Stand: 30.10.2018

Das Solidaritätsprinzip fordert von Staat und Regierung sowie von allen Teilen eines Gemeinwesens, im Sinne des Ganzen sowie im Interesse kommender Generationen zu denken und zu handeln. Zudem fordert das Solidaritätsprinzip, Bindungen innerhalb des Gemeinwesens zu pflegen und zu stärken.

Das Solidaritätsprinzip beruht ebenso wie die anderen Prinzipien der Soziallehre auf der Anerkennung der Natur des Menschen, insbesondere seiner Eingebundenheit in und Angewiesenheit auf natürliche Gemeinschaften, aus der sich gegenseitiges Verbundensein und Verpflichtetsein ergeben. Menschen sind aufeinander angewiesen und können die Ziele ihrer Existenz nur in Gemeinschaft erreichen.

Die katholische Soziallehre lehnt somit Individualismus, der die Sozialnatur des Menschen bestreitet und in der Gemeinschaft oder Gesellschaft nur einen Zweckverband zum Ausgleich der Einzelinteressen sieht, ebenso ab wie Kollektivismus, der den Menschen nur als Objekt betrachtet, ab.

Johannes Paul II. sagte über christliche Solidarität:

Diese ist nicht ein Gefühl vagen Mitleids oder oberflächlicher Rührung wegen der Leiden so vieler Menschen nah oder fern. Im Gegenteil, sie ist die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das „Gemeinwohl“ einzusetzen, das heißt, für das Wohl aller und eines jeden, weil wir alle für alle verantwortlich sind.1

Säkulare Ideologien wie Kommunismus und Sozialismus haben den Begriff der „Solidarität“ missbraucht, weil er in ihnen nicht auf die Erreichung des Gemeinwohls ausgerichtet ist, sondern nur den Zusammenhalt einer revolutionären Gruppe bei ihrem Versuch zur revolutionären Zerstörung gewachsener Ordnungen beschreibt.

Dass die Prinzipien der Soziallehre nicht nur in einem christlichen Kontext nachvollziehbar und anwendbar sind, zeigt, das Beispiel des arabisch-islamischen Historikers Ibn Khaldun. Dieser hatte unter Anknüpfung an die griechische Philosophie der Antike im 14. Jahrhundert in seinem Werk Al-Muqaddima das Konzept der Asabiya, das dem abendländischen Konzept der Solidarität ähnlich ist, beschrieben. Die Asabiya sei die Form der Solidarität, die Menschen in einer Gemeinschaft aneinanderbinde und sie befähige, sich gegen äußere Bedrohungen zu wehren und eine Gesellschaft zu bilden. Asabiya sei der Bindungen stiftende und stärkende Geist, der einer Gemeinschaft gemeinsame Ziele und Werte gebe und ihr Zusammenhalt verleihe. Die Asabiya entstehe aus Not und Entbehrung und löse sich in zu langen Perioden des Wohlstands und der Sicherheit auf.

1. „Suchet der Stadt Bestes“: Christlicher Patriotismus

Christliche Weltanschauung griff bereits in der Antike den Begriff der „Patria“ bzw. des Vaterlandes auf. Augustinus lehnte sich an die Definition Ciceros an, der von „patria naturae“ (der Nation, der man durch Abstammung angehöre) und der „patria civitatis“ (dem Staat, dem man durch eine Entscheidung angehöre) sprach und ergänzte, dass die eigentliche Heimat des Menschen nicht diese Welst sei.2 Patriotismus kann sich auf jede Form von Patria beziehen.

Eine Nation ist eine Trägerin einer besonderen Kulturidee, die sich auf gemeinsame Überlieferung, Kultur, geschichte,

Der hl. Johannes Paul II. schuf eine Theologie der Nation und formulierte einen christlichen Patriotismus, der dem Wohl einzelner Menschen, dem Gemeinwohl einzelner Nationen und dem globalen Gemeinwohl gleichermaßen dient. Dieser christlicher Patriotismus wirkt sowohl den Exzessen eines auf Kosten anderer Nationen betriebenen Nationalismus als auch den Exzessen der nach Auflösung von Nationen strebenden neo-marxistischen und postmodernen Ideologien entgegen. Er schrieb:

