Stand: 17.01.2019

Das Streben nach der Verwirklichung eines guten und gerechten Gemeinwesens sowie nach den Voraussetzungen gelingenden gemeinschaftlichen Lebens stellt eine Konstante der christlich-abendländischen Kultur- und Geistesgeschichte dar. Die Verwirklichung des Wahren, Guten und Schönen im gesellschaftlichen Rahmen und die Arbeit an der Errichtung dessen, was der hl. Augustinus als die „Stadt Gottes“ bezeichnete, ist eine Aufgabe, an der das Christentum seit fast zweitausend Jahren arbeitet und dabei eine ständig weiter wachsende kulturelle Substanz geschaffen hat.

Christliches Denken hat dabei seit der Antike die besten Gedanken und Ansätze integriert, auf die es gestoßen ist, und diese zusammengeführt und weiterentwickelt, wobei es auch an seinen Fehlern gewachsen ist. Es stellt den am weitesten entwickelten Bestand an erprobtem und bewährtem Wissen über die Natur des Menschen und die Erfordernisse des am Gemeinwohl orientierten gesellschaftlichen Zusammenlebens von Menschen in der Geschichte der Menschheit dar. Festgehalten sind diese Erfahrungen in der katholischen Soziallehre und auf ihr aufbauenden Konzepten wie dem christlichen Konservatismus.

Die Prinzipien von Soziallehre, Naturrecht und christlichem Konservatismus sind nicht nur für Christen nachvollziehbar, und ihre Umsetzung im gesellschaftlichen Leben dient nicht nur Christen, sondern allen Menschen. Es gibt in diesem Sinne keine christliche Politik, sondern nur Christen, die den Dienst am Nächsten und am Gemeinwohl in politischen Funktionen leisten.

1. Die katholische Soziallehre

Die katholische Soziallehre ist die Lehre der katholischen Kirche von der Gestaltung der Gesellschaft.

  • Sie ist Bestandteil der Lehre vom Menschen, hat ihre Wurzeln um frühen Christentum und umfasst die Summe der in den vergangenen Jahrtausenden gewonnen Erkenntnisse über Wesen und Ordnung der menschlichen Gesellschaft und die sich daraus ergebenden Normen und Ordnungsaufgaben in Hinblick auf die christliche Heilsordnung.1
  • Ihr Ziel ist die Gestaltung der Gesellschaftsordnung gemäß den Inhalten christlicher Weltanschauung bzw. „alles in Gott zu erneuern“.2
  • Ihr Inhalt ist die Analyse der vorliegenden Lage, die Beschreibung des anzustrebenden Zielzustands und der Entwurf von Maßnahmen und Strategien zur Erreichung dieses Zustands.
  • Ihre Quellen sind das Naturrecht, die christliche Offenbarung und die katholische Lehrtradition. Soziologie, Politikwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Volkswirtschaftslehre und andere Geistes- und Sozialwissenschaften können Hilfswissenschaften der katholischen Soziallehre sein.

Die christliche Soziallehre und Europa

Die christliche Soziallehre entstand auch als Antwort auf die Herausforderungen durch revolutionäre und totalitäre Strömungen sowie durch moderne Ideologien wie Liberalismus und Sozialismus.

Der hl. Johannes Paul II. schrieb 2003 über die Soziallehre als Impuls für die Gestaltung Europas:

Beim Aufbau der menschenwürdigen Stadt muß der Soziallehre der Kirche eine inspirierende Rolle zuerkannt werden. […] Sie hat ihren Ursprung in der Begegnung zwischen der biblischen Botschaft mit der Vernunft auf der einen und den das Leben des Menschen und der Gesellschaft betreffenden Problemen und Situationen auf der anderen Seite. Durch die Gesamtheit der von ihr gebotenen Prinzipien trägt diese Lehre dazu bei, solide Grundlagen für ein menschengerechtes Zusammenleben in Gerechtigkeit, Wahrheit, Freiheit und Solidarität zu legen. […] In dieser Lehre finden sich die Anhaltspunkte, um die moralische Struktur der Freiheit verteidigen zu können und so die europäische Kultur und Gesellschaft sowohl vor der totalitären Utopie der ‚Gerechtigkeit ohne Freiheit‘ als auch vor der Utopie der ‚Freiheit ohne Wahrheit‘ , die mit einem falschen ‚Toleranz‘-Begriff einhergeht, zu bewahren; beide Utopien sind Vorboten von Irrtum und Schrecken für die Menschheit, wie die jüngste Geschichte Europas selbst leider beweist.

