Stand: 25.08.2018

Der Weg des Christen ist es, Jesus Christus nachzufolgen, der sein Leben in bedingungslos geleistetem Dienst an den Menschen hingab. Alle Menschen sind dazu aufgerufen, es ihm gleichzutun, der „sich selbst entäußerte und Knechtsgestalt annahm […] und gehorsam wurde bis in den Tod“ (Phil 2,7-8).

Diese Seite befindet sich noch in einem frühen Entwurfsstadium.

1. Jesus Christus

Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Er ist der Erlöser des Menschen, der ihm den Weg zu Gott geöffnet und gezeigt hat. Er ist hingegen kein Morallehrer, der den Menschen Regeln vermitteln will, nach denen sie leben sollen.

1.1 Jesus Christus: Der Weg, die Wahrheit und das Leben

Durch seine Auflehnung gegen Gott in der Sünde hat der Mensch den Bund mit Gott gebrochen. Die Sünde des Menschen musste durch ein Opfer gesühnt werden. Der Mensch war aufgrund seiner Unvollkommenheit jedoch nicht dazu in der Lage, diesen Bund aus eigener Kraft wiederherzustellen. Gott selbst hat diesen Bund durch sein vollkommenes Opfer in Form des Opfertods Jesu Christi am Kreuz und durch sein vergossenes Blut wiederhergestellt. Dadurch ist der Weg zu Gott für den Menschen, der dieses Angebot der Versöhnung annimmt, wieder offen.

In Jesus Christus hat Gott den Menschen den schmalen Weg zu ihm durch die Heiligung seiner Seele gezeigt.

Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.1

Johannes Paul II. sagte, dass Jesus Christus dem Menschen einen königlichen Weg zu Gott gezeigt habe, der die Läuterung des Menschen durch Dienst und Opfer beinhaltet.

1.2 Jesus Christus: Der Logos

In der Philosophie des griechischen Antike bezeichnete das Konzept des „Logos“ auch das Weltgesetz. Der Evangelist Johannes bezeichnet Jesus Christus als den Logos.

Jesus Christus ist somit der Maßstab alles Guten und Wahren und der Maßstab, nach dem der Mensch gerichtet werden wird. Das Gute und die Wahrheit sind somit keine abstrakten Ideale, sondern werden in Gott bzw. Jesus Christus verkörpert, der die Spitze der vertikalen Ordnung der Welt und die Quelle dieser Ordnung ist.

Jeder Mensch, der etwas Gutes tut oder eine Wahrheit erkennt, nähert sich damit wenigstens ansatzweise Jesus Christus, auch wenn er noch nie von ihm gehört haben mag.

Romano Guardini zufolge habe Jesus Christus eine „andere Ordnung“ in diese Welt hineingetragen:

Es gibt aber noch eine andere Ordnung, die nicht in Welt und Leben begründet ist; nicht von deren Wesen her gewährleistet und daher auch nicht von ihm her zu verstehen noch zu rechtfertigen. Sie wurde in die Welt hineingetragen durch Jesus Christus. In Ihm ist ihr Sinn begründet, und nur von Ihm her kann sie erkannt werden.

Jesus Christus habe Guardini zufolge „verborgene Wirklichkeit offenbart“ und göttliche Wahrheit gelehrt.2

1.3 Jesus Christus: Der vollkommene Diener

Am Kreuz hat sich Gott als dienende, sich aufopfernde Liebe offenbart. Jesus Christus ist der vollkommene Diener, der Leid und Verfolgung auf sich nahm und sein Leben als Opfer für die Menschen gab. Indem er die Folgen der Sünde aller Menschen aus allen Zeiten auf sich nahm, erfuhrt er das größte nur denkbare Leid und leistete durch die Erlösung den größten denkbaren Dienst.

Es ist unzutreffend Jesus Christus als schwach und passiv darzustellen. Durch seinen Tod am Kreuz führte er einen Auftrag Gottes aus, dem er aus freiem Willen einwilligte.

