Stand: 14.08.2018

Diese Seite beschreibt kulturelle und gesellschaftliche Herausforderungen für das Christentum, christliche Kultur und deren Umfeld in Deutschland und Europa. Die Seite befindet sich noch in einem frühen Entwurfsstadium.

1. Die Antikultur

Der Soziologe Philip Rieff bezeichnete den Komplex der Ideologien und geistigen Einflüsse, der die Zerstörung der auf dem Christentum beruhenden Substanz der Kulturen des europäischen Kulturraums bewirke anstrebe, als „Antikultur“. Die Antikultur lebe von einer Substanz, die sie schrittweise vernutze, und sei nicht nachhaltig.

Papst Johannes Paul II. sprach in seinem Buch „Erinnerung und Identität“ davon, dass in westlichen Gesellschaften ein Programm der „Anti-Evangelisierung“ wirke, dass sich gegen die verbliebene christliche Substanz westlicher Gesellschaften richte. Es sei global angelegt, verfüge über enorme finanzielle Mittel und ähnele in seinem destruktiven Wirken dem der mit ihm weltanschaulich verwandten totalitären Ideologien, auch wenn es sich „unter dem Anschein der Demokratie“ verberge. (Weiterlesen: Die Antikultur)

2. Kulturelle Auflösungserscheinungen

Hochkultur ist das Ergebnis des ständigen Kampf gegen entropische Kräfte. Wo dieser Kampf nicht oder falsch geführt wird, löst sich eine Hochkultur auf.

2.1 Der Verfall der Sprache

Die Bedeutung der Sprache für die Kultur

Sprache ist eine der Grundlagen der Kultur. Sie stiftet über die Generationen hinweg Gemeinschaft und ermöglicht die Weitergabe des geistigen und kulturellen Erbes.

Damit Tradition gepflegt werden kann, braucht sie Mittel und Symbole, die das Überlieferte ausdrücken. Die überlieferte Sprache ermöglicht Verständigung über viele Generationen hinweg. Sprache ist Ausdruck eines bestimmten Denkens, das nur noch bedingt ausgedrückt werden kann, wenn die Sprache dazu verlorengeht. Die Pflege des klassischen Lateins gab einigen Institutionen eine dauerhafte Form und ein Gedächtnis, das mittlerweile Jahrtausende umfasst.

Der chinesische Philosoph Konfuzius betonte die Bedeutung der Sprache für die Kultur:

Dsï Lu sprach: „Der Fürst von We wartet auf den Meister, um die Regierung auszuüben. Was würde der Meister zuerst in Angriff nehmen?“ Der Meister sprach: „Sicherlich die Richtigstellung der Begriffe. […] Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeiht Moral und Kunst nicht; gedeiht Moral und Kunst nicht, so treffen die Strafen nicht; treffen die Strafen nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Darum sorge der Edle, daß er seine Begriffe unter allen Umständen zu Worte bringen kann und seine Worte unter allen Umständen zu Taten machen kann. Der Edle duldet nicht, daß in seinen Worten irgend etwas in Unordnung ist. Das ist es, worauf alles ankommt.1

George Orwell beschrieb in seinem Roman „1984“ die Bedeutung der Sprache für das Denken am Beispiel eines totalitären Staates, der die Sprache gezielt so umgestaltet, dass nur noch Denken innerhalb des erwünschten Rahmens möglich sein soll.

Wie alle kulturellen Werke muss auch die Sprache aktiv gepflegt werden, um nicht durch die Kräfte der Entropie aufgelöst zu werden.

Allgemeine Herausforderungen im Bereich der Sprache

Während in Oberschichten das unten beschriebene vereinfachte Englisch an Bedeutung gewinnt, setzen sich in anderen Bevölkerungsschichten zunehmend vereinfachte Formen des Deutschen durch. Die Sprache löst sich somit sowohl von unten als auch unten oben auf.

Globale sprachliche Vereinheitlichung und vereinfachtes Englisch als Elitensprache

Englisch wird sich in Wirtschaft und Wissenschaft als Verkehrssprache durchsetzen. In vielen größeren Unternehmen ist es bereits üblich, die gesamte Kommunikation in englischer Sprache durchzuführen, auch wenn die überwiegende Mehrheit der Empfänger deutsche Muttersprachler sind. Es bildet sich ein „Globish“ heraus, eine vereinfachte und auf Fragen des Wirtschaftslebens vereinfachte Form des Englischen mit reduzierten Ausdrucksmöglichkeiten.2

Eltern werden in der Hoffnung, die beruflichen Chancen ihrer Kinder zu verbessern, immer früher damit beginnen, ihnen Englisch zu vermitteln. Entsprechende Angebote gibt es bereits für Kinder im Vorschulalter.

Anglizismen wurden wegen ihrer Unbestimmtheit früher vorwiegend in der Werbung verwendet. Durch ihre stärkere Verbreitung wird die deutsche Sprache allgemein weniger präzise und floskelhafter. Differenzierter Ausdruck und letztlich auch differenziertes Denken werden dadurch erschwert.4

In anderen europäischen Staaten sind ähnliche Entwicklungen zu beobachten. In Deutschland bildet sich etwa ein „Kiezdeutsch“ heraus, das einen grammatisch stark vereinfachter Dialekt des Deutschen mit zahlreichen arabischen und türkischen Lehnwörtern darstellt. Es werde vor allem an Schulen mit hohem Migrantenanteil gesprochen, wo auch deutsche Schüler es übernehmen würden.5 Mittelfristig könnte das „Kiezdeutsche“ zum Dialekt der Unterschichten in Deutschland werden.

Matthias Jung, der Vorsitzender des „Verbandes Deutsch als Fremdsprache“, erklärte, dass die deutsche Sprache in Zukunft im Normalfall nicht mehr akzent- und fehlerfrei gesprochen werde.6

Sprachverfall in Folge kultureller Auflösungserscheinungen

  • Mangelnder Wille zur Sprachpflege: Matthias Jung, der Vorsitzender des „Verbandes Deutsch als Fremdsprache“, bewertet „Spracherosion“ und die Herausfbildung neuer Dialekte der deutschen Sprache in migrantischen Unterschichten als positiv, weil dies „originell“ sei.7
  • Entstellung von Begriffen: Die Entstellung von Begriffen löst den geistigen Raum auf, der dem Menschen die Dinge vermittelt die er braucht, um richtig leben zu können. Begriffe wie Liebe und Freiheit beschreiben aufgrund des Wandels ihrer Bedeutung im allgemeinen Sprachgebrauch nun andere Dinge als in der Vergangenheit. „Liebe“ wird etwa allgemein nur noch als erotisches Verlangen verstanden und nicht als der Wunsch zum Dienst an einem anderen Menschen. „Freiheit“ wird als Abwesenheit äußerer Auflagen verstanden und nicht als die Folge erfolgreicher Selbstkontrolle.