Deshalb besitzt auch das vierte der Zehn Gebote eine so große Bedeutung: „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ […]. Diese Bindung hat einen weiteren Rahmen als die Familie mit ihrem Lebensraum. Ein solcher Rahmen ist wenigstens ein Stamm, meistens aber ein Volk oder die Nation, in der ihr geboren seid. So erweitert sich das Erbe aus der Familie. Durch die Erziehung in eurer Familie nehmt ihr an einer bestimmten Kultur und auch an der Geschichte eures Volkes oder eurer Nation teil. Das familiäre Band bedeutet zugleich die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die größer ist als die Familie, woraus sich eine weitere Basis für die Identität der Person ergibt. Wenn die Familie die erste Erzieherin eines jeden von euch ist, so ist gleichzeitig – durch die Familie – der Stamm euer Erzieher wie auch das Volk oder die Nation, mit der wir durch die Einheit der Kultur, der Sprache und der Geschichte verbunden sind. Dieses Erbe stellt zugleich eine moralische Aufgabe dar. Indem ihr den Glauben übernehmt und die Werte und Inhalte erbt, die zusammen die Kultur eurer Gesellschaft, die Geschichte eurer Nation bilden, wird jeder von euch in seinem individuellen Menschsein geistig ausgestattet. […] Vor diesem Erbe können wir nicht in einer passiven oder sogar ablehnenden Haltung verharren […]. Wir müssen alles tun, was wir können, um dieses geistige Erbe aufzunehmen und zu bestätigen, es zu erhalten und zu fördern. Diese Aufgabe ist wichtig für alle Gesellschaften, besonders aber wohl für jene, die sich am Anfang ihrer autonomen Existenz befinden, oder auch für jene, die diese Existenz und ihre wesentliche nationale Identität vor der Gefahr äußerer Zerstörung oder innerer Auflösung verteidigen müssen. […] Das Verständnis vom „Vaterland“ entwickelt sich eng verbunden mit dem Verständnis von der „Familie“, in gewissem Sinne entwickelt sich das eine im Bereich des anderen. Wenn ihr dieses gesellschaftliche Band erfahrt, das viel weiter ist als die familiäre Bindung, beginnt ihr auch stufenweise teilzunehmen an der Verantwortung für das Allgemeinwohl jener größeren Familie, die das irdische „Vaterland“ eines jeden von euch ist. Die herausragenden Gestalten der vergangenen wie der gegenwärtigen Geschichte einer Nation sind beispielhaft auch für die Zeit eurer Jugend und fordern die Entwicklung jener sozialen Liebe, die öfter „Vaterlandsliebe“ genannt wird.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) betonte, dass Christen in allen Staaten in denen Patrioten sein müssten, auch in solchen, die ihnen ablehnend gegenüberstehen. In jeder Lage müssten Christen versuchen, Staaten aufzubauen und das Gute in ihnen zu stärken. Die vom Propheten Jeremia wiedergegebene entsprechende Weisung sei  eine „Anweisung zum Überleben und zugleich zur Vorbereitung des Besseren“:

Der Christ ist in dem Sinn immer staatserhaltend, dass er das Positive, das Gute tut, das die Staaten zusammenhält. Er hat nicht die Furcht, dass er damit die Macht des Bösen begünstigt, sondern er ist überzeugt, dass immer nur die Stärkung des Guten das Böse abbauen und die Macht des Bösen die der Bösen verringern kann.3

Ziel sei es, dass Christen gemäß der Worte des hl. Apostels Paulus „ein ruhiges und friedvolles Leben in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit führen“ könnten.4 Christen sollten „einen guten Lebenswandel unter den Völkern“ führen5. Diese sollen „unser moralisches Tun sehen“.6. Christen seien auch dadurch Patrioten, dass sie keine Straftaten begingen, die Gesetze achteten und sich nicht in fremde Angelegenheiten einmischten.7

Die Lehre der katholischen Kirche betont, dass das vierte Gebot von Christen verlangt, „den Vorfahren Ehre, Liebe und Dank zu erweisen“. Dies sei Grundlage einer besonderen Verpflichtung „der Bürger gegenüber ihrem Vaterland“.8 Dies geht zurück auf Gedanken des hl. Thomas von Aquin:

Also nach Gott ist der Mensch am meisten Schuldner den Eltern und dem Vaterlande. Wie somit es zur Gottesverehrung gehört, an erster Stelle Gott einen Kult darzubringen; so geht es die Hingebung oder Pietät an, an zweiter Stelle die Eltern und das Vaterland zu ehren. In der den Eltern erwiesenen Ehre ist nun eingleo xeschlossen die den Blutsverwandten gegenüber; denn blutsverwandt sind eben Personen deshalb, weil sie von den nämlichen Eltern abstammen. Und in der dem Vaterlande erwiesenen Hingebung ist eingeschlossen die allen Mitbürgern gegenüber und allen Freunden des Vaterlandes.

Papst Leo XIII. schrieb 1890, dass das Naturrecht es erfordere, dass Menschen ihm Rahmen ihrer übergeordneten Pflichten als Christent für das Land, aus dem sie stammen, einsetzen und es verteidigen.

Papst Johannes XXIII. schrieb in seiner Enzyklika „Mater et magistra“ 1961:

„Die Kirche Christi“, so spricht Unser Vorgänger Pius XII. das klar aus, „als treue Hüterin der göttlichen Erziehungsweisheit, kann nicht daran denken und denkt nicht daran, die Eigentümlichkeiten anzutasten oder ihnen ihre Ächtung zu versagen, die jedes Volk mit empfindlicher Ehrfurcht und begreiflichem Stolz bewahrt und als kostbares Erbe betrachtet. […] Alle Bemühungen und Forderungen nach einer sinnvollen Entwicklung und Entfaltung der Anlagen und Kräfte und Bestrebungen, die im verborgenen Innern jedes Stammes schlummern, begrüßt die Kirche mit Freuden und begleitet sie mit ihren mütterlichen Wünschen, vorausgesetzt daß sie nicht im Widerstreit stehen mit den Pflichten, die sich aus der Einheit ihres Ursprungs und ihrer gemeinsamen Bestimmung für die Menschheit ergeben.“

Das Zweite Vatikanische Konzil betonte die Bedeutung einer „hochherzigen und treuen Vaterlandsliebe“, die sich innerhalb der Pflichten gegenüber der „ganzen Menschheitsfamilie“ bwege und nicht gegen diese angelegt sei.9

Mit dem Eintritt in das Christentum tritt der Mensch auch in die christliche Kultur des Dienstes ein und nimmt eine christliche Identität an. Diese ersetzt oder verdrängt nicht die bisherige kulturelle Prägung eines Menschen, sondern verbindet sich mit dieser und veredelt sie.10

Bischof Fulton J. Sheen erklärte, die Tugend der Pietät sei eine der „fundamentalsten Tugenden, die sogar die Heiden besaßen“. Sie beinhalte Ehrfurcht vor Gott, Familie und Vaterland, „denn diese drei gehören zusammen“ und müssten aufeinander bezogen betrachtet werden.11

Erzbischof Charles Chaput aus Philadelphia (USA) rief 2017 Christen zu Patriotismus und zum Dienst an den Gemeinwesen auf, in denen sie leben. Es läge in der Natur des Menschen, an einen Ort und eine Gemeinschaft gebunden zu sein. Die eigenen Wurzeln abzulehnen und keine Liebe gegenüber der eigenen Heimat zu empfinden sei Ausdruck einer fragwürdigen Einstellung, die nicht zum Dienst an einem Gemeinwesen in der Lage sei.

