Stand: 11.12.2018

Diese Seite beschreibt kulturelle und gesellschaftliche Herausforderungen für das Christentum, christliche Kultur und deren Umfeld in Deutschland und Europa. Die Seite befindet sich noch in einem frühen Entwurfsstadium.

1. Die Antikultur

Der Soziologe Philip Rieff bezeichnete den Komplex der Ideologien und geistigen Einflüsse, der die Zerstörung der auf dem Christentum beruhenden Substanz der Kulturen des europäischen Kulturraums bewirke anstrebe, als „Antikultur“. Die Antikultur lebe von einer Substanz, die sie schrittweise vernutze, und sei nicht nachhaltig.

Papst Johannes Paul II. sprach in seinem Buch „Erinnerung und Identität“ davon, dass in westlichen Gesellschaften ein Programm der „Anti-Evangelisierung“ wirke, dass sich gegen die verbliebene christliche Substanz westlicher Gesellschaften richte. Es sei global angelegt, verfüge über enorme finanzielle Mittel und ähnele in seinem destruktiven Wirken dem der mit ihm weltanschaulich verwandten totalitären Ideologien, auch wenn es sich „unter dem Anschein der Demokratie“ verberge. (Weiterlesen: Die Antikultur)

2. Kulturelle Auflösungserscheinungen

Hochkultur ist das Ergebnis des ständigen Kampf gegen entropische Kräfte. Wo dieser Kampf nicht oder falsch geführt wird, löst sich eine Hochkultur auf.

2.1 Der Verfall der Sprache

Die Bedeutung der Sprache für die Kultur

Sprache ist eine der Grundlagen der Kultur. Sie stiftet über die Generationen hinweg Gemeinschaft und ermöglicht die Weitergabe des geistigen und kulturellen Erbes sowie die Pflege des Wahren, Guten und Schönen in einer Kultur. Hochwertige Gedanken und Konzepte können nur in einer hochentwickelten Sprache ausgedrückt werden.

In der Sprache lebt ein großer Teil der Tradition einer einer Kultur. Sie ist der wichtigste geistige Zugang des Menschen zur Welt. Heidegger nannte die Sprache „das Haus des Seins“. Der Sprachforscher Leo Weisgerber bezeichnete Sprache als „geistschaffende, kulturtragende und geschichtsmächtige Kraft“.1

Damit Tradition gepflegt werden kann, braucht sie Mittel und Symbole, die das Überlieferte ausdrücken. Die überlieferte Sprache ermöglicht Verständigung über viele Generationen hinweg. Sprache ist Ausdruck eines bestimmten Denkens, das nur noch bedingt ausgedrückt werden kann, wenn die Sprache dazu verlorengeht. Die Pflege des klassischen Lateins gab einigen Institutionen eine dauerhafte Form und ein Gedächtnis, das mittlerweile Jahrtausende umfasst.

Sprachen vermitteln laut Wilhelm von Humboldt eine jeweils eigene Weltsicht, denn die Begriffe haben keine vom sprachlichen Ausdruck ablösbare Existenz. Stirbt eine Sprache oder verkümmert sie, dann stirbt oder verkümmert auch eine besondere Art, die Welt wahrzunehmen und zu deuten.

Der chinesische Philosoph Konfuzius betonte die Bedeutung der Sprache für die Kultur:

Dsï Lu sprach: „Der Fürst von We wartet auf den Meister, um die Regierung auszuüben. Was würde der Meister zuerst in Angriff nehmen?“ Der Meister sprach: „Sicherlich die Richtigstellung der Begriffe. […] Wenn die Begriffe nicht richtig sind, so stimmen die Worte nicht; stimmen die Worte nicht, so kommen die Werke nicht zustande; kommen die Werke nicht zustande, so gedeiht Moral und Kunst nicht; gedeiht Moral und Kunst nicht, so treffen die Strafen nicht; treffen die Strafen nicht, so weiß das Volk nicht, wohin Hand und Fuß setzen. Darum sorge der Edle, daß er seine Begriffe unter allen Umständen zu Worte bringen kann und seine Worte unter allen Umständen zu Taten machen kann. Der Edle duldet nicht, daß in seinen Worten irgend etwas in Unordnung ist. Das ist es, worauf alles ankommt.2

George Orwell beschrieb in seinem Roman „1984“ die Bedeutung der Sprache für das Denken am Beispiel eines totalitären Staates, der die Sprache gezielt so umgestaltet, dass nur noch Denken innerhalb des erwünschten Rahmens möglich sein soll.

Wie alle kulturellen Werke muss auch die Sprache aktiv gepflegt werden, um nicht durch die Kräfte der Entropie aufgelöst zu werden. Das klassische Latein ist das Ergebnis einer solchen Pflege.

Das Problem des modernen Sprachverständnisses

Während in Oberschichten das unten beschriebene vereinfachte Englisch an Bedeutung gewinnt, setzen sich in anderen Bevölkerungsschichten zunehmend vereinfachte Formen des Deutschen durch. Die Sprache löst sich somit sowohl von unten als auch unten oben auf.

  • Im liberalen Verständnis wird Sprache vor allem als Kommunikatonsmedium verstanden, das wirtschaftlichen und anderen praktischen Zwecken dienen soll. Sprache soll diesem Ziel entsprechend weiterentwickelt werden. Dies findet vor allem in Form der Durchsetzung eines vereinfachten Englisch als globaler Verkehrssprache statt.
  • Im egalitären Verständnis darf Sprache nicht durch hohe Anforderungen ausgrenzen. Es wird zudem abgelehnt, Sprache zu bewerten. „Kiezdeutsch“ und „leichte Sprache“ gelten der Hochsprache gegenüber zumindest als gleichwertig, wenn nicht gar überlegen.

Globale sprachliche Vereinheitlichung und vereinfachtes Englisch als Elitensprache

Englisch wird sich in Wirtschaft und Wissenschaft als Verkehrssprache durchsetzen. In vielen größeren Unternehmen ist es bereits üblich, die gesamte Kommunikation in englischer Sprache durchzuführen, auch wenn die überwiegende Mehrheit der Empfänger deutsche Muttersprachler sind. Es bildet sich ein „Globish“ heraus, eine vereinfachte und auf Fragen des Wirtschaftslebens vereinfachte Form des Englischen mit reduzierten Ausdrucksmöglichkeiten.3

Eltern werden in der Hoffnung, die beruflichen Chancen ihrer Kinder zu verbessern, immer früher damit beginnen, ihnen Englisch zu vermitteln. Entsprechende Angebote gibt es bereits für Kinder im Vorschulalter.

Anglizismen wurden wegen ihrer Unbestimmtheit früher vorwiegend in der Werbung verwendet. Durch ihre stärkere Verbreitung wird die deutsche Sprache allgemein weniger präzise und floskelhafter. Differenzierter Ausdruck und letztlich auch differenziertes Denken werden dadurch erschwert.5

Der aktive Wortschatz von Studenten gehe zurück und umfasse im Durchschnitt nur noch wenige hundert Wörter. Zeiten würden häufig nicht mehr korrekt gebildet und der Konjunktiv würde verschwinden. Studenten falle es schwerer, eigene Gedanken oder Argumente vorzubringen, weil ihnen die sprachlichen Fähigkeiten dazu fehlen würden.6

Zudem haben sich die Rechtschreibleistungen von Schülern in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verschlechtert. Neben progressiven Unterrichtsmethoden wie dem lautgetreuen Schreiben ist hierfür auch die steigende Zahl fremdsprachiger Schüler verantwortlich. Auch Lehrer würden häufig nicht über die nötigen Bildungsvoraussetzungen verfügen, um Kindern korrekte Rechtschreibung beibringen zu können. Laut Untersuchungen der Universität Duisburg-Essen bestehe bei rund 20 Prozent der Lehramtsstudenten starker oder sehr starker Förderbedarf im Bereich Rechtschreibung. Besonders schlecht schnitten Studierende mit Migrationshintergrund ab.7

Umdeutung und Entstellung zentraler Kulturbegriffe

Die Entstellung von Begriffen löst den geistigen Raum auf, der dem Menschen die Dinge vermittelt die er braucht, um richtig leben zu können. Begriffe wie Liebe und Freiheit beschreiben aufgrund des Wandels ihrer Bedeutung im allgemeinen Sprachgebrauch nun andere Dinge als in der Vergangenheit. Religiöse bzw. Sachverhalte im Zusammenhang mit dem Heiligen sind dadurch zunehmend nur noch unter Rückgriff auf Umschreibungen erklärbar.

Die Kulturen Europas stehen zunehmend Herausforderungen gegenüber, die sie in ihren Sprachen ebensowenig benennen können wie die Antworten darauf.

  • „Liebe“ wird etwa allgemein nur noch als erotisches Verlangen verstanden und nicht als der Wunsch zum Dienst an einem anderen Menschen.
  • „Freiheit“ wird als Abwesenheit äußerer Auflagen verstanden und nicht als die Folge erfolgreicher Selbstkontrolle.
  • „Gerechtigkeit“ gilt nicht mehr als Zustand der Übereinstimmung mit der Ordnung Gottes verstanden, sondern als Zustand leicher Verteilung.
  • „Glaube“ gilt nicht als als übernatürliche Tugend, die den Menschen das Offenbarte als wahr erkennen lässt, sondern als das minderwertige Gegenteil von Wissen.
  • Die „Ehe“ wird nicht mehr als lebenslange Verbindung von Mann und Frau mit dem Ziel von Nachkommen verstanden, sondern als das sexuell bestimmtes Zusammenleben beliebiger Personen.
  • Die „Sünde“ gilt nicht mehr als Verstoß gegen die Ordnung Gottes. Der Begriff wird in großen Teilen der Kultur nur noch ironisch verwendet.

Dies ist nicht nur eine Folge ungesteuert verlaufender kultureller Entwicklungen, sondern auch ein Ergebnis des Handelns politischer Aktivisten. Durch die Eliminierung bestimmter Begriffe aus der Sprache, durch ihre Tabuisierung oder Umdefinition sollen die damit verbundenen Konzepte aus der Debatte und letztlich aus dem Denken verdrängt werden.

Die Herausbildung von Rudimentärsprachen

In Frankreich hat sich mit dem „Verlan“ eine migrantische Umgangssprache herausgebildet, die einen Wortschatz von rund 400 Wörtern umfasst. Entstanden sei dieser Dialekt des Französischen in kriminellen Subkulturen. Die Ausdrucksmöglichkeiten seien auf kriminelle Sachverhalte, Frauenverachtung sowie auf fäkale oder sexuelle Beleidigungen begrenzt. Humor könne hingegen kaum ausdedrückt werden.8

In anderen europäischen Staaten sind ähnliche Entwicklungen zu beobachten. In Deutschland bildet sich etwa ein „Kiezdeutsch“ heraus, das einen grammatisch stark vereinfachter Dialekt des Deutschen mit zahlreichen arabischen und türkischen Lehnwörtern darstellt. Es werde vor allem an Schulen mit hohem Migrantenanteil gesprochen, wo auch deutsche Schüler es übernehmen würden.9

Mittelfristig könnte das „Kiezdeutsch“ zum Dialekt der Unterschichten in Deutschland werden. Bereits 2006 wurde gemeldet, dass auch junge Deutsche in Räumen mit hohem Migrantenanteil die deutsche Sprache nicht mehr beherrschen würden. Sie würden „ein Stakkato“ sprechen, „weitgehend grammatikfrei, beschränkt auf höchstens fünfhundert Vokabeln.“10 Matthias Jung, der Vorsitzender des Verbandes Deutsch als Fremdsprache, erklärte 2013, dass die deutsche Sprache in Zukunft im Normalfall nicht mehr akzent- und fehlerfrei gesprochen werde.11

Eine Reaktion auf den Abbau sozialen Kapitals ist die Einführung der „leichten Sprache“, in der es etwa keinen Genitiv und keinen Konjunktiv gibt und zusammengesetzte Wörter grundsätzlich mit Bindestrichen aufgelöst werden. Zudem wird angestrebt, Text soweit möglich durch Piktogramme oder Zeichnungen zu ersetzen.

Sprachverfall in Folge kultureller Auflösungserscheinungen

  • Mangelnder Wille zur Sprachpflege: Matthias Jung, der Vorsitzender des „Verbandes Deutsch als Fremdsprache“, bewertet „Spracherosion“ und die Herausfbildung neuer Dialekte der deutschen Sprache in migrantischen Unterschichten als positiv, weil dies „originell“ sei.12
  • Aktivismus: Jede Bedeutung impliziert eine Abgrenzung und Unterscheidung, weshalb die Sprache von neomarxistischen Aktivisten ständig mit dem Ziel der Auflösung und Umdeutung angegriffen wird.

