Stand: 17.06.2018

Religiöse Bindungen werden unter Christen in Europa im Zuge der allgemeinen Tendenz zur Auflösung von Bindungen tendenziell schwächer. Gleichzeitig sind in Teilen der Kirche in Europa eine zunehmende Säkularisierung, das Eindringen utopischer Ideologien sowie staatskirchliche Tendenzen zu beobachten, wodurch die Kirche als kulturelles Korrektiv und Träger geistiger Erneuerung zunehmend an Kraft verliert.

Seit den 1960er Jahren befinden sich alle Konfessionen des Christentums im westlichen Kulturraum im freien Fall, was die meisten Indikatoren angeht. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. verglich die Kirche 2017 mit einem sinkenden Schiff, das „schon fast zum Kentern angefüllt ist„. Der evangelische Theologe Klaus Berger warnte 2013 davor, dass „die Christentümer des Westens aus eigener Schwäche zusammenbrechen“ könnten.

Ross Douthat sprach 2018 davon, dass die katholische Kirche sich in Europa und den USA in einer der größten Krisen ihrer Existenz befände. Im westlichen Kulturraum sei in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein „Zusammenbruch“ der Kirche zu beobachten gewesen. Fast alle Indikatoren, an denen man die Kontinuität der Kirche messe könne (etwa die Zahl der Priesterberufungen, die Teilnahme an der Heiligen Messe oder die Zahl der Taufen) entwickelten sich seit seit Jahrzehnten negativ.1

1. Geistige Krisenphänomene im Christentum in Europa

Papst Benedikt XVI. hatte 2010 darauf hingewiesen, dass die Krise der Kirche vor allem durch Fehlentwicklungen in ihrem Inneren verursacht würden:

[D]ie Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Innern der Kirche, von der Sünde, die in der Kirche existiert. Auch das war immer bekannt, aber heute sehen wir es auf wahrhaft erschreckende Weise: Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden, sondern erwächst aus der Sünde in der Kirche.

Bereits 1958 hatte Benedikt bzw. Joseph Ratzinger erklärt, dass das „dem Namen nach christliche Europa […] seit rund vierhundert Jahren zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden“ sei, „das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen her auszuhöhlen droht.“ Die Kirche sei zunehmend geprägt „von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden“:

Das Heidentum sitzt heute in der Kirche selbst, und gerade das ist das Kennzeichnende sowohl der Kirche unserer Tage wie auch des neuen Heidentums, dass es sich um ein Heidentum in der Kirche handelt und um eine Kirche, in deren Herzen das Heidentum lebt.

Papst Paul VI. sagte 1972 über die Lage der Kirche:

Wir haben das Gefühl, daß durch irgendeinen Spalt der Rauch des Satans in den Tempel Gottes eingedrungen ist… Es ist zum Eingriff einer feindlichen Macht gekommen, ihr Name ist ,Teufel‘ (diavolo)… Wir glauben, daß etwas Außernatürliches in die Welt gekommen ist, nur um zu stören, die Früchte des Konzils zu ersticken.“

Die Schriftstellerin Sophie Dannenberg analysierte 2017 die geistige Lage des Christentums in Deutschland und beschreibt damit verbundene Krisentendenzen. Beide Konfessionen würden zunehmend durch das Eindringen säkularer utopischer Ideologien geprägt, welche die ursprünglichen Inhalte der Religion verdrängen und ersetzen würden. Zudem seien diese Ideologien weitestgehend glaubensfern und hätten keine transzendenten Bezüge. Die Kirche entwickele sich dadurch zu einer säkularen aktivistischen Vereinigung und werde in dieser Form weder ihren eigentlichen Auftrag erfüllen können noch eine Zukunft haben.

1.1 Verweltlichung, Ideologisierung und staatskirchliche Tendenzen

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) sprach von den „neuen Heiden […] die sich bisher noch in der Illusion gefallen können, als wären sie gar keine Heiden.“

Jesus Christus warnte vor einem Christentum, das seine Besonderheit und seine Spannung zur Welt einbüßt:

Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten.2

Der Evangelist Johannes warnte davor, sich an der Welt und materiellen Dingen auszurichten anstatt an Gott.3 Der Apostel Paulus warnte vor dem Wirken jener, die „Irdisches […] im Sinn haben“ und deren Gott ihr Bauch sei: „Ihr Ende ist Verderben“.4

1.1.1 Tendenz zur Verweltlichung und Anpassung an säkulare Ideologien

Liberale Strömungen im Christentum versuchen nicht, die zeitliche Ordnung mit christlichem Geist zu durchdringen, sondern durchdringen die Kirche mit dem Geist säkularer Ideologien bzw. überformen das Christentum mit diesen.

Ein früherer Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, warnte 2018 vor Tendenzen zur „Umwandlung der Kirche in eine NGO“ mit dem ausschließlichen Ziel der Verbesserung innerweltlicher Lebensbedingungen. Dabei handle es sich um einen Ausdruck einer „suizidalen Modernisierung“.

