Stand: 14.08.2018

Religiöse Bindungen werden unter Christen in Europa im Zuge der allgemeinen Tendenz zur Auflösung von Bindungen tendenziell schwächer. Gleichzeitig sind in Teilen der Kirche in Europa eine zunehmende Säkularisierung, das Eindringen utopischer Ideologien sowie staatskirchliche Tendenzen zu beobachten, wodurch die Kirche als kulturelles Korrektiv und Träger geistiger Erneuerung zunehmend an Kraft verliert.

Seit den 1960er Jahren befinden sich alle Konfessionen des Christentums im westlichen Kulturraum im freien Fall, was die meisten Indikatoren angeht. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. verglich die Kirche 2017 mit einem sinkenden Schiff, das „schon fast zum Kentern angefüllt ist„. Bereits 1971 hatte er gewarnt, dass die Kirche aufgrund der sich in ihr abzeichenden Entwicklungen nicht mehr Zeichen sei, „das zum Glauben ruft […] sondern eher das Haupthindernis, ihn anzunehmen.1

Ross Douthat sprach 2018 davon, dass die katholische Kirche sich in Europa und den USA in einer der größten Krisen ihrer Existenz befände. Im westlichen Kulturraum sei in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein „Zusammenbruch“ der Kirche zu beobachten gewesen. Fast alle Indikatoren, an denen man die Kontinuität der Kirche messe könne (etwa die Zahl der Priesterberufungen, die Teilnahme an der Heiligen Messe oder die Zahl der Taufen) entwickelten sich seit seit Jahrzehnten negativ.2

Der evangelische Theologe Klaus Berger warnte analog dazu 2013 davor, dass „die Christentümer des Westens aus eigener Schwäche zusammenbrechen“ könnten.

1. Geistige Krisenphänomene im Christentum in Europa

Papst Benedikt XVI. hatte 2010 darauf hingewiesen, dass die Krise der Kirche vor allem durch Fehlentwicklungen in ihrem Inneren verursacht würden:

[D]ie Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Innern der Kirche, von der Sünde, die in der Kirche existiert. Auch das war immer bekannt, aber heute sehen wir es auf wahrhaft erschreckende Weise: Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden, sondern erwächst aus der Sünde in der Kirche.

Bereits 1958 hatte Benedikt bzw. Joseph Ratzinger erklärt, dass das „dem Namen nach christliche Europa […] seit rund vierhundert Jahren zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden“ sei, „das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen her auszuhöhlen droht.“ Die Kirche sei zunehmend geprägt „von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden“:

Das Heidentum sitzt heute in der Kirche selbst, und gerade das ist das Kennzeichnende sowohl der Kirche unserer Tage wie auch des neuen Heidentums, dass es sich um ein Heidentum in der Kirche handelt und um eine Kirche, in deren Herzen das Heidentum lebt.

1985 erklärte er:

Die Resultate, die auf das Konzil folgten, scheinen auf grausame Weise den Erwartungen aller entgegensetzt zu sein […]. Die Christen sind von neuem eine Minderheit, mehr als sie es je seit dem Ende der Antike gewesen sind. […] Man erwartete einen Sprung nach vorn und sah sich stattdessen mit einem Prozess progressiver Dekadenz konfrontiert, der sich in nicht geringem Maß im Zeichen einer Berufung auf den angeblichen ‚Geist des Konzils‘ entwickelte, es auf diese Weise diskreditierend.[/note]Zit. nach Roberto de Mattei: Verteidigung der Tradtion. Die unüberwindbare Wahrheit Christi, Altötting 2017[/note]

Papst Paul VI. sagte 1972 über die Lage der Kirche:

Wir haben das Gefühl, daß durch irgendeinen Spalt der Rauch des Satans in den Tempel Gottes eingedrungen ist… Es ist zum Eingriff einer feindlichen Macht gekommen, ihr Name ist ,Teufel‘ (diavolo)… Wir glauben, daß etwas Außernatürliches in die Welt gekommen ist, nur um zu stören, die Früchte des Konzils zu ersticken.“

Die Schriftstellerin Sophie Dannenberg analysierte 2017 die geistige Lage des Christentums in Deutschland und beschreibt damit verbundene Krisentendenzen. Beide Konfessionen würden zunehmend durch das Eindringen säkularer utopischer Ideologien geprägt, welche die ursprünglichen Inhalte der Religion verdrängen und ersetzen würden. Zudem seien diese Ideologien weitestgehend glaubensfern und hätten keine transzendenten Bezüge. Die Kirche entwickele sich dadurch zu einer säkularen aktivistischen Vereinigung und werde in dieser Form weder ihren eigentlichen Auftrag erfüllen können noch eine Zukunft haben.

1.1 Verweltlichung, Ideologisierung und staatskirchliche Tendenzen

Jesus Christus warnte vor einem Christentum, das seine Besonderheit und seine Spannung zur Welt einbüßt:

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten.3

Der Evangelist Johannes warnte davor, sich an der Welt und materiellen Dingen auszurichten anstatt an Gott.4 Der Apostel Paulus warnte vor dem Wirken jener, die „Irdisches […] im Sinn haben“ und deren Gott ihr Bauch sei: „Ihr Ende ist Verderben“.5

Der hl. Augustinus beschrieb in der Spätantike das Problem, das Menschen durch „das Leben der schlechten und der falschen Christen“ vom Christentum abgeschreckt würden. Viele Menschen würden gerne Christen sein, „aber sie werden beleidigt von den üblen Sitten der Christen“, die von Nichtchristen oft nicht zu unterscheiden sein und wie diese ihren Geschäften nachgehen und den Zirkus füllen würden.6

1.1.1 Tendenz zur Verweltlichung und Anpassung an säkulare Ideologien

Große Teile der Kirche wirken nicht mehr im christlichen Sinne verändernd auf ihr kulturelles Umfeld ein, sondern lassen sich durch dieses verändern bzw. passen sich diesem innerlich an.

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) hatte die sich abzeichnende innere Krise des Christentums bereits im Jahre 1958 erkannt:

Dieses dem Namen nach christliche Europa ist seit rund vierhundert Jahren zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden, das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen her auszuhöhlen droht.

Die Kirche sei zunehmend bestimmt „von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden“.