2.2 Die Auflösung des sozialen Kapitals

Der Soziologe Robert D. Putnam bezeichnete die Substanz an gesellschaftlichen und kulturellen Normen, die eine Gesellschaft zu einem funktionieredne Gemeinwesen machen, als „soziales Kapital“.13

Liberale Praxis kann in einem Gemeinwesen nur vorübergehend aufrechterhalten werden, weil sie intakte Traditionsbestände bzw. intakte Bestände an kultureller Substanz voraussetzt. Mit der kulturellen Substanz schwindet auch die Fähigkeit eines Gesellschaft zur Selbstregulierung. Immer weitere Bereiche des Lebens müssen unter diesen Bedingungen staatlicher Regulierung unterworfen werden, damit diese Gesellschaft funktionieren kann. Je stärker und je länger eine Gesellschaft von liberalen Vorstellungen geprägt ist, desto weniger wird sie dazu in der Lage sein, diese aufrechtzuerhalten.

Oberflächlichkeit, Mangel an Ernsthaftigkeit und Ironisierung, exzessives Verhalten, Steigerung von Reizintensität und der Stimulierung der Sinne, Mangel an Distanz sowie Lautheit und Schrillheit sind Begleiterscheinungen der Auflösung kultureller Substanz. Sie zerstören das Innenleben des Menschen, betäuben ihn und versperren seinen Zugang zum Heiligen, der Stille, Selbstbeherrschung und das Ernstnehmen des Ernsten erfordert.

2.2.1 Die Folgen des Relativismus

Der Soziologe Daniel Patrick Moynihan sprach vom Phänomen der schrittweisen Abwärtsverschiebung kultureller Standards („defining deviancy down“) in westlichen Gesellschaften. Dinge, die früher als kriminell, illegitim, unmoralisch oder antisozial galten, würden zunächst in den Bereich des tolerierten rücken und schließlich akzeptabel oder sogar zur neuen kulturellen Norm werden.

2.2.2 Die Folgen ethnischer und kultureller Heterogenität

Kulturelle Homogenität in einem Gemeinwesen ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass die Menschen, aus denen es besteht, sich überhaupt als Teil eines Gemeinwesens wahrnehmen. Kulturelle Heterogenität schwächt diese Wahrnehmung.

In einem Gemeinwesen beinhaltet soziales Vertrauen die Annahme, dass andere Personen sich an informelle Regeln halten, deren Einhaltung oft mit individuellen Nachteilen verbunden ist. Je stärker diese Annahme ausgeprägt ist, desto größer ist in der Regel auch die Bereitschaft einer Person zu altruistischem Verhalten bzw. dazu, entsprechende kulturelle Regeln selbst einzuhalten.

Vertrauen nimmt in einem Gemeinwesen daher mit dem Grad seiner ethnischen und kulturellen Heterogentität ab, wie der Soziologe Robert Putnam nachwies.14 Dies ist insbesondere dort der Fall, wo Angehöriger unterschiedler Gruppen persönlichen Kontakt zueinander haben.15 Zu den Folgen sinkenden Vertrauens gehören stiegende Reibungsverluste im Wirtschaftsleben, wo Absicherungsdenken und Dokumentationspflichten zunehmen.

Mit einem steigenden Grad an ethnischer und kultureller Heterogenität geht laut Putnam zudem die Bereitschaft zu freiwilligem Engagement sowie zu prosozialem Verhalten, zur Teilnahme an Wahlen und zur Leistung von Spenden. Ein hohes Maß an sozialem Vertrauen ist jedoch eine wesentliche Voraussetzung für das Funktionieren eines Gemeinwesens. Putnam betonte, dass so gut wie alle Sozialindikatoren, die das Funktionieren eines Gemeinwesens messen, in heterogenen Umfeldern schlechtere Werte aufweisen als in homogeneren.16

Migrationsforscher des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung unter der Leitung von Ruud Koopmans wiesen dies auch für Deutschland nach. In ethnokulturell homogenen Räumen sei der soziale Zusammenhalt demzufolge unabhängig von Bildungsniveau und Beschäftigungsstatus stärker ausgeprägt als in heterogenen Räumen. Integrationsmaßnahmen hätten darauf keinen feststellbaren Einfluss.17.

Mit dem heterogenitätsbedingten Verlust an Sozialkapital geht auch die allgemeine Rücksichtnahme in der Gesellschaft zurück. Auf Rücksichtnahme beruhendes Verhalten im gegenseitigen Umgang, wie es insbesondere christlich geprägte Kulturen hervorgebracht haben, gilt unter den Bedingungen zunehmender Heterogenität als Schwäche, die entweder ausgenutzt oder verachtet wird und daher zunehmend verschwindet.

Zum Verlust kultureller Substanz trägt in diesem Zusammenhang auch die zunehmende Ausnutzung vorhandenen Vertrauens durch Straftäter bei. Organisierte Bettelei bestimmte Straftaten im Bereich Betrug (z.B. der sog. „Enkeltrick“), die meist durch transnationale Netzwerke der Organisierten Kriminalität begangen werden, zerstören Vertrauen und Emphatie innerhalb der Gesellschaft. Dieses Phänonem kann sich noch ausweiten. So ist in einigen Ländern zu beobachten, dass Unfallopfern nicht mehr geholfen wird, weil vorgetäuschte Unfälle zur Vorbereitung von Raubüberfällen genutzt wurden.

2.2.3 Unterschichtenkultur, „Prole Drift“ und die Idealisierung kulturellen Verfalls

Unterschichten als kulturelles Problem

Eine Unterschicht stellt eher ein kulturelles als ein ökonomisches Phänomen dar. Die ethnisch deutsche Unterschicht, die sich in den vergangenen Jahrzehnten herauszubilden begann, definiert sich vor allem durch die in ihr vorherrschenden kulturell und sozial destruktive Wertvorstellungen und Verhaltensweisen. Zu diesen gehören etwa eine ausgeprägte Distanz zu Bildung, Erwerbsarbeit und stabilen Bindungen, die Abhängigkeit von Transferleistungen sowie geringes Interesse an der Zukunft der eigenen Nachkommen und starke Konsumorientierung. Die ethnisch deutsche Unterschicht unterscheidet sich in dieser Hinsicht wenig von ähnlichen Unterschichten in anderen europäischen Staaten oder den USA.18

Zur Unterschichtenproblematik trägt bei, dass progressive Ideologien die kulturelle Substanz weitgehend zerstört haben, die gerade schwachen Menschen Struktur und Halt im Leben gegeben hat.

Unterschichten sind von Phänomenen wie Abwesenheit eines Elternteils bzw. defekten Familien und Alleinerziehendentum geprägt. Destruktive Verhaltensweisen, die in der Vergangenheit in den USA vor allem die schwarze Bevölkerung geprägt haben, seien dort zunehmend auch bei Weißen zu finden.19

Angehörige der deutschen Unterschicht leben in Großstädten häufig in Stadtteilen mit besonders hohem Migrantenanteil. Deutsche Jugendliche stellen dort in ihrer Altergruppe bereits jetzt in vielen Fällen eine ethnische Minderheit dar. Sie passen sich in Sprache und Auftreten (etwa Kleidung, Gestik und Mimik) verstärkt den jeweiligen Mehrheiten an.20

Prole Drift

Der Kulturwissenschaftler Paul Fussell prägte den Begriff des „Prole Drift“ bzw. des „Proletarian Drift“ für die Umkehr der Richtung der kulturellen Durchdringung eines Gemeinwesens. Während in der Vergangenheit im westlichen Kulturraum Oberschichten als kulturelle Vorbilder gegolten hätten, orientieren diese sich in der Gegenwart kulturell häufig an Unterschichten, die dadurch zum führenden Akteur kultureller Abwärtsentwicklung werden.

Kulturell betrachtet handelt es sich bei großen Teilen der Eliten westlicher Gesellschaften um Unterschichten, die über Einfluss und Geld verfügen.

Der Politikwissenschaftler Charles Murray sprach in diesem Zusammenhang von „ausgehöhlten Eliten“ in westlichen Gesellschaften, die keine kulturellen Standards mehr für den Rest der Gesellschaft setzen wollten und keinen entsprechenden Führungsanspruch erheben würden.21

In diesem Zusammenhang ist vor allem eine Idealisierung von Verfallserscheinungen und des Vulgären zu beobachten. Kultur ist mit der Fähigkeit zur Schauung des Heiligen und mit Disziplin verbunden, der das eigene Leben unterworfen wird, um es im Sinne des Heiligen zu gestalten. Unterschichten sind dazu meist nicht in der Lage, weshalb die Orientierung an ihnen zur kulturellem Abstieg verbunden ist.

Die Reste der traditionell überlieferten Kultur gelten häufig nur noch als Steinbruch für ironische Zitate. Getrieben wird dieser Prozess auch von der wachsenden Kaufkraft von Unterschichten.

Asfa Wossen-Asserate beschrieb das kulturelle Phänomen des „Grobianismus“, der jegliche Formen ablehne, welche die schlechteren Teile der Natur des Menschen kontrollierten, und sich bewusst obszön gebe. Das Motiv solchen Verhaltens sei der Wunsch, progressive bzw. revolutionäre Gesinnung zu demonstrieren. Man wollte dadurch zeigen, dass man authentisch und echt sei und dem Volk nahestehe. Dies sei in einer Zeit des allgemeinen Wohlstands Ausdruck einer Suche nach der „Erfahrung der Wirklichkeit und echter Vitalität“. Die „wohlgenährten, teuer gekleideten Pflänzchen des Bürgertums“ würden dabei „in der romantischen Phantasie der Gesetzlosigkeit in schmutzigen Straßen“ schwelgen.

In Deutschland sei „die Attittüde von Antiintellektualismus, Traditionsfeindschaft und anarchischer Kraftgebärde“ bereits im 19. Jahrhundert für das Studententum stilprägend gewesen, was die 68er-Bewegung vor anderem ideologischem Hintergrund fortgesetzt habe. Anders als in früheren Zeiten sei diese Phase im Fall der 68er jedoch nicht mit dem Verlassen der Universität beendet gewesen. Die Folge davon sei eine „ästhetische Primitivisierung“ des Gesellschaft.

Das Intakte, Geordnete und Funktionierende gilt oft als spießig, langweilig und verklemmt, während das defekte als vital und interessant wahrgenommen wird. 2018 waren die muslimischen Rapper Kollegah und Farid Bang für den „Echo“-Preis der deutschen Musikindustrie nominiert. Sie waren vor allem durch ihre gewaltverherrlichenden, christenfeindlichen und antisemitischen Texte aufgefallen.

Die Kultur afroamerikanischer Unterschichten wird mit großem Erfolg global vermarktet. Sie wird auch von Weißen verbreitet als Ausdruck von Vitalität und Authentizität oder fundierter Gesellschaftskritik wahrgenommen und in Teilen kopiert. Tätowierungen, Graffiti, bestimmte Sportkleidung, Rap und Hip Hop mit antisozialen Texten und Betonung von Gewalt und Frauenverachtung und aus dem Milieu von afroamerikanschen Banden der Organisierten Kriminalität in den in den USA  stammende Umgangssprache sind mittlerweile auch außerhalb des Milieus verbreitet, in dem sie ursprünglich entstanden sind

Die damit verbundenen kulturellen Konzepte bieten auch für migrantische Unterschichten in Europa attraktive Identifikationsangebote und werden hier ebenfalls häufig kopiert.

Afroamerikanische Kritiker dieser Kultur wie der US-Amerikaner John McWhorter weisen darauf hin, dass sie die ohnehin schwierige Lage vieler Schwarzer weiter verschärft. Die  u.a. mit Ablehnung von Bildung und legaler Erwerbsarbeit sowie mit Frauenverachtung verbundene “Gangsta Culture” erzeugt unter denen, die sie annehmen, zwangsläufig Verlendung, für die anschließend von Aktivisten angebliche Diskriminierung durch Weiße verantwortlich gemacht wird.

2.3 Der Verfall des Bildungswesens

2.3.1 Der Verfall der Universitäten

Verschulungstendenzen und Infantilisierung

Studenten werden an Universitäten zunehmend nicht mehr wie Erwachsene sondern wie Jugendliche behandelt, was sich u.a. in zunehmenden Verschulungstendenzen äußert. Vor allem geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer, für die ein hohes Maß an Eigentumotivation und Freiheit in der Gestaltung erforderlich sind, leiden darunter.

In den USA begann eine Bewegung studentischer Aktivisten, die vor allem in den Geistes- und sozialwissenschaften fordern, dass das Personal mutmaßlich für Studenten emotional zu belastenden Studienhalten sog. „Trigger Warning“ voranstellt. An der Universität Cambridge in Großbritannien werden Studenten vor der Teilnahme an einer Vorlesung über Texte Shakespeares darauf hingewiesen, dass einige dieser Texte Beschreibungen sexueller Gewalt enthielten.22

Verdrängung des klassischen Bildungsideals durch neomarxistischen und postmodernen Aktivismus

Der Politikwissenschaftler Allan Bloom, ein Schüler von Leo Strauss, beschrieb 1987 in seinem Werk „The Closing of the American Mind“ kulturelle Auflösungserscheinungen vor allem in den Bereichen Geistes- und Sozialwissenschaften an amerikanischen Universitäten, die auch in Europa zu beobachten sind.