Kardinal Walter Kasper zufolge eröffnete Jesus Christus eine neue „Daseinsmöglichkeit für die andern“:

Gehorsam gegen Gott im Dienst für die andern. So wird Jesus in Person zum Dienst für die Vielen (Mk 10,45), zum Menschen für die andern. Seine Person ist als leibhaftig gewordener Gehorsam zugleich leibhaftig gewordener Dienst, man könnte auch sagen, leibhaftig gewordenes und Person gewordenes Amt. In Christus fallen Person und Amt schlechthin zusammen. Amt bedeutet hier nicht mehr Herrschaft, sondern Dienst.

Jesus Christus sagte über sich selbst laut Markusevangelium:

Ihr wisst, dass diejenigen, welche als Herrscher der Heidenvölker gelten, sie unterdrücken, und dass ihre Großen Gewalt über sie ausüben. Unter euch aber soll es nicht so sein, sondern wer unter euch groß werden will, der sei euer Diener, und wer von euch der Erste werden will, der sei aller Knecht. Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.3

Im Matthäusevangelium wird dies so wiedergegeben:

Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Großen ihre Vollmacht gegen sie gebrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Wie der Menschensohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.4

Er sagte weiterhin:

Ich bin unter Euch wie ein Diener.5

Den Jüngern gefiel nicht, was Jesus Chrisus ihnen sagte, weil es ihnen als zu fordernd erschien. Sie entgegneten ihm:

Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören?6

1.4 Jesus Christus: König, Heerführer und Kämpfer

Jesus Christus beanspruchte ausdrücklich, ein König zu sein, er über ein Königreich herrsche.7

In der Offenbarung des Johannes wird Jesus Christus in verschiedenen Bildern als gewaltig und erhaben beschrieben. Der am Ende der Zeit wiederkehrende Jesus Christus wird hier als starker Heerführer beschrieben, der an der Spitze einer Armee gegen das Böse zu Felde zieht, sowie als siegreicher „Löwe aus dem Stamm Juda“8

Er forderte die Menschen dazu auf, ihm nachzufolgen.9 Jesus Christus ist dem hl. Ignatius von Loyola zufolge auch deshalb mit einem Heerführer vergleichbar, der „alle unter sein Banner ruft“.

Die Spiritualität des christlichen Rittertums verglich Jesus Christus mit einem Heerführer, der für die Rettung seiner schlechten Vasallen das größte denkbare Opfer gebracht hatte. Dies verpflichte die Gefolgschaft Christi zu umso größerem Gehorsam.10

1.5 Christus als Grundlage der Tradition

Die Tradition des Christentums gründet auf Jesus Christus und beinhaltet den Bestand an Wahrheiten, die er an die Apostel weitergab.

Die Bibel bzw. das Neue Testament ist Teil dieser Tradition, die jedoch über den Inhalt der Schrift hinausgeht. Die Kirche und ihre Tradition sind älter als die Bibel. Jesus Christus gab durch sein Handeln und seine Worte auch Dinge an die Apostel weiter, die nicht oder nur teilweise im Neuen Testament aufgeschrieben wurden.

Die Kirche ist Wächter der Tradition, die seit ihrer Begründung durch Jesus Christus entfaltet wird.

1.6 Das Weltgeheimnis

  • Der Mensch verfügt über eine unsterbliche Seele. Gott hat ein Interesse daran, dass die Seele des Menschen zu ihm gelangt. Diese Welt ist nicht die eigentliche Heimat des Menschen, sondern eine Art Trainingslager für seine Seele.
  • Im Zentrum der Welt steht das Geheimnis von Dienst und Opfer, das in Jesus Christus offenbart wurde. Nur in Dienst und Opfer kann der Mensch zum ewigen Leben und zu Gott finden. Sie sind der Weg der Seele aufwärts zu Gott. Man muß sein Leben verlieren, um es zu gewinnen.
  • Leid und Opfer spielen in diesem Geheimnis eine zentrale Rolle. Der Mensch gelangt zu Gott, indem er sein Kreuz auf sich nimmt, dem Nächsten dient und Gott in seiner Seele wirken lässt, damit er Jesus Christus ähnlicher wird. Dem Menschen gelingt dies nicht aus eigener Kraft, aber seine Mitwirkung ist Voraussetzung dafür. Der Mensch, der dies anerkennt, sich nach Gott ausstreckt, an seiner Heiligung mitwirkt, sich Gott in den Sakramenten öffent erhält die Gnade Gottes, die ihn auf diesem Weg unterstützt und ihn durch die Vergebung seiner Sünden zu Gott gelangen lässt. Gott vollendet den Menschen, der dazu bereit ist.