Kardinal Reinhard Marx betonte 2018 die Bedeutung des Patriotismus für den europäischen Gedanken und rief Christen dazu auf, „im guten Sinn des Wortes Patrioten“ zu sein. Dies sei Teil des christlichen Dienstes in der Welt. Kardinal Marx äußerte sich auch positiv zur 2017 veröffentlichten Erklärung der polnischen Bischöfe mit dem Titel „Patriotismus in christlicher Gestalt“. Der europäische Gedanke und Patriotismus würden einander nicht ausschließen, sondern einander bedingen.

Der Politikwissenschaftler und Theologe Felix Dirsch erklärte 2018, dass es in der katholischen Soziallehre einen „Dreiklang von Heimatliebe, Vaterlandsliebe und Liebe zur Kirche“ gebe. Der damit verbundene christliche Patriotismus wirke den extremen Tendenzen sowohl progressiver als auch nationalistischer Ideologien entgegen.

In der „Gegenwartsdebatte über Heimat, Identität und Glaube“ werde laut Dirsch zum Teil ein Widerspruch zwischen den universellen Aussagen des Christentums und dem Eintreten für das Gemeinwohl eines konkreten Gemeinwesens konstruiert. Dirsch zufolge sei es unstrittig, dass das Christentum eine universelle Botschaft enthalte und sein Heimatbegriff letztlich nicht auf diese Welt bezogen sei. Diese Erkenntnis negiere laut Dirsch jedoch nicht den ebenso gültigen christlichen „Auftrag, das Wohl des irdischen Vaterlandes zu mehren.“ Er zitiert diesbezüglich einen ehemaligen Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz, Joseph Kardinal Höffner, mit den Worten:

Nach christlichem Verständnis gründet die Liebe zum Vaterland in der ehrfürchtigen Hingabe jenen gegenüber, denen wir unseren Ursprung verdanken: Gott, unseren Eltern und dem Land unserer Väter, wo unsere Wiege stand, dem Land, dem wir durch die gemeinsame Heimat, die gemeinsame Abstammung, die gemeinsame Geschichte, die gemeinsame Kultur, die gemeinsame Sprache schicksalhaft verbunden sind.

Ein weiterer Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann, habe den speziell in Deutschland zu beobachtenden Mangel an Patriotismus daher kritisiert:

Wir müssen bekennen, dass es uns an einem gesunden Nationalbewusstsein mangelt. Die Identifikation mit unserem Staat fällt vielen schwer. […] Man flüchtete in ein Weltbürgertum, das aber unverbindlich blieb. Das Bewusstsein der eigenen Nation fiel zwischen alle Stühle. Worte wie Nation, Vaterland oder Patriotismus erschienen antiquiert.

Sozialwissenschaftliche Stimmen zum Patriotismus

Der Soziologe Wolfgang Streeck beschrieb 2018 Patriotismus als eine Voraussetzung des Gemeinwohls. Kosmopolitische Universalisten seien nicht dazu in der Lage, politische Veranwortung für ein Gemeinwesen zu übernehmen. Es könne „keine gute Politik […] ohne Patriotismus, ohne ein Gefühl verpflichtender Zugehörigkeit zu einer politisch organisierten Gemeinschaft“ geben, „an deren laufender Verbesserung man sich zu beteiligen hat“.

Politisches Handeln, welches das Gemeinwohl anstrebe, müsse sich immer auf ein konkretes Gemeinwesen beziehen:

Politisches Handeln ist an verortete Gemeinschaften gebunden – Verständigungs-, Verantwortungs-, Verpflichtungs- und Praxisgemeinschaften. Politik ist weder Wohltätigkeit noch Kampf für den eigenen Vorteil oder darf doch keins von beiden ausschließlich sein: Ihr Thema ist die gerechte Ordnung eines Ganzen, das sich als Ganzes versteht und Mitglieder hat, die sich für es verantwortlich fühlen und berechtigt und in der Lage, es mitzugestalten. Die Welt kann kein solches Ganzes sein […]- ein Weltbürger ist nirgendwo Bürger.

Der politisch Handelnde müsse außerdem über innere Bindung an das Gemeinwesen verfügen, um im Sinne des Gemeinwohls handeln zu können:

Damit Politik mehr sein kann als Wohltätigkeit oder Vorteilssuche, muss sie verstehen können, worum es ihrer Gesellschaft geht. Verständnis ergibt sich aus gemeinsamer Zugehörigkeit, also geteilter Besonderheit; dass jemand ein Menschenrechtssubjekt ist, sagt mir nicht, was er für gerecht oder ungerecht hält. Nur aus Zugehörigkeit ergibt sich ein dauerhaftes Gefühl von Verantwortung, das, verbunden mit einem Minimum an praktischer Zuversicht, gemeinsam etwas erreichen zu können, zu politischem Handeln bewegen kann.

