Stand: 31.10.2018

Die schrittweise Trennung von seinen christlichen Wurzeln und den damit verbundenen Ordnungsvorstellungen und Kulturzielen fügt Europa Schaden zu. Es lebt von einer kulturellen Substanz, die in früheren Jahrhunderten geschaffen wurde, und die zunehmend verbraucht und immer weniger erneuert wird.

Dieser Auflösungsprozess vollzieht sich langsam aber stetig und mit zunehmender Geschwindigkeit. Er ist über kurze Zeiträume oft kaum wahrnehmbar, aber bei der Betrachtung längerer Zeiträume erschließen sich Umfang und Ausmaß seines destruktiven Wirkens. Er hat gegenwärtig einen Punkt erreicht, an dem die verbliebene kulturelle Substanz gefährlich schwach geworden ist.

Der Soziologe Philip Rieff beschrieb Anstrengungen zur Trennung westlicher Gesellschaften von ihren christlichen Wurzeln im Rahmen seiner Auführungen über das, was er als „Antikultur“ bezeichnete.

Da eine Religion das Zentrum einer Kultur darstellt, führt die Abwendung vor allem der Eliten einer Kultur von dieser Religion zur Auflösung der Kultur. Von den geistigen Quellen ihrer Kultur abgeschnitten kann eine Gesellschaften ihre kulturelle Substanz nicht mehr erneuern. Sie geht in ein Stadium des Verbrauchs der kulturellen Substanz bzw. in ein Stadium kultureller Auflösung über.

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) zufolge würden Kulturen in Krisen geraten, wenn ihnen nicht mehr gelinge, ihre überrationale Grundlage in sinnvolle Übereinstimmung mit neuen Erkenntnissen zu bringen. Der Glaube an die Wahrheit dieser Grundlage gehe dann verloren, wodurch die gesamte Kultur ihre Grundlage und ihre Lebenskraft verliere.5

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) beobachtete, dass die tragenden seelischen Kräfte Europas weitgehend abgestorben seien und der Kontinent von innen her geistig leer geworden sei. Dies habe auch materielle Auswirkungen, und das Europa, das „seine religiösen und sittlichen Grundlagen verneint“, befände sich auch demographisch in Auflösung. Er verglich das Europa der Gegenwart mit dem untergehenden Römischen Reich in seiner Spätphase.

Institutionen würden auf gemeinsamen sittlichen Überzeugungen beruhen, die nur aus einer Religion hervorgehen könnten:

In der Tat können Institutionen nicht halten und wirken ohne gemeinsame sittliche Überzeugungen. Diese aber können aus bloßer empirischer Vernunft nicht kommen. […] Solche Überzeugungen verlangen entsprechende menschliche Haltungen, und die Haltungen können nicht gedeihen, wenn der geschichtliche Grund einer Kultur und die darin verwahrten sittlich-religiösen Einsichten nicht geachtet werden. Sich von den großen sittlichen und religiösen Kräften der eigenen Geschichte abzuschneiden ist Selbstmord einer Kultur und einer Nation.6

Robert Spaemann sagte, dass die Trennung einer Kultur von Gott bzw. von ihrer religiösen Grundlage gleichbedeutend mit der „Etablierung des Prinzips des Verfalls“ sei.7

  • Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer sprach vor seiner Ermordung durch die Nationalsozialisten von einer gegenwärtigen Zeit der „Auflösung alles Bestehenden“, in der das Abendland selbst christusfeindlich geworden sei und die Kirche zusammen mit dem „Rest an Ordnungsmacht, der sich noch wirksam dem Verfall widersetzt“, als Hüter des christlichen Erbes wirken müsse.
  • Der damals noch katholische Philosoph René Guénon warnte 1927 davor, dass der europäische Kulturraum in Folge seiner Abwendung von seiner Tradition „ins nächtigste Gebiet“ und in „den Zustand der Auflösung“ eintrete, „aus dem nur noch durch eine Weltkatatrophe zu entkommen ist“.8
  • Der Philosoph Martin Heidegger warnte vor “Weltkatastrophen” und einer „Weltnacht“, die wie „ein einziger endloser Winter” sein würden. Diese würden die Folge davon sein, dass “das Heilige als die Spur zur Gottheit” und “sogar die Spur zum Heiligen” in der Kultur zunehend verdrängt würden.9

Kardinal Robert Sarah warnte 2018 vor einem drohenden kulturellen Selbstmord Europas. Die Trennung europäischer Gesellschaften von ihren religiösen Wurzeln im Zuge der Durchsetzung materialistischer Ideologien führe zunehmend dazu, dass sie ihre Seele verlieren würden, was sie nicht dauerhaft überleben könnten.

