Stand: 08.12.2017

Diese Portalseite enthält Beiträge zur Lage des Christentums in Europa sowie zu den strategischen Herausforderungen, denen es gegenübersteht. Der Inhalt der Seite, von der sich Teile noch im Entwurfsstadium befinden, wird laufend aktualisiert.

1. Allgemeine Herausforderungen für das Christentum in Europa

Das Christentum wird herausgefordert, seitdem es existiert, und es ist in seiner Geschichte aus zahlreichen Krisen immer wieder gestärkt hervorgegangen. Die Kirche ist die älteste lebendige Institution der Menschheitsgeschichte, und sie wird nach christlicher Überzeugung bis zum Ende der Zeit bestehen.

Das Christentum in Europa steht jedoch in Folge des Wirkens destruktiver Ideologien seit langem einem kulturellen Auflösungsprozess gegenüber, der mit immer gravierenderen Herausforderungen verbunden ist und sich gegenwärtig in einer Phase radikalen kulturellen Wandels äußert.

Diese Herausforderungen betreffen sowohl das Christentum selbst als auch sein Umfeld sowie das kulturelle Erbe, welches das Christentum in Europa geschaffen hat, und von dessen Substanz die säkularen Gesellschaften Europas leben.

1.1 Kulturelle Auflösungsprozesse in Europa in Folge der Abwendung vom Christentum

Eine Religion ist der Kern jeder Hochkultur, weshalb Kulturen, die sich von der Religion abwenden aus der sie her­­vorgingen, auflösen und zerfallen. Die schrittweise Abwendung von seinen christlichen Wurzeln und den damit verbundenen Ordnungsvorstellungen und Kulturzielen fügt Europa ent­sprechend schweren Schaden zu. Es lebt von einer kulturellen Substanz, die in früheren Jahrhunderten geschaffen wurde, und die zunehmend verbraucht und immer weniger erneuert wird.

Dieser Auflösungsprozess vollzieht sich langsam aber stetig in aufeinander folgenden Wellen. Er ist über kurze Zeiträume oft kaum wahrnehmbar, aber bei der Betrachtung längerer Zeiträume erschließen sich Umfang und Ausmaß seines destruktiven Wirkens.

Dieser Prozess beschleunigt sich zunehmend, gewinnt an Schwung und hat gegenwärtig einen Punkt erreicht, an dem die verbliebene kulturelle Substanz gefährlich schwach geworden ist.

  • Der damalige Kardinal Joseph Ratzinger und spätere Papst Benedikt XVI. beobachtete 2004, dass die tragenden seelischen Kräfte Europas weitgehend abgestorben seien und der Kontinent von innen her geistig leer geworden sei. Dies habe auch materielle Auswirkungen, und das Europa, das „seine religiösen und sittlichen Grundlagen verneint“, befände sich auch demographisch in Auflösung. Er verglich das Europa der Gegenwart mit dem untergehenden Römischen Reich in seiner Spätphase.
  • Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer sprach vor seiner Ermordung durch die Nationalsozialisten von einer gegenwärtigen Zeit der „Auflösung alles Bestehenden“, in der das Abendland selbst christusfeindlich geworden sei und die Kirche zusammen mit dem „Rest an Ordnungsmacht, der sich noch wirksam dem Verfall widersetzt“, als Hüter des christlichen Erbes wirken müsse.

Der beschriebene Abwendungs- und Auflösungsprozess führte im Verlauf des 20. Jahrhunderts bereits zu einer Reihe größerer Verwerfungen, etwa in Form von politischen und kulturellen Revolutionen und der Herrschaft politischer Utopien und totalitärer Ideologien über weite Teile Europas. Er erzeugte zudem sekundäre Herausforderungen, etwa solche, die in Folge der wachsenden Präsenz radikaler und kaum integrierbarer Strömungen des Islams in Europa entstehen.

Destruktive utopische Ideologien treten dabei in wechselnden Formen auf, deren Wirkung jedoch ähnlich ist. Sie schaffen dabei nicht die von ihnen versprochene bessere Welt, sondern zerstören zunehmend das, was die Menschen früherer Generationen über Jahrhunderte hinweg geschaffen haben.

2. Spezifische Herausforderungen

Michelangelo – Die delphische Sibylle (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Spezifische Herausforderungen für das Christentum in Europa bestehen auf den im folgenden aufgeführten Feldern.

