Stand: 17.01.2018

Das Personalitätsprinzip der katholischen Soziallehre fordert von politischem Handeln, die Natur des Menschen zu berücksichtigen. Zu dieser Natur gehört seine Eingebundenheit in natürliche Bindungen, etwa in die von Familie und Nation, seine Identität als Mann oder Frau oder auch seine Angewiesenheit auf Gemeinschaft.

Gleichzeitig fordert die Personalitätsprinzip die Achtung der Menschenwürde, über die alle Menschen unterschiedslos verfügen. Zudem beinhaltet es die Anerkennerung seiner individuellen Rechte und seiner Autonomie in seinem Verantwortungsbereich, aber auch seiner individuellen Verantwortung für sein Handeln.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) sprach von einer „Ökologie des Menschen“. Die Natur des Menschen müsse genauso geachtet und vor Verletzungen geschützt werden wie die natürliche Umwelt.1

Er kritisierte zudem die Tendenz „Schöpfungswirklichkeiten“ und die Natur des Menschen zu leugnen, etwa seine geschlechtliche Identität als Mann und Frau:

Der Mensch bestreitet seine Natur. Er ist nur noch Geist und Wille. Die Manipulation der Natur, die wir heute für unsere Umwelt beklagen, wird hier zum Grundentscheid des Menschen im Umgang mit sich selber. Es gibt nur noch den abstrakten Menschen, der sich dann so etwas wie seine Natur selber wählt.

Johannes Paul II. betonte 1991 im Dokument „Centesimus Annus„, dass der Mensch in christlicher Weltanschauung nicht wie in modernen Ideologien nur Produzent und Konsument oder ein Mittel zum Zweck sei:

Der einzelne wird heute oft zwischen den beiden Polen Staat und Markt erdrückt. Es hat manchmal den Anschein, als existierte er nur als Produzent und Konsument von Waren oder als Objekt der staatlichen Verwaltung. Es wird vergessen, daß das Zusammenleben der Menschen weder den Markt noch den Staat zum Endziel hat. Es besitzt in sich selber einen einzigartigen Wert, dem Staat und Markt dienen sollen.

Menschen sind freie, für ihre Entscheidungen verantwortliche Individuen. Die Ordnung der Dinge muss der Ordnung der Personen dienen und nicht umgekehrt2. Der Mensch darf nicht erniedrigt werden, indem er zu Mittel oder Gegenstand staatlicher, gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Prozesse gemacht wird. 3

An dieser Stelle werden vor allem die für im Rahmen der katholischen Soziallehre relevanten Aspekte der Natur des Menschen aufgeführt. Weitere Aspekte der Natur des Menschen, etwa seine Gottesebenbildlichkeit, werden hier behandelt.

1. Die Würde des Menschen

Der Gedanke der unveräußerlichen Würde des Menschen beruht auf der christlichen Vorstellung seiner Gottesebenbildlichkeit, die ihn von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Alle Menschen sind nach christlicher Annahme ausnahmslos als Ebenbilder Gottes geschaffen worden und verfügen daher über eine unveräußerliche Würde.

Ohne die Annahme der Gottesebenbildlichkeit ist die Annahme einer universellen und unveräußerlichen Menschenwürde nicht plausibel begründbar, weshalb diese von vielen modernen, materialistischen Ideologien bestritten wird, etwa in Bezug auf Angehörige bestimmter Gruppen von Menschen, aber auch in Bezug auf ungeborene Kinder.

Einige moderne Ideologien haben erfolglos versucht, Menschenwürde ohne Gottesbezug durch irrationale Idealisierung des Menschen zu begründen.

Neben der allgemeinen Würde des Menschen gibt es auch eine spezifische Würde, die davon abhängt, ob ein Mensch bestimmten Anforderungen gerecht wird. Diese spezifische Würde muss verdient und erworben werden.

2. Die unvollkommene Natur des Menschen

Christliche Weltanschauung geht davon aus, dass der Mensch über eine von ihm selbst nicht überwindbare, begrenzte und unvollkommene Natur verfügt. Der Mensch verfüge zwar über Wille und Verstand, die jedoch korrumpierbar seien. Der Mensch sei zudem leicht zum Bösen verführbar, etwa über seine ungeordneten Leidenschaften und sein Streben nach Macht und Besitz.

Zudem betrachtet christliche Weltanschauung den Menschen nicht nur wie materialistische Weltanschauung es tut als biologisches Wesen, sondern auch als geistiges Wesen. Sie sieht den Menschen somit weder als ausschließlich durch seine Abstammung oder sein Geschlecht bestimmt an, noch betrachtet sie ihn als reines Willens- und Verstandeswesen. Zudem geht sie davon aus, dass der Mensch bestimmte biologische Aspekte seiner Identität nicht ändern könne, etwa seine Identität als Mann oder Frau.

