Stand: 26.02.2018

Christliche Weltanschauung strebt eine umfassende Wahrnehmung der Wirklichkeit an, die nicht nur auf ihre materiellen Aspekte beschränkt ist. Sie rechnet grundsätzlich mit der Möglichkeit krisenhafter Verläufe des Weltgeschehens. Sie nimmt die Geschichte als Abfolge von Krisen wahr und geht davon aus, dass sich daran aufgrund der Natur des Menschen auch langfristig nichts ändern wird, und ist wachsam gegenüber den Kräften der Auflösung, die in der Welt und im Menschen wirken.

Alle kulturelle Substanz wurde gegen den Widerstand der schlechteren Teile der menschlichen Natur aufgebaut und muss unablässig gegen die von ihnen ausgehenden Auflösungstendenzen behauptet werden. Wo kulturelle Substanz nicht verteidigt und gepflegt wird, löst sie sich auf.

Christliche Weltanschauung lehnt gleichzeitig Pessimismus ab, der zum Aufgeben angesichts schwieriger Bedingungen führt und Folge eines Mangels der Tugend der Hoffnung ist.

1. Die Krisenerwartung des Christentums

1.1 Die Erwartung kommender Verwerfungen im Christentum

Die Erwartung kommender Verwerfungen ist ein integraler Bestandteil des Christentums und beruht auf Ankündigungen Jesu Christi selbst. Bis zum Ende der Zeit werde das „Heerlager der Heiligen“ bedroht und verfolgt werden, wobei die Herausforderungen im Verlauf der Zeit immer mehr zunehmen würden. Vor utopischen Hoffnungen auf die Schaffung einer besseren Welt und eines besseren Menschen durch politische Ideologien ist das Christentum daher weitgehend immun.

Jesus Christus sagte nach Mt 24, 1-9 denen, die ihm nachfolgen, voraus, dass sie Krisen, Not und Verfolgung ausgesetzt sein würden:

Als Jesus den Tempel verlassen hatte, wandten sich seine Jünger an ihn und wiesen ihn auf die gewaltigen Bauten des Tempels hin. Er sagte zu ihnen: Seht ihr das alles? Amen, das sage ich euch: Kein Stein wird hier auf dem andern bleiben; alles wird niedergerissen werden. […] Ihr werdet von Kriegen hören und Nachrichten über Kriege werden euch beunruhigen. Gebt Acht, lasst euch nicht erschrecken! Das muss geschehen. […] Doch das alles ist erst der Anfang der Wehen. Dann wird man euch in große Not bringen und euch töten und ihr werdet von allen Völkern um meines Namens willen gehasst.

Pieper sah die Quelle des Realismus des christlichen Denkens darin, dass es auf ein „innerzeitlich katastrophistisches Ende der Geschichte gefasst“ sei. In diesem Punkt sei es wesentlich realistischer als der naive Fortschrittsglaube der Moderne, „den das Auftreten eines ganze Völker terrorisierenden Gewaltverbrechers (‚mitten im zwanzigsten Jahrhundert!‘) unvermeidlich in einen Abgrund von Fassungslosigkeit stürzen musste.“

Christen hätten zudem ein „wacheres Witterungsvermögen“ für krisenhafte Verlaufsmöglichkeiten des Geschehens sowie für den „endzeitlichen Geruch“ bestimmter geschichtlicher Erscheinungen. Christlicher Realismus erkenne darin „eine geheime Signatur, die der bloß positivistischen Bestandsaufnahme mit Notwendigkeit entgeht.“

Laut Romano Guardini würde das apokalyptische Geschehen bereits in die Welt hineindringen wie die „vorlaufenden Spitzen der letzten Sturmflut“. Es handele sich dabei um „die Anzeichen jener von Gott kommenden Katastrophe, in der alles zum Ausbruch kommen soll, was im Menschen böse, falsch und verdorben ist“.

Robert Spaemann wies darauf hin, dass die Zukunftsvisionen Christi überwiegend Katastrophenvisionen seien, die einen großen Abfall vom Glauben und nicht eine große Bekehrung ankündigen würden. Andererseits gebe es für Christen die Gewisseheit, dass der entscheidende Sieg in der kosmischen Auseinandersetzung bereits errungen worden sei, und dass seit Golgotha alle Siege er widergöttlichen Mächte Pyrrhussiege gewesen seien und sein würden.

Worauf sich Christen einzustellen haben, erfuhr nach katholischer Überzeugung auch eine Gruppe von Hirtenkindern bei Marienerscheinungen nahe des portugiesischen Ortes Fátima im Jahre 1917. Benedikt XVI. erklärte 2010, dass in ihren Erfahrungen „Realitäten der Zukunft der Kirche aufgezeigt“ worden seien, „die sich nach und nach entfalten und zeigen“ würden. In den Erscheinungen wurden Christenverfolgung durch totalitäre Ideologien, die Vernichtung ganzer Nationen sowie Kriege bislang ungekannten Ausmaßes gekündigt.