Transzendenz und Glaube spielen in säkularisierten, ausschließlich sozialaktivistisch agierenden Strömungen praktisch keine Rolle. Laut Sophie Dannenberg würden „neue Götter“ an Stelle des ewigen Gottes treten, etwa ein „Gender-Gott“ und ein „Antirassismus-Gott“ als höchste geistige Bezugspunkte. Die Kirche würde ihre CO2-Bilanz besser kennen als das Evangelium. Sie zitiert Aktivisten, die im Gespräch mit ihr äußerten, dass sie „eigentlich nicht“ beten würden, und dass Glaube für sie allenfalls eine sekundäre „Zusatzmotivation“ sei. Man könne ebensogut bei Attac oder den Grünen aktiv sein. Geistliche Fragen und alles, was die Seele des Menschen beträfe, werde praktisch nicht mehr thematisiert, auch weil es nicht verstanden werde und als fremd erscheine. Die Kernaussage der neuen Religion, die im Gewand des Christentums auftrete, sei: „Trennt den Müll und seid nett zueinander.“

Dem Extremismusforscher Klaus Schroeder zufolge sei die evangelische Kirche „eindeutig dem linken Spektrum zuzuordnen“, und er beobachtet entsprechende Tendenzen auch in der katholischen Kirche.

Da säkulare Ideologien sich laufend weiter u.a. von den Normen des Naturrechts entfernen, ist die Anpassung an diese Ideologien niemals abgeschlossen, sondern führt jene, die diesen Weg gehen, ebenfalls immer weiter von diesen Normen weg. Gleichzeitig erleichtert es dies nichtchristlichen Akteuren, den an diesen Normen festhaltenden Kräften in der Kirche eine „radikale“ oder „fundamentalistische“ Position zu unterstellen und auf die sich anpassenden Teile als mutmaßlich positives Gegenbild zu verweisen.

Das Problem des Liberalismus in der Kirche

Ross Douthat beschrieb in seinem Buch „To Change the Church“ die nachkonziliare Krise der katholische Kirche auch als Folge ihrer Durchdringung mit liberaler Ideologie:

  • Liberale Strömungen würden durch ihr Streben nach Anpassung der Kirche an säkulare Ideologien und Kultur die schrittweise Auflösung der Kirche bewirken. Indem sie die sich laufend verändernde „Lebenswirklichkeit“ der Gesellschaft zum Maßstab der Ausrichtung der Kirche machten, würden Liberale die Kirche von ihrer Grundlage in Jesus Christus und seinem unveränderlichen Wort lösen. Wenn Liberale von „Offenheit“ sprächen und „Abgrenzung“ kritisierten, verberge sich dahinter meist die Ablehnung der bestehenden Lehre und Tradition.
  • Die Hoffnung mancher Liberaler, durch diese Anpassung besser auf kirchenferne Teile der Gesellschaft einwirken zu können, habe sich nirgendwo bestätigt. Eine angepasste Kirche würde zwar auf weniger Widerstand und Ablehnung stoßen, aber auch als irrelevant wahrgenommen werden, weil sie nur das bestätige, was auch ohne christliche Grundlage geglaubt werde. Eine Kirche die das Wort Jesu Christi bis zur Beliebigkeit relativiere, damit es weltanschaulichen Moden entspricht und auf weniger Ablehnung stößt, sei weder glaubwürdig noch ehrlich. Sie verstoße durch diese Praxis vor allem aber gegen ihren Auftrag.

Die Nähe von Teilen der Kirche zu linksradikaler Ideologie

Die von Johann Baptist Metz wesentlich mitgestaltete sog. „neue Politische Theologie“ entstand in den 1960er Jahren unter dem Einfluss der neo-marxistischen Ideologie der Frankfurter Schule. Ludger Schwienhorst-Schönberger rechnete diese theologische Strömung 2018 zu den „einflussreichsten theologischen Strömungen der Gegenwart“, deren Ansätze unter dem Eintreten vieler deutscher Kirchenvertreter für offene Grenzen für Migranten in Abkehr von den Positionen der klassischen Soziallehre zugrundeliegen würden.5

Führende Kirchenverter äußerten 2017 und 2018 ihre Sympatie für den Marxismus. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, erklärte seine Sympathie für bestimmte Aspekte marxistischer bzw. kommunistischer Ideologie und verwies auf mutmaßliche Parallelen zwischen Christentum und Marxismus. Beide wollten „den Armen und Ausgebeuteten eine Stimme geben und ihnen zu ihrem Recht verhelfen“. Das Kommunistische Manifest habe Kardinal Marx „durchaus beeindruckt„, unter anderem weil es „in einer großartigen Sprache verfasst“ sei. In diesem Zusammenhang lobte Kardinal Marx den Kampf gegen die Auswüchse des Kapitalismus. Außerdem sei Karl Marx „einer der ersten ernstzunehmenden Sozialwissenschaftler“ gewesen. 2018 beteiligte sich das Bistum Trier als Mitorganisator an den Feiern des Marx-Jubiläums.

Teile der Kirche agieren zur Förderung linksgerichteter politischer Anliegen im Rahmen von Aktionsbündnissen mit linksradikalen Akteuren.

1.1.2 Abhängigkeit von Staaten und Regierungen

Die enge Bindung der Kirche an den Staat in Deutschland hat die Kirche materiell abhängig vom Staat gemacht. Eine Kommission der Partei Bündnis90/Die Grünen begrüßte in einem 2016 veröffentlichten Bericht ausdrücklich die politischen Auswirkungen des Systems der Kirchensteuer in Deutschland, das „Fundamentalisten“ schwäche und die „Kirchen für die Gesellschaft geöffnet“ habe.

