Stand: 17.08.2018

Das Streben nach der Verwirklichung eines guten und gerechten Gemeinwesens sowie nach den Voraussetzungen gelingenden gemeinschaftlichen Lebens stellt eine Konstante der christlich-abendländischen Kultur- und Geistesgeschichte dar. Die Verwirklichung des Wahren, Guten und Schönen im gesellschaftlichen Rahmen und die Arbeit an der Errichtung dessen, was der hl. Augustinus als die „Stadt Gottes“ bezeichnete, ist eine Aufgabe, an der das Christentum seit fast zweitausend Jahren arbeitet und dabei eine ständig weiter wachsende kulturelle Substanz geschaffen hat.

Christliches Denken hat dabei seit der Antike die besten Gedanken und Ansätze integriert, auf die es gestoßen ist, und diese zusammengeführt und weiterentwickelt, wobei es auch an seinen Fehlern gewachsen ist. Es stellt den am weitesten entwickelten Bestand an erprobtem und bewährtem Wissen über die Natur des Menschen und die Erfordernisse des am Gemeinwohl orientierten gesellschaftlichen Zusammenlebens von Menschen in der Geschichte der Menschheit dar. Festgehalten sind diese Erfahrungen in der christlichen Soziallehre und auf ihr aufbauenden Konzepten wie dem christlichen Konservatismus.

Die christliche Sozial- bzw. Gesellschaftslehre ist Bestandteil der christlichen Lehre vom Menschen und hat ihre Wurzeln um frühen Christentum. Sie umfasst die Summe der in den vergangenen Jahrtausenden gewonnen Erkenntnisse über Wesen und Ordnung der menschlichen Gesellschaft und die sich daraus ergebenden Normen und Ordnungsaufgaben in Hinblick auf die christliche Heilsordnung.1

1. Die christliche Soziallehre und Europa

Die christliche Soziallehre entstand auch als Antwort auf die Herausforderungen durch revolutionäre und totalitäre Strömungen sowie durch moderne Ideologien wie Liberalismus und Sozialismus.

Johannes Paul II. schrieb 2003 über die Soziallehre als Impuls für die Gestaltung Europas:

Beim Aufbau der menschenwürdigen Stadt muß der Soziallehre der Kirche eine inspirierende Rolle zuerkannt werden. […] Sie hat ihren Ursprung in der Begegnung zwischen der biblischen Botschaft mit der Vernunft auf der einen und den das Leben des Menschen und der Gesellschaft betreffenden Problemen und Situationen auf der anderen Seite. Durch die Gesamtheit der von ihr gebotenen Prinzipien trägt diese Lehre dazu bei, solide Grundlagen für ein menschengerechtes Zusammenleben in Gerechtigkeit, Wahrheit, Freiheit und Solidarität zu legen. […] In dieser Lehre finden sich die Anhaltspunkte, um die moralische Struktur der Freiheit verteidigen zu können und so die europäische Kultur und Gesellschaft sowohl vor der totalitären Utopie der ‚Gerechtigkeit ohne Freiheit‘ als auch vor der Utopie der ‚Freiheit ohne Wahrheit‘ , die mit einem falschen ‚Toleranz‘-Begriff einhergeht, zu bewahren; beide Utopien sind Vorboten von Irrtum und Schrecken für die Menschheit, wie die jüngste Geschichte Europas selbst leider beweist.

Laut Johannes Paul II. hätten die Herausforderungen, denen moderne Gesellschaften gegenüberstehen würden, kulturelle Ursachen, „das heißt Ursachen, die mit bestimmten Auffassungen vom Menschen, von der Gesellschaft und von der Welt zusammenhängn“. Ihre Lösung läge nicht darin, ein neues politisches Programm zu erfinden:

Das Programm liegt schon vor: Seit jeher besteht es, zusammengestellt vom Evangelium und von der lebendigen Tradition. Es findet letztlich in Christus selbst seine Mitte.

Die katholische Soziallehre betont, dass ein Gemeinwesen, das in Achtung der gottgesetzten Ordnung zur Blüte gelangt sei, ein „verwirklichter Gottesgedanke“ sei und zur „Ehre und Verherrlichung des Schöpfers“ beitrage. Es sei unbedingt schützenswert.2

Die christlichen Grundlagen europäischer Gemeinwesen anzuerkennen und zu teilen setzt keinen christlichen Glauben voraus, weil Erfahrung und Vernunft unabhängig vom Glauben den Wert dieser Impulse belegen und diese somit prinzipiell für alle Menschen nachvollziehbar machen können. Sie anzuerkennen und zu teilen ist daher auch Menschen anderer Religionen und weltanschaulicher Hintergründe möglich. Eine von christlichen Impulsen inspiriertes Gemeinwesen ist somit nicht nur ein Gemeinwesen für Christen oder eines, das die Glaubensfreiheit derer, die in ihm leben, nicht achten würde.

2. Der christliche Konservatismus und Europa

Der christliche Konservatismus versteht das Amt des Politikers als das eines Erben und Treuhänders, der Träger einer Tradition ist und das ihm übergebene Erbe nicht verbrauchen dürfe, sondern stärker, größer und besser an die nach ihm kommende Generation zu übergeben habe.

Dieser Konservatismus strebt danach Werke schaffen, die zu erhalten es sich lohnt, und diesen Dauer in der Welt zu verleihen. Er beruht auf das Annahme eines metaphysischen Zieles, auf das eine Kultur und eine Gesellschaft über viele Generationen hinwachsen, wobei jede Generation auf dem Werk früherer Generationen aufbaut.

Dieser Konservatismus strebt außerdem danach, in der Kultur den Geist zu bewahren, aus dem sie und ihre Werke gewachsen sind.3

Er ist die Weltanschauung, die die Tradition der christlichen politischen Philosophie, die Europa geprägt hat, in der Zeit nach der französischen Revolution und dem Aufkommen der totalitären Bewegungen der Moderne fortgesetzt hat und sich dabei auch von Herausforderern wie Sozialismus und Liberalismus abgrenzte.

Eine Übersicht über die wichtigsten Denker des christlichen Konservatismus und ihr Werk haben wir hier zusammengestellt.

Erzbischof Georg Gänswein betonte, dass es christliche Konservative wie Konrad Adenauer waren, denen es gelang, Deutschland nach dem durch die säkulare Ideologie des Nationalsozialismus herbeigeführten Zivilisationsbruch „wieder ganz neu im freiheitlichen Wertesystem der jüdisch-christlichen Geschichte des lateinisch-westlichen Abendlandes zu verankern.“

Es waren vor allem christliche Konservative unter der Führung von Männern wie Konrad Adenauer, Robert Schumann und Alcide De Gasperi, die den geistigen, kulturellen und politischen Wiederaufbau Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg prägten, die von modernen totalitären Ideologien angerichteten Zerstörungen behoben, den Kontinent nach zwei Kriegen wieder auf Grundlage des geteilten abendländischen Erbes vereinten und die Grundlagen für die bislang längste Friedensperiode in der Geschichte der Region schufen.

In Osteuropa wurden die Freiheitsbewegungen, welche die Befreiung von kommunistischer Herrschaft erkämpften, vor allem auch von christlich-konservativen Kräften getragen, zum Beispiel die Solidarnosc in Polen. Diese Oppositionskräfte stützten sich zudem auf die Unterstützung der katholischen Kirche unter Papst Johannes Paul II. und christlich-konservativer Politiker wie dem damaligen amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan ab.