Stand: 17.08.2018

Politische Ordnungen und Gemeinwesen beruhen auf kulturellen Grundlagen, die Grundfragen über die Natur des Menschen und der Gemeinschaft sowie ihre Ziele definieren. Die wichtigste kulturelle Grundlage der freiheitlichen Gesellschaften des europäischen Kulturraumes ist das Christentum. Diese Grundlage muß gepflegt, bewahrt und an kommende Generationen weitergeben werden, wenn diese Gesellschaften dauerhaft bestehen wollen. Dies zu leisten ist eine der Formen des schützenden und bewahrenden Dienstes des Christentums am Gemeinwesen und ein Beitrag zur kulturellen Nachhaltigkeit europäischer Gesellschaften.

1. Glaube und Religion sind die Grundlagen von Kultur

Jede Kultur beruht auf Letzbedingtheiten bzw. auf einer bestimmten Vorstellung von kosmischer Ordnung und der metaphysischen Beschaffenheit der Welt. Diese Vorstellungen gehen jeweils aus einer bestimmten Religion hervor, weshalb Religion und Kultur untrennbar miteinander verbunden sind.

Eine Religion ist der Kern jeder Hochkultur und die Quelle der geistigen Werte und des Menschenbildes, auf dem sie beruht.1 Die kulturelle Identität einer Gesellschaft wird definiert durch ihr spezifisches Verhältnis zum Transzendenten. Auch die nicht unmittelbar religiösen Bereiche einer Kultur und einer Gesellschaft sind davon vollständig durchdrungen. Kulturen, die sich von der Religion abwenden aus der sie her­­vorgingen, lösen sich daher auf und zerfallen.

Kultur ist das Ergebnis des Strebens nach der Wirklichung des Wahren, Guten und Schönen. Dessen Maßstab ist nicht in einem wissenschaftlichen Prozess konstruierbar oder herleitbar, sondern beruht auf einer Vorstellung des Absoluten bzw. einer Vorstellung von Gott und einer transzendenten Ordnung. Was in einer Kultur unter „Familie“, „Menschenrechten“ oder „Bildung“ verstanden wird, hängt wesentlich vom Welt- und Menschenbild dieser Kultur ab. Der Geist einer Religion ist das ordnende Prinzip einer Kultur sowie das transzendente Ziel, dem sie entgegenwächst.

Dieser kulturtheoretischen Annahme zufolge ist Kultur der dynamische Versuch, eine im Transzendenten verortete Vorstellung heiliger Ordnung in soziale Ordnung und entsprechende Werke umzusetzen. Nur Religionen könnten demnach den geistigen Referenzrahmen hervorbringen, aus dem höhere Kultur geschaffen wird und auf dessen Ziele sie hinwächst. Die Abwendung von der Religion bzw. der ihr zugrundeliegenden Vorstellung des Transzendenten entziehe einer Kultur die Grundlage und führe zu ihrer Auflösung. Es gebe zudem keine einzige nachweisbare Hochkultur, die als Zweckgemeinschaft oder aus materiellen Nutzenerwägungen heraus entstanden sei. Zudem sei keine dauerhafte multikulturelle oder multireligiöse Gesellschaft möglich, da solche Gesellschaften nicht über eine religiöse Mitte verfügen und somit zerfallen müssten.

T.S. Eliot zufolge sei Kultur die „fleischgewordene Religion eines Volkes“ bzw. „gelebte Religion“. Kultur und Religion seien „verschiedene Aspekte derselben Sache“:

No culture has appeared or developed except together with a religion: according to the point of view of the observer the culture will appear to be the product of the religion, or the religion the product of the culture.2

Politische Ordnungen und Gemeinwesen beruhen auf kulturellen Grundlagen, die Grundfragen über die Natur des Menschen und der Gemeinschaft sowie ihre Ziele definieren. Jedes Gemeinwesen beruht auf einer geteilten Geschichte und Tradition, einer gemeinsamen Vision und gemeinsamen Werten.

