Stand: 17.06.2018

Diese Seite beschreibt kulturelle und gesellschaftliche Herausforderungen für das Christentum, christliche Kultur und deren Umfeld in Deutschland und Europa. Die Seite befindet sich noch in einem frühen Entwurfsstadium.

1. Kulturelle und gesellschaftliche Auflösungserscheinungen

In Deutschland und Europa sind zahlreiche kulturelle und gesellschaftliche Auflösungserscheinungen zu beobachten.

1.1 Allgemeine Auflösungserscheinungen

  • Zunahme psychischer Störungen: Zwischen 2015 und 2016 nahmen psychische Krankheiten bei 18- bis 25-Jährigen in Deutschland laut der Krankenkasse Barmer um 38 Prozent zu.
  • Zunahme antisozialen Verhaltens: In Städten wie Berlin nimmt die irreguläre Abfallbeseitigung zu. Die Berliner Stadtreinigung erklärte 2018, dass ein nach Bezirken gestaffeltes System der Sperrmüllabholung in der Stadt nicht eingeführt werden könne, da davon auszugehen sei, dass dies zur ungeordneten Entsorgung von Abfällen missbraucht werden würde.
  • Idealisierung von Auflösungserscheinungen: 2018 waren die muslimischen Rapper Kollegah und Farid Bang für den „Echo“-Preis der deutschen Musikindustrie nominiert. Sie waren vor allem durch ihre gewaltverherrlichen, christenfeindlichen und antisemitischen Texte aufgefallen.

1.2 Die Leugnung der Existenz europäischer Kultur und nationaler Kulturen

Die Leugnung oder Zurückweisung des kulturellen Erbes Europas und seiner nationalen Kulturen ist ein kulturell exotisches Phänomen, dass so nur im europäischen Kulturraum zu finden ist.

Aydan Özoğuz (SPD), die damalige Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, behauptete 2017, dass eine „spezifisch deutsche Kultur […] jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar“ sei.

Ein Mitarbeiter von Cem Özdemir, einem der damaligen Bundesvorsitzenden der Partei Bündnis90/Die Grünen, erklärte 2010 im Namen Özdemirs:

Ich denke, dass die christlich-abendländische Kultur als solche nicht existiert. Vielmehr wird sie konstruiert, um andere Gruppen von ihr auszuschliessen.

Das Büro Özdemirs erklärte später, das mit der Aussage nicht die Existenz dieser Kultur bestritten werden sollte, sondern nur ein Verständis dieser Kultur „zum Zweck der Exklusion anderer Religionen und Kulturen“.

1.3 Der Verfall des Bildungswesens

1.3.1 Der Verfall der Universitäten

Verschulungstendenzen

Studenten werden an Universitäten zunehmend nicht mehr wie Erwachsene sondern wie Jugendliche behandelt, was sich u.a. in zunehmenden Verschulungstendenzen äußert. Vor allem geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer, für die ein hohes Maß an Eigentumotivation und Freiheit in der Gestaltung erforderlich sind, leiden darunter.

Verdrängung des klassischen Bildungsideals durch neomarxistischen Aktivismus und postmodernen Dekonstruktivismus

Der Politikwissenschaftler Allan Bloom, ein Schüler von Leo Strauss, beschrieb 1987 in seinem Werk „The Closing of the American Mind“ kulturelle Auflösungserscheinungen vor allem in den Bereichen Geistes- und Sozialwissenschaften an amerikanischen Universitäten, die auch in Europa zu beobachten sind.

Die abendländische universitäre Tradition mit ihren Wurzeln im Denken der griechischen Antike mit ihrem Ziel des Streben nach Wahrheit werde im Zuge der Durchsetzung zunächst neomarxistischer und dann postmoderner Ideologie seit späten 1960er Jahren zunehmend durch Ideologisierung von Fächern sowie durch die Ablehnung der Vorstellung der Existenz einer objektiven Wirklichkeit verdrängt. An die Stelle der abendländischen Tradition des Denkens würden Relativismus und die Berufung auf die eigenen Gefühle treten.

