Stand: 16.01.2018

Das Solidaritätsprinzip fordert von Staat und Regierung sowie von allen Teilen eines Gemeinwesens, im Sinne des Ganzen sowie im Interesse kommender Generationen zu denken und zu handeln. Zudem fordert das Solidaritätsprinzip, Bindungen innerhalb des Gemeinwesens zu pflegen und stärken.

Johannes Paul II. sagte über Solidarität:

Diese ist nicht ein Gefühl vagen Mitleids oder oberflächlicher Rührung wegen der Leiden so vieler Menschen nah oder fern. Im Gegenteil, sie ist die feste und beständige Entschlossenheit, sich für das „Gemeinwohl“ einzusetzen, das heißt, für das Wohl aller und eines jeden, weil wir alle für alle verantwortlich sind.

1. „Suchet der Stadt Bestes“: Christlicher Patriotismus

Johannes Paul II. schuf eine Theologie der Nation und formulierte einen christlichen Patriotismus, der dem Wohl einzelner Menschen, dem Gemeinwohl einzelner Nationen und dem globalen Gemeinwohl gleichermaßen dient. Dieser christlicher Patriotismus wirkt sowohl den Exzessen eines auf Kosten anderer Nationen betriebenen Nationalismus als auch den Exzessen der nach Auflösung von Nationen strebenden neo-marxistischen Ideologien entgegen.

Erzbischof Charles Chaput aus Philadelphia (USA) rief 2017 Christen zu Patriotismus und zum Dienst an den Gemeinwesen auf, in denen sie leben. Es läge in der Natur des Menschen, an einen Ort und eine Gemeinschaft gebunden zu sein. Die eigenen Wurzeln abzulehnen und keine Liebe gegenüber der eigenen Heimat zu empfinden sei Ausdruck einer fragwürdigen Einstellung, die nicht zum Dienst an einem Gemeinwesen in der Lage sei.

2. Generationenübergreifendes Denken

Christliches Denken nimmt den Menschen als Teil einer Generationenkette wahr und denkt in diesem Sinne  langfristig. Auf dieser Grundlage konnte es seine großen Werke schaffen, die zu errichten oft die Arbeit vieler Generationen erforderte. Langfristiges Denken ist zudem Folge der Erkenntnis, dass sich kulturelle Substanz nur über lange Zeiträume hinweg bilden kann und sie nicht ohne weiteres regenerierbar ist, wenn sie einmal zerstört wurde.

Papst Franziskus rief Christen 2018 zu einem generationenübergreifendem Dienstethos auf:

Der Geist, der die Einzelnen und die Staaten […]  beseelen muss, kann mit dem der Erbauer der mittelalterlichen Kathedralen in ganz Europa verglichen werden. Diese gewaltigen Bauten erzählen, wie wichtig die Teilnahme eines jeden an einem Werk ist, dass die Grenzen der Zeit überdauert. Der Baumeister an einer Kathedrale wusste, dass er die Vollendung seines Werkes nicht erleben würde. Trotzdem hat er kräftig mitgeholfen, denn er verstand sich als Teil eines Projektes, das seinen Kindern zu Gute kommen sollte und die es dann ihrerseits für ihre Kinder verschönern und erweitert würden. Jeder Mann und jede Frau dieser Erde – und besonders wer Regierungsverantwortung trägt – soll diesen Geist des Dienens und der generationsübergreifenden Solidarität pflegen und so ein Zeichen der Hoffnung für unsere zerrissene Welt sein.

Der politische Philosoph Edmund Burke schrieb über das generationenübergreifende Denken des Konservatismus:

Ein Staat […] ist eine Gemeinschaft in allem was wissenswürdig, in allem was schön, in allem was schätzbar und gut und göttlich im Menschen ist. Da die Zwecke einer solchen Verbindung nicht in einer Generation zu erreichen sind, so wird daraus eine Gemeinschaft zwischen denen, welche leben, denen, welche gelebt haben, und denen, welche noch leben sollen.

Christliches Denken bejaht Dauer, Beständigkeit und Tradition. Politische Entscheidungen misst es an ihren langfristigen Folgen und nicht an kurzfristig daraus vielleicht entstehenden Vorteilen oder Popularität. Gleichzeitig ist christlichem Denken bewusst, dass kein materielles Werk ewig Bestand haben kann, während die Seelen neu geborener Kinder ewig leben und somit die einzigen ewigen Werke sind, an denen der Mensch mitwirkt.