Das Wirken beide Konfessionen stelle laut Sophie Dannenberger zunehmend eine „Apologie politischen Handelns“ dar. Es gäbe Tendenzen zur Herausbildung einer Staatskirche, die das Handeln der Regierung nachträglich religiös legitimiere und etwa die Aufhebung des Schutzes der Grenzen 2015 zu einem Akt des Glaubens erklärt habe. Gleichzeitig wachse die finanzielle Abhängigkeit der Kirche vom Staat. Man unterwerfe sich weltlichen Ideologien, gegenüber denen Skepsis als Tabu gelte, und weiche Konflikten, etwa mit radikalen Tendenzen im Islam, aus. Gleichzeitig pflege man eine kritische und unangepasste Pose.

Der Soziologe Wolfgang Streeck kritisierte 2017 die Kirche in Deutschland, die sich von der politischen Macht für deren Zwecke instrumentalisieren lasse und das Handeln der Regierung auf Kosten des Gemeinwohls moralisch legitimiere. Die Bundesregierung habe christliche Bezüge verwendet, um nachträglich eine Begründung für die Öffnung der Grenzen zu schaffen. Die Führung der Kirche in Deutschland habe dies entweder unterstützt oder aus Angst vor sozialem Druck geschwiegen.

Teile der Kirche seien noch darüber hinausgegangen und hätten sich bereitwillig an der Denunzierung von Regierungskritikern und Oppositionellen im oben genannten Stil beteiligt. Höchste Stellen der Kirche in Deutschland hätten die politisch Verantwortlichen auch dann noch unterstützt, als die negativen Folgen ihrer Entscheidungen für das Gemeinwohl bereits offensichtlich waren und diese ihre Entscheidungen unter Berufung auf die Unterstützung der Kirche als Ausdruck göttlichen Willens darstellten.

1.2 Verdrängung von Theologie, Lehre, Tradition und Verantwortung durch Berufung auf Emotionen

Säkulare Aktivisten, welche die Kirche zunehmend prägen, wollten laut Sophie Dannenberg in erster Linie „keine verknatterten Konservativen sein, sondern mindestens so hip wie alle anderen“. Sie würden die Bibel nach Schlagworten durchsuchen, mit denen sie einen argumentationsfreien, sentimentalen Aktivismus losgelöst von jeglichem Kontext und jeglicher Theologie oder Tradition zu rechtfertigen versuchen. Verantwortung spiele dabei keine Rolle, sondern es stehe der Wunsch nach einem Gefühl des Gutseins im Vordergrund.

Ludger Schwienhorst-Schönberger beschrieb 2018, dass die klassische, verantwortungsethisch ausgerichtete katholische Soziallehre innerhalb der Kirche in Deutschland weitgehend durch gesinnungsethische Positionen verdrängt worden sei. Dies werde insbesondere im Umgang mit Migrationsfragen sichtbar. 6

Der Philosoph Konrad Ott zählte die Kirche zu den gesinnungsethischen Akteuren, die ansonsten eher im linken Lager zu finden seien:

Gesinnungsethikerinnen findet man, wissenssoziologisch gesehen, in akademischen Milieus, in diversen politisch gesehen links orientierten Redaktionen, in Vereinen wie Pro Asyl, in kirchlichen Kreisen bis hinaus in Leitungsfunktionen, in sozialen Netzwerken sowie in etablierten politischen Parteien (Bündnisgrüne, DIE LINKE). Die dort vertretene Moral sammelt sich, Nuancen beiseitegelassen, um den Slogan Refugees Welcome und wendet sich gegen die ‚Festung Europas‘.7

1.2.1 Mangel an analytischem Denken im Umgang mit Herausforderungen

Wesentliche gesellschaftliche Herausforderungen werden von großen Teile der Kirche eher emotional als analytisch betrachtet, etwa Migrationsfragen. Dies führt dazu, dass diese Herausforderungen meist nicht angemessen verstanden und falsch bewertet werden, weshalb die von Teilen der Kirche formulierten Antworten auf diese Herausforderungen untauglich sind und im Fall der Umsetzung Schaden für das Gemeinwohl nach sich ziehen.

1.2.2 Therapeutisches Religionsverständnis

Die Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton beschrieben eine der am stärksten verbreiteten Verfallsformen des Christentums 2005 als „Moralistic Therapeutic Deism“ (MTD). Ihre diebezügliche Studie bezog sich auf Jugendliche in den USA, aber das Phänomen ist im gesamten europäisch-geprägten Kulturraum zu beobachten. Andere Autoren hatten daran anknüpfend beschrieben, wie sich das Christentum bei Versuchen, für Menschen moderner Gesellschaften leichter konsumierbar zu werden, zunehmend irrelevant mache und auflöse.