  • Allgemeine Krisentendenzen
  • Kultur und Gesellschaft
  • Politische Ordnung: Angesichts des Verlusts an kultureller Substanz und zunehmender sozialer sowie ethnisch-kultureller Polarisierung geht auch die Vorstellung eines Gemeinwohls schrittweise verloren. Die freiheitlichen, auf christlicher Naturrechts- und Soziallehre beruhenden politischen Ordnungen westlicher Gesellschaften erodieren daher, und an ihre Stelle treten zunehmend postdemokratische Tendenzen, utopische Leugnung der Natur des Menschen sowie zentrifugale Tendenzen und Identitätspolitik. Die Ansprache existentieller Herausforderungen und die Suche nach strategischen Ansätzen zu ihrer Überwindung verschwinden dabei zunehmend aus politischen Debatten. Als Folge dieser Entwicklung erstarken populistische Bewegungen, die im Gegensatz zu den meisten Regierungen zwar einige der existentiellen Herausforderungen ansprechen. Sie streben dabei meist jedoch nur den Erhalt materieller Faktoren wie Wohlstand und Sicherheit an. Außerdem verfügen allgemein nicht über die zur Bewältigung der Herausforderungen erforderlichen Konzepte kultureller Erneuerung oder ein Verständnis der geistigen Ursachen der Krise Europas und treiben entsprechende Auflösungserscheinungen häufig weiter voran, wenn auch unter anderen ideologischen Vorzeichen als ihre politischen Gegner.
  • Wirtschaft und Soziales: Die Mittelschichten europäischer Gesellschaften, die in der Vergangenheit Stützen dieser Gesellschaften waren, erodieren im Zuge der Globalisierung zunehmend, und ihre Angehörigen sind immer stärker von sozialem Abstieg bedroht und Konkurrenz mit sich ausweitenden einheimischen und migrantischen Unterschichten ausgesetzt. Dies wird die ohnehin schon vorhandenen gesellschaftlichen Bruchlinien weiter vertiefen. Die Folgen dieser Polarisierung können derzeit noch durch die verbliebene wirtschaftliche Leistungsfähigkeit westlicher Gesellschaft kontrolliert werden. Fällt diese weg bzw. tritt eine größere Wirtschaftskrise ein, könnten Konflikte entlang kultureller und sozialer Bruchlinien eskalieren.
  • Demographie: Noch im Verlauf des 21. Jahrhunderts wird die demographische Entwicklung in weiten Teilen Westeuropas voraussichtlich dazu beitragen, dass Christen hier zu Minderheiten werden und das Christentum nur noch in Enklaven und Isolaten weiterbesteht.
  • Islambezogene Herausforderungen: Islamistische Strömungen in Europa erstarken zunehmend, was mit zunehmender Feindseligkeit gegenüber Europa und dem Christentum unter Muslimen verbunden ist. Der Islam bildet dabei zunehmend die Grundlage einer Gegenidentität, die sich über die Ablehnung europäischer Kultur definiert. Jüngere Muslime sind dabei häufig schlechter integriert als die Generation ihrer Eltern. Die meisten europäischen Staaten und Regierungen überschätzen dabei ihre Fähigkeit, diesen Tendenzen wirksam entgegenwirken zu können.
  • Innere Sicherheit: Der Verlust an kultureller Substanz und gesellschaftlichem Zusammenhalt äußert sich auch in Herausforderungen im Bereich innere Sicherheit. Insbesondere die in Folge von Migration, demographischer Entwicklung und ausbleibenden Integrationserfolgen entstehenden gesellschaftlichen Bruchlinien und Konflikte sind zunehmend mit sicherheitsrelevanten Entwicklungen und Phänomenen verbunden.
  • Kirche und Religion: Religiöse Bindungen werden unter Christen in Europa im Zuge der allgemeinen Tendenz zur Auflösung von Bindungen tendenziell schwächer. Gleichzeitig sind in Teilen der Kirche in Europa eine zunehmende Säkularisierung, das Eindringen utopischer Ideologien sowie staatskirchliche Tendenzen zu beobachten, wodurch die Kirche als kulturelles Korrektiv und Träger geistiger Erneuerung zunehmend an Kraft verliert.
  • Christenfeindlichkeit: Im Zuge der beschriebenen Entwicklung ist zunehmend Christenfeindlichkeit in Deutschland und Europa zu beobachten. Diese richtet sich insbesondere gegen die Teile der Kirche, die Lehre und Tradition besonders verbunden bleiben. Gleichzeitig greifen die Kräfte, die gegenwärtig die Vernichtung der Reste des Christentums in der Region anstreben, in der es entstand, auf Europa über.