Grenzen zwischen Staaten seien kein Hindernis für das Gemeinwohl, sondern neben dem Patriotismus des politisch Handelnden eine seiner Voraussetzungen:

Wer sich zu Vielfalt bekennt, bekennt sich zu Grenzen, zu Unterscheidungen zwischen innen und außen und zu Besonderheiten, einschließlich zur eigenen.

Der im Sinne des Gemeinwohls Handelnde müsse sich zudem seiner konkreten „partikularen Verantwortung“ für das eigene Gemeinwesen bewusst sein, die Vorrang vor universellen Ansprüchen hätten. Moralische Verantwortung sei immer nach Nähe abgestuft. Wer seine konkrete lokale Verantwortung unter Berufung auf universelle Ansprüche zurückweise, verletze dadurch das Gemeinwohl.

Der Philosoph Richard Rorty warnte in seinem 1997 erschienenen Werk “Achieving our Country” (deutsch: “Stolz auf unser Land“) vor den Folgen von mangelndem Patriotismus und Stolz auf das eigene Gemeinwesen:

Nationalstolz ist für ein Land dasselbe wie Selbstachtung für den einzelnen: eine notwendige Bedingung der Selbstvervollkommnung. Zuviel Nationalstolz kann Aggressivität und Imperialismus erzeugen, genau wie übermäßiges Selbstgefühl zu Überheblichkeit führen kann. Doch zuwenig Selbstachtung kann den einzelnen daran hindern, moralischen Mut zu zeigen, und ebenso kann mangelnder Nationalstolz eine energische und wirkungsvolle Diskussion über die nationale Politik vereiteln. Eine Gefühlsbindung an das eigene Land – daß Abschnitte seiner Geschichte und die heutige Politik intensive Gefühle der Scham oder glühenden Stolz hervorrufen – ist notwendig, wenn das politische Denken phantasievoll und fruchtbar sein soll. Und dazu kommt es wohl nur, wenn der Stolz die Scham überwiegt. […] Wer eine Nation dazu bringen möchte, sich anzustrengen, muß ihr vorhalten, worauf sie stolz sein kann und wessen sie sich schämen sollte. Er muß etwas Anfeuerndes über Episoden und Figuren aus ihrer Vergangenheit sagen, denen sie treu bleiben sollte. Einer Nation müssen Künstler und Intellektuelle Bilder und Geschichten über ihre Vergangenheit erschaffen. Der Wettbewerb um politische Führungspositionen ist zum Teil ein Wettbewerb zwischen verschiedenen Vorstellungen von der Identität der Nation und verschiedenen Symbolen ihrer Größe.

Der Politikwissenschaftler Mark Lilla kritisierte das Streben moderner und postmoderner Ideologien nach der Auflösung von Bindungen und das mangelnde Verständnis progressiver Akteure für die Bedeutung des Nationalgefühls, das die Grundlage jeglichen gesellschaftlichen Zusammenhalt darstelle.

Wer aus Furcht vor Nationalismus jegliches Nationalgefühl grundsätzlich ablehne, wirke dadurch nicht der der totalitären Überhöhung der Nation entgegen, sondern schwäche die Auseinandersetzung mit nationalistischen Ideologien:

Unter vielen deutschen Linken ist es ja üblich, sich aufgrund der NS-Vergangenheit nicht mit Deutschland identifizieren zu wollen, aber so geraten sie in Widerspruch mit sich selbst. Denn der einzige Weg, Verantwortung für die Vergangenheit zu übernehmen, ist die Identifikation mit der Geschichte ihres Landes. Wenn Deutschsein nur eine wählbare Option ist, dann wird niemand Verantwortung für das Vergangene tragen wollen. Die Linke hat diesen Reflex, Nationalgefühl als Rassismus zu stigmatisieren, und begreift nicht, dass nationale Zugehörigkeit eine Notwendigkeit für die Demokratie und die historische Verantwortung ist.

Progressive Akteure müssten „begreifen, dass man in eine Nation hineingeboren wird und sich mit ihr identifizieren muss, um sie vor falschem Patriotismus zu schützen und sie zum Besseren zu verändern“. Statt dessen strebten diese jedoch nach Auflösung der Nation durch die Überhöhung der Identität von Randgruppen und vermittelten „den Eindruck, die Identitäten aller Gruppen anerkennen zu wollen, außer die der Deutschen.“

Ohne Nationalgefühl gebe es keinen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dieser werde durch die Überhöhung von Randgruppen und durch die Schaffung überzogener und zunehmend unglaubwürdiger Diskriminierungsnarrative geschwächt. Gemeinwohlorientierte Politik hingegen stärke Bindungen in einer Gesellschaft und betone die gemeinsame Identität in einem Gemeinwesen, wofür eine gemeinsame Identifikationsgrundlage erforderlich sei.

Auch in Deutschland sei das progressive Lager zunehmend von „säkularen Snobs getrieben“, die zu einer Stärkung von Bindungen in der Gesellschaft unfähig seien:

Wieso geht niemand von der SPD nach Bayern und sagt: Ich kann Kruzifixe in Behörden nicht dulden, aber ich respektiere Ihren Glauben, Ihre Lebensart und Ihre Bedenken? Warum ist das so schwer? […] Die deutsche Linke fordert, dass man die Kultur und Lebensweise der Muslime akzeptiert, aber verweigert den Katholiken in Bayern ihre Ansichten.

