Stand: 01.12.2018

Diese Seite enthält Beiträge zur Lage des Christentums in Europa sowie zu den strategischen Herausforderungen, denen es gegenübersteht. Der Inhalt der Seite wird laufend aktualisiert.

Dabei geht es darum, sowohl die Gesamtlage als auch themenspezifische Teillagen sowie die sie beeinflussenden Faktoren zu beschreiben und zu analysieren.

Grundlage ist ein Gedanke des Philosophen Panajotis Kondylis:

Eine zukunftsorientierte Lagebeschreibung, die an die Stelle des undankbaren Versuches einer Voraussage von Ereignissen treten will, muss jene Aspekte der relevanten geschichtlichen Faktoren herauskehren, denen sie ereignisbildende Kraft zutraut. Sie muss also die Besonderheit der Lage aufspüren und, wenn geschichtliche Kontinuitäten vorliegen, die Wandlungen der dabei vorkommenden Konstanten deutlich machen.

Das Christentum wird herausgefordert, seitdem es existiert, und es ist in seiner Geschichte aus zahlreichen Krisen immer wieder gestärkt hervorgegangen. Die Kirche ist die älteste lebendige Institution der Menschheitsgeschichte, und sie wird nach christlicher Überzeugung bis zum Ende der Zeit bestehen.

Die christliche Kultur Europas ist unabhängig davon jedoch wie alle Kulturen den allgemeinen Abläufen des Aufstiegs und des Niedergangs von Kulturen unterworfen. Durch eine Verbindung aus innerer Schwäche und äußeren Herausforderungen kann die christliche Kultur Europas so enden wie andere Kulturen vor ihr.

Das Christentum in Europa steht in Folge des Wirkens destruktiver Ideologien seit langem einem kulturellen Auflösungsprozess gegenüber, der mit immer gravierenderen Herausforderungen verbunden ist und sich gegenwärtig in einer Phase radikalen kulturellen Wandels äußert. Dieser Prozess kann mittelfristig dazu führen, dass das Christentum in Europa noch innerhalb des 21. Jahrhunderts den größten Herausforderungen seiner zweitausendjährigen Geschichte gegenüberstehen könnte.

Diese Herausforderungen betreffen sowohl das Christentum selbst als auch sein Umfeld sowie das kulturelle Erbe, welches das Christentum in Europa geschaffen hat, und von dessen Substanz die säkularen Gesellschaften Europas leben und die sie ohne den Beitrag des Christentums nicht erneuern können. Wenn sich diese Tendenz fortsetzt, dann würde Europa nicht nur bei der Bewältigung seiner zahlreichen Herausforderungen scheitern, sondern im Laufe dieses Jahrhunderts nach über 1500 Jahren seinen christlichen Charakter verlieren.

Damit könnte nicht nur das Christentum zu einer bedrängten Minderheit werden, sondern es würden auch die Kulturen erlöschen, die es begründet hat, und deren Kern es darstellt. Dies würde nicht nur das Werk von Jahrtausenden zerstören, sondern hätte auch gravierende Folgen für alle Menschen in den betroffenen Gesellschaften und das Christentum selbst.

1. Der Aufstieg und Fall von Kulturen

1.1 Religion als Grundlage von Kultur und Gesellschaft

Eine Religion ist der Kern jeder Hochkultur und die Quelle der geistigen Werte und des Menschenbildes, auf dem sie beruht. Auch die nicht unmittelbar religiösen Bereiche einer Kultur und einer Gesellschaft sind davon vollständig durchdrungen. Kulturen, die sich von der Religion abwenden aus der sie her­­vorgingen, lösen sich daher auf und zerfallen. (Weiterlesen: Religion als Grundlage von Kultur und Gesellschaft)

1.2 Antikultur als Treiber kultureller Auflösungsprozesse

Der Soziologe Philip Rieff bezeichnete den Komplex der Ideologien und geistigen Einflüsse, der die Zerstörung der auf dem Christentum beruhenden europäischen Kultur anstrebe, als „Antikultur“. Benedikt XVI. übernahm diesen Begriff und sprach von einer „Antikultur des Todes“, in deren Wirken er die Ursache der geistigen Krise Europas sah. Johannes Paul II. sprach analog dazu von einem Programm der „Anti-Evangelisierung“, das sich gegen die verbliebene christliche Substanz westlicher Gesellschaften richte. Es sei global angelegt, verfüge über enorme finanzielle Mittel und ähnele in seinem destruktiven Wirken dem der mit ihm weltanschaulich verwandten totalitären Ideologien. (Weiterlesen: Die Antikultur)

1.3 Kulturelle Auflösungsprozesse in Europa in Folge der Abwendung vom Christentum

Die schrittweise Trennung von seinen christlichen Wurzeln und den damit verbundenen Ordnungsvorstellungen und Kulturzielen fügt Europa Schaden zu. Es lebt von einer kulturellen Substanz, die in früheren Jahrhunderten geschaffen wurde, und die zunehmend verbraucht und immer weniger erneuert wird.