1.3 Verlust maskuliner Aspekte

Der Historikerin Barbara Welter zufolge habe im 19. Jahrhundert im westlichen Kulturraum eine „Feminisierung der Kirche“ eingesetzt. Der evangelische Theologe Ernst Troeltsch (1865–1923) sprach im frühen 20. Jahrhundert von einer „Entmännlichung“ der Kirche. Ein halbes Jahrhundert zuvor hatte der baptistische Prediger Charles H. Spurgeon (1834–1892) kritisiert, dass sich die Wahrnehmung durchsetze, „um Christ zu werden, müsse man alle Männlichkeit über Bord werfen und ein Schwächling werden“.

Kardinal Raymond Burke sprach aktuell von Tendenzen der „Verweiblichung“ der Kirche. Seit den 1960er Jahren würden Männer in der Kirche zunehmend in den Hintergrund treten und weiche, weibliche Themen bevorzugt, die Männer häufig abstoßen würden.

Der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf kritisierte, dass sich zunehmend junge Frauen, welche der Vorstellung eines „Kuschelgottes“ anhängen würden, zum Theologiestudium entschließen.

Das Christentum hat sowohl männliche als auch weibliche Aspekte und gibt Antworten auf die religiösen Fragen sowohl von Männern als auch von Frauen. Die einseitige Betonung weiblicher Aspekte im Christentum hat jedoch negative Folgen:

  • Verdrängung schwieriger und fordernder Aspekte: Der Theologe Klaus Berger kritisierte, dass an Universitäten bzw. insbesondere in der evangelischen Theologie „wesentliche Teile der Wirklichkeit gezielt unterschlagen werden. Ziel dabei ist, das Christentum bis zur Unkenntlichkeit zu einer sanften und völlig unverbindlichen Sonntagsmoral zu deformieren.“ Die geschehe aus „Mutlosigkeit“, weil man nicht mehr davon ausgehe, dass man Menschen mit schwierigen Aspekten des Christentums noch erreichen könne. Man wolle zudem nicht als „unmodern“ erscheinen: „Die Wunder, Engel, Visionen und Charismen in der Bibel wirken aus ‚vernünftiger‘ Sicht peinlich und unpassend, also werden sie ausgesondert. […] Ganz besonders die Märtyrer, die vom himmlischen König ‚faseln‘, findet man fehl am Platz. […] Es entsteht ein ‚Christentum‘, das fromm tut, aber doch nicht wirklich wagt, über Gott und Glauben zu sprechen, weil so vieles daran heute ganz und gar politisch unkorrekt ist.“
  • Betonung therapeutischer Inhalte: Frauen haben tendenziell andere religiöse Bedürfnisse als Männer und erwarten von dieser häufig eher Lebenshilfe.
  • Idealisierung von Schwäche: Jesus Christus wird weichgezeichnet und nicht in seiner Eigenschaft als König dargestellt, der in seinem Dienst größte Opfer bis zum Tod brachte.
  • Betonung des Gefühls auf Kosten des Rationalen
  • Positive Bewertung unmännlichen Verhaltens: In der Kirche ist zunehmend eine positive Wahrnehmung homosexueller Lebensstile zu beobachten. Gegenwärtig kommt dies in der Bereitschaft zum Ausdruck, homosexuelle Partnerschaften als „Ehe“ zu definieren oder solche Partnerschaften kirchlicherseits zu segnen. Möglicherweise hat auch die in den späten 60er Jahren verstärkt einsetzende Welle von Missbrauchsfällen in der Kirche damit zu tun, dass diese zu dieser Zeit verstärkt Männer anzog, die in ihrer maskulinen Identität nicht hinreichend gefestigt waren.
  • Ausweichen vor der aktiven Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Welt: Die Aspekte des Christentum, welche die aktive Auseinandersetzung mit Herausforderungen, das Erkennen und Austragen von Konflikten und den Schutz des Nächsten gegen physische Bedrohungen zum Inhalt haben, treten zunehmend in den Hintergrund. Weibliche Tendenzen in der Kirche suchen häufig eine Annäherung an die Welt und weichen Konflikten mit ihr auch unter Aufgabe wesentlicher Aspekte der christlichen Botschaft aus. Christenverfolgung in vielen Teilen der Welt wird durch große Teile der Kirche in Deutschland zum Beispiel aus Furcht vor negativen Reaktionen im Fall der Ansprache dieser Verfolgung geduldet.

1.4 Flucht vor dem Eigenen

Die euphorisiert-naive Sprache kirchlicher Migrationsaktivisten, die Migranten eine quasi-heilgeschichtliche Funktion zuschreibe und in ihnen bessere Menschen sähe, offenbart laut Sophie Dannenberg dabei „deren ontologische Funktion, uns alle zu erlösen, von unserer eigenen blöden Kultur“.

1.5 Zunehmende Polarisierung zwischen theologisch progressiven und konservativen Strömungen

Der Fachjournalist für Religionsfragen Ross Douthat warnte 2017 vor einer zunehmenden Polarisierung zwischen theologisch progressiven und konservativen Strömungen in der katholischen Kirche. Diese Entwicklung werde durch theologische Unklarheiten, die während des Pontifikats von Papst Franziskus entstanden seien, begünstigt. Liberale Kräfte in der Kirche würden diese Unklarheiten nutzen, um Fakten zu schaffen, denen der Vatikan nicht widersprechen würde, wodurch sich Teile der Kirche zunehmend von Lehre und Tradition entfernen würden.