2.2 Der Verlust kultureller Standards

Der Politikwissenschaftler Charles Murray sprach von der Herausbildung „ausgehöhlter Eliten“ in westlichen Gesellschaften, die keine kulturellen Standards mehr für den Rest der Gesellschaft setzen wollten und keinen entsprechenden Führungsanspruch erheben würden.8

Der Soziologe Daniel Patrick Moynihan sprach vom Phänomen der schrittweisen Abwärtsverschiebung kultureller Standards („defining deviancy down“) in westlichen Gesellschaften. Dinge, die früher als kriminell, illegitim, unmoralisch oder antisozial galten, würden zunächst in den Bereich des tolerierten rücken und schließlich akzeptabel oder sogar zur neuen kulturellen Norm werden.

2.2.1 „Prole Drift“ und die Idealisierung kulturellen Verfalls

Kulturell betrachtet handelt es sich bei großen Teilen der Eliten westlicher Gesellschaften um Unterschichten, die über Einfluss und Geld verfügen.

Asfa Wossen-Asserate beschrieb das kulturelle Phänomen des „Grobianismus“, der jegliche Formen ablehne, welche die schlechteren Teile der Natur des Menschen kontrollierten, und sich bewusst obszön gebe. Das Motiv solchen Verhaltens sei der Wunsch, progressive bzw. revolutionäre Gesinnung zu demonstrieren. Man wollte dadurch zeigen, dass man authentisch und echt sei und dem Volk nahestehe. Dies sei in einer Zeit des allgemeinen Wohlstands Ausdruck einer Suche nach der „Erfahrung der Wirklichkeit und echter Vitalität“. Die „wohlgenährten, teuer gekleideten Pflänzchen des Bürgertums“ würden dabei „in der romantischen Phantasie der Gesetzlosigkeit in schmutzigen Straßen“ schwelgen.

In Deutschland sei „die Attittüde von Antiintellektualismus, Traditionsfeindschaft und anarchischer Kraftgebärde“ bereits im 19. Jahrhundert für das Studententum stilprägend gewesen, was die 68er-Bewegung vor anderem ideologischem Hintergrund fortgesetzt habe. Anders als in früheren Zeiten sei diese Phase im Fall der 68er jedoch nicht mit dem Verlassen der Universität beendet gewesen. Die Folge davon sei eine „ästhetische Primitivisierung“ des Gesellschaft.

Das Intakte, Geordnete und Funktionierende gilt oft als spießig, langweilig und verklemmt, während das defekte als vital und interessant wahrgenommen wird. 2018 waren die muslimischen Rapper Kollegah und Farid Bang für den „Echo“-Preis der deutschen Musikindustrie nominiert. Sie waren vor allem durch ihre gewaltverherrlichenden, christenfeindlichen und antisemitischen Texte aufgefallen.

Die Kultur afroamerikanischer Unterschichten wird mit großem Erfolg global vermarktet. Sie wird auch von Weißen verbreitet als Ausdruck von Vitalität und Authentizität oder fundierter Gesellschaftskritik wahrgenommen und in Teilen kopiert. Tätowierungen, Graffiti, bestimmte Sportkleidung, Rap und Hip Hop mit antisozialen Texten und Betonung von Gewalt und Frauenverachtung und aus dem Milieu von afroamerikanschen Banden der Organisierten Kriminalität in den in den USA  stammende Umgangssprache sind mittlerweile auch außerhalb des Milieus verbreitet, in dem sie ursprünglich entstanden sind

Die damit verbundenen kulturellen Konzepte bieten auch für migrantische Unterschichten in Europa attraktive Identifikationsangebote und werden hier ebenfalls häufig kopiert.

Afroamerikanische Kritiker dieser Kultur wie der US-Amerikaner John McWhorter weisen darauf hin, dass sie die ohnehin schwierige Lage vieler Schwarzer weiter verschärft. Die  u.a. mit Ablehnung von Bildung und legaler Erwerbsarbeit sowie mit Frauenverachtung verbundene “Gangsta Culture” erzeugt unter denen, die sie annehmen, zwangsläufig Verlendung, für die anschließend von Aktivisten angebliche Diskriminierung durch Weiße verantwortlich gemacht wird.

2.2.2 Selbstoptimierung als gegenläufige Tendenz

Inhalt folgt.

2.3 Der Verfall des Bildungswesens

2.3.1 Der Verfall der Universitäten

Verschulungstendenzen und Infantilisierung

Studenten werden an Universitäten zunehmend nicht mehr wie Erwachsene sondern wie Jugendliche behandelt, was sich u.a. in zunehmenden Verschulungstendenzen äußert. Vor allem geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer, für die ein hohes Maß an Eigentumotivation und Freiheit in der Gestaltung erforderlich sind, leiden darunter.

In den USA begann eine Bewegung studentischer Aktivisten, die vor allem in den Geistes- und sozialwissenschaften fordern, dass das Personal mutmaßlich für Studenten emotional zu belastenden Studienhalten sog. „Trigger Warning“ voranstellt. An der Universität Cambridge in Großbritannien werden Studenten vor der Teilnahme an einer Vorlesung über Texte Shakespeares darauf hingewiesen, dass einige dieser Texte Beschreibungen sexueller Gewalt enthielten.9

Verdrängung des klassischen Bildungsideals durch neomarxistischen Aktivismus und postmodernen Dekonstruktivismus

Der Politikwissenschaftler Allan Bloom, ein Schüler von Leo Strauss, beschrieb 1987 in seinem Werk „The Closing of the American Mind“ kulturelle Auflösungserscheinungen vor allem in den Bereichen Geistes- und Sozialwissenschaften an amerikanischen Universitäten, die auch in Europa zu beobachten sind.

Die abendländische universitäre Tradition mit ihren Wurzeln im Denken der griechischen Antike mit ihrem Ziel des Streben nach Wahrheit werde im Zuge der Durchsetzung zunächst neomarxistischer und dann postmoderner Ideologie seit späten 1960er Jahren zunehmend durch Ideologisierung von Fächern sowie durch die Ablehnung der Vorstellung der Existenz einer objektiven Wirklichkeit verdrängt. An die Stelle der abendländischen Tradition des Denkens würden Relativismus und die Berufung auf die eigenen Gefühle treten.

Die Weitergabe des abendländischen kulturellen Erbes fände an Universitäten in immer geringerem Maße statt. Ein Erbe, das man nicht kenne, könne man jedoch nicht bewahren oder verteidigen.

2.3.2 Verfall der Schulen

Aufgrund von allgemeinen gesellschaftlichen Auflösungserscheinungen bringen viele Schüler nicht mehr die sozialen, sprachlichen und sonstigen Kompetenzen von zu Hause aus mit, die das Schulsystem bislang voraussetzte.

Senkung von Standards

Während die durchschnittlichen Abiturnoten deutschlandweit immer besser werden, sinkt das durchschnittliche Leistungsniveau der Abiturienten gleichzeitig.

Die Deutsche Bahn schaffte 2018 Motivationsschreiben bei Bewerbungen für Auszubildendenstellen ab, weil die für viele Bewerber eine zu hohe Anforderung darstelle.