Dieser Auflösungsprozess vollzieht sich langsam aber stetig und mit zunehmender Geschwindigkeit. Er ist über kurze Zeiträume oft kaum wahrnehmbar, aber bei der Betrachtung längerer Zeiträume erschließen sich Umfang und Ausmaß seines destruktiven Wirkens. Er hat gegenwärtig einen Punkt erreicht, an dem die verbliebene kulturelle Substanz gefährlich schwach geworden ist. (Weiterlesen: Kulturelle Auflösungsprozesse in Europa in Folge der Abwendung vom Christentum)

2. Spezifische Herausforderungen

Spezifische Herausforderungen für das Christentum in Europa und das Umfeld, in dem es sich bewegt, bestehen auf den im Folgenden aufgeführten Feldern.

2.1 Kirche und Religion

Religiöse Bindungen werden unter Christen in Europa im Zuge der allgemeinen Tendenz zur Auflösung von Bindungen tendenziell schwächer. Gleichzeitig sind in Teilen der Kirche in Europa eine zunehmende Säkularisierung, das Eindringen utopischer Ideologien sowie staatskirchliche Tendenzen zu beobachten, wodurch die Kirche als kulturelles Korrektiv und Träger geistiger Erneuerung zunehmend an Kraft verliert. (Weiterlesen: Kirche und Religion)

2.2 Christenfeindlichkeit

Im Zuge der beschriebenen Entwicklung ist zunehmend Christenfeindlichkeit in Deutschland und Europa zu beobachten. Diese richtet sich insbesondere gegen die Teile der Kirche, die Lehre und Tradition besonders verbunden bleiben. Gleichzeitig greifen die Kräfte, die gegenwärtig die Vernichtung der Reste des Christentums in der Region anstreben, in der es entstand, auf Europa über. (Weiterlesen: Christenfeindlichkeit)

2.3 Kultur und Gesellschaft

In Deutschland und anderen westlichen Gesellschaften sind zahlreiche kulturelle gesellschaftliche Auflösungserscheinungen zu beobachten. (Weiterlesen: Kultur und Gesellschaft)

2.4 Politische Ordnung

Angesichts des Verlusts an kultureller Substanz und zunehmender sozialer sowie ethnisch-kultureller Polarisierung geht auch die Vorstellung eines Gemeinwohls schrittweise verloren. Die freiheitlichen, auf christlicher Naturrechts- und Soziallehre beruhenden politischen Ordnungen westlicher Gesellschaften erodieren daher, und an ihre Stelle treten zunehmend postdemokratische Tendenzen, utopische Leugnung der Natur des Menschen sowie zentrifugale Tendenzen und Identitätspolitik. (Weiterlesen: Politische Ordnung)

2.5 Wirtschaft und Soziales

Die Mittelschichten europäischer Gesellschaften, die in der Vergangenheit Stützen dieser Gesellschaften waren, erodieren im Zuge der Globalisierung zunehmend, und ihre Angehörigen sind immer stärker von sozialem Abstieg bedroht und Konkurrenz mit sich ausweitenden einheimischen und migrantischen Unterschichten ausgesetzt. Dies wird die ohnehin schon vorhandenen gesellschaftlichen Bruchlinien weiter vertiefen. Die Folgen dieser Polarisierung können derzeit noch durch die verbliebene wirtschaftliche Leistungsfähigkeit westlicher Gesellschaft kontrolliert werden. Fällt diese weg bzw. tritt eine größere Wirtschaftskrise ein, könnten Konflikte entlang kultureller und sozialer Bruchlinien eskalieren. (Weiterlesen: Wirtschaft und Soziales)

2.6 Demographie

Die allgemeine demographische Entwicklung sowie die Folgen der Zuwanderung vorwiegend nichtchristlicher
Migranten stellen existentielle Herausforderungen für die kulturelle Kontinuität Europas und die Zukunft des Chris-
tentums in Europa dar. (Weiterlesen: Demographische Herausforderungen für das Christentum in Europa)

2.7 Innere Sicherheit

Der Verlust an kultureller Substanz und gesellschaftlichem Zusammenhalt äußert sich auch in Herausforderungen im Bereich innere Sicherheit. Insbesondere die in Folge von Migration, demographischer Entwicklung und ausbleibenden Integrationserfolgen entstehenden gesellschaftlichen Bruchlinien und Konflikte sind zunehmend mit sicherheitsrelevanten Entwicklungen und Phänomenen verbunden. (Weiterlesen: Innere Sicherheit)

2.8 Äußere Sicherheit

Inhalt folgt.

2.9 Islambezogene Herausforderungen

Islamistische Strömungen in Europa erstarken zunehmend, was mit zunehmender Feindseligkeit gegenüber Europa und dem Christentum unter Muslimen verbunden ist. Der Islam bildet dabei zunehmend die Grundlage einer Gegenidentität, die sich über die Ablehnung europäischer Kultur definiert. Jüngere Muslime sind dabei häufig schlechter integriert als die Generation ihrer Eltern. Die meisten europäischen Staaten und Regierungen überschätzen dabei ihre Fähigkeit, diesen Tendenzen wirksam entgegenwirken zu können. (Weiterlesen: Islambezogene Herausforderungen)

2.10 Natur und Umwelt

Inhalt folgt.