Benedikt XVI. schrieb über die Natur des Menschen und die aus ihr folgenden Erfordernisse für die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens:

Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.

2.1 Die Notwendigkeit der Kontrolle von Macht

Da das Streben von Macht den Menschen ebenso korrumpieren kann wie andere Leidenschaften, geht christliche Weltanschauung von der Notwendigkeit der Kontrolle von politischer Macht aus.

Familien begrenzen die Macht des Staates in christlicher Weltanschauung nach unten, während sie das Naturrecht nach oben hin begrenzt. Die Bindung politischer Herrschaft an das Naturrecht ist daher ein Weg der Gewaltenkontrolle, ebenso wie es die Kontrolle und Mäßigung politischer Herrschaft durch eine intakte Kultur ist.

Unnötige Machtkonzentration ist zu vermeiden, und Entscheidungskompetenzen sind im Sinne des Subsidiaritätsprinzips auf der kleinsten Ebene zu belassen, die zur eigenständigen Bewältigung einer Aufgabe oder Lösung eines Problems in der Lage sind.

2.2 Die Ablehnung utopischen Denkens

Christliches Denken lehnt zudem utopisches Denken, das von der Möglichkeit der Erziehung eines unbegrenzt guten Menschen und der Schaffung einer perfekten Gesellschaft ausgeht ab, weil der Mensch seine Natur nicht ändern kann und alle Utopien deshalb bislang mit oft katastrophalen Begleiterscheinungen scheiterten.

Christliche Demut ist die Einsicht des Menschen in die Tatsache seiner Unvollkommenheit. Christliche Weltanschauung erkennt an, dass Menschen aufgrund ihrer Unvollkommenheit nicht dazu in der Lage sind, die Komplexität der Welt vollständig zu überschauen oder Wahrheit vollständig zu erkennen oder sie gar zu besitzen. Christen gehen daher niemals davon aus, die Wahrheit zu repräsentieren oder zu besitzen, sondern streben danach, sich von ihr besitzen zu lassen.

Utopische Ideologien gehen hingegen davon aus, dass die Perfektionierung des Menschen und der Gesellschaft möglich sind, und dass der revolutionäre Bruch mit dem Gewachsenen und die Zerstörung des Überlieferten erforderlich sind, um den von ihnen angestrebten Idealzustand zu erreichen. Sie halten an ihren Visionen auch dann fest, wenn praktische Erfahrungen ihnen widersprechen, schotten sich gegenüber der Wirklichkeit ab und neigen zur Blindheit, wobei sie sich selbst mit der Schönheit ihrer abstrakten Ideale blenden. Wo die Wirklichkeit sich ihnen nicht fügt, neigen sie dazu, ihre Ideale gewaltsam durchsetzen zu wollen.

2.3 Skepsis gegenüber der Masse

Christliche Weltanschauung ist aus der Annahme der Unvollkommenheit des Menschen heraus skeptisch gegenüber dem destruktiven Potenzial, das von Massen ausgeht.

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) betonte, dass das Volk in christlicher Weltanschauung nicht nur positiv bewertet werde. Es sei auch der „Ochlos“ bzw. die Masse oder der Pöbel, der Jesus Christus den Tod wünschte und die Freilassung eines Verbrechers forderte.4

Massen gehorchen nicht dem Verstand, sondern ihren Stimmungen, und neigen stets dazu, die schlechtesten Teile der Natur des Menschen freizusetzen. Sie sind durch Ansprache niederer Instinkte besonders gut mobilisierbar. Ernst Jünger beschrieb, dass das Unmenschliche gerade im Kollektiven hervortrete. In den Evangelien wird beschrieben, wie die Masse die Freilassung des Kriminellen Barrabas forderte, Jesus Christus aber zum Tode verurteilt sehen wollte.

Christliche Weltanschauung ist daher auch skeptisch gegenüber dem Potenzial der nicht durch republikanische Elemente gemäßigten Demokratie, eine Tyrannei der Mehrheit hervorzubringen.