Hinzu kommen weitere Herausforderungen mit zusätzlichem Krisenpotenzial, etwa die zunehmende Überlastung der natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen.

3. Die bevorstehenden Verwerfungen

Ansätze und Akteure, welche die beschriebene Entwicklung aufhalten könnten bevor diese eine kritische Schwelle überschreitet und in ein anderes Stadium übergeht, sind derzeit nicht erkennbar. Solange diese nicht in Erscheinung treten, ist es daher wahrscheinlich, dass diese Entwicklung in den kommenden Jahren und Jahrzehnten anhalten wird und dabei zunehmend krisenhafte Dimensionen annehmen wird.

Dabei könnten nicht nur das Christentum in Europa, sondern Europa allgemein sowie die ganze Menschheit dauerhaften Schaden erleiden. Der katholische Theologe Romano Guardini sprach angesichts dieser Entwicklungen bereits in den 1950er Jahren vom „heraufdrohenden Chaos“. Es besteht die Möglichkeit, dass das abendländisch geprägte Europa das 22. Jahrhundert nicht mehr erreichen bzw. in einigen Jahrzehnten nur noch in Form von Isolaten existiert.

3.1 Die Warnungen Benedikts XVI., Johannes Pauls II. und von Papst Franziskus

Die Kontinuität des durch das Christentum geformten und vollendeten dreitausendjährigen geistigen und kulturellen Europas kann dadurch existentiell gefährdet werden. Benedikt XVI. sagte 2012, dass wesentliche Teile der kulturellen Substanz der westlichen Welt mittlerweile „bis auf den Grund bedroht“ seien.

Im Zuge der Erosion dieser Substanz werden die betroffenen Gesellschaften immer fragiler und anfälliger für krisenhafte Entwicklungen. Diese stoßen dabei zunehmend nicht mehr auf resiliente Kulturen, die ihnen wirksam begegnen könnten, sondern nur noch auf deren vorläufig noch von einer nicht mehr ausreichend erneuerten Substanz lebende Reste. Diese könnten den  Herausforderungen und konvergierenden Krisentendenzen an einem Punkt in der Zukunft nicht länger standhalten.

Es ist dabei noch offen, ob sich krisenhafte Entwicklungen auch in Zukunft schrittweise über lange Zeiträume entfalten und in zunehmend ungünstiger werdenden Bedingungen oder neuen Phasen totalitärer Herrschaft äußern werden, oder sie in einer Serie von Katastrophen enden. In jedem Fall stehen nicht nur dem christlichen Europa schwierige Zeiten bevor.

Papst Franziskus sprach im Oktober 2017 eine ähnliche Warnung aus, als er die gegenwärtige Lage in Europa mit der verglich, „als die antike Zivilisation unterging“. Europa habe bei der Weitergabe seines Erbes „dem Vermächtnis den Verrat vorgezogen“.

Sowohl der spätere Papst Benedikt XVI. als auch der spätere Papst Johannes Paul II. sagten bereits in den 1970er Jahren dem Christentum entsprechende Verwerfungen voraus. So sprach Kardinal Joseph Ratzinger etwa 1970 davon, dass es ihm „gewiss zu sein“ schiene, „dass für die Kirche sehr schwere Zeiten bevorstehen. Ihre eigentliche Krise hat noch kaum begonnen. Man muss mit erheblichen Erschütterungen rechnen.“

Der damalige Kardinal Karol Wojtyla ging 1976 noch weiter, wobei er sich bei seiner Prognose nicht nur auf die damals akute Herausforderung durch den Kommunismus, sondern auf allgemeine kulturelle Entwicklungen bezog.

We are now standing in the face of the greatest historical confrontation humanity has gone through. I do not think that wide circles of American society or wide circles of the Christian community realize this fully. We are now facing the final confrontation between the Church and the anti-Church, of the Gospel versus the anti-Gospel. We must be prepared to undergo great trials in the not-too-distant future; trials that will require us to be ready to give up even our lives, and a total gift of self to Christ and for Christ. Through your prayers and mine, it is possible to alleviate this tribulation, but it is no longer possible to avert it. … How many times has the renewal of the Church been brought about in blood! It will not be different this time.

Kardinal Karol Wojtyla (Johannes Paul II., 1976)

Diese Verwerfungen würden zwar nicht das Christentum als solches bedrohen, aber seine Ausprägungen in westlichen Gesellschaften und viele der aus seinem Geist entstandenen kulturellen Werke, die in den vergangenen zwei Jahrtausenden geschaffen wurden. Darüberhinaus hätten diese Verwerfungen für alle Menschen in den betroffenen Gesellschaften gravierende Folgen.