Die abendländische universitäre Tradition mit ihren Wurzeln im Denken der griechischen Antike mit ihrem Ziel des Streben nach Wahrheit werde im Zuge der Durchsetzung zunächst neo-marxistischer und dann postmoderner Ideologie seit späten 1960er Jahren zunehmend durch Ideologisierung von Fächern sowie durch die Ablehnung der Vorstellung der Existenz einer objektiven Wirklichkeit verdrängt. An die Stelle der abendländischen Tradition des Denkens würden Relativismus und die Berufung auf die eigenen Gefühle treten.

Die Weitergabe des abendländischen kulturellen Erbes fände an Universitäten in immer geringerem Maße statt. Ein Erbe, das man nicht kenne, könne man jedoch nicht bewahren oder verteidigen.

In den vergangenen Jahren wurden von postmodernen und neo-marxistischen Aktivisten pseudowissenschaftliche Fächer und Studiengänge geschaffen, deren Grundlagen und Inhalte meist einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten.

  • Der Physiker Alan Sokal belegte dies 1996 dadurch, dass er einen inhaltlich sinnlosen, im postmodernen Jargon verfassten Aufsatz („Transgressing the Boundaries: Toward a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity“) bei einem der führenden postmodern geprägten Periodika einreichte, wo er auch veröffentlicht wurde.
  • 2018 wiederholten Helen Pluckrose, James A. Lindsay und Peter Boghossian dieses Experiment, indem sie mehrere inhaltlich sinnlose aber in neo-marxistischem und postmodernem Jargon verfasste Artikel bei einigen Periodika u.a. aus dem Bereich Gender Studies zur Publikation vorlegten. Die Artikel enthielten laut den Autoren bewusst „verrückte oder menschenunwürdige“ Gedanken und Konzepte. Viele dieser Artikel wurden veröffentlicht und die Absurdität des Inhalts wurde in vielen Fällen im Rahmen des Prüfungsprozesses nicht erkannt. Ein besonders absurder Artikel, der sich mit einer angeblichen Vergewaltigungskultur unter Hunden auseinandersetzt, wurde von der in den Gender Studies zu den führenden Periodika zählenden Zeitschrift „Gender, Place & Culture“ als besonders gelungen hervorgehoben. Die Autoren erklärten später, sie hätten auf „politische Korrumpierung“ der Geistes- und Sozialwissenschaften aufmerksam machen wollen. Insbesondere den von der Kritischen Theorie der neo-marxistischen Frankfurter Schule geprägten Fächern, die sie als „Grievance Studies“ bezeichneten, warfen sie vor, aktivistische Anliegen an die Stelle der wissenschaftlichen Suche nach Wahrheit gestellt zu haben.
2.3.2 Verfall der Schulwesens

Aufgrund von allgemeinen gesellschaftlichen Auflösungserscheinungen bringen viele Schüler nicht mehr die sozialen, sprachlichen und sonstigen Kompetenzen von zu Hause aus mit, die das Schulsystem bislang voraussetzte.

Rückgang der schulischen Leistungen

Das Institut tut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) hatte 2017 die Ergebnisse einer deutschlandweiten Vergleichsstudie an Grundschulen veröffentlicht. In fast allen Bereichen verschlechterten sich demnach die Leistungen gegenüber der Vorgängerstudie aus dem Jahre 2011. Nur rund die Hälfte der getesteten Schüler aus vierten Klassen erreichte die Mindestanforderungen in der Rechtschreibung. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Susanne Eisenmann, bestätigte, dass das Leistungsniveau in den Fächern Deutsch und Mathematik in Deutschland sinke.

In Berlin konnten 2010 rund 60 Prozent der Schüler mit Migrationshintergrund, die eine dritte Klasse besuchten, kaum lesen oder rechnen.23 Mehrere hunderte Berliner Grundschullehrer kritisierten Vergleichstests, weil ihre Schüler nicht in der Lage dazu seien, die Fragen insbesondere in den Fächern Deutsch und Mathematik zu verstehen.24

Die Zahl der Rechtschreibfehler von Zehnjährigen hat sich zwischen Mitte der 70er und ca. 2015 um 77 Prozent erhöht. In Teilen den öffentlichen Dienst scheitern 2016 deutlich mehr Bewerber mit Abitur an Einstellungstests als in der Vergangenheit. Dies betraf vor allem Deutschtess, bei denen die Anforderungen zuvor bereits reduziert worden waren.

Auch bei Germanistikstudenten werden zunehmend Schwächen bei Rechtschreibung und der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit beobachtet. In den Ingenieurwissenschaften wiesen die Ergebnisse von Eignungsprüfungen gravierende Mängel im Bereich Mathematik auf.25

Die Deutsche Bahn schaffte 2018 Motivationsschreiben bei Bewerbungen für Auszubildendenstellen ab, weil die für viele Bewerber eine zu hohe Anforderung darstelle.

Senkung von Standards

Anforderungen werden durch die politisch Verantwortlichen mit dem Ziel gesenkt, die Zahl höherer Schulabschlüsse zu erhöhen.26

Während die durchschnittlichen Abiturnoten in einigen Teilen Deutschlands immer besser werden, sinkt parallel das durchschnittliche Leistungsniveau der Abiturienten. Berliner Schulanbschlüsse sind im Durchschnitt besser als die in Bayern, obwohl die dort gemessen schulischen Leistungen schlechter sind.27

Der nordrhein-westfälische Philologenverband kritisierte dass die Vergabe schlechter Noten zunehmend erschwert werde. Ab der Note „mangelhaft“ müssten Noten mit hohem bürokratischen Aufwand gerechtfertigt werden. Dies führe zu sinkenden Anforderungen. Vor einigen Jahren verwendete Klausuren würden mittlerweile als zu schwierig gelten.28

Um den Migrantenanteil an einem Gymnasium zu erhöhen, passte die Berliner Bildungsverwaltung in zahlreichen Fällen die Ergebnisse migrantischer Teilnehmer von Aufnahmeprüfungen so an, dass diese die Prüfungen bestanden.29

Der SPD-Politiker Sigmar Gabriel forderte 2013 die Abschaffung von Hausaufgaben, um bildungsferne Schüler nicht zu benachteiligen, die nicht von ihren Eltern unterstützt werden.30

Dysfunktionale pädagogische Konzepte

Talent kann sich bei niedrigen Anforderungen und umgeben von Mittelmaß kaum entwickeln.

  • Die Bergius-Schule in Berlin, die als Brennpunktschule gilt und wies 2018 einen Migrantenanteil von ca. 70 Prozent auf. Der Schulleitung gelang es jedoch, durch die Betonung von Disziplin und den Einsatz tradioneller Unterrichtsmethoden die für andere Schulen mit ähnlichen Herausforderungen typischen Probleme weitgehend zu vermeiden. Die Berliner Schulinspektion kritisierte die Schule trotz der guten Resultate jedoch, weil dort unerwünschter Frontalunterricht betrieben werde.
  • Die Methode „Schreiben nach Gehör“ führt dazu, dass zahlreiche Schüler Probleme mit der Rechtschreibung haben. Die Folgen reduzierter Standards an Grundschulen wirken sich über die gesamte Bildungsbiographie hinweg aus. Wer nicht von Anfang an korrekte Rechtschreibung gelernt hat, kann die dadurch entstandenen Defizite später nur noch schwer aufholen.

Problematische Migrationsfolgen

  • In Berlin galt 2013 rund ein Viertel aller Schulen als Problemschulem, die von hohem Migrantenanteil, geringer Lernbereitschaft, mangelnden Deutschkenntnissen und verbreiteter Abwesenheit vom Unterricht gekennzeichnet seien.31
  • Lehrer der Berliner Rütli-Schule, die damals einen Migrantenanteil von über 80 Prozent hatte, berichteten 2006 über „Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz uns Erwachsenen gegenüber“. Aus hoher Gewaltbereitschaft, „menschenverachtendem Auftreten“ und sozialschädlichem Verhalten erwachse den Tätern Anerkennung in ihrem kulturellen Umfeld. Versuche von Lehrern, Regeln durchzusetzen, würden auf starken Widerstand stoßen.32
  • Laut PISA-Studien sinken ab einem Migrantenanteil von 20 Prozent die mittlere Leistungswerte der Schüler einer Schule deutlich.33
  • Gewalt gegen Lehrkräfte nimmt an Schulen in Stadtteilen mit hohem Migrantenanteil zu.34
  • Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Susanne Eisenmann, erklärte 2017, dass das Leistungsniveau in den Fächern Deutsch und Mathematik in Deutschland in Folge steigender Heterogenität der Schülerschaft zurückgehe.
  • Eine Berliner Schulrektorin sprach davon, dass Schulen ab einem Migrantenanteil von rund 50% „kriselig“ und ab 60% „umkippen“ würden.
  • Berliner Grundschullehrer erklärten 2018, dass an Brennpunktschulen mit hohem Anteil muslimischer Schüler die Präsenz „offensichtlich lernunwilliger und bildungsfeindlich gesinnter Schüler“ einen normalen Schulbetrieb nur noch „nebenher“ ermögliche. Viele Schüler würden hier „äußerst feindselig bis gewalttätig auf andere Glaubensüberzeugungen als den Islam“ reagieren.
  • Insbesondere sensible Lehrer haben an Schulen zunehmend Schwierigkeiten und sind Mobbing seitens der Schüler ausgesetzt. Dem Lehrer und Autor Wolfgang Kindler zufolge würden vor allem Kinder und Eltern mit bestimmten Migrationshintergründen durch Gewalt gegen Lehrer auffallen.

2.4 Die Tendenz zur Hypermoral

Der Philosoph Reinhard K. Sprenger beschrieb die Tendenz zur Hypermoral als Folge des Verlusts der traditionellen religiösen Grundlagen von Moral, wie sie etwa in der Naturrechtslehre zum Ausdruck kommen, in Europa. Gleichzeitig gehe es bei der moralischen Aufladung von Fragen darum, eigene Interessen als „Werte“ darzustellen. Diese Tendenz schade dem Gemeinwohl:

Moralisierer denken nicht. Sie urteilen. Mehrdeutigkeit, Ambivalenz, Kontext- und Situationsbezug kennen sie nicht. […] Das erinnert an Hermann Lübbes Diktum: «Moralismus ist der Triumph der guten Gesinnung über die Gesetze des Verstandes.» Zugleich sind sie hochenergetisch, wach, tätig, misstrauisch, versierte Erniedriger höherer Ideen und Menschen, erfüllt von menschenfreundlichen Theorien. Sie gehen nicht auf Argumente ein, sondern sind empört, dass sie überhaupt vertreten werden. […]

[D]ass gute Absichten schlechte Folgen haben, egoistisches Verhalten umgekehrt sozialen Nutzen erzeugen kann – diese Gedankenwege beschreiten sie nicht. Im Regelfall wird ein Wert aus der Ambiguität herausgelöst und normativ so hoch aufgeladen, dass man sich aus der Solidargemeinschaft der Zivilisierten verabschiedet, hebt man gegen ihn die Stimme. […]

Ohne Moral geht es nicht. Aber ihre Überdehnung auf alle Lebensbereiche, die Segmentierung der Gesellschaft in Gute und Schlechte, zerstört den Wert der Moral: dem Zusammenleben zu dienen, nicht der Trennung.

2.5 Unwille zur Selbstbehauptung

Der Philosoph Peter Sloterdijk sprach von  „lähmender Harmlosigkeit“ und einer „alles durchdringenden Ernstfallferne“ der Kultur in Deutschland. 35

Der Schriftsteller Imre Kertesz sah im „selbstmörderischen Liberalismus“ und im „überzüchteten Zustand“ der europäischen Kultur die Ursachen der europäischen Unfähigkeit zur Selbstbehauptung. Europa sei „nicht nur nicht mehr fähig, vielmehr auch nicht mehr willens ist, sich zu verteidigen“. Es verherrliche die eigenen Feinde und bekämpfe die jenigen, die vor ihnen warnen würden. In Europa würden „die Lüge und die totale Selbstaufgabe […] zu den guten Manieren“ gehören.

Die Autoren Parviz Amoghli und Alexander Meschnig analysieren in ihrem Buch mit dem Titel „Siegen“ den Verlust der Fähigkeit europäischer Gesellschaften zur Selbstbehauptung. Die Ursachen dafür seien vor allem geistig-kultureller Art. Gesellschaften, die sich nicht gegen Herausforderer verteidigen wollten, könnten nicht nachhaltig sein.

Der dauerhafte Bestand eines Gemeinwesens setze voraus, dass dieses sich verteidigen könne. Dem Strategietheoretiker Carl von Clausewitz zufolge sei dabei die geistig-kulturelle Fähigkeit zur Selbstbehauptung wichtiger als die technisch-militärische Fähigkeit dazu. Die „moralischen Kräfte“ in einer Gesellschaft bezeichnete er als das „edle Metall, die eigentliche, blank geschliffene Waffe“, die es einem Gemeinwesen erlaube, sich zu verteidigen. In Europa seien diese moralischen Kräfte im Zuge der kulturellen Entwicklung jedoch zunehmend verloren gegangen, weshalb Europa zur Selbstbehauptung weitgehend unfähig geworden sei.