3. Die bevorstehenden Verwerfungen

Im Zuge der Erosion der kulturellen Substanz in Europa werden die betroffenen Gesellschaften immer fragiler und anfälliger für krisenhafte Entwicklungen. Diese stoßen dabei zunehmend nicht mehr auf resiliente Kulturen, die ihnen wirksam begegnen könnten, sondern nur noch auf deren vorläufig noch von einer nicht mehr ausreichend erneuerten Substanz lebende Reste. Diese könnten den Herausforderungen und konvergierenden Krisentendenzen an einem Punkt in der Zukunft nicht länger standhalten.

Es ist dabei noch offen, ob sich krisenhafte Entwicklungen auch in Zukunft schrittweise über lange Zeiträume entfalten und in zunehmend ungünstiger werdenden Bedingungen oder neuen Phasen totalitärer Herrschaft äußern werden, oder sie in einer Serie von Katastrophen enden. In jedem Fall stehen nicht nur dem christlichen Europa schwierige Zeiten bevor.

3.1 Warnungen von Behörden und Wissenschaftlern

Weiterlesen: Allgemeine Krisentendenzen in Europa

3.2 Die Warnungen der Päpste

Die Kontinuität des durch das Christentum geformten und vollendeten dreitausendjährigen geistigen und kulturellen Europas kann dadurch existentiell gefährdet werden. Benedikt XVI. sagte 2012, dass wesentliche Teile der kulturellen Substanz der westlichen Welt mittlerweile „bis auf den Grund bedroht“ seien.

Papst Franziskus sprach im Oktober 2017 eine ähnliche Warnung aus, als er die gegenwärtige Lage in Europa mit der verglich, „als die antike Zivilisation unterging“. Europa habe bei der Weitergabe seines Erbes „dem Vermächtnis den Verrat vorgezogen“.

Sowohl der spätere Papst Benedikt XVI. als auch der spätere Papst Johannes Paul II. sagten bereits in den 1970er Jahren dem Christentum entsprechende Verwerfungen voraus. Im Jahre 1970 sagte Ratzinger:

So scheint mir gewiss zu sein, dass für die Kirche sehr schwere Zeiten bevorstehen. Ihre eigentliche Krise hat noch kaum begonnen. Man muss mit erheblichen Erschütterungen rechnen.

Der damalige Kardinal Karol Wojtyla ging 1976 noch weiter, wobei er sich bei seiner Prognose nicht nur auf die damals akute Herausforderung durch den Kommunismus, sondern auf allgemeine kulturelle Entwicklungen bezog.

We are now standing in the face of the greatest historical confrontation humanity has gone through. I do not think that wide circles of American society or wide circles of the Christian community realize this fully. We are now facing the final confrontation between the Church and the anti-Church, of the Gospel versus the anti-Gospel. We must be prepared to undergo great trials in the not-too-distant future; trials that will require us to be ready to give up even our lives, and a total gift of self to Christ and for Christ. Through your prayers and mine, it is possible to alleviate this tribulation, but it is no longer possible to avert it. … How many times has the renewal of the Church been brought about in blood! It will not be different this time.

Diese Verwerfungen würden zwar nicht das Christentum als solches bedrohen, aber seine Ausprägungen in westlichen Gesellschaften und viele der aus seinem Geist entstandenen kulturellen Werke, die in den vergangenen zwei Jahrtausenden geschaffen wurden. Darüber hinaus hätten diese Verwerfungen für alle Menschen in den betroffenen Gesellschaften gravierende Folgen.

Die damit verbundenen Herausforderungen liegen dabei trotz allem nicht außerhalb der Norm dessen, womit das Christentum in seiner Geschichte immer wieder konfrontiert worden ist. Auch in der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit war das Christentum bereits mit gravierenderen Herausforderungen konfrontiert, etwa im Herrschaftsbereich totalitärer Ideologien oder im Wirkungsbereich islamistischer Christenverfolgung.

3.3 Die Krise Europas wird durch materielle Faktoren vorläufig verdeckt

Für viele Menschen bleiben die beschriebenen Entwicklungen vorläufig noch unsichtbar, weil westliche Gesellschaften auf materieller Ebene noch funktionieren und die kulturelle Substanz, deren Quellen vielfach nicht erkannt werden, vorläufig noch hält.

Zudem werden mangels Einsicht in die geistigen Dimensionen des Geschehens materielle Faktoren wie etwa technologischer Fortschritt sowie in einigen Bereichen zunehmender Wohlstand verbreitet als Zeichen dafür gedeutet, dass diese Gesellschaften sich positiv entwickeln. Immer mehr Menschen fehlen dabei die Begriffe und die Mittel zur geistigen Erfassung der Auflösung des Zerfalls, der sie umgibt.

3.4 Die Krise Europas als Weltkrise

Die Krisen des Christentums in Europa und des postchristlichen Europas strahlen über ihre kulturellen Folgen zunehmend auf die ganze Welt aus. Große Teile der Menschheit leiden bereits jetzt vor allem unter der geistigen Krise Europas, in deren Verlauf sich vom europäisch-geprägten Kulturraum ausgehend utopische, materialistische Ideologien über die Welt verbreiten.

Kardinal Robert Sarah sprach etwa von einer „Vergiftung der Welt“ und der „gewaltsamen Durchsetzung einer falschen Moral und verlogener Werte“ durch den „einem unmenschlichen Ideal zugewandten Globalismus“ des Westens.  Die anhaltende Krise des Christentums in Europa wird voraussichtlich damit verbunden sein, dass die negativen Einflüsse Europas und der westlichen Welt auf die ganze Welt sich noch verstärken werden.