2.4 Die Tendenz zur Hypermoral

Der Philosoph Reinhard K. Sprenger beschrieb die Tendenz zur Hypermoral als Folge des Verlusts der traditionellen religiösen Grundlagen von Moral, wie sie etwa in der Naturrechtslehre zum Ausdruck kommen, in Europa. Gleichzeitig gehe es bei der moralischen Aufladung von Fragen darum, eigene Interessen als „Werte“ darzustellen. Diese Tendenz schade dem Gemeinwohl:

Moralisierer denken nicht. Sie urteilen. Mehrdeutigkeit, Ambivalenz, Kontext- und Situationsbezug kennen sie nicht. […] Das erinnert an Hermann Lübbes Diktum: «Moralismus ist der Triumph der guten Gesinnung über die Gesetze des Verstandes.» Zugleich sind sie hochenergetisch, wach, tätig, misstrauisch, versierte Erniedriger höherer Ideen und Menschen, erfüllt von menschenfreundlichen Theorien. Sie gehen nicht auf Argumente ein, sondern sind empört, dass sie überhaupt vertreten werden. […]

[D]ass gute Absichten schlechte Folgen haben, egoistisches Verhalten umgekehrt sozialen Nutzen erzeugen kann – diese Gedankenwege beschreiten sie nicht. Im Regelfall wird ein Wert aus der Ambiguität herausgelöst und normativ so hoch aufgeladen, dass man sich aus der Solidargemeinschaft der Zivilisierten verabschiedet, hebt man gegen ihn die Stimme. […]

Ohne Moral geht es nicht. Aber ihre Überdehnung auf alle Lebensbereiche, die Segmentierung der Gesellschaft in Gute und Schlechte, zerstört den Wert der Moral: dem Zusammenleben zu dienen, nicht der Trennung.

2.5 Unwille zur Selbstbehauptung

Der Philosoph Peter Sloterdijk sprach von  „lähmender Harmlosigkeit“ und einer „alles durchdringenden Ernstfallferne“ der Kultur in Deutschland. 10

Der Schriftsteller Imre Kertesz sah im „selbstmörderischen Liberalismus“ und im „überzüchteten Zustand“ der europäischen Kultur die Ursachen der europäischen Unfähigkeit zur Selbstbehauptung. Europa sei „nicht nur nicht mehr fähig, vielmehr auch nicht mehr willens ist, sich zu verteidigen“. Es verherrliche die eigenen Feinde und bekämpfe die jenigen, die vor ihnen warnen würden. In Europa würden „die Lüge und die totale Selbstaufgabe […] zu den guten Manieren“ gehören.

Die Autoren Parviz Amoghli und Alexander Meschnig analysieren in ihrem Buch mit dem Titel „Siegen“ den Verlust der Fähigkeit europäischer Gesellschaften zur Selbstbehauptung. Die Ursachen dafür seien vor allem geistig-kultureller Art. Gesellschaften, die sich nicht gegen Herausforderer verteidigen wollten, könnten nicht nachhaltig sein.

Der dauerhafte Bestand eines Gemeinwesens setze voraus, dass dieses sich verteidigen könne. Dem Strategietheoretiker Carl von Clausewitz zufolge sei dabei die geistig-kulturelle Fähigkeit zur Selbstbehauptung wichtiger als die technisch-militärische Fähigkeit dazu. Die „moralischen Kräfte“ in einer Gesellschaft bezeichnete er als das „edle Metall, die eigentliche, blank geschliffene Waffe“, die es einem Gemeinwesen erlaube, sich zu verteidigen. In Europa seien diese moralischen Kräfte im Zuge der kulturellen Entwicklung jedoch zunehmend verloren gegangen, weshalb Europa zur Selbstbehauptung weitgehend unfähig geworden sei.

Dies gehe unter anderem aus Umfragen hervor, denen zufolge nur kleine Minderheiten der Bürger der meisten europäischen Staaten dazu bereit seien, im Verteidigungsfall Dienst als Soldat zu leisten. In Deutschland würden demnach 82 Prozent der Bürger eine bewaffnete Beteiligung an der Verteidigung ihres Landes verweigern.

Die Ideologien der Wehrlosigkeit

Der Althistoriker Egon Flaig hatte das Phänomen der kulturell bedingten Schwierigkeiten europäischer Gesellschaften, sich gegen äußere Herausforderer durchzusetzen, ebenfalls beschrieben:

Einen Krieg führen verlangt Zustimmung, um Opfer bringen zu können im Kampf gegen einen definierten Feind. Was aber, wenn die hegemonialen Diskurse abstreiten, dass es noch Feinde gibt, und den Begriff der „Feindschaft“ moralisch ächten? […] Wenn wir fragen, wieso die medialen Akteure und die politische Klasse seit 2001 sich weigern, die Terrorakte eines explizit angekündigte Djihad als Angriffe auf den republikanischen Staat zu begreifen, entdecken wir die Ursache in der bestürzenden diskursiven Unfähigkeit, den Krieg zu denken.“

Die Autoren knüpfen an daran an und sehen in den folgenden weltanschaulichen Konzepten die Ursachen geistiger Wehrlosigkeit europäischer Gesellschaften:

  • Egalitarismus: Entsprechendes Denken sehe in der Wahrnehmung von Unterschieden jeglicher Art und in der Formulierung eigener Interessen die Ursache von Konflikten. Von der Leugnung von Unterschieden und dem Verzicht auf die Formulierung von Interessen erhoffe man sich die Beseitigung von Konflikten. Dabei handele es sich jedoch um Selbsttäuschung, da Feindschaft und die sie begründenden absoluten Interessengegensätze nicht dadurch verschwinden würden, dass man ihre Existenz leugne. Egalitarismus lasse außerdem die Vorstellung einer besonderen Schutzwürdigkeit des eigenen Gemeinwesens als moralisch illegitim erscheinen. In extremen Formen sei egalitaristisches Denken damit verbunden, für das Gemeinwohl schädliche Phänomene wie die Zuwanderung militanter Islamisten aktiv zu fördern. Dadurch wolle man unter Beweis stellen, dass man frei von jeglicher Tendenz zur Diskriminierung sei und tatsächlich alle Menschen unter allen Umständen als gleich ansehe und gleich behandele.
  • Mangel an Selbstgewissheit: Dieser seien eine Folge egalitaristischen Denkens. Viele Europäer würden die Kulturhöhe und den Wohlstand Europas als Ausdruck von Ungerechtigkeit empfinden und diesbezüglich Schuldgefühle entwickeln. Angriffe nichteuropäischer Akteure (etwa islamistischer Terroristen) würden daher häufig auf Verständnis und Nachsicht anstatt auf Entschlossenheit stoßen. In extremen Fällen seien diese Schuldgefühle mit einem Wunsch nach Selbstauflösung und zu allgemeiner Zustimmung zu jeder von außen an das Gemeinwesen gerichteten Forderung verbunden.
  • Postheroisches Denken: Soldaten und Polizisten, die im Rahmen ihres Dienstes besondere Tapferkeit bis hin zur Inkaufnahme des eigenen Todes zeigen müssten, begegne man mit Misstrauen oder Verachtung, da ihr Ethos egalitaristischem Denken widerspreche. Eine postheroische Gesellschaft sei davon abhängig, dass einem von ihr bekämpften Ethos folgende Menschen dazu bereit seien, sie dennoch zu verteidigen, was ein Wagnis darstelle.
  • Humanitarismus: Sicherheitspolitisches Geschehen werde vor allem in Deutschland nicht in Kategorien wie Gemeinwohl oder nationalem Interesse, sondern in moralistischen Kategorien oder in denen des Sozialstaats wahrgenommen und diskutiert. Dadurch, dass Staat und Gesellschaft die Ansprüche externer Akteure über die Erfordernisse des Gemeinwohls zu stellen bereit seien, würden sie moralisch erpressbar. Dies äußere sich unter anderem darin, dass man auf die Durchsetzung von Gesetzen gegen Widerstand zunehmend verzichte. Illegale Einwanderung werde in Deutschland unter Berufung auf humanitäre Gründe zum Beispiel faktisch nicht mehr wirksam unterbunden oder strafrechtlich verfolgt. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler wies außerdem darauf hin, dass postheroische Gesellschaften nicht über den politischen Willen dazu verfügten, ihren Gegner den zu ihrer Abwehr erforderlichen Schaden zuzufügen.
  • Pazifismus: In Folge zweier katastrophaler Kriege habe sich in Europa die Ansicht durchgesetzt, dass die kulturelle Fähigkeit zur Kriegführung die Ursache von Kriegen sei. Dies sei jedoch eine falsche Lehre aus der Geschichte, da die tatsächliche Ursache von Kriegen in den Absichten der Angreifer läge. Wer die Fähigkeit zur Führung von Kriegen allgemein ablehne, schwäche eine Gesellschaft gegenüber möglichen Angreifern.

