalt hin verstehe“.5

Dieses Denken war prägend für das Handeln christlich-konservativer Persönlichkeiten der Nachkriegszeit wie Konrad Adenauer, Robert Schuman und Alcide de Gasperi. Ihrem bis heute trotz aller Versuche zur Trennung Europas von diesem Erbe nachwirkenden Handeln und der christlichen Soziallehre verdankt Westeuropa die längste Friedensperiode der letzten Jahrhunderte.

Der Historiker Heinrich August Winkler bezeichnete die „historisch gewachsene nationale Vielfalt“ als eine der kulturellen Errungenschaften Europas. Die christlich-konservativen Akteure, die nach dem Zweiten Weltkrieg die bis heute stabile Friedensordnung Westeuropas schufen, hätten dies bewusst auf der Grundlage des Konzepts eines Europas der Nationen getan.6

  • Ihre Ansätze zur Stärkung der Einheit Europas hätten mit den Worten Walter Hallsteins das Ziel gehabt, die „Kraftquellen der Nationen zu erhalten, ja sie zu noch lebendigerer Wirkung zu bringen“. Zudem sei die Behauptung, dass Nationalstaaten grundsätzlich kriegerischer handeln würden als andere Staaten, ein unbelegtes „Produkt ahistorischen Wunschdenkens“.
  • Versuche zur Auflösung des Nationalstaates würden zudem häufig gegen den Willen der betroffenen Völker angestrebt und dadurch gerade den Nationalismus provozieren, der eigentlich überwunden werden solle. Diejenigen, welche die Nationalstaaten Europas auflösen wollten, würden zudem die Zerstörung des Gewachsenen anstreben, ohne eine konkrete Vorstellung zu haben, was an seine Stelle treten könnte.

Frieden zwischen Völkern und Nationen setzt voraus, dass man ihre Existenz anerkennt und achtet, auch die des eigenen Volkes.

2.1 Der Beitrag nationaler und staatlicher Grenzen zum Gemeinwohl

Die an der Universität Oxford lehrenden Migrationsforscher Paul Collier und Alexander Betts hatten analysiert, wie offene Grenzen nicht nur dem nationalen, sondern auch dem globalen Gemeinwohl schaden.

Der Schutz von Staatsgrenzen ist zudem eine Folgerung der Vorzugsregeln der katholischen Soziallehre, mit denen der ethische Universalismus des Christentums auf gesellschaftlicher Ebene erst praktikabel wird. Sichere Grenzen tragen der Tatsache Rechnung, dass eine Solidargemeinschaft Ansprüche ihrer Mitglieder und außenstehender Personen unterschiedlich behandeln muss, um Bestand haben zu können. Der Schutz von Staatsgrenzen ist zudem Ausdruck des Subsidiaritätsprinzips.

Sichere Grenzen sind zudem Ausdruck eines verantwortungsethischen generationenübergreifenden Denkens, das den Staat als ein zu pflegendes und zu bewahrendes Erbe und nicht als ein beliebig an fremde Akteure und Interessen veräußerliches Objekt betrachtet.

Der Schutz von Frieden, Sicherheit und Ordnung erfordert darüber hinaus aufgrund der unvollkommenen Natur des Menschen die Existenz von Staaten und von Sicherheitsmaßnahmen wie Grenzen. Die Alternative zu Staatsgrenzen ist aufgrund der Natur des Menschen nicht eine mutmaßlich freiere Welt ohne Grenzen, sondern ein anarchischer Zustand, indem die Starken Grenzen zum Schutz ihrer eigenen Interessen auf Kosten des Gemeinwohls innerhalb von Gesellschaften errichten.

Grenzen zwischen ethnischen bzw. kulturellen Gruppen sind außerdem erforderlich, damit diese friedlich zusammenleben können. In der Schweiz wurden die Kantonsgrenzen entsprechend gezogen, weshalb die Schweiz einer der wenigen stabilen und friedlichen multiethnischen Staaten ist.7