Stand: 22.04.2018

Der Soziologe Philip Rieff beschrieb den modernen Komplex an Ideologien und geistigen Einflüssen, der die Zerstörung der auf dem Christentum beruhenden europäischen Kultur anstrebe, als „Antikultur“. Auf dieser noch in einem frühen Entwurfsstadium befindlichen Seite werden die Elemente dieser Antikultur vorgestellt.

Johannes Paul II. sprach in seinem Buch „Erinnerung und Identität“ davon, dass in westlichen Gesellschaften ein Programm der „Anti-Evangelisierung“ wirke, dass sich gegen die verbliebene christliche Substanz westlicher Gesellschaften richte. Es sei global angelegt, verfüge über enorme finanzielle Mittel und ähnele in seinem destruktiven Wirken dem der mit ihm weltanschaulich verwandten totalitären Ideologien, auch wenn es sich „unter dem Anschein der Demokratie“ verberge.

Papst Benedikt XVI. schrieb entsprechend dazu:

Wie ihr wohl wißt […] ist unsere Welt Schauplatz eines Kampfes zwischen dem Guten und dem Bösen; da sind mächtige negative Kräfte am Werk, die jene dramatischen Situationen geistiger und materieller Versklavung unserer Zeitgenossen verursachen, gegen die ihr, wie ihr wiederholt erklärt habt, ankämpfen wollt, indem ihr euch zum Dienst am Glauben und zur Förderung der Gerechtigkeit verpflichtet. Solche negativen Kräfte treten heute in vielfältiger Weise in Erscheinung, aber besonders offenkundig durch kulturelle Strömungen, die häufig vorherrschend werden, wie der Subjektivismus, der Relativismus, der Hedonismus, der praktische Materialismus.

1. Geistige Elemente der Antikultur

Die Antikultur wirkt durch die Schwächen des Menschen angreifende, viral wirkende Meme und Memplexe bzw. korruptive weltanschauliche Systeme, die auf unwahren Behauptungen über den Menschen und den Sinn seines Lebens beruhen.

1.1 Materialismus und die Leugnung des Heiligen

Materialismus ist die wichtigste Eigenschaft moderner Weltanschauungen.

Materialistisches Denken identifiziert die Wirklichkeit vollständig mit ihren materiellen Aspekten und definiert das Übernatürliche bzw. die geistigen, nichtmateriellen Aspekte der Wirklichkeit aus ihr heraus, deren Erkenntnis für das Leben des Menschen jedoch von höchster Bedeutung ist. Es verengt dadurch den geistigen Horizont des Menschen auf einen engen Ausschnitt der Wirklichkeit.

  • Positivismus: Nur das sinnlich wahrnehmbare und physisch nachweisbare wird als real betrachtet.

1.2 Die Auflösung von Bindungen als Befreiung des Menschen

Menschliche Bindungen wie etwa an eine Religion, an eine Tradition und eine Nation oder an eine Familie werden von wesentlichen Teilen der Moderne als Ausdruck von Irrationalität und illegitimer Abgrenzung oder als Ungleichheit fördernd kritisiert abgelehnt.

1.2.1 Die Dämonisierung der Vergangenheit

Moderne Ideologien gehen meist davon aus, dass der Bruch mit der Vergangenheit die Voraussetzung für Fortschritt sei.

  • Um die eigenen Utopien als attraktiver erscheinen zu lassen, schaffen moderne Ideologien karikierende Zerrbilder der Vergangenheit, die deren Schwächen herausstellen, die sie aus eigener Kraft überwindende historische Entwicklung sowie die Leistungen der Vergangenheit jedoch leugnen.
  • Die Vergangenheit dient dabei als Projektionsfläche für die moralisierende Selbsterhöhung der Moderne auf Kosten der Erinnerung an die Werke früherer Generationen. Indem das Vergangene als rückständig und irrational dargestellt wird, soll der revolutionäre Bruch mit ihm legitimiert werden.

Der Philosoph Alain Finkielkraut schrieb 1999 über den modernen Umgang mit der Geschichte:

Wenn die Memorialkultur überwiegend Verbrechen erinnert, dann wird der Bezug auf die kollektive Vergangenheit negativ; und dann entschwindet die Dankbarkeit gegenüber jeglicher vorangegangenen Generation und verkehrt sich in Ablehnung. Geschieht das, dann kommt der Gegenwart die Orientierung abhanden, und sie findet nur noch Halt in einem Hypermoralismus, der selbst keine Maßstäbe mehr hat.