1.7 Die Symbolik des Kreuzes

Das christliche Kreuz ist das Zeichen des Heils und des ewigen Lebens, das der Mensch durch das Opfer Jesu Christi erlangt hat. Das Kreuz enthält die folgende Symbolik:

  • Als Mittel der Hinrichtung Jesu Christi symbolisiert es die vollständige Hingabe im Dienst an Gott, die Jesus Christus bis in den Tod praktizierte, und dass es keinen Weg zu Gott ohne Opfer gibt.
  • Das Kreuz symbolisiert in seiner vertikalen Achse den Aufstieg des Menschen zu Gott durch dienende Opfer in der Nachfolge Christi.
  • Die horizontale Achse symbolisiert das Irdische, dass im Kreuz das Göttliche im Schnittpunkt mit der vertikalen Achse berührt.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) zufolge sei „das innere Wesen des Kreuzes […] die radikale Liebe“.

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer sagte 2018 über die Bedeutung des Kreuzes als Symbol in den Kulturen Europas:

Das Kreuz ist Inbegriff der abendländischen Kultur. Es ist Ausdruck einer Kultur der Liebe, des Erbarmens und der Lebensbejahung. Es gehört zu den Fundamenten Europas. […] Und wir stellen das Kreuz auf die Gipfel unserer Berge. Nicht die Nationalfahne oder andere Symbole menschlicher Herrschaft, wie dies andere zu anderen Zeiten vielleicht gerne gesehen hätten, sondern das Kreuz. Weithin soll es sichtbar sein, das Kreuz, das Zeichen des Heils und des Lebens, in dem Christus Himmel und Erde, Gott und Men­schen, Opfer und Täter miteinander versöhnt hat.

2. Das Reich Gottes

Das Reich Gottes ist eine verborgene, immaterielle Ordnung des Dienstes an Gott und dem Nächsten. Es trat mit der Auferstehung Jesu Christi in die Welt ein und breitet sich seitdem in den Seelen der Menschen aus, die sich dazu entscheiden in die Nachfolge Jesu Christi einzutreten und zum Segen für die Welt und die Menschen zu wirken. Wem viel gegeben ist, von dem wird im Reich besonders viel verlangt.

Das Reich Gottes ist der von der Gnade bzw. der Kraft Gottes beherrschte Teil einer noch überwiegend vom Feind kontrollierten Welt. Dieses Reich existiert bereits ist noch nicht vollständig entfaltet. In ihm ist Macht etwas, das anderen dient, und was Menschen in der Welt voranbringt gilt hier als Makel. Alle Menschen sind dazu berufen, Teil des Reiches zu werden und Christen sollten vor allem nach dem Reich streben. Apostel werden diejenigen genannt, die in der dienenden Nachfolge Jesu Christi an der Entfaltung Seines Reiches mitwirken.

Der Herrscher dieses Reiches ist Jesus Christus. Im Alten Testament bzw. im Buch Daniel wird der „Menschensohn“ angekündigt, dem „Herrschaft, Würde und Königtum gegeben“ wurden: „Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter.“11

Das Reich Gottes darf nicht als Staat oder politische Ordnung missverstanden werden. Das Reich Gottes wird durch Gott geschaffen und nicht durch Menschen. Der katholische Priester Walter J. Ciszek, der in den 1930er und 40er Jahren als Missionar im verdeckten Einsatz unter erschwerten Bedingungen in der Sowjetunion wirkte, beschrieb das Reich Gottes so:

Christus ist wirklich ein König, wie Pilatus sagte, aber sein Reich ist nicht von dieser Welt (vgl. Joh 18,36). Kein Königreich in Opposition zur sowjetischen Regierung; es beruht nicht auf Ländern, Gebäuden oder Strukturen. Es ist ein Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens, wie die Kirche in der Präfation am Christkönigsfest singt, ein Königreich des Lebens und der Wahrheit, der Heiligkeit und der Gnade, das in den Herzen der Menschen lebt und auf ihrer Überzeugung und ihrem Glauben an die Worte Christi gründet. Die Revolution, die Jesus predigte, soll sich in den Herzen der Menschen vollziehen.