Hans Urs von Balthasar kritisierte Tendenzen in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils, die eine Anpassung der Kirche an die Welt forderten. Diese Tendenzen hätten die Auflösung des Besonderen und Geheimnisvollen in der Kirche bewirkt, da sie das, was sie sei und vermittele, auf den Horizont des für den modernen Menschen verständlichen reduziert hätten, dem die Anstrengung der Auseinandersetzung mit dem Geheimnis des Glaubens und der jenseites der engen Grenzen des modernen Denkens liegenden Dinge nicht mehr zugetraut worden sei. Die entsprechenden Tendenzen wirkten wie „Abbruchmaschinen“, die „von außen und innen gegen die Mauern“ hämmerten.7

Der katholische Philosoph Robert Spaemann kritisierte:

Die Forderung Johannes‘ XXIII. nach einem ‚Aggiornamento‘ der katholischen Kirche hat folgenschwere Mißverständnisse ausgelöst. Man hat das Wort mit ‚Anpassung‘ übersetzt und als verspätetes Modernismusprogramm verstanden. Der Papst dachte an eine Christianisierung der modernen Welt durch eine aus ihren Ursprüngen wieder einmal erneuerte Kirche. Wir wissen alle, was statt dessen […] geschah: die ratenweise Kapitulation vor dem irrationalen Konformitätsdruck der modernen westlichen Zivilisation, vor ihren wesentlichen Denk- und Lebensformen […].8

Ein früherer Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, warnte 2018 vor Tendenzen zur „Umwandlung der Kirche in eine NGO“ mit dem ausschließlichen Ziel der Verbesserung innerweltlicher Lebensbedingungen. Dabei handle es sich um einen Ausdruck einer „suizidalen Modernisierung“. Einigen deutschen Bischöfen warf er vor, aus dem Wunsch nach öffentlicher Popularität heraus die Lehre der Kirche an moderne Ideologien anpassen zu wollen und Gläubige, welche die Lehre ernst nähmen, als „Konservative“ zu denunzieren und ihnen abzusprechen, Teil der Kirche zu sein. Es finde in der Kirche in Deutschland „eine Bekehrung zur Welt anstatt zu Gott“ statt.

Transzendenz und Glaube spielen in säkularisierten, ausschließlich sozialaktivistisch agierenden Strömungen praktisch keine Rolle. Laut Sophie Dannenberg würden „neue Götter“ an Stelle des ewigen Gottes treten, etwa ein „Gender-Gott“ und ein „Antirassismus-Gott“ als höchste geistige Bezugspunkte. Die Kirche würde ihre CO2-Bilanz besser kennen als das Evangelium. Sie zitiert Aktivisten, die im Gespräch mit ihr äußerten, dass sie „eigentlich nicht“ beten würden, und dass Glaube für sie allenfalls eine sekundäre „Zusatzmotivation“ sei. Man könne ebensogut bei Attac oder den Grünen aktiv sein. Geistliche Fragen und alles, was die Seele des Menschen beträfe, werde praktisch nicht mehr thematisiert, auch weil es nicht verstanden werde und als fremd erscheine. Die Kernaussage der neuen Religion, die im Gewand des Christentums auftrete, sei: „Trennt den Müll und seid nett zueinander.“

Martin Mosebach beobachtete eine „beständige Sorge“ vieler deutscher Bischöfe und Laienvertreter, „aus dem demokratischen Konsens eines aufgeklärten Liberalismus keineswegs herauszufallen“.9

Da säkulare Ideologien sich laufend weiter u.a. von den Normen des Naturrechts entfernen, ist die Anpassung an diese Ideologien niemals abgeschlossen, sondern führt jene, die diesen Weg gehen, ebenfalls immer weiter von diesen Normen weg. Gleichzeitig erleichtert es dies nichtchristlichen Akteuren, den an diesen Normen festhaltenden Kräften in der Kirche eine „radikale“ oder „fundamentalistische“ Position zu unterstellen und auf die sich anpassenden Teile als mutmaßlich positives Gegenbild zu verweisen.

Erzbischof Fulton J. Sheen bezeichnete Politisierungstendenzen in der Kirche als Ausdruck der „dritten Versuchung Christi“. Es stelle eine Grundversuchung dar, sich nicht mit Heiligkeit und Sünde auseinandersetzen zu wollen und sich statt dessen ausschließlich um weltliche Dinge kümmern zu wollen.

Politisierung und Verweltlichung binden die Kirche an die dysfunktionalen Ideologien und die nicht wirklichkeitsgerechte Welt und Menschenbilder scheiternder Gesellschaften. Dies meist Ausdruck charakterlicher Schwäche bzw. der Suche nach Anerkennung seitens der diese Gesellschaften dominierenden Tendenzen, aber auch Ausdruck des Strebens nach Macht und Einfluss auf Kosten der Wahrheit. Von der Anpassung an die erwähnten Tendenzen erhofft man sich Beteiligung an der Macht, die Gewinnung und den Erhalt von Privilegien oder den Zugriff auf staatliche Gelder.

Das Wirken liberaler Strömungen in der Kirche

Liberale Strömungen im Christentum versuchen nicht, die zeitliche Ordnung mit christlichem Geist zu durchdringen, sondern durchdringen die Kirche mit dem Geist säkularer Ideologien bzw. überformen das Christentum mit diesen.

Ross Douthat beschrieb in seinem Buch „To Change the Church“ die nachkonziliare Krise der katholische Kirche auch als Folge ihrer Durchdringung mit liberaler Ideologie:

  • Liberale Strömungen würden durch ihr Streben nach Anpassung der Kirche an säkulare Ideologien und Kultur die schrittweise Auflösung der Kirche bewirken. Indem sie die sich laufend verändernde „Lebenswirklichkeit“ der Gesellschaft zum Maßstab der Ausrichtung der Kirche machten, würden Liberale die Kirche von ihrer Grundlage in Jesus Christus und seinem unveränderlichen Wort lösen. Wenn Liberale von „Offenheit“ sprächen und „Abgrenzung“ kritisierten, verberge sich dahinter meist die Ablehnung der bestehenden Lehre und Tradition.
  • Die Hoffnung mancher Liberaler, durch diese Anpassung besser auf kirchenferne Teile der Gesellschaft einwirken zu können, habe sich nirgendwo bestätigt. Eine angepasste Kirche würde zwar auf weniger Widerstand und Ablehnung stoßen, aber auch als irrelevant wahrgenommen werden, weil sie nur das bestätige, was auch ohne christliche Grundlage geglaubt werde. Eine Kirche die das Wort Jesu Christi bis zur Beliebigkeit relativiere, damit es weltanschaulichen Moden entspricht und auf weniger Ablehnung stößt, sei weder glaubwürdig noch ehrlich. Sie verstoße durch diese Praxis vor allem aber gegen ihren Auftrag.

Der katholische Philosoph Robert Spaemann kritisierte Vorfälle, „bei denen Konservative in der Kirche gemobbt werden“. Es gebe in der Kirche in Deutschland Fälle von Verleumdung gegen Konservative sowie Intrigen gegen Menschen, die sich dem traditionellen Verständnis der Kirche verpflichtet fühlten.