Zudem ist der Versuch, die Erinnerung an das Vergangene auszulöschen, eine seit den Bilderstürmen übliche Vorgehensweise moderner Ideologien, die gegenwärtig in der Entfernung christlicher Symbole, Bezüge und Konzepte aus dem gesellschaftlichen Leben in Erscheinung tritt.

Auch das Umschreiben von Geschichte im Sinne der eigenen Ideologie gehört zu diesen Vorgehensweisen. Wesentliche Teile der Aufklärung etwa leugneten die ihr vorausgegangenen Werke abendländischer Kultur und schufen das bis in die Gegenwart nachwirkende Klischee eines „finsteren Mittelalters“, das sie alleine und aus eigener Kraft überwunden hätten.

Moderner Geschichtsrevisionismus wird gegenwärtig auch in Versuchen sichtbar, die Vorstellung durchzusetzen, dass Europa seine kulturellen Leistungen vor allem islamischen Einflüssen verdanke oder Kultur in Europa sich in den vom Islam unterworfenen Teilen am höchsten entfaltet hätte.

Im Zuge ihres Bruchs mit der Vergangenheit trennt sich die Moderne jedoch zunehmend auch von dem Erfahrungs- und Traditionsschatz, der ihr Funktionieren und ihre Leistungen zeitweise ermöglichte, und zerstört dadurch ihre eigenen kulturellen Grundlagen. Papst Franziskus hatte auch in diesem Sinne kürzlich die Bedeutung der Bindung an die eigenen Wurzeln für die Völker der Welt betont und dazu aufgerufen, diese Bindung wiederzuentdecken und zu erneuern. Ohne Wurzeln „kann man nicht leben: ein Volk ohne Wurzeln oder ein Volk, das sich nicht um seine Wurzeln kümmert, ist ein krankes Volk“. Auch der Soziologe Ruud Koopmans hatte darauf hingewiesen, dass Kultur sich nur aus historischer Kontinuität heraus entwickeln könne, nicht jedoch auf Grundlage einer rein negativen Darstellung der eigenen Vergangenheit.

1.3 Die Korrumpierung des Menschen über seine Leidenschaften

Die Antikultur stellt den Menschen als materielles Wesen dar das durch seine Triebe definiert sei und den Sinn seiner Existenz in ihrer Befriedigung finde. Je umfassender der Menschen seinen Trieben nachgibt, desto freier wird er im Verständnis der Antikultur. Freiheit und Glück finde er demnach in Hedonismus, Auflösung von Bindungen, Egoismus, materiellen Dingen und  sexueller Freizügigkeit.

Die Antikultur korrumpiert den Menschen auf diese Weise über seine ungeordneten Triebe. Während der christliche Freiheitsbegriff auf der Kontrolle der Triebe  beruht, führt der Freiheitsbegriff der Antikultur in die vollständige Unterwerfung des Menschen unter diese und in immer größere Unfreiheit des Menschen.

Das Christentum ist anstrengend, weil es hohe Forderungen an den Menschen stellt und mit Opfern verbunden ist, die der Mensch bei der Formung seiner Seele und der Ordnung seiner Leidenschaften lebenslang zu erbringen habe. Die Antikultur hingegen verspricht dem Menschen einen einfachen Weg zu seiner Erfüllung, der ihm bei der Befriedigung seiner Triebe und seines Egoismus keinerlei Grenzen und Einschränkungen auferlegt, sondern zu Tugenden erhebt, was zuvor als Gier, Lust und Völlerei galt. Den Begriff der Sünde kennt die Antikultur nur in ironisierter Form. Dem seinen schlechtesten Trieben folgenden Menschen verspricht sie, dass er endlich Anerkennung und Bestätigung finden könne. Sie stellt keinerlei Forderungen an den Menschen außer der, ihrem totalen Anspruch zuzustimmen und sich auszuleben.