Die damit verbundenen Herausforderungen liegen dabei trotz allem nicht außerhalb der Norm dessen, womit das Christentum in seiner Geschichte immer wieder konfrontiert worden ist. Auch in der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit war das Christentum bereits mit gravierenderen Herausforderungen konfrontiert, etwa im Herrschaftsbereich totalitärer Ideologien oder im Wirkungsbereich islamistischer Christenverfolgung.

3.2 Die Krise Europas wird durch materielle Faktoren vorläufig verdeckt

Für viele Menschen bleiben die beschriebenen Entwicklungen vorläufig noch unsichtbar, weil westliche Gesellschaften auf materieller Ebene noch funktionieren und die kulturelle Substanz, deren Quellen vielfach nicht erkannt werden, vorläufig noch hält.

Zudem werden mangels Einsicht in die geistigen Dimensionen des Geschehens materielle Faktoren wie etwa technologischer Fortschritt sowie in einigen Bereichen zunehmender Wohlstand verbreitet als Zeichen dafür gedeutet, dass diese Gesellschaften sich positiv entwickeln. Immer mehr Menschen fehlen dabei die Begriffe und die Mittel zur geistigen Erfassung der Auflösung des Zerfalls, der sie umgibt.

3.3 Die Krise Europas als Weltkrise

Die Krisen des Christentums in Europa und des postchristlichen Europas strahlen über ihre kulturellen Folgen zunehmend auf die ganze Welt aus. Große Teile der Menschheit leiden bereits jetzt vor allem unter der geistigen Krise Europas, in deren Verlauf sich vom europäisch-geprägten Kulturraum ausgehend utopische, materialistische Ideologien über die Welt verbreiten.

Kardinal Robert Sarah sprach etwa von einer „Vergiftung der Welt“ und der „gewaltsamen Durchsetzung einer falschen Moral und verlogener Werte“ durch den „einem unmenschlichen Ideal zugewandten Globalismus“ des Westens.  Die anhaltende Krise des Christentums in Europa wird voraussichtlich damit verbunden sein, dass die negativen Einflüsse Europas und der westlichen Welt auf die ganze Welt sich noch verstärken werden.

4. Der Realismus und die Krisenerwartung des Christentums

Die Erwartung kommender Verwerfungen ist ein integraler Bestandteil des christlichen Erbes und beruht auf Ankündigungen Jesu Christi selbst. Bis zum Ende der Zeit würde das „Heerlager der Heiligen“ bedroht und verfolgt werden, wobei die Herausforderungen im Verlauf der Zeit immer mehr zunehmen würden. Vor utopischen Hoffnungen auf die Schaffung einer idealen Welt durch politische Ideologien ist das Christentum daher weitgehend immun.

Als Jesus den Tempel verlassen hatte, wandten sich seine Jünger an ihn und wiesen ihn auf die gewaltigen Bauten des Tempels hin. Er sagte zu ihnen: Seht ihr das alles? Amen, das sage ich euch: Kein Stein wird hier auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden. […] Ihr werdet von Kriegen hören und Nachrichten über Kriege werden euch beunruhigen. Gebt Acht, lasst euch nicht erschrecken! Das muss geschehen. […] Doch das alles ist erst der Anfang der Wehen. Dann wird man euch in große Not bringen und euch töten und ihr werdet von allen Völkern um meines Namens willen gehasst.

Jesus Christus nach Mt 24, 1-9

In seinem auf schwierige Lagen eingestellten Realismus verfällt das Christentum jedoch nicht in Pessimismus, der nach Oswald Spengler dadurch gekennzeichnet sei, dass er keine Aufgaben mehr sehe. Das Christentum hingegen versteht diese Lagen als Auftrag.

Eine ausführlichere Darstellung von Realismus und Krisenerwartung im Christentum findet sich hier.

5. Die Krise Europas als Auftrag und Ruf zum Dienst

Romano Guardini wies darauf hin, dass die Krise des Christentums in Europa unabhängig vom Grad ihrer Intensität als etwas Vorübergehendes betrachtet werden solle:

Christus ist Gottes Sohn, und Ihm gehören die Zeiten. Der Christ aber hat gelernt, in Jahrhunderten zu denken.