Die Idealisierung des Volkes durch moderne Ideologien stellt in diesem Zusammenhang oft genug nur eine Verherrlichung der Masse und des Mobs dar. Clemens August Graf von Galen sagte in seiner ersten Predigt nach dem Zweiten Krieg vor den Trümmern des Doms von Münster, das der Gedanke, dass alle Gewalt vom Volk ausgehe, Ausdruck der Überschätzung des Menschen sei: „Die Gewalt, die vom Volke ausgeht, haben wir nun erlebt.“

2.4 Die Notwendigkeit von Kultur

Die Natur des Menschen macht es zudem erforderlich eine Kultur zu schaffen, die seinen Schwächen und den destruktiven Tendenzen in seiner entgegenwirkt und seine Leidenschaften ordnet. Ohne diese Kultur würden die Schwächen des Menschen noch stärker zu Tage treten.  Die Natur des Menschen macht es zudem erforderlich, politische Macht zu kontrollieren, weil diese Menschen korrumpiert.

3. Der Mensch als Gemeinschaftswesen

Als Gemeinschaftswesen ist der Mensch in natürliche Gemeinschaften wie die Familie und die Nation eingebunden. Utopische Ideologien leugnen diese Bindungen oder wollen sie zerstören, weil sie angeblich die Freiheit des Menschen einschränken.

In den ersten Jahren seines Lebens könnte der Mensch nicht ohne Gemeinschaft bzw. ohne den Schutz und die Unterstützung durch eine Familie überleben. Familien wiederum benötigen zu ihrem Schutz eine noch größere Gemeinschaft.

Der Evolutionspychologe E.O. Wilson beschrieb in seinem Werk „The Social Conquest of Earth” die Gemeinschaftsnatur des Menschen als eine Voraussetzung menschlichen Überlebens. Eine Forschergruppe um den Biologen Christopher Boehm untersuchte Naturvölker auf ihr Sozialverhalten und stellte dabei fest, dass ausnahmslos alle untersuchten Völker ein gemeinschaftsorientiertes Ethos pflegten. Wer sich altruistisch verhalte und der Gemeinschaft diene, gewinne in ihnen an Ansehen. Wer sich hingegen egoistisch verhalte, würde durch Ächtun und, Ausschluß aus der Gemeinschaft bestraft.

3.1 Die Notwendigkeit staatlicher Ordnung

Christliche Weltanschauung betrachtet den Menschen als Gemeinschaftswesen. Der Staat ist die höchste Form politischer Gemeinschaft und notwendig, um vor dem Hintergrund der Natur des Menschen in ihr Ordnung und Recht zu bewahren sowie das Gemeinwohl zu fördern.

Für den Staat und das Handeln seiner Regierung gelten dabei andere moralische Gesetze als für den einzelnen.  Der Apostel Paulus schreibt, dass der Staat der Diener Gottes zu deinem Besten sein soll, der das „Schwert“ – die staatliche Gewalt dazu einsetzen soll, gegen jene einzusetzen, welche das Zusammenleben gefährden.

Christen haben die staatlichen Gesetze zu befolgen, so lange von ihnen nicht verlangt wird, gegen die Gebote Gottes zu verstoßen. In diesem Fall ist Gott mehr zu gehorchen (Apg 4,19).

Die christliche Soziallehre geht davon aus, dass das die Einhegung unrechtmäßiger Gewalt (lat. violentia) durch rechtmäßige Gewalt (lat. potestas) des Staates eine Voraussetzung des Gemeinwohls ist.

Die Deutsche Bischofskonferenz betonte angesichts der Bedrohung der öffentlichen Ordnung in Deutschland durch Linksterroristen in den 1970er Jahren, dass die katholische Soziallehre den Staat und seine Ordnung als schutzwürdig einstufe, weil die Alternative dazu ein Chaos sei, in dem auch der Einzelne nicht mehr geschützt sei und zugrunde gehen müsse.5

4. Die Dualität der Geschlechter

Die Identität des Menschen als Mann und Frau ist Teil der Schöpfungsordnung6 und nicht dem Einfluss des Menschen unterworfen. Die Dualität der Geschlechter ist wesentlich für das Menschsein und für die Familie und kein kulturelles oder soziales Produkt oder das Ergebnis einer einer Willensentscheidung, wie die Gender-Ideologie behauptet.

Benedikt XVI. sagte:

Wenn es die natürliche Dualität von Mann und Frau nicht mehr gibt, dann gibt es auch Familie als von der Schöpfung vorgegebene Wirklichkeit nicht mehr. Dann hat aber auch das Kind seinen bisherigen Ort und seine ihm eigene Würde verloren.

Mann und Frau sind dazu berufen, durch Ehe und Familie als Hüter des Fortbestandes des Lebens und des Glaubens zu dienen. Indem sie neues Leben zeugen und in die Welt bringen, wirken sie am Schöpfungsakt mit und folgen einer erhabenen Berufung. Die Ehe wurde auch deshalb als der erste religiöse Orden in der Geschichte der Menschheit bezeichnet.