Stand: 14.11.2018

Diese Seite beschreibt allgemeine Krisentendenzen in Europa und ihre möglichen Folgen.

1. Allgemeine Krisentendenzen in Europa

Der Historiker Walter Laqueur sprach davon, dass Europa ein „Bild des Niedergangs“ biete. Künftige Historiker müssten die Frage beantworten, warum die Entwicklungen, die dazu geführt hätten, ignoriert worden seien. Der Niedergang Europas sei wahrscheinlich irreversibel. Man müsse sich in der gegenwärtigen Lage vor allem die Frage danach stellen, was von seinen Traditionen und Werten noch gerettet werden könne.1

Vor allem die langfristigen Folgen von Massenzuwanderung, demographischer Entwicklung und Realitätsblindheit der Politik seien damit verbunden, dass es für Europa künftig “ums Überleben” gehen werde:

Die Lage in Europa könnte sich unter dem Eindruck massiver Einwanderungswellen ungefähr so entwickeln wie in Nordafrika oder im Nahen Osten. Dieses und vielleicht einige andere Szenarien zwischen den Extremen erscheinen gegenwärtig möglich. […]

Europa reproduziere sich nicht mehr selbst, warnten Experten in den späteren 1980er-Jahren. Doch solche Warnungen wurden von den Regierungen nicht ernst genommen; sie bezogen sich ja nur auf langfristige Trends, während die Regierungen in Europa, wie anderswo auch, nur für eine Amtszeit von wenigen Jahren gewählt werden. Auch die Öffentlichkeit nahm kaum Notiz von solchen Prognosen, obwohl keine Spezialkenntnisse in Statistik oder Demografie vonnöten waren, um zu erkennen, dass sich hier wichtige Veränderungen anbahnten. […]

Wie wird das neue Europa aussehen? Die allgemeine Richtung scheint klar zu sein, aber sie erfüllt mein Herz nicht gerade mit Freude.

Der ehemalige Verfassungsrichter Udo di Fabio warnte 2015 vor den Folgenden mangelnder „soziokultureller Nachhaltigkeit“ westlicher Gesellschaften und der Erosion ihrer geistigen Voraussetzungen.2

Die 2017 erschienene Studie „Global Trends – Paradox of Progress“ des amerikanischen „National Intelligence Council“ (NIC) prognostiziert Europa in den kommenden beiden Jahrzehnten eine Reihe krisenhafter Entwicklungen und spricht in diesem Zusammenhang von einer „dunklen und schwierigen Zukunft“.

Der „National Intelligence Council“ ist eine Einrichtung amerikanischer Nachrichtendienste zur Analyse strategischer Fragen. Sie erstellt regelmäßig Zukunftsstudien, die vor allem auf Beiträgen nichtbehördlicher Experten beruhen. Die aktuelle, in diesem Beitrag behandelte Studie ist auch auf Deutsch unter dem Titel „Die Welt im Jahr 2035- Gesehen von der CIA und dem National Intelligence Council“ erschienen.

Der Studie zufolge werde Europa in den Jahren bis 2035 wahrscheinlich von zunehmender Instabilität und einer Reihe konvergierender, sich gegenseitig verstärkender Krisentendenzen erfasst werden:

  • Europa würden wahrscheinlich weitere strategische Schocks bevorstehen, etwa in Form einer erneuten Eskalation der Euro- und Staatsschuldenkrise sowie im Zusammenhang mit anhaltend hoher oder zunehmender Migration.
  • Der Migrationsdruck auf Europa werde vor allem wegen zunehmender Instabilität an der Peripherie Europas bzw. im Mittleren Osten und Nordafrika sowie in Subsahara-Afrika weiter zunehmen. Von dieser Instabilität könnten auch bevölkerungsreiche Staaten wie Ägypten und Algerien betroffen sein, was sich in besonders hohem Migrationsdruck auswirken würde.
  • Aufgrund von voraussichtlich anhaltend schwacher Konjunktur und hohen Schuldenlasten würden Staaten oft nicht über die nötigen Ressourcen verfügen, um den wachsenden Herausforderungen zum Beispiel durch Transferleistungen zu begegnen. Dies würde Verteilungskonflikte fördern, vor allem zwischen Migranten und sozial schwachen europäischen Bevölkerungen.
  • Aufgrund des möglichen Scheiterns der EU und des Euros, zunehmenden wirtschaftlichen Drucks auf die Mittelschichten (unter anderem durch die schwache Konjunktur sowie durch Automatisierung), migrationsbedingten Herausforderungen und der oben erwähnten Verteilungskonflikte sei eine weitere politische Polarisierung bzw. Radikalisierung des politischen Lebens in Europa wahrscheinlich. Die bestehenden liberalen politischen Ordnungen und ihre Eliten könnten dabei weiter an Rückhalt in den jeweiligen Bevölkerungen verlieren.
  • Unter Muslimen würden islamistische Tendenzen voraussichtlich weiter zunehmen, was speziell in Europa durch ausbleibende Integrationserfolge verstärkt werden könnte. Daraus ergebe sich auch eine Zunahme der Bedrohung durch islamistischen Terrorismus. Dies wiederum würde die Tendenz zu ethnischer und politischer Polarisierung zusätzlich verstärken.

