Stand: 11.03.2018

Das Subsidiaritätsprinzip ist eine der Grundlagen der katholischen Soziallehre und bestimmt das richtige Verhältnis zwischen sozialen Einheiten. Es sieht vor, dass gesellschaftliche Aufgaben von der kleinsten Einheit oder auf der niedrigsten Organisationsebene durchgeführt oder gelöst werden sollen, die dazu in der Lage ist.

Das Subsidiaritätsprinzip beruht auf der Anerkennung der Natur des Menschen und der Eingebundenheit des Menschen in natürliche Gemeinschaften, vor allem in die Familie.

Das Subsidiaritätsprinzip wurde wurde in der Enzyklika „Quadragesimo anno“ von Papst Pius XI 1931 ausgeführt:

Wie dasjenige, was der Einzelmensch aus eigener Initiative und mit seinen eigenen Kräften leisten kann, ihm nicht entzogen und der Gesellschaftstätigkeit zugewiesen werden darf, so verstößt es gegen die Gerechtigkeit, das, was die kleineren und untergeordneten Gemeinwesen leisten und zum guten Ende führen können, für die weitere und übergeordnete Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen; zugleich ist es überaus nachteilig und verwirrt die ganze Gesellschaftsordnung. Jedwede Gesellschaftstätigkeit ist ja ihrem Wesen und Begriff nach subsidiär; sie soll die Glieder des Sozialkörpers unterstützen, darf sie aber niemals zerschlagen oder aufsaugen.

Christliche Weltanschauung betrachtet die Gesellschaft als System von aufeinander bezogenen Bindungen und Gemeinschaften, die bei der Familie beginnen. Solche Bindungen und Gemeinschaften sind durch den Staat zu stärken oder zumindest nicht anzutasten, wie es auch das Solidaritätsprinzip erfordert.

In christlicher Weltanschauung beschränkt sich die Rolle des Staates auf die Sicherstellung des Gemeinwohls. Dazu soll der Staat innere und äußere Sicherheit gewährleisten sowie die Einhaltung der Gesetze garantieren, welche die individuellen Rechte seiner Bürger schützen. Er soll gleichzeitig Freiräume schützen, in denen kulturtragende Kräfte wie die Familie und freiwillige Zusammenschlüsse seiner Bürger wirken können.

Zentralismus und der Verlagerung von politischen Entscheidungen auf Institutionen, die von den zu lösenden Problemen weit entfernt sind, steht christliches Denken skeptisch gegenüber. Ein Grund dafür ist auch das christliche Menschenbild, das davon ausgeht, dass die Korrumpierbarkeit eines Menschen oder einer Institution mit der Fülle ihrer Macht wächst.

Wirksame politische Mitbestimmung erfordert die Nähe zu den Themen, über die entschieden werden soll. In den Wirtschaftswissenschaften gibt es das Konzept des „Skin in the Game“, demzufolge derjenige bessere Entscheidungen treffe, der im Fall einer Fehlentscheidung deren Risiken zu tragen hätte.

Im militärischen Bereich beruht die Auftragstaktik auf dem Subsidiaritätsprinzip.

1. Der Nationalstaat als Gestaltungsrahmen des Gemeinwohls

Der Nationalstaat ist der auf dem Subsidiaritätsprinzip beruhende, durch aus geteilter Kultur wachsende Bindungen gestärkte abendländische Entwurf einer wertekonsensfähigen und somit auch gemeinwohlfähigen Solidargemeinschaft.

Die Zusammenarbeit zur Erreichung des Gemeinwahls fällt Menschen umso leichter, je ähnlicher sie sich kulturell sind. Ein Nationalstaat begünstigt daher prinzipiell die Erreichung des Gemeinwohls.

Die christliche Soziallehre betrachtet die Nation als Teil einer Reihe von aufeinander bezogenen, sich ergänzender Bindungen, die bei der Familie beginnen und alle auf ein transzendentes Ziel hin ausgerichtet sind.  Er ist der einzige Rahmen, in dem bislang Demokratie in einer das Gemeinwohl fördernden Form verwirklicht werden konnte. Der Staatsrechtler Josef Isensee bezeichnete die Demokratie deshalb als „Tochter des Nationalstaats“.