Religionen sind die Stifter dieser kulturellen Grundlagen.  Jede Kultur beruht auf metaphysischen, axiomatischen Annahmen über die Wirklichkeit, die eine religiöse Grundlage benötigen. In einem Gemeinwesen, das sich nicht wie eine Familie oder ein Stamm durch gemeinsame Abstammung definiert, kann außerdem nur eine von hinreichend vielen Menschen geteilte Vorstellung darüber, was alle Menschen verbindet und über ihnen steht, diese Menschen zu einem Gemeinwesen einen und die zu seiner Aufrechterhaltung stehenden Bindungen schaffen.

Dem Historiker Christopher Dawson zufolge seien die Faktoren, die historisches Geschehen, vor allem geistiger Natur. Die wesentliche Triebkraft der Geschichte seien unterschiedliche Annahmen darüber, was Menschen für wahr, gut und schön hielten. Für die Geschichte Europas seien die Reisen des Paulus und die von ihm dabei verbreiteten Ideen langfristig von wesentlich größerer Bedeutung gewesen als die politischen oder wirtschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit.

Der Religionswissenschaftler Mircea Eliade wies darauf hin, dass so gut wie alle kulturelle Aktivität als religiöse Aktivität begann. Die ältesten bekannten kulturellen Werke der Menschheitsgeschichte hätten sehr wahrscheinlich einen religiösen Bezug, etwa Höhlenmalereien oder Skulpturen.

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) definierte Kultur als „die geschichtlich gewachsene gemeinschaftliche Ausdrucksgestalt der das Leben einer Gemeinschaft prägenden Erkenntnisse und Wertungen.“ Kultur sei Ausdruck eines bestimmten Ansatze, die Welt und die menschliche Existenz zu verstehen und daraus praktische Schlußfolgerungen für die Gestaltung des invididuellen und gemeinschaftlichen Lebens zu ziehen.

  • Dem gehe die Frage nach Gott oder dem Göttlichen voraus, und „der Kern der großen Kulturen ist es, daß sie Welt interpretieren, indem sie die Beziehung zum Göttlichen ordnen“, weshalb Kultur „in ihrem Kern Öffnung der Tür zum Göttlichen“ sei.
  • Kultur gründe sich somit letztlich auf Weisheit, die Gott oder dem Göttlichen nahesteht, also auf Offenbarung und ähnliche Mitteilung vom Göttlichen her, die Berührung mit dem Grund aller Dinge hatte.
  • Glaube stifte Kultur, indem dem Menschen eine Antwort auf die Frage gibt, was seine Rolle im Kosmos sei.3
  • Institutionen würden auf gemeinsamen sittlichen Überzeugungen beruhen, die nur eine Religion erzeugen könne.4

Romano Guardini wies auf die Besonderheit des Kulturbegriffs im Deutschen hin. Dem Deutschen sei „Kultur Dienst an letzten Dingen“. Der deutsche Kulturbegriff betone den „metaphysisch-kosmischen Charakter“ der Kultur.5

Der hl. Johannes Paul II. erklärte:

Im Mittelpunkt jeder Kultur steht die Haltung, die der Mensch dem größten Geheimnis gegenüber einnimmt: dem Geheimnis Gottes. Die Kulturen der einzelnen Nationen sind im Grunde nur verschiedene Weisen, sich der Frage nach dem Sinn der eigenen Existenz zu stellen; wird diese Frage ausgeklammert, entarten die Kultur und die Moral der Völker. Deshalb hat sich der Kampf für die Verteidigung der Rechte der Arbeit spontan mit dem Kampf für die Kultur und die Rechte der Nation verbunden.6

Der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt (1818-1897) beschrieb die Religion in seinem Werk „Weltgeschichtliche Betrachtungen“ als wesentlichen Treiber des historischen Geschehens, weil andere Treiber wie die Kultur und der Staat von ihr abhängig seien:

Hohe Ansprüche haben die Religionen auf die Mutterschaft über die Kulturen, ja die Religion ist eine Vorbedingung jeder Kultur, die den Namen verdient, und kann sogar geradezu mit der einzig vorhandenen Kultur zusammenfallen. […] Eine mächtige Religion entfaltet sich in alle Dinge des Lebens hinein und färbt auf jede Regung des Geistes, auf jedes Element Kultur ab. […] Jede Religion würde, wenn man sie rein machen ließe, Staat und Kultur völlig dienstbar, d. h. zu lauter Außenwerken ihrer selbst machen und die ganze Gesellschaft von sich aus neu bilden.