Die Antikultur bezieht ihre Kraft daraus, dass sie alle Schwächen des Menschen anspricht und ihm verspricht, dass der Weg des geringsten Widerstandes in zu seiner Erfüllung führe und indem sie dem Menschen Ausreden und Rechtfertigungen dafür gibt, diesen Weg zu gehen. Sie redet dem Menschen das durch Verletzung seiner Ideale entstehende schlechte Gewissen aus, indem sie diese Ideale für rückständlich, lustfeindlich oder spießig erklärt, und nimmt ihm dadurch Möglichkeiten der Selbstkorrektur. Die Botschaft der Antikultur erscheint vielen Menschen dabei als freundlicher und menschlicher im Vergleich zu den asketischen, ein schlechtes Gewissen bereitenden Forderungen des Christentums.

Technologische Entwicklung potenziert dabei die Fähigkeit der Antikultur, diese Schwächen noch wirksamer anzusprechen. Ganze Industrien versuchen auf diese Weise gezielt, Süchte zu erzeugen und zu fördern.

  • Die Behauptung, dass angenehme Gefühle der Sinn des menschlichen Lebens seien, ist nicht schlüssig: Würde man sie ernst nehmen, dann würde ein Mensch, der sich bis zu seinem Ableben mit Drogen in einen entsprechend angenehmen Zustand versetzen ließe, ein sinnvolles Leben führen, was offensichtlich absurd ist. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich bei diesen Drogen um chemische Substanzen oder das andere nicht mit gutem Handeln verbundenen Quellen angenehmer Gefühle handelt. Davon abgesehen würde dieser Lebenssinn spätestens mit dem Tod des Menschen enden.
  • Hedonismus schwächt und zerstört den Menschen: Die Antikultur zerstört die kulturellen Dämme, die zuvor in Jahrhunderten zur Kontrolle der Schwächen des Menschen errichtet worden waren und ihm tatsächlich ein Maß an Freiheit und Stärke verschafften. Die Zerstörung dieser nun als überflüssig, einengend oder schädlich geltenden Dämme setzt die von der Antikultur geleugneten destruktiven Kräfte frei, welche die schrittweise die Herrschaft über den Menschen übernehmen und ihn zerstören, lebensuntüchtig machen und von Gott entfernen. Je mehr der Mensch diesen Kräften nachgibt, desto schwächer wird er, und desto tiefer sinkt er herab. Anstrengung, Opfer oder Verzicht zugunsten anderer scheinen diesem Weg folgenden Menschen als sinnlos oder falsch, weshalb sie kaum zu dauerhaften Bindungen oder sinnvollen Taten in der Lage sind. Der zum Sklaven seiner Triebe gemachte Mensch fungiert gleichzeitig von ganz alleine als Wächter seines selbstgewählten Gefängnisses, weil ihm seine Unterwerfung als Befreiung erscheint.
  • Hedonismus zerstört die Welt: In dem Maße, in dem der Mensch sich im Sinne der Antikultur „auslebt“, zerstört er nicht nur seine natürlichen Lebensgrundlagen, sondern auch Schönheit, Würde und Anstand in der Welt.
  • Hedonismus kann sein Glückversprechen nicht halten. Der seinen Trieben folgende Mensch ist niemals glücklich, sondern braucht eine immer stärkere Reize, um vorübergehend befriedigt zu sein. Seine Triebe entarten dadurch mit der Zeit ins Krankhafte. Der hedonistische Weg zum Glück führt dabei immer weiter abwärts und schließlich ins Nichts. Das Glück der Antikultur ist das Glück des Drogenabhängigen. Wer zudem im Sinne der Antikultur Liebe mit der eigenen sexuellen Befriedigung gleichsetzt, wird in Beziehungen sich und andere unglücklich machen, und ihm wird die höchste Ebene menschlicher Erfahrung unzugänglich bleiben. Jemand, der vor seiner Umkehr auf diese Weise gelebt hatte schrieb, dass Beziehungen auf antikultureller Grundlage ein Wettbewerb darum seien, wer weniger in diese investiere, um weniger verwundbar zu sein.

1.4 Relativismus

Eine objektive, jenseits von menschlicher Wahrnehmung existierende geistige Wirklichkeit gebe es laut relativistischen Weltanschauungen nicht. Jeder Mensch entscheide selbst auf Grundlage seiner Gefühle, was er für richtig oder falsch halte.