Der Erzbischof von Philadelphia (USA), Charles J. Chaput, kritisierte, dass die damit verbundenen Auseinandersetzungen von Vertretern beider Lager mit zunehmender verbaler Schärfe und oft mit mangelnder Sachlichkeit geführt würden.

2. Sonstige Krisenphänomene im Christentum in Deutschland und Europa

2.1 Rückgang der Zahl der Christen und der Stärke religiöser Bindungen unter Christen

Einer von Forschern der britischen St Mary’s University und des französischen Institute Catholique de Paris  erstellten Studie zufolge stehe Europa am Beginn eines post-christlichen Zeitalters. Unter jungen Erwachsenen würden Christen in weiten Teilen Europas nur noch kleine Minderheiten ausmachen. Das Christentum werde in naher Zukunft seine Rolle als prägende kulturelle Kraft in Europa möglicherweise für sehr lange Zeit verlieren.

  • In nur sechs europäischen Staaten (Polen, Litauen, Irland, Slowenien, Österreich, Portugal) würde sich noch eine Mehrheit der jungen Erwachsenen zum Christentum bekennen. Es sei auffällig, dass alle diese Staaten katholisch geprägt seien. In diesen Staaten seien auch religiöse Bindungen unter jungen Erwachsenen noch vergleichsweise stark. In allen anderen Staaten seien Christen aller Konfessionen unter jungen Erwachsenen nur noch eine Minderheit.
  • Religionsdemographische Daten über christliche Bevölkerungsanteile in Europa seien nur eingeschränkt aussagekräftig, was die religiöse Bedeutung des Christentums in Europa angehe. Unter formell christlichen jungen Europäern seien religiöse Bindungen häufig nur noch schwach ausgeprägt. In Staaten wie Deutschland und Frankreich etwa würden nur rund sechs bis sieben Prozent der jungen Katholiken noch wöchentlich an der Heilige Messe teilnehmen.

Relativer und absoluter Rückgang der Zahl der Christen

In weiten Teilen des westlichen Kulturraums geht sowohl die absolute Zahl von Christen in Gesellschaften als auch ihr Anteil an diesen stetig zurück. Das Christentum in Deutschland schrumpft seit Jahrzehnten bei gleichzeitiger Überalterung. Die Zahl der Sterbefälle und Kirchenaustritte liegt deutlich höher als die der Taufen, Übertritte und Wiedereintritte. Laut einer im Dezember 2017 veröffentlichten Studie des Allensbach-Instituts gehe die absolute Zahl der Christen in Deutschland stetig zurück. Während nach dem Zweiten Weltkrieg noch mehr als 90 Prozent der Deutschen Christen gewesen seien, habe der Anteil der Christen an der Bevölkerung 2017 nur noch rund 55 Prozent betragen.

Ein Beispiel für die Geschwindigkeit, mit der sich die demographische Implosion des Christentums in Deutschland vollzieht, ist der Anteil der Protestanten unter Schulkindern in Hamburg, der 2015  16 Prozent betrug. 1970 hatte der Anteil noch bei rund 80 Prozent gelegen.8

In anderen Teilen der westlichen Welt gestaltet sich die Entwicklung ähnlich:

  • In den Niederlanden wird der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung zwischen 2010 und 2020 voraussichtlich von 16 auf 10 Prozent zurückgehen.9
  • In Frankreich machten (vorwiegend katholische) Christen im Jahr 2010 noch 63 Prozent der Bevölkerung aus. Bis 2050 wird der Anteil voraussichtlich auf 44 Prozent zurückgehen.10
  • In Großbritannien wird der Anteil der Christen von 64 Prozent im Jahre 2010 auf 45 Prozent im Jahre 2050 fallen. In ganz Europa wird die absolute Zahl der Zahl der Christen bis dahin voraussichtlich um 10 Prozent oder 100 Mio. Menschen von rund 500 Mio. auf rund 400 Mio. sinken.11

Stabil hohe Zahl der Kirchenaustritte

Die Zahl der Kirchenaustritte wird sich voraussichtlich auch in den kommenden Jahren weiterhin auf hohem Niveau bewegen, wobei ihre Zahl tendentiell aufgrund der sinkenden Zahl von Christen zurückgehen wird.

  • Rund die Hälfte der Mitglieder der beiden Kirchen gab 2015 an, einen Austritt aus der Kirche in Erwägung zu ziehen. Von diesen würden sich die meisten „aus Bequemlichkeit“ oder aus „Angst vor einem so radikalen Schritt“ vorläufig noch nicht zu einem Austritt entscheiden.12
  • Austrittswillige sind in der Regel auch jetzt schon nicht mehr religiös gebunden sondern warten einen Anlass ab, um ihre Entscheidung umzusetzen.

Religiöse Bindungen unter Christen werden schwächer

Die oben genannten Zahlen bzgl. der Zugehörigkeit von Menschen zum Christentum können einen unzutreffenden Eindruck über den tatsächlichen Rückhalt des Christentums erzeugen. Tatsächlich handelt es sich bei einem großen Teil der nominell als Christen erfassten Personen um Menschen, die innerlich nur eine schwache oder gar keine Bindung an das Christentum aufweisen.