Isaiah Berlin schrieb:

People can’t develop unless they belong to a culture. Even if they rebel against it and transform it entirely, they still belong to a stream of tradition. New streams can be created — in the West, by Christianity, or Luther, or the Renaissance, or the Romantic movement — but in the end they derive from a single river, an underlying central tradition, which, sometimes, in radically altered forms, survives.

Religionen würden „heiliges Recht“ und die Voraussetzungen dafür schaffen, dass „große Zwecke erreicht werden […] und daß die ganze Nation darin ihren Ausdruck, ihr Pathos und ihren Stolz gegenüber anderen Völkern zu finden vermag.“ Religiös inspirierte Völker seien „wirklich für etwas dagewesen und haben eine mächtige Spur zurückgelassen“.

Europa stehe möglicherweise vor einer „großen religiösen Krisis“ und somit auch vor einer Krise seiner historischen Existenz, da der „moderne Geist“ die „Deutung des ganzen hohen Lebensrätsels unabhängig vom Christentum“ versuche. Es gebe jedoch keine historischen Beispiele für das Überleben einer Kultur, die sich von der sie begründenden Religion gelöst habe.

Dem Historiker Christopher Dawson zufolge seien die Weltreligionen „große Ströme geheiligter Überlieferung, die durch die Zeiten und durch wechselnde historische Landschaften, die sie bewässern und fruchtbar machen, dahinziehen.“

Der Psychologe Jordan Peterson beschrieb in seiner Vorlesungsreihe „Maps of Meaning“, dass eine Vorstellung von Gott der ordnende Geist sei, aus dem eine Kultur wachse und durch den sie geformt werde. Der in vielen Kulturen zu findende Kampfmythos, der einen kosmischen Kampf zwischen Gott und dem Chaos beschreibe, drücke dies aus.  Die Kultur sei Ausdruck und Träger des Kampfes des Menschen gegen die Kräfte des Chaos.

  • Jede Hochkultur habe ihre Wurzeln im Transzendenten bzw. in einer spezifischen Vorstellung von Gott. Religionen seien die metaphysische Quelle der transzendenten Werte, welche die Entwicklung einer Kultur antrieben. Religion beantworte außerdem die Frage nach der Rolle des Menschen in der Welt und formuliere den Auftrag, den eine Kultur auszuführen versuche.
  • Die westlich-europäische Kultur sei auf der Grundlage eines bestimmten Gottesbildes entstanden, das mit einem spezifischen Welt- und Menschenbild verbunden sei, die zusammen eine bestimmte Vorstellung des Wahren, Guten und Schönen hervorgebracht hätten. Die damit verbundenen Standards und Ziele seien die Treiber jeglicher kultureller Entwicklung gewesen.
  • Die westlich-europäische Kultur sei in Folge von Versuchen zur Trennung von ihren religiösen Wurzeln in Gefahr, da jede Kultur auf einer intakten Bindung an ihren transzendenten Kern beruhe und sterbe, wenn diese Bindung zerstört werde.

Ein dauerhaftes Gemeinwesen kann nicht auf der Vorstellung eines Gesellschaftsvertrages und dem Streben nach Eigennutz beruhen, wie einige moderne Ideologien meinen. Spätestens in schwierigen Zeiten hat ein Gemeinwesen nur dann Bestand, wenn es Menschen gibt die sich auch dann für es einsetzen und dem Gemeinwohl dienen, wenn dies mit Opfern verbunden ist. Nur eine starke religiöse Grundlage ist jedoch zuverlässig dazu in der Lage, Menschen zu diesem Dienst ohne persönlichen Vorteil zu motivieren.