Laut Johannes Paul II. hätten die Herausforderungen, denen moderne Gesellschaften gegenüberstehen würden, kulturelle Ursachen, „das heißt Ursachen, die mit bestimmten Auffassungen vom Menschen, von der Gesellschaft und von der Welt zusammenhängn“. Ihre Lösung läge nicht darin, ein neues politisches Programm zu erfinden:

Das Programm liegt schon vor: Seit jeher besteht es, zusammengestellt vom Evangelium und von der lebendigen Tradition. Es findet letztlich in Christus selbst seine Mitte.

Die katholische Soziallehre betont, dass ein Gemeinwesen, das in Achtung der gottgesetzten Ordnung zur Blüte gelangt sei, ein „verwirklichter Gottesgedanke“ sei und zur „Ehre und Verherrlichung des Schöpfers“ beitrage. Es sei unbedingt schützenswert.3

Die christlichen Grundlagen europäischer Gemeinwesen anzuerkennen und zu teilen setzt keinen christlichen Glauben voraus, weil Erfahrung und Vernunft unabhängig vom Glauben den Wert dieser Impulse belegen und diese somit prinzipiell für alle Menschen nachvollziehbar machen können. Sie anzuerkennen und zu teilen ist daher auch Menschen anderer Religionen und weltanschaulicher Hintergründe möglich. Eine von christlichen Impulsen inspiriertes Gemeinwesen ist somit nicht nur ein Gemeinwesen für Christen oder eines, das die Glaubensfreiheit derer, die in ihm leben, nicht achten würde.

2. Das Naturrecht und die unverfügbare moralische Ordnung der Welt

Der Mensch ist Teil einer kosmischen Ordnung, auf die er keinen Einfluss hat und die er richtig erkennen muss, wenn er in ihr bestehen will. Der Mensch hat die Freiheit, gegen diese Ordnung zu handeln, was ihm aber schaden würde.

Das Naturrecht ist der Versuch, die Erfordernisse dieser Ordnung bzw. die Existenzordnung und das sittliche Sollen zu beschreiben, das aus der Natur im Allgemeinen und aus der Natur des Menschen im Speziellen hervorgeht bzw. dort angelegt ist. Es beinhaltet die mit den Mitteln des Verstandes erkennbaren Erfordernisse seinsgemäßen Handelns, die sich aus dem Wesen der Dinge ergeben. Verantwortliches politisches Handeln stützt sich auf diese Erkenntnis.

Das Naturrecht trägt der objektiven, dem Einfluss des Menschen entzogenen Wirklichkeit Rechnung, der alles gelingende individuelle und gesellschaftliche Leben entsprechen muss, wenn es gelingen soll, während Verstöße gegen ihre Erfordernisse automatisch Schaden nach sich ziehen muss, ähnlich wie es bei Missachtung der Schwerkraft der Fall wäre. Je vollständiger die Erkenntnis und Umsetzung der Prinzipien des Naturrechts in einem Gemeinwesen ist, desto gerechter ist dieses.

Der katholische Rechtswissenschaftler Johannes Messner definierte das Naturrecht folgendermaßen:

Naturrecht ist Existenzordnung, Grundordnung des Existierens des Menschen als Mensch, im wahrsten und vollsten Sinn von ‚Existieren‘, die Ordnung, deren Forderungen ihm mit diesem Existieren in ihrem bestimmten Inhalt bewusst werden gemäß dem Prinzip, daß alle Erkenntnis durch die Erfahrung bedingt ist, auch die der Prinzipien der Rechtsvernunft als Teil der praktischen Vernunft. So erfasst, werden diese Forderungen von der voll entfalteten Vernunft in ihrer allgemeinen in sich gewissen Wahrheit und in ihrer allgemeinen verpflichtenden Geltung eingesehen.

