Stand: 11.12.2018

Diese Seite enthält Beiträge für die Formulierung christlicher Impulse zur Bewältigung der strategischen Herausforderungen für Deutschland und Europa.

Das Streben nach der Verwirklichung eines guten, gerechten und dauerhaften Gemeinwesens stellt eine Konstante der christlich-abendländischen Kultur- und Geistesgeschichte der vergangenen zweieinhalbtausend Jahre dar. Christliche Soziallehre und christlicher Konservatismus knüpfen dabei nahtlos an die Philosophie der griechischen Antike und die Praxis römischer Staatsführung an, die seit der Antike in christliche Weltanschauung einflossen und von ihr weiter entwickelt wurden.

Daraus wurde über die Jahrhunderte eine kulturelle Substanz geschaffen, welche den am höchsten entwickelten Bestand an erprobtem und bewährtem Wissen über die Natur des Menschen und die Erfordernisse des am Gemeinwohl orientierten gesellschaftlichen Zusammenlebens von Menschen in der Geschichte der Menschheit darstellt.

Diese Substanz zählt zu den großen kulturellen Werken des Christentums. Man muß selbst kein Christ sein, um diese Kultur zu teilen und ihre Impulse anzunehmen, sowenig wie man Christ sein muß, um andere kulturelle Werke des Christentums wie die Musik Bachs oder die Architektur der gotischen Kathedralen zu schätzen.

1. Freiheitliche Gesellschaften brauchen christliche Impulse

Politische Ordnungen und Gemeinwesen beruhen auf kulturellen Grundlagen, die Grundfragen über die Natur des Menschen und der Gemeinschaft sowie ihre Ziele definieren. Die wichtigste kulturelle Grundlage der freiheitlichen Gesellschaften des europäischen Kulturraumes ist das Christentum. Diese Grundlage muß gepflegt, bewahrt und an kommende Generationen weitergeben werden, wenn diese Gesellschaften dauerhaft bestehen wollen. Dies zu leisten ist eine der Formen des schützenden und bewahrenden Dienstes des Christentums am Gemeinwesen und ein Beitrag zur kulturellen Nachhaltigkeit europäischer Gesellschaften.

1.1 Religion als Grundlage von Kultur und Gesellschaft

Eine Religion ist der Kern jeder Hochkultur und die Quelle der geistigen Werte und des Menschenbildes, auf dem sie beruht. Auch die nicht unmittelbar religiösen Bereiche einer Kultur und einer Gesellschaft sind davon vollständig durchdrungen. Kulturen, die sich von der Religion abwenden aus der sie her­­vorgingen, lösen sich daher auf und zerfallen. (Weiterlesen: Religion als Grundlage von Kultur und Gesellschaft)

1.2 Christliche Soziallehre, Naturrecht und christlicher Konservatismus als Impulse zur Gestaltung Europas

Das Streben nach der Verwirklichung eines guten und gerechten Gemeinwesens sowie die Suche nach den Voraussetzungen gelingenden gemeinschaftlichen Lebens stellt eine Konstante der christlich-abendländischen Kultur- und Geistesgeschichte dar. Christliches Denken hat dabei seit der Antike die besten Gedanken und Ansätze integriert, auf die es gestoßen ist und diese zusammengeführt und weiterentwickelt.

Es stellt den am weitesten entwickelten Bestand an erprobtem und bewährtem Wissen über die Natur des Menschen und die Erfordernisse des am Gemeinwohl orientierten gesellschaftlichen Zusammenlebens von Menschen in der Geschichte der Menschheit dar. Festgehalten sind diese Erfahrungen in der katholischen Soziallehre und auf ihr aufbauenden Konzepten wie dem christlichen Konservatismus.

Verantwortliches politisches Handeln beruht außerdem auf der Grundlage zeitlos gültiger Prinzipien des gemeinschaftlichen Lebens. Diese wiederum beruhen auf der Erkenntnis der universellen Ordnung der Welt, der Natur des Menschen und der in ihnen wesenshaft angelegten Ziele und Erfordernisse. Das Naturrecht ist die Wirklichkeit, der alles gelingende individuelle und gesellschaftliche Leben entsprechen muss, wenn es gelingen soll, während Verstöße gegen es automatisch Schaden nach sich ziehen müssen, ähnlich wie es bei Missachtung der Schwerkraft der Fall wäre. (Weiterlesen: Katholische Soziallehre, Naturrecht und christlicher Konservatismus als Impulse zur Gestaltung Europas)

2. Grundlagen christlicher Weltanschauung

Das Ordnungsdenken christlicher Weltanschauung beruht auf einer Reihe von Beobachtungen und Annahmen über die Natur des Menschen und der Welt. Christliche Weltanschauung geht dabei (anders als die meisten modernen Ideologien) von der Existenz von Absolutheiten aus, die nicht beliebig durch den Menschen konstruierbar oder interpretierbar sind. Sie strebt die Schaffung und Erhaltung einer Ordnung an, die es Menschen und Gesellschaften erreicht, die in ihnen angelegten Ziele zu erreichen und in ihnen wirkende korruptive Tendenzen unter Kontrolle zu halten.