Die Weitergabe des abendländischen kulturellen Erbes fände an Universitäten in immer geringerem Maße statt. Ein Erbe, das man nicht kenne, könne man jedoch nicht bewahren oder verteidigen.

1.3.2 Verfall der Schulen

Aufgrund von allgemeinen gesellschaftlichen Auflösungserscheinungen bringen viele Schüler nicht mehr die sozialen, sprachlichen und sonstigen Kompetenzen von zu Hause aus mit, die das Schulsystem bislang voraussetzte.

Senkung von Standards

Während die durchschnittlichen Abiturnoten deutschlandweit immer besser werden, sinkt das durchschnittliche Leistungsniveau der Abiturienten gleichzeitig.

1.4. Tendenz zur Hypermoral

Der Philosoph Reinhard K. Sprenger beschrieb die Tendenz zur Hypermoral als Folge des Verlusts der traditionellen religiösen Grundlagen von Moral, wie sie etwa in der Naturrechtslehre zum Ausdruck kommen, in Europa. Gleichzeitig gehe es bei der moralischen Aufladung von Fragen darum, eigene Interessen als „Werte“ darzustellen. Diese Tendenz schade dem Gemeinwohl:

Moralisierer denken nicht. Sie urteilen. Mehrdeutigkeit, Ambivalenz, Kontext- und Situationsbezug kennen sie nicht. […] Das erinnert an Hermann Lübbes Diktum: «Moralismus ist der Triumph der guten Gesinnung über die Gesetze des Verstandes.» Zugleich sind sie hochenergetisch, wach, tätig, misstrauisch, versierte Erniedriger höherer Ideen und Menschen, erfüllt von menschenfreundlichen Theorien. Sie gehen nicht auf Argumente ein, sondern sind empört, dass sie überhaupt vertreten werden. […]

[D]ass gute Absichten schlechte Folgen haben, egoistisches Verhalten umgekehrt sozialen Nutzen erzeugen kann – diese Gedankenwege beschreiten sie nicht. Im Regelfall wird ein Wert aus der Ambiguität herausgelöst und normativ so hoch aufgeladen, dass man sich aus der Solidargemeinschaft der Zivilisierten verabschiedet, hebt man gegen ihn die Stimme. […]

Ohne Moral geht es nicht. Aber ihre Überdehnung auf alle Lebensbereiche, die Segmentierung der Gesellschaft in Gute und Schlechte, zerstört den Wert der Moral: dem Zusammenleben zu dienen, nicht der Trennung.

1.5 Bekämpfung und Verlust von Männlichkeit und Weiblichkeit

1.5.1 Verlust der Männlichkeit

Camille Paglia: Der Verlust der Männlichkeit als Phänomen scheiternder Kulturen

Die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Camille Paglia beschrieb im Zusammenhang mit Versuchen zur Auflösung traditioneller Konzepte von Geschlechteridentität, dass westliche Kulturen der Gegenwart sich in dieser Hinsicht so verhalten würden wie untergegangene Kulturen in ihren Spätphasen.

Es sei für die Spätphasen von Kulturen typisch, dass in ihnen Vorstellungen abgelehnt würden, die Männlichkeit etwa über physische Durchsetzungsfähigkeit oder die Zeugung von Nachkommen definieren. Jene Kulturen hätten sich in der Endphase ihrer Existenz über die vermeintlichen Fesseln von Tradition und Natur erhaben gefühlt und wären noch in ihrem Scheitern von der Überlegenheit ihrer Ablehnung von Männlichkeit überzeugt gewesen, während sich an ihrer Peripherie Herausforderer formiert hätten, deren Vorstellung von Männlichkeit eine „heroische Maskulinität“ gewesen sei.