Der Physiker Werner Heisenberg schrieb über die kulturbegründete Rolle des Christentum für Europa:

Unser ganzes kulturelles Leben, unser Handeln, Denken und Fühlen wurzelt in der geistigen Substanz des Abendlandes, also in dem geistigen Wesen, das in der Antike begonnen hat, […] das dann im Christentum mit der Bildung der Kirche seine große Wendung erfahren und schließlich beim Ausgang des Mittelalters  in einer großartigen Vereinigung von christlicher Frömmigkeit mit der geistigen Freiheit der Antike die Welt als die Welt Gottes ergriffen und umgestaltet hat.7

Oswald Spengler zufolge sei der „Mensch nicht Schöpfer sondern Schöpfung der Kultur“, in der ein „unveränderliches Ethos“ wirke: „Eine Idee ruht in der Tiefe jeder Kultur […].“8 In der christlichen Kultur Europas sah er einen „gotischen Geist“ wirken, der ins Unendliche strebe und sich „sich in den Gestalten der großen Kaiser und Päpste, den Kreuzzügen, den Dombauten, dem Rittertum und den Mönchsorden entlud“.9

Was ist Kultur?

Kultur ist der niemals abgeschlossene dynamische Prozess, die Erfordernisse transzendenter Ordnung in Form einer sozialen Ordnung und anderer Werke umzusetzen. Sie ist zudem ein System von Bedeutungszusammenhängen und Bewertungen, das Aussagen darüber ermöglicht, was als Gut, Wahr und Schön gilt und was nicht.

Da transzendente Ordnung durch den unvollkommenen Menschen niemals vollkommen erkannt und die sich aus ihr ergebenden Erfordernisse niemals vollkommen umgesetzt werden könnten, ist jede Kultur notwendigerweise unvollkommen.

Eine Kultur sollte nicht mit der ewigen, unveränderlichen und heiligen transzendenten Ordnung verwechselt werden, die sie zu interpretieren versucht. Eine Sakralisierung der Kultur wäre ebenso falsch wie ein Ansatz, den Auftrag zur Bewahrung der Kultur als einen Auftrag zu ihrer Fossilisierung missversteht.

Die Bedeutung der Religion als Kulturkern in den Büchern der Bibel

Jesus Christus sagte den Jüngern:

Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt. […] Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen.10

Wer nicht mit ihm sammele, der zerstreue.11

Im Buch Jesaja ist eine Warnung Gottes an das von ihm abgefallene Volk Israel enthalten. In Folge seiner Zurückweisung Gottes sei es „am Ende“. Es sei „wie eine Eiche, deren Blätter verwelken, und wie ein Garten, der kein Wasser hat“. Die Stärke seiner Eliten schwinde und werde „zum zündenden Funken“, der sie verbrennen lasse, „und keiner ist da, der löscht.“12

2. Kultur ist die Grundlage der Gesellschaft

Jedes Gemeinwesen beruht auf vorpolitischen kulturellen und somit letztlich religiösen Voraussetzungen. Die scheinbar säkularen politischen Ordnungen des Europas der Gegenwart beinhalten u.a. das Verbot von Sklaverei, Euthanasie, Pädophilie und bis vor kurzem auch das Verbot der Abtreibung. Alle diese Dinge waren in der Antike zulässig und sie wurden nur aufgrund der durch das Christentum geschaffenen Kultur verboten.

Der Soziologe Robert Putnam bezeichnete die kulturellen Grundlagen eines Gemeinwesens als „soziales Kapital“. Dieses bestehe aus gemeinsamen Werten und Verhaltensweisen, die zu gegenseitigem Vertrauen führten und das Funktionieren eines Gemeinwesens ermögliche.

Das politische Leben ist nach christlicher Weltanschauung vor allem Ausdruck der geistig-kulturellen Verhältnisse in einer Gesellschaft. Wo diese Verhältnisse defekt sind, könnte auch die beste Politik und Gesetzgebung dies nicht korrigieren. Gesellschaftliche Probleme haben meist kulturelle Ursachen und sind die Folge falscher oder mangelhafter Vorstellungen über die Natur des Menschen sowie mangelhafte Praktiken, was gute und richtige Lebensführung angeht.

In jeder Gesellschaft ist es daher ein Auftrag für Christen, Räume intakten Lebens zu bilden, die auf ihr Umfeld ausstrahlen.

Christliche Weltanschauung geht zudem davon aus, dass bei der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens sowie zur Erklärung gesellschaftlicher Entwicklungen und Phänomene geistige Faktoren wichtiger sind als materielle Faktoren.