2.1 Die unveräußerliche Würde des Menschen

Der Gedanke der unveräußerlichen Würde des Menschen beruht auf der christlichen Vorstellung seiner Gottesebenbildlichkeit, die ihn von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Alle Menschen sind nach christlicher Annahme ausnahmslos als Ebenbilder Gottes geschaffen worden und verfügen daher über eine unveräußerliche Würde. Ohne die Annahme der Gottesebenbildlichkeit ist die Annahme einer universellen und unveräußerlichen Menschenwürde nicht plausibel begründbar, weshalb diese von vielen modernen, materialistischen Ideologien bestritten wird, etwa in Bezug auf Angehörige bestimmter Gruppen von Menschen, aber auch in Bezug auf ungeborene Kinder. (Weiterlesen: Die unveräußerliche Würde des Menschen)

2.2 Die unvollkommene Natur des Menschen

Christliche Weltanschauung geht davon aus, dass der Mensch über eine von ihm selbst nicht überwindbare, begrenzte und unvollkommene Natur verfügt. Der Mensch verfüge zwar über Wille und Verstand, die jedoch korrumpierbar seien. Der Mensch sei zudem leicht zum Bösen verführbar, etwa über seine ungeordneten Leidenschaften und sein Streben nach Macht und Besitz. Christliche Weltanschauung lehnt daher politische Utopien, die von der Perfektionierbarkeit von Mensch und Gesellschaft ausgehen, ab. Sie sieht zudem eine Notwendigkeit zur Kontrolle von politischer Macht und ist skeptisch gegenüber der Herrschaft der Masse. Zudem sieht sie den Menschen als kulturbedürftiges Wesen an, wobei Kultur der Einhegung seiner Schwächen dienen solle. (Weiterlesen: Die unvollkommene Natur des Menschen)

2.3 Die Notwendigkeit staatlicher Ordnung

Christliche Weltanschauung betrachtet den Menschen als Gemeinschaftswesen. Der Staat ist die höchste Form politischer Gemeinschaft und notwendig, um vor dem Hintergrund der Natur des Menschen in ihr Ordnung und Recht zu bewahren sowie das Gemeinwohl zu fördern. (Weiterlesen: Die Notwendigkeit staatlicher Ordnung)

2.4 Die Notwendigkeit von Autorität, Hierarchie und Eliten

Christliche Weltanschauung betrachtet Autorität und Hierarchie sowie meritokratische, dem Dienst am Gemeinwohl verpflichtete Eliten als notwendig und bejaht diese. (Weiterlesen: Autorität, Hierarchie und Meritokratie in christlicher Weltanschauung)

2.5 Entwicklung durch Tradition

Der Traditionsgedanke beruht auf der Annahme einer überzeitlichen Ordnung, die als Standard dient, an der alle kulturellen Leistungen gemessen werden, sowie als Ziel, auf das eine Kultur sich in einem organischen Prozess hin entwickelt. Die Entwicklung einer Kultur auf der Grundlage des Traditionsprinzips stellt das ständige Streben danach dar, diesem Standard näherzukommen. (Weiterlesen: Der Traditionsgedanke als Grundlage gesellschaftlicher Entwicklung)

2.6 Die Notwendigkeit der Wachsamkeit

Christliche Weltanschauung rechnet grundsätzlich mit der Möglichkeit krisenhafter Verläufe des Weltgeschehens. Sie nimmt die Geschichte als Abfolge von Krisen wahr und geht davon aus, dass sich daran aufgrund der Natur des Menschen auch langfristig nichts ändern wird, und ist wachsam gegenüber den Kräften der Auflösung, die in der Welt und im Menschen wirken. Alle kulturelle Substanz wurde gegen den Widerstand der schlechteren Teile der menschlichen Natur aufgebaut und muss unablässig gegen die von ihnen ausgehenden Auflösungstendenzen behauptet werden. (Weiterlesen: Wachsamkeit gegenüber kulturellen Auflösungstendenzen)

3. Prinzipien christlichen Ordnungsdenkens

Ordnung ist der Zustand, in dem alle Dinge dem in ihrer Natur angelegten Ziel gemäß funktionieren.