Unter den verbliebenen Christen nehmen religiöse Bindungen dabei tendentiell weiter ab, wobei schwache Bindungen in der Regel eine Zwischenstation auf dem Weg zu einer vollständigen inneren Abwendung vom Christentum darstellen. Einige schwach gebundene Christen verschieben dabei offenbar einen geplanten Austritt aus der Kirche, wenn sie den Eindruck bekommen, dass die Kirche sie nicht mit unbequemen Forderungen oder Ansprüchen konfrontiert. Vor diesem Hintergrund wird Zustimmung schwach gebundener Christen zur „Öffnung“ oder „Modernisierung“ der Kirche teilweise als Beleg für die erfolgreiche Anpassung der Kirche an die Erfordernisse der Gegenwart mißverstanden.

Laut einer im Dezember 2017 veröffentlichten Studie des Allensbach-Instituts nehme die Stärke religiöser Bindungen unter Christen in Deutschland stetig ab.  Der Anteil der Christen, die wenigstens „ab und zu“ einen Gottesdienst besuchen würden, seit den 1960er Jahren von rund 60 auf 32 Prozent gesunken. Auch unter Katholiken würden nur 34 Prozent noch glauben, dass die hl. Dreifaltigkeit existiere.

Der Vorsitzende des „Zentralkommitees der Katholiken“ in Deutschland (ZdK), Thomas Sternberg, erklärte 2017, er kenne kein Mitglied seiner Organisation, das noch beichten würde.13

Laut Shell-Jugendstudie von 2015 verliere der Glaube an Gott vor allem unter jüngeren Christen an Bedeutung. Als „wichtig“ stuften noch 39 Prozent der Katholiken den Glauben an Gott für die Lebensführung ein (51 Prozent im Jahr 2002). Bei Muslimen seien es im Vergleich dazu 70 Prozent bei steigender Tendenz. 29 Prozent der katholischen Jugendlichen würden noch einen persönlichen Gott glaube, und 20 Prozent würden beten.14 In einer 2017 veröffentlichten Umfrage unter jungen Erwachsenen zwischen 18 und 34 Jahren 79 Prozent der Befragten in Deutschland an, dass sie ohne Glauben an Gott glücklich sein könnten.15 Bei einem großen Teil der Befragten muss es sich formell um Christen gehandelt haben.

Einer im Januar 2013 veröffentlichten Sinus-Studie zufolge verstanden sich zu diesem Zeitpunkt viele Katholiken in Deutschland als nicht gläubig und suchten auch nicht nach einer Beziehung zu Gott. Viele bezeichneten sich zwar noch als religiös, hätten aber allenfalls diffuse Glaubensvorstellungen. Nur wenige Katholiken würden etwa von einer Aufstehung der Toten ausgehen. Der Anteil der Katholiken, die regelmäßig beichteten, wurde zu diesem Zeitpunkt auf maximal zwei Prozent geschätzt.

Rückgang der Zahl der Priesterweihen

In Deutschland ist die Zahl der Priesterweihen von 366 im Jahre 1990 auf 58 im Jahr 2015 gesunken. Das Durchschnittsalter von Priestern stieg gleichzeitig an und lag 2015 nahe 70 Jahren.

2.2 Verlust der christlichen Prägung von Kultur und Gesellschaft

Ross Douthat wies 2018 darauf hin, dass die katholische Kirche in westlichen Gesellschaften ihre kulturelle Strahlkraft weitgehend verloren habe. Der Katholizismus präge sowohl die ihn umgebende Kultur als auch die Kultur seiner Angehörigen kaum noch, weshalb die Kirche kulturell heterogener werde. Die kulturelle Einheit, die der Katholizismus über die Völker und die Jahrhunderte hinweg geschaffen habe, drohe verloren zu gehen.16

Laut einer im Dezember 2017 veröffentlichten Studie des Allensbach-Instituts habe die gesellschaftliche Bedeutung des Christentums in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten stark abgenommen. Die Ökologiebewegung würde im Vergleich zum Christentum mittlerweile deutlich größere kulturelle Kraft entfalten, etwa in Form von Verhaltensgeboten, und würde teilweise an dessen Stelle treten:

Man kann in der Ökologiebewegung viele Elemente wiederfinden, die aus klassischen religiösen Zusammenhängen gut bekannt sind. Etwas zugespitzt könnte man sagen, dass die Bandbreite von Essvorschriften („Veggie Day“) über Endzeiterwartungen („Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch“), himmlische Strafen („Die Natur schlägt zurück“) und Drohungen gegen Abweichler („Klimaleugner“) reicht bis hin zum Ablasshandel (Abgaben für Flugreisende, um sich „CO2-neutral“ zu machen).

Christliche Sitten und Gebräuche würden hingegen schrittweise aufgegeben und aus der Kultur verschwinden.

Im Zuge des Rückgangs des Anteils der Christen an der Bevölkerung verschwinden zunehmend auch christliche kulturelle Bezüge aus dem öffentlichen Leben. Dies beschreibt exemplarisch ein Bericht über die Veränderung der Schülerschaft an der Neckarschule in Mannheim, die einen Migrantenanteil von 85 Prozent aufweist. Weihnachtsfeiern und Weihnachtsbäume wurden hier abgeschafft, weil sie nur noch eine „Minderheitenreligion“ repräsentieren würden.