Die Erkenntnis dieser Prinzipien ist mit den Mitteln der Beobachtung und des Verstandes möglich, weil sie aus der Natur des Menschen und der Dinge ergeben. Diese Prinzipien bzw. diese Ordnung werden daher auch als Naturrecht bezeichnet. Dieses wird vom Menschen nicht geschaffen oder beliebig konstruiert, sondern in einem Prozess ständiger Annäherung entdeckt.

Das Naturrecht beruht auf dem Gedanken, dass eine Handlung mit der Wirklichkeit überstimmen muss, um gut und richtig zu sein. Da es nur eine Wirklickeit gibt und ihr Wesen unveränderlich ist, gibt es nur eine Wahrheit, und sie gilt zu allen Zeiten. Das Naturrecht ist daher zeitlos gültig.

Die Prinzipien des Naturrechts sind universeller Natur und betreffen alle Menschen gleichermaßen. Mord und Raub können von allen Menschen als moralisch falsch erkannt werden, und auch die Definition dessen, was sie ausmacht, ist kulturübergreifend sehr ähnlich. Der Apostel Paulus schrieb im Römerbrief, dass dieses Gesetz dem Menschen „ins Herz geschrieben“ sei:

Denn wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur tun, was das Gesetz fordert, so sind sie, obwohl sie das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz. Sie beweisen damit, dass in ihr Herz geschrieben ist, was das Gesetz fordert, zumal ihr Gewissen es ihnen bezeugt, dazu auch die Gedanken, die einander anklagen oder auch entschuldigen.

Die Auseinandersetzung mit dem Naturrecht setzt nicht einen bestimmten Glauben voraus, weshalb diese Auseinandersetzung über die Religionen und Weltanschauungen hinweg eine mehrtausendjährige Tradition schaffen konnte. Die Vorstellung, dass der Mensch Teil einer unverfügbaren, nicht durch ihn geschaffenen Ordnung und ihren Forderungen unterworfen ist, ist dabei vermutlich so alt wie menschliche Kultur. Das älteste bekannte Zeugnis des Naturrechts ist der ca. 1.700 v. Chr. entstandene Codex Hammurabi.

Die klassische Philosophie Asiens hat mit den Konzepten des „Dao“ (China) und des „Dharma“ (Indien) Konzepte geschaffen, die ein aus Gott hervorgehendes moralisches Weltgesetz und eine universelle, unverfügbare moralische Ordnung beschreiben und dem Konzept des Naturrechts ähneln. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) definierte „Dao“ als „Ordnung des Himmels“ und „Dharma“ als „innere Gesetzlichkeit des seins und wies ausdrücklich auf die Parallelen zwischen diesen Konzepten und dem katholischen Naturrechtsdenken hin.4

Die christliche Naturrechtslehre geht auf das in den Zehn Geboten formulierte Gesetz Gottes für den Menschen zurück und wurde im Wesentlichen durch den hl. Thomas von Aquin entwickelt, der dabei auf auch Gedanken von Aristoteles zurückgriff.

Sie ist die Grundlage vieler kultureller Leistungen der abendländischen Zivilisation. Johannes Paul II. sagte, das Naturrecht gehöre „zum großen Erbe der menschlichen Weisheit, welche die göttliche Offenbarung mit ihrem Licht noch zusätzlich gereinigt und entfaltet hat“. So beruht etwa Vorstellung unveräußerlicher Menschenrechte auf der christlichen Naturrechtslehre, und der katholische Philosoph Jacques Maritain war maßgeblich an der Formulierung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte beteiligt.

Eine nach dem Naturrecht gestaltete politische Ordnung ist eine Ordnung, die Menschen dabei unterstützt, moralisch gut zu handeln. Das Naturrecht stellt dabei keinen Entwurf für staatliche Gesetzgebung dar, sondern beschreibt eine Ordnungsvorstellung, der die Gesetzgebung nicht widersprechen sollte, deren Ordnungsanspruch aber weit über das Handeln des Staates hinausgeht.

Die Bindung einer politischen Ordnung an das Naturrecht stellt die höchste Form der Gewaltenkontrolle dar, weil das Naturrecht davon ausgeht, dass es heilige, nicht relativierbare Güter des menschlichen Lebens gibt, die durch politische Entscheidungen unter keinen Umständen außer Kraft gesetzt oder verletzt werden dürfen. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland trägt dem durch die Aufnahme von Artikeln Rechnung, die auch mit absoluten Mehrheiten nicht aufgehoben oder geändert werden können.

