Stand: 14.02.2018

Religiöse Bindungen werden unter Christen in Europa im Zuge der allgemeinen Tendenz zur Auflösung von Bindungen tendenziell schwächer. Gleichzeitig sind in Teilen der Kirche in Europa eine zunehmende Säkularisierung, das Eindringen utopischer Ideologien sowie staatskirchliche Tendenzen zu beobachten, wodurch die Kirche als kulturelles Korrektiv und Träger geistiger Erneuerung zunehmend an Kraft verliert.

Der evangelische Theologe Klaus Berger warnte 2013 davor, dass „die Christentümer des Westens aus eigener Schwäche zusammenbrechen“ könnten.

1. Geistige Krisentendenzen im Christentum in Europa

Die Schriftstellerin Sophie Dannenberg analysierte 2017 die geistige Lage des Christentums in Deutschland und beschreibt damit verbundene Krisentendenzen. Beide Konfessionen würden zunehmend durch das Eindringen säkularer utopischer Ideologien geprägt, welche die ursprünglichen Inhalte der Religion verdrängen und ersetzen würden. Zudem seien diese Ideologien weitestgehend glaubensfern und hätten keine transzendenten Bezüge. Die Kirche entwickele sich dadurch zu einer säkularen aktivistischen Vereinigung und werde in dieser Form weder ihren eigentlichen Auftrag erfüllen können noch eine Zukunft haben.

Sie stellt in ihrer Analyse vier wesentliche Krisentendenzen innerhalb der Kirche in Deutschland fest, die beide große Konfessionen betreffen würden.

1.1 Ideologisierung und staatskirchliche Tendenzen

Dem an der Freien Universität Berlin lehrenden Extremismusforscher Klaus Schroeder zufolge sei die evangelische Kirche „eindeutig dem linken Spektrum zuzuordnen“, und er beobachtet entsprechende Tendenzen auch in der katholischen Kirche. Das Wirken beide Konfessionen stelle laut Dannenberger zunehmend eine „Apologie politischen Handelns“ dar. Es gäbe Tendenzen zur Herausbildung einer Staatskirche, die das Handeln der Regierung nachträglich religiös legitimiere und etwa die Aufhebung des Schutzes der Grenzen 2015 zu einem Akt des Glaubens erklärt habe. Gleichzeitig wachse die finanzielle Abhängigkeit der Kirche vom Staat. Man unterwerfe sich weltlichen Ideologien, gegenüber denen Skepsis als Tabu gelte, und weiche Konflikten, etwa mit radikalen Tendenzen im Islam, aus. Gleichzeitig pflege man eine kritische und unangepasste Pose

1.2 Verdrängung von Theologie, Tradition und Verantwortung durch Suche nach positiven Gefühlen

Säkulare Aktivisten, welche die Kirche zunehmend prägen, wollten laut Sophie Dannenberg in erster Linie „keine verknatterten Konservativen sein, sondern mindestens so hip wie alle anderen“. Sie würden die Bibel nach Schlagworten durchsuchen, mit denen sie ihren sentimentalen Aktivismus losgelöst von jeglichem Kontext und jeglicher Theologie oder Tradition zu rechtfertigen versuchen. Verantwortung spiele dabei keine Rolle, sondern es stehe der Wunsch nach einem Gefühl des Gutseins im Vordergrund.