1.2 Die Orientierung am Ernstfall als Erfordernis christlichen Glaubens

Wiktor Wasnezow – Die vier Reiter der Apokalypse (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Theologe Hans Urs von Balthasar veröffentlichte 1966 seine Schrift „Cordula oder der Ernstfall“. In ihr setzte er sich vor dem Hintergrund des kulturrevolutionären Geschehens der 1960er Jahre und dessen Eindringens in die Kirche in der Nachkonzilszeit mit der Frage auseinander, was der höchste Maßstab des Glaubens sei, mit dem man gute von schlechten religiösen Impulsen unterscheiden könne. Er kam zu dem Ergebnis, dass dieser Maßstab der Ernstfall und die eigene Bereitschaft zum Tod sei.

Von Balthasar warnt in seiner Schrift davor, dass der Glaube in Folge kultureller Auflösungserscheinungen drohe, zu „einem seichtem humanistischen Geplätscher“ voller Unverbindlichkeiten zu werden. Die Schrift enthält einen fiktiven Dialog zwischen einem kommunistischen Kommissar und einem liberalen Christen, in dem er dies illustriert. Während der Kommunist sich noch nicht sicher ist, wie er den Christen einzuordnen und wie er mit ihm verfahren solle, versucht der Christ dem Kommunisten zu erklären, wie nahe sich Christentum und Kommunismus doch eigentlich seien. Der Kommunist ist schließlich zufrieden und meint, er könne sich die Kugel sparen, weil das Christentum sich bereits selbst liquidiert habe.

Laut von Balthasar wirke die ständige Auseinandersetzung mit dem Ernstfall solchen Selbstauflösungstendenzen entgegen. Der Ernstfall sei für die Klärung von Glaubensfragen „das beste Kriterium […] weil er vor die christliche Wahrheit zwingt“ indem er die Frage stelle, ob man persönlich die richtige Antwort auf den dienenden Opfertod Jesu Christi gebe, die nur „meine Bereitschaft, für Christus zu sterben“ sein könne:

Warum hat Jesus Christus seinen Nachfolgern kein anderes Schicksal vorausgesagt als das seine: Verfolgung, Misserfolg und Passion? […] [W]er aber Jesus vorzieht, wählt das Kreuz als den Ort, wo nicht eventuell, sondern todsicher gestorben wird. […] Nach dieser Rede Christi ist der Stand der Verfolgung der Normalzustand für die Kirche in der Welt, und das Martyrium seine normale Bekenntnislage. […] Was soll der Christ sein? Einer, der sein Leben einsetzt für seine Brüder, weil er selbst sein Leben dem Gekreuzigten verdankt.

Nur von der Möglichkeit des eigenen Todes ausgehend könne der Christ seinem Leben Gestalt geben, offene Fragen zuverlässig beantworten und dadurch wissen, wer er wirklich sei. Dabei müsse nicht jeder Christ als Märtyrer sterben; es käme vielmehr auf die dienende Grundhaltung im Leben und dessen vorbehaltslose Indienststellung an:

Nicht vor allem auf das physische Sterben kommt es an, sondern darauf, täglich sein Leben für den Herrn und die Brüder hinzugeben.

Die hl. Cordula, von der im Titel der Schrift die Rede ist, wird in der Legende der hl. Ursula von Köln erwähnt. Cordula habe sich während eines von heidnischen Hunnen verübten Massakers an Christen im 4. Jhd. zunächst versteckt, am nächsten Tag aber dem Martyrium gestellt. Laut von Balthasar sei es nicht entscheidend, ob man einen Tag später falle als andere, „aber dabei muss man sein“.

Der katholische Schriftsteller J.R.R. Tolkien beschrieb die Geschichte der Menschheit und des Christentums als „langsames Erliegen“ oder als „lange Niederlage“, in der allerdings hin und wieder der Sieg durchscheine, der an ihrem Ende stehe. In seinem Werk „Der Herr der Ringe“ sagt Galadriel, die in der Beschreibung Tolkiens einige Züge Marias trägt, sie habe „die Weltzeitalter hindurch gegen das langsame Erliegen angekämpft“.

Tolkien knüpfte dabei an christliche Weltanschauung an, die Geschichte so wie die Traditionen vieler anderer Kulturen als Abstiegsbewegung wahrnimmt. In den Mythologien verschiedener Kulturen, auch in der christlichen Mythologie, wird diese Entwicklung im Zusammenhang mit einem kosmischen Kampf beschrieben, der meist in einer Katastrophe sowie mit einer darauf folgenden tiefgreifenden Erneuerung zum Guten verbunden ist.

2. Die christliche Tugend der Klugheit als Orientierung am Ernstfall

Die Klugheit ist die höchste Kardinaltugend und beinhaltet die Fähigkeit, die Wirklichkeit, die eigene Lage und das Gute zu erkennen, um ihnen entsprechend handeln zu können. Klugkeit ist somit im Wesentlichen identisch mit Wirklichkeitssinn und nüchterner Sachlichkeit. Klug ist, wer Risiken und Gefahren klar erkennt und nicht ausblendet und den Ernstfall in seine Entscheidungen mit einbezieht. Kluges Denken und Handeln ist somit von Vorsicht geprägt. (Weiterlesen: Die Kardinaltugend der Klugheit)

Der Philosoph Rolf Dobelli, der vor allem durch sein Werk „Die Kunst des klaren Denkens“ bekannt geworden ist, beschrieb, warum Krisenerwartung ein Ausdruck wirklichkeitsgerechten Denkens und eine Voraussetzung guter Entscheidungen sei:.