Die christliche Soziallehre, auf der die Nachkriegsordnung Westeuropas beruht, betrachtet den Nationalstaat zudem als wesentliches Element einer internationalen Friedensordnung. Als Erweiterung der natürlichen Gemeinschaft der Familie beruhe er auf Bindungen, die das gemeinsame Verfolgen des Gemeinwohls fördern würden, wie es Johannes Paul II. beschrieben hatte.

  • Der Nationsgedanke der christlichen Soziallehre wirkt dabei sowohl den Exzessen eines auf Kosten anderer Nationen betriebenen Nationalismus als auch den Exzessen der nach Auflösung von Nationen strebenden neo-marxistischen Ideologien entgegen.
  • Die Gemeinschaft der durch das gemeinsame christliche Erbe verbundenen Nationen Europas sollte in diesem Denken nicht die Nationen auflösen, so wie der Nationalstaat nicht die Familie als seinen tragenden Bestandteil auflösen soll, sondern ursprünglich die einzelnen Nationen gegen äußere Bedrohungen wie die durch den Kommunismus stärken.

Im Kompendium Soziallehre der Kirche betonte Angelo Kardinal Sodano die „Notwendigkeit, das nationale Bewusstsein zu pflegen, ohne dabei jedoch den Weg des Rechts und das Bewusstsein von der Einheit der Menschheitfamilie aus den Augen zu verlieren“.

Der Theologe Romano Guardini beschrieb den Nationalstaat in seinem Aufsatz „Europa – Wirklichkeit und Aufgabe“  als „Ort der lebendigen Einwurzelung des Menschen“. In Europa sei die Nation nicht abgeschlossen und auf sich bezogen entstanden, sondern sie sei eingeordnet gewesen in einen europäisch-abendländischen Kontext bzw. eine „von Geschichte gesättigte Form charakteristischen Lebens, die aber ein Organ im umfassenderen Zusammenhang bildet“. Die Moderne habe die im Christentum wurzelnde abendländische Einheit zerstört, wobei auch der die Nationen gegeneinander in Stellung bringende Nationalismus eine moderne Ideologie sei. Die Nationen Europas müssten wieder umdenken und die Nation so denken, „dass sie ihre Vergangenheit auf das Werden dieser großen Lebensgestalt hin verstehe“.

Dieses Denken war prägend für das Handeln christlich-konservativer Persönlichkeiten der Nachkriegszeit wie Konrad Adenauer, Robert Schuman und Alcide de Gasperi. Ihrem bis heute trotz aller Versuche zur Trennung Europas von diesem Erbe nachwirkenden Handeln und der christlichen Soziallehre verdankt Westeuropa die längste Friedensperiode der letzten Jahrhunderte.

Der Historiker Heinrich August Winkler bezeichnete die „historisch gewachsene nationale Vielfalt“ als eine der kulturellen Errungenschaften Europas. Die christlich-konservativen Akteure, die nach dem Zweiten Weltkrieg die bis heute stabile Friedensordnung Westeuropas schufen, hätten dies bewusst auf der Grundlage des Konzepts eines Europas der Nationen getan hätten.

  • Ihre Ansätze zur Stärkung der Einheit Europas hätten mit den Worten Walter Hallsteins das Ziel gehabt, die „Kraftquellen der Nationen zu erhalten, ja sie zu noch lebendigerer Wirkung zu bringen“. Zudem sei die Behauptung, dass Nationalstaaten grundsätzlich kriegerischer handeln würden als andere Staaten, ein unbelegtes „Produkt ahistorischen Wunschdenkens“.
  • Versuche zur Auflösung des Nationalstaates würden zudem häufig gegen den Willen der betroffenen Völker angestrebt und dadurch gerade den Nationalismus provozieren, der eigentlich überwunden werden solle. Diejenigen, welche die Nationalstaaten Europas auflösen wollten, würden zudem die Zerstörung des Gewachsenen anstreben, ohne eine konkrete Vorstellung zu haben, was an seine Stelle treten könnte.