Das Reich bedeutet Heil in Form der Vollendung des Menschen in der Gemeinschaft mit Gott. Wer Teil des Reiches ist, gehört zu Gottes heiligem Volk.

Jesus Christus verwendete zur Beschreibung seines Reiches Wachstumsbilder und beschrieb sein Entstehen mit Bildern von Pflanzen, Feldern und Weinbergen, Saat und Ernte, sowie Hirten und Herden. Das Reich Gottes wächst wie gute Saat unter Unkraut und bringt im Menschen Frucht.

Diesem Reich steht die materielle Ordnung der Welt gegenüber, die nicht vom Dienst an Gott und dem Nächsten, sondern vom Streben nach Eigennutz und weltlichen Dingen geprägt ist. Wer zuerst oder ausschließlich nach weltlichem Erfolg und seinem eigenen Vorteil strebt, kann nicht Teil des Reiches sein.

Das Reich Gottes wird im Rahmen einer überzeitlichen geistigen Auseinandersetzung zudem durch geistige Gegenkräfte der Auflösung und des Verfalls bedroht, ist aber unzerstörbar.

2.1 Das Bild des Weinberges

In den Gleichnissen des Neuen Testaments werden die an der Vorbereitung des Reiches Gottes mitwirkenden Christen mit Arbeitern verglichen, die einen Weinberg bestellen, während der Besitzer des Weinbergs Gott repräsentiert.

Das Bild des Weinberges steht bereits im Alten Testament für das Volk Israel (etwa in Psalm 80) und gemäß christlicher Lehre für die Kirche bzw. für die Gemeinschaft aller Christen. Gott habe ursprünglich in Form des Volkes Israel seinen Weinstock eingepflanzt und ihm Raum in der Welt geschaffen.

Der Weinberg wird von den Menschen in Erwartung des endgültigen Kommens des Reiches Gottes bearbeitet. Jesus Christus nennt in seinem seiner Gleichnisse desn Besitzer des Weinbergs den „Vater“, der die Menschen als seine unwilligen Söhne zu Arbeit im Weinberg beruft. Die Bereitschaft zum Dienst und zur Arbeit im Weinberg wird hier als Voraussetzung dafür genannt, Teil des Reiches Gottes sein zu können.

In Mt 21 verwendet Jesus Chrisus das Bild in diesem Sinne. Er spricht hier vom Besitzer des Weinbergs, der eine Hecke um diesen pflanzt und einen Wachttum auf ihm errichtet sowie von Pächtern, welche die Diener und den Sohn des Besitzers töten wollen um sein Erbe in Anspruch zu nehmen. Jesus Christus kündigte das Scheitern dieser Menschen an, denn der Besitzer des Weinbergs, also Gott, werde gegen sie vorgehen: „Er wird diese bösen Menschen vernichten und den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist.“

3. Die Heilige Schrift

Die Bibel ist eine ganze Bibliothek aufeinander bezogener Bücher, die über Jahrhunderte entstand und Schriften sehr unterschiedlichen Charakters enthält. In ihr finden sich sowohl poetische Texte und Mythen als auch die Wiedergabe von Augenzeugenberichten. Vor diesem Hintergrund sind alle Inhalte der Bibel zu interpretieren. Wer einzelne Sätze der Bibel außerhalb dieses Kontextes betrachtet, missbraucht die Bibel.

Das Christentum entstand nicht auf der Grundlage der Evangelien, sondern auf der Grundlage Jesu Christi. Die Evangelien entstanden in einer Kirche, die bereits eine mehrere Jahrzehnte umfassende Tradition geschaffen hatte, und setzen diese Tradition voraus.

3.1 Die Glaubwürdigkeit der Evangelien

Die Evangelien, die vom Leben und Wirken Jesu Christi berichten, wurden aufgeschrieben, als viele Zeugen des Geschehens noch lebten. Das Johannes-Evangelium wurde sogar von einem unmittelbaren Zeugen des Geschehens verfasst.