Eine von diesen Tendenzen geprägte Gesellschaft könne weder eigene Interessen formulieren noch sich verteidigen. Diesbezüglich gebe es eine „moralische Asymmetrie“ zwischen europäischen Gesellschaften und militanten Islamisten und anderen Herausforderern, die diese zu ihrem Vorteil ausnutzen würden.

Es gibt zudem eine falsch verstandene Toleranz, hinter der sich Gleichgültigkeit verbirgt, die sich als Tugend auszugeben versucht.

2.6 Verlust von Männlichkeit und Weiblichkeit

2.6.1 Verlust von Männlichkeit bei Männern

In der Wochenzeitung „Die Zeit“ beschrieb Nina Pauer deutsche Männer als eingeschüchterte „Schmerzensmänner“, die von einer männliche Identitätskrise betroffen seien. Sie seien zu „lieb, melancholisch und sehr mit sich selbst beschäftigt“, was für Frauen zum Problem werde, weil diese keine schwachen Männer wünschen. Die Entmännlichung des deutschen Mannes habe „groteske Züge“ angenommen.

In der „taz“ wurden deutsche Männer übereinstimmend als „schüchtern und asexuell“ beschrieben. Partnervermittlungen erklären Frauen dementsprechend, wie sie mit dem Problem schüchterner deutscher Männer umgehen können. 

Im europäischen Kulturraum ist bei jungen Männern das Phänomen des Aufschiebens des Übergangs ins Erwachsenenalter zu beobachten.

Der Zurschaustellung von Überempfindlichkeit und Fragilität wird immer stärker akzeptiert oder als Ideal betrachtet und ist mit einem Gewinn an gesellschaftlichem Status verbunden.

Alleinerziehende Mütter erkennen oft die Erfordernisse der Erziehung von Jungen nicht oder sind mit dieser überfordert, weshalb die Entwicklung einer intakten maskulinen Identität bei den Söhnen alleinerziehender Mütter in vielen Fällen nicht gelingt.

Camille Paglia: Der Verlust der Männlichkeit als Phänomen scheiternder Kulturen

Die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Camille Paglia beschrieb im Zusammenhang mit Versuchen zur Auflösung traditioneller Konzepte von Geschlechteridentität, dass westliche Kulturen der Gegenwart sich in dieser Hinsicht so verhalten würden wie untergegangene Kulturen in ihren Spätphasen.

Es sei für die Spätphasen von Kulturen typisch, dass in ihnen Vorstellungen abgelehnt würden, die Männlichkeit etwa über physische Durchsetzungsfähigkeit oder die Zeugung von Nachkommen definieren. Jene Kulturen hätten sich in der Endphase ihrer Existenz über die vermeintlichen Fesseln von Tradition und Natur erhaben gefühlt und wären noch in ihrem Scheitern von der Überlegenheit ihrer Ablehnung von Männlichkeit überzeugt gewesen, während sich an ihrer Peripherie Herausforderer formiert hätten, deren Vorstellung von Männlichkeit eine „heroische Maskulinität“ gewesen sei.

Diese Herausforderer hätten dann die Existenz der entmännlichten Kulturen beendet. Es gäbe in diesem Zusammenhang eine Symmetrie zwischen aktuellem Genderaktivismus in westlichen Gesellschaften und dem Erstarken von Kräften wie dem Islamischen Staat.

Daniele Giglioli: Effeminisierung von Gesellschaften führt zu Wehrlosigkeit

Daniele Giglioli lehrt Literaturwissenschaften an der Universität Bergamo. Er kritisierte, dass westliche Gesellschaften durch Anstrengungen zur Zerstörung ihres traditionellen Männlichkeitsverständnisses erhebliche Risiken eingingen. Die damit verbundene Tendenz zur Effeminisierung mache diese Gesellschaften zunehmend unfähig dazu, existenziellen Herausforderungen zu begegnen.

Giglioli ist im deutschsprachigen Raum vor allem durch seine kulturkritische Schrift „Die Opferfalle“ bekannt geworden, in der er sich mit der Tendenz westlicher Gesellschaften auseinandersetzt, moralischen Status nicht mehr mit herausragenden guten Taten, sondern mit einem Opferstatus zu verbinden. Dies führe zu Effeminisierung, unter anderem in Form einer wachsenden Idealisierung von Passivität und Schwäche, was diese Gesellschaften zunehmend unfähig mache, existenziellen Herausforderungen zu begegnen.

In seinem aktuellen Aufsatz setzt sich er sich mit dem zunehmenden Verlust männlicher Tugend in westlichen Gesellschaften im Zuge der Durchsetzung postmoderner und neo-marxistischer Ideologien, etwa des Feminismus, auseinander. Die Folgen dieser Entwicklung seien gefährlich:

Die eigentliche Gefahr einer Dekonstruktion der patriarchalen Ideologie besteht darin, dass zusammen mit der Ideologie auch jene Tugenden langsam verschwinden, die der männlichen Dimension zugeschrieben wurden: Mut, Redlichkeit, Verantwortung, Sorge um das öffentliche Leben, Gemeinsinn.  […] Die Tatsache aber, dass die Tugenden […] im Verschwinden begriffen sind, ist der hohe Preis, den wir gerade dafür bezahlen. Zumindest so viel steht darum fest: Das Ende des Patriarchats wird weder schmerzlos noch wirkungslos über die Bühne gehen. […]

Die Männer praktizieren die sogenannten männlichen Tugenden kaum noch. Die schlimmsten Exemplare – die Weinsteins – scheinen vom männlichen Charakter lediglich dessen raubtierhafte Züge, rohe Gewalt und Präpotenz geerbt zu haben. Die besten Vertreter des männlichen Geschlechts scheinen sich derweil oft darauf zu beschränken, jene Züge für sich zu beanspruchen, die einst dem vermeintlich weiblichen Charakter zugeschrieben wurden: Zerbrechlichkeit, Verletzlichkeit, Schutzbedürfnis. Einem Jungen hat man früher beigebracht, dass Weinen sich für einen kleinen Mann nicht zieme. Heute gilt ein Mann, der weint, ipso facto als anständig, ehrlich, feinsinnig, spontan, gefühlvoll.