4. Die Krisenerwartung des Christentums

Die Erwartung kommender Verwerfungen ist ein integraler Bestandteil des Christentums und beruht auf Ankündigungen Jesu Christi selbst. Bis zum Ende der Zeit werde das „Heerlager der Heiligen“ bedroht und verfolgt werden, wobei die Herausforderungen im Verlauf der Zeit immer mehr zunehmen würden. Vor utopischen Hoffnungen auf die Schaffung einer besseren Welt und eines besseren Menschen durch politische Ideologien ist das Christentum daher weitgehend immun.

In seinem auf schwierige Lagen eingestellten Realismus verfällt das Christentum jedoch nicht in Pessimismus, der nach Oswald Spengler dadurch gekennzeichnet sei, dass er keine Aufgaben mehr sehe. Das Christentum hingegen versteht diese Lagen als Auftrag.

Jesus Christus sagte denen, die ihm nachfolgen, voraus, dass sie Krisen, Not und Verfolgung ausgesetzt sein würden:

Als Jesus den Tempel verlassen hatte, wandten sich seine Jünger an ihn und wiesen ihn auf die gewaltigen Bauten des Tempels hin. Er sagte zu ihnen: Seht ihr das alles? Amen, das sage ich euch: Kein Stein wird hier auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden. […] Ihr werdet von Kriegen hören und Nachrichten über Kriege werden euch beunruhigen. Gebt Acht, lasst euch nicht erschrecken! Das muss geschehen. […] Doch das alles ist erst der Anfang der Wehen. Dann wird man euch in große Not bringen und euch töten und ihr werdet von allen Völkern um meines Namens willen gehasst.1

Bereits in der Antike entstand im Christentum die Vorstellung von sechs Weltzeitaltern. Seit der Geburt Christi befände sich die Welt im sechsten und abschließenden Weltzeitalter. Joseph Kardinal Höffner zufolge gehe auch die  katholische Soziallehre der Gegenwart davon aus, dass die Menschheit in einem „gefallenen Äon“ lebe.2

Der katholische Schriftsteller J.R.R. Tolkien beschrieb die Geschichte der Menschheit und des Christentums als „langsames Erliegen“ oder als „lange Niederlage“, in der allerdings hin und wieder der Sieg durchscheine, der an ihrem Ende stehe. In seinem Werk „Der Herr der Ringe“ sagt Galadriel, die in der Beschreibung Tolkiens einige Züge Marias trägt, sie habe „die Weltzeitalter hindurch gegen das langsame Erliegen angekämpft“. Tolkien knüpfte dabei an christliche Weltanschauung an, die Geschichte so wie die Traditionen vieler anderer Kulturen als Abstiegsbewegung wahrnimmt. In den Mythologien verschiedener Kulturen, auch in der christlichen Mythologie, wird diese Entwicklung im Zusammenhang mit einem kosmischen Kampf beschrieben, der meist in einer Katastrophe sowie mit einer darauf folgenden tiefgreifenden Erneuerung zum Guten verbunden ist.

Josef Pieper sah die Quelle des Realismus des christlichen Denkens darin, dass es auf ein „innerzeitlich katastrophistisches Ende der Geschichte gefasst“ sei. In diesem Punkt sei es wesentlich realistischer als der naive Fortschrittsglaube der Moderne, „den das Auftreten eines ganze Völker terrorisierenden Gewaltverbrechers (‚mitten im zwanzigsten Jahrhundert!‘) unvermeidlich in einen Abgrund von Fassungslosigkeit stürzen musste.“

Christen hätten zudem ein „wacheres Witterungsvermögen“ für krisenhafte Verlaufsmöglichkeiten des Geschehens sowie für den „endzeitlichen Geruch“ bestimmter geschichtlicher Erscheinungen. Christlicher Realismus erkenne darin „eine geheime Signatur, die der bloß positivistischen Bestandsaufnahme mit Notwendigkeit entgeht.“

Abendländisches Denken sei von der Vorstellung einer „Endkatastrophe“ durchzogen, die „geschichtlichen Charakter“ haben, werde, d.h. aus „dem freien Tun der Menschen hervorgehen“ nicht von außen kommen werde:

[D]ie Vorstellung vom Ende der Menschengeschichte, wie es im abendländischen Geschichtsdenken […] gedacht worden ist […] besagt, mit einem Wort, daß die Geschichte mit einer Katastrophe zu Ende gehen werde, und zwar mit einer geschichtlichen, das heißt mit einer im geschichtlichen Prozeß selbst hervorgebrachten Katastrophe. Die Geschichte der Menschheit wird nicht einfach auf Grund eines äußeren Faktums „aufhören“ […]. Nein, das Lied wird zu Ende gesungen werden, aber dieses Ende wird, innergeschichtlich betrachtet, ein Mißklang sein.“ 3

Nach christlicher Vorstellung werde dieser Endzustand mit der „Herrschaft des Antichrist“ verbunden sein. Dieser sei gemäß dem hl. Thomas von Aquin als weltlicher Machthaber und „eine eminent geschichtliche und politische Figur zu denken“. Es werde außerdem gemäß der Vorstellung abendländischen Geschichtsdenkens einen „Kampf gegen Christus über die ganze Welt hin“ geben, der durch den „Weltstaat des Antichrist“ getragen werden wird.