Die Nähe von Teilen der Kirche zu linksradikaler Ideologie

Dem Extremismusforscher Klaus Schroeder zufolge sei die evangelische Kirche „eindeutig dem linken Spektrum zuzuordnen“. Er beobachte entsprechende Tendenzen auch in der katholischen Kirche.12

Führende Kirchenverter äußerten 2017 und 2018 ihre Sympatie für den Marxismus. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz erklärte zum Beispiel seine Sympathie für bestimmte Aspekte marxistischer bzw. kommunistischer Ideologie und verwies auf mutmaßliche Parallelen zwischen Christentum und Marxismus. Beide wollten „den Armen und Ausgebeuteten eine Stimme geben und ihnen zu ihrem Recht verhelfen“. Das Kommunistische Manifest habe ihn „durchaus beeindruckt„, unter anderem weil es „in einer großartigen Sprache verfasst“ sei. In diesem Zusammenhang lobte Kardinal Marx den Kampf gegen die Auswüchse des Kapitalismus. Außerdem sei Karl Marx „einer der ersten ernstzunehmenden Sozialwissenschaftler“ gewesen. 2018 beteiligte sich das Bistum Trier als Mitorganisator an den Feiern des Marx-Jubiläums.

Teile der Kirche agieren zur Förderung linksgerichteter politischer Anliegen im Rahmen von Aktionsbündnissen gemeinsam mit linksradikalen Akteuren.

1.1.2 Das Christentum als Zivilreligion

Norbert Bolz sprach davon, dass das Christentum in Deutschland häufig zu einer bloßen „Zivilreligion“ degeneriert sei:

So nennt man die Schwundstufe eines Christentums, das nicht mehr in seinem Wahrheitsanspruch, sondern nur noch wegen seiner ethisch und politisch stabilisierenden Funktion ernst genommen wird. […] Man könnte die „Grundwerte“ als das Dogma der Zivilreligion bezeichnen. […] Es geht in der Zivilreligion also um das Glaubensminimum, das wir zur Geltung bringen müssen, damit die moderne Gesellschaft funktioniert. […] Als Zivilreligion hat der Protestantismus die großen Themen wie Kreuz, Erlösung und Gnade aufgegeben und durch einen diffusen Humanismus ersetzt.13

1.1.3 Abhängigkeit von Staaten und Regierungen

In der Geschichte des Christentums kam es selten vor, dass die Kirche den Staat kontrollierte. Wesentlich häufiger kam es vor, dass Regierungen die Kirche zu kontrollieren versuchten, was ihnen häufig auch gelang.

Die enge Bindung der Kirche an den Staat in Deutschland hat die Kirche materiell abhängig vom Staat gemacht. Eine Kommission der Partei Bündnis90/Die Grünen begrüßte in einem 2016 veröffentlichten Bericht ausdrücklich die politischen Auswirkungen des Systems der Kirchensteuer in Deutschland, das „Fundamentalisten“ schwäche und die „Kirchen für die Gesellschaft geöffnet“ habe.

Das Kirchensteuersystem in Deutschland korrumpiert die Kirche, indem es wirtschaftliche Anreize für die Kirche schafft, sich der Masse der dem Christentum fernstehender Kirchensteuerzahler anzupassen, um diese nicht als Geldquelle zu verlieren. Gleichzeitig schafft es Anreize für die Kirche, sich gegen diejenigen zu positionieren, die nicht massenkompatible Positionen zu vertreten.

Das Wirken beide Konfessionen stelle laut Sophie Dannenberger zunehmend eine „Apologie politischen Handelns“ dar. Es gäbe Tendenzen zur Herausbildung einer Staatskirche, die das Handeln der Regierung nachträglich religiös legitimiere und etwa die Aufhebung des Schutzes der Grenzen 2015 zu einem Akt des Glaubens erklärt habe. Gleichzeitig wachse die finanzielle Abhängigkeit der Kirche vom Staat. Man unterwerfe sich weltlichen Ideologien, gegenüber denen Skepsis als Tabu gelte, und weiche Konflikten, etwa mit radikalen Tendenzen im Islam, aus. Gleichzeitig pflege man eine kritische und unangepasste Pose.

Der Soziologe Wolfgang Streeck kritisierte 2017 die Kirche in Deutschland, die sich von der politischen Macht für deren Zwecke instrumentalisieren lasse und das Handeln der Regierung auf Kosten des Gemeinwohls moralisch legitimiere. Die Bundesregierung habe christliche Bezüge verwendet, um nachträglich eine Begründung für die Öffnung der Grenzen zu schaffen. Die Führung der Kirche in Deutschland habe dies entweder unterstützt oder aus Angst vor sozialem Druck geschwiegen.

Teile der Kirche seien noch darüber hinausgegangen und hätten sich bereitwillig an der Denunzierung von Regierungskritikern und Oppositionellen im oben genannten Stil beteiligt. Höchste Stellen der Kirche in Deutschland hätten die politisch Verantwortlichen auch dann noch unterstützt, als die negativen Folgen ihrer Entscheidungen für das Gemeinwohl bereits offensichtlich waren und diese ihre Entscheidungen unter Berufung auf die Unterstützung der Kirche als Ausdruck göttlichen Willens darstellten.

Der Philosoph Horst G. Herrmann kritisierte 2018, dass die Führungen der großen Konfessionen in Deutschland zu sehr die Nähe zur politischen Macht suchen würden und dafür bereit seien, deren Positionen zu unterstützen oder zu übernehmen.

1.1.4 Der Niedergang der wissenschaftlichen Theologie

In der wissenschaftlichen Theologie dominieren Ansätze wie der historisch-kritische Umgang mit der Bibel, die übernatürliche Bezüge des Schriftinhaltes faktisch ausschließen.

Der evangelische Theologe Andreas Lindemann erklärte 1999, dass die Inhalte der Lehre der katholischen Kirche, derzufolge es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt, „seit Jahrzehnten von keinem ernst zu nehmenden Exegeten mehr“ behauptet würden.14

1.2 Verdrängung von Theologie, Lehre, Tradition und Verantwortung durch Berufung auf Emotionen

Säkulare Aktivisten, welche die Kirche zunehmend prägen, wollten laut Sophie Dannenberg in erster Linie „keine verknatterten Konservativen sein, sondern mindestens so hip wie alle anderen“. Sie würden die Bibel nach Schlagworten durchsuchen, mit denen sie einen argumentationsfreien, sentimentalen Aktivismus losgelöst von jeglichem Kontext und jeglicher Theologie oder Tradition zu rechtfertigen versuchen. Verantwortung spiele dabei keine Rolle, sondern es stehe der Wunsch nach einem Gefühl des Gutseins im Vordergrund.