  • Unmöglichkeit der Entwicklung des Menschen: Innerhalb eines relativistischen Weltbildes ist es für den Menschen unmöglich, sich über sich selbst zu erheben, indem er sich an einer über ihm stehenden Wahrheit orientiert. Menschen können sich auf der Grundlage eines relativistischen Weltbildes nicht entwickeln, da es in diesem kein Ziel gibt, auf das eine Entwicklung hin möglich wäre. Relativistische Ideologien streben dementsprechend auch keine Entwicklung des Menschen an, sondern bestätigen ihn in seinem vorliegenden Zustand. Der Mensch solle das tun, was ihm angenehme Gefühle bereite und vermeiden, was ihm unangenehme Gefühle bereite. Die Konfrontation des Menschen mit ihn herausfordernden Standards wird von solchen Ideologien abgelehnt.
  • Unmöglichkeit der Liebe: Es gibt in einer relativistischen Weltsicht auch nichts Erhabenes mehr, das es wert wäre, dass man ihm unter Aufgabe seiner eigenen Interessen dient oder für es Opfer bringt. Liebe im eigentlichen Sinne ist in so einem Weltbild unmöglich. Relativistische Ideologien definieren Liebe dementsprechend nicht als gebende Liebe (Agape), sondern als einen Zustand angenehmer Gefühle.
  • Unmöglichkeit absoluter Rechte und rationaler Debatten: In einer relativistischen Weltsicht kann es auch keine absoluten Rechte oder rationalen Debatten mehr geben. An die Stelle der Frage nach Recht oder Unrecht und nach Wahrheit oder Irrtum tritt die Berufung auf die eigenen Gefühle.

1.5  Gerechtigkeit als Gleichheit

1.6 Die Leugnung der Natur des Menschen

In einigen europäischen Staaten wird bereits im Kindergarten das Konzept der „geschlechtsneutralen Erziehung“ verfolgt, dass nach Aussagen der Verantwortlichen verhindern soll, „dass die Jungs jungenhaft und die Mädchen mädchenhaft agieren“.

2. Kritik säkularer Ideologien

Johannes Paul II. sagte, dass es „Ideologien des Bösen“ gebe, die „tief in der Geschichte des europäischen philosophischen Denkens verwurzelt“ seien, insbesondere in der französischen Strömung der Aufklärung. Durch die Trennung des Menschen von Gott würden solche Ideologien destruktiv wirken. Er bezog sich dabei vor allem auf den Kommunismus.

2.1 Aufklärung

Die Aufklärung ist ein komplexes und vielschichtiges geistesgeschichtliches Phänomen, das keine einheitliche geistige Strömung beschreibt, und das neben guten auch ambivalente oder schlechte Elemente umfasst. Lenin und Hitler sind ebenso Teil der Tradition der Aufklärung wie Locke oder Kant.

Allgemein bezeichnet der Begriff der Aufklärung die Betrachtung des Menschen als höchste moralische Autorität. Typisch für die Aufklärung ist auch ein Fortschrittsbegriff, der diesen an materiellen Kriterien wie naturwissenschaftlicher, technischer und wirtschaftlicher Leistung sowie am Grad der als Befreiung verstandenen Lösung des Menschen aus traditionellen Bindungen misst.

Johannes Paul II. kritisierte, dass die Aufklärung Dinge, die tief in Christentum verwurzelt seien, im Gegensatz zum Christentum gestellt und als ihre exklusive Leistung ausgegeben habe. Insbesondere die französische Aufklärung habe destruktive Auswirkungen gehabt:

Die Aufklärung stellte sich in ihren verschiedenen Ausdrucksformen dem entgegen, was Europa aufgrund der Evangelisierung geworden war.

Sie habe die Trennung der Kulturen Europas von ihren religiösen Wurzeln angestrebt und damit großen Schaden erzeugt.

2.2 Postmoderne Ideologien

Diese sind betont relativistisch und setzen die Trennung der Kultur von ihren religiösen Wurzeln fort, weisen dabei aber auch die Leistungen und Stärken der Aufklärung zurück.

Ihr Ziel ist die „Dekonstruktion“ aller Absolutheiten. Jeglicher Wahrheitsanspruch beruhe tatsächlich auf einem Machtanspruch. Die Möglichkeit von Objektivität wird von diesen Ideologien grundsätzlich verneint.

Es gibt Überschneidungen zwischen neo-marxistischen und postmodernen Ideologien. An die Stelle des Kapitalismus als unterdrückendem und daher zu bekämpfendem Akteur setzen postmoderne Ideologien u.a. das Klischee der „alten, weißen, hererosexuellen, christlichen Männer“ als Feindbild.