Laut Romano Guardini würde das apokalyptische Geschehen bereits in die Welt hineindringen wie die „vorlaufenden Spitzen der letzten Sturmflut“. Es handele sich dabei um „die Anzeichen jener von Gott kommenden Katastrophe, in der alles zum Ausbruch kommen soll, was im Menschen böse, falsch und verdorben ist“.

Robert Spaemann wies darauf hin, dass die Zukunftsvisionen Christi überwiegend Katastrophenvisionen seien, die einen großen Abfall vom Glauben und nicht eine große Bekehrung ankündigen würden. Andererseits gebe es für Christen die Gewisseheit, dass der entscheidende Sieg in der kosmischen Auseinandersetzung bereits errungen worden sei, und dass seit Golgotha alle Siege er widergöttlichen Mächte Pyrrhussiege gewesen seien und sein würden.

Worauf sich Christen einzustellen haben, erfuhr nach katholischer Überzeugung auch eine Gruppe von Hirtenkindern bei Marienerscheinungen nahe des portugiesischen Ortes Fátima im Jahre 1917. Benedikt XVI. erklärte 2010, dass in ihren Erfahrungen „Realitäten der Zukunft der Kirche aufgezeigt“ worden seien, „die sich nach und nach entfalten und zeigen“ würden. In den Erscheinungen wurden Christenverfolgung durch totalitäre Ideologien, die Vernichtung ganzer Nationen sowie Kriege bislang ungekannten Ausmaßes gekündigt.

5. Die Krise Europas als Ruf zum Dienst

Romano Guardini wies darauf hin, dass die Krise des Christentums in Europa unabhängig vom Grad ihrer Intensität als etwas Vorübergehendes betrachtet werden solle:

Christus ist Gottes Sohn, und Ihm gehören die Zeiten. Der Christ aber hat gelernt, in Jahrhunderten zu denken.

Die erwähnten Herausforderungen stellen in erster Linie einen Auftrag für das Christentum in Europa dar, das sich unter dem Druck der Herausforderung erneuern muss, um diese im Dienst an den Menschen und Gemeinwesen des Kontinents bewältigen zu können. Dabei kann es zusammen mit ihnen zu neuer Kraft, Würde und Größe finden, wenn es ihnen gelingt, sich von destruktiven, utopischen Ideologien und ihren Werken zu befreien.

Der amerikanische Kardinal Francis George erwartete in diesem Zusammenhang, dass die kommenden Generationen von Christen in westlichen Gesellschaften immer stärkerem Druck ausgesetzt sein würden und er Nachfolger haben werde, die vielleicht als Märtyrer sterben könnten. Eine spätere Generation von Christen werde dann den Auftrag haben, die Trümmer zerstörter Gesellschaften aufzulesen und in ihnen die christliche Kultur wieder aufzubauen, wie die Kirche es in der Geschichte der Menschheit schon oft getan habe.

Was nach der Zeit der Verwerfungen kommt, ist derzeit noch nicht absehbar, weil das menschliche Denken nur das erfassen kann, was in der Vergangenheit liegt. Auf das Ende des Römischen Reiches folgte aber nicht dessen Wiederherstellung, sondern die Schaffung des Abendlandes. Auf dessen Ende wird vermutlich nicht seine Wiederherstellung folgen, sondern die Schaffung von etwas Neuem, das an die besten Traditionen des Vergangenen anknüpft.

5.1 Die erneuernde Kraft von Krisen

Die bevorstehenden Verwerfungen können in diesem Zusammenhang dazu beitragen, den destruktiven Charakter dieser Ideologien offenzulegen und bloßzustellen, so wie die Sünde durch das Elend, das sie nach sich zieht, ihr eigenes Gegenmittel in sich trägt.

In Krisenzeiten gewinnt das Alte, Tiefe, Absolute und Bewährte an Ansehen. Krisenzeiten sind daher auch Zeiten der Rückkehr zu den Wurzeln und zum intakt gebliebenen.

Dem Historiker Christopher Dawson zufolge sei eine Abfolge von Krise und Erneuerung kennzeichnend für die abendländische Geschichte. Das Christentum sei aus jeder dieser Krisen gestärkt hervorgegangen, weil die Krisen vorwiegend die schwachen Elemente in der Kirche zerstört hätten, während das, was stark in ihr war, überlebt habe.

Über die Zeit der heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Wikingerinvasionen, die das Christentum in Europa im 9. Jahrhundert an den Rand der Vernichtung gebracht hatten, schrieb Dawson:

Der Krieg unterwarf die im Aufbau begriffene Ordnung des abendländischen Christentums einer furchtbaren Probe. Alles Schwache und Überflüssige wurde ausgemerzt, und nur die härtesten und widerstandsfähigsten Elemente, die sich als gegen Unsicherheit und Gewalt gewappnet erwiesen hatten, blieben übrig.