1.2.1 Gesinnungsethische Tendenzen

Ludger Schwienhorst-Schönberger beschrieb 2018, dass die klassische, verantwortungsethisch ausgerichtete katholische Soziallehre innerhalb der Kirche in Deutschland weitgehend durch gesinnungsethische Positionen verdrängt worden sei. Dies werde insbesondere im Umgang mit Migrationsfragen sichtbar. 15

Der Philosoph Konrad Ott zählte die Kirche zu den gesinnungsethischen Akteuren, die ansonsten eher im linken Lager zu finden seien:

Gesinnungsethikerinnen findet man, wissenssoziologisch gesehen, in akademischen Milieus, in diversen politisch gesehen links orientierten Redaktionen, in Vereinen wie Pro Asyl, in kirchlichen Kreisen bis hinaus in Leitungsfunktionen, in sozialen Netzwerken sowie in etablierten politischen Parteien (Bündnisgrüne, DIE LINKE). Die dort vertretene Moral sammelt sich, Nuancen beiseitegelassen, um den Slogan Refugees Welcome und wendet sich gegen die ‚Festung Europas‘.16

Der Soziologe Alasdair MacIntyre bezeichnete dieses Phänomen als „Emotivismus“.

In der Kirche setzt sich zunehmend sog. „Virtue Signalling“ durch. „Virtue Signalling“ strebt nach moralischer Anerkennung durch die öffentliche Bekundung der Zustimmung zu sozial erwünschten Einstellungen an. Tatsächliches Handeln wird dabei jedoch unterlassen.

1.2.2 Mangel an analytischem Denken im Umgang mit Herausforderungen

Wesentliche gesellschaftliche Herausforderungen werden von großen Teile der Kirche eher emotional als analytisch betrachtet, etwa Migrationsfragen. Dies führt dazu, dass diese Herausforderungen meist nicht angemessen verstanden und falsch bewertet werden, weshalb die von Teilen der Kirche formulierten Antworten auf diese Herausforderungen untauglich sind und im Fall der Umsetzung Schaden für das Gemeinwohl nach sich ziehen.

1.2.3 Therapeutisches Religionsverständnis

Die Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton beschrieben eine der am stärksten verbreiteten Verfallsformen des Christentums 2005 als „Moralistic Therapeutic Deism“ (MTD). Ihre diebezügliche Studie bezog sich auf Jugendliche in den USA, aber das Phänomen ist im gesamten europäisch-geprägten Kulturraum zu beobachten. Andere Autoren hatten daran anknüpfend beschrieben, wie sich das Christentum bei Versuchen, für Menschen moderner Gesellschaften leichter konsumierbar zu werden, zunehmend irrelevant mache und auflöse.

  • Die meist aus saturierten westlichen Mittelschichten stammenden Anhänger dieser Strömungen würden von Religion vor allem individuellen Nutzen erwarten, etwa in Form der Erzeugung angenehmer Gefühle oder der Bestätigung der eigenen Person. Das Gottesbild dieser Strömungen unterscheide sich deutlich vom christlichen Gottesbild, da Gott in ihm nur eine den Wünschen des Menschen nachgeordnete therapeutische Funktion habe und sich durch seinen Nutzwert legitimiere.
  • Die Betonung von Gefühlen und Sentimentalität trete in diesen Strömungen an die Stelle von Theologie und Rationalität. Dies sei mit einer Sprache verbunden, die „Liebe“ und „Barmherzigkeit“ betone. Diese Begriffe würden gleichzeitig umdefiniert, wobei ihre christliche Bedeutung verloren gehe. Wenn diese Strömungen etwa von „Liebe“ sprächen, meinten sie nicht die sich in selbstlosem Dienst am Nächsten äußernde christliche Liebe, sondern Liebe im modernen Sinne, die vor allem ein ichbezogener Anspruch auf die Herstellung angenehmer Gefühle durch andere Menschen sei.

Die Vorstellung, dass Glaube sich durch seinen Nutzen für den Menschen legitimiere, habe dem Theologen Ulrich Lehner zufolge eine „pervertierte Form christlichen Denkens“ hervorgebracht. Der Gott des liberalen modernen Christentums sei tot, weil er nur ein von Menschen zur Erfüllung ihrer Bedürfnisse erschaffener Götze sei. Das damit verbundene Christentum sei tatsächlich das „Opium“, als das manche Religionskritiker es bezeichnen. Es sei eine Droge, mit dem der Mensch sich betäuben wolle, um den großen Fragen des Lebens auszuweichen.

Lehner spricht angesichts der Entwicklungen im Christentum der westlichen Welt von einer sich herausbildenden „Walmart-Kirche“ und von einem religiösen Disneyland ohne Härten und tiefere Geheimnisse. Menschen würden hier als Konsumenten behandelt und in ihrer Anpassung an die Wünsche ihrer Kunden wende sich dieser Teil der Kirche zunehmend von Gott ab.

Entsprechende Strömungen stellten eine „tödliche Gefahr“ für das Christentum dar, weil sie dessen Kern aushöhlten und den christlichen Gott durch den von ihr geschaffenen Götzen ersetzten. Sie stellten auch eine tödliche Gefahr für diejenigen dar, die ihnen folgen, weil sie sie in ihren Schwächen bestätigten und dadurch ihre Seelen gefährdeten. Teile der Kirche würden daran wissentlich mitwirken und Unwahrheiten verkünden, in der Hoffnung, dadurch ihren gesellschaftlichen Einfluss aufrecht erhalten zu können.

1.3 Verlust maskuliner Aspekte

Christus berief ausschließlich Männer in den engsten Kreis seiner Gefolgschaft und war selbst ein Mann. Die Annahme liegt nahe, dass es der Wille Gottes ist, das seine Kirche von männlichem Geist geprägt ist.

Der Historikerin Barbara Welter zufolge habe im 19. Jahrhundert jedoch im westlichen Kulturraum eine „Feminisierung der Kirche“ eingesetzt. Der evangelische Theologe Ernst Troeltsch (1865–1923) sprach im frühen 20. Jahrhundert von einer „Entmännlichung“ der Kirche. Ein halbes Jahrhundert zuvor hatte der baptistische Prediger Charles H. Spurgeon (1834–1892) kritisiert, dass sich die Wahrnehmung durchsetze, „um Christ zu werden, müsse man alle Männlichkeit über Bord werfen und ein Schwächling werden“.

Kardinal Raymond Burke sprach aktuell von Tendenzen der „Verweiblichung“ der Kirche. Seit den 1960er Jahren würden Männer in der Kirche zunehmend in den Hintergrund treten und weiche, weibliche Themen bevorzugt, die Männer häufig abstoßen würden.

Der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf kritisierte, dass sich zunehmend junge Frauen, welche der Vorstellung eines „Kuschelgottes“ anhängen würden, zum Theologiestudium entschließen.

Der Theologe Ulrich Lehner beobachtete, dass das oben beschriebene Phänomen des „Moralistischen Therapeutischen Deismus“ im Kern antimaskulin sei. Ernste Dinge, große Lebensfragen sowie Gefahr und Abenteuer des Christentums würden hier ebenso wie dessen kämpferische Aspekte praktisch keine Rolle spielen und ausgeblendet, weil ihre Ansprache meist keine guten Gefühle erzeuge. Diese Strömungen des Christentums seien ihrem Wesen nach unmännlich, weshalb sie vorwiegend weniger maskuline Männer ansprechen würden, welche die Außenwahrnehmung des Christentums zunehmend prägten.