Dies gelte insbesondere für die aktuelle Welle von Migrationsaktivismus. Das Gemeinwohl spiele hier keine Rolle, und auch die Migranten selbst seien in erster Linie „Präsentationsobjekte“, die dem Zweck dienen, eine „Welle der Dankbarkeit, die warm auf sie, die Helferinnen, zurückrauscht“, zu erzeugen. Dahinter verberge sich letztlich eine Form von Egoismus, die auf Kosten des Gemeinwohls emotionale Bestätigung und sozialen Status anstrebe. Sünder seien in dieser Ideologie zudem immer andere Menschen, niemals man selbst

  • Verdrängung schwieriger und fordernder Aspekte: Der Theologe Klaus Berger kritisierte, dass an Universitäten bzw. insbesondere in der evangelischen Theologie „wesentliche Teile der Wirklichkeit gezielt unterschlagen werden. Ziel dabei ist, das Christentum bis zur Unkenntlichkeit zu einer sanften und völlig unverbindlichen Sonntagsmoral zu deformieren.“ Die geschehe aus „Mutlosigkeit“, weil man nicht mehr davon ausgehe, dass man Menschen mit schwierigen Aspekten des Christentums noch erreichen könne. Man wolle zudem nicht als „unmodern“ erscheinen: „Die Wunder, Engel, Visionen und Charismen in der Bibel wirken aus ‚vernünftiger‘ Sicht peinlich und unpassend, also werden sie ausgesondert. […] Ganz besonders die Märtyrer, die vom himmlischen König ‚faseln‘, findet man fehl am Platz. […] Es entsteht ein ‚Christentum‘, das fromm tut, aber doch nicht wirklich wagt, über Gott und Glauben zu sprechen, weil so vieles daran heute ganz und gar politisch unkorrekt ist.“
  • Auflösung von Innen durch „Moralistic Therapeutic Deism“: Die Soziologen Christian Smith und Melinda Lundquist Denton beschrieben eine der am stärksten verbreiteten Verfallsformen des Christentums 2005 als „Moralistic Therapeutic Deism“ (MTD). Ihre diebezügliche Studie bezog sich auf Jugendliche in den USA, aber das Phänomen ist im gesamten europäisch-geprägten Kulturraum zu beobachten. Andere Autoren hatten daran anknüpfend beschrieben, wie sich das Christentum bei Versuchen, für Menschen moderner Gesellschaften leichter konsumierbar zu werden, zunehmend irrelevant mache und auflöse.

1.3 Flucht vor dem Eigenen

Die euphorisiert-naive Sprache kirchlicher Migrationsaktivisten, die Migranten eine quasi-heilgeschichtliche Funktion zuschreibe und in ihnen bessere Menschen sähe, offenbart laut Sophie Dannenberg dabei „deren ontologische Funktion, uns alle zu erlösen, von unserer eigenen blöden Kultur“.

1.4 Verdrängung des Glaubens durch Aktivismus und Ideologie

Ein früherer Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Müller, warnte 2018 vor Tendenzen zur „Umwandlung der Kirche in eine NGO“ mit dem ausschließlichen Ziel der Verbesserung innerweltlicher Lebensbedingungen. Dabei handle es sich um einen Ausdruck einer „suizidalen Modernisierung“.

Transzendenz und Glaube spielen in säkularisierten, ausschließlich sozialaktivistisch agierenden Strömungen praktisch keine Rolle. Laut Sophie Dannenberg würden „neue Götter“ an Stelle des ewigen Gottes treten, etwa ein „Gender-Gott“ und ein „Antirassismus-Gott“ als höchste geistige Bezugspunkte. Die Kirche würde ihre CO2-Bilanz besser kennen als das Evangelium. Sie zitiert Aktivisten, die im Gespräch mit ihr äußerten, dass sie „eigentlich nicht“ beten würden, und dass Glaube für sie allenfalls eine sekundäre „Zusatzmotivation“ sei. Man könne ebensogut bei Attac oder den Grünen aktiv sein. Geistliche Fragen und alles, was die Seele des Menschen beträfe, werde praktisch nicht mehr thematisiert, auch weil es nicht verstanden werde und als fremd erscheine. Die Kernaussage der neuen Religion, die im Gewand des Christentums auftrete, sei: „Trennt den Müll und seid nett zueinander.“

1.5 Zunehmende Polarisierung zwischen theologisch progressiven und konservativen Strömungen

Der Fachjournalist für Religionsfragen Ross Douthat warnte 2017 vor einer zunehmenden Polarisierung zwischen theologisch progressiven und konservativen Strömungen in der katholischen Kirche. Diese Entwicklung werde durch theologische Unklarheiten, die während des Pontifikats von Papst Franzismus entstanden seien, begünstigt.