Der Theologe Romano Guardini, der in seinem Werk „Das Ende der Neuzeit“ auf diese Verwerfungen einging, sprach dementsprechend davon, dass diese eine „furchtbare, aber heilende Klarheit“ schaffen würden, wenn die „radikale Unchristlichkeit“ moderner Ideologien ihre Wirkung ganz entfalte:

  • Erst wenn die Folgen des Wirkens entsprechender Ideologien nicht mehr durch noch verbliebene christliche kulturelle Substanz abgemildert würden, werde das Wesen dieser Ideologien vollständig sichtbar und damit für alle Menschen erkennbar werden.
  • Je konsequenter die Gegner des Christentums ihre Visionen in die Tat umsetzten, desto deutlicher werde der Wert des Christlichen hervortreten.
  • Das 20. Jahrhundert habe eine erste Ahnung von dem gegeben, was noch bevorstehe. In Zukunft würden „säkularisierte Christlichkeiten“ verschwinden und „die Luft wird klarer werden“. Es stehe eine Zeit „voll Feindschaft und Gefahr, aber sauber und offen“ bevor.
  • Innerhalb des Christentums würden die bevorstehenden Verwerfungen Klarheit erzwingen, „denn von schwachen Postionen aus ist kein Kampf zu führen“. Das Christentum der Zukunft werde eine „ganz unliberale Haltung“ aufweisen, die „mit Unbedingtheit auf das Unbedingte gerichtet“ sein werde. Dieses Christentum werde angesichts der es umgebenen Bedingungen vom Gedanken der „absoluten Entscheidung und ihrer Konsequenzen“ geprägt sein.4

Dann wird sich gemäß einer Ahnung des Philosophen Martin Heideggers zeigen, „ob und wie der Gott und die Götter sich versagen und die Nacht bleibt, ob und wie der Tag des Heiligen dämmert, ob und wie im Aufgang des Heiligen ein Erscheinen des Gottes und der Götter neu beginnen kann.“

Der damit einhergehende Lernprozess wird unter Umständen jedoch schmerzhaft verlaufen. Europa könnte vor einer möglichen Erneuerung einen hohen Preis für seine Fehler zu zahlen haben, so wie auch der Prozess der Erneuerung selbst mit Opfern und Härten verbunden sein könnte.

Bischof Fulton J. Sheen erklärte, dass Krisen eine mahnende Funktion hätten. Ohne sie würde das Böse eskalieren. In der Katastrophe würden die Folgen der Abwendung von Gott und die Tatsache sichtbar, dass das Böse sich selbst zunichte mache. Krisen und Katastrophen ermöglichten eine Korrektur von Fehlern und würden zudem die Kirche erneuern, so wie ein Sturm, der über einen Wald ziehe und nur die starken Bäume übrig lasse. Die Kirche verliere in Krisen an Quantität, gewinne aber an Qualität.5

Das Buch Ezechiel beschreibt Krisen als Hilfe Gottes mit den Mitteln der Strafe. Gott lasse dadurch sein Volk, „das Augen hat um zu sehen, und doch nicht sieht, das Ohren hat um zu hören und doch nicht hört“ und „den Eid mißachtet und den Bund gebrochen“ hatte, die Dinge richtig erkennen. Die Botschaft solcher Krisen laute:

Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt.6

Der Philosoph Juan Donoso Cortés schrieb dazu:

Was die Welt weder gesehen hat noch sehen wird, ist, dass der Mensch, der die Ordnung durch das Tor der Sünde flieht, auf einem anderen Wege zur Ordnung zurückkehrt als durch das Tor der Strafe. Die Strafe ist Gottes Botin und sie erreicht alle mit Seinen Botschaften.

Die Herausforderungen, denen das Christentum in Europa gegenübersteht, werden nicht zuletzt auch reinigende Kraft in einer Kirche entfalten, die in Westeuropa dem korrumpierenden Wirken der Anpassung an säkulare Ideologien und der Nähe zur politischen Macht ausgesetzt ist. Romano Guardini kritisierte, dass das Christentum sich zu sehr in der Welt eingerichtet habe, und dass die bevorstehenden Verwerfungen es davon reinigen müssten:

So fehlt dem heutigen christlichen Dasein die Spannung, welche die ersten Jahrhunderte erfüllte: die Strenge der Unterscheidung, die Leidenschaft des Einsatzes, das Drängende in er Luft und im Gefühl – ebenso wie jene Helligkeit des Bewusstseins, und jener Ernst, die aus der Tatsache kamen, dass die meisten Christen sich in schon reifem Alter dem Glauben zugewendet hatten. Dennoch ist der Glaube an die Wiederkunft des Herrn da, und jeder Glaube hat den Charakter des Keimes. er kann schlummern und wieder aufleben. Vielleicht muss das christliche Dasein an Selbstverständlichkeit verlieren. Das Fragwürdige am Begriff der „christlichen Kultur“ muss wieder klar werden. Der Riss zwischen Offenbarung und Welt muss wieder aufbrechen. Vielleicht sind wieder Zeiten der Verfemung und Verfolgung des Christlichen nötig, damit das Bewusstsein von dem besonderen Charakter seiner Existenz erwache.