Das Christentum hat sowohl männliche als auch weibliche Aspekte und gibt Antworten auf die religiösen Fragen sowohl von Männern als auch von Frauen. Die einseitige Betonung weiblicher Aspekte im Christentum hat jedoch negative Folgen:

  • Verdrängung schwieriger und fordernder Aspekte: Der Theologe Klaus Berger kritisierte, dass an Universitäten bzw. insbesondere in der evangelischen Theologie „wesentliche Teile der Wirklichkeit gezielt unterschlagen werden. Ziel dabei ist, das Christentum bis zur Unkenntlichkeit zu einer sanften und völlig unverbindlichen Sonntagsmoral zu deformieren.“ Die geschehe aus „Mutlosigkeit“, weil man nicht mehr davon ausgehe, dass man Menschen mit schwierigen Aspekten des Christentums noch erreichen könne. Man wolle zudem nicht als „unmodern“ erscheinen: „Die Wunder, Engel, Visionen und Charismen in der Bibel wirken aus ‚vernünftiger‘ Sicht peinlich und unpassend, also werden sie ausgesondert. […] Ganz besonders die Märtyrer, die vom himmlischen König ‚faseln‘, findet man fehl am Platz. […] Es entsteht ein ‚Christentum‘, das fromm tut, aber doch nicht wirklich wagt, über Gott und Glauben zu sprechen, weil so vieles daran heute ganz und gar politisch unkorrekt ist.“
  • Betonung therapeutischer Inhalte: Frauen haben tendenziell andere religiöse Bedürfnisse als Männer und erwarten von dieser häufig eher Lebenshilfe.
  • Idealisierung von Schwäche: Jesus Christus wird weichgezeichnet und nicht in seiner Eigenschaft als König dargestellt, der in seinem Dienst größte Opfer bis zum Tod brachte.
  • Betonung des Gefühls auf Kosten des Rationalen
  • Positive Bewertung unmännlichen Verhaltens: In der Kirche ist zunehmend eine positive Wahrnehmung homosexueller Lebensstile zu beobachten. Gegenwärtig kommt dies in der Bereitschaft zum Ausdruck, homosexuelle Partnerschaften als „Ehe“ zu definieren oder solche Partnerschaften kirchlicherseits zu segnen. Möglicherweise hat auch die in den späten 60er Jahren verstärkt einsetzende Welle von Missbrauchsfällen in der Kirche damit zu tun, dass diese zu dieser Zeit verstärkt Männer anzog, die in ihrer maskulinen Identität nicht hinreichend gefestigt waren. Der Referent für Kirchenpolitik und Jugendpastoral beim Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) veröffentlichte 2018 auf dem offiziellen Internetportal der katholischen Kirche in Deutschland einen positiven Kommentar zur Teilnahme der „Katholischen jungen Gemeinde“ (KjG) Rottenburg-Stuttgart an einer Homosexuellenparade anlässlich des „Christopher Street Days“. Er verurteilte in diesem Zusammenhang Kritiker und deren Forderung, dass“doch wenigstens in einer Seitenspalte über die offizielle Lehre der Kirche informiert werden sollte“: „Was soll’s: Wir lassen uns unsere gute Laune, unsere Offenheit, unsere Toleranz und unsere Vielfalt nicht nehmen. Gott sei Dank, die Welt ist bunt.“
  • Ausweichen vor der aktiven Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Welt: Die Aspekte des Christentum, welche die aktive Auseinandersetzung mit Herausforderungen, das Erkennen und Austragen von Konflikten und den Schutz des Nächsten gegen physische Bedrohungen zum Inhalt haben, treten zunehmend in den Hintergrund. Weibliche Tendenzen in der Kirche suchen häufig eine Annäherung an die Welt und weichen Konflikten mit ihr auch unter Aufgabe wesentlicher Aspekte der christlichen Botschaft aus. Christenverfolgung in vielen Teilen der Welt wird durch große Teile der Kirche in Deutschland zum Beispiel aus Furcht vor negativen Reaktionen im Fall der Ansprache dieser Verfolgung geduldet.
  • Unwille zur Selbstbehauptung und Flucht vor dem Eigenen: Die euphorisiert-naive Sprache kirchlicher Migrationsaktivisten, die Migranten eine quasi-heilgeschichtliche Funktion zuschreibe und in ihnen bessere Menschen sähe, offenbart laut Sophie Dannenberg dabei „deren ontologische Funktion, uns alle zu erlösen, von unserer eigenen blöden Kultur“.

1.4 Verlust der Disziplin und der Form

Laut Martin Mosebach sei in der Kirche in Deutschland nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine allgemeine „Auflösung der Disziplin“ zu beobachten gewesen. Die nachkonziliale Liturgiereform sei die erste Reform der in der Kirche Gewesen, welche nicht die Wiederherstellung verlorengegangener oder aufgeweichter Formen zum Ziel gehabt habe, sondern weitere Aufweichtung.17

1.5 Zunehmende Polarisierung zwischen theologisch progressiven und konservativen Strömungen

Der Fachjournalist für Religionsfragen Ross Douthat warnte 2017 vor einer zunehmenden Polarisierung zwischen theologisch progressiven und konservativen Strömungen in der katholischen Kirche. Diese Entwicklung werde durch theologische Unklarheiten, die während des Pontifikats von Papst Franziskus entstanden seien, begünstigt. Liberale Kräfte in der Kirche würden diese Unklarheiten nutzen, um Fakten zu schaffen, denen der Vatikan nicht widersprechen würde, wodurch sich Teile der Kirche zunehmend von Lehre und Tradition entfernen würden.

Der Erzbischof von Philadelphia (USA), Charles J. Chaput, kritisierte, dass die damit verbundenen Auseinandersetzungen von Vertretern beider Lager mit zunehmender verbaler Schärfe und oft mit mangelnder Sachlichkeit geführt würden.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) schrieb 1971 über die von progressiven Akteuren ausgehende Polarisierung in der Kirche:

So ist dem einen Fortschritt, was der andere für Unglaube halten muss, und das bislang Undenkliche wird normal, dass Menschen, die das Credo der Kirche längst vergessen haben, sich guten Gewissens als die wahrhaft fortschrittenen Christen ansehen.18

2. Sonstige Krisenphänomene im Christentum in Deutschland und Europa

2.1 Rückgang der Zahl der Christen und der Stärke religiöser Bindungen unter Christen

Einer von Forschern der britischen St Mary’s University und des französischen Institute Catholique de Paris  erstellten Studie zufolge stehe Europa am Beginn eines post-christlichen Zeitalters. Unter jungen Erwachsenen würden Christen in weiten Teilen Europas nur noch kleine Minderheiten ausmachen. Das Christentum werde in naher Zukunft seine Rolle als prägende kulturelle Kraft in Europa möglicherweise für sehr lange Zeit verlieren.