Der katholische Philosoph Robert Spaemann schrieb, dass das „Natürliche ist auch moralisches Maß für die Beurteilung von Defekten“ sei. Homosexualität sei etwa als Defekt erkennbar, weil sie mit dem Verlust der Fähigkeit verbunden sei, auf der „die Fortexistenz der menschlichen Gattung beruht“. Wer „über die Dinge nicht verfügt, die zu einem normalen Überleben gehören“, habe ein „unvollständig ausgestattetes Wesen“. Dies ändere nichts daran, dass ein solcher Mensch „in vieler Hinsicht ein edler und guter Mensch sein“ könne.

3. Der christliche Konservatismus und Europa

Christlicher Konservatismus betrachtet Gott als höchsten Bezugspunkt seines Denkens und Handelns. Das Ziel des christlichen Konservatismus ist  der Dienst an Gott durch den Dienst am Nächsten und am Gemeinwohl.

Der christliche Konservatismus will das stärken, schützen und bewahren, wovon das Gemeinwohl abhängt und worauf es beruht.

  • Er versteht das Amt des Politikers als das eines Erben und Treuhänders, der Träger einer Tradition ist und das ihm übergebene Erbe wertvoller und stärker an die nach ihm kommende Generation zu übergeben hat.
  • Er versteht Kultur als das über viele Generationen hinweg vollzogene dynamische Wachstum einer Gemeinschaft von Menschen in Richtung der immer vollkommeneren Verwirklichung der christlichen Ideale und Vorstellungen des Wahren, Guten und Schönen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Er will entsprechende Werke schaffen, die zu erhalten es sich lohnt, und diesen Werken Dauer in der Welt verleihen.
  • Er geht dabei von der Annahme aus, dass eine unverfügbare Ordnung existiert, die der Mensch nicht verändern kann und der er zu entsprechen hat. Versuche zur Emanzipation von dieser Ordnung müssen aus christlich-konservativer Sicht grundsätzlich scheitern.

Der christliche Konservatismus strebt außerdem danach, in der Kultur den Geist zu bewahren, aus dem sie und alle ihren guten Werke gewachsen sind.5

Das Christentum hat dem gesamten abendländischen Kulturraum seine geistige Form aufgeprägt. Man kann diese Verbindung nicht auflösen, ohne diese Kulturen dabei zu zerstören.

Der christliche Konservatismus ist die Weltanschauung, die die Tradition der christlichen politischen Philosophie, die Europa geprägt hat, in der Zeit nach der französischen Revolution und dem Aufkommen der totalitären Bewegungen der Moderne fortgesetzt hat und sich dabei von Herausforderern und Gegnern wie Sozialismus und Liberalismus sowie den totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts abgrenzte.

Erzbischof Georg Gänswein betonte, dass es christliche Konservative wie Konrad Adenauer waren, denen es gelang, Deutschland nach dem durch die säkulare Ideologie des Nationalsozialismus herbeigeführten Zivilisationsbruch „wieder ganz neu im freiheitlichen Wertesystem der jüdisch-christlichen Geschichte des lateinisch-westlichen Abendlandes zu verankern.“

Männer wie Adenauer und andere christliche Konservative wie Robert Schumann und Alcide De Gasperi waren es, die den geistigen, kulturellen und politischen Wiederaufbau Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg prägten, die von modernen totalitären Ideologien angerichteten Zerstörungen behoben, den Kontinent nach zwei Kriegen wieder auf Grundlage des geteilten abendländischen Erbes vereinten und die Grundlagen für die bislang längste Friedensperiode in der Geschichte der Region schufen.

In Osteuropa wurden die Freiheitsbewegungen, welche die Befreiung von kommunistischer Herrschaft erkämpften, vor allem auch von christlich-konservativen Kräften getragen, zum Beispiel die Solidarnosc in Polen. Entscheidend war hier auch das Wirken der katholischen Kirche unter der Führung des hl. Johannes Paul II.

Eine Übersicht über die wichtigsten Denker des christlichen Konservatismus und ihr Werk haben wir hier zusammengestellt.