Die vorliegenden Informationen und bereits jetzt sichtbaren Tendenzen würden darauf hindeuten, dass Europa und anderen Teilen der Welt eine „dunkle und schwierige Zukunft“ bevorstehen könnte.

In den 2004 und 2012 erschienenen Vorgängerstudien entwarfen die Experten ebenfalls überwiegend negative Szenare, was die Zukunft Europas angeht:

  • Man beobachte die globale Tendenz, dass sich politische Akteure verstärkt entlang ethnischer oder religiöser Linien aufstellen, was durch zunehmende ethnische Vielfalt und Migration gefördert werde. Identitätsfragen würden in den kommenden Jahren voraussichtlich immer stärker das politische Geschehen prägen.
  • Im Rahmen von Identitätspolitik würden Gruppen verstärkt versuchen, Gesellschaften in ihrem Sinne umzugestalten, was Konflikte mit anderen Gruppen nach sich ziehe, die sich dadurch herausgefordert fühlten. Insbesondere ethnische oder religiöse Gruppen, die einen hohen Anteil junger Männer (“youth bulge”) aufweisen, würden ihre Identität dabei verstärkt auf aggressive Weise artikulieren.

Europa werde aufgrund der demographischen Entwicklung und der Zuwanderung jünger Männer aus Subsahra-Afrika und dem Mittleren Osten in besonderem Maße von kulturellen und ethnischen Polarisierungstendenzen betroffen sein. Integration und Assimilation von Muslimen blieben hier verstärkt aus, was zur Herausbildung islamisierter Räume sowie zu Konflikten führen werde:

Countries with growing numbers of Muslims will experience a rapid shift in ethnic composition, particularly around urban areas, potentially complicating efforts to facilitate assimilation and integration. …[T]he increasing concentration could lead to more tense and unstable situations, such as occurred with the 2005 Paris surburban riots.

Die Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation oder Rezessionen und ethnisch-religiöser Polarisierung werde wahrscheinlich innere Konflikte in den betroffenen Gesellschaften erzeugen.

In europäischen Sicherheitsbehörden gibt es ähnliche Erwartungen:

Der Historiker Bernard Lewis galt als einer der weltweit führenden Experten für die Geschichte des Nahen Ostens und des Islam. Bereits in den 1970er Jahren prognostizierte er das Erstarken des politischen Islam und einen daraus resultierenden „Clash of Civilizations“. 2007 sprach Lewis davon, dass in der Wahrnehmung radikaler Strömungen im Islam eine „dritte Angriffswelle auf die Christenheit und Europa begonnen“. Es werde für ein Europa, das nicht dazu bereit sei effektive Maßnahmen zum Schutz seiner Identität zu ergreifen, schwierig werden, „in dem Kampf zu bestehen, der sich gerade entwickelt“. Ein „islamisiertes Europa“ könne daher langfristig nicht ausgeschlossen werden: Falls „die aktuellen Trends der Immigration und Demographie bleiben, dann wird Europa islamisch werden“.

Der Soziologe und Genozidforscher Gunnar Heinsohn warnte 2017 vor möglichen Konflikten in Europa in Folge demographischer Entwicklungen und der seit 2015 anhaltenden Welle irregulärer Migration. Heinsohn schlug vor, „zehn Friedensnobelpreise auf einen Schlag an diejenigen zu vergeben, die einen unblutigen Ausgang jener Welle kennen und praktikabel machen können“.