Diese Herausforderer hätten dann die Existenz der entmännlichten Kulturen beendet. Es gäbe in diesem Zusammenhang eine Symmetrie zwischen aktuellem Genderaktivismus in westlichen Gesellschaften und dem Erstarken von Kräften wie dem Islamischen Staat.

Daniele Giglioli: Effeminisierung von Gesellschaften führt zu Wehrlosigkeit

Daniele Giglioli lehrt Literaturwissenschaften an der Universität Bergamo. Er kritisierte, dass westliche Gesellschaften durch Anstrengungen zur Zerstörung ihres traditionellen Männlichkeitsverständnisses erhebliche Risiken eingingen. Die damit verbundene Tendenz zur Effeminisierung mache diese Gesellschaften zunehmend unfähig dazu, existenziellen Herausforderungen zu begegnen.

Giglioli ist im deutschsprachigen Raum vor allem durch seine kulturkritische Schrift „Die Opferfalle“ bekannt geworden, in der er sich mit der Tendenz westlicher Gesellschaften auseinandersetzt, moralischen Status nicht mehr mit herausragenden guten Taten, sondern mit einem Opferstatus zu verbinden. Dies führe zu Effeminisierung, unter anderem in Form einer wachsenden Idealisierung von Passivität und Schwäche, was diese Gesellschaften zunehmend unfähig mache, existenziellen Herausforderungen zu begegnen.

In seinem aktuellen Aufsatz setzt sich er sich mit dem zunehmenden Verlust männlicher Tugend in westlichen Gesellschaften im Zuge der Durchsetzung postmoderner und neo-marxistischer Ideologien, etwa des Feminismus, auseinander. Die Folgen dieser Entwicklung seien gefährlich:

Die eigentliche Gefahr einer Dekonstruktion der patriarchalen Ideologie besteht darin, dass zusammen mit der Ideologie auch jene Tugenden langsam verschwinden, die der männlichen Dimension zugeschrieben wurden: Mut, Redlichkeit, Verantwortung, Sorge um das öffentliche Leben, Gemeinsinn.  […] Die Tatsache aber, dass die Tugenden […] im Verschwinden begriffen sind, ist der hohe Preis, den wir gerade dafür bezahlen. Zumindest so viel steht darum fest: Das Ende des Patriarchats wird weder schmerzlos noch wirkungslos über die Bühne gehen. […]

Die Männer praktizieren die sogenannten männlichen Tugenden kaum noch. Die schlimmsten Exemplare – die Weinsteins – scheinen vom männlichen Charakter lediglich dessen raubtierhafte Züge, rohe Gewalt und Präpotenz geerbt zu haben. Die besten Vertreter des männlichen Geschlechts scheinen sich derweil oft darauf zu beschränken, jene Züge für sich zu beanspruchen, die einst dem vermeintlich weiblichen Charakter zugeschrieben wurden: Zerbrechlichkeit, Verletzlichkeit, Schutzbedürfnis. Einem Jungen hat man früher beigebracht, dass Weinen sich für einen kleinen Mann nicht zieme. Heute gilt ein Mann, der weint, ipso facto als anständig, ehrlich, feinsinnig, spontan, gefühlvoll.

Eine dauerhafte Gesellschaft benötige zu ihrem Fortbestand jedoch auch tätige männliche Tugenden und das  „Vermögen, Städte – und damit Institutionen, Erfindungen, Gesetze und Werke – zu gründen“. Sentimentale und zerbrechliche Männer wären kaum in der Lage, diesen Auftrag zu erfüllen.

Überbehütende Erziehung von Jungen

Insbesondere Einzelkinder bzw. einzelne Söhne werden zunehmend überbehütend aufgezogen und dabei von Risiken, Belastungen und Herausforderungen ferngehalten. Dies führt in vielen Fälle bei Jungen zu einer Verbindung von Hilflosigkeit, Verletzlichkeit und hohen Ansprüchen bzw. der lebenslangen Erwartung, einen Anspruch auf Versorgung durch andere und Erfüllung der eigenen Wünsche zu haben.