Der Erzbischof von Philadelphia (USA), Charles J. Chaput, kritisierte, dass die damit verbundenen Auseinandersetzungen von Vertretern beider Lager mit zunehmender verbaler Schärfe und oft mit mangelnder Sachlichkeit geführt würden.

2. Rückgang der Zahl der Christen und der Stärke religiöser Bindungen unter Christen

Laut einer im Dezember 2017 veröffentlichten Studie des Allensbach-Instituts würden sowohl die absolute Zahl in Deutschland als auch der Anteil der Christen an der Bevölkerung stetig zurückgehen, während gleichzeitig die religiösen Bindungen unter den verbliebenen Christen schwächer würden.

Während nach dem Zweiten Weltkrieg noch mehr als 90 Prozent der Deutschen Christen gewesen seien, habe der Anteil der Christen an der Bevölkerung 2017 nur noch rund 55 Prozent betragen. Gleichzeitig sei der Anteil der Christen, die wenigstens „ab und zu“ einen Gottesdienst besuchen würden, seit den 1960er Jahren von rund 60 auf 32 Prozent gesunken. Auch unter Katholiken würden nur 34 Prozent noch glauben, dass die hl. Dreifaltigkeit existiere.

3. Verlust der christlichen Prägung von Kultur und Gesellschaft

Laut einer im Dezember 2017 veröffentlichten Studie des Allensbach-Instituts habe die gesellschaftliche Bedeutung des Christentums in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten stark abgenommen. Die Ökologiebewegung würde im Vergleich zum Christentum mittlerweile deutlich größere kulturelle Kraft entfalten, etwa in Form von Verhaltensgeboten, und würde teilweise an dessen Stelle treten:

Man kann in der Ökologiebewegung viele Elemente wiederfinden, die aus klassischen religiösen Zusammenhängen gut bekannt sind. Etwas zugespitzt könnte man sagen, dass die Bandbreite von Essvorschriften („Veggie Day“) über Endzeiterwartungen („Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch“), himmlische Strafen („Die Natur schlägt zurück“) und Drohungen gegen Abweichler („Klimaleugner“) reicht bis hin zum Ablasshandel (Abgaben für Flugreisende, um sich „CO2-neutral“ zu machen).

Christliche Sitten und Gebräuche würden hingegen schrittweise aufgegeben und aus der Kultur verschwinden.

Im Zuge des Rückgangs des Anteils der Christen an der Bevölkerung verschwinden zunehmend auch christliche kulturelle Bezüge aus dem öffentlichen Leben. Dies beschreibt exemplarisch ein Bericht über die Veränderung der Schülerschaft an der Neckarschule in Mannheim, die einen Migrantenanteil von 85 Prozent aufweist. Weihnachtsfeiern und Weihnachtsbäume wurden hier abgeschafft, weil sie nur noch eine „Minderheitenreligion“ repräsentieren würden.

4. Antworten auf die geistige Krise des Christentums

Papst Benedikt XVI. bzw. Joseph Ratzinger hatte die sich abzeichnende innere, geistige Krise des Christentums bereits im Jahre 1958 erkannt:

Dieses dem Namen nach christliche Europa ist seit rund vierhundert Jahren zur Geburtsstätte eines neuen Heidentums geworden, das im Herzen der Kirche selbst unaufhaltsam wächst und sie von innen her auszuhöhlen droht.

Die Kirche sei zunehmend bestimmt „von Heiden, die sich noch Christen nennen, aber in Wahrheit zu Heiden wurden“.

