Stand: 14.08.2018

Christliche Weltanschauung betrachtet Autorität, Hierarchie und Eliten als notwendig für die Sicherstellung des Gemeinwohls.

1. Die Notwendigkeit von Autorität

Die katholische Soziallehre betrachtet das Vorhandensein einer Autorität als notwendige Voraussetzung des gemeinschaftlichen Zusammenlebens von Menschen1. Sie habe die Aufgabe, die durch das Gemeinwohl gebotenen Aufgaben zu ergreifen und vorausplanend den Bestand des Gemeinwesens zu sichern.2

Die Grundlage von Autorität ist die Abhängigkeit des Menschen von Gott und der Grad der Übereinstimmung seines Handelns mit und der Nähe zum Heiligen sowie den Dingen, in denen es sich ausdrückt, etwa im Naturrecht. Autorität wird diesem Grad entsprechend anerkannt und muss nicht beansprucht werden.

Die Ausübung von Autorität ist dann legitim, wenn dies im Dienst am Gemeinwohl geschieht.3 Wo Autorität beansprucht oder ausgeübt wird, ohne dass der Ausübende sich an das Naturrecht gebunden sieht, besteht die Gefahr der Willkür und der Tyrannei.

2. Hierarchie und Gemeinwohl

Um wirksam und angemessen handeln zu können, muss Autorität sich zugleich auf bestimmte Fähigkeiten und Eigenschaften stützen, die jedoch ungleich verteilt sind. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit der Anerkennung dieser Unterschiede in Form einer Hierarchie, die im höheren Maß dieser Fähigkeiten und Eigenschaften einen höheren Rang anerkennt.

Eine funktionierende Gesellschaft braucht soziale und kulturelle Hierarchien, die zu einem Streben nach Leistung ermutigen und diejenigen ehren, die sich um das Gemeinwohl verdient machen. Die Gerechtigkeit erfordert es zudem, dass Menschen in einer Gesellschaft ihre Rolle im Gemeinwesen gemäß Eignung, Leistung und Befähigung einnehmen, und dass es diesbezüglich unterschiedliche Ränge gibt.

Christliche Weltanschauung bejaht die naturgegebene ungleiche Verteilung von Stärken und Fähigkeiten unter den Menschen und fordert ihre Anerkennung und Förderung im Sinne des Gemeinwohls. Wo jeder seine Rolle gemäß seiner Stärken einnimmt, gewinnen alle; und wo die entsprechende Ungleichheit bekämpft oder geleugnet wird, verlieren alle. Es ist nicht wünschenswert, wie von Gleichheitsideologien gefordert Hierarchien einzuebnen und Autorität grundsätzlich abzulehnen, weil dies die Grundlagen gesellschaftlichen und kulturellen Lebens zerstören würde.

Unterschiedliche Ränge in einer Hierarchie sind dabei als Grade unterschiedlich großer Pflichten zu verstehen, die mit steigendem Rang größer werden. In korrupten Hierarchien hingegen steigt mit dem Rang in erster Linie das Maß der individuellen Vorteile und Privilegien. Wer einen höheren Rang erhält und nun meint, dass er in einem geringeren Maße der Diener seines Nächsten wäre als zuvor, beweist dadurch seine Untauglichkeit.

Jegliche kulturelle Entwicklung setzt zudem einen Sinn für geistige Höhe und Qualität voraus, der das Höhere vom Niedrigeren unterscheidet. Dinge besitzen einen nicht durch den Menschen festgelegten unterschiedlichen Rang, was das ihnen innewohnende Wahre, Gute und Schöne angeht. Neben der Kultur beruht auch die Wissenschaft auf hierarchischen Unterscheidungen, etwa was den unterschiedlichen Wahrheitsgrad von Hypothesen angeht. Kultur und Wissenschaft wachsen und entwickeln sich durch das Streben zum Wahren, Guten und Schönen und nicht im Diskurs gleichwertiger Positionen. Entsprechende Werke werden in der Regel von wenigen hoch begabten Menschen geschaffen.

3. Die Notwendigkeit von Eliten

Daraus ergibt sich auch eine Notwendigkeit von Eliten, die daher vor der katholischen Soziallehre bejaht werden.