Die erwähnten Herausforderungen stellen in erster Linie einen Auftrag für das Christentum in Europa dar, das sich unter dem Druck der Herausforderung erneuern muss, um diese im Dienst an den Menschen und Gemeinwesen des Kontinents bewältigen zu können. Dabei kann es zusammen mit ihnen zu neuer Kraft, Würde und Größe finden, wenn es ihnen gelingt, sich von destruktiven, utopischen Ideologien und ihren Werken zu befreien.

5.1 Die reinigende Kraft von Krisen

Die bevorstehenden Verwerfungen können in diesem Zusammenhang dazu beitragen, den destruktiven Charakter dieser Ideologien offenzulegen und bloßzustellen, so wie die Sünde durch das Elend, das sie nach sich zieht, ihr eigenes Gegenmittel in sich trägt.

Dem Historiker Christopher Dawson zufolge sei eine Abfolge von Krise und Erneuerung kennzeichnend für die abendländische Geschichte. Das Christentum sei aus jeder dieser Krisen gestärkt hervorgegangen, weil die Krisen vorwiegend die schwachen Elemente in der Kirche zerstört hätten, während das, was stark in ihr war, überlebt habe.

Über die Zeit der heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Wikingerinvasionen, die das Christentum in Europa im 9. Jahrhundert an den Rand der Vernichtung gebracht hatten, schrieb Dawson:

Der Krieg unterwarf die im Aufbau begriffene Ordnung des abendländischen Christentums einer furchtbaren Probe. Alles Schwache und Überflüssige wurde ausgemerzt, und nur die härtesten und widerstandsfähigsten Elemente, die sich als gegen Unsicherheit und Gewalt gewappnet erwiesen hatten, blieben übrig.

Der Theologe Romano Guardini, der in seinem Werk „Das Ende der Neuzeit“ auf diese Verwerfungen einging, sprach dementsprechend davon, dass diese eine „furchtbare, aber heilende Klarheit“ schaffen würden, wenn die „radikale Unchristlichkeit“ in ihnen ihre Wirkung ganz entfalte. Erst wenn die Folgen des Wirkens entsprechender Ideologien nicht mehr durch noch verbliebene christliche kulturelle Substanz abgemildert würden, werde das Wesen dieser Ideologien vollständig sichtbar und damit für alle Menschen erkennbar werden. Auch innerhalb des Christentums würden die bevorstehenden Verwerfungen Klarheit erzwingen, “ denn von verschwachenen Postionen aus ist kein Kampf zu führen“.

Töricht steht jeder Mensch da, ohne Erkenntnis, beschämt jeder Goldschmied mit seinem Götzenbild; denn seine Bilder sind Trug, kein Atem ist in ihnen. Nichtig sind sie, ein Spottgebilde. Zur Zeit ihrer Heimsuchung gehen sie zugrunde.

Jeremia 51, 17-18

Dann wird sich gemäß einer Ahnung des Philosophen Martin Heideggers zeigen, „ob und wie der Gott und die Götter sich versagen und die Nacht bleibt, ob und wie der Tag des Heiligen dämmert, ob und wie im Aufgang des Heiligen ein Erscheinen des Gottes und der Götter neu beginnen kann.“

Der damit einhergehende Lernprozess wird unter Umständen jedoch sehr schmerzhaft verlaufen. Europa könnte vor einer möglichen Erneuerung einen hohen Preis für seine Fehler zu zahlen haben, so wie auch der Prozess der Erneuerung selbst mit Opfern und Härten verbunden sein könnte.

Was die Welt weder gesehen hat noch sehen wird, ist, dass der Mensch, der die Ordnung durch das Tor der Sünde flieht, auf einem anderen Wege zur Ordnung zurückkehrt als durch das Tor der Strafe. Die Strafe ist Gottes Botin und sie erreicht alle mit Seinen Botschaften.

Juan Donoso Cortés

Insbesondere die zunehmende Herausforderung durch problematische Tendenzen und Strömungen im Islam und deren Präsenz in Europa können jedoch positiv zu einer solchen Erneuerung beitragen, weil sie die Menschen Europas zur Auseinandersetzung mit den geistig-religiösen Ursachen der Krise zwingen und es ihnen zunehmend unmöglich machen, der Frage nach der Zukunft ihres Erbes gleichgültig gegenüberzustehen.

Diese Herausforderungen werden nicht zuletzt auch reinigende Kraft in einer Kirche entfalten, die in Westeuropa schon zu lange dem korrumpierenden Wirken von Verbürgerlichung, Wohlstand und Nähe zur politischen Macht ausgesetzt ist.