Martin Mosebach wies darauf hin, dass es in der Kirche stets auch dekadente Tendenzen gegeben habe. Diese seien in der Vergangenheit durch Reformen unter Kontrolle gebracht worden, die eine „Rückkehr zu einer strengeren Ordnung“ sowie „Rückehr zu religiöser Radikalität“ und „Wiederherstellung verlorengegangener geistlicher Disziplin“ zum Inhalt gehabt hätten.7

Das Christentum kann dem Leben von Menschen eine Form geben, in die sie zunächst hineinwachsen können, um schließlich mit der Hilfe Gottes über sich selbst hinauszuwachsen. Es wird eine Zeit kommen, in der viele Menschen Alternativen zu einem Leben ohne Bindungen, dessen Sinnvorstellung sich auf materielle Dinge beschränkt, suchen und annehmen werden, und im Christentum den Weg zur Befreiung aus dem Gefängnis des Materialismus und des Egoismus der Spätmoderne sehen werden. Diese Menschen werden sich nach dem Wahren, Schönen und Guten sowie nach dem Erhabenen und Absoluten sehnen und es im Christentum finden können.

Es werde laut Joseph Ratzinger nur das Christentum eine Zukunft haben, das „tiefe Wurzeln“ hat:

Die Zukunft der Kirche kann und wird auch heute nur aus der Kraft derer kommen, die tiefe Wurzeln haben und aus der reinen Fülle ihres Glaubens leben. […] Sie wird nicht von denen kommen, die nur dem jeweiligen Augenblick sich anpassen. […] Die Zukunft der Kirche wird auch dieses Mal, wie immer, von den Heiligen neu geprägt werden. Von Menschen also, die mehr wahrnehmen als die Phrasen, die gerade modern sind. Von Menschen, die deshalb mehr sehen können als andere, weil ihr Leben weitere Räume umfasst. […] Bleiben wird die Kirche Jesu Christi. […] Nicht die Kirche des politischen Kultes […] sondern die Kirche des Glaubens.

Das Christentum kann auf diese Weise erneut kulturstiftend wirken, ob in Europa oder an einem anderen Ort.

5.2 Die dienende Kirche der Zukunft

Das Christentum und seine guten Werke lassen sich nur durch den Dienst von Christen und auf der Grundlage des Glaubens als heroischer Gegenposition zu einer in Auflösung befindlichen Welt aufrechterhalten. Die Kirche ist die Trägerin dieses Geistes, die Hüterin dieser Tradition und die einzige Institution, die der Auflösung und dem Chaos standhalten kann, denn „die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ (Mt 16,18)

  • Wie die Juden zur Zeit des babylonischen Exils werden die bevorstehenden Herausforderungen die Christen Europas dazu zwingen, an die Teile ihres Erbes anzuknüpfen, die sich in schwierigen Zeiten bereits bewährt haben. Gleichzeitig werden sie sich ihren eigenen Fehlern und Illusionen stellen und diese korrigieren und ablegen müssen, weil auf ihrer Grundlage die anstehenden Prüfungen nicht bestanden werden können.
  • Die Teile des Christentums, denen dies gelingt, und die „in der Welt“, aber nicht „von der Welt“ sind (vgl. Joh 15-16), werden ihren Dienst an Europa fortsetzen können. Sie sind gemäß der Worte des hl. Johannes Paul II. dazu aufgerufen, in der gegenwärtigen Lage „Zeichen des Widerspruchs und der Hoffnung für eine Gesellschaft zu sein, die an einer einseitig horizontalen Sichtweise krankt und es nötig hat, sich dem Transzendenten zu öffnen.“
  • Entsprechende Erneuerungsbewegungen traten in den vergangenen Jahrhunderten immer dann hervor, wenn das Christentum in Europa vor vergleichbaren existentiellen Herausforderungen stand. Dem Historiker Christopher Dawson zufolge bestehe die Geschichte des Christentums aus einer Abfolge von Krisen und Erneuerungsbewegungen, die innerlich von den Verfallserscheinungen ihrer Zeit unabhängig blieben und deshalb die Kraft hatten, „neue Organe geistiger Wiedergeburt auszubilden“.

Seit der Krise und dem Untergang des Römischen Reiches hat das Christentum solche Herausforderungen nicht nur immer wieder überwunden, sondern ist aus ihnen gestärkt hervorgegangen. Auf der spanischen Halbinsel und in Teilen Südosteuropas überdauerte das Christentum Jahrhunderte der islamischen Herrschaft und es überdauerte und überwand auch die Herrschaft totalitärer Ideologien in Europa. So gibt es auch angesichts der sich gegenwärtig ankündigenden Verwerfungen Grund zur Annahme, dass das Christentum ihnen auch dieses Mal wirksam begegnen und die geistigen Abwehrkräfte mobilisieren können wird, die ihre Bewältigung erfordert.

Das Christentum stellt den Menschen Europas dabei nicht nur die geistigen Mittel zur Überwindung der Krise des Kontinents zur Verfügung, sondern wirkt auch extremen Tendenzen entgegen, die bei einigen säkularen Antworten auf diese Krise vorhanden sind.

Die Rolle kleiner christlicher Gemeinschaften

Die Aufgabe der Erneuerung Europas wird sich voraussichtlich zunächst auf kleine christliche Gemeinschaften stützen, die den Ernst der Lage erfassen, ihr mit einer der Größe der Herausforderung angemessenen Haltung begegnen, sich unter den zu erwartenden Bedingungen behaupten können und für den „Kairos“, den günstigen Augenblick zu wirken, bereithalten.