Jedes dauerhafte Gemeinwesen beruht auf einer dienenden Elite von Geistlichen, Gelehrten, Verwaltern und Beschützern, die seine Bindung an die transzendente Ordnung aufrechterhalten und schützen.

Papst Pius XI. beschrieb die katholische Soziallehre in seiner Enzyklika „Firmissimam constantiam“ 1937 als Schule der Elite im sozialen und politischen Leben.

Der Wirtschaftswissenschaftler Ludwig von Mises schrieb über die Notwendigkeit von Eliten:

Mankind would never have reached the present state of civilization without heroism and self-sacrifice on the part of an elite. Every step forward on the way toward an improvement of moral conditions has been an achievement of men who were ready to sacrifice their own well-being, their health, and their lives for the sake of a cause that they considered just and beneficial. They did what they considered their duty without bothering whether they themselves would not be victimized. These people did not work for the sake of reward, they served their cause unto death.4

Der amerikanische Publizist Paul Berman beschrieb 2018 den Verfall des Konservatismus in den USA und den Aufstieg des Populismus als Symptome kultureller Auflösung. Angesichts dieser Entwicklung erfordere die Aufrechterhaltung freiheitlicher Gesellschaften die Wiederherstellung eines traditionellen Staats- und Führungsethos und entsprechender Eliten.

  • Im Zuge kultureller, aber auch sozialer Auflösungserscheinungen hätten sich offenbar große Teile der Bevölkerung der USA von diesem Ethos abgewandt. Dieses habe von Inhabern politischer Führungsämter Eigenschaften wie Selbstkontrolle, Gravitas, Anstand, Professionalität und Vernunftorientierung gefordert. Das Gegenbild zu diesem Ethos sei der unkultivierte, emotionale, vulgäre Demagoge.
  • Frühere Präsidenten seien zum Teil schlechte Charaktere gewesen und hätten diesem Ethos innerlich keinesfalls immer entsprochen. Sie hätten dennoch versuchen müssen, diesem Ethos wenigstens in ihrer äußerlichen Haltung zu entsprechen, um als potenziell für ein Führungsamt geeignet betrachtet zu werden.

Die Aufrechterhaltung freiheitlicher Gesellschaften würde voraussetzen, dass deren politische Führungen das traditionelle Staats- und Führungsethos der westlich-europäischen Kultur innerlich wie äußerlich verkörperten. Dazu seien Maßnahmen der Elitenbildung erforderlich, die ein ausreichend starkes Potenzial an glaubwürdigem, im Sinne dieses Ethos geformtem Führungsnachwuchs hervorbringen müssten. Zudem seien Maßnahmen kultureller Erneuerung erforderlich, die vermitteln müssten, dass die Ablehnung des Elitären keine geeignete Antwort auf die Korrumpierung vorhandener Eliten sei.

Geistige Eliten als „kreative Minderheiten“

Der Kulturtheoretiker Arnold J. Toynbee bezeichnete diese Eliten als „kreative Minderheiten“. Religiöse Mystiker seien ein Beispiel für solche Eliten. Durch ihren Kontakt zum Transzendenten würden sie kulturstiftende Wirkung entfalten.

Der Soziologe Philip Rieff beschrieb in seinen kulturtheoretischen Schriften geistige und kulturelle Eliten ähnlich. Diese würden sich dadurch auszeichnen, dass sie in der Lage seien, die transzendente Ordnung des Kosmos und die auf der Grundlage ihrer Schauung geschaffenen Werke zu „lesen“ und daraus Impulse für die Gestaltung der sozialen Ordnung zu schaffen. Eine dauerhafte Kultur werde von einer Elite von Weisen geführt, die dazu in der Lage seien. Über ihnen stehe die noch kleinere Elite der „sacred messengers“, der Propheten und Mystiker, die unmittelbaren Zugang zum Transzendenten hätten.