Angesichts der Tatsache, dass Christen zur Zeit der Niederschrift der Evangelien nur eine kleine Gemeinschaft darstellten, hätten sich Darstellungen, die nicht im Einklang mit den Erinnerungen der Zeugen standen, sich nicht durchsetzen können. Was die Evangelien widergeben, stützt sich sehr wahrscheinlich auch auf ihre Erinnerungen (der hl. Evangelist Lukas erklärt dies ausdrücklich) und muss in jedem Fall im Einklang damit gestanden haben. Dies unterstreicht auch, dass es eine Widersprüche zwischen den früher entstandenen Paulus-Briefen und den Evangelien gibt.

Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Evangelien im frühen Christentum umstritten gewesen wären, oder darauf, das es andere Evangelien als die bekannten gegeben hätte. Irenäus von Lyon sprach um 160 n. Chr von vier Evangelien.

Es gibt allerdings sprachwissenschaftliche Hinweise darauf, dass die Evangelisten ggf. unter anderem frühere Niederschriften der Aussagen Jesu Christi als Quelle verwendeten.

Die Tatsache, dass die Evangelisten Frauen als Zeugen der Auferstehung Jesu Christi benennen ist ein weiteres Indiz dafür, dass sie die Geschehnisse so widergaben wie sie ihnen berichtet wurden. Wenn sie das Geschehen verfälscht dargestellt hätten, dann hätten sie nicht Frauen als Zeugen benannt, die in der Kultur der damaligen Zeit nur einen geringen Status besaßen und vor Gericht nicht als Zeugen aussagen konnten.

Für die Glaubwürdigkeit der Evangelien spricht auch, dass die Aposten realistisch bzw. auch mit ihren negativen Aspekten und nicht idealisierend beschrieben werden.

4. Die Kirche als heiliges Volk Gottes

Die Kirche ist die Gesamtheit aller Menschen aus allen Zeiten und allen Nationen, die in der Nachfolge Jesu Christi stehen und an seinem großen Auftrag mitwirken. Sie ist das von Gott erwählte, von ihm um sich versammelte „heilige Volk“12. Dieses Volk entstand ursprünglich mit der Berufung Abrahams durch Gott13

Robert Spaemann zufolge bestehe die Kirche aus denen, die es als ihren Auftrag anerkennen, „im Dienst Christi zu arbeiten“.

Die Kirche wurde durch Jesus Christus gegründet. Sie ist Zeichen und Ausdruck des Wirkens Gottes sowie der Brückenkopf Jesu Christi in einer feindlichen Welt. Durch sie errichtet er sein Reich und er war ihr Gründer, als er den hl. Petrus als erstes Oberhaupt seiner Kirche einsetzte:

Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.14

Es gibt nur eine christliche Kirche, da es auch nur einen Jesus Christus gibt. Diese Kirche ist aufgrund ihres Ursprungs, ihres Auftrags und ihrer Lenkung durch den Heiligen Geist heilig. Da es außerhalb der Nachfolge Christi und der Vergebung der Sünden durch ihn kein Heil geben kann, kann es auch außerhalb der Kirche kein Heil für den Menschen geben.

Die Kirche ist darüberhinaus auch die Organisation, welche die Sakramente spendet, das Evangelium verkündet und den Menschen dient. Als Organisation ist die Kirche die dauerhafteste und älteste noch bestehende Institution in der Geschichte der Menschheit. Die Kirche bildet Heilige heran, die vollständig im Dienst Jesu Christi aufgehen. Die Kirche als Organisation ist seit ihrer Gründung hierarchisch strukturiert.

Man unterscheidet außerdem die folgenden Aspekte der Kirche:

  • Die streitende Kirche: Diese befindet sich in der Welt und im Kampf gegen das Böse und die Sünde;
  • Die leidende Kirche: Diese umfasst die Seelen im Purgatorium;
  • Die triumphierende Kirche: Der Begriff beschreibt die Kirche der Heiligen, die zu Gott gelangt sind.

Die Kirche ist die Gemeinschaft, in der der Mensch erfahren kann, dass er eine Geschichte hat, dass er nicht alleine und dass er Teil eines Reiches ist, dass nicht von dieser Welt ist.