Eine dauerhafte Gesellschaft benötige zu ihrem Fortbestand jedoch auch tätige männliche Tugenden und das  „Vermögen, Städte – und damit Institutionen, Erfindungen, Gesetze und Werke – zu gründen“. Sentimentale und zerbrechliche Männer wären kaum in der Lage, diesen Auftrag zu erfüllen.

Überbehütende Erziehung von Jungen

Insbesondere Einzelkinder bzw. einzelne Söhne werden zunehmend überbehütend aufgezogen und dabei von Risiken, Belastungen und Herausforderungen ferngehalten. Dies führt in vielen Fälle bei Jungen zu einer Verbindung von Hilflosigkeit, Verletzlichkeit und hohen Ansprüchen bzw. der lebenslangen Erwartung, einen Anspruch auf Versorgung durch andere und Erfüllung der eigenen Wünsche zu haben.

Allgemein wird Erwachsenen gesellschaftlich immer weniger zugetraut, Verantwortung für ihr Leben und ihre Entscheidungen zu übernehmen. Gleichzeitig ist eine Infantilisierung von Diskursen zu beobachten, in denen der Verweis auf die Verletzung der eigenen Gefühle an die Stelle von Argumenten tritt.11

Ablehnung traditioneller Männlichkeit durch den Feminismus

Maskulinität gilt zunehmend pauschal als „toxisch“. Maskulines Verhalten wird bereits bei Kindern pathologisiert und z.T. als angebliche Krankheit ADHS mit Psychopharmaka behandelt.

Die Feministin Gloria Steinem forderte dazu auf, Jungen so zu erziehen, als seien sie Mädchen. Jungen sollen dazu gebracht werden Schwäche und Emotionen zu zeigen und feminine Eigenschaften zu entwickeln. Gleichzeitig soll verhindert werden, dass sie sich mit einer männlichen Rolle identifizieren. Teilweise wird dies damit begründet, dass die Identifikation mit dieser Rolle die individuelle Freiheit der Jungen einschränken würde. Meist steht hinter dieser Forderung aber die Ablehnung des  traditionellen Konzepts von Männlickeit.

Auch der Feminist Jack Urwin lehnt es ausdrücklich ab, dass Männer Eigenschaften wie Stärke und Mut entwickeln sollten.

In einigen europäischen Staaten wird in Kindergärten und Grundschulen das Konzept der „geschlechtsneutralen Erziehung“ verfolgt, dass nach Aussagen der Verantwortlichen verhindern soll, „dass die Jungs jungenhaft und die Mädchen mädchenhaft agieren“. Ein Ziel dieses Konzepts ist es, Jungen maskulines Verhalten abzuerziehen:

In dem einen Raum versammeln sich alle Mädchen, brüllen so laut sie können und werfen sich in Kriegerposen. »Ich bin stark!« rufen sie wieder und wieder, bis der ganze Raum hallt: »Ich bin staaaaaark!« Dann feuern sie mit einer imaginären Armbrust unsichtbare Pfeile in den Raum. Im anderen treffen sich die Jungs, aber statt mit Handschlag wie die Mädchen begrüßen sie sich mit einer Umarmung. Statt zu brüllen lernen sie, beim Zusammensetzen eines Mosaiks friedlich zu kooperieren. Dann massieren sie sich gegenseitig die Füße.

Jungen werden auf diese Weise in ihrer Entwicklung behindert und werden als Erwachsene nur einschränkt dazu in der Lage sein, eine Rolle als Beschützer und Versorger einer Familie einzunehmen. Der im Sinne feministischer Ideologie deformierte Mann wird es mangels maskuliner und für Frauen attraktiver Eigenschaften allgemein schwer haben, überhaupt eine Partnerin zu finden.

Entartete Formen von Maskulinität

In Folge des Verlustes an traditionellen Männlichkeitskonzepten und als Reaktion auf die Abwertung von Maskulinität verbreiten sich korrumpierte Männlichkeitsbilder.

Dem Psychologen Jordan B. Peterson zufolge könnven vaterlos aufwachsende Jungen sowie die Söhne von Vätern, die diesen kein entsprechendes Vorbild gäben, könnten gesunde Männlichkeit kaum entwickeln. Dies bringe für das Gemeinwesen schädliche, entartete Formen von Männlichkeit hervor, die sich in Narzissmus oder Effeminiertheit, aber auch in Frauenverachtung sowie verantwortungslosem und kriminellem Verhalten äußerten.

  • Die „Red Pill“-Bewegung idealisiert den dominanten, körperlich starken und sexuell leistungsfähigen Mann, kennt aber die Vorstellung nicht, dass er seine Stärke in den Dienst zu stellen und Verantwortung zu übernehmen hat.
  • Die „Bro Culture„, die unter gut ausgebildeten weißen jungen Männern in den USA verbreitet sei, verbinde Hedonismus mit Amoralität.
  • Die „Incel“-Bewegung (der Begriff bezeichnet unfreiwillig zölibatär lebende Männer) besteht offenbar aus jungen Männern, die bei der Herausbildung sowohl intakter als auch korrumpierter Maskulinität gescheitert sind und darauf mit allgemeinen Ressentiments sowohl gegenüber sexuell erfolgreichen Männern die dem Ideal der „Red Pill“-Bewegung folgen als auch gegenüber Frauen reagieren. Einige Amokläufer in den USA bewegten sich offenbar im Umfeld der „Incel“-Bewegung.
2.6.2 Verlust von Weiblichkeit

Die eigentlich weibliche Berufung, nämlich die Mutter zu sein, wird immer stärker abgewertet. So erklärte etwa die OECD sinngemäß, dass Mutterschaft eine volkswirtschaftliche Belastung darstelle, weil sie Frauen dem Arbeitsmarkt entziehe.

Die feministische Vordenkerin Simone de Beauvoir leugnete das weibliche Wesen der Frau bzw. erklärte die weiblichen Aspekte der Identität der Frau zu etwas, das überwunden werden müsse. Sie behauptete u.a., dass die Frau in der Mentruation etwas „Fremdes“ und in der Schwangerschaft eine „noch tiefere Selbstentfremdung“ erfahren würde. Die Frau werde zudem durch die „Fortpflanzungsfunktion“ unterdrückt. Dies zu überwinden sei die Voraussetzung für die „Befreiung“ der Frau.