Zu den Prinzipien des christlichen Ordnungsdenkens gehören die in der katholischen Soziallehre formulierten Prinzipien der Gemeinwohlorientierung, der Solidarität, der Subsidiarität und der Personalität. Oswald von Nell-Breuning bezeichnete sie als „Baugesetze der Gesellschaft“.

Sie beruhen auf der Beobachtung der Natur des Menschen und des Wesens gelingender menschlicher Gemeinschaften und sind wie das Naturrecht in der Seinsordnung angelegt.

Gleichzeitig stellen diese Prinzipien staatsethische Norm- bzw. Sollensprinzipien dar, die als geeignete Leitlinien für die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens angesehen werden. Sie sind dabei nicht isoliert voneinander zu betrachten, sondern ergänzen einander.

3.1 Politik als Dienst am Gemeinwohl

Christliche Weltanschauung beruht auf dem Dienstgedanken, der Ausdruck der Forderung zur Nächstenliebe ist. Dieser Gedanke hat das gesamte abendländische Erbe geprägt, das darauf beruht, die Schwachen zu schützen und die unvollkommene Welt im Rahmen des Möglichen menschlicher zu gestalten. In diesem Zusammenhang soll politisches Handeln nach christlicher Vorstellung stets den Dienst am Gemeinwohl zum Ziel haben. (Weiterlesen: Politik als Dienst am Gemeinwohl)

3.2 Das Solidaritätsprinzip: Politik als Handeln im Sinne des Ganzen

Das Solidaritätsprinzip fordert von Staat und Regierung sowie von allen Teilen eines Gemeinwesens, im Sinne des Ganzen sowie im Interesse kommender Generationen zu denken und zu handeln. Zudem fordert das Solidaritätsprinzip, Bindungen innerhalb des Gemeinwesens zu pflegen und zu stärken. (Weiterlesen: Das Solidaritätsprinzip: Politik als Handeln im Sinne des Ganzen)

3.3 Das Subsidiaritätsprinzip

Das Subsidiaritätsprinzip ist eine der Grundlagen der katholischen Soziallehre und bestimmt das richtige Verhältnis zwischen sozialen Einheiten. Es sieht vor, dass gesellschaftliche Aufgaben von der kleinsten Einheit oder auf der niedrigsten Organisationsebene durchgeführt oder gelöst werden sollen, die dazu in der Lage ist. Das Subsidiaritätsprinzip beruht auf der Anerkennung der Natur des Menschen und der Eingebundenheit des Menschen in natürliche Gemeinschaften, vor allem in die Familie. (Weiterlesen: Das Subsidiaritätsprinzip)

3.4 Das Personalitätsprinzip

Das Personalitätsprinzip der katholischen Soziallehre fordert von politischem Handeln, die Natur des Menschen zu berücksichtigen. Zu dieser Natur gehört seine Eingebundenheit in natürliche Bindungen, etwa in die von Familie und Nation, seine Identität als Mann oder Frau oder auch seine Angewiesenheit auf Gemeinschaft. (Weiterlesen: Das Personalitätsprinzip)

4. Elemente politischer Ordnung

Christliche Weltanschauung ist nicht auf ein bestimmtes politisches Programm oder ein politisches System festgelegt. Der christliche Konservatismus hat auf der Grundlage christlicher Weltanschauung jedoch Impulse zur Gestaltung der politischen Ordnung entwickelt, die er auf der Grundlage von Erfahrung und Beobachtung ständig weiterentwickelt.

4.1 Die Republik als Staatsform

Die katholische Soziallehre erkennt jede Staatsform an, die dem Gemeinwohl dient (KKK 1922). Christliche Weltanschauung hat auf der Grundlage antiker Impulse die Republik als Staatsform entwickelt, welche in Bezug auf die Sicherstellung des Gemeinwohls die jeweiligen Stärken von Demokratie, Aristokratie und Monarchie kombinieren und ihre Schwächen ausgleichen sollte. Staaten wie die Bundesrepublik Deutschland oder die USA sind aus der Sicht der Staatslehre keine reinförmigen Demokratien, sondern Republiken, in denen auch den Entscheidungen von Mehrheiten Grenzen auferlegt sind.