2.3 Positivismus

Die Ideologie des Positivismus geht vor allem auf Auguste Comte zurück, der als Begründer der Soziologie gilt. Er ging davon aus, dass alle Phänomene, darunter auch menschliches Verhalten, die Folge des Wirkens materieller Faktoren ist, die mit den Mitteln der Naturwissenschaft vollständig verstanden werden können.

2.4 Atheismus

Atheismus ist eine häufige Begleiterscheinung bzw. Eigenschaft materialistischer Ideologien und keine eigenständige Ideologie.

Atheistismus kommt im Umgang mit religiösen Gedanken über bloße Polemik meist nicht hinaus. Ein wirkliches Interesse daran, diese zu verstehen und die eigene Kritik auf entsprechender Erkenntis zu gründen, ist meist nicht vorhanden, weil Religion a priori als irrational und somit als außerhalb des Rahmen des Ernstzunehmendem wahrgenommen wird.

2.5 Liberalismus

Liberalismus ist die materialistische politische Philosophie, die aufbauend auf den Gedanken u.a. von Thomas Hobbes gesellschaftliche Bedingungen anstrebt, unter denen das Individuum als die Einheit, von der liberales Denken ausgeht, die von ihm selbst gesetzten Ziele möglichst ungehindert erreichen kann.

Als ideale weil rationale Ziele gelten dabei ausschließlich materielle Ziele wie die Maximierung von Wohlstand, technisch-naturwissenschaftlichen Wissens und entsprechender Fähigkeiten oder des individuellen Wohlbefindens sowie von Gesundheit und Lebensdauer.

Soziale Beziehungen werden als Verträge verstanden, die zu beiderseitigem Vorteil geschlossen werden. Auch der Staat legitimiere sich durch einen „Gesellschaftsvertrag“ bzw. durch die von ihm erbrachten Leistungen für das Individuum, etwa Sicherheit und Wohlstand.

  • Das Individuum wird von liberaler Ideologie prinzipiell als autonom und sich selbst definierend verstanden. Die Vorstellung einer absoluten, unverfügbaren moralischen Ordnung oder einer unveränderlichen Natur des Menschen wird durch große Teile des Liberalismus der Gegenwart abgelehnt. Familiären, traditionellen oder nationalen Bindungen steht liberale Ideologie skeptisch oder ablehnend gegenüber, da sie nicht freiwillig eingegangen würden und häufig nicht dem allen Seiten Vorteile sichernden liberalen Vertragsideal sozialer Beziehungen entsprächen.
  • Rechtsliberalismus betont wirtschaftliche Freiheit und Eigenverantwortung, während Linksliberalismus die freie Entfaltung des Individuums nach nicht objektiv zu bewertenden, subjektiven Maßstäben betont. Der Zweck des Staates sei es, dies zu ermöglichen und dazu traditionelle Bindungen aufzulösen.

Die Leistungen des Liberalismus liegen in seiner Förderung individueller Freiheitsrechte, die weitgehend mit christlichen Naturrechtskonzepte kompatibel sind. Zudem hat er wesentlich dazu beigetragen, Bedingungen für Wohlstand und technisch-naturwissenschaftlichen Fortschritt zu verbessern. Zudem hat der Liberalismus als politische Ideologie zur Förderung der Rechtstaatlichkeit entscheidend beigetragen.

Aus der Sicht christlicher Weltanschauung muss man den Liberalismus nicht grundsätzlich ablehnen. Er ist aber in seinem materialistischen Welt- und Menschenbild fundamental fehlerhaft.

  • Das Gelingen liberaler politischer Ordnung beruht auf kulturellen Grundlagen, die der Liberalismus auflöst, weshalb er nicht nachhaltig ist.
  • Liberale Herrschaft erzielt paradoxe Wirkung, indem sie einen immer größer werdenden Staatsapparat erfordert, der die Aufgaben übernehmen muss, die früher von Familien und auf traditionellen Bindungen beruhenden freiwilligen Zusammenschlüssen der Bürger geleistet wurden. Die Auflösung traditioneller Bindungen führt zudem auch zur Auflösung traditioneller kultureller Normen und einem immer größeren Bedarf an staatlicher Regulierung und Gesetzen.
  • Liberalismus schadet vor allem schwachen Menschen, die in besonderem Maße traditioneller Bindungen und Normen und der durch sie erzeugten Lebenskompetenz bedürfen. Während z.B. ein kulturell kompetenter Mensch noch dazu in der Lage sein mag, unter den Bedingungen einer liberalen Sexualmoral ein verantwortungsbewusstes Leben zu führen, können dies schwächere Menschen oft nicht. Das Ergebnis sind soziales und menschliches Elend sowie Nöte, die ein Eingreifen des Staates erfordern.
  • Die Vorstellung, dass soziale Beziehungen von freien Individuen zum gegenseitigen Nutzen und Vorteil ausgehandelt werden sollen, befreit die Starken von den Einschränkungen traditioneller Normen und liefert dadurch die Schwachen den Starken aus.