Ablehnung traditioneller Männlichkeit durch den Feminismus

Maskulinität gilt zunehmend pauschal als „toxisch“. Maskulines Verhalten wird bereits bei Kindern pathologisiert und z.T. als angebliche Krankheit ADHS mit Psychopharmaka behandelt.

Die Feministin Gloria Steinem forderte dazu auf, Jungen so zu erziehen, als seien sie Mädchen. Jungen sollen dazu gebracht werden Schwäche und Emotionen zu zeigen und feminine Eigenschaften zu entwickeln. Gleichzeitig soll verhindert werden, dass sie sich mit einer männlichen Rolle identifizieren. Teilweise wird dies damit begründet, dass die Identifikation mit dieser Rolle die individuelle Freiheit der Jungen einschränken würde. Meist steht hinter dieser Forderung aber die Ablehnung des  traditionellen Konzepts von Männlickeit.

Auch der Feminist Jack Urwin lehnt es ausdrücklich ab, dass Männer Eigenschaften wie Stärke und Mut entwickeln sollten.

In einigen europäischen Staaten wird in Kindergärten und Grundschulen das Konzept der „geschlechtsneutralen Erziehung“ verfolgt, dass nach Aussagen der Verantwortlichen verhindern soll, „dass die Jungs jungenhaft und die Mädchen mädchenhaft agieren“. Ein Ziel dieses Konzepts ist es, Jungen maskulines Verhalten abzuerziehen:

In dem einen Raum versammeln sich alle Mädchen, brüllen so laut sie können und werfen sich in Kriegerposen. »Ich bin stark!« rufen sie wieder und wieder, bis der ganze Raum hallt: »Ich bin staaaaaark!« Dann feuern sie mit einer imaginären Armbrust unsichtbare Pfeile in den Raum. Im anderen treffen sich die Jungs, aber statt mit Handschlag wie die Mädchen begrüßen sie sich mit einer Umarmung. Statt zu brüllen lernen sie, beim Zusammensetzen eines Mosaiks friedlich zu kooperieren. Dann massieren sie sich gegenseitig die Füße.

Jungen werden auf diese Weise in ihrer Entwicklung behindert und werden als Erwachsene nur einschränkt dazu in der Lage sein, eine Rolle als Beschützer und Versorger einer Familie einzunehmen. Der im Sinne feministischer Ideologie deformierte Mann wird es mangels maskuliner und für Frauen attraktiver Eigenschaften allgemein schwer haben, überhaupt eine Partnerin zu finden.

Entartete Formen von Maskulinität

In Folge des Verlustes an traditionellen Männlichkeitskonzepten und als Reaktion auf die Abwertung von Maskulinität verbreiten sich korrumpierte Männlichkeitsbilder.

  • Die „Red Pill“-Bewegung idealisiert den dominanten, körperlich starken und sexuell leistungsfähigen Mann, kennt aber die Vorstellung nicht, dass er seine Stärke in den Dienst zu stellen und Verantwortung zu übernehmen hat.
  • Die „Incel“-Bewegung (der Begriff bezeichnet unfreiwillig zölibatär lebende Männer) besteht offenbar aus jungen Männern, die bei der Herausbildung sowohl intakter als auch korrumpierter Maskulinität gescheitert sind und darauf mit allgemeinen Ressentiments sowohl gegenüber sexuell erfolgreichen Männern die dem Ideal der „Red Pill“-Bewegung folgen als auch gegenüber Frauen reagieren. Einige Amokläufer in den USA bewegten sich offenbar im Umfeld der „Incel“-Bewegung.
1.5.2 Verlust von Weiblichkeit

Die eigentlich weibliche Berufung, nämlich die Mutter zu sein, wird immer stärker abgewertet. So erklärte etwa die OECD sinngemäß, dass Mutterschaft eine volkswirtschaftliche Belastung darstelle, weil sie Frauen dem Arbeitsmarkt entziehe.