Dies gehe unter anderem aus Umfragen hervor, denen zufolge nur kleine Minderheiten der Bürger der meisten europäischen Staaten dazu bereit seien, im Verteidigungsfall Dienst als Soldat zu leisten. In Deutschland würden demnach 82 Prozent der Bürger eine bewaffnete Beteiligung an der Verteidigung ihres Landes verweigern.

Die Ideologien der Wehrlosigkeit

Der Althistoriker Egon Flaig hatte das Phänomen der kulturell bedingten Schwierigkeiten europäischer Gesellschaften, sich gegen äußere Herausforderer durchzusetzen, ebenfalls beschrieben:

Einen Krieg führen verlangt Zustimmung, um Opfer bringen zu können im Kampf gegen einen definierten Feind. Was aber, wenn die hegemonialen Diskurse abstreiten, dass es noch Feinde gibt, und den Begriff der „Feindschaft“ moralisch ächten? […] Wenn wir fragen, wieso die medialen Akteure und die politische Klasse seit 2001 sich weigern, die Terrorakte eines explizit angekündigte Djihad als Angriffe auf den republikanischen Staat zu begreifen, entdecken wir die Ursache in der bestürzenden diskursiven Unfähigkeit, den Krieg zu denken.“

Die Autoren knüpfen an daran an und sehen in den folgenden weltanschaulichen Konzepten die Ursachen geistiger Wehrlosigkeit europäischer Gesellschaften:

  • Egalitarismus: Entsprechendes Denken sehe in der Wahrnehmung von Unterschieden jeglicher Art und in der Formulierung eigener Interessen die Ursache von Konflikten. Von der Leugnung von Unterschieden und dem Verzicht auf die Formulierung von Interessen erhoffe man sich die Beseitigung von Konflikten. Dabei handele es sich jedoch um Selbsttäuschung, da Feindschaft und die sie begründenden absoluten Interessengegensätze nicht dadurch verschwinden würden, dass man ihre Existenz leugne. Egalitarismus lasse außerdem die Vorstellung einer besonderen Schutzwürdigkeit des eigenen Gemeinwesens als moralisch illegitim erscheinen. In extremen Formen sei egalitaristisches Denken damit verbunden, für das Gemeinwohl schädliche Phänomene wie die Zuwanderung militanter Islamisten aktiv zu fördern. Dadurch wolle man unter Beweis stellen, dass man frei von jeglicher Tendenz zur Diskriminierung sei und tatsächlich alle Menschen unter allen Umständen als gleich ansehe und gleich behandele.
  • Mangel an Selbstgewissheit: Dieser seien eine Folge egalitaristischen Denkens. Viele Europäer würden die Kulturhöhe und den Wohlstand Europas als Ausdruck von Ungerechtigkeit empfinden und diesbezüglich Schuldgefühle entwickeln. Angriffe nichteuropäischer Akteure (etwa islamistischer Terroristen) würden daher häufig auf Verständnis und Nachsicht anstatt auf Entschlossenheit stoßen. In extremen Fällen seien diese Schuldgefühle mit einem Wunsch nach Selbstauflösung und zu allgemeiner Zustimmung zu jeder von außen an das Gemeinwesen gerichteten Forderung verbunden.
  • Postheroisches Denken: Soldaten und Polizisten, die im Rahmen ihres Dienstes besondere Tapferkeit bis hin zur Inkaufnahme des eigenen Todes zeigen müssten, begegne man mit Misstrauen oder Verachtung, da ihr Ethos egalitaristischem Denken widerspreche. Eine postheroische Gesellschaft sei davon abhängig, dass einem von ihr bekämpften Ethos folgende Menschen dazu bereit seien, sie dennoch zu verteidigen, was ein Wagnis darstelle.
  • Humanitarismus: Sicherheitspolitisches Geschehen werde vor allem in Deutschland nicht in Kategorien wie Gemeinwohl oder nationalem Interesse, sondern in moralistischen Kategorien oder in denen des Sozialstaats wahrgenommen und diskutiert. Dadurch, dass Staat und Gesellschaft die Ansprüche externer Akteure über die Erfordernisse des Gemeinwohls zu stellen bereit seien, würden sie moralisch erpressbar. Dies äußere sich unter anderem darin, dass man auf die Durchsetzung von Gesetzen gegen Widerstand zunehmend verzichte. Illegale Einwanderung werde in Deutschland unter Berufung auf humanitäre Gründe zum Beispiel faktisch nicht mehr wirksam unterbunden oder strafrechtlich verfolgt. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler wies außerdem darauf hin, dass postheroische Gesellschaften nicht über den politischen Willen dazu verfügten, ihren Gegner den zu ihrer Abwehr erforderlichen Schaden zuzufügen.
  • Pazifismus: In Folge zweier katastrophaler Kriege habe sich in Europa die Ansicht durchgesetzt, dass die kulturelle Fähigkeit zur Kriegführung die Ursache von Kriegen sei. Dies sei jedoch eine falsche Lehre aus der Geschichte, da die tatsächliche Ursache von Kriegen in den Absichten der Angreifer läge. Wer die Fähigkeit zur Führung von Kriegen allgemein ablehne, schwäche eine Gesellschaft gegenüber möglichen Angreifern.

Eine von diesen Tendenzen geprägte Gesellschaft könne weder eigene Interessen formulieren noch sich verteidigen. Diesbezüglich gebe es eine „moralische Asymmetrie“ zwischen europäischen Gesellschaften und militanten Islamisten und anderen Herausforderern, die diese zu ihrem Vorteil ausnutzen würden.

Es gibt zudem eine falsch verstandene Toleranz, hinter der sich Gleichgültigkeit verbirgt, die sich als Tugend auszugeben versucht.

2.6 Verlust von Männlichkeit und Weiblichkeit

2.6.1 Verlust von Männlichkeit bei Männern

In der Wochenzeitung „Die Zeit“ beschrieb Nina Pauer deutsche Männer als eingeschüchterte „Schmerzensmänner“, die von einer männliche Identitätskrise betroffen seien. Sie seien zu „lieb, melancholisch und sehr mit sich selbst beschäftigt“, was für Frauen zum Problem werde, weil diese keine schwachen Männer wünschen. Die Entmännlichung des deutschen Mannes habe „groteske Züge“ angenommen.

In der „taz“ wurden deutsche Männer übereinstimmend als „schüchtern und asexuell“ beschrieben. Partnervermittlungen erklären Frauen dementsprechend, wie sie mit dem Problem schüchterner deutscher Männer umgehen können. 

Im europäischen Kulturraum ist bei jungen Männern das Phänomen des Aufschiebens des Übergangs ins Erwachsenenalter zu beobachten.

Der Zurschaustellung von Überempfindlichkeit und Fragilität wird immer stärker akzeptiert oder als Ideal betrachtet und ist mit einem Gewinn an gesellschaftlichem Status verbunden.

Alleinerziehende Mütter erkennen oft die Erfordernisse der Erziehung von Jungen nicht oder sind mit dieser überfordert, weshalb die Entwicklung einer intakten maskulinen Identität bei den Söhnen alleinerziehender Mütter in vielen Fällen nicht gelingt.

Camille Paglia: Der Verlust der Männlichkeit als Phänomen scheiternder Kulturen

Die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Camille Paglia beschrieb im Zusammenhang mit Versuchen zur Auflösung traditioneller Konzepte von Geschlechteridentität, dass westliche Kulturen der Gegenwart sich in dieser Hinsicht so verhalten würden wie untergegangene Kulturen in ihren Spätphasen.

Es sei für die Spätphasen von Kulturen typisch, dass in ihnen Vorstellungen abgelehnt würden, die Männlichkeit etwa über physische Durchsetzungsfähigkeit oder die Zeugung von Nachkommen definieren. Jene Kulturen hätten sich in der Endphase ihrer Existenz über die vermeintlichen Fesseln von Tradition und Natur erhaben gefühlt und wären noch in ihrem Scheitern von der Überlegenheit ihrer Ablehnung von Männlichkeit überzeugt gewesen, während sich an ihrer Peripherie Herausforderer formiert hätten, deren Vorstellung von Männlichkeit eine „heroische Maskulinität“ gewesen sei.

Diese Herausforderer hätten dann die Existenz der entmännlichten Kulturen beendet. Es gäbe in diesem Zusammenhang eine Symmetrie zwischen aktuellem Genderaktivismus in westlichen Gesellschaften und dem Erstarken von Kräften wie dem Islamischen Staat.

Daniele Giglioli: Effeminisierung von Gesellschaften führt zu Wehrlosigkeit

Daniele Giglioli lehrt Literaturwissenschaften an der Universität Bergamo. Er kritisierte, dass westliche Gesellschaften durch Anstrengungen zur Zerstörung ihres traditionellen Männlichkeitsverständnisses erhebliche Risiken eingingen. Die damit verbundene Tendenz zur Effeminisierung mache diese Gesellschaften zunehmend unfähig dazu, existenziellen Herausforderungen zu begegnen.

Giglioli ist im deutschsprachigen Raum vor allem durch seine kulturkritische Schrift „Die Opferfalle“ bekannt geworden, in der er sich mit der Tendenz westlicher Gesellschaften auseinandersetzt, moralischen Status nicht mehr mit herausragenden guten Taten, sondern mit einem Opferstatus zu verbinden. Dies führe zu Effeminisierung, unter anderem in Form einer wachsenden Idealisierung von Passivität und Schwäche, was diese Gesellschaften zunehmend unfähig mache, existenziellen Herausforderungen zu begegnen.

In seinem aktuellen Aufsatz setzt sich er sich mit dem zunehmenden Verlust männlicher Tugend in westlichen Gesellschaften im Zuge der Durchsetzung postmoderner und neo-marxistischer Ideologien, etwa des Feminismus, auseinander. Die Folgen dieser Entwicklung seien gefährlich:

Die eigentliche Gefahr einer Dekonstruktion der patriarchalen Ideologie besteht darin, dass zusammen mit der Ideologie auch jene Tugenden langsam verschwinden, die der männlichen Dimension zugeschrieben wurden: Mut, Redlichkeit, Verantwortung, Sorge um das öffentliche Leben, Gemeinsinn.  […] Die Tatsache aber, dass die Tugenden […] im Verschwinden begriffen sind, ist der hohe Preis, den wir gerade dafür bezahlen. Zumindest so viel steht darum fest: Das Ende des Patriarchats wird weder schmerzlos noch wirkungslos über die Bühne gehen. […]

Die Männer praktizieren die sogenannten männlichen Tugenden kaum noch. Die schlimmsten Exemplare – die Weinsteins – scheinen vom männlichen Charakter lediglich dessen raubtierhafte Züge, rohe Gewalt und Präpotenz geerbt zu haben. Die besten Vertreter des männlichen Geschlechts scheinen sich derweil oft darauf zu beschränken, jene Züge für sich zu beanspruchen, die einst dem vermeintlich weiblichen Charakter zugeschrieben wurden: Zerbrechlichkeit, Verletzlichkeit, Schutzbedürfnis. Einem Jungen hat man früher beigebracht, dass Weinen sich für einen kleinen Mann nicht zieme. Heute gilt ein Mann, der weint, ipso facto als anständig, ehrlich, feinsinnig, spontan, gefühlvoll.

Eine dauerhafte Gesellschaft benötige zu ihrem Fortbestand jedoch auch tätige männliche Tugenden und das  „Vermögen, Städte – und damit Institutionen, Erfindungen, Gesetze und Werke – zu gründen“. Sentimentale und zerbrechliche Männer wären kaum in der Lage, diesen Auftrag zu erfüllen.

Überbehütende Erziehung von Jungen

Insbesondere Einzelkinder bzw. einzelne Söhne werden zunehmend überbehütend aufgezogen und dabei von Risiken, Belastungen und Herausforderungen ferngehalten. Dies führt in vielen Fälle bei Jungen zu einer Verbindung von Hilflosigkeit, Verletzlichkeit und hohen Ansprüchen bzw. der lebenslangen Erwartung, einen Anspruch auf Versorgung durch andere und Erfüllung der eigenen Wünsche zu haben.

Allgemein wird Erwachsenen gesellschaftlich immer weniger zugetraut, Verantwortung für ihr Leben und ihre Entscheidungen zu übernehmen. Gleichzeitig ist eine Infantilisierung von Diskursen zu beobachten, in denen der Verweis auf die Verletzung der eigenen Gefühle an die Stelle von Argumenten tritt.36

Ablehnung traditioneller Männlichkeit durch den Feminismus

Maskulinität gilt zunehmend pauschal als „toxisch“. Maskulines Verhalten wird bereits bei Kindern pathologisiert und z.T. als angebliche Krankheit ADHS mit Psychopharmaka behandelt.