Christliche Weltanschauung strebt zudem ökologische Nachhaltigkeit an, also einen langfristig orientierten, verantwortlichen Umgang mit Ressourcen und der natürlichen Umwelt.

3. Stärkung von Bindungen: „E pluribus unum“

Damit das Solidaritätsprinzip wirken und Subsidiaritätsprinzip greifen kann, sind starke Bindungen und Gemeinschaften innerhalb einer Gesellschaft erforderlich. Je stärker diese sind, desto zurückhaltender kann der Staat agieren. Ein freiheitlicher Staat unterlässt daher alles, was die Funktion der Familie oder anderer tragender Institutionen beeinträchtigen könnte.

Johannes Paul II. beschrieb die Stärkung von Bindungen 1991 im Dokument „Centesimus Annus“ im Zusammenhang mit dem Solidaritätsprinzip als christliche Aufgabe:

Außer der Familie erfüllen auch andere gesellschaftliche Zwischenkörper wichtige Aufgaben und aktivieren spezifische Solidaritätsnetze. Diese reifen in der Tat zu echten Gemeinschaften von Personen heran, beleben das gesellschaftliche Gefüge und verhindern, daß es in die Anonymität und in eine unpersönliche Vermassung absinkt, wie es in der modernen Gesellschaft leider häufig der Fall ist.

Das Wirken von Christen in allen Bereichen der Gesellschaft stärkt Bindungen und wirkt dadurch den zentrifugalen Tendenzen in einer Gesellschaft entgegen. Dadurch wirkt das Christentum dadurch integrierend und schafft kulturelle Substanz.

Dieser Gedanke liegt auch dem Leitspruch des republikanischen Pluralismus („E pluribus unum“) zugrunde. Um die Menschen in einem Gemeinwesen zu einer Gemeinschaft zu festigen, muss aus Vielfältigem eine Einheit geschaffen werden, wofür geistige und kulturelle Gemeinsamkeiten erforderlich sind. Wo diese fehlen, zerfällt ein Gemeinwesen. Je vielfältiger ein Gemeinwesen ist, desto wichtiger werden solche geteilten geistig-kulturellen Grundlagen.

Papst Franziskus betonte im Oktober 2017 die Bedeutung der Bindung an die eigenen Wurzeln für die Völker der Welt und rief die Menschen dazu auf, entsprechende Bindungen wieder zu entdecken. Ohne Wurzeln „kann man nicht leben: ein Volk ohne Wurzeln oder ein Volk, das sich nicht um seine Wurzeln kümmert, ist ein krankes Volk“.

Platon schrieb in seinem Werk „Der Staat“ über die Bedeutung bindungsstärkender Kräfte:

Gibt es nun etwas Schlimmeres für einen Staat als das, was ihn auflöst und in eine Vielheit zerspaltet? Oder etwas Vorzüglicheres als das, was ihn verbindet und vereinheitlicht?

4. Bejahung des Eigenen und Wille zur Dauer

Es gibt eine gebotene christliche Selbstliebe, die in der göttlichen Tugend der Liebe enthalten ist und von der Nächstenliebe nicht zu trennen ist  (Lev 19,18; Mk 12,31; Hebr 13,3). Sie ist mit der Bejahung des eigenen Selbst, wie es von Gott beabsichtigt ist, verbunden. So wie der individuelle Christ Selbstliebe in Form der Bejahung dessen praktizieren soll, was an ihm Gottes Willen entspricht, und vermeidet was ihn zerstört, so bejaht eine christliche Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens das Eigene auf gesellschaftlicher Ebene, indem es seine Grundlagen pflegt und schützt.

Die Bejahung des Eigenen beinhaltet dabei auch die Auseinandersetzung mit dem, was das eigene Gemeinwesen schwächt und herabzieht. Es würde nicht der christlichen Selbstliebe entsprechen, schlechte Dinge unter Berufung auf sie zu fördern oder zu dulden.

5. Die „Ordo Amoris“: Abstufung des christlichen Dienstes am Nächsten nach dem Grad der Nähe

Christliches Denken strebt danach, Nächstenliebe und Selbstliebe in ein geordnetes Verhältnis zu einander zu bringen und betont keines der beiden Konzepte unter Ausschluß des anderen. Zur geordneten Nächstenliebe ist nur fähig, wer das Eigene bejaht.