  • In nur sechs europäischen Staaten (Polen, Litauen, Irland, Slowenien, Österreich, Portugal) würde sich noch eine Mehrheit der jungen Erwachsenen zum Christentum bekennen. Es sei auffällig, dass alle diese Staaten katholisch geprägt seien. In diesen Staaten seien auch religiöse Bindungen unter jungen Erwachsenen noch vergleichsweise stark. In allen anderen Staaten seien Christen aller Konfessionen unter jungen Erwachsenen nur noch eine Minderheit.
  • Religionsdemographische Daten über christliche Bevölkerungsanteile in Europa seien nur eingeschränkt aussagekräftig, was die religiöse Bedeutung des Christentums in Europa angehe. Unter formell christlichen jungen Europäern seien religiöse Bindungen häufig nur noch schwach ausgeprägt. In Staaten wie Deutschland und Frankreich etwa würden nur rund sechs bis sieben Prozent der jungen Katholiken noch wöchentlich an der Heilige Messe teilnehmen.

Relativer und absoluter Rückgang der Zahl der Christen

In weiten Teilen des westlichen Kulturraums geht sowohl die absolute Zahl von Christen in Gesellschaften als auch ihr Anteil an diesen stetig zurück. Das Christentum in Deutschland schrumpft seit Jahrzehnten bei gleichzeitiger Überalterung. Die Zahl der Sterbefälle und Kirchenaustritte liegt deutlich höher als die der Taufen, Übertritte und Wiedereintritte. Laut einer im Dezember 2017 veröffentlichten Studie des Allensbach-Instituts gehe die absolute Zahl der Christen in Deutschland stetig zurück. Während nach dem Zweiten Weltkrieg noch mehr als 90 Prozent der Deutschen Christen gewesen seien, habe der Anteil der Christen an der Bevölkerung 2017 nur noch rund 55 Prozent betragen.

Fast alle Indikatoren sakramentalen Lebens weisen zudem eine negative Tendenz auf, vor allem die Zahl der Taufen, der Firmungen und der Trauungen. Diese Tendenz begann in Deutschland 1965 und hält seitdem ungebrochen an.19

Ein Beispiel für die Geschwindigkeit, mit der sich die demographische Implosion des Christentums in Deutschland vollzieht, ist der Anteil der Protestanten unter Schulkindern in Hamburg, der 2015  16 Prozent betrug. 1970 hatte der Anteil noch bei rund 80 Prozent gelegen.20

2018 wurde die Prognose aufstellt, das bei ungebrochenem Trend der Anteil der Angehörigen der beiden großen Konfessionen an der Bevölkerung Deutschlands um 2024 auf unter 50 Prozent sinken werde.

In anderen Teilen der westlichen Welt gestaltet sich die Entwicklung ähnlich:

  • In den Niederlanden wird der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung zwischen 2010 und 2020 voraussichtlich von 16 auf 10 Prozent zurückgehen.21
  • In Frankreich machten (vorwiegend katholische) Christen im Jahr 2010 noch 63 Prozent der Bevölkerung aus. Bis 2050 wird der Anteil voraussichtlich auf 44 Prozent zurückgehen.22
  • In Großbritannien wird der Anteil der Christen von 64 Prozent im Jahre 2010 auf 45 Prozent im Jahre 2050 fallen. In ganz Europa wird die absolute Zahl der Zahl der Christen bis dahin voraussichtlich um 10 Prozent oder 100 Mio. Menschen von rund 500 Mio. auf rund 400 Mio. sinken.23

Stabil hohe Zahl der Kirchenaustritte

Die Zahl der Kirchenaustritte wird sich voraussichtlich auch in den kommenden Jahren weiterhin auf hohem Niveau bewegen, wobei ihre Zahl tendentiell aufgrund der sinkenden Zahl von Christen zurückgehen wird.

  • Rund die Hälfte der Mitglieder der beiden Kirchen gab 2015 an, einen Austritt aus der Kirche in Erwägung zu ziehen. Von diesen würden sich die meisten „aus Bequemlichkeit“ oder aus „Angst vor einem so radikalen Schritt“ vorläufig noch nicht zu einem Austritt entscheiden.24
  • Austrittswillige sind in der Regel auch jetzt schon nicht mehr religiös gebunden sondern warten einen Anlass ab, um ihre Entscheidung umzusetzen.

Religiöse Bindungen unter Christen werden schwächer

Die oben genannten Zahlen bzgl. der Zugehörigkeit von Menschen zum Christentum können einen unzutreffenden Eindruck über den tatsächlichen Rückhalt des Christentums erzeugen. Tatsächlich handelt es sich bei einem großen Teil der nominell als Christen erfassten Personen um Menschen, die innerlich nur eine schwache oder gar keine Bindung an das Christentum aufweisen.

Unter den verbliebenen Christen nehmen religiöse Bindungen dabei tendentiell weiter ab, wobei schwache Bindungen in der Regel eine Zwischenstation auf dem Weg zu einer vollständigen inneren Abwendung vom Christentum darstellen. Einige schwach gebundene Christen verschieben dabei offenbar einen geplanten Austritt aus der Kirche, wenn sie den Eindruck bekommen, dass die Kirche sie nicht mit unbequemen Forderungen oder Ansprüchen konfrontiert. Vor diesem Hintergrund wird Zustimmung schwach gebundener Christen zur „Öffnung“ oder „Modernisierung“ der Kirche teilweise als Beleg für die erfolgreiche Anpassung der Kirche an die Erfordernisse der Gegenwart mißverstanden.

Laut einer im Dezember 2017 veröffentlichten Studie des Allensbach-Instituts nehme die Stärke religiöser Bindungen unter Christen in Deutschland stetig ab.  Der Anteil der Christen, die wenigstens „ab und zu“ einen Gottesdienst besuchen würden, seit den 1960er Jahren von rund 60 auf 32 Prozent gesunken. Auch unter Katholiken würden nur 34 Prozent noch glauben, dass die hl. Dreifaltigkeit existiere.

Der Vorsitzende des „Zentralkommitees der Katholiken“ in Deutschland (ZdK), Thomas Sternberg, erklärte 2017, er kenne kein Mitglied seiner Organisation, das noch beichten würde.25

Laut Shell-Jugendstudie von 2015 verliere der Glaube an Gott vor allem unter jüngeren Christen an Bedeutung. Als „wichtig“ stuften noch 39 Prozent der Katholiken den Glauben an Gott für die Lebensführung ein (51 Prozent im Jahr 2002). Bei Muslimen seien es im Vergleich dazu 70 Prozent bei steigender Tendenz. 29 Prozent der katholischen Jugendlichen würden noch einen persönlichen Gott glaube, und 20 Prozent würden beten.26 In einer 2017 veröffentlichten Umfrage unter jungen Erwachsenen zwischen 18 und 34 Jahren 79 Prozent der Befragten in Deutschland an, dass sie ohne Glauben an Gott glücklich sein könnten.27 Bei einem großen Teil der Befragten muss es sich formell um Christen gehandelt haben.