2. Generationenübergreifendes Denken

Christliches Denken nimmt den Menschen als Teil einer Generationenkette wahr und denkt in diesem Sinne  langfristig. Auf dieser Grundlage konnte es seine großen Werke schaffen, die zu errichten oft die Arbeit vieler Generationen erforderte. Langfristiges Denken ist zudem Folge der Erkenntnis, dass sich kulturelle Substanz nur über lange Zeiträume hinweg bilden kann und sie nicht ohne weiteres regenerierbar ist, wenn sie einmal zerstört wurde.

Christliches Denken bejaht Dauer, Beständigkeit und Tradition. Politische Entscheidungen misst es an ihren langfristigen Folgen und nicht an kurzfristig daraus vielleicht entstehenden Vorteilen oder Popularität. Gleichzeitig ist christlichem Denken bewusst, dass kein materielles Werk ewig Bestand haben kann, während die Seelen neu geborener Kinder ewig leben und somit die einzigen ewigen Werke sind, an denen der Mensch mitwirkt.

Christliche Weltanschauung strebt zudem ökologische Nachhaltigkeit an, also einen langfristig orientierten, verantwortlichen Umgang mit Ressourcen und der natürlichen Umwelt.

Papst Paul. VI. definierte das Traditionsprinzip 1967 als Ausdruck der Gemeinschaftsnatur des Menschen und als Erfordernis übergenerationaler Solidarität:

Der Mensch ist aber auch Glied der Gemeinschaft. Er gehört zur ganzen Menschheit. Nicht nur dieser oder jener, alle Menschen sind aufgerufen, zur vollen Entwicklung der ganzen menschlichen Gesellschaft beizutragen. Die Kulturen entstehen, wachsen, vergehen. Aber wie jede Woge der steigenden Hut weiter als die vorhergehende den Strand überspült, schreitet auch die Menschheit auf dem Weg ihrer Geschichte voran. Erben unserer Väter und Beschenkte unserer Mitbürger, sind wir allen verpflichtet, und jene können uns nicht gleichgültig sein, die nach uns den Kreis der Menschheitsfamilie weiten. Die Solidarität aller, die etwas Wirkliches ist, bringt für uns nicht nur Vorteils mit sich, sondern auch Pflichten.12

Papst Franziskus rief Christen 2018 zu einem generationenübergreifendem Dienstethos auf:

Der Geist, der die Einzelnen und die Staaten […]  beseelen muss, kann mit dem der Erbauer der mittelalterlichen Kathedralen in ganz Europa verglichen werden. Diese gewaltigen Bauten erzählen, wie wichtig die Teilnahme eines jeden an einem Werk ist, dass die Grenzen der Zeit überdauert. Der Baumeister an einer Kathedrale wusste, dass er die Vollendung seines Werkes nicht erleben würde. Trotzdem hat er kräftig mitgeholfen, denn er verstand sich als Teil eines Projektes, das seinen Kindern zu Gute kommen sollte und die es dann ihrerseits für ihre Kinder verschönern und erweitert würden. Jeder Mann und jede Frau dieser Erde – und besonders wer Regierungsverantwortung trägt – soll diesen Geist des Dienens und der generationsübergreifenden Solidarität pflegen und so ein Zeichen der Hoffnung für unsere zerrissene Welt sein.

Der politische Philosoph Edmund Burke schrieb über das generationenübergreifende Denken des Konservatismus:

Ein Staat […] ist eine Gemeinschaft in allem was wissenswürdig, in allem was schön, in allem was schätzbar und gut und göttlich im Menschen ist. Da die Zwecke einer solchen Verbindung nicht in einer Generation zu erreichen sind, so wird daraus eine Gemeinschaft zwischen denen, welche leben, denen, welche gelebt haben, und denen, welche noch leben sollen.

Der primäre Sinn einer Gesellschaft sei nicht die Befriedigung der Bedürfnisse ihrer Mitglieder, sondern die Schaffung einer Verbindung zwischen früheren und künftigen Generationen und die Sicherstellung der Kontinuität des Erbes. Dieses sei ein von jeder Generation zu pflegendes und an die nächste Generation zu übergebendes wertvolles Gut.

Der katholische Denker Gilbert Keith Chesterton bezeichnete Tradition als „die Demokratie der Toten“, welche frühere, lebende und künftige Generationen zu einem übergenerationen Gemeinwesen verbinde:

Es liegt doch auf der Hand, dass Tradition nichts weiter ist als Demokratie in zeitlicher Erstreckung. Tradition baut auf den Einklang gewöhnlicher menschlicher Stimmen statt auf irgendeine vereinzelte oder willkürliche Quelle. […] Tradition lässt  sich als erweitertes Stimmrecht fassen. Tradition bedeutet, dass man der am meisten im Schatten stehenden Klasse, unseren Vorfahren, Stimmrecht verleiht. Tradition ist Demokratie für die Toten. Sie ist die Weigerung, der kleinen, anmaßenden Oligarchie derer, die zufällig gerade auf der Erde wandeln, das Feld zu überlassen.

3. Stärkung von Bindungen: „E pluribus unum“

Damit das Solidaritätsprinzip wirken und Subsidiaritätsprinzip greifen kann, sind starke Bindungen und Gemeinschaften innerhalb einer Gesellschaft erforderlich. Je stärker diese sind, desto zurückhaltender kann der Staat agieren. Ein freiheitlicher Staat kann daher nicht ohne starke Bindungen funktionieren.