2.2.1 Unvermögen der Kirche zur Korrektur kultureller Fehlentwicklungen

Kulturell ist befindet sich das Christentum seit den 1960er Jahren in westlichen Gesellschaften auf allen Gebieten in der Defensive und hat seine frühere kulturelle Führungsrolle an Akteure der Konsumkultur sowie an progressive Ideologien abgegeben. Es ist ihm seitdem praktisch nicht mehr gelungen, kulturelle Fehlentwicklungen in seinem Umfeld aufzuhalten oder umzukehren.

2.3 Unterwanderung von Außen

Die Plattform WikiLeaks veröffentlichte 2016 E-Mails, aus denen hervorging, dass Strukturen aus dem Umfeld der damaligen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton versuchten, die katholische Kirche durch die Gründung pseudochristlicher Initiativen zu unterwandern.

John Podesta, der Wahlkampfleiter Clintons und Leiter des „Center For American Progress“, schrieb in E-Mails an Sandy Newman von der Organisation „Voices for Progress“, dass die Gruppierungen „Catholics in Alliance for the Common Good“ und „Catholics United“ mit seiner Unterstützung geschaffen worden sei, um Anliegen der Gender-Ideologie in der Kirche durchzusetzen und eine „Revolution“ in ihr zu fördern.

Die Gruppierung „Catholics in Alliance for the Common Good“ (CACG) wird vor allem durch Organisationen aus dem Umfeld von George Soros finanziert und arbeitet mit Gruppierungen wie „Catholics United“ und „Catholics for Choice“ zusammen, die u.a. für die staatliche Anerkennung einer gleichgeschlechtlichen Ehe sowie für Abtreibung eintreten.

2.4 Schwächen im Umgang mit islambezogenen Herausforderungen

In der Kirche in Deutschland sind derzeit praktisch keine konkreten Schritte in Richtung einer strategischen Ansprache islambezogener Herausforderungen zu erkennen. (Weiterlesen: Defizite der Kirche im Umgang mit islambezogenen Herausforderungen)

3. Ausblick und Bewertung

3.1 Das Ende der Volkskirche

Das Christentum befindet sich in westlichen Gesellschaften derzeit im Übergang von einer kulturell prägenden Religion zu einer religiösen Minderheit.

Im Jahr 2035 wird voraussichtlich nur noch eine Minderheit der Deutschen formal einer christlichen Kirche angehören. Die verbliebenen Christen werden dann zudem deutlich älter als der Bevölkerungsdurchschnitt sein.17

3.2 Langfristiges Erlöschen liberaler Strömungen des Christentums in westlichen Gesellschaften

Jesus Christus verglich das Reich Gottes mit einem Weinberg. Auf diesem hätten die keine Frucht bringenden Zweige keine Zukunft:

Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab […]. Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt. […] Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen.18

Liberale Strömungen des Christentums verfügen nur über geringe Bindungskraft und sind in besonderem Maße von der in westlichen Gesellschaften zu beobachtenden demographischen Herausforderungen betroffen. Ihre Anhänger haben im Durchschnitt nicht nur weniger Kinder als konservative Christen, sondern es gelingt ihnen auch in geringerem Maße, ihren Glauben an ihre Kinder weiterzugeben. Da die Familie der wichtigste Ort der Vermittlung und Weitergabe des Glaubens ist, werden liberale Strömungen des Christentums in westlichen Gesellschaften voraussichtlich immer schwächer werden.

Bei anhaltendem Trend werden in Frankreich um das Jahr 2040 traditionalistische Priester voraussichtlich die Mehrheit unter den Priestern stellen, weil es in anderen Strömungen immer weniger neue Berufungen gibt.

4. Antworten auf die Krise des Christentums

Papst Benedikt XVI. bzw. Joseph Ratzinger hatte die sich abzeichnende innere, geistige Krise des Christentums bereits im Jahre 1958 erkannt:

Dieses dem Namen nach christliche Europa ist seit rund vierhundert Jahren zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden, das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen her auszuhöhlen droht.

Die Kirche sei zunehmend bestimmt „von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden“.

Im Jahre 1970 sagte Ratzinger das Scheitern dieser Verfallsform des Christentums voraus:

Eine Kirche, die in politischen „Gebeten“ den Kult der Aktion feiert, brauchen wir nicht. Sie ist ganz überflüssig. Und sie wird daher ganz von selbst untergehen. […] So scheint mir gewiss zu sein, dass für die Kirche sehr schwere Zeiten bevorstehen. Ihre eigentliche Krise hat noch kaum begonnen. Man muss mit erheblichen Erschütterungen rechnen.

Es werde nur das Christentum eine Zukunft haben, das „tiefe Wurzeln“ hat:

Die Zukunft der Kirche kann und wird auch heute nur aus der Kraft derer kommen, die tiefe Wurzeln haben und aus der reinen Fülle ihres Glaubens leben. […] Sie wird nicht von denen kommen, die nur dem jeweiligen Augenblick sich anpassen. […] Die Zukunft der Kirche wird auch dieses Mal, wie immer, von den Heiligen neu geprägt werden. Von Menschen also, die mehr wahrnehmen als die Phrasen, die gerade modern sind. Von Menschen, die deshalb mehr sehen können als andere, weil ihr Leben weitere Räume umfasst. […] Bleiben wird die Kirche Jesu Christi. […] Nicht die Kirche des politischen Kultes, die schon in Gobel gescheitert ist, sondern die Kirche des Glaubens.