  • Nur wer Gefahren und Risiken im Voraus erkenne, könne diesen präventiv begegnen. Er sei dadurch in der Lage, sie zu vermeiden oder auf ein Minimum zu reduzieren.
  • In modernen Gesellschaften fände die erfolgreiche präventive Reduzierung von Risiken nur wenig Anerkennung und bleibe häufig unsichtbar. Zudem könne man mit erfolgreicher Prävention und Vermeidung sowie mit risiko- und krisenorientiertem Denken nicht angeben, weshalb dieses vielen Menschen als unattraktiv erscheine.
  • Außerdem werde solches Denken häufig als Ausdruck einer negativen Grundeinstellung abgelehnt.

Es sei jedoch ein Ausdruck von Weisheit und eine Voraussetzung wirklichkeitsgerechten Handelns, regelmäßig und intensiv über katastrophale Risiken nachzudenken, denen man in der Zukunft begegnen könnte.

3. Wachsamkeit gegenüber den Kräften der Auflösung als christliche Aufgabe

Alle kulturelle Substanz wurde gegen den Widerstand der schlechteren Teile der menschlichen Natur aufgebaut und muss unablässig gegen die von ihnen ausgehenden Auflösungstendenzen behauptet werden. Wo kulturelle Substanz nicht verteidigt und gepflegt wird, löst sie sich auf.

Die durch Erneuerungsbewegungen geschaffenen Werke und Institutionen verlieren zwangsläufig irgendwann an innerer Kraft, etwa wenn sie von Folgen ihres eigenen Erfolges wie Reichtum und Macht korrumpiert werden.

Der Erzbischof von Sarajewo, Vinko Kardinal Puljic, erklärte, warum Christen die Pflicht hätten, ständig gegen die Kräfte der Auflösung anzukämpfen:

Ein Schwimmer, der gegen eine starke Strömung schwimmt, glaubt auf der Stelle zu stehen. Derselbe Schwimmer wäre aber, wenn er nicht kräftig mit den Armen gerudert hätte, längst weit abgetrieben worden. Die gerechte Gesellschaft lässt sich auf Erden nicht verwirklichen. Das ist unmöglich. Aber wenn wir aufhören, es zu versuchen, dann enden wir in der finstersten Barbarei. Denn die läßt sich verwirklichen!

Ein Prinzip verantwortungsvoller und realistischer Politik ist daher Wachsamkeit gegenüber Auflösungstendenzen. Ein naiver Optimismus, der sie und ihre Kraft leugnet, macht Gesellschaften ihnen gegenüber unnötig verwundbar und gefährdet die kulturelle Substanz, auf der sie beruhen.

  • Entsprechende Wachsamkeit, die nach Bedrohungen und Herausforderungen Ausschau hält, ist ein guter Impuls insbesondere in der Seele des Mannes und stellt eine Art kulturelles Immunsystem des Gemeinwesens dar. Der Theologe Romano Guardini sprach diesbezüglich von einem guten Pessimismus, ohne den nichts Großes entstehen könne: „Er ist die bittere Kraft, die das tapfere Herz und den schaffensfähigen Geist zum dauernden Werk befähigt.“
  • Vorsicht und Skepsis gegenüber der Tendenz, Risiken und langfristige Folgen von politischen Entscheidungen auszublenden sowie gegenüber der Tendenz des Menschen zu Wunschdenken und gegenüber politischen Heilsversprechen und utopischem Denken werden zuweilen als unangemessener „Kulturpessimismus“ oder Ausdruck von „Angst“ abgetan.
  • Kulturelle Auflösungstendenzen vollziehen sich in der Regel schrittweise. Ihre Durchsetzung beruht auch auf einem Mangel an Bewusstsein für ihre langfristigen Folgen, weshalb sie oft zunächst als Ausnahmen geduldet werden, deren destruktive Folgen kurzfristig unsichtbar bleiben, weshalb die Ausnahmen mit der Zeit zur Norm werden können.

Eine resiliente Gesellschaft muss Herausforderungen möglichst frühzeitig und vollständig erkennen, um ihnen angemessen begegnen zu können. Der Unwille, Bedrohungen, Herausforderungen und Konflikte wahrnehmen zu wollen und diese Schwäche zu einem Ausdruck moralischen Denkens zu erklären, kann gravierende Folgen für eine Gesellschaft haben. Mit diesem Unwillen ist oft auch eine Abwertung männlicher, heroischer und asketischer Tugend verbunden, die diesem Denken bestenfalls als überflüssig erscheint. Wer Verantwortung für ein Gemeinwesen trägt, darf sich diese Schwäche jedoch nicht leisten.