Die Feministin Gloria Steinem forderte dazu auf, Jungen so zu erziehen, als seien sie Mädchen. Jungen sollen dazu gebracht werden Schwäche und Emotionen zu zeigen und feminine Eigenschaften zu entwickeln. Gleichzeitig soll verhindert werden, dass sie sich mit einer männlichen Rolle identifizieren. Teilweise wird dies damit begründet, dass die Identifikation mit dieser Rolle die individuelle Freiheit der Jungen einschränken würde. Meist steht hinter dieser Forderung aber die Ablehnung des  traditionellen Konzepts von Männlickeit.

Auch der Feminist Jack Urwin lehnt es ausdrücklich ab, dass Männer Eigenschaften wie Stärke und Mut entwickeln sollten.

In einigen europäischen Staaten wird in Kindergärten und Grundschulen das Konzept der „geschlechtsneutralen Erziehung“ verfolgt, dass nach Aussagen der Verantwortlichen verhindern soll, „dass die Jungs jungenhaft und die Mädchen mädchenhaft agieren“. Ein Ziel dieses Konzepts ist es, Jungen maskulines Verhalten abzuerziehen:

In dem einen Raum versammeln sich alle Mädchen, brüllen so laut sie können und werfen sich in Kriegerposen. »Ich bin stark!« rufen sie wieder und wieder, bis der ganze Raum hallt: »Ich bin staaaaaark!« Dann feuern sie mit einer imaginären Armbrust unsichtbare Pfeile in den Raum. Im anderen treffen sich die Jungs, aber statt mit Handschlag wie die Mädchen begrüßen sie sich mit einer Umarmung. Statt zu brüllen lernen sie, beim Zusammensetzen eines Mosaiks friedlich zu kooperieren. Dann massieren sie sich gegenseitig die Füße.

Jungen werden auf diese Weise in ihrer Entwicklung behindert und werden als Erwachsene nur einschränkt dazu in der Lage sein, eine Rolle als Beschützer und Versorger einer Familie einzunehmen. Der im Sinne feministischer Ideologie deformierte Mann wird es mangels maskuliner und für Frauen attraktiver Eigenschaften allgemein schwer haben, überhaupt eine Partnerin zu finden.

Entartete Formen von Maskulinität

In Folge des Verlustes an traditionellen Männlichkeitskonzepten und als Reaktion auf die Abwertung von Maskulinität verbreiten sich korrumpierte Männlichkeitsbilder.

Dem Psychologen Jordan B. Peterson zufolge könnven vaterlos aufwachsende Jungen sowie die Söhne von Vätern, die diesen kein entsprechendes Vorbild gäben, könnten gesunde Männlichkeit kaum entwickeln. Dies bringe für das Gemeinwesen schädliche, entartete Formen von Männlichkeit hervor, die sich in Narzissmus oder Effeminiertheit, aber auch in Frauenverachtung sowie verantwortungslosem und kriminellem Verhalten äußerten.

  • Die „Red Pill“-Bewegung idealisiert den dominanten, körperlich starken und sexuell leistungsfähigen Mann, kennt aber die Vorstellung nicht, dass er seine Stärke in den Dienst zu stellen und Verantwortung zu übernehmen hat.
  • Die „Bro Culture„, die unter gut ausgebildeten weißen jungen Männern in den USA verbreitet sei, verbinde Hedonismus mit Amoralität.
  • Die „Incel“-Bewegung (der Begriff bezeichnet unfreiwillig zölibatär lebende Männer) besteht offenbar aus jungen Männern, die bei der Herausbildung sowohl intakter als auch korrumpierter Maskulinität gescheitert sind und darauf mit allgemeinen Ressentiments sowohl gegenüber sexuell erfolgreichen Männern die dem Ideal der „Red Pill“-Bewegung folgen als auch gegenüber Frauen reagieren. Einige Amokläufer in den USA bewegten sich offenbar im Umfeld der „Incel“-Bewegung.
2.6.2 Verlust von Weiblichkeit

Die eigentlich weibliche Berufung, nämlich die Mutter zu sein, wird immer stärker abgewertet. So erklärte etwa die OECD sinngemäß, dass Mutterschaft eine volkswirtschaftliche Belastung darstelle, weil sie Frauen dem Arbeitsmarkt entziehe.

Die feministische Vordenkerin Simone de Beauvoir leugnete das weibliche Wesen der Frau bzw. erklärte die weiblichen Aspekte der Identität der Frau zu etwas, das überwunden werden müsse. Sie behauptete u.a., dass die Frau in der Mentruation etwas „Fremdes“ und in der Schwangerschaft eine „noch tiefere Selbstentfremdung“ erfahren würde. Die Frau werde zudem durch die „Fortpflanzungsfunktion“ unterdrückt. Dies zu überwinden sei die Voraussetzung für die „Befreiung“ der Frau.

Moderne und postmoderne Kultur bekämpfen Weiblichkeit ebenso wie Männlichkeit. Sie leugnen nicht nur die zweigeschlechtliche Identität des Menschen, sondern propagieren auch das Schönheitsdeal der unfruchtbaren, untergewichtigen Frau. Sie haben eine Antimedizin geschaffen, die nicht das Leben schützt und fördert, sondern ungeborene Kinder tötet und Medikamente produziert, die unfruchtbar machen.

2.7 Fortschrittoptimismus und die Ausblendung krisenhafter Entwicklungen

Der Neurowissenschaftler Steven R. Quartz lehrt am California Institute of Technology. In einem Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung vertrat er die These, dass die Lage der Welt sich grundsätzlich zum Besseren verändere, und dass Kulturpessimismus daher Ausdruck einer Wahrnehmungsstörung sei.

Quartz argumentiert dabei vor allem damit, dass sich die materielle Lage der meisten Menschen in den vergangenen Jahrzehnten verbessert habe. Die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben würden, sei etwa deutlich zurückgegangen, während die Lebenserwartung allgemein zunehme. Negative Wahrnehmungen bezüglich der Entwicklungen in der Welt seien vor diesem Hintergrund irrational.

Ursache für solche Wahrnehmungen sei eine verbreitete Wahrnehmungsstörung, die zu einer Idealisierung der Vergangenheit führe und Menschen anfällig für “Narrative des Niedergangs” und Kulturpessimismus mache. Vor der Wahrnehmung einer negativen Entwicklung müsse man jedoch “auf der Hut sein”, weil sie “Urgefühle von Furcht” auslöse, “was wiederum dazu führt, dass eine rationale Einschätzung nicht mehr möglich ist.”

Die Argumentation von Quartz weist drei wesentliche Mängel auf:

  • Quartz betrachtet das Geschehen in der Welt aus einer materialistischen Perspektive und blendet nichtmaterielle Kriterien der Bewertung des Geschehens vollständig aus. Wesentliche Aspekte menschlicher Existenz sowie gesellschaftlicher und kultureller Entwicklung bleiben für ihn somit vollständig unsichtbar; und sein Blick auf die Wirklichkeit ist in einer Weise verengt, die dieser nicht gerecht wird.
  • Er argumentiert zudem ausschließlich auf einer globalen Ebene, so dass lokale und regionale Entwicklungen nicht sichtbar werden, und blendet dabei außerdem wesentliche materielle Indikatoren aus. Ein Blick auf die konkreten Bedingungen westlicher Gesellschaften belegt jedoch bei einigen materiellen Sozialindikatoren existentielle Herausforderungen. Dies gilt etwa für die demographische Entwicklung, die in fast allen westlichen Gesellschaften seit langem nicht mehr nachhaltig ist.
  • Da Quartz auf Grundlage seiner materialistischen Ideologie blind für die kulturellen Triebkräfte der Entwicklung von Gesellschaften ist, zieht er zudem nicht die Möglichkeit von künftigen Trendbrüchen bei der Entwicklung materieller Indikatoren in Folge der Erschöpfung kultureller Substanz in Erwägung. Er ähnelt hier einem Piloten, der sich unmittelbar nach einem Triebswerksausfall dadurch zu beruhigen versucht, dass sein Flugzeug zunächst noch an Höhe gewinnt und es daher irrational sei, ein grundsätzliches Problem anzunehmen.

Quartz hat den Rahmen seiner Argumentation so gesetzt, dass für die Zukunft westlicher Gesellschaften existentiell bedeutsame negative Entwicklungen unsichtbar bleiben. Gleichzeitig versucht er, einen verengten Blick auf die Wirklichkeit zum Ausdruck überlegener Rationalität zu erklären. Ein umfassenderer Blick auf die Entwicklung europäischer Gesellschaften offenbart jedoch existentielle Herausforderungen, die Quartz mit seinem Ansatz nicht erkennen kann. Seine Diagnose über mutmaßliche Wahrnehmungsstörungen und Irrationalität bei den Vertretern einer skeptischeren Weltsicht scheitert somit ausgerechnet an seiner unvollständigen Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Ein rationaler Kulturpessimismus beruht auf der Erkenntnis, dass geistige und kulturelle Faktoren für die Entwicklung von Gesellschaften wichtiger sind als von ihnen abhängige materielle Faktoren. Ein solcher Kulturpessimismus ist sich zudem der Schwächen der menschlichen Natur und der Fragilität aller kulturellen Werke bewusst. Die Kontinuität von Gemeinwesen beruht darauf, dass wachsame Eliten einen solchen Kulturpessimisus pflegen, denn nur er ermöglicht es, strategische Herausforderungen auf der entscheidenden geistig-kulturellen Ebene angemessen zu erkennen und ihnen rechtzeitig und wirksam zu begegnen.

2.8 Der Verfall der Debattenkultur

Der Raum für Debatten wird aufgrund kultureller und politischer Entwicklungen enger. Kritik am Handeln von Regierungen und den Ideologien, mit denen sie ihr Handeln legitimieren, sowie die Ansprache von unbewältigten gesellschaftlichen Herausforderungen wird häufig als Ausdruck von „Haß“ und „Intoleranz“ denunziert, so dass keine Debatte mehr stattfinden kann.

Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit  durch die nachfolgenden Ereignisse bestätigten Warnungen vor den möglichen Folgen der Öffnung der Grenzen Deutschlands für irreguläre Migration 2015. Auch über die faktische Aussetzung des im Grundgesetz formulierten staatlichen Auftrags des besonderen Schutzes von Ehe und Familie durch die Umdefinition des Ehebegriffes 2017 gab es praktisch keine Debatte, nachdem Kritikern pauschal „Homophobie“ etc. unterstellt worden war.

Zunehmend setzt sich die Einstellung durch, dass mit diesen Methoden aus der öffentlichen Debatte herausgedrängten Positionen allgemein kein Forum geboten werden dürfe. Eine angemessene, neutrale Darstellung entsprechender Positionen, die eine Diskussion ermöglichen würde, findet in großen Teile der Medien nicht mehr statt. Das Vertreten solcher Positionen ist zudem verstärkt nicht nur mit sozialer Isolation, sondern auch mit dem Verlust der Arbeitsstelle verbunden.

Auch die Wahrnehmung und Ansprache gesellschaftlicher Herausforderungen werden mit den gleichen Mitteln zunehmend tabuisiert. In Großbritannien konnten vorwiegend von Muslimen gebildete Vergewaltigerbanden jahrelang weitgehend ungehindert agieren, weil Mitarbeiter von Behörden Angst hatten, bei Ansprache des Problems Rassismusvorwürfen ausgesetzt zu werden.

Gleichzeitig ist eine Infantilisierung von Diskursen zu beobachten, in denen der Verweis auf die Verletzung der eigenen Gefühle an die Stelle von Argumenten tritt.37

2.9 Die Auflösung der Hochkultur

Der Zukunftsforscher Horst Opaschowski erwartet die Auflösung des Bildungsbürgertums in Deutschland weil dieses sich nicht mehr regeneriere bzw. es nur noch geringes Interesse an seiner Kultur in jüngeren Generationen gebe.38

2.9.1 Der Verfall der Lesekultur

Die Zahl der Deutschen, die regelmäßig Bücher erwerben, ist zwischen 2013 und 2017 um 6,4 Mio. Menschen bzw. um 18 Prozent gesunken. Eine Untersuchung des Buchhandels ergab, dass der wichtigste Grund dafür sei, dass viele Menschen sich nicht mehr die Konzentration aufbrächten, um ein ganzes Buch zu lesen. Bücher seien außerdem aus dem öffentlichen Diskurs weitgehend verschwunden, so dass man sich nur schwer mit anderen Menschen über sie austauschen könne.

2.9.2 Moderne Kunst und kulturrevolutionäre Ideologien

Der katholische Theologe Hans Urs von Balthasar betonte, dass alle großen Kunstwerke „aus dem Geist der Religion geboren und aufgebaut“ und „samt und sonders aus der Verehrung des Göttlichen entstanden“ seien. Es sei noch offen, „ob aus Irreligion überhaupt irgendeine große gültige Kunst hervorgehen kann“.