Die feministische Vordenkerin Simone de Beauvoir leugnete das weibliche Wesen der Frau bzw. erklärte die weiblichen Aspekte der Identität der Frau zu etwas, das überwunden werden müsse. Sie behauptete u.a., dass die Frau in der Mentruation etwas „Fremdes“ und in der Schwangerschaft eine „noch tiefere Selbstentfremdung“ erfahren würde. Die Frau werde zudem durch die „Fortpflanzungsfunktion“ unterdrückt. Dies zu überwinden sei die Voraussetzung für die „Befreiung“ der Frau.

1.6 Fortschrittoptimismus und die Ausblendung krisenhafter Entwicklungen

Der Neurowissenschaftler Steven R. Quartz lehrt am California Institute of Technology. In einem Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung vertrat er die These, dass die Lage der Welt sich grundsätzlich zum Besseren verändere, und dass Kulturpessimismus daher Ausdruck einer Wahrnehmungsstörung sei.

Quartz argumentiert dabei vor allem damit, dass sich die materielle Lage der meisten Menschen in den vergangenen Jahrzehnten verbessert habe. Die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben würden, sei etwa deutlich zurückgegangen, während die Lebenserwartung allgemein zunehme. Negative Wahrnehmungen bezüglich der Entwicklungen in der Welt seien vor diesem Hintergrund irrational.

Ursache für solche Wahrnehmungen sei eine verbreitete Wahrnehmungsstörung, die zu einer Idealisierung der Vergangenheit führe und Menschen anfällig für “Narrative des Niedergangs” und Kulturpessimismus mache. Vor der Wahrnehmung einer negativen Entwicklung müsse man jedoch “auf der Hut sein”, weil sie “Urgefühle von Furcht” auslöse, “was wiederum dazu führt, dass eine rationale Einschätzung nicht mehr möglich ist.”

Die Argumentation von Quartz weist drei wesentliche Mängel auf:

  • Quartz betrachtet das Geschehen in der Welt aus einer materialistischen Perspektive und blendet nichtmaterielle Kriterien der Bewertung des Geschehens vollständig aus. Wesentliche Aspekte menschlicher Existenz sowie gesellschaftlicher und kultureller Entwicklung bleiben für ihn somit vollständig unsichtbar; und sein Blick auf die Wirklichkeit ist in einer Weise verengt, die dieser nicht gerecht wird.
  • Er argumentiert zudem ausschließlich auf einer globalen Ebene, so dass lokale und regionale Entwicklungen nicht sichtbar werden, und blendet dabei außerdem wesentliche materielle Indikatoren aus. Ein Blick auf die konkreten Bedingungen westlicher Gesellschaften belegt jedoch bei einigen materiellen Sozialindikatoren existentielle Herausforderungen. Dies gilt etwa für die demographische Entwicklung, die in fast allen westlichen Gesellschaften seit langem nicht mehr nachhaltig ist.
  • Da Quartz auf Grundlage seiner materialistischen Ideologie blind für die kulturellen Triebkräfte der Entwicklung von Gesellschaften ist, zieht er zudem nicht die Möglichkeit von künftigen Trendbrüchen bei der Entwicklung materieller Indikatoren in Folge der Erschöpfung kultureller Substanz in Erwägung. Er ähnelt hier einem Piloten, der sich unmittelbar nach einem Triebswerksausfall dadurch zu beruhigen versucht, dass sein Flugzeug zunächst noch an Höhe gewinnt und es daher irrational sei, ein grundsätzliches Problem anzunehmen.