Laut Hans Urs von Balthasar ist die Kirche das Strahlen Jesu Christi, der das Licht der Welt ist, in die Welt hinein. Dazu habe Christus Menschen erwählt, die als Licht in der Welt wirken solle.15

Die Sakramente sind von Jesus Christus gestiftete Zeichen der Zugehörigkeit zu seinem Volk.

Die Kirche umfasste zeitweise nur einen einzigen Menschen, nämlich Maria, die unmittelbar vor der Auferstehung Christi als einziger Mensch am Glauben festhielt.

4.1 Das Papsttum

Das Papsttum ist das älteste existierende Amt der Menschheit.

Der Papst ist servus servorum und ein Priesterkönig. Vom römischen Kaisertum übernahm das Papsttum Formen und Sprache.

Der Papst ist als Mensch fehlbar, was insbesondere traditionalistische Katholiken betonen. Er ist kein totalitärer Herrscher, der nach christlicher Vorstellung die Kirche nach seinem Willen lenkt, sondern der Hüter des Erbes der Tradition, das ihm übergeben wurde, und das er intakt weiterzugeben hat. Diese Tradition steht über ihm. Er hat ihr zu entsprechen und nicht umgekehrt.

5. Maria, die Muttergottes

Sie entschied sich dazu, in den Dienst Gottes einzutreten, und führte gehorsam den wichtigsten Auftrag aus, den jemals ein Mensch erhalten hat. Als sie ihren Auftrag hörte, antwortete sie:

Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort! 16

Mit ihrer Entscheidung bereitete sie das entscheidende Ereignis in der Geschichte der Menschheit vor und ermöglichte dadurch die Rettung des Menschen vor den Folgen seiner Sünde.

  • Als erster Mensch hat sie an Jesus Christus geglaubt.
  • Sie war Jesus Christus näher als alle anderen Menschen, dem sie in den ersten Jahren seines Lebens diente.
  • An an allen wichtigen und vor allem an den schwierigsten Stellen des im Neuen Testament geschilderten Geschehen war sie an vorderer Stelle präsent, auch als die Jünger flohen und sie am Kreuz ausharrte und sich die Prophezeiung des Simeon erfüllte, dass ihr ein “Schwert durch die Seele dringen wird” (Lukas 2, 34-35).
  • Zeitweise war sie mit der Kirche identisch, als sie unmittelbar vor der Auferstehung Christi als einziger Mensch am Glauben festhielt.

Nach den Worten der Bibel wird das Reich des Sohnes, den sie gebar, kein Ende haben.

In Lk 1,46 ff. wird ihr Gebet wiedergegeben, in dem sie ihrer Freude und Dankbarkeit über den ihr erteilten Auftrag Ausdruck verleiht, der für sie später noch mit viel Leid und Opfern verbunden war:

Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter. Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig.

Der Text entstand sehr wahrscheinlich noch zu ihren Lebzeiten. Der Evangelist Lukas dürfte die von ihm wiedergegebenen Worte unmittelbar von ihr gehört haben.

Ihr Dienst endete nie. Als die sonnenumkleidete Frau, die in der Offenbarung beschrieben wird, führt sie den letzten Kampf der Heilsgeschichte gegen die Mächte des Bösen. Der Zorn des apokalyptischen Drachen gilt ihr, ihrem Sohn und deren geistigen Nachkommen, also allen Christen.

Im Alten Testament wird sie vermutlich angekündigt, unter anderem im Hohenlied:

Wer ist sie, die hervorglänzt wie das Morgenrot, schön wie der Mond, klar wie die Sonne,
furchtgebietend wie Heerscharen mit Kriegsbannern?17

Sie weist den Menschen den Weg zu Jesus Christus, über den sie sagte: „Tut alles, was er sagt.“ Wer ihr als Vorbild im Glauben folgt, kann zu Jesus Christus gelangen und wer ihr gegenüber wie ein Kind gegenüber seiner Mutter auftritt, den kann sie zu ihrem Sohn führen. Dabei geht es ihr nach katholischer Überzeugung nicht darum, selbst verehrt zu werden, sondern dass ihr Sohn verehrt wird.

Einige der größten Werke europäischer Kultur wurden geschaffen, um sie zu ehren, darunter auch einige der bedeutendsten gotischen Kathedralen, die Namen wie „Notre Dame“ tragen.