Die Bildung und der dauerhafte Bestand eines Gemeinwesens setzen voraus, dass seine Mitglieder eine Gemeinschaft bilden. Dazu muss aus Vielfältigem durch fortlaufende Anstrengung eine Einheit geschaffen werden, wofür geistige und kulturelle Gemeinsamkeiten erforderlich sind. Wo diese fehlen, zerfällt ein Gemeinwesen. Je heterogener ein Gemeinwesen ist, desto wichtiger werden solche geteilten geistig-kulturellen Grundlagen.

Die katholische Soziallehre beinhaltet zudem das Konzept der „sozialen Liebe“ (lat. dilectio socialis), das durch den hl. Thomas von Aquin formuliert wurde. Es sei demnach anzustreben, Bindungen und die Wahrnehmung von Zusammengehörigkeit in einem Gemeinwesen zu fördern, weil dadurch auch der Wille zum Dienst am Gemeinwohl gefördert und das Gemeinwesen gestärkt werde.13

Johannes Paul II. beschrieb die Stärkung von Bindungen 1991 im Dokument „Centesimus Annus“ im Zusammenhang mit dem Solidaritätsprinzip als christliche Aufgabe:

Außer der Familie erfüllen auch andere gesellschaftliche Zwischenkörper wichtige Aufgaben und aktivieren spezifische Solidaritätsnetze. Diese reifen in der Tat zu echten Gemeinschaften von Personen heran, beleben das gesellschaftliche Gefüge und verhindern, daß es in die Anonymität und in eine unpersönliche Vermassung absinkt, wie es in der modernen Gesellschaft leider häufig der Fall ist.

Das Wirken von Christen in allen Bereichen der Gesellschaft stärkt Bindungen, integriert Fremde und Randgruppen und wirkt durch die Schaffung einer gemeinsamen geistig-kulturellen Grundlage den zentrifugalen Tendenzen in einem Gemeinwesen entgegen.

Platon schrieb in seinem Werk „Der Staat“ über die Bedeutung bindungsstärkender Kräfte:

Gibt es nun etwas Schlimmeres für einen Staat als das, was ihn auflöst und in eine Vielheit zerspaltet? Oder etwas Vorzüglicheres als das, was ihn verbindet und vereinheitlicht?

Dieser Gedanke liegt auch einem Leitspruch des republikanischen Pluralismus („E pluribus unum“) zugrunde, der sich auf Formulierungen des hl. Augustinus bezieht, mit denen dieser das Entstehen enger Bindungen auf der Grundlage gemeinsamen Geistes beschreibt.14

Cicero hatte in seiner Beschreibung der Bindungen, die Gemeinschaften stiften, eine ähnliche Formulierung zur Beschreibung der Grundlagen der Bindungen verwendet, die ein Gemeinwesen ermöglichen:

Es gibt aber mehrere Stufen in der menschlichen Gesellschaft. Denn abgesehen von jener allgemeinen findet eine nähere zwischen den Menschen statt, die demselben Volke, demselben Stamme und derselben Sprache angehören. Die letztere ist ein ganz vorzügliches Mittel zur Verbindung der Menschen unter einander. Ein noch innigeres Verhältnis findet zwischen Menschen statt, die derselben Bürgerschaft angehören. […] Noch enger ist die Verbindung, die zwischen Anverwandten stattfindet. […] Doch unter allen geselligen Verbindungen ist keine vorzüglicher, keine fester, als wenn brave, an Charakter ähnliche Männer durch vertrauten Umgang mit einander verbunden sind. […] Nichts ist aber geeigneter Liebe zu erwecken und eine innige Verbindung hervorzurufen, als die Ähnlichkeit des Charakters bei guten Menschen. Denn wo gleiche Bestrebungen und gleiche Gesinnungen herrschen, da findet Einer an dem Anderen ebenso viel Wohlwollen wie an sich selbst, und die Folge davon ist, was Pythagoras in der Freundschaft als das Höchste ansieht, daß aus mehreren Personen Eine wird.15

Papst Franziskus betonte im Oktober 2017 die Bedeutung der Bindung an die eigenen Wurzeln für die Völker der Welt und rief die Menschen dazu auf, entsprechende Bindungen wieder zu entdecken. Ohne Wurzeln „kann man nicht leben: ein Volk ohne Wurzeln oder ein Volk, das sich nicht um seine Wurzeln kümmert, ist ein krankes Volk“.

4. Bejahung des Eigenen und Wille zur Dauer

Es gibt eine gebotene christliche Selbstliebe, die in der göttlichen Tugend der Liebe enthalten ist und von der Nächstenliebe nicht zu trennen ist  (Lev 19,18; Mk 12,31; Hebr 13,3). Sie ist mit der Bejahung des eigenen Selbst, wie es von Gott beabsichtigt ist, verbunden. So wie der individuelle Christ Selbstliebe in Form der Bejahung dessen praktizieren soll, was an ihm Gottes Willen entspricht, und vermeidet was ihn zerstört, so bejaht eine christliche Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens das Eigene auf gesellschaftlicher Ebene, indem es seine Grundlagen pflegt und schützt.

Die Bejahung des Eigenen beinhaltet dabei auch die Auseinandersetzung mit dem, was das eigene Gemeinwesen schwächt und herabzieht. Es würde nicht der christlichen Selbstliebe entsprechen, schlechte Dinge unter Berufung auf sie zu fördern oder zu dulden.

5. Die „Ordo Amoris“: Abstufung des christlichen Dienstes am Nächsten nach dem Grad der Nähe

Das Solidaritätsprinzip beinhaltet die Notwendigkeit, Unterscheidungen zu treffen und Grenzen zu ziehen, da weder eine Person noch eine Gemeinschaft unterschiedlos allen anderen gegenüber gleichermaßen solidarisch sein könnte.