Im Jahre 1970 sagte Ratzinger das Scheitern dieser Verfallsform des Christentums voraus:

Eine Kirche, die in politischen „Gebeten“ den Kult der Aktion feiert, brauchen wir nicht. Sie ist ganz überflüssig. Und sie wird daher ganz von selbst untergehen. […] So scheint mir gewiss zu sein, dass für die Kirche sehr schwere Zeiten bevorstehen. Ihre eigentliche Krise hat noch kaum begonnen. Man muss mit erheblichen Erschütterungen rechnen.

Es werde nur das Christentum eine Zukunft haben, das „tiefe Wurzeln“ hat:

Die Zukunft der Kirche kann und wird auch heute nur aus der Kraft derer kommen, die tiefe Wurzeln haben und aus der reinen Fülle ihres Glaubens leben. […] Sie wird nicht von denen kommen, die nur dem jeweiligen Augenblick sich anpassen. […] Die Zukunft der Kirche wird auch dieses Mal, wie immer, von den Heiligen neu geprägt werden. Von Menschen also, die mehr wahrnehmen als die Phrasen, die gerade modern sind. Von Menschen, die deshalb mehr sehen können als andere, weil ihr Leben weitere Räume umfasst. […] Bleiben wird die Kirche Jesu Christi. […] Nicht die Kirche des politischen Kultes, die schon in Gobel gescheitert ist, sondern die Kirche des Glaubens.

Die Zukunft des Christentums liege in kleinen entschlossenen Gemeinschaften, die sich innerlich von den Verfallsformen des Christentums abgrenzen:

Aus der Krise von heute wird auch dieses Mal eine Kirche morgen hervorgehen, die viel verloren hat. Sie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen. Sie wird viele der Bauten nicht mehr füllen können, die in der Hochkonjunktur geschaffen wurden. Sie wird mit der Zahl der Anhänger viele ihrer Privilegien in der Gesellschaft verlieren. Sie wird sich sehr viel stärker gegenüber bisher als Freiwilligkeitsgemeinschaft darstellen, die nur durch Entscheidung zugänglich wird. Sie wird als kleine Gemeinschaft sehr viel stärker die Initiative ihrer einzelnen Glieder beanspruchen. […] Es wird eine verinnerlichte Kirche sein, die nicht auf ihr politisches Mandat pocht und mit der Linken so wenig flirtet wie mit der Rechten. Sie wird es mühsam haben. […] Der Prozess wird lang und mühsam sein, so wie ja der Weg von den falschen Progressismen am Vorabend der Französischen Revolution, bei denen es auch für Bischöfe als schick galt, über Dogmen zu spotten und vielleicht sogar durchblicken zu lassen, dass man auch die Existenz Gottes keineswegs für sicher halte, bis zur Erneuerung des 19. Jahrhunderts sehr weit war.

Nach dem Scheitern der säkularen utopischen Ideologien der Moderne würden diese Gemeinschaften gebraucht werden:

Aber nach der Prüfung dieser Trennungen wird aus einer verinnerlichten und vereinfachten Kirche eine große Kraft strömen. Denn die Menschen einer ganz und gar geplanten Welt werden unsagbar einsam sein. Sie werden, wenn ihnen Gott ganz entschwunden ist, ihre volle, schreckliche Armut erfahren. Und sie werden dann die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas ganz Neues entdecken. Als eine Hoffnung, die sie angeht, als eine Antwort, nach der sie im Verborgenen immer gefragt haben.

Solche Gemeinschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht ein bloßes konservatives Gegenstück zu säkular-progressiven Strömungen darstellten, sondern dadurch, dass es in ihnen in erster Linie um Frage des Glaubens und der Seele des Menschen ginge. Wie auch Benedikt XVI. sagte, ist dies die Vorausetzung dafür, dass im zweiten Schritt Gläubige richtig und angemessen in der Welt handeln und den Herausforderungen für die Menschen und das Christentum begegnen können.