Moderne und postmoderne Kultur bekämpfen Weiblichkeit ebenso wie Männlichkeit. Sie leugnen nicht nur die zweigeschlechtliche Identität des Menschen, sondern propagieren auch das Schönheitsdeal der unfruchtbaren, untergewichtigen Frau. Sie haben eine Antimedizin geschaffen, die nicht das Leben schützt und fördert, sondern ungeborene Kinder tötet und Medikamente produziert, die unfruchtbar machen.

2.7 Fortschrittoptimismus und die Ausblendung krisenhafter Entwicklungen

Der Neurowissenschaftler Steven R. Quartz lehrt am California Institute of Technology. In einem Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung vertrat er die These, dass die Lage der Welt sich grundsätzlich zum Besseren verändere, und dass Kulturpessimismus daher Ausdruck einer Wahrnehmungsstörung sei.

Quartz argumentiert dabei vor allem damit, dass sich die materielle Lage der meisten Menschen in den vergangenen Jahrzehnten verbessert habe. Die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben würden, sei etwa deutlich zurückgegangen, während die Lebenserwartung allgemein zunehme. Negative Wahrnehmungen bezüglich der Entwicklungen in der Welt seien vor diesem Hintergrund irrational.

Ursache für solche Wahrnehmungen sei eine verbreitete Wahrnehmungsstörung, die zu einer Idealisierung der Vergangenheit führe und Menschen anfällig für “Narrative des Niedergangs” und Kulturpessimismus mache. Vor der Wahrnehmung einer negativen Entwicklung müsse man jedoch “auf der Hut sein”, weil sie “Urgefühle von Furcht” auslöse, “was wiederum dazu führt, dass eine rationale Einschätzung nicht mehr möglich ist.”

Die Argumentation von Quartz weist drei wesentliche Mängel auf:

  • Quartz betrachtet das Geschehen in der Welt aus einer materialistischen Perspektive und blendet nichtmaterielle Kriterien der Bewertung des Geschehens vollständig aus. Wesentliche Aspekte menschlicher Existenz sowie gesellschaftlicher und kultureller Entwicklung bleiben für ihn somit vollständig unsichtbar; und sein Blick auf die Wirklichkeit ist in einer Weise verengt, die dieser nicht gerecht wird.
  • Er argumentiert zudem ausschließlich auf einer globalen Ebene, so dass lokale und regionale Entwicklungen nicht sichtbar werden, und blendet dabei außerdem wesentliche materielle Indikatoren aus. Ein Blick auf die konkreten Bedingungen westlicher Gesellschaften belegt jedoch bei einigen materiellen Sozialindikatoren existentielle Herausforderungen. Dies gilt etwa für die demographische Entwicklung, die in fast allen westlichen Gesellschaften seit langem nicht mehr nachhaltig ist.
  • Da Quartz auf Grundlage seiner materialistischen Ideologie blind für die kulturellen Triebkräfte der Entwicklung von Gesellschaften ist, zieht er zudem nicht die Möglichkeit von künftigen Trendbrüchen bei der Entwicklung materieller Indikatoren in Folge der Erschöpfung kultureller Substanz in Erwägung. Er ähnelt hier einem Piloten, der sich unmittelbar nach einem Triebswerksausfall dadurch zu beruhigen versucht, dass sein Flugzeug zunächst noch an Höhe gewinnt und es daher irrational sei, ein grundsätzliches Problem anzunehmen.

Quartz hat den Rahmen seiner Argumentation so gesetzt, dass für die Zukunft westlicher Gesellschaften existentiell bedeutsame negative Entwicklungen unsichtbar bleiben. Gleichzeitig versucht er, einen verengten Blick auf die Wirklichkeit zum Ausdruck überlegener Rationalität zu erklären. Ein umfassenderer Blick auf die Entwicklung europäischer Gesellschaften offenbart jedoch existentielle Herausforderungen, die Quartz mit seinem Ansatz nicht erkennen kann. Seine Diagnose über mutmaßliche Wahrnehmungsstörungen und Irrationalität bei den Vertretern einer skeptischeren Weltsicht scheitert somit ausgerechnet an seiner unvollständigen Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Ein rationaler Kulturpessimismus beruht auf der Erkenntnis, dass geistige und kulturelle Faktoren für die Entwicklung von Gesellschaften wichtiger sind als von ihnen abhängige materielle Faktoren. Ein solcher Kulturpessimismus ist sich zudem der Schwächen der menschlichen Natur und der Fragilität aller kulturellen Werke bewusst. Die Kontinuität von Gemeinwesen beruht darauf, dass wachsame Eliten einen solchen Kulturpessimisus pflegen, denn nur er ermöglicht es, strategische Herausforderungen auf der entscheidenden geistig-kulturellen Ebene angemessen zu erkennen und ihnen rechtzeitig und wirksam zu begegnen.

2.8 Der Verfall der Debattenkultur

Der Raum für Debatten wird aufgrund kultureller und politischer Entwicklungen enger. Kritik am Handeln von Regierungen und den Ideologien, mit denen sie ihr Handeln legitimieren, sowie die Ansprache von unbewältigten gesellschaftlichen Herausforderungen wird häufig als Ausdruck von „Haß“ und „Intoleranz“ denunziert, so dass keine Debatte mehr stattfinden kann.

Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit  durch die nachfolgenden Ereignisse bestätigten Warnungen vor den möglichen Folgen der Öffnung der Grenzen Deutschlands für irreguläre Migration 2015. Auch über die faktische Aussetzung des im Grundgesetz formulierten staatlichen Auftrags des besonderen Schutzes von Ehe und Familie durch die Umdefinition des Ehebegriffes 2017 gab es praktisch keine Debatte, nachdem Kritikern pauschal „Homophobie“ etc. unterstellt worden war.

Zunehmend setzt sich die Einstellung durch, dass mit diesen Methoden aus der öffentlichen Debatte herausgedrängten Positionen allgemein kein Forum geboten werden dürfe. Eine angemessene, neutrale Darstellung entsprechender Positionen, die eine Diskussion ermöglichen würde, findet in großen Teile der Medien nicht mehr statt. Das Vertreten solcher Positionen ist zudem verstärkt nicht nur mit sozialer Isolation, sondern auch mit dem Verlust der Arbeitsstelle verbunden.

Auch die Wahrnehmung und Ansprache gesellschaftlicher Herausforderungen werden mit den gleichen Mitteln zunehmend tabuisiert. In Großbritannien konnten vorwiegend von Muslimen gebildete Vergewaltigerbanden jahrelang weitgehend ungehindert agieren, weil Mitarbeiter von Behörden Angst hatten, bei Ansprache des Problems Rassismusvorwürfen ausgesetzt zu werden.