Platon beschrieb die Konfrontationen mit dem Schönen als Schock, der den Menschen über sich hinausführen und das Gute bzw. das Heilige erfahren lassen könne. Der Anblick des Schönen führe die Seele aufwärts. Das Kunstwerk ist somit lebendig dargestellte Religion und die größten Kunstwerke in der Geschichte der Menschheit waren dementsprechend religiöser Natur.

Der römische Dichter Horaz beschrieb es als die Aufgabe der Kunst, „nichts Kleines und nichts auf niedrige Weise“ darzustellen.

Der Schriftsteller Franz Werfel schrieb über das Wesen der Kunst:

Schon in den Tagen, da ich meine ersten Verse schrieb, hatte ich mir zugeschworen, immer und überall durch meine Schriften zu verherrlichen das göttliche Geheimnis und die menschliche Heiligkeit – des Zeitalters ungeachtet, das sich mit Spott, Ingrimm und Gleichgültigkeit abkehrt von diesen letzten Werten unseres Lebens.

Auf der Grundlage dieses Gedankens entstand eine mehr als 2.500 Jahre umfassende abendländische Kunsttradition, die nach der Verwirklichung des Wahren, Guten und Schönen in der Form von Kunstwerken strebte. Der Bruch mit dieser Tradition seit dem 19. Jahrhundert hat die westliche Kunst weitgehend steril gemacht.

Moderne Kunst beschränkt sich vorwiegend auf die Dekonstruktion der durch die traditionelle Kunst geschaffenen kulturellen Bestände. Große Fragen werden meist nicht angesprochen und wo dies doch geschieht erfolgt dies meist auf nihilistische Weise, ohne dass der Versuch unternommen würde, eine Antwort auf sie zu formulieren. Relevante Werke von bleibendem Wert hat die Moderne bislang nicht hervorgebracht.

Eigenes bringt moderne Kunst nur im Ausnahmefall zustande. Sie ist im Ausdruck meist laut und schrill, auch um bei  ihrem durch viele Tabubrüche überreizten Publikum überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Aus der Absicht heraus, das Wahre, Gute und Schöne zu dekonstruieren, wird oft das Häßliche und Niedrige verherrlicht.

  • Als bei einem Großbrand in der Sammlung von Charles Saatchi 2004 zahlreiche als besonders wertvoll geltende Werke moderner Kunst zerstört wurden, entstand ein Sachschaden in Höhe von mehrerend Dutzend Millionen Euro. Besonders betont wurde der Verlust des Werkes mit dem Namen „Everyone I Have Ever Slept With 1963-1995“ der Künstlerin Tracey Emin. Es handelte sich dabei um ein Zelt, auf dessen Oberfläche sie die Namen aller Personen gestickt hatte, mit denen sie nach eigenen Angaben das Bett geteilt hatte. Es handelte sich bei der Sammlung offensichtlich um eine reine Geldanlage ohne relevanten immateriellen Wert.
  • In der Musik wurde in den vergangenen 100 Jahren kaum noch ein großes Werk geschaffen.

Eine der Ausnahmen wertvoller moderner Kunst stellt das Werk des Schriftstellers Michael Houellebecq dar, der zwar Nihilist ist, aber im Zuge seiner Beschreibungen moderner Dekadenz durchaus große Fragen aufwirft.

Hanno Rauterberg, der stellvertretende Feuilletonchef der Wochenzeitung „Die Zeit“, erklärte 2018, dass man sich im Kunstmilieu „eher links fühlt“. Seit der Französischen Revolution habe sich in der Kunst die Vorstellung durchgesetzt, dass Künstler „für Entgrenzung zu sorgen haben“.

Die Ideologisierung der Kunst zeige sich auch daran, dass bei wichtigen Ausstellungen „bestimmte Künstler nicht deshalb eingeladen wurden, weil ihr Werk so bezwingend und so evident gut wäre, sondern weil sie als Menschen bestimmte Kriterien erfüllen“. Oft ginge es bei der Auswahl vor allem um „Herkunft“ und „Hautfarbe“ bzw. darum, dass Künstler Minderheiten angehören.39

2.10 Die Geschwindkeit technologischer Entwicklung überfordert die Kultur

Die Geschwindkeit der Veränderung ist oft zu groß, als das die Kultur sich darauf einstellen und negative Begleiterscheinungen dieser Entwicklung kulturell abfedern könnte.

Ein Beispiel für erfolgreiche Anpassung der Kultur an technischen Wandel sind Bewertungssysteme im Internet, die den möglichen negativen Folgen der Anonymität im Netz entgegenwirken und dazu beitragen, dass Betrug oder andere Formen antisozialen Verhaltens durch das Streben der Nutzer nach einem guten Ruf eingedämmt werden.

2.11 Sexueller Liberalismus und seine Folgen

Sexueller Liberalismus leugnet die Natur des Mannes als Vater und Träger von Verantwortung und die Rolle der Frau als Mutter. Er lehnt auch die Annahme ab, das Sexualität der Kontinuität des Lebens dienen solle.

Sexueller Liberalismus betrachtet den Menschen statt dessen als bindungslosen Träger von Bedürfnissen, die zu befriedigen seien. Beziehungen von Menschen betrachtet er als Verträge und Sexualität als Schauplatz eines Wettbewerbs, in dem der Mensch seine Leistung und damit seinen Wert als Person an Qualität und Quantität der Sexualpartner messe. Die Partner nehmen dabei die Rolle eines Konsumguts ein. Der Schriftsteller Michel Houellebecq hat den sexuellen Liberalismus und seine antikulturellen Begleitscheinungen in Romanen wie „Elementarteilchen“ beschrieben.

Ein viel beachteter Artikel der Autorin Nancy Jo Sales im Magazin „Vanity Fair“ beschrieb 2015 die Kultur des sexuellen Liberalismus am Beispiel der um Dating Apps seit ca. 2010 herum geschaffenen Kultur. Die Autorin stützte sich dabei auch auf die Erkenntnisse von Psychologen, Soziologen und anderen Forschern.

  • Narzissmus sei prägend für die Kultur des sexuellen Liberalismus, der andere Menschen als Konsumgüter betrachten, die als Mittel zum Zweck für die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse betrachtet würden. Dauerhafte Beziehungen oder Liebe könnten auf dieser Grundlage nicht entstehen. Ein Partner, der seine Funktion der Bedürfnisbefriedigung nicht mehr erfülle, werde durch einen anderen ausgetauscht, zumindest solange man sexuell wettbewerbsfähig sei. Unter Männern gebe es einen Wettbwerb um Qualität und Quantitäter der Partnerinnen.
  • Da das rasche Ende von Beziehungen stets absehbar sei, würden die Partner sich nicht durch den Aufbau von Nähe emotional verwundbar machen wollen, weshalb die Beziehungen distanziert blieben. Dies verändere die Kultur der Beziehungen zwischen Mann und Frau allgemein und trage dazu bei, dass stabile Bindungen als ungewöhnlich wahrgenommen würden.
  • Insbesondere Männer würden in ihrer Tendenz bestätigt, solche Bindungen auch nicht zu suchen, da für sexuelle wettbewerbsfähige Männer stets hinreicht viele Partnerinnen zur Verfügung ständen. Frauen würden sich darauf einlassen, da sie nach Bestätigung suchten.
  • Sowohl Männer und Frauen würden größeren Aufwand betreiben, um sexuelle wettbewerbsfähig zu werden und zu bleiben, aber weniger Aufwand betreiben, um die für stabile Bindungen oder Ehe und Familie erforderlichen Eigenschaften zu entwickeln.

2.11 Verlust prosozialer Verhaltensstandards und zunehmende Ichbezogenzeit

Die Automobilindustrie in Deutschland beobachtet seit langem eine steigende Nachfrage nach aggressiven Fahrzeugdesigns. Kunden hätten verstärkt das Bedürfnis, sich stark und überlegen zu fühlen. Dem Verkehrspsychologen Bernhard Schlag zufolge hätten vor allem schwache Charaktere das Bedürfnis, Fahrzeuge als noverbales Kommunikationsmittel zu nutzen, um anderen Menschen zu drohen und auf diesem Weg Dominanz auszudrücken.

Esoterik ist ein Ausdruck zunehmender Ichbezogenheit. In ihr geht es nicht um den Dienst am Nächsten, sondern um „Self-Care, Self-Discovery, Self-Empowerment„.

3. Gesellschaftliche Auflösungserscheinungen

In Deutschland und anderen westlichen Gesellschaften sind zahlreiche gesellschaftliche Auflösungserscheinungen zu beobachten. Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama betonte, dass diese mit den Mitteln der empirischen Sozialforschung anhang der Untersuchung der Entwicklung von Sozialindikatoren eindeutig nachweisbar seien.40

3.1 Allgemeine Auflösungserscheinungen

Die Entwicklung zahlreicher Sozialindikatoren belegt gesellschaftliche Auflösungserscheinungen in Deutschland und anderen europäisch geprägten Gesellschaften.

  • Zunahme von Drogenkonsum: Unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland nahm der Konsum von Cannabis zwischen 2008 und 2016 deutlich zu.
  • Zunahme von Infektionen mit Geschlechtskrankheiten: In Westeuropa nimmt die Zahl der Infektionen mit Krankheiten wie Tripper, Syphilis und HIV laut Experten aufgrund von verändertem Sexualverhalten zu. So habe sich in Deutschland die Zahl der Syphilis-Fälle zwischen 2009 und 2014 fast verdreifacht.
  • Zunahme antisozialen Verhaltens: In Städten wie Berlin nimmt die irreguläre Abfallbeseitigung zu. Die Berliner Stadtreinigung erklärte 2018, dass ein nach Bezirken gestaffeltes System der Sperrmüllabholung in der Stadt nicht eingeführt werden könne, da davon auszugehen sei, dass dies zur ungeordneten Entsorgung von Abfällen missbraucht werden würde.
3.1.1 Zunahme psychischer Störungen

Nach Angaben der WHO ist die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen in wohlhabenden Gesellschaften an Depressionen erkranken, deutlich größer als in anderen Gesellschafften. Zwischen 2015 und 2016 nahmen psychische Krankheiten bei 18- bis 25-Jährigen in Deutschland laut der Krankenkasse Barmer um 38 Prozent zu.

Auch Selbstmorde nehmen in europäisch geprägten Gesellschaften zu, vor allem in den USA. Eine mögliche Ursache ist, dass diese Gesellschaften zunehmend entgegen der Erfordernisse er Natur des Menschen organisiert sind. So wachsen viele Kinder außerhalb stabiler Familien, als Einzelkinder und im Fall berufstätiger Mütter ohne geeignete Bezugspersonen auf. Im Alter leiden viele Menschen mangels Familie unter Einsamkeit. Die Beschleunigung des Wirtschaftslebens sowie der Druck zu größerer Flexibilität führen außerdem zu wachsendem Stress.

3.1.2 Körperliche Degeneration

Die körperliche Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist im Vergleich zu den Vorgängergenerationen zuletzt deutlich zurückgegangen. Sportexperten berichteten 2018, dass die motorischen Fähigkeiten von Schulkindern in Deutschland zurückgehen würden. Diese seien z.B. häufig nicht mehr fähig, rückwärts zu laufen oder Purzelbäume zu schlagen.

Auch die Bundeswehr beobachtet einen Rückgang der körperlichen Leistungsfähigkeit von Rekruten.

3.2 Auflösung der Familie

Westliche Gesellschaften sind in der Regel familienfeindlich organisiert. Der in ihnen vorherrschende Druck zu immer größerer Flexibilität und zum Doppelverdienertum sowie die Konzentration des Lebens auf Städte sowie die finanzielle Belohnung von Kinderlosigkeit im Rentensystem erschweren es Ehepaaren, Kinder zu haben.

Rund 20 Prozent der Haushalte mit Kindern waren 2017 Alleinerziehend. Die Zahl der alleinerziehenden Haushalte nahm zwischen Mitte 1997 und 2017 um rund 200.000 auf ca. 1,5 Millionen zu.41

Feministische Ideologie definiert die Familie und das Ideal der Mutterschaft als Mittel der Unterdrückung und bekämpft beide.

3.2 Abtreibung und Euthanasie: Gewalt gegen die Schwächsten der Gesellschaft

In europäischen Gesellschaften wird mit staatlicher Duldung oder Förderung in großem Umfang Gewalt gegen die Schwächsten der Gesellschaft ausgeübt.

Die Zahl der Fälle vorgeburtlicher Kindestötung bzw. Abtreibung sank in den vergangenen Jahren stärker als die Zahl potenzieller Mütter, die aufgrund der demographischen Entwicklung zurückgeht. 2017 war allerdings erstmals seit einigen Jahre wieder ein Anstieg der Zahl der Fälle zu beobachten. Über 95 Prozent der Tötungen erfolgen rechtswidrig.