Christliches Denken strebt danach, Nächstenliebe und Selbstliebe in ein geordnetes Verhältnis zu einander zu bringen und betont keines der beiden Konzepte unter Ausschluß des anderen. Zur geordneten Nächstenliebe ist nur fähig, wer das Eigene bejaht.

Wenn das Christentum von Nächstenliebe spricht und das Konzept in sein Zentrum stellt, meint es damit nicht positive Gefühle gegenüber anderen Menschen wie der Begriff „Liebe“ in der modernen Alltagssprache definiert ist. Statt dessen bezeichnet das Konzept eine dienende Grundhaltung, die nicht eigene Interessen in den Mittelpunkt stellt, sondern das eigene Leben einer über ihm stehenden geistigen Autorität unterordnet und auch dann zur Tat bereit ist, wenn dies Nachteile mit sich bringt.

In diesem Sinne erfordert Nächstenliebe immer auch Einsatz und Opfer. Da es aber nicht möglich ist, sich für alle grundsätzlich richtigen Anliegen gleichermaßen einzusetzen, erfordert Nächstenliebe Unterscheidungen.

Der katholische Philosoph Robert Spaemann sagte, dass in diesem Zusammenhang richtige und angemessene Unterscheidungen im christlichen Denken nach dem Grad der eigenen Nähe zu dem jeweiligen Anliegen getroffen werden sollen:

Es gibt verschiedene Grade der Nähe, und hier hat Augustinus den entscheidenden Begriff geprägt: ordo amoris, also eine Rangordnung der Liebe. Wo unserer Hilfe Grenzen gesetzt sind, da ist es auch gerechtfertigt auszuwählen, also zum Beispiel Landsleute, Freunde oder auch Glaubensgenossen zu bevorzugen. Johannes schreibt in einem Brief: Tut Gutes allen. Besonders aber den Glaubensgenossen. Es gibt rational nachvollziehbare Gründe der Auswahl.

Praktisch bedeutet dies, dass etwa eine Mutter gegenüber ihren Kindern oder ein Ehemann gegenüber seiner Ehefrau richtig handeln, die einander mit größerem Einsatz dienen als anderen Menschen. Umgekehrt würde etwa ein Ehemann falsch handeln, der seine Familie vernachlässigt, weil er sich für ihm fremde Menschen einsetzt.

Ludger Schwienhorst-Schönberger zufolge geht die katholische Soziallehre von Vorzugsregeln aus, die den ethischen Universalismus des Christentums praktikabel machten. Diese Regeln ermöglichten eine Güterabwägung in Fällen, in denen die Ansprüche von Fremden mit den Interessen des eigenen Gemeinwesens kollidieren:

Vor diesem Hintergrund erscheint es angebracht, daran zu erinnern, dass die Vorzugsregeln zum Kern der katholischen Moraltheologie gehören und der biblischen Ethik nicht widersprechen. […] Ohne die Anwendung der Vorzugsregeln könnte niemand leben und würde das gesellschaftliche Zusammenleben kollabieren. […] Die […] Taten der Liebe bleiben „auf den abgestuften Kreis derer beschränkt, die der Hilfe am meisten bedürfen und für deren Wohl der Handelnde am besten zu sorgen imstande ist.“ […] Die Liebe als Tat bedarf einer Unterscheidung „zwischen dem Nahen, dem Näheren und dem Nächsten.“ 16

Die gegenwärtige Debatte sei auch innerkirchlich durch den Irrtum geprägt, dass das Christentum unterschiedslose Nächstenliebe fordere:

  • Bei dem im Alten Testament als „Fremde“ bezeichneten Menschen, deren besondere Schutzwürdigkeit in Ex 22,2 und Lev 19,33f betont wird, handele es sich um Juden anderer Stämme und nicht um Angehörige anderer Völker, die im Alten Testament als „Ausländer“ bezeichnet würden und geringere Ansprüche genießen würden.
  • Im Neuen Testament handele es sich bei den „geringsten Brüdern“ in Mt 25,40 um andere Christen. Der Begriff „Brüder“ werde im Matthäusevangelium nur zur Beschreibung leiblicher Brüder sowie der Brüder im Glauben verwendet und nicht zur unterschiedslosen Beschreibung aller Menschen.17

In Situationen, in denen die Ansprüche entfernter Menschen mit denen näherstehender Menschen konkurrierten sei, es nach Lehre der katholischen Kirche „irreführend zu behaupten, die Bibel würde verlangen, allen Menschen unterschiedslos zu helfen“. Die Lehre der Kirche sei auch in dieser Frage realistisch und verantwortungsethisch geprägt.18

Die Unterscheidung zwischen dem Nächsten und dem Bruder

Im Alten Testament äußert sich Nächstenliebe in der Beziehung zu den „Kindern Deines Volkes“ (Lev 19,18). Sie unterscheidet zwischen Nächsten und Fremden (Ex 11,2; 12,35). Im Neuen Testament wird der Begriff des Nächsten ausgeweitet, wobei aber eine neue Unterscheidung zwischen dem Nächsten und dem Bruder eingeführt wird.