Gleichzeitig ist eine Infantilisierung von Diskursen zu beobachten, in denen der Verweis auf die Verletzung der eigenen Gefühle an die Stelle von Argumenten tritt.12

2.9 Die Auflösung der Hochkultur

Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski erwartet die Auflösung des Bildungsbürgertums in Deutschland weil dieses sich nicht mehr regeneriere bzw. es nur noch geringes Interesse an seiner Kultur in jüngeren Generationen gebe.13

2.9.1 Der Verfall der Lesekultur

Die Zahl der Deutschen, die regelmäßig Bücher erwerben, ist zwischen 2013 und 2017 um 6,4 Mio. Menschen bzw. um 18 Prozent gesunken. Eine Untersuchung des Buchhandels ergab, dass der wichtigste Grund dafür sei, dass viele Menschen sich nicht mehr die Konzentration aufbrächten, um ein ganzes Buch zu lesen. Bücher seien außerdem aus dem öffentlichen Diskurs weitgehend verschwunden, so dass man sich nur schwer mit anderen Menschen über sie austauschen könne.

2.10 Die Geschwindkeit technologischer Entwicklung überfordert die Kultur

Die Geschwindkeit der Veränderung ist oft zu groß, als das die Kultur sich darauf einstellen und negative Begleiterscheinungen dieser Entwicklung kulturell abfedern könnte.

Ein Beispiel für erfolgreiche Anpassung der Kultur an technischen Wandel sind Bewertungssysteme im Internet, die den möglichen negativen Folgen der Anonymität im Netz entgegenwirken und dazu beitragen, dass Betrug oder andere Formen antisozialen Verhaltens durch das Streben der Nutzer nach einem guten Ruf eingedämmt werden.

2.11 Sexueller Liberalismus und seine Folgen

Sexueller Liberalismus leugnet die Natur des Mannes als Vater und Träger von Verantwortung und die Rolle der Frau als Mutter. Er lehnt auch die Annahme ab, das Sexualität der Kontinuität des Lebens dienen solle.

Sexueller Liberalismus betrachtet den Menschen statt dessen als bindungslosen Träger von Bedürfnissen, die zu befriedigen seien. Beziehungen von Menschen betrachtet er als Verträge und Sexualität als Schauplatz eines Wettbewerbs, in dem der Mensch seine Leistung und damit seinen Wert als Person an Qualität und Quantität der Sexualpartner messe. Die Partner nehmen dabei die Rolle eines Konsumguts ein. Der Schriftsteller Michel Houellebecq hat den sexuellen Liberalismus und seine antikulturellen Begleitscheinungen in Romanen wie „Elementarteilchen“ beschrieben.

Ein viel beachteter Artikel der Autorin Nancy Jo Sales im Magazin „Vanity Fair“ beschrieb 2015 die Kultur des sexuellen Liberalismus am Beispiel der um Dating Apps seit ca. 2010 herum geschaffenen Kultur. Die Autorin stützte sich dabei auch auf die Erkenntnisse von Psychologen, Soziologen und anderen Forschern.

  • Narzissmus sei prägend für die Kultur des sexuellen Liberalismus, der andere Menschen als Konsumgüter betrachten, die als Mittel zum Zweck für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse betrachtet würden. Dauerhafte Beziehungen oder Liebe könnten auf dieser Grundlage nicht entstehen. Ein Partner, der seine Funktion der Bedürfnisbefriedigung nicht mehr erfülle, werde durch einen anderen ausgetauscht, zumindest solange man sexuell wettbewerbsfähig sei. Unter Männern gebe es einen Wettbwerb um Qualität und Quantitäter der Partnerinnen.
  • Da das rasche Ende von Beziehungen stets absehbar sei, würden die Partner sich nicht durch den Aufbau von Nähe emotional verwundbar machen wollen, weshalb die Beziehungen distanziert blieben. Dies verändere die Kultur der Beziehungen zwischen Mann und Frau allgemein und trage dazu bei, dass stabile Bindungen als ungewöhnlich wahrgenommen würden.
  • Insbesondere Männer würden in ihrer Tendenz bestätigt, solche Bindungen auch nicht zu suchen, da für sexuelle wettbewerbsfähige Männer stets hinreicht viele Partnerinnen zur Verfügung ständen. Frauen würden sich darauf einlassen, da sie nach Bestätigung suchten.
  • Sowohl Männer und Frauen würden größeren Aufwand betreiben, um sexuelle wettbewerbsfähig zu werden und zu bleiben, aber weniger Aufwand betreiben, um die für stabile Bindungen oder Ehe und Familie erforderlichen Eigenschaften zu entwickeln.

3. Gesellschaftliche Auflösungserscheinungen

In Deutschland und anderen westlichen Gesellschaften sind zahlreiche gesellschaftliche Auflösungserscheinungen zu beobachten. Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama betonte, dass diese mit den Mitteln der empirischen Sozialforschung anhang der Untersuchung der Entwicklung von Sozialindikatoren eindeutig nachweisbar seien.14

3.1 Allgemeine Auflösungserscheinungen

Die Entwicklung zahlreicher Sozialindikatoren belegt gesellschaftliche Auflösungserscheinungen in Deutschland und anderen europäisch geprägten Gesellschaften.

  • Zunahme psychischer Störungen: Nach Angaben der WHO ist die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen in wohlhabenden Gesellschaften an Depressionen erkranken, deutlich größer als in anderen Gesellschafften. Zwischen 2015 und 2016 nahmen psychische Krankheiten bei 18- bis 25-Jährigen in Deutschland laut der Krankenkasse Barmer um 38 Prozent zu. Auch Selbstmorde nehmen in europäisch geprägten Gesellschaften zu, vor allem in den USA. Eine mögliche Ursache ist, dass diese Gesellschaften zunehmend entgegen der Erfordernisse er Natur des Menschen organisiert sind. So wachsen viele Kinder außerhalb stabiler Familien, als Einzelkinder und im Fall berufstätiger Mütter ohne geeignete Bezugspersonen auf. Im Alter leiden viele Menschen mangels Familie unter Einsamkeit. Die Beschleunigung des Wirtschaftslebens sowie der Druck zu größerer Flexibilität führen außerdem zu wachsendem Stress.
  • Zunahme von Übergewicht
  • Zunahme von Drogenkonsum: Unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland nahm der Konsum von Cannabis zwischen 2008 und 2016 deutlich zu.
  • Zunahme von Infektionen mit Geschlechtskrankheiten: In Westeuropa nimmt die Zahl der Infektionen mit Krankheiten wie Tripper, Syphilis und HIV laut Experten aufgrund von verändertem Sexualverhalten zu. So habe sich in Deutschland die Zahl der Syphilis-Fälle zwischen 2009 und 2014 fast verdreifacht.
  • Zunahme antisozialen Verhaltens: In Städten wie Berlin nimmt die irreguläre Abfallbeseitigung zu. Die Berliner Stadtreinigung erklärte 2018, dass ein nach Bezirken gestaffeltes System der Sperrmüllabholung in der Stadt nicht eingeführt werden könne, da davon auszugehen sei, dass dies zur ungeordneten Entsorgung von Abfällen missbraucht werden würde.