Quartz hat den Rahmen seiner Argumentation so gesetzt, dass für die Zukunft westlicher Gesellschaften existentiell bedeutsame negative Entwicklungen unsichtbar bleiben. Gleichzeitig versucht er, einen verengten Blick auf die Wirklichkeit zum Ausdruck überlegener Rationalität zu erklären. Ein umfassenderer Blick auf die Entwicklung europäischer Gesellschaften offenbart jedoch existentielle Herausforderungen, die Quartz mit seinem Ansatz nicht erkennen kann. Seine Diagnose über mutmaßliche Wahrnehmungsstörungen und Irrationalität bei den Vertretern einer skeptischeren Weltsicht scheitert somit ausgerechnet an seiner unvollständigen Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Ein rationaler Kulturpessimismus beruht auf der Erkenntnis, dass geistige und kulturelle Faktoren für die Entwicklung von Gesellschaften wichtiger sind als von ihnen abhängige materielle Faktoren. Ein solcher Kulturpessimismus ist sich zudem der Schwächen der menschlichen Natur und der Fragilität aller kulturellen Werke bewusst. Die Kontinuität von Gemeinwesen beruht darauf, dass wachsame Eliten einen solchen Kulturpessimisus pflegen, denn nur er ermöglicht es, strategische Herausforderungen auf der entscheidenden geistig-kulturellen Ebene angemessen zu erkennen und ihnen rechtzeitig und wirksam zu begegnen.

1.7 Das Verschwinden von Debatten

Der Raum für Debatten wird aufgrund kultureller und politischer Entwicklungen enger. Kritik am Handeln von Regierungen und den Ideologien, mit denen sie ihr Handeln legitimieren, sowie die Ansprache von unbewältigten gesellschaftlichen Herausforderungen wird häufig als Ausdruck von „Haß“ und „Intoleranz“ denunziert, so dass keine Debatte mehr stattfinden kann.

Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit  durch die nachfolgenden Ereignisse bestätigten Warnungen vor den möglichen Folgen der Öffnung der Grenzen Deutschlands für irreguläre Migration 2015. Auch über die faktische Aussetzung des im Grundgesetz formulierten staatlichen Auftrags des besonderen Schutzes von Ehe und Familie durch die Umdefinition des Ehebegriffes 2017 gab es praktisch keine Debatte, nachdem Kritikern pauschal „Homophobie“ etc. unterstellt worden war.

Zunehmend setzt sich die Einstellung durch, dass mit diesen Methoden aus der öffentlichen Debatte herausgedrängten Positionen allgemein kein Forum geboten werden dürfe. Eine angemessene, neutrale Darstellung entsprechender Positionen, die eine Diskussion ermöglichen würde, findet in großen Teile der Medien nicht mehr statt. Das Vertreten solcher Positionen ist zudem verstärkt nicht nur mit sozialer Isolation, sondern auch mit dem Verlust der Arbeitsstelle verbunden.

Auch die Wahrnehmung und Ansprache gesellschaftlicher Herausforderungen werden mit den gleichen Mitteln zunehmend tabuisiert. In Großbritannien konnten vorwiegend von Muslimen gebildete Vergewaltigerbanden jahrelang weitgehend ungehindert agieren, weil Mitarbeiter von Behörden Angst hatten, bei Ansprache des Problems Rassismusvorwürfen ausgesetzt zu werden.

2. Die Antikultur

Der Soziologe Philip Rieff beschrieb den modernen Komplex an Ideologien und geistigen Einflüssen, der die Zerstörung der auf dem Christentum beruhenden europäischen Kultur anstrebe, als „Antikultur“.

Papst Johannes Paul II. sprach in seinem Buch „Erinnerung und Identität“ davon, dass in westlichen Gesellschaften ein Programm der „Anti-Evangelisierung“ wirke, dass sich gegen die verbliebene christliche Substanz westlicher Gesellschaften richte. Es sei global angelegt, verfüge über enorme finanzielle Mittel und ähnele in seinem destruktiven Wirken dem der mit ihm weltanschaulich verwandten totalitären Ideologien, auch wenn es sich „unter dem Anschein der Demokratie“ verberge. (Weiterlesen: Die Antikultur)