Die Zukunft des Christentums liege in kleinen entschlossenen Gemeinschaften, die sich innerlich von den Verfallsformen des Christentums abgrenzen:

Aus der Krise von heute wird auch dieses Mal eine Kirche morgen hervorgehen, die viel verloren hat. Sie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen. Sie wird viele der Bauten nicht mehr füllen können, die in der Hochkonjunktur geschaffen wurden. Sie wird mit der Zahl der Anhänger viele ihrer Privilegien in der Gesellschaft verlieren. Sie wird sich sehr viel stärker gegenüber bisher als Freiwilligkeitsgemeinschaft darstellen, die nur durch Entscheidung zugänglich wird. Sie wird als kleine Gemeinschaft sehr viel stärker die Initiative ihrer einzelnen Glieder beanspruchen. […] Es wird eine verinnerlichte Kirche sein, die nicht auf ihr politisches Mandat pocht und mit der Linken so wenig flirtet wie mit der Rechten. Sie wird es mühsam haben. […] Der Prozess wird lang und mühsam sein, so wie ja der Weg von den falschen Progressismen am Vorabend der Französischen Revolution, bei denen es auch für Bischöfe als schick galt, über Dogmen zu spotten und vielleicht sogar durchblicken zu lassen, dass man auch die Existenz Gottes keineswegs für sicher halte, bis zur Erneuerung des 19. Jahrhunderts sehr weit war.

Nach dem Scheitern der säkularen utopischen Ideologien der Moderne würden diese Gemeinschaften gebraucht werden:

Aber nach der Prüfung dieser Trennungen wird aus einer verinnerlichten und vereinfachten Kirche eine große Kraft strömen. Denn die Menschen einer ganz und gar geplanten Welt werden unsagbar einsam sein. Sie werden, wenn ihnen Gott ganz entschwunden ist, ihre volle, schreckliche Armut erfahren. Und sie werden dann die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas ganz Neues entdecken. Als eine Hoffnung, die sie angeht, als eine Antwort, nach der sie im Verborgenen immer gefragt haben.

1996 wiederholte Ratzinger diese Annahme:

Vielleicht müssen wir von den volkskirchlichen Ideen Abschied nehmen. Möglicherweise steht uns eine anders geartete, neue Epoche der Kirchengeschichte bevor, in der das Christentum eher wieder im Senfkorn-Zeichen stehen wird, in scheinbar bedeutungslosen, geringen Gruppen, die aber doch intensiv gegen das Böse anleben und das Gute in die Welt hereintragen: die Gott hereinlassen. Ich sehe, daß hier wieder ganz viel Bewegung dieser Art da ist.19

Solche Gemeinschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht ein bloßes politisch konservatives Gegenstück zu säkular-progressiven Strömungen darstellten, sondern dadurch, dass es in ihnen in erster Linie um Frage des Glaubens und der Seele des Menschen ginge. Wie auch Benedikt XVI. sagte, ist dies die Vorausetzung dafür, dass im zweiten Schritt Gläubige richtig und angemessen in der Welt handeln und den Herausforderungen für die Menschen und das Christentum begegnen können.

  1. Ross Douthat: To Change the Church. Pope Francis and the Future of Catholicism, New York 2018
  2. Mt 5,13
  3. 1 Joh 15-17
  4. Phil 3,19
  5. Ludger Schienhorst-Schönberger: „Dem Kaiser, was des Kaisers. Christentum und Migrationspolitik“, Stimmen der Zeit, Mai 2018, S. 329-342, hier: S. 333
  6. Ludger Schienhorst-Schönberger: „Dem Kaiser, was des Kaisers. Christentum und Migrationspolitik“, Stimmen der Zeit, Mai 2018, S. 329-342
  7. Konrad Ott: Zuwanderung und Moral, Stuttgart 2016, S. 18
  8. „Mitgliederschwund der Kirchen. Das Hamburger Wunder“, faz.net, 14.03.2015
  9. „Dutch bishops give pope bleak picture of Church in decline“, reuters.com, 03.12.2013
  10. „The Future of World Religions: Population Growth Projections, 2010-2050“, Pew Research Center 02.04.2015
  11. „The Future of World Religions: Population Growth Projections, 2010-2050“, Pew Research Center 02.04.2015
  12. Christoph Drösser: Wie wir Deutschen ticken, 2015
  13. “Sternberg kennt niemanden im ZdK, der beichtet”, kath.net, 12.04.2017
  14. Mathias Albert et al.: Jugend 2015. 17. Shell Jugendstudie, Frankfurt a.M. 2015
  15. „Junge Europäer brauchen keine Religion“, faz.net, 05.04.2017
  16. Ross Douthat: To Change the Church. Pope Francis and the Future of Catholicism, New York 2018, S. 180f.
  17. „Christen in Deutschland werden zur Minderheit“, welt.de, 06.09.2013
  18. Joh 15, 1-6
  19. Joseph Ratzinger: Salz der Erde. Christentum und katholische Kirche an der Jahrtausendwende, Stuttgart 1996, S. 12