Stand: 03.04.2018

Verantwortliches politisches Handeln beruht auf der Grundlage zeitlos gültiger Prinzipien des gemeinschaftlichen Lebens. Diese wiederum beruhen auf der Erkenntnis der universellen Ordnung der Welt, der Natur des Menschen und der in ihnen wesenshaft angelegten Ziele und Erfordernisse.

Das Naturrecht ist objektive, dem Einfluss des Menschen entzogene Wirklichkeit, der alles gelingende individuelle und gesellschaftliche Leben entsprechen muss, wenn es gelingen soll, während Verstöße gegen es automatisch Schaden nach sich ziehen muss, ähnlich wie es bei Missachtung der Schwerkraft der Fall wäre. Je vollständiger die Erkenntnis und Umsetzung der Prinzipien des Naturrechts in einem Gemeinwesen ist, desto gerechter ist dieses.

Die Auseinandersetzung mit dem Naturrecht setzt nicht einen bestimmten Glauben voraus, weshalb diese Auseinandersetzung über die Religionen und Weltanschauungen hinweg eine mehrtausendjährige Tradition schaffen konnte. Die Vorstellung, dass der Mensch Teil einer unverfügbaren, nicht durch ihn geschaffenen Ordnung und ihren Forderungen unterworfen ist, ist dabei vermutlich so alt wie menschliche Kultur. Das älteste bekannte Zeugnis des Naturrechts ist der ca. 1.700 v. Chr. entstandene Codex Hammurabi.

Der katholische Rechtswissenschaftler Johannes Messner definierte das Naturrecht folgendermaßen:

Naturrecht ist Existenzordnung, Grundordnung des Existierens des Menschen als Mensch, im wahrsten und vollsten Sinn von ‚Existieren‘, die Ordnung, deren Forderungen ihm mit diesem Existieren in ihrem bestimmten Inhalt bewusst werden gemäß dem Prinzip, daß alle Erkenntnis durch die Erfahrung bedingt ist, auch die der Prinzipien der Rechtsvernunft als Teil der praktischen Vernunft. So erfasst, werden diese Forderungen von der voll entfalteten Vernunft in ihrer allgemeinen in sich gewissen Wahrheit und in ihrer allgemeinen verpflichtenden Geltung eingesehen.

Die Erkenntnis dieser Prinzipien ist mit den Mitteln der Beobachtung und des Verstandes möglich, weil sie aus der Natur des Menschen und der Dinge ergeben. Diese Prinzipien bzw. diese Ordnung werden daher auch als Naturrecht bezeichnet. Dieses wird vom Menschen nicht geschaffen oder beliebig konstruiert, sondern in einem Prozess ständiger Annäherung entdeckt.

Die Prinzipien des Naturrechts sind universeller Natur und betreffen alle Menschen gleichermaßen. Mord und Raub können von allen Menschen als moralisch falsch erkannt werden, und auch die Definition dessen, was sie ausmacht, ist kulturübergreifend sehr ähnlich. Der Apostel Paulus schrieb im Römerbrief, dass dieses Gesetz dem Menschen „ins Herz geschrieben“ sei:

Denn wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur tun, was das Gesetz fordert, so sind sie, obwohl sie das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. Sie beweisen damit, dass in ihr Herz geschrieben ist, was das Gesetz fordert, zumal ihr Gewissen es ihnen bezeugt, dazu auch die Gedanken, die einander anklagen oder auch entschuldigen.

Die christliche Naturrechtslehre geht auf das in den Zehn Geboten formulierte Gesetz Gottes für den Menschen zurück und wurde im Wesentlichen durch den hl. Thomas von Aquin entwickelt, der dabei auf auch Gedanken von Aristoteles zurückgriff.

Sie ist die Grundlage vieler kultureller Leistungen der abendländischen Zivilisation. Johannes Paul II. sagte, das Naturrecht gehöre „zum großen Erbe der menschlichen Weisheit, welche die göttliche Offenbarung mit ihrem Licht noch zusätzlich gereinigt und entfaltet hat“. So beruht etwa Vorstellung unveräußerlicher Menschenrechte auf der christlichen Naturrechtslehre, und der katholische Philosoph Jacques Maritain war maßgeblich an der Formulierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte beteiligt.

Die klassische Philosophie Asiens hat mit den Konzepten des „Dao“ (China) und des „Dharma“ (Indien) Konzepte geschaffen, die ein aus Gott hervorgehendes moralisches Weltgesetz und eine universelle, unverfügbare moralische Ordnung beschreiben und dem Konzept des Naturrechts ähneln.

Eine nach dem Naturrecht gestaltete politische Ordnung ist eine Ordnung, die Menschen dabei unterstützt, moralisch gut zu handeln. Das Naturrecht stellt dabei keinen Entwurf für staatliche Gesetzgebung dar, sondern beschreibt eine Ordnungsvorstellung, der die Gesetzgebung nicht widersprechen sollte, deren Ordnungsanspruch aber weit über das Handeln des Staates hinausgeht.

Die Bindung einer politischen Ordnung an das Naturrecht stellt die höchste Form der Gewaltenkontrolle dar, weil das Naturrecht davon ausgeht, dass es heilige, nicht relativierbare Güter des menschlichen Lebens gibt, die durch politische Entscheidungen unter keinen Umständen außer Kraft gesetzt oder verletzt werden dürfen. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland trägt dem durch die Aufnahme von Artikeln Rechnung, die auch mit absoluten Mehrheiten nicht aufgehoben oder geändert werden können.