Die Eigenschaften guter politischer Eliten

Oswald Spengler setzte sich intensiv mit der Frage auseinander, wie die politischen Eliten eines Gemeinwesens beschaffen sein müssen, um diesem historische Dauer und eine erfolgreiche Bewältigung innerer und äußerer Herausforderungen zu ermöglichen. Es sei der „Geist der Väter“, der dazu befähige, „römisch im Stolz des Dienens, in der Demut des Befehlens, nicht Rechte von andern, sondern Pflichten von sich selbst fordernd“ das „Erbe harter Jahrhunderte“ sowie „unser Heiligstes und Tiefstes“ fortzusetzen.5

  • Ein Gemeinwesen benötige die Führung durch eine „Auslese von Überlegenen“. Ein „leitender Typus […] der die schöpferischen Eigenschaften des Volkes im Hinblick auf seine geschichtliche Lage zusammenfasst und herausbildet“ sei notwendig, um ein Gemeinwesen am Leben erhalten oder zu erneuern. Die besseren Kräfte in  Adel, Kirche und Armee seien die Eliten gewesen, die in der Geschichte Europas ein Gemeinwesen auch in schweren Zeiten getragen und Herausforderungen standgehalten hätten. Die Leistungsfähigkeit von Armeen hänge vom „In Form sein“ des Offizierkorps ab. 6
  • Die Eliten eines Gemeinwesens müssten durch ein Pflichterfüllung, Opferbereitschaft und Disziplin betonendes Dienstethos ständig gegen in ihnen wirkende korruptive Tendenzen ankämpfen. Das antike Rom habe seine Stellung als Weltmacht auf „die alten Geschlechter“ gestützt, „in denen seit Jahrhunderten staatsmännische Begabung und sittliches Pflichtgefühl herangezüchtet worden waren“.7 Die „Höhe der Form, der Tradition, Zucht und Sitte, angeborene Überlegenheit der leitenden Geschlechter, Kreise, Persönlichkeiten des Lebens“ würden „das Schicksal des Ganzen“ bestimmen.8
  • Eliten müssten sich als Diener und ihr Leben als Dienst verstehen, so wie im von Spengler als vorbildlich erachteten preußischen Staat der „König ist nur der erste Diener seines Staates“ gewesen sei und das Leben seiner Eliten „seinen Sinn nur im Banne einer größeren Aufgabe“ gefunden habe. Gute Eliten würden „tiefe Verachtung des bloßen Reichseins, des Luxus, der Bequemlichkeit, des ‚Glücks‘“ zeigen.9
  • Ein positives Beispiel für dienende Eliten seien laut Spengler mittelalterliche Ritterorden, die Hierarchie der katholischen Kirche, der englische Kolonialdienst und das preußische Offizierkorps. Ihnen sei gemeinsam, dass sie „unerbittlich und ohne Rücksicht auf Geld und Abkunft nur die sittliche Haltung und die Bewährung in schwierigen Lagen gelten ließen“. Auch die die „alte, stolze, ehrenhafte und tapfere Herrenschicht der Samurai“ in Japan habe im weltgeschichtlichen Vergleich eine besonders herausragende Elite dargestellt.10
  • Eliten seien nur glaubwürdig, wenn sie über den Mut und die Entschlossenheit verfügten, „für etwas Jenseitiges zu sterben“. Sie seien jene, die vorangingen, „um als die ersten zu fallen“ und die damit den Wert und die Größe ihrer Vision bezeugen würden.11
  • Eine Elite müsse über den Willen verfügen, zu herrschen.
  • Das britische Empire sei am Verlust des Dienst- und Pflichtethos in seinen nachwachsenden Eliten nach dem Erstem Weltkrieg gescheitert. In dem, was „jeder junge Engländer aus guter Familie in Eton und Oxford“ empfinde, seien sozialistische Utopien sowie „Erotik als Sport und Sport als Beruf und Inhalt des Lebens“ an die Stelle des alten Ethos getreten.12

Elitenbildung

Elitenbildung sei laut Spengler ein Prozess, der Jahrzehnte dauere. Er setze zunächst die Schaffung von Institutionen und vorbildhaften „Typen“ voraus. Auf dieser Grundlage würde Elitenbildung dann „Gedanken in Menschen […] verwandeln“ und Traditionen schaffen, die durch eine Institution gepflegt und weitergegeben werden könnten.

Elitenbildung müsse dürfe auch in ruhigeren Zeiten nicht vernachlässigt werden, damit fähige Eliten in schweren Zeiten verfügbar wären.