2.6 Neo-marxistische Ideologien

Die 68er-Bewegung, deren Anhänger seit den 70er Jahren zunehmend Universitäten und Medien in vielen westeuropäischen Staaten prägen, war von neo-marxistischen Positionen geprägt.

  • Einer ihrer Vordenker war der Philosoph Herbert Marcuse. Er wies darauf hin, dass die Arbeiterschaft westlicher Industriestaaten nicht wie von Marx erwartet gegen die als kapitalistisch bezeichnete Ordnung mobilisieren lasse, weil sie ihre Unterdrückung nicht als solche erkenne. Es käme deshalb nicht zu den angestrebten Revolutionen. Marxistische Intellektuelle müssten daher stärker andere Gruppen gegen die abgelehnte Ordnung und ihre Stützen mobilisieren, vor allem die „Ausgebeuteten und Verfolgten anderer Rassen und anderer Farben, die Arbeitslosen und Arbeitsunfähigen“, die ein „Substrat der Geächteten und Außenseiter“ der modernen Gesellschaft seien. Neo-marxistische Ideologien wie Antirassismus und Feminisus sind Ausdruck dieses Ansatzes.

2.7 Szientismus

Szientismus ist eine Ideologie, die davon ausgeht, dass die Erkenntnisse der Naturwissenschaft alle Gebiete des Lebens einer Kultur bestimmen sollten, etwa auch ihre Ethik.

3. Die „schwarze Legende“: Grundlinien christenfeindlicher Propaganda seit dem 16. Jahrhundert

Um das Christentum zu delegitimieren, greifen seine Gegner dessen Metaphysik, Geschichte und Werke auch mit falschen Behauptungen an. Diese gehen oft auf die ursprünglich gegen Spanien gerichtete antikatholische englische Propaganda des 15. Jahrunderts zurück, die der Historiker Julián Juderías als “schwarze Legende” bezeichnet hatte.

Radikale Strömungen innerhalb der Aufklärung griffen diese Propaganda später auf und setzten sie fort. Dabei gibt es meist darum, das Christentum, insbesondere die katholische Kirche, als rückständig, irrational, abergläubisch und verbrecherisch darzustellen. Neben Erfindungen und falschen Behauptungen werden dafür auch karikaturhafte Überzeichnungen realen Geschehens eingesetzt.

Viele der in diesem Zusammenhang verbreiteten falschen Darstellungen wurden später durch Kommunisten, Nationalsozialisten und andere Gegner des Christentums aufgegriffen und wirken bis in die Gegenwart nach.