In anderen europäischen Staaten wie Frankreich, Großbritannien und Schweden steigen oder stagnieren die Zahlen  hingegen und bewegen sich zudem auf einem höheren Niveau. Der Gynäkologe Christian Fiala geht daher von einer hohen Dunkelziffer in Deutschland aus bzw. davon, dass die Zahl der Tötungen in Deutschland zwei- bis dreimal höher liege als aus der offiziellen Statistik hervorgehe. Ursache dafür sei, dass zwar eine Auskunftspflicht für Abtreibungen bestehe, entsprechende Angaben aber nicht überprüft würden. Fiala geht davon aus, dass viele Abtreibungen nicht gemeldet würden, weil die durchführenden Stellen den bürokratischen Aufwand vermeiden wollten.

3.3 Rückgang des Engagements für das Gemeinwesen

Der Soziologe Robert Putnam bezeichnete das ehrenamtliche Engagment innerhalb eines Gemeinwesen als einen Teil des „Sozialkapitals“, auf dem ein Gemeinwesen beruhe. Dieses Engagement geht im gesamten europäischen Kulturraum zurück, was Putnam am Beispel der USA beschrieb. Dies betreffe nicht nur Vereine, sondern auch Parteie und die Wahlbeteiligung, aber auch Besuche bei Freunden und gemeinsame Mahlzeiten.42

  • Das Engagement in Vereinen, Kirchen, Gewerkschaften und Parteien geht in Deutschland seit längerem zurück. 1990 waren noch 62 Prozent der Deutschen in Parteien, Gewerkschaften, Verbänden und Vereinen organisiert. Um 2013 waren es noch 47 Prozent. Für das Jahr 2030 wird nur noch ein Organisationsgrad von 30 Prozent erwartet.44
  • Die Wahlbeteiligung sinkt tendenziell in ganz Europa seit längerem. 45

Es gibt Hinweise darauf, dass wachsende Heterogenität in einem Gemeinwesen die Bereitschaft aller in ihm lebenden Gruppen reduziert, sich für dieses zu engagieren. Dem Wirtschaftswissenschaftler Paul Collier zufolge würden zahlreiche Studien belegen, dass zunehmende ethnokulturelle Heterogenität in einem Gemeinwesen mit einem Rückgang des Vertrauens und der Solidarität in diesem verbunden sei.46

Der Wirtschaftswissenschaftler Erzo F.P. Luttmer stellte fest, das in den USA die Bereitschaft in Sozialsysteme einzuzahlen davon abhängig, ob die eigene ethnische Gruppe von diesen profitiert oder nicht.47 In Deutschland ging das Engagement bei Lebensmittelspenden und deren Verteilung („Tafeln“) dementsprechend parallel zum Zuzug von Roma aus Südosteuropa zurück, die dieses Angebot häufig in Anspruch nehmen.48

3.5 Gezielte Schaffung von Abhängigkeiten und Süchten

Unternehmen erforschen die psychischen Schwächen des Menschen, um sie als Ansatzpunkt für die Vermarktung ihrer Produkte zu nutzen. Dabei versuchen sie, gezielt Abhängigkeiten und Süchte zu erzeugen.

Abhängigkeit von sozialen Medien und Computerspielen

Psychologen beobachten bei jungen Menschen in westlichen Gesellschaften zunehmende Abhängigkeit von elektronischen Medien, etwa Smartphones und Computerspielen. Nach Angaben von Forschern wurden Unternehmen mit der Unterstützung von Verhaltensforschern und auf der Grundlage des sog. „persuasive designs“ soziale Medien und Computerspiele so gestalten, dass diese gezielt Abhängigkeiten erzeugen. Dazu würden psychische Bedürfnisse angesprochen, etwa den Wunsch nach sozialer Bestätigung oder anderen durch wenig Anstrengung herstellbaren Erfolgserlebnissen. Durch diese werde Dopamin freigesetzt, was Glücksgefühle erzeuge und das Verhalten von Menschen langfristig verändere. Dabei werde angestrebt, dass Menschen bestimmte Produkte häufiger und länger nutzen.

  • Es werde etwa das Bedürfnis junger Männer nach der Stärkung und Erweiterung der eigenen Fähigkeiten angesprochen, in dem in Computerspielen der eigene Spielcharakter mit der Zeit stärker wird, während der das Spiel spielende Mensch in Wirklichkeit durch diese Ablenkung schwächer werde.
  • Bei Mädchen und jungen Frauen werde das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung angesprochen. In sozialen Medien würden diese um Popularität konkurrieren, die an „Likes“ etc. gemessen werde.

Die Nutzung entsprechender Produkte erfolge auf Kosten realer Sozialkontakte sowie schulischer und beruflicher  Aktivitäten.

3.5 Die Instabilität komplexer Gesellschaften

Der Historiker Arnold J. Toynbee beobachtete ein historisches Muster der Entwicklung von Gesellschaften, das bestimmten Stufen folge, an deren Ende Zerfall oder Untergang stehen würden.49

Komplexe Gesellschaften sind langfristig instabil und endeten in der Geschichte häufig in Form von Zusammenbrüchen, die mit größeren Verwerfungen verbunden waren und in deren Zuge es zu starkem Bevölkerungsrückgang und dem Verlust von Wissen und Kultur kam. Solche Zusammenbrüche traten meist dann ein, wenn eine Gesellschaft externe Schocks aufgrund innerer Schwächen nicht mehr erfolgreich bewältigen konnte. Solche Schocks können etwa rasche Umweltveränderungen, Seuchen oder Invasionen sein.50

3.6 Zunehmende ethnische Polarisierung

Westeuropäische Gesellschaften zerfallen zunehmend in ethnisch definierte Lager, die um Status, Gestaltung des öffentlichen Raumes und der Gesetze sowie um die Verteilung von Ressourcen kämpfen.

Ethnische Polarisierung als anthropologische Konstante

Ethnische Zugehörigkeit ist für viele Menschen in westlichen Gesellschaften ein anhaltend oder sogar zunehmend wichtiger Faktor, was ihre Selbstwahrnehmung und ihre Identitätsdefinition angeht. Dabei handelt es sich offenbar um eine Folge einer anthropologischen Konstante bzw. der Natur der Menschen

  • Der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt wies darauf hin, dass Distanz und Ablehnung des Fremden eine Konstante der menschlichen Natur sei, die zu Abgrenzung zwischen ethnischen Gruppen führe.51
  • Scheu gegenüber dem Fremden könne in allen untersuchten Kulturen nachgewiesen werden konnte. Sie beruhe nachweislich nicht auf schlechten Erfahrungen mit Fremden. Bereits Säuglinge, bei denen kulturelle Prägung noch nicht greifen konnte, zeigten Fremdenscheu und würden Fremde für potentiell gefährlich halten und Mitglieder der eigenen Gruppe bevorzugen.
  • Eibl-Eibesfeld erklärt dieses Verhalten evolutionspsychologisch damit, dass es die Bindung des Kleinkinds an die Mutter festige, was überlebensnotwendig sei, weil das Kind von der Mutter über lange Zeit abhängig sei.52

Allgemeine Polarisierungstendenzen

Zwischen 2008 und 2016 nahm laut einer im Auftrag des VHW Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung erstellten Studie die Abgrenzung von Migranten gegenüber der deutschen Gesellschaft zu. Migranten würden sich stärker auf die eigene ethnische Gruppe beziehen als in der Vergangenheit. Kulturelle Anpassung an die als fremd wahrgenommene deutsche Gesellschaft werde zunehmend demonstrativ abgelehnt und Ressentiments gegenüber über dieser würden zunehmen.53

Ausbleibende Integration und Assimilation vor allem bei muslimischen und afrikanischen Migranten

Als wesentliche Indikatoren für erfolgreiche Integration gelten die Einhaltung von Gesetzen, der Erwerb der Sprache und die Integration in den Arbeitsmarkt.

Assimilation findet bei bestimmten Gruppen, etwa Türken und Arabern, praktisch nicht statt. Westliche Gesellschaften verfügen nicht mehr über ausreichende geistige Ressourcen und die kulturelle Kraft, die erforderlich wäre, um die Angehörigen solcher Gruppen in größerem Maßstab kulturell assimilieren zu können.

  • Der Enquetekommission Migration und Integration des hessischen Landtags zufolge sei die erste Generation von türkischen Migranten in Deutschland besser integriert gewesen als die folgenden Generationen, bei denen der Grad der Integration, etwa im Bereich der Einhaltung von Gesetzen bzw. der Kriminalitätsrate, abgenommen habe.54
  • Als türkische Migration nach Deutschland in den 1960er Jahren einsetzte, lag der Anteil der Türken in Deutschland, die von Transferleistungen leben, bei unter einem Prozent. 2008 betrug dieser Anteil rund 50 Prozent.55
  • Das durchschnittliche Haushaltseinkommen türkischer Familien in Deutschland ist rückläufig und die Zahl der mit Vollzeittätigkeit beschäftigten Türken geht zurück. Laut Bundesagentur für Arbeit ging die Ausbildungsquote ausländischer Jugendlicher (ohne deutschen Paß) zwischen 1994 und 2004 um 26 Prozent zurück, wesentlich stärker als bei Deutschen mit Paß, bei denen Rückgang 14 Prozent.[/note]„Deutschland: Schlechte Aussichten für Migranten auf dem Arbeitsmarkt“, Newsletter Migration und Bevölkerung, Nr. 6/2007[/note]

In Großbritannien sind ausbleibende Integration und Assimilation insbesondere bei pakistanischen und afrokaribischen Migranten zu beobachten.56

Die seit 2015 verstärkt nach Deutschland gekommenen irregulären Migranten verfügen vielfach über besonders ungünstige Voraussetzungen, was ihr Integrationpotenzial angeht. Dies betrifft vor allem mangelnde Sprachkenntnisse und berufliche Qualifikationen sowie kulturelle Voraussetzungen für die Eingliederung in den Arbeitsmarkt.57

Kulturelle Ursachen mangelnder Integrier- und Assimilierbarkeit

Angehörige unterschiedlicher Kulturen verfügen über unterschiedliche Voraussetzungen, was ihre Integrier- und Assimilierbarkeit im europäischen Kulturaum angeht.

Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama erklärte, dass die „Wurzeln von wirtschaftlichem Verhalten […] im Bereich des Bewußtseins und der Kultur“ liegen würden. Der Vergleich der Leistungen vietnamistischer, schwarzer und hispanischer Schulkinder lasse erkennen, „daß Kultur und Bewußtsein absolut entscheidend sind in der Erklärung nicht nur wirtschaftlichen Verhaltens“.58

Amy Chua wies in diesem Zusammenhang auf die ethnische Schichtung der US-amerikanischen Gesellschaft hin. Dort hätten die Nachkommen meist sozial schwacher ostasiatischer Einwanderer mit niedrigen Bildungsabschlüssen und geringen Kenntnissen der englischen Sprache weitgehend ohne staatliche Förderung und trotz vorhandener Vorurteile gegenüber Asiaten innerhalb von einer Generation einen deutlichen sozialen Aufstieg vollzogen, während Schwarzen dies unter günstigeren äußeren Bedingungen mehrheitlich nicht gelinge. Wo alleine Leistung das Kriterium für die Aufnahme in Bildungseinrichtungen sei, seien Ostasiaten mittlerweile stark überrepräsentiert.

Türkischstämmige Kinder erzielen an Schulen tendenziell schlechtere Leistungen, weil in türkischer Kultur Bildung ein vergleichsweise geringer Wert zugemessen werde. Die Aneignung von Wissen durch Auswendiglernen werde gegenüber dem Erlernen der Fähigkeit zum selbstständigen Denken und Eigenverantwortung betont.59

Zudem seien die kulturellen Erwartungen an Schulen anders als unter Deutschen. Bei männlichen türkischen Schülern verbreitete Disziplinmängel werden darauf zurückgeführt, das in der türkischen Kultur von Lehrern stärkeres erzieherisches Eingreifen bis hin zur Anwendung von Körpertrafen erwartet werde.60

Materielle Faktoren bzw. „Armut“ besitzen nur geringen Einfluss auf den Bildungserfolg von Kindern. Die Kinder meist sozial schwacher vietnamesischer Migranten in Deutschland stellten eine der erfolgreichsten ethnischen Gruppen an Schulen in Deutschland dar.

Eine große Mehrheit schwarzer Jugendlicher in Großbritannien fürchtet, bei guten schulischen Leistungen oder entsprechender Anstrengung zum Ziel von Ausgrenzung durch andere schwarze Jugendliche zu werden. Wer gute Leistungen bringe, würde dennoch um Eindruck bemühen dies sei nicht der Fall und wer lerne rede nicht darüber, weil dies als „weißes“ Verhalten gelte.61

In Berlin-Neukölln, wo der Anteil muslimischer Migranten besonders hoch ist, seien laut dem ehemaligen Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky rund 90 Prozent der Empfänger von Transferleistungen „objektiv nicht in den Arbeitsmarkt vermittelbar“.62

Ethnisch-soziale Schichtung von Gesellschaften

Dies führt dazu, dass sich in einer multiethnischen Marktwirtschaft der Wohlstand langfristig bei kulturell wettbewerbsfähigsten Gruppen konzentriert und sich eine ethnisch-soziale Schichtung der Gesellschaft herausbildet und verfestigt.