2016 hatte Kardinal Sarah davor gewarnt, dass nicht nur der  Kultur, sondern auch den Menschen Europas der Tod durch Trennung von ihren Wurzeln und Abbruch der Weitergabe ihres Erbes drohe:

[D]ie größte Sorge besteht darin, dass Europa den Sinn für seine Ursprünge verloren hat. Es hat seine Wurzeln verloren. Und ein Baum, der keine Wurzeln hat, stirbt ab. Ich habe Angst, dass der Westen stirbt. Es gibt viele Anzeichen dafür. Niedrige Geburtsraten. Und ihr seid schließlich von anderen Kulturen überströmt, von anderen Völkern, die euch fortschreitend in ihrer Zahl dominieren und eure Kultur vollkommen verändern werden, eure Überzeugungen, eure Werte.

Der beschriebene Abwendungs- und Auflösungsprozess führte im Verlauf des 20. Jahrhunderts bereits zu einer Reihe größerer Verwerfungen, etwa in Form von politischen und kulturellen Revolutionen und der Herrschaft politischer Utopien und totalitärer Ideologien über weite Teile Europas. Er erzeugte zudem sekundäre Herausforderungen, etwa solche, die in Folge der wachsenden Präsenz radikaler und kaum integrierbarer Strömungen des Islams in Europa entstehen.

Destruktive utopische Ideologien treten dabei in wechselnden Formen auf, deren Wirkung jedoch ähnlich ist. Sie schaffen dabei nicht die von ihnen versprochene bessere Welt, sondern zerstören zunehmend das, was die Menschen früherer Generationen über Jahrhunderte hinweg geschaffen haben.

Es gibt eine Verbindung zwischen Glauben und dem Willen zur Dauer bzw. zum Willen, Teil von etwas zu sein und etwas zu schaffen, das über das eigene Leben hinausreicht. Menschen und Gesellschaften ohne Glauben haben häufig auch keinen Willen zur Dauer.10

Wirklichkeitsgerechtes Handeln setzt die Anerkennung der gesamten Wirklichkeit inklusive ihrer transzendenten Aspekte voraus. Wer die Existenz wesentlicher Teile der Wirklichkeit ablehnt oder diese ausblendet, ist blind. Blinde gesellschaftliche Eliten können einer Gesellschaft jedoch keine Richtung geben. In Verkennung der Wirklichkeit führen sie Gesellschaften in die falsche Richtung.

Der Philosoph Nikolai Berdjajew verwarf alle Ideologien der Moderne, die er als Gegenentwürfe zu christlicher Weltanschauung bzw. als materialistische Antireligionen betrachtete, die „das ganze geistige Leben der Menschheit“ bekämpfen würden und die für die Selbstzerstörung Europas verantwortlich seien.

Die „Träger der wahren Entwicklung des Geistes“ seien zu allen Zeiten religiöse Menschen gewesen. Wenn der Mensch sich (wie vom materialistischen Denken gefordert) vom wahren Gott abwende, wende er sich automatisch falschen Göttern zu. Die Anhänger modernen Denkens hätten sich durch ihre Abwendung von Gott dunklen Kräften ausgeliefert:

Nicht frei im Geiste ist der Mensch der Neuzeit […]. Er ist in der Gewalt eines ihm unbekannten Herrschers, einer übermenschlichen und unmenschlichen Macht […] welche die Wahrheit, die Wahrheit Gottes, nicht anerkennen will.

Die Aufklärung sei „gegen den Sinn der Welt und gegen die wahren Grundlagen des Lebens“ gerichtet, weil sie Rationalität mit Materialismus gleichsetze und die Auflösung von Bindungen als Voraussetzung zur Befreiung des Menschen betrachte. Kennzeichnend für sie sei der „Verlust eines Zentrums, eines höheren Ziels“.

Der christliche Universalismus propagiere nicht Auflösung, wie einige moderne Ideologien behaupten würden, sondern beruhe auf der Annahme eines geistigen Zentrums, um das herum sich alle Dinge ordneten, wodurch Bindungen geschaffen würden. Das von modernen Ideologien propagierte Gegenteil sei „die entfesselte Welt des heidnischen Partikularismus, in deren Tiefen Todeskampf und Vernichtung toben“.