5.2 Die dienende Kirche der Zukunft

Das Christentum und seine guten Werke lassen sich nur durch den Dienst von Christen und auf der Grundlage des Glaubens als heroischer Gegenposition zu einer in Auflösung befindlichen Welt aufrechterhalten. Die Kirche ist die Trägerin dieses Geistes, die Hüterin dieser Tradition und die einzige Institution, die der Auflösung und dem Chaos standhalten kann, denn „die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ (Mt 16,18)

Wie die Juden zur Zeit des babylonischen Exils werden die bevorstehenden Herausforderungen die Christen Europas dazu zwingen, an das anzuknüpfen, was sich in schwierigen Zeiten bereits bewährt hat. Gleichzeitig werden sie sich ihren eigenen Fehlern und Illusionen stellen und diese korrigieren und abzulegen müssen, weil auf ihrer Grundlage die anstehenden Prüfungen nicht bestanden werden können.

Die Teile des Christentums, denen dies gelingt, werden ihren Dienst an Europa fortsetzen können. Entsprechende Erneuerungsbewegungen traten in den vergangenen Jahrhunderten immer dann hervor, wenn das Christentum in Europa vor vergleichbaren existentiellen Herausforderungen stand. Dem Historiker Christopher Dawson zufolge bestehe die Geschichte des Christentums aus einer Abfolge von Krisen und Erneuerungsbewegungen, die innerlich von den Verfallserscheinungen ihrer Zeit unabhängig blieben und deshalb die Kraft hatten, „neue Organe geistiger Wiedergeburt auszubilden“.

Seit der Krise und dem Untergang des Römischen Reiches hat das Christentum solche Herausforderungen nicht nur immer wieder überwunden, sondern ist aus ihnen gestärkt hervorgegangen. Auf der spanischen Halbinsel und in Teilen Südosteuropas überdauerte das Christentum Jahrhunderte der islamischen Besatzung, und es überdauerte und überwand auch die Herrschaft totalitärer Ideologien in Europa. So gibt es auch angesichts der sich gegenwärtig ankündigenden Verwerfungen Grund zur Annahme, dass das Christentum ihnen auch dieses Mal wirksam begegnen können und die geistigen Abwehrkräfte mobilisieren wird, die ihre Bewältigung erfordert.

Das Christentum stellt den Menschen Europas dabei nicht nur die geistigen Mittel zur Überwindung der Krise des Kontinents zur Verfügung, sondern wirkt auch extremen Tendenzen entgegen, die bei einigen säkularen Antworten auf diese Krise vorhanden sind.

Die Aufgabe der Erneuerung Europas wird sich voraussichtlich zunächst auf kleine christliche Gemeinschaften stützen, die den Ernst der Lage erfassen, ihr mit einer der Größe der Herausforderung angemessenen Haltung und Stärke begegnen und sich unter entsprechenden Bedingungen behaupten können.

Solche Akteure werden in einem zunehmend von Krisen, Verfall und Auflösung gekennzeichneten Umfeld Inseln einer Ordnung schaffen, welche die Verbindung zu den geistigen Wurzeln Europas nicht verloren hat, und denen sich immer mehr Menschen anschließen werden, die sich unter dem Eindruck der Ereignisse von den scheiternden Utopien abwenden. Sie werden in diesem Umfeld als das von Papst Franziskus beschriebene „Feldlazarett“ wirken, das den Menschen dort diene, „wo die Kämpfe stattfinden“.

Aus der Krise von heute wird auch dieses Mal eine Kirche morgen hervorgehen, die viel verloren hat. Sie wird klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen. […] Aber nach der Prüfung dieser Trennungen wird aus einer verinnerlichten und vereinfachten Kirche eine große Kraft strömen. Denn die Menschen […] werden unsagbar einsam sein. Sie werden, wenn ihnen Gott ganz entschwunden ist, ihre volle, schreckliche Armut erfahren. Und sie werden dann die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas ganz Neues entdecken.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI., 1970)

Der amerikanische Kardinal Francis George erwartete in diesem Zusammenhang, dass die kommenden Generationen von Christen in westlichen Gesellschaften immer stärkerem Druck ausgesetzt sein würden und er Nachfolger haben werde, die vielleicht als Märtyrer sterben könnte. Eine spätere Generation von Christen werde dann den Auftrag haben, die Trümmer zerstörter Gesellschaften aufzulesen und in ihnen die Kultur wieder aufzubauen, wie es die Kirche in der Geschichte der Menschheit schon so oft getan habe.