Einer im Januar 2013 veröffentlichten Sinus-Studie zufolge verstanden sich zu diesem Zeitpunkt viele Katholiken in Deutschland als nicht gläubig und suchten auch nicht nach einer Beziehung zu Gott. Viele bezeichneten sich zwar noch als religiös, hätten aber allenfalls diffuse Glaubensvorstellungen. Nur wenige Katholiken würden etwa von einer Aufstehung der Toten ausgehen. Der Anteil der Katholiken, die regelmäßig beichteten, wurde zu diesem Zeitpunkt auf maximal zwei Prozent geschätzt.

Rückgang der Zahl der Priesterweihen

In Deutschland ist die Zahl der Priesterweihen von 366 im Jahre 1990 auf 58 im Jahr 2015 gesunken. Das Durchschnittsalter von Priestern stieg gleichzeitig an und lag 2015 nahe 70 Jahren.

2.2 Verlust der christlichen Prägung von Kultur und Gesellschaft

Ross Douthat wies 2018 darauf hin, dass die katholische Kirche in westlichen Gesellschaften ihre kulturelle Strahlkraft weitgehend verloren habe. Der Katholizismus präge sowohl die ihn umgebende Kultur als auch die Kultur seiner Angehörigen kaum noch, weshalb die Kirche kulturell heterogener werde. Die kulturelle Einheit, die der Katholizismus über die Völker und die Jahrhunderte hinweg geschaffen habe, drohe verloren zu gehen.28

Laut einer im Dezember 2017 veröffentlichten Studie des Allensbach-Instituts habe die gesellschaftliche Bedeutung des Christentums in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten stark abgenommen. Die Ökologiebewegung würde im Vergleich zum Christentum mittlerweile deutlich größere kulturelle Kraft entfalten, etwa in Form von Verhaltensgeboten, und würde teilweise an dessen Stelle treten:

Man kann in der Ökologiebewegung viele Elemente wiederfinden, die aus klassischen religiösen Zusammenhängen gut bekannt sind. Etwas zugespitzt könnte man sagen, dass die Bandbreite von Essvorschriften („Veggie Day“) über Endzeiterwartungen („Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch“), himmlische Strafen („Die Natur schlägt zurück“) und Drohungen gegen Abweichler („Klimaleugner“) reicht bis hin zum Ablasshandel (Abgaben für Flugreisende, um sich „CO2-neutral“ zu machen).

Christliche Sitten und Gebräuche würden hingegen schrittweise aufgegeben und aus der Kultur verschwinden. Andere werden in veränderter, inhaltlich entleerter Form in säkulare Kultur integriert, z.B. Weihnachten als Konsumfest.

Im Zuge des Rückgangs des Anteils der Christen an der Bevölkerung verschwinden zunehmend auch christliche kulturelle Bezüge aus dem öffentlichen Leben. Dies beschreibt exemplarisch ein Bericht über die Veränderung der Schülerschaft an der Neckarschule in Mannheim, die einen Migrantenanteil von 85 Prozent aufweist. Weihnachtsfeiern und Weihnachtsbäume wurden hier abgeschafft, weil sie nur noch eine „Minderheitenreligion“ repräsentieren würden.

2.2.1 Unvermögen der Kirche zur Korrektur kultureller Fehlentwicklungen

Kulturell ist befindet sich das Christentum seit den 1960er Jahren in westlichen Gesellschaften auf allen Gebieten in der Defensive und hat seine frühere kulturelle Führungsrolle an Akteure der Konsumkultur sowie an progressive Ideologien abgegeben. Es ist ihm seitdem praktisch nicht mehr gelungen, kulturelle Fehlentwicklungen in seinem Umfeld aufzuhalten oder umzukehren.

2.3 Aktivitäten korrupter Strukturen innerhalb der Kirche

2.3.1 Homosexuelle Strukturen

Papst Franziskus erklärte 2013, dass innerhalb der Kirche ein „Strom der Korruption“ existiere, der von organisierten Strukturen homosexueller Geistlicher ausgehe. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. erwähnte ein solches Netzwerk 2016 ebenfalls. Dieses spezielle Netzwerk habe versucht Einfluss auf Entscheidungen des Vatikans zu nehmen und sei von ihm zerschlagen worden. Über ggf. aktive weitere Netzwerke äußerte sich Benedikt nicht.

Kardinal Oscar Maradiaga, ein enger Berater von Papst Franziskus, erklärte 2016, dass der Vatikan von homosexuellen Strukturen unterwandert sei, und dass Papst Franziskus sich zu einem schrittweisen Vorgehen gegen diese Strukturen entschlossen habe.

Auch ein ehemaliger Kommandeur der Schweizergarde, Elmar Mäder, sprache von homosexuellen Netzwerken im Vatikan. Solche Strukturen würden ein potenzielles Sicherheitsrisiko für die Kirche darstellen, da die Angehörigen solcher Netzwerke deren Interessen gegenüber potenziell größere Loyalität zeigen würden als gegenüber der Institution, der sie zu dienen hätten.

Joseph Ratzinger sagte 2005 unmittelbar vor dem Antritt seines Amtes als Papst:

Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten? […] Herr, oft erscheint uns deine Kirche wie ein sinkendes Boot, das schon voll Wasser gelaufen und ganz und gar leck ist. […] Das verschmutzte Gewand und Gesicht deiner Kirche erschüttert uns. Aber wir selber sind es doch, die sie verschmutzen.

2010 erklärte Papst Benedikt XVI.:

[D]ie Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Innern der Kirche, von der Sünde, die in der Kirche existiert. Auch das war immer bekannt, aber heute sehen wir es auf wahrhaft erschreckende Weise: Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden, sondern erwächst aus der Sünde in der Kirche.

2018 wurden entsprechende Strukturen aufgedeckt, die der homosexuelle Kardinal Theodore McCarrick in den USA geschaffen hatte. Dieser hatte Personalantscheidungen mutmaßlich davon abhängig gemacht, ob z.B. Priesteranwärter homosexuelle Kontakte mit ihm eingingen. Dessen Aktivitäten waren den Berichten zufolge im Vatikan auch vor seiner Ernennung zum Kardinal bekannt. Einige der in McCarricks Netzwerk aktiven und von ihm geförderten Personen gelangten in höhere Positionen in der Hierarchie der Kirche.