3.2 Auflösung der Familie

Rund 20 Prozent der Haushalte mit Kindern waren 2017 Alleinerziehend. Die Zahl der alleinerziehenden Haushalte nahm zwischen Mitte 1997 und 2017 um rund 200.000 auf ca. 1,5 Millionen zu.15

3.2 Abtreibung und Euthanasie: Gewalt gegen die Schwächsten der Gesellschaft

In europäischen Gesellschaften wird mit staatlicher Duldung oder Förderung in großem Umfang Gewalt gegen die Schwächsten der Gesellschaft ausgeübt.

Die Zahl der Fälle vorgeburtlicher Kindestötung bzw. Abtreibung sank in den vergangenen Jahren stärker als die Zahl potenzieller Mütter, die aufgrund der demographischen Entwicklung zurückgeht. 2017 war allerdings erstmals seit einigen Jahre wieder ein Anstieg der Zahl der Fälle zu beobachten. Über 95 Prozent der Tötungen erfolgen rechtswidrig.

In anderen europäischen Staaten wie Frankreich, Großbritannien und Schweden steigen oder stagnieren die Zahlen  hingegen und bewegen sich zudem auf einem höheren Niveau. Der Gynäkologe Christian Fiala geht daher von einer hohen Dunkelziffer in Deutschland aus bzw. davon, dass die Zahl der Tötungen in Deutschland zwei- bis dreimal höher liege als aus der offiziellen Statistik hervorgehe. Ursache dafür sei, dass zwar eine Auskunftspflicht für Abtreibungen bestehe, entsprechende Angaben aber nicht überprüft würden. Fiala geht davon aus, dass viele Abtreibungen nicht gemeldet würden, weil die durchführenden Stellen den bürokratischen Aufwand vermeiden wollten.

3.3 Rückgang des Engagements für das Gemeinwesen

Der Soziologe Robert Putnam bezeichnete das ehrenamtliche Engagment innerhalb eines Gemeinwesen als einen Teil des „Sozialkapitals“, auf dem ein Gemeinwesen beruhe. Dieses Engagement geht im gesamten europäischen Kulturraum zurück, was Putnam am Beispel der USA beschrieb. Dies betreffe nicht nur Vereine, sondern auch Parteie und die Wahlbeteiligung, aber auch Besuche bei Freunden und gemeinsame Mahlzeiten.16

  • Das Engagement in Vereinen, Kirchen, Gewerkschaften und Parteien geht in Deutschland seit längerem zurück. 1990 waren noch 62 Prozent der Deutschen in Parteien, Gewerkschaften, Verbänden und Vereinen organisiert. Um 2013 waren es noch 47 Prozent. Für das Jahr 2030 wird nur noch ein Organisationsgrad von 30 Prozent erwartet.18
  • Die Wahlbeteiligung sinkt tendenziell in ganz Europa seit längerem. 19

Es gibt Hinweise darauf, dass wachsende Heterogenität in einem Gemeinwesen die Bereitschaft aller in ihm lebenden Gruppen reduziert, sich für dieses zu engagieren. Dem Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier zufolge würden zahlreiche Studien belegen, dass zunehmende ethnokulturelle Heterogenität in einem Gemeinwesen mit einem Rückgang des Vertrauens und der Solidarität in diesem verbunden sei.20

Der Wirtschaftswissenschaftler Erzo F.P. Luttmer stellte fest, das in den USA die Bereitschaft in Sozialsysteme einzuzahlen davon abhängig, ob die eigene ethnische Gruppe von diesen profitiert oder nicht.21 In Deutschland ging das Engagement bei Lebensmittelspenden und deren Verteilung („Tafeln“) dementsprechend parallel zum Zuzug von Roma aus Südosteuropa zurück, die dieses Angebot häufig in Anspruch nehmen.22

3.5 Gezielte Schaffung von Abhängigkeiten und Süchten

Unternehmen erforschen die psychischen Schwächen des Menschen, um sie als Ansatzpunkt für die Vermarktung ihrer Produkte zu nutzen. Dabei versuchen sie, gezielt Abhängigkeiten und Süchte zu erzeugen.

Abhängigkeit von sozialen Medien und Computerspielen

Psychologen beobachten bei jungen Menschen in westlichen Gesellschaften zunehmende Abhängigkeit von elektronischen Medien, etwa Smartphones und Computerspielen. Nach Angaben von Forschern wurden Unternehmen mit der Unterstützung von Verhaltensforschern und auf der Grundlage des sog. „persuasive designs“ soziale Medien und Computerspiele so gestalten, dass diese gezielt Abhängigkeiten erzeugen. Dazu würden psychische Bedürfnisse angesprochen, etwa den Wunsch nach sozialer Bestätigung oder anderen durch wenig Anstrengung herstellbaren Erfolgserlebnissen. Durch diese werde Dopamin freigesetzt, was Glücksgefühle erzeuge und das Verhalten von Menschen langfristig verändere. Dabei werde angestrebt, dass Menschen bestimmte Produkte häufiger und länger nutzen.

  • Es werde etwa das Bedürfnis junger Männer nach der Stärkung und Erweiterung der eigenen Fähigkeiten angesprochen, in dem in Computerspielen der eigene Spielcharakter mit der Zeit stärker wird, während der das Spiel spielende Mensch in Wirklichkeit durch diese Ablenkung schwächer werde.
  • Bei Mädchen und jungen Frauen werde das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung angesprochen. In sozialen Medien würden diese um Popularität konkurrieren, die an „Likes“ etc. gemessen werde.

Die Nutzung entsprechender Produkte erfolge auf Kosten realer Sozialkontakte sowie schulischer und beruflicher  Aktivitäten.

3.5 Die Instabilität komplexer Gesellschaften

Der Historiker Arnold J. Toynbee beobachtete ein historisches Muster der Entwicklung von Gesellschaften, das bestimmten Stufen folge, an deren Ende Zerfall oder Untergang stehen würden.23

Komplexe Gesellschaften sind langfristig instabil und endeten in der Geschichte häufig in Form von Zusammenbrüchen, die mit größeren Verwerfungen verbunden waren und in deren Zuge es zu starkem Bevölkerungsrückgang und dem Verlust von Wissen und Kultur kam. Solche Zusammenbrüche traten meist dann ein, wenn eine Gesellschaft externe Schocks aufgrund innerer Schwächen nicht mehr erfolgreich bewältigen konnte. Solche Schocks können etwa rasche Umweltveränderungen, Seuchen oder Invasionen sein.24

3.6 Zunehmende ethnische Polarisierung

Progressive Rassenideologien

Identitätspolitik ist mit der Rückkehr der Rassenideologie in die politische Kultur verbunden. Andrea Dernbach, eine Mitarbeiterin des als liberal geltenden „Tagesspiegel“, schrieb etwa 2018 darüber, „wo Deutschland noch zu weiß ist„, und forderte eine Verteilung von Positionen im öffentlichen Dienst nach dem Kriterium der Rasse.

3.7 Der Verfall der Medien

Aktivistische Tendenzen

Kampagnen progressiver Aktivisten werden von Medien verbreitet aufgegriffen und positiv verstärkt, etwa die #MeToo oder #MeTwo-Kampagnen 2017 und 2018.