Linke und rechte Ideologien würden keine weltanschaulichen Gegensätze darstellen, sondern einen zusammenhängenden, auf dem materialistischen Denken der Aufklärung beruhenden Komplex darstellen. Alle diese Ideologien seien das „Resultat eines langen historischen Prozesses des Abfalls vom geistigen Zentrum des Lebens, von Gott“ und gleichermaßen Teil einer „zusammenbrechenden Welt“:

  • Der Kommunismus sei „die Religion des Teufels“. Sozialisten hätten „der bourgeoisen kapitalistischen Gesellschaft ihren Materialismus, ihre Gottlosigkeit, ihr oberflächliches Aufklärertum, ihre Abneigung gegen den Geist und alles Geistige, ihre Gier nach dem Leben und seinen Befriedigungen, ihren Kampf und egoistische Interessen“ entlehnt. Ihr Internationalismus sei „eine widerwärtige Karikatur des Universalismus“.
  • Nationalismus sei Ausdruck eines Strebens nach Atomisierung und Auflösung der gewachsenen christlich-abendländischen Einheit. Der Nationalist denke wie ein Egoist, der seine Bedürfnisse über die aller anderen Menschen stelle. Die europäischen Nationalismen seien „durchaus heidnisch, tief antichristlich und antireligiös“, weil für sie die Nation nicht Teil einer größeren Ordnung, sondern „ein falscher Gott“ sei.
  • Den damals entstehenden Faschismus prägten laut Berdjajew eine „furchtbare Verrohung“ sowie die „kriegerisch-gewalttätigen Instinkte der Jugend“.
  • Auch den Liberalismus lehnt er wegen dessen Materialismus ab. Der Kapitalismus sei „ein Kind der zersetzenden und vernichtenden Gier“. Der liberalen Demokratie wirft er vor, auf der „Verkündigung des Rechts auf Irrtum und Lüge“ zu beruhen. Sie verherrliche aus einem naiv-optimistischen Menschenbild heraus zudem die Masse und unterschätze, dass in ihr auch böse Kräfte wirken könnten.

Berdjajew äußert sich jedoch auch positiv über einzelne Konzepte der Moderne und nennt etwa das Konzept der geistigen Freiheit „eine unverlierbare, ewige Errungenschaft.“ Er lehnt zudem eine romantische Idealisierung des Mittelalters oder Forderungen nach einer Rückkehr zu früheren historischen Zuständen ab. Erst das Versagen von Christen habe das Erstarken moderner Ideologien möglich gemacht. Die kommunistische Revolution in Russland habe nicht eine intakte christliche Ordnung zerstört, sondern stelle das „Zuendefaulen des alten Regimes“ dar.

Gertrud von le Fort schrieb:

Du kennst das Geheimnis der versiegenden Quellen,
Gott, du kennst das Geheimnis!
Du weißt, warum ein blühendes Land verdorrt,
Du weißt, warum uralt-heilige Tore sich schließen,
Du kennst das dunkle Gesetz des fallenden Sterns,
Und wenn der Ruhm eines ganzen Jahrhunderts erlischt
Wie eines einzigen Tages
Vorübervolles Erglänzen,
Wenn eines Jahrtausends Stimme plötzlich verstummt,
Als wärs eines kleinen Vogels abendliches Gezwitscher –
Du kennst das Geheimnis, Gott,
Du kennst das Geheimnis
Unsrer versiegenden Quellen.

Der römische Dichter Horaz schrieb:

Der Väter Sitten büßest du, schuldlos selbst,
mein Römervolk, solang du nicht richtet neu
der Götter sturzbedrohte Tempel,
nicht ihre Bilder vom Brandrauch reinigst,
Gehorsam vor den Göttern bedeutet Macht.
Beginn und Ende lege in ihre Hand:
Mißachtet, sandten oft die Götter
Trauer und Leiden dem Abendlande.