2016 wurden Aktivitäten homosexueller Strukturen am zentralen Priesterseminar der katholischen Kirche, dem St. Patrick’s College in Maynooth in Irland offengelegt. In diesem Zusammenhang wurde auch bekannt, dass auf „theologisch ridige“ Priesteranwärter am Seminar sowie solche, die sich kritisch zu homosexuellen Aktivitäten geäußert hatten, Druck seitens dessen Leitung ausgeübt wurde. Auch aus anderen Ländern wurden Fälle homosexueller Strukturen an Priesterseminaren bekannt, die Berichten zufolge Druck auf Priesterkandidaten ausüben würden, die sich nicht an entsprechenden Aktivitäten beteiligten.

2.4 Unterwanderung der Kirche von Außen

Die Plattform WikiLeaks veröffentlichte 2016 E-Mails, aus denen hervorging, dass Strukturen aus dem Umfeld der damaligen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton versuchten, die katholische Kirche durch die Gründung pseudochristlicher Initiativen zu unterwandern.

John Podesta, der Wahlkampfleiter Clintons und Leiter des „Center For American Progress“, schrieb in E-Mails an Sandy Newman von der Organisation „Voices for Progress“, dass die Gruppierungen „Catholics in Alliance for the Common Good“ und „Catholics United“ mit seiner Unterstützung geschaffen worden sei, um Anliegen der Gender-Ideologie in der Kirche durchzusetzen und eine „Revolution“ in ihr zu fördern.

Die Gruppierung „Catholics in Alliance for the Common Good“ (CACG) wird vor allem durch Organisationen aus dem Umfeld von George Soros finanziert und arbeitet mit Gruppierungen wie „Catholics United“ und „Catholics for Choice“ zusammen, die u.a. für die staatliche Anerkennung einer gleichgeschlechtlichen Ehe sowie für Abtreibung eintreten.

2.5 Schwächen im Umgang mit islambezogenen Herausforderungen

In der Kirche in Deutschland sind derzeit praktisch keine konkreten Schritte in Richtung einer strategischen Ansprache islambezogener Herausforderungen zu erkennen. (Weiterlesen: Defizite der Kirche im Umgang mit islambezogenen Herausforderungen)

3. Ausblick und Bewertung

3.1 Das Ende der Volkskirche

Das Christentum befindet sich in westlichen Gesellschaften derzeit im Übergang von einer kulturell prägenden Religion zu einer religiösen Minderheit.

Im Jahr 2035 wird voraussichtlich nur noch eine Minderheit der Deutschen formal einer christlichen Kirche angehören. Die verbliebenen Christen werden dann zudem deutlich älter als der Bevölkerungsdurchschnitt sein.29

3.2 Koalitionen liberaler Kirchengegner und liberaler Kräfte in der Kirche

Ein früherer Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, wies 2018 darauf hin, dass liberale Kräfte in der Kirche und liberale Kirchengegner gleichermaßen Gläubige, welche die Lehre er Kirche ernst nähmen, als „konservativ“ denunzieren würden.

3.3 Langfristiges Erlöschen liberaler Strömungen in der Kirche in westlichen Gesellschaften

Die Krise des Christentums in Europa ist vor allem eine Krise des liberalen Christentums, das mit hoher Geschwindkeit erodiert, während traditionalistische und konservative Teile der Kirche deutlich weniger von den beschriebenen Herausforderungen betroffen sind.

Liberale Strömungen in der Kirche verfügen nur über geringe Bindungskraft und sind in besonderem Maße von den in westlichen Gesellschaften zu beobachtenden demographischen Herausforderungen betroffen. Ihre Anhänger haben im Durchschnitt nicht nur weniger Kinder als konservative Christen, sondern es gelingt ihnen auch in geringerem Maße, ihren Glauben an ihre Kinder weiterzugeben. Da die Familie der wichtigste Ort der Vermittlung und Weitergabe des Glaubens ist, werden liberale Strömungen voraussichtlich immer schwächer werden.

  • In den USA durchgeführte Studien ergaben, dass traditionelle und konservative Strömungen des Christentums den Glauben erfolgreicher an kommende Generationen weitergeben würden als liberale Strömungen. Es gebe in ihnen allgemein stärkere religiöse Bindungen und mehr Priesterberufungen.30
  • In Frankreich geht die Zahl der Priesterberufungen außerhalb traditionalistischer Gruppen wie Pius- und Petrusbruderschaft zurück, während sie in diesen Gruppen steigt. 2018 kamen bereits 20 Prozent der in diesem Jahr geweihten Priester aus diesen Gruppen. Bei anhaltendem Trend werden in Frankreich um das Jahr 2040 traditionalistische Priester voraussichtlich die Mehrheit unter den Priestern stellen, weil es in anderen Strömungen immer weniger neue Berufungen gibt.
  • In Österreich sei die jüngere Generation in Priesterseminaren theologisch überwiegend konservativ eingestellt. Wer heute Priester werden wolle, tue dies meist gegen den Widerstand seines Umfeldes und müsse daher innerlich in besonderem Maße gefestigt sein.

Schwache religiöse Bindungskraft liberaler Strömungen

Religiöser Liberalismus ist zum Teil Ausdruck des Versuchs, kirchenferne Menschen durch Bestätigung zum Verbleib in der Kirche zu bewegen. Dadurch wird jedoch keine stärkere religiöse Bindung hergestellt, sondern eine schwach gewordene Bindung bestätigt und weiter geschwächt.

Liberale Strömungen wirken auf Nichtchristen weniger provokativ und anstößig als traditionalistische oder konservative Kräfte. Dies ist jedoch damit verbunden, dasss sie auch unglaubwürdig oder uninteressant wirken, da die von ihnen vertretenen Inhalte sich kaum von denen unterscheiden, die von anderen liberalen und progressiven Akteuren vertreten werden.

Liberale Strömungen als Produkt günstiger Umfeldbedingungen

Mutmaßlich entstehen liberale Strömungen nur unter den Bedingungen von Wohlstand und allgemeiner gesellschaftlicher Anerkennung des Christentums und können auch nur unter diesen historischen Ausnahmebedingungen vorübergehend bestehen, bis sie im Zuge der oben beschriebenen Prozesse erodieren. Insbesondere in Umfeldern, in denen das Christentum verfolgt wird, sind die für liberale Strömungen typischen schwachen religiösen Bindungen nicht durchhaltefähig.

Es ist davon auszugehen, dass liberale Christen sich unter dem Druck weniger günstiger Bedingungen in die umgebende Kultur assimilieren. Es bleiben tendenziell die Christen übrig, die ein Spannungsverhältnis zwischen Christentum und der umgebenden Welt nicht nur akzeptieren, sondern bejahen.

Außerhalb des europäischen Kulturraums, insbesondere in der rasch wachsenden Kirche Subsahara-Afrikas oder auch in den Verfolgung ausgesetzten Kirchen des Nahen Ostens oder in der VR China, verfügen liberale Strömungen in der Kirche nur über geringen Rückhalt.

Jesus Christus verglich das Reich Gottes mit einem Weinberg. Auf diesem hätten die keine Frucht bringenden Zweige keine Zukunft:

Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab […]. Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt. […] Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen.31