Solche Akteure werden in einem zunehmend von Krisen, Verfall und Auflösung gekennzeichneten Umfeld Inseln einer Ordnung schaffen, welche die Verbindung zu den geistigen Wurzeln Europas nicht verloren hat, und denen sich immer mehr Menschen anschließen werden, die sich unter dem Eindruck der Ereignisse von den scheiternden Utopien abwenden. Sie werden in diesem Umfeld als das von Papst Franziskus beschriebene „Feldlazarett“ wirken, das den Menschen dort diene, „wo die Kämpfe stattfinden“.

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) beschrieb dies in einem Text aus dem Jahre 1970. Die Zukunft des Christentums liege in kleinen entschlossenen Gemeinschaften, die sich innerlich von den Verfallsformen des Christentums abgrenzen:

Aus der Krise von heute wird auch dieses Mal eine Kirche morgen hervorgehen, die viel verloren hat. Sie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen. Sie wird viele der Bauten nicht mehr füllen können, die in der Hochkonjunktur geschaffen wurden. Sie wird mit der Zahl der Anhänger viele ihrer Privilegien in der Gesellschaft verlieren. Sie wird sich sehr viel stärker gegenüber bisher als Freiwilligkeitsgemeinschaft darstellen, die nur durch Entscheidung zugänglich wird. Sie wird als kleine Gemeinschaft sehr viel stärker die Initiative ihrer einzelnen Glieder beanspruchen. […] Es wird eine verinnerlichte Kirche sein, die nicht auf ihr politisches Mandat pocht und mit der Linken so wenig flirtet wie mit der Rechten. Sie wird es mühsam haben. […] Der Prozess wird lang und mühsam sein, so wie ja der Weg von den falschen Progressismen am Vorabend der Französischen Revolution, bei denen es auch für Bischöfe als schick galt, über Dogmen zu spotten und vielleicht sogar durchblicken zu lassen, dass man auch die Existenz Gottes keineswegs für sicher halte, bis zur Erneuerung des 19. Jahrhunderts sehr weit war.

Nach dem Scheitern der säkularen utopischen Ideologien der Moderne würden diese Gemeinschaften gebraucht werden:

Aber nach der Prüfung dieser Trennungen wird aus einer verinnerlichten und vereinfachten Kirche eine große Kraft strömen. Denn die Menschen einer ganz und gar geplanten Welt werden unsagbar einsam sein. Sie werden, wenn ihnen Gott ganz entschwunden ist, ihre volle, schreckliche Armut erfahren. Und sie werden dann die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas ganz Neues entdecken. Als eine Hoffnung, die sie angeht, als eine Antwort, nach der sie im Verborgenen immer gefragt haben.

1996 wiederholte Ratzinger diese Annahme:

Vielleicht müssen wir von den volkskirchlichen Ideen Abschied nehmen. Möglicherweise steht uns eine anders geartete, neue Epoche der Kirchengeschichte bevor, in der das Christentum eher wieder im Senfkorn-Zeichen stehen wird, in scheinbar bedeutungslosen, geringen Gruppen, die aber doch intensiv gegen das Böse anleben und das Gute in die Welt hereintragen: die Gott hereinlassen. Ich sehe, daß hier wieder ganz viel Bewegung dieser Art da ist.8

Solche Gemeinschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht ein bloßes politisch konservatives Gegenstück zu säkular-progressiven Strömungen darstellten, sondern dadurch, dass es in ihnen in erster Linie um Frage des Glaubens und der Seele des Menschen ginge. Wie auch Benedikt XVI. sagte, ist dies die Vorausetzung dafür, dass im zweiten Schritt Gläubige richtig und angemessen in der Welt handeln und den Herausforderungen für die Menschen und das Christentum begegnen können.

5.3 Die letzte Prüfung der Kirche

Die Kirche wird danach weiteren Prüfungen gegenüberstehen, bis sie schließlich einer letzten Prüfung gegenüberstehen wird, die der Katechismus der Katholischen Kirche so beschreibt:

Vor dem Kommen Christi muß die Kirche eine letzte Prüfung durchmachen, die den Glauben vieler erschüttern wird […]. Die Verfolgung, die ihre Pilgerschaft auf Erden begleitet, wird das „Mysterium der Bosheit“ enthüllen: Ein religiöser Lügenwahn bringt den Menschen um den Preis ihres Abfalls von der Wahrheit eine Scheinlösung ihrer Probleme. […] Die Kirche wird nur durch dieses letzte Pascha hindurch, worin sie dem Herrn in seinem Tod und seiner Auferstehung folgen wird […], in die Herrlichkeit des Reiches eingehen. Das Reich wird also nicht in stetigem Fortschritt durch einen geschichtlichen Triumph der Kirche zustande kommen […], sondern durch den Sieg Gottes im Endkampf mit dem Bösen.

Der Wiederkehr Jesu Christi wird das Erscheinen des Antichristen vorangehen, in dem sich der ganze Haß der christusfeindlichen Welt vereinen und verkörpern wird. Damit wird ein radikaler Abfall der Menschheit vom christlichen Glauben verbunden sein.9 Wenn Jesus Christus wiederkommt, wird er fast keinen Glauben mehr antreffen.10. Auch zu dieser Zeit wird es jedoch eine kämpfende Kirche und ein „Heerlager der Heiligen“11 geben, das bis zuletzt an Jesus Christus festhalten wird.