5.1 Maria und die Spiritualität des schützenden Dienstes

Marienverehrung hat einen engen Bezug zur Spiritualität des schützenden Dienstes.

Maria, die Hilfe der Christen

Schon früh wurde Maria unter dem Titel „Hilfe der Christen“ angerufen. Das älteste bekannte Mariengebet, dessen Entstehung sich bis ins 3. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, zeigt Maria als Schutzfrau und Helferin der Gläubigen.

In der „Litanei zur Schmerzensmutter“ wird Maria u.a. die „Mutter der Bedrängten“, die „Helferin der Notleidenden“ und der „Schild der Streitenden“ genannt.

Militärische Bezüge

Marienverehrung spielte bei der Verteidigung des Christentums eine wichtige Rolle; insbesondere bei der Verteidigung des christlichen Europas gegen islamische bzw. arabische und osmanische Invasionen. So begann etwa die Reconquista auf der spanischen Halbinsel um das Jahr 722 am Marienheiligtum Covadonga, als der Heerführer Pelagius von Asturien dort um Beistand bat. Auch die erfolgreiche Abwehr osmanischer Invasionen, etwa im Rahmen entscheidender Ereignisse wie der Seeschlacht von Lepanto 1571 oder der Beendigung der Belagerung Wiens 1683, steht in einem engen Zusammenhang mit der Verehrung Marias.

  • Maria und der Abwehrkampf gegen das Osmanische Reich: Nach einem Sieg über ein überlegenes osmanisches Heer, den er auf das Wirken Marias zurückführte, ließ König Ludwig I. von Ungarn in Mariazell eine Kirche errichten. König Johann III. Sobieski betete vor der Schwarzen Madonna von Tschenstochau in Polen 1683 um die Rettung Europas vor dem Islam, als er sich zusammen mit polnischen Kräften auf dem Weg zur Befreiung Wiens von der osmanischen Belagerung befand. Die ihm unterstellten Soldaten habe er nach dem Besuch angewiesen, im Namen Marias Gott um Hilfe zu bitten. Den unter seiner Führung erzielten entscheidenden Sieg in der Schlacht am Kahlenberg, der die islamische Bedrohung Mitteleuropas für lange Zeit beendete, führte er später auf das Wirken Marias zurück.
  • Maria und die Reconquista: König Alfons VIII. (1155-1214) von Spanien wählte Maria als Schutzpatronin. Unter seiner Führung begann die Reconquista größere Erfolge aufzuweisen. Im späten 13. Jahrhundert fand der Schäfer Gil Cordero am Ufer des Guadalupe eine Madonnenstatue, die mutmaßlich 714 von den Einwohnern der Gegend vor den maurischen Invasoren versteckt worden war. Am Fundort wurde daraufhin eine Kapelle errichtet. König Alfons XI. von Kastilien, der die Kapelle mehrfach besucht hatte, erbat die Hilfe Guadelupes vor der Schlacht am Salado (1340). Seinen Sieg schrieb er ihrem Beistand zu und erklärte die Kirche zu einem königlichen Heiligtum. Der spätere Heilige Ferdinand III. und sein Sohn Alfons X. verstanden sich als marianische Könige. Moscheen in den befreiten Städten wurden oft in Kirchen umgewidmet, die nach Maria benannt wurden. Eine große Zahl von Legenden berichtet über das Eingreifen Marias.

6. Tod, Gericht und Purgatorium

Gott hasst das Unheilige, Böse, Verdorbene und Niedrige und stößt es von sich. Nur das Gute kann zu Gott gelangen. Damit der Mensch zu Gott gelangen kann, muss er daher geläuert werden.18

Da Gott den Menschen liebt, unterzieht er ihn dem Gericht. Der unvollkommene Mensch tritt nach seinem Tod Gott gegenüber, dessen Licht alles in der Seele des Menschen bis in die letzte Tiefe hinein offen- und freilegt. Gerichtet  zu werden bedeutet für den Menschen, dass er sich mit den Augen Gottes sieht, was mit großem Schmerz verbunden sein wird. Das damit verbundene Leid wird den Menschen jedoch läuter:

Das nicht bestandene Leiden muss nachbestanden, die nicht erkannte Wahrheit muß nacherkannt, die nicht vollbrachte Liebe muß nacherkannt werden können.