4.2 Ehe und Familie als Grundlagen der Gesellschaft

Dietrich Bonhoeffer bezeichnete die Ehe als „Gottes heilige Stiftung, durch die er die Menschen bis ans Ende der Tage erhalten will.“

4.3 Unterscheidung von Kirche und Staat

Das Konzept der Unterscheidung von Kirche und Staat hat sich auf Grundlage christlichen Denkens seit dem Mittelalter in Europa herausgebildet, wobei Kirche und Staat in der abendländischen Tradition niemals eine Einheit gebildet haben. Das Konzept beruht auf dem Selbstverständnis der Kirche als Organisation, die ihren Auftrag in der Verkündigung des Glaubens und Dienst am Nächsten sieht. Christliche Weltanschauung weist darauf hin, dass ein Staat die kulturellen Grundlagen, auf denen er beruht, nicht selbst erzeugen kann. Christen haben in diesem Zusammenhang den Auftrag, auf allen Gebieten menschlichen Lebens dienend zu wirken, darunter auch in Staat und Politik. (Weiterlesen: Die Unterscheidung von Kirche und Staat)

4.4 Religionsfreiheit

Das Prinzip der Religionsfreiheit ist eng mit dem Prinzip der Unterscheidung von Kirche und Staat verbunden. Die Religionsfreiheit schützt die Kirche und die Gläubigen vor staatlichen Eingriffen in Fragen des Glaubens und der Religion. Die Vorstellung, dass Staaten religiöse Fragen beantworten und Glaubensinhalte definieren sollten, ist ein Wesensmerkmal totalitärer Ideologien. Gleichzeitig schützt die Religionsfreiheit die Bürger eines Staates vor Versuchen, den Staat unter Verletzung des christlichen Ideals der Gewissensfreiheit zur Durchsetzung eines religiösen Bekenntnisses zu instrumentalisieren. Laizistische Konzepte, die Religion aus dem öffentlichen Leben verdrängen wollen, stehen im Widerspruch zur Religionsfreiheit. (Weiterlesen: Die Religionsfreiheit)

4.5 Rechtsstaatlichkeit

Das Konzept des Rechtsstaates beruht auf dem skeptischen Menschenbild des Christentums und der Vorstellung einer unverfügbaren moralischen Ordnung bzw. der Naturrechtslehre. Der Rechtsstaat soll die Entscheidungen von Politik und Verwaltung an entsprechende Regeln binden und dadurch so weit wie möglich potentieller Willkür entziehen, die sowohl von Regierungen als auch von Mehrheiten ausgehen kann. Er soll somit den Schwächen des Menschen entgegenwirken. Der Rechtsstaat ist somit Teil der Kontrolle politischer Macht. (Weiterlesen: Der Rechtsstaat)

4.6 Sicherheit

Sicherheit ist ein zentraler Bestandteil des Gemeinwohls, wie im Katechismus der Katholischen Kirche betont wird.

4.7 Der Schutz der Schwachen

Christliche Ansätze verstehen soziale Nöte nicht nur materiell, sondern umfassend, und betrachten Menschen in Notlagen nicht nur als passive Versorgungsempfänger. Sie können daher auch auf die geistigen und kulturellen Nöte eingehen, die meist hinter materiellen Notlagen stehen. Dadurch können diese Ansätze tatsächlich Hilfe leisten und nicht nur Symptome überdecken.

Dem Subsidiaritätsprinzip der christlichen Soziallehre gemäß können Familien und freiwillige Zusammenschlüsse von Bürgern können soziale Aufgaben besser leisten als es staatliche Behörden und Sozialsysteme können. Diese leisten meist keine wirkliche Hilfe, sondern erzeugen dauerhafte Abhängigkeiten.

Ein Sozialstaat, der Menschen dauerhaft abhängig macht, destruktives Verhalten subventioniert und dadurch unterstützt und Familien untergräbt, entspricht nicht den Anforderungen der katholischen Soziallehre.

In den Psalmen wird dieses Ideal ausgedrückt

Denn er rettet den Gebeugten, der um Hilfe schreit, den Armen und den, der keinen Helfer hat. Er erbarmt sich des Gebeugten und Schwachen, er rettet das Leben der Armen. Von Unterdrückung und Gewalttat befreit er sie, ihr Blut ist in seinen Augen kostbar.1

4.8 Der Schutz des Privateigentums

Privateigentum ist Ausdruck des Auftrag des Menschen, Verwalter der Welt zu sein. Es schafft eine Sphäre, in der Menschen unabhängig vom Staat agieren können. Es schafft zudem Anreize für einen verantwortlichen Umgang mit Gütern sowie Anreize zur Arbeit und zur Schaffung von Gütern. Wo Eigentum jedoch nicht als etwas betrachtet wird, das höheren Dingen dient, kann das Streben danach den Menschen korrumpieren, so wie auch das Streben nach Macht als Selbstzweck den Menschen korrumpieren kann.