In den Schriften des Apostels Paulus und des Evangelisten Johannes ist Nächstenliebe überwiegend die dienende Liebe gegenüber den eigenen Brüdern. Jesus Christus richtete seine Forderung, einander zu lieben, an die Jünger.19

Paulus betonte, dass nur der „Bruder“ genannt werden dürfe, der Christ sei und ein christliches Leben führe.20 Es gebe auch „falsche Brüder“21, und mit denen solle man „nichts zu schaffen“ haben. Alle anderen Menschen seien die Nächsten. Man solle unermüdlich und ohne darin nachzulassen „allen Menschen Gutes tun, besonders aber den Glaubensgenossen!“22 Für die eigenen Verwandten müsse man in besonderem Maße sorgen, und wer dies verweigere, „der verleugnet damit den Glauben und ist schlimmer als ein Ungläubiger“.23

Ein mutmaßlicher Grund für diese Unterscheidung ist, dass kein Mensch allen Menschen gleichzeitig dienen könnte und daher die Frage nach Prioritäten irgendwann zu beantworten seien wird. Außerdem wäre das Christentum unglaubwürdig, wenn Christen nicht wenigstens einander vorbehaltlos dienen würden. Wo der Nächste, dem der Christ dient, sich nicht im eigenen Umfeld befindet, droht er zudem zur Projektionsfläche für moralische Selbstdarstellung zu werden. Der ihm geleistete Dienst kann dann zur Ersatzhandlung werden.

Der hl. Josemaria Escriva schrieb:

Einen Eifer, der zu einer besonders fürsorglichen Behandlung der Fernstehenden drängt und dabei gleichzeitig unsere Brüder im gemeinsamen Glauben heruntersetzt oder verachtet, halte ich für heuchlerisch und lügenhaft. Ich glaube auch nicht daran, daß du dich für den Bettler an der Straßenecke wirklich interessierst, wenn du zu Hause die Deinen peinigst, ihren Freuden, Sorgen und Schmerzen gegenüber unbeteiligt bleibst und dich nicht bemühst, ihre Fehler zu verstehen und – falls sie keine Beleidigung Gottes sind – über sie hinwegzusehen.

Der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi beschrieb in seiner Bildungskonzeption ein System der konzentrischen Kreise des Wirkens des Menschen in der Welt. Übergeordneten Einheiten wie der Nation könne man erst dann sinnvoll dienen, wenn das Leben in der eigenen Familie geordnet verlaufe.

Papst Pius XII. schrieb in seiner Enzyklika „Summi Pontificatus“ über die Vereinbarkeit der christlichen Präferenz für das Eigene mit dem universellen Dienst des Christen:

Man fürchte nicht, dass das Bewusstsein des umfassenden brüderlichen Bandes, wie es die christliche Lehre nährt, und die ihr entsprechende Gesinnung in Gegensatz zur Anhänglichkeit an das Erbgut und an die Größe des eigenen Vaterlandes treten; man fürchte ebenso wenig, dass dies alles sich hindernd in den Weg stellt, wenn es um die – Förderung des Wohls und der berechtigten Anliegen der eigenen Heimat geht. Dieselbe Lehre zeigt nämlich, dass es bei der Übung der Liebe eine von Gott gefügte Ordnung gibt; nach dieser muss man, mit gesteigerter Liebe und mit Vorzug diejenigen umfassen und bedenken, die besonders eng mit einem verbunden sind. Auch der Göttliche Meister zeigte durch Sein Beispiel, dass Er der Heimat und dem Vaterland in besonderer Weise zugetan war; Er weint ob der drohenden Verwüstung der Stadt. Aber die begründete und berechtigte Liebe zum Vaterland darf nicht blind machen für die Weltweite der christlichen Lehre, die auch die andern und ihr Wohl im befriedenden Licht der Liebe sehen lehrt24

Dienst und Ungleichheit

Der amerikanische Bischof Fulton J. Sheen sprach über Ungleichheit als Voraussetzung von Liebe. In einer seiner Schriften erklärte er, warum Liebe im Sinne der dienenden Ausrichtung des eigenen Lebens auf einen über ihm stehenden Gegenstand mit modernem Gleichheitsdenken unvereinbar ist:

All love on this earth involves choice. When, for example, a young man expresses his love to a young woman and asks her to become his wife, he is not just making an affirmation of love; he is also negating his love for anyone else. In that one act by which he chooses her, he rejects all that is not her. There is no other real way in which to prove we love a thing than by choosing it in preference to something else. Word and signs of love may be, and often are, expressions of egotism or passion; but deeds are proofs of love. We can prove we love our Lord only by choosing Him in preference to anything else.

Die Moderne hat kulturelle Grundbegriffe wie „Liebe“ weitestgehend ihrer eigentlichen Bedeutung beraubt, sie dabei entstellt und sie für viele Menschen unverständlich gemacht. Tatsächlich beruht jegliche Kultur aber auf Liebe im Sinne des griechischen Begriffes „Agape“. Ohne eine Gemeinschaft von Menschen, die über rationales Verstehen hinaus von dem Gedanken ergriffen ist, dass es etwas gibt, das höheren Wert besitzt als ihr eigenes Leben und bereit dazu ist diesem höchsten Gegenstand auch gegen Widerstand und unter Opfern zu dienen, kann Kultur weder entstehen noch bestehen. Solche Gemeinschaften müssen somit auf Glaube beruhen um im Sinne tätiger, dienender Liebe zu wirken; und damit dies gelingt, müssen sie sich von modernem Gleichheitsdenken trennen, denn wenn man allen Dingen Gleichwertigkeit unterstellt, werden Glaube und vor allem Liebe im eigentlichen Sinne dieser Begriffe unmöglich.

6. Solidarität und der Kampf gegen Strukturen der Sünde

Johannes Paul II. sagte, dass sich aus dem Solidaritätsprinzip auch der Einsatz zur Überwindung von „Strukturen der Sünde“ ergebe.