  • An der Peripherie Europas seien weiterhin hohe Bevölkerungsüberschüsse zu beobachten. Vor allem im islamischen Kulturraum sei in den vergangenen Generationen „die größte Sohneswelle der Menschheitsgeschichte“ zu verzeichnen gewesen. Diese würde zunehmende Instabilität in den betroffenen Staaten und wachsenden Migrationsdruck auf Europa erzeugen, der sich in Migrationswellen äußere, wie sie seit 2015 verstärkt eingesetzt haben.
  • Bei den nach Europa ziehenden Migranten handele es sich überwiegend um junge Männer, die hier kaum eine Perspektive hätten und kulturell wenig kompatibel seien. Als Folge der hohen Zahl entsprechender Migranten sowie der anthropologisch begründeten Risikofreudigkeit und Konfliktbereitschaft junger Männer ergebe sich daraus das Potential für gewaltsam ausgetragene Konflikte großen Ausmaßes.
  • Solche Konflikte würden als “demographisch asymmetrische Konflikte” ausgetragen weden. Während nichteuropäische Akteure aufgrund der ihnen zur Verfügung stehenden großen Zahlen junger Männer hohe Verluste verkraften könnten ohne an Durchhaltefähigkeit zu verlieren, seien europäische Akteure dazu nicht in der Lage.
  • Gleichzeitig läge eine kulturelle Asymmetrie vor. Während etwa im Islam heroische Elemente weiterhin eine wichtige Rolle spielten, sei dies in europäischen Kulturen nicht mehr der Fall. Gleichzeitig würden kulturelle Entwicklungen in Europa verhindern, dass entsprechende Akteure ihre militärisch-technologische Überlegenheit zum Ausgleich demographischer Nachteile in Konflikten wirksam entfalten könnten.

Der Zukunftsforscher Horst W. Opaschowski prognostiziert aufgrund dieser Entwicklungen, dass im Europa des Jahres 2030 das Gefühl vorherrschen werde, in einer Dauerkrise zu leben.3

2. Szenare des gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenbruchs

Der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg warnte, dass Europa vor einem „drohenden Kulturabbruch durch die Einwanderung bildungsferner Populationen“ stehe, der ein „für Generationen irreversibler Vorgang“ sei.4 In Deutschland seien punktuell  Verelendungstendenzen zu erwarten. Die Gesellschaft werde sich spalten oder zerfallen.5

Der Soziologe und Genozidforscher Gunnar Heinsohn warnte angesichts der oben beschriebenen Entwicklungen vor  gravierenden Verwerfungen in Europa und sprach von einem drohenden „Finis Germaniae“.

Der Soziologe Wolfgang Streeck beschrieb Ende 2016 erschienenen Buch „How Will Capitalism End?“ Auflösungsprozesse in westlichen Gesellschaften, die ihre eigenen Grundlagen und damit am Ende auch sich selbst zerstören würden:

  • Das soziale Gefüge dieser Gesellschaften werde sich auflösen. Das Risiko von Kriegen werde ebenso zunehmen wie Korruption, Bereicherung auf Kosten des Gemeinwohls und wirtschaftliche und soziale Ungleichheit.
  • Gesellschaften würden zunehmend unregierbar werden und von Konflikten zwischen Oligarchen und Populisten geprägt sein.
  • Wenn die Selbstzerstörung der kulturellen und sozialen Grundlagen westlicher Gesellschaften ein bestimmtes Maß erreicht habe, werde eine Zeit der Verwerfungen mit Konflikten zwischen Superreichen sowie absteigenden Mittelschichten und verelendenden Unterschichten beginnen. Superreiche würden ihre Macht dazu nutzen, unter Aufhebung der Reste der Demokratie solange wie möglich ihren Wohlstand und ihre Macht zu sichern, während linke und rechte Populisten dies konflikthaft herausfordern würden. Ein alternatives Ordnungsmodell oder die Möglichkeit der inneren Erneuerung liberaler westlicher Gesellschaften, die diese Prozesse umkehren könnten, sieht Streeck derzeit nicht.

In den sich abzeichnenden Konflikten würden daher die Reste der alten Ordnung zerrieben werden, woraufhin eine Zeit des Chaos und der Gewalt anbrechen werde. In diesem Chaos würden dann neue Ordnungskräfte entstehen, wobei offen sei, wer diese sein und wie die darauf folgende Ordnung beschaffen sein könnte. Streeck geht davon aus, dass es sich wie in anderen chaotischen Situationen vermutlich um Warlords und ähnliche Akteure handeln werde.