  • „Das christliche Mittelalter war eine dunkle Zeit“: Entgegen der historischen Tatsachen verbreitete Darstellung des Mittelalters als einer „dunklen Zeit“ weiterhin stark verbreitet. Dieses Bild war ursprünglich von radikalen Aufklärern geschaffen worden, die dadurch alle Kulturleistungen der abendländischen Geschichte für sich beanspruchen wollten. Tatsächlich begannen bereits die Mönche des frühen Mittelalters damit, an die Kulturleistungen der Antike anzuknüpfen, in dem sie diese zunächst bewahrten. Spätestens seit den Karolingern wurde kontinuierlich und mit wachsendem Erfolg versucht, diese Leistungen zu fortzusetzen und zu übertreffen, was auf vielen Gebieten auch gelang. Die Baukunst der Kathedralen des 11. Jahrhunderts war der römischen Baukunst etwa bereits in vieler Hinsicht überlegen. Im Früh- und Hochmittelalter wurden zudem bislang unerschlossene Teile Mitteleuropas besiedelt, und zahlreiche Städte sowie die ersten Universitäten gegründet. Außerdem wurden die Sklaverei weitestgehend abgeschafft, eine Schriftkultur verbreitet und eine Literatur und Lyrik in den europäischen Nationalsprachen geschaffen sowie die Polyphonie in der Musik entwickelt, um nur einige Leistungen zu nennen. Auf der Grundlage des Christentums wuchsen zudem die Stämme zu den heute noch bestehenden Nationen zusammen. Das Mittelalter war keine „dunkle Zeit“, sondern eine Zeit kultureller Entwicklung und großer Leistungen, in der die kulturellen Grundlagen Europas geschaffen wurden.
  • „Erst die Aufklärung brachte Europa Wissenschaft und Vernunft“: Im Hochmittelalter wurden in Europa die ersten Universitäten gegründet, an denen auf Grundlage der Theologie bzw. des logisch strukturierten Nachdenkens über Gott die unter Ankünpfung an antike Philosophie und Logik die Grundlagen der modernen Wissenschaft gelegt wurden. Das Wirken des hl. Thomas von Aquin und der Scholastik war bereits im 11. Jhd. von der vernunftgeleiteten Auseinandersetzung mit geistigen Fragen geprägt.
  • „Die Inquisition gehört zu den großen Verbrechen in der Geschichte der Menschheit“: Die Inquisition gilt entgegen der Tatsachen verbreitet als historisches Verbrechen von großem Ausmaß und wird verbreitet auch für Phänomene wie Hexenverfolgung verantwortlich gemacht. Tatsächlich bekämpfte die Inquisition die aus dem von Resten heidnischer Vorstellungen beeinflussten Volksglauben stammende Hexenverfolgung.
  • „Die Kirche hat behauptet, dass die Erde eine Scheibe sei“: Ebenfalls stark verbreitet ist weiterhin die Ansicht, Kolumbus habe seine Fahrt über den Atlantik entgegen der angeblichen Ansicht der Kirche angetreten, dass die Erde eine Scheibe sei. Dieser falsche Darstellung geht offenbar auf einen Roman des Autors Washington Irving aus dem 19. Jahrhundert zurück, dessen Darstellungen von der Populärkultur unkritisch übernommen wurden und sich rasch verbreiteten. Tatsächlich hatte die Kirche Kolumbus von seiner Fahrt abgeraten, weil sie anders als dieser über realistische Vorstellungen verfügte, was den Umfang der Erde anging, und deshalb davon ausging, dass die von Kolumbus geplante Route nach Asien zu weit sei.
  • „Die Kirche war Wegbereiter des Holocaust“: Einer „schwarze Legende“ jüngeren Datums sei die katholische Kirche einer der Wegbereiter des Holocaust gewesen. Dies geht vor allem auf ein größtenteils auf fiktive Darstellungen wie das Theaterstück „Der Stellvertreter“ des Dramatikers Rolf Hochhuth sowie auf Versuche kommunistischer Staaten zurück, ihre Christenverfolgung in der Nachkriegszeit zu rechtfertigen. Tatsächlich hatte der Nationalsozialismus die katholische Kirche wegen ihrer „artfremden“ und „jüdischen“ Weltanschauung entschieden bekämpft, während die katholische Kirche umgekehrt den Nationalsozialismus unter anderem wegen seines Antisemitismus bereits einige Jahre vor dem Holocaust eindeutig verurteilt hatte.
  • „Die Errungenschaften freiheitlicher Gesellschaften wurden gegen die Kirche erkämpft“: Es wird zum Teil behauptet, dass die positive Errungenschaften freiheitlicher Gesellschaften gegen die Kirche und das Christentum durchgesetzt hätten werden müssen. Tatsächlich beruht jedoch die freiheitliche europäische Nachkriegsordnung anders als ihre auf säkular-totalitären Ideologien Gegenbilder ausdrücklich auf christlicher Weltanschauung, etwa auf der Naturrechtslehre. Diese freiheitliche Ordnung wurde mit dem vollständigen Rückhalt der Kirche durch christlich-konservative Staatsmänner wie Konrad Adenauer errichtet.

Verbreitet werden bei Angriffen gegen das Christentum diesem mangels aktuellerer Beispiele auch Fehler vorgehalten, die dieses bereits vor Jahrhunderten korrigiert hat. Dabei werden bewusst der historische Kontext und die seitdem vollzogene Entwicklung verschwiegen.