Doktrinäre Versteinerung sei „die Gefahr des Ordensstaates in friedlichen Zeiten“. Es müssten Vorkehrungen getroffen werden, um Eliten und elitenbildende Institutionen innerlich jung und beweglich zu halten.13

  • Elitenbildende Institutionen müssten am Individuum und seinen Anlagen ansetzen und sie von einem jungen Alter an gezielt durch Vorbild, Beispiel, Unterweisung und Kritik entwickeln.
  • Betonung von Klugheit und Realismus und Konfrontation mit den Bedingungen des Ernstfalls
  • Eliten müssten in erster Linie in höchstem Maße fähig sein. Es komme nicht auf gute Absichten, sondern auf das Können an. Angehörige einer Elite müssten das Gebiet, auf dem sie tätig sind, beherrschen.14
  • Betonung persönlicher Verantwortung und Haftung
  • Vermittlung eines Standesgefühls, das nicht auf Herkunft oder Titeln, sondern auf der „Selbstverständlichkeit hervorragender Leistungen und gewissenhaftester Pflichterfüllung“ beruhe und einen „Stolz der Meisterleistungen“ und ein damit verbundenes Distanzgefühl.
  • Sparsamer Umgang mit Titeln, die nur abhängig von Leistung vergeben werden sollten
  • Feste Hierarchien sollten vermieden werden. Hierarchien sollten abhängig von individueller Leistung hohe Durchlässigkeit aufweisen. Herkunft, Alter und Stand dürften keine Hindernisse für einen Aufstieg in einer Hierarchie darstellen. Umgekehrt solle nicht nach Dienstalter befördert werden. Führung solle flexibel und nach Möglichkeit ohne feste Positionen gestaltet werden, sondern nach dem Auftragsprinzip bei Gewährung von Freiheiten bei der Durchführung des Auftrags. Führungspersonal solle sich für die jeweiligen Aufträge Teams aus geeigneten Personen anlassbezogen zusammenstellen. „Intelligente Disziplin“, geistige Selbstständigkeit und Entscheidungsfreiheit sollten in der Elitenschulung betont werden. Führungspersonal sollte sich untereinander flexibel durch mündliche Verständigung abstimmen und nicht über bürokratische Prozesse.
  • Leistungen seien durch die Übertragung größerer Aufgaben und Verantwortung (etwa durch Stellvertretungen) zu belohnen, durch die man  höheren Führungsebenen bekannt werde. Die Forderungen an Charakter, Intelligenz, Arbeitskraft und Entschlossenheit müssten mit dem Aufstieg in einer Hierarchie ständig zunehmen. Ständige Auslese sei zu praktizieren, die zu Beginn mehr auf Prüfung von Anlagen als der des Wissens beruhen solle. Talente sollten durch die Übertragung von Aufgaben frühzeitig erkannt werden. Für die Zeit der erfolgreichen Übertragung besonderer Aufgaben sollten Leistungszulagen gewährt werden. Wo jemand diesen Aufgaben nicht gerecht werde, solle er von diesen abgezogen werden und ggf. eine spätere Chance zu erneuter Bewährung erhalten.
  • Persönliche Vorteile dürften mit dem Dienst nicht oder nur in geringem Maße verbunden sein, damit er nicht diejenige anziehe, die vor allem danach suchen.
  • Förderung von Generalistentum durch Einsätze in verschiedenen Bereichen
  • Betonung von Haltung bzw. „Strammheit im Dienst“ und „Schneid“, körperlicher Kraft und Sekundärtugenden wie Sauberkeit und Pünktlichkeit
  • Entwicklung kultureller Strahlkraft und Vorbildwirkung durch einen auf Stärke und Leistung beruhenden „Glanz“15

4. Meritokratie und Gerechtigkeit

Rollen und Funktionen nach Faktoren wie Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe oder persönlichen Beziehungen zu verteilen und zu besetzen ist nach christlicher Vorstellung ungerecht. Ungerecht sind somit nicht nur Nepotismus und Rassenideologien, sondern auch solche Ideologien, die auf einem biologistischen Verständnis von  „Vielfalt“ beruhen, wenn sie Faktoren wie Geschlecht oder Herkunft zum Kriterium für die Einnahme einer Rolle oder Funktion machen.