Wenn das Christentum von Nächstenliebe spricht und das Konzept in sein Zentrum stellt, meint es damit nicht positive Gefühle gegenüber anderen Menschen wie der Begriff „Liebe“ in der modernen Alltagssprache definiert ist. Statt dessen bezeichnet das Konzept eine dienende Grundhaltung, die nicht eigene Interessen in den Mittelpunkt stellt, sondern das eigene Leben einer über ihm stehenden geistigen Autorität unterordnet und auch dann zur Tat bereit ist, wenn dies Nachteile mit sich bringt.

In diesem Sinne erfordert Nächstenliebe immer auch Einsatz und Opfer. Da es aber nicht möglich ist, sich für alle grundsätzlich richtigen Anliegen gleichermaßen einzusetzen, erfordert Nächstenliebe Unterscheidungen.

Der katholische Philosoph Robert Spaemann sagte, dass in diesem Zusammenhang richtige und angemessene Unterscheidungen im christlichen Denken nach dem Grad der eigenen Nähe zu dem jeweiligen Anliegen getroffen werden sollen:

Es gibt verschiedene Grade der Nähe, und hier hat Augustinus den entscheidenden Begriff geprägt: ordo amoris, also eine Rangordnung der Liebe. Wo unserer Hilfe Grenzen gesetzt sind, da ist es auch gerechtfertigt auszuwählen, also zum Beispiel Landsleute, Freunde oder auch Glaubensgenossen zu bevorzugen. Johannes schreibt in einem Brief: Tut Gutes allen. Besonders aber den Glaubensgenossen. Es gibt rational nachvollziehbare Gründe der Auswahl.

Praktisch bedeutet dies, dass etwa eine Mutter gegenüber ihren Kindern oder ein Ehemann gegenüber seiner Ehefrau richtig handeln, die einander mit größerem Einsatz dienen als anderen Menschen. Umgekehrt würde etwa ein Ehemann falsch handeln, der seine Familie vernachlässigt, weil er sich für ihm fremde Menschen einsetzt.

Der amerikanische Bischof Fulton J. Sheen sprach in diesem Zusammenhang über Ungleichheit als Voraussetzung von Liebe. In einer seiner Schriften erklärte er, warum Liebe im Sinne der dienenden Ausrichtung des eigenen Lebens auf einen über ihm stehenden Gegenstand mit modernem Gleichheitsdenken unvereinbar ist:

All love on this earth involves choice. When, for example, a young man expresses his love to a young woman and asks her to become his wife, he is not just making an affirmation of love; he is also negating his love for anyone else. In that one act by which he chooses her, he rejects all that is not her. There is no other real way in which to prove we love a thing than by choosing it in preference to something else. Word and signs of love may be, and often are, expressions of egotism or passion; but deeds are proofs of love. We can prove we love our Lord only by choosing Him in preference to anything else.

Die Moderne hat kulturelle Grundbegriffe wie „Liebe“ weitestgehend ihrer eigentlichen Bedeutung beraubt, sie dabei entstellt und sie für viele Menschen unverständlich gemacht. Tatsächlich beruht jegliche Kultur aber auf Liebe im Sinne des griechischen Begriffes „Agape“. Ohne eine Gemeinschaft von Menschen, die über rationales Verstehen hinaus von dem Gedanken ergriffen ist, dass es etwas gibt, das höheren Wert besitzt als ihr eigenes Leben und bereit dazu ist diesem höchsten Gegenstand auch gegen Widerstand und unter Opfern zu dienen, kann Kultur weder entstehen noch bestehen. Solche Gemeinschaften müssen somit auf Glaube beruhen um im Sinne tätiger, dienender Liebe zu wirken; und damit dies gelingt, müssen sie sich von modernem Gleichheitsdenken trennen, denn wenn man allen Dingen Gleichwertigkeit unterstellt, werden Glaube und vor allem Liebe im eigentlichen Sinne dieser Begriffe unmöglich.

6. Solidarität und der Kampf gegen Strukturen der Sünde

Johannes Paul II. sagte, dass sich aus dem Solidaritätsprinzip auch der Einsatz zur Überwindung von „Strukturen der Sünde“ ergebe.