Juan Donoso Cortés schrieb im 19. Jahrhundert:

Die europäische Gesellschaft stirbt. Ihre Extremitäten sind bereits kalt. Bald wird es auch ihr Herz sein. Und wissen Sie, warum sie stirbt? Sie stirbt, weil sie vergiftet worden ist. Sie stirbt, weil Gott sie geschaffen hat, um mit der katholischen Substanz ernährt zu werden und weil Kurpfuscher ihr die rationalistische Substanz als Nahrung verarbreicht haben […]. Sie stirbt, weil der Irrtum tötet und weil diese Gesellschaft auf Irrtümern aufgebaut ist […]. Daher wird die Katastrophe, die kommen muss, in der Geschichte die Katastrophe schlechthin sein. Die einzelnen Menschen können sich noch retten, weil sie sich immer retten können. Aber die Gesellschaft ist verloren, nicht deshalb, weil ihre Rettung eine radikale Möglichkeit an sich darstellt, sondern weil die Gesellschaft meiner Überzeugung nach ganz offenbar nicht gerettet werden will.  Es gibt keine Rettung für die Gesellschaft, weil wir aus unseren Kindern keine wahren Christen machen wollen und selbst keine wahren Christen sind. Weil der katholische Geist, der einzige, der Leben in sich trägt, nicht alles belebt, weder den Unterricht noch die Regierung noch die Institutionen noch die Gesetze noch die Sitten.  Es wäre ein gigantisches Unterfangen, das sehe ich nur zu klar, wollte man den derzeitigen Lauf dieser Dinge ändern.

Er schrieb außerdem in einem seiner Briefe:

Hat der Mensch aber einmal das Übernatürliche aus seinem Gesichtskreis entfernt, hat er seine Religion in einen unbestimmten Deismus verwandelt, dann wir er sehr bald seinem Leben und seinen Idealen eine ganz andere Richtung geben. Ist die Kirche aus dem öffentlichen Leben ausgeschieden und in ihr Heiligtum eingeschlossen, ist Gott an seinen Himmel gefesselt wie der Riese Enkélados an seinen Felsen, dann beginnt der Mensch, seine Blicke erdwärts zu richten und sich ausschließlich dem Kult der materiellen Interessen zu widmen; dann beginn die Epoche, wo der irdische Nutzen zum System erhoben wird. Dann beginnt die Zeit, wo der Handel sich ausdehnt und das industrielle Fieber gewaltige Ausmaße annimmt, wo der Übermut der Reichen keine Schranken mehr kennt und die Ungeduld der Armen alle Dämme durchbricht. Aber dieses Zusammentreffen materiellen Reichtums und religiöser Armut wird eines Tages – ich zweifle nicht daran – eine riesenhafte Katastrophe herbeiführen, deren Überlieferung und Geschichte fortleben und niemals mehr aus dem Gedächtnis verschwinden werden.

Der Historiker Hillaire Belloc schrieb in seinem 1938 erschienenen Buch „The Great Heresies“:

We have reached at last, as the final result of that catastrophe three hundred years ago, a state of society which cannot endure and a dissolution of standards, a melting of the spiritual framework, such that the body politic fails. Men everywhere feel that an attempt to continue down this endless and ever darkening road is like the piling up of debt. We go further and further from a settlement. Our various forms of knowledge diverge more and more. Authority, the very principle of life, loses its meaning, and this awful edifice of civilization which we have inherited, and which is still our trust, trembles and threatens to crash down. It is clearly insecure. It may fall in any moment. We who still live may see the ruin. But ruin when it comes is not only a sudden, it is also a final, thing.

In such a crux there remains the historical truth: that this our European structure, built upon the noble foundations of classical antiquity, was formed through, exists by, is consonant to, and will stand only in the mold of, the Catholic Church.

Europe will return to the Faith, or she will perish. The Faith is Europe. And Europe is the Faith.

Der Atheist Friedrich Nietzsche erkannte die Folgen der auch von ihm selbst propagierten Abwendung Europas von Gott:

Wohin ist Gott?“ rief er, „ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich!  Wir sind seine Mörder! […] Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?

Romano Guardini warnte, dass auch die von säkularen Weltanschauungen positiv bewerteten kulturellen Werke ohne die christliche Grundlage, auf der sie entstanden, nicht aufrechterhalten werden könnten.11 Guardini zu Folge komme es zu einem „allgemeinen Zerfall des Überlieferten“ in Folge der Auflösung der religiösen Bindung der Kultur.

Der hl. Johannes Paul II. erklärte:

Im Mittelpunkt jeder Kultur steht die Haltung, die der Mensch dem größten Geheimnis gegenüber einnimmt: dem Geheimnis Gottes. Die Kulturen der einzelnen Nationen sind im Grunde nur verschiedene Weisen, sich der Frage nach dem Sinn der eigenen Existenz zu stellen; wird diese Frage ausgeklammert, entarten die Kultur und die Moral der Völker.12