Auch in den nächsten Jahrzehnten wird die Ober- und Mittelschicht in Deutschland von Deutschen oder europäischstämmigen Migranten dominiert werden, während Unterschichten vor allem durch nahöstliche und schwarzafrikanische Migranten gebildet sein werden.63 Diese würden langfristig ein „Lager der radikalen Verlierer“ bilden.65

Künftig dürften einige Personen aus den überpropotional stark in den Unterschichten repräsentierten Gruppen auch durch Quoten den Aufstieg in die Mittel- und Oberschicht schaffen. Sie werden sich dabei der Tatsache bewusst sein, daß sie ihren Erfolg politischen Privilegien verdanken, die ihnen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit verliehen wurden, was die Wahrnehmung der Bedeutung dieser Zugehörigkeit verstärken wird.

Ingesamt erzeugt und verstärkt diese Schichtung Ressentiments unter ethnischen Gruppen in einer Gesellschaft. Bei den Verlierergruppen entsteht ein Gefühl des permanenten Gedemütigtseins, auf das z.T. mit Aggressionen  sowie mit antisozialem und kriminellem Verhalten reagiert wird.

Verstärkung von Polarisierung durch Kontakt und äußeren Druck

Kontakt zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen erzeugt Antipathien zwischen diesen und ist mit Konflikten verbunden, wenn er in einem angespannten sozialen Klima oder in Konkurrenzsituationen stattfindet.66

Je stärker Deutsche die Folgen von Migration direkt erleben, desto negatitver wird diese laut einer Allensbach-Studie tendenziell bewertet.67

Je sichtbarer die Mitglieder einer fremden Gruppe im eigenen Umfeld auftreten und je fremder sie wirkt, desto geringer ist in der Regel die Akzeptanz in der sie aufnehmenden Gruppe. Positiver wird Migration vor allem dann bewertet, wenn der Grad der kulturellen Fremdheit gering ist und der Kontakt zu Migranten freiwillig erfolgt, etwa bei Kontakten in der Wissenschaft.

Durch persönlichen Kontakt werden kulturelle Unterschiede stärker wahrgenommen und es kommt zudem in Folge des Kontakts im eigenenen Umfeld eher zu Werte- und Normenkonflikten und Konkurrenz entlang ethnischer und kultureller Linien. Die Wahrnehmung der eigenen kulturellen Identität und diesbezügliche Abgrenzung vom Fremden wird in Folge des Kontakts zudem tendenziell eher gefördert als reduziert.

Vor allem in Konkurrenz- und Abstiegssituation würden Menschen die Dinge verstärkt wahrnehmen, die sie von anderen Gruppen abgrenzen und mit der eigenen Gruppe verbinden. Dies sei vor allem die gemeinsame Abstammung.68 Nicht nur in Wirtschaftskrisen, sondern auch in Zeiten gesellschaftlicher politischer Instabilität oder raschen Wandels sei dies besonders deutlich zu beobachten. Wo die Angehörigen einer ethnischen Gruppe sich re-ethnisieren, ziehen Angehörige anderer Gruppen in der Regel nach.69

In Frankreich ist der Front National an den Orten politisch am stärksten, an denen der Migrantenanteil an der Bevölkerung besonders hoch ist.70 In Deutschland nahm die Unterstützung für rechtsextreme Parteien im Umfeld von Asylbewerberunterkünften zu.71

Ethnisierung der Politik

Im westlichen Kulturraum ist die Tendenz zu beobachte, dass politische Akteure sich zunehmend entlang ethnischer oder religiöser Linien organisieren. Insbesondere unter wirtschaftlichem Druck verstärkt sich diese ethnische Polarisierung, weil Menschen sich dann auf sie stützende Gemeinschaften zurückziehen, die auf krisenfester religiöser oder ethnischer Identität beruhen.

Die Angehörigen der am wenigsten integrierten Migrantengruppen stimmen überproportional häufig für Parteien, die für den Abbau von Migrationsschranken und die Reduzierung kultureller Anpassungsforderungen sowie für stärkere Umverteilung zugunstigen ihrer Gruppen und für Privilegien wie Quotenregelungen eintreten.

Ethnische Polarisierung entsteht, wenn es im Wettbewerb um Arbeitsplätze, Gestaltung der Regeln des Zusammenlebens, politische Macht, Wohnungen oder Sozialleistungen zu kollektiven Interessengegensätzen kommt. In diesem Fall verschwindet die Vorstellung eines Gemeinwohls und die betroffene Gesellschaft zerfällt in ethnische Blöcke.

Unter diesen Bedingungen können nur ausreichend organisierte Gruppen ihre Interessen durchsetzen. Der einzelne steht damit unter Druck, sich einer Gruppe anzuschließen, und die Gruppen haben Anreiz zu offensivem Auftreten in Wettbewerb. Sobald eine Gruppe ihre Interessen auf ethnischer Grundlage definiert, stehen andere Gruppen unter Druck, nachzuziehen.

Ethnische Konflikte

Wo unterschiedliche ethnische Gruppen aufeinandertreffen, entstehen Konflikte um die Normen und Regeln, unter denen sie leben, sowie um die Verteilung von Ressourcen und Rangordnungen bzw. um Macht und darum, wer Regeln definiert.

3.7 Medienwesen

Wirtschaftliche Konzentration

In der Medienbranche findet eine Konzentration statt, die vor allem aus wirtschaftlichen Gründen mittelfristig anhalten dürfte. Wenige Medienkonzerne die ähnliche politische Interessen verfolgen kontrollieren dabei immer größere Teile der deutschen Medienlandschaft.

Aktivistische Tendenzen

Die große Mehrheit der im Medienbereich tätigen Personen verortet sich zudem politisch links ist durch den Wunsch geprägt, durch ihre Tätigkeit Einfluß auf die Gesellschaft zu nehmen.72 Sie bewegen sich in einem links geprägten sozialen Umfeld, das Abweichung in Form der Wahrnehmung oder Ansprache der Probleme selten toleriert und gleichzeitig von vielen direkten Folgen der von ihm angestrebten Gesellschaftsveränderung noch relativ abgeschirmt lebt.

Der ehemalige Spiegel-Redakteur Harald Schumann erklärte in diesem Zusammenhang, dass es üblich sei, dass Vorgesetzte und Verleger ideologische Vorgaben machen würden, welche die Freiheit der Journalisten stark einschränken würden.

Wolfgang Herles, ein ehemaliger Leiter des ZDF-Studios in Bonn, schrieb über den Einfluss der Politik auf die öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland, dass es „tatsächlich […] Anweisungen von oben“ geben, die über die Chefredakteure durchgesetzt würden.

Eine Studie der Hamburg Media School und der Uni Leipzig, die die Otto Brenner Stiftung 2017 veröffentlichte, kaum zu dem Ergebnis, dass deutsche Tageszeitungen während der Migrationskrise 2015 und 2016 überwiegend eine eindeutige politische Tendenz verfolgt hätten. Sie hätten die Öffung der Grenzen Deutschlands für irreguläre Migranten unterstützt, die „Losungen der politischen Elite“ unkritisch übernommen sowie eine „euphemistisch-persuasive Diktion“ des Begriffs der Willkommenskultur verbreitet.

Seymour Hersh, einer der Vordenker des investigativen Journalismus, sagte 2018, dass die führenden Zeitungen in den USA „voll die Anti-Trump-Linie“ vertreten würden und investigativen Journalismus überwiegend nur noch „zu sozialen Fragen, Rassismus, Einwanderung, der Welt der Schwarzen und Minderheiten“ betreiben würde. Zeitungen wie die New York Times seien früher über die politischen Lager hinweis aus „aufrecht und fair angesehen“ worden:

Wenn etwas in der „Times“ stand, hatte es Gültigkeit – egal ob Sie rechts oder links oder in der Mitte standen. Nicht mehr: Die Medien sind durchs Band entweder voll für oder gegen Trump.73

Kampagnen progressiver Aktivisten werden von Medien verbreitet aufgegriffen und positiv verstärkt, etwa die #MeToo oder #MeTwo-Kampagnen 2017 und 2018. Die Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft „Rückführung“ berichtete in einer ursprünglich internen Bewertung 2015 über die „Skandalisierung behördlichen Handelns“ durch Medien im Fall von Rückführungen.74

Der Journalist Heribert Seifert sah in deutschen Medien eine Tendenz zu „wohlmeinendem Paternalismus“. Es gebe eine „Medienpraxis des Wegsehens und der camouflierenden Berichterstattung“ bei Zuwanderungsfragen, mit der man unerwünschte politische Reaktionen des Publikums verhindern wolle.75

3.8 Zunahme von Vandalismus

Ein Indikator für den Rückgang des gesellschaften Zusammenhalts und die Erosion kultureller Substanz in Deutschland ist der allgemeine Trend der Zunahme von Vandalismus. Zu den wesentlichen Erscheinungsformen zählen dabei etwa die Beschädigung von Kraftfahrzeugen und öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen sowie Farbschmierereien. Aufgrund der Menge der Vorfälle und des geringen Verfolgungsdrucks habe mittlerweile ein Gewöhnungseffekt eingesetzt, und viele Vorfälle würden nicht mehr angezeigt.

Zunehmender Vandalismus ist in erster Linie eine Folge kultureller Entwicklungen, in deren Folge die Gesellschaft von ihren Angehörigen weniger als Gemeinschaft wahrgenommen wird, mit der sie sich und ihre persönlichen Interessen identifizieren.

Ein Rückgang an gegenseitiger sozialer Kontrolle ist eine weitere Folge dieses Verlusts an kultureller Substanz. Mit antisozialem Verhalten sind vor allem in Großstädten weitaus weniger als in der Vergangenheit Ansehensverlust und soziale Sanktionen verbunden. Antisoziales Verhalten kann unter den Bedingungen der modernen Gesellschaft sogar zu Ansehensgewinn beitragen, insbesondere in den Bezugsgruppen der Täter:

„Jugendliche“, erklärt der Schweizer Kriminologie-Professor Martin Killias, „leben in westlichen Kulturen zunehmend nach dem Motto: cooler, krasser, riskanter, um dem vermeintlich öden Alltag zu entgehen.“ Ihnen fehlen in der modernen Gesellschaft verbindliche Werte und die kontrollierenden Einflüsse der Eltern und der Schulen. Stattdessen orientieren sie sich an den anscheinend coolen, riskanten und gefährlichen Aktionen von TV-Sendungen wie „Jackass“ auf MTV, wo Stuntmen ohne Rücksicht auf Verluste Gegenstände beschädigen und ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Killias: „Nicht krimineller Geist steckt hinter vielen zerstörerischen Vergehen, sondern der Wunsch nach Unterhaltung und das Gefühl, megacool zu sein.“

Moderne westliche Gesellschaften gelingt es zudem immer weniger, männliche Jugendliche in größere, sinnstiftende Aufgaben einzubinden, die natürliche Aggression auf der Gemeinschaft dienende Ziele richtet.

Wie die meisten kulturellen Auflösungserscheinungen wird auch diese von Teilen der politischen und kulturellen Elite zum Ausdruck einer positiven Entwicklung erklärt. Farbschmiereien etwa werden haben Fürsprecher in der Politik, die sich gegen deren “Kriminalisierung” wenden und diese zur “Street Art” erklären. Andere erklären “Armut” zur Ursache von Vandalismus, um die Forderung weiterer Mittel für die Sozialindustrie zu legitimieren, die tatsächlich jedoch zumindest wirkungslos bei der Bekämpfung des Problems ist.

Die Wiederherstellung verloren gegangenen Zusammenhalts stellt eine große Herausforderung dar, weshalb man dort, wo man Vandalismus überhaupt als Problem wahrnimmt, eher auf eine Bekämpfung der Symptome setzt. Vorläufig funktionierende Gesellschaften ohne gewachsene kulturelle Grundlage wie New York (Heimat der “Zero Tolerance”-Politik), Singapur oder Dubai gelingt es, solchen Phänomenen durch weitreichende gesetzliche Möglichkeiten, hohen Sicherheitsaufwand und starke Präsenz von Sicherheitskräften vorzubeugen.

Mit abnehmendem gesellschaftlichen Zusammenhalt ist in Deutschland eine weitere Zunahme von Verfallserscheinungen wie Vandalismus zu erwarten, falls sich der Staat nicht zu ähnlichem Vorgehen entschließt wie in den genannten Städten oder eine Wiederherstellung der kulturellen Grundlagen gesellschaftlichen Zusammehalts gelingt. Die Alternative zu einer von einem geteilten traditionellen kulturellen Ethos geprägten Gesellschaft wäre in jedem Fall nicht eine freiere Gesellschaft, sondern entweder eine chaotischere oder eine autoritärere.