Der amerikanische Militärpsychologe Dave Grossman beschreibt in seinem Buch „On Combat“ ein Ethos des schützenden Dienstes am Nächsten und am Gemeinwesen, wobei er an die christliche Spiritualität des Dienstes anknüpft. So bezieht er sich unter anderem auf das Bild des guten Hirten, seiner Herde und der sie bedrohenden Wölfe, um die Rollen jener zu veranschaulichen, die entsprechenden Dienst leisten.

  • Die meisten Menschen seien in einem guten Sinne mit Schafen vergleichbar. Es handele sich bei ihnen um vergleichsweise harmlose Wesen, die nicht dazu berufen seien ein Leben der Konfrontation mit Bedrohungen zu führen und ein geordnetes und friedliches Leben führen, was jedoch häufig mit physischer und mentaler Schwäche und einer Neigung einhergehe, Bedrohungen auszublenden, um die für ein weniger sorgenvolles Leben erforderliche Vorstellung scheinbaren Friedens zu wahren.
  • Wölfen würden diejenigen Menschen gleichen, die ihre Fähigkeit zur Anwendung von Gewalt dazu nutzen , auf Kosten schwächerer Menschen und des Gemeinwesens zu leben und dabei die moralische Ordnung verletzen.
  • Den Schäferhunden entsprächen die Menschen, die dazu berufen seien, schützenden Dienst am Nächsten zu leisten. Arglose Menschen würden ihnen oft mit Vorsicht oder gar mit Ablehnung begegnen, weil sie ihnen fremd seien und unangenehm an die Präsenz der Bedrohungen erinnern, die sie ausblenden möchten und dadurch die Illusion des Friedens stören. Es gehöre auch zu den Pflichten der Schutz spendenden Menschen, dies auf sich zu nehmen.

Dave Grossman beschreibt die Menschen, die ihre Berufung in schützendem Dienst sehen, so:

Also understand that a sheepdog is a funny critter: He is always sniffing around out on the perimeter, checking the breeze, barking at things that go bump in the night, and yearning for a righteous battle. That is, the young sheepdogs yearn for a righteous battle. The old sheepdogs are a little older and wiser, but they move to the sound of the guns when needed right along with the young ones. Here is how the sheep and the sheepdog think differently. The sheep pretend the wolf will never come, but the sheepdog lives for that day. After the attacks on September 11, 2001, most of the sheep, that is, most citizens in America said, “Thank God I wasn’t on one of those planes.” The sheepdogs, the warriors, said, “Dear God, I wish I could have been on one of those planes. Maybe I could have made a difference. […] [I]f you want to be a sheepdog and walk the warrior’s path, then you must make a conscious and moral decision every day to dedicate, equip and prepare yourself to thrive in that toxic, corrosive moment when the wolf comes knocking at the door.

Christliche Bezüge

Grossman beschreibt hier ein zeit- und kulturübergreifend vorhandenes Konzept der Berufung des Mannes zum schützenden Dienst. Der Religionswissenschaftler Georges Dumézil etwa sieht dieses Konzept in den Traditionen aller indoeuropäischen Kulturen verankert. Bei der von Grossman beschriebenen Form handelt es sich jedoch um die spezifisch christliche Variante, die hier näher erläutert werden soll.

Während der Drache den geistigen, nichtmenschlichen Feind des Menschen symbolisiert, steht der Wolf in der Symbolsprache der Bibel, auf die sich Grossman bezieht, für die menschlichen Gegner des Christentums. Jesus Christus selbst verwendet dieses Bild in der Überlieferung des Johannesevangeliums, wo er von die Christen als Beute ansehenden Wölfen spricht und von anderen Gegnern die kämen „um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten“. Auch die Apostelgeschichte kündigt „reißende Wölfe“ an, welche die christliche „Herde nicht schonen“ werden.

Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, lässt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt. (Joh 10, 11-13)

In Anknüpfung an diese Symbolik stehen die Schäferhunde für jene Helfer des sinnbildlichen Hirten, die menschliche Bedrohungen und Gegner erkennen, vor ihnen warnen und schützen, sie notfalls kämpfend abwehren und Tauglichkeit für diese Aufgabe aufbauen und pflegen. Jesus Christus nachzufolgen bedeutet dabei, wie dieser das eigene Leben für seine Herde einzusetzen und, wenn erforderlich, es zu opfern.

Dieser Schutzauftrag geht auf Jesus Christus zurück, der kurz vor seiner Gefangennahme und Kreuzigung seine Jünger auf die Zeit danach vorbereitete und ihnen vielleicht in Erwartung der anstehenden und von ihm angekündigten Christenverfolgungen neben anderen Vorkehrungen auch den Auftrag gab, Schwerter zu beschaffen, die sie von da an laut Lukasevangelium zum Schutz ihrer Gemeinschaft bei sich trugen. Es wird dabei deutlich, dass Jesus Christus sich hier keinesfalls auf ein gewaltsame Ausbreitung der Religion bezieht.

Das Bild des Schwertes findet sich in einem positiven Zusammenhang zudem bei Paulus, der über die im Dienst Gottes stehende weltliche Ordnung sagte, dass sie das Schwert „nicht ohne Grund“ trage:

Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die böse Tat zu fürchten; willst du also ohne Furcht vor der staatlichen Gewalt leben, dann tue das Gute, sodass du ihre Anerkennung findest. Sie steht im Dienst Gottes und verlangt, dass du das Gute tust. Wenn du aber Böses tust, fürchte dich! Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert. Sie steht im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der Böses tut.

Die symbolischen Schäferhunde sind nach Grossmans Interpretation dabei in manchen Eigenschaften den Wölfen ähnlicher als den Schafen, unterscheiden sich von den Wölfen aber in ihrem Gehorsam gegenüber dem Hirten, also gegenüber Gott und der im Transzendenten wurzelnden und im Dienst an ihr stehenden Ordnung. Die symbolischen Schäferhunde bewegen sich daher innerhalb dieser Ordnung und sind Teil von ihr, während die Wölfe außerhalb dieser Ordung stehen, ihr entgegen handeln und daran gehindert werden müssen.

Ein ähnliches Bild findet sich auch in der antiken griechischen Philosophie. Platon etwa beschreibt in seinem Werk „Der Staat“ die Funktion von Wächtern des Gemeinwesens, die er mit „tüchtigen Hunden“ vergleicht. Sie seien anders als ihre Gegner keine Raubtiere, sondern „gegen diejenigen, an welche sie gewöhnt sind und welche sie kennen, so sanft als möglich […], gegen die Unbekannten aber das Gegenteil“.

Diese Vorstellung wurde im Mittelalter auch durch das Christentum in Form des Konzepts der drei Gesellschaftsstände weiterentwickelt, das schützenden Dienst als eine der drei grundlegenden Aufgaben in einem Gemeinwesen ansieht. (ts)

Stand: 30.05.2017