Versuche moderner Ideologien, das Verhalten von Menschen und gesellschaftliche Entwicklungen in erster Linie oder ausschließlich materiell zu erklären (etwa mit ökonomischen oder biologischen Faktoren), griffen zu kurz.  Eine Gesellschaft, die den Menschen nur als materielles Wesen und als Träger materieller Bedürfnisse betrachtet, kann dem Menschen nicht gerecht werden. Ebenso würden jedoch Ansätze zu kurz greifen, welche die materiellen Aspekte der Wirklichkeit ausblenden, etwa die biologische Identität des Menschen als Mann und Frau.

Die Unmöglichkeit dauerhafter multikultureller Gesellschaften

Da jede Religion über eine spezifische Vorstellung transzendenter Ordung verfügt, aus der spezifische Vorstellungen von sozialer Ordnung hervorgehen, ist eine dauerhafte multikulturelle bzw. multireligiöse Gesellschaft unmöglich.

Unterschiedliche Religionen können nur miteinander konkurrierende Vorstellungen von sozialer Ordnung hervorbringen. Es gibt außerdem keine religiös neutrale übergeordnete Kultur, auf deren Grundlage sich eine solche Gesellschaft organsieren könnte. Moderne Ideologien, die behaupten eine solche Kultur begründen zu können, sind religiös nicht neutral, sondern antireligiös bzw. nehmen die Rolle einer Ersatzreligion ein.

3. Freiheitliche Gesellschaften können ihre kulturellen Grundlagen nicht selbst erzeugen

Der katholische Rechtsphilosoph und ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht Ernst-Wolfgang Böckenförde hatte in seinem Böckenförde-Diktum darauf hingewiesen, dass der freiheitliche Staat auf kulturellen Grundlagen beruhe, die er selbst nicht erzeugen oder regenerieren könne:

Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. […] Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.

Christliche Weltanschauung betont, dass ein Gemeinwesen nicht in erster Linie durch das Handeln des Staates entsteht und geformt wird, sondern auf der Grundlage seiner Kultur entsteht. Die Aufrechterhaltung eines Staates und einer politischen Ordnung kann durch Institutionen und Gesetze alleine nicht gewährleistet werden. Sie beruht auf dem Dienst von sie tragenden kulturellen Kräften. Insbesondere der Ordnungsrahmen einer freiheitlichen Gesellschaft funktioniert nur mit dem kulturellen Einverständnis seiner Bürger und kann sich nicht auf staatliche Machtmittel oder Gesetze alleine stützen.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) betonte, dass Institutionen auf gemeinsamen sittlichen Überzeugungen beruhen, die nur eine Religion erzeugen könne.13

Da ein Gemeinwesen auf einer geteilten Kultur beruht und jede Kultur auf einer Religion beruht, ist der Schutz der religiösen Bindung der Kultur ein wichtiger Dienst am Gemeinwesen. Ein Gemeinwesen oder eine Ordnung, die blind gegenüber ihren religiösen Vorausetzungen ist oder sich ihnen gegenüber für neutral erklärt, trägt einen fatalen Defekt in sich.

Der Soziologe Robert Putnam prägte den Begriff des „sozialen Kapitals“. Dies seien die geteilten Werte, die Kooperation in einer Gesellschaft ermöglichten. Solche Werte benötigen jedoch eine metaphysische Grundlage, weshalb nur Religionen solche Werte stiften und aufrechterhalten können.

4. Die Kulturen Europas beruhen auf einer christlichen Grundlage

Im Mittelalter legten christliche Mönche durch die Auswertung und Aufnahme des antiken Erbes die Grundlage für die späteren kulturellen Leistungen Europas. Pius X. betonte in diesem Zusammenhang, dass das Christentum „die positiven Elemente der alten heidnischen Kulturen“ in sich aufgenommen und „bewahrt und vervollkommnet“ habe. Die dafür notwendige Offenheit verdankt es der Überzeugung, dass Gott für die Gläubigen „alles zum Guten führt“ (Röm 8,28) und das Christen alles prüfen und das Gute behalten sollen.

Das frühe Christentum verfügte noch nicht über eine eigene Kultur, sondern musste diese erst schaffen. Die frühen Christen begannen damit, indem sie in ihrem Umfeld nach wertvollen Dingen suchten, sie auf Gott hinordneten und in die Kultur des Christentums integrierten.

Über Jahrhunderte prägte zum Beispiel der Gedanke der Nächstenliebe bzw. des Dienstes am Nächsten die Entwicklung der Kulturen Europas und ihrer Institutionen.

Das Christentum als kulturelle Grundlage freiheitlicher Gesellschaften

Die wichtigste kulturelle Grundlage der freiheitlichen Gesellschaften des europäischen Kulturraumes ist das Christentum. Das Grundgesetz und die freiheitlich demokratische Grundordnung der Bundesrepublik sind zum Beispiel als solche nicht weltanschaulich neutral, sondern beruhen in großen Teilen auf christlicher Weltanschauung und sind im Wesentlichen ein Werk des christlichen Konservatismus, der Deutschland nach der Herrschaft des Nationalsozialismus und angesichts der Herausforderung durch totalitäre Ideologien wieder an seine abendländischen Wurzeln anbinden wollte. Die Vorstellung einer unverfügbaren Würde des Menschen oder der Naturrechtsbezug des Grundgesetzes sind nur zwei Beispiele für die christlich-weltanschauliche Prägung der freiheitlichen Ordnung.

Der Politikwissenschaftler Alexis de Tocqueville schrieb in seiner im 19. Jahrhundert entstandenen Analyse der amerikanischen Demokratie, dass „man das Reich der Freiheit nicht ohne das der guten Sitten zu errichten und die guten Sitten nicht ohne den Glauben zu festigen vermag“. Freiheitliche Staaten würden der Religion in besonderem Maße bedürfen, weil nur die von ihr geschaffene kulturelle Substanz den egoistischen Partikularwillen der Individuen überwinden könne. James Madison, einer der Gründerväter der USA, schrieb in diesem Zusammenhang, dass die Verfassung der USA für eine vom Christentum geprägte Bevölkerung geschrieben worden sei und nur mit einer solchen funktioniere.

Wie Johannes Paul II. betonte, wären freiheitliche Gesellschaften ohne christliche Wertegrundlage zudem dem Risiko ausgesetzt, totalitär zu werden. Demokratie sei eine politische Ordnung, die von kulturellen Akteuren mit Inhalt gefüllt werden müsse, und kein Selbstzweck. Ob eine Demokratie gut sei hänge davon ab, welchen Zielen sie diene. Gesetze alleine könnten das Wesen freiheitlicher Gesellschaften nicht definieren. Diese müssen sich vielmehr auf ein gemeinsames Ethos ihrer Bürger, ein Mindestmaß an kultureller Geschlossenheit und ein gemeinsames Narrativ stützen können, wie es dauerhaft nur eine Religion zur Verfügung stellen kann.

Romano Guardini betonte, dass auch die von säkularen Akteuren als wertvoll betrachteten Aspekte europäischer Kultur auf der Grundlage des Erbes des Christentums entstanden sein.

Papst Leo XIII. erklärte 1985:

Dass das christliche Europa die barbarischen Völker bezähmt hat und sie aus dem Zustand der Wildheit zu menschenwürdigem Leben, vom abergläubischen Wahn zur Wahrheit führte; dass es die anstürmenden Mohammedaner siegreich zurückgeschlagen hat; dass es an der Spitze der Zivilisation steht und allen anderen Völkern stets Führer und Lehrer in allem war, was das menschliche Leben verschönern und veredeln mag; dass von ihm nach allen Richtungen hin echte Freiheit ausging; dass es so viele Einrichtungen zur Linderung des menschlichen Elends schuf: dies alles verdankt das christliche Europa unstreitig der Religion, die ihm zu solchen Unternehmungen den Impuls gegeben und bei deren Durchführung hilfreich zur Seite stand.

5. Die Pflege der christlichen Grundlagen freiheitlicher Gesellschaften als christlicher Auftrag

Da freiheitliche Gesellschaften kulturell auf christlichen Grundlagen beruhen, müssen sie diese Grundlagen pflegen, bewahren und an kommende Generationen weitergeben, wenn sie dauerhaft bestehen wollen. Dies zu leisten ist eine der Formen des schützenden und bewahrenden Dienstes des Christentums am Gemeinwesen und ein Beitrag zur kulturellen Nachhaltigkeit europäischer Gesellschaften. (Weiterlesen: Der Schutz des christlichen Erbes/Der Schutz des Gemeinwohls)