Am Ende steht ein Mensch der das Gute will und von ihm restlos durchdrungen ist, so dass er zu Gott gelangen kann. 19

7. Glaube

7.1 Glaube als Vertrauen in die Wahrheit der Aussagen der Religion

Glaube ist zunächst das Vertrauen in die Wahrheit der Aussagen der Religion. Dieses Vertrauen führt zu weiterer Suche und zur Offenheit für das Wirken Gottes, der dann weitere Dinge dazugibt.

Glaube ist die Antwort des Menschen auf die Grundsatzfrage des Lebens, die nicht anders als durch Glauben zu beantworten ist. Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) schrieb dazu:

Christlich glauben bedeutet […] sich anvertrauen dem Sinn, der mich und die Welt trägt; ihn als den festen Grund nehmen, auf dem ich furchtlos stehen kann. […] Christlich glauben bedeutet, unsere Existenz als Antwort verstehen auf das Wort, den Logos, der alle Dinge trägt und hält. Es bedeutet das Jasagen dazu, dass der Sinn, den wir nicht machen, sondern nur empfangen können, uns schon geschenkt ist, sodass wir ihn nur zu nehmen und uns ihm anzuvertrauen brauchen.

Der Glaube sei in diesem Sinne eine Entscheidung des Menschen, die sich auf alle Bereiche seiner Existenz auswirkt, und die von allen Kräften seiner Existenz, auch von Wille und Verstand, getragen werden muss, damit er wirksam wird.

Bereits an diesem Punkt wird der Mensch auf seinem Weg zu Gott von Gott selbst geführt. Gott ist keinem Menschen fern.20 Er offenbart sich dem Menschen auf vielfache Weise, etwa in den Werken der Schöpfung, in persönlichen Erfahrungen und in Menschen mit besonderem prophetischem Auftrag.

Glaube und Vernunft

Christlicher Glaube lässt sich weder ohne die Vernunft noch doch sie alleine gewinnen. Er beruht auf der Prüfung und Zustimmung durch den Verstand und ist nicht nur Ausdruck eines religiösen Gefühls.

Atheisten und Agnostiker definieren Glaube häufig als das Fürwahrhalten einer Sache, ohne dass man dafür Beweise habe. Da Glaube kein materieller Vorgang ist und sich nicht auf solche bezieht, kann er durch naturwissenschaftliche Hypothesen und Argumente, die sich nur auf materielle Vorgänge beziehen, weder be- noch widerlegt werden. Eine Naturwissenschaft, die dies behauptet oder grundsätzlich ausschließt, dass es nichtmaterielle Aspekte der Wirklichkeit überhaupt geben könne, ist keine Wissenschaft mehr, sondern eine Ideologie.

Die Grundannahme der Naturwissenschaft, die von einem geordneten, mit den Mitteln des Verstandes erfassbaren Universum ausgeht, widerspricht der Annahme des Wirkens eines Schöpfergottes zudem nicht im Geringsten. Auch deshalb entwickelten sich die Naturwissenschaften gerade im christlichen Kulturraum besonders gut.

Papst Leo XIII. betonte 1891, dass Vernunft eine der göttlichen Eigenschaften sei, die den Menschen vom Tier unterscheiden:

Was den Menschen adelt und ihn zu der ihm eigenen Würde erhebt, das ist der vernünftige Geist; dieser verleiht ihm seinen Charakter als Mensch und trennt ihn seiner ganzen Wesenheit nach vom Tiere.

Glaube und Religion benötigen die Reflektion und die Prüfung durch den Verstand. Der hl. Augustinus betonte bereits in der Antike, dass es wichtig sei, die Heilige Schrift nicht entgegen der Erkenntnisse über die materielle Welt zu interpretieren. Glaube ohne die Prüfung durch den Verstand kann zu Aberglauben werden.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) betonte, dass „entstellte Formen der Religion“ entstehen „wenn der reinigenden und strukturierenden Rolle der Vernunft im Bereich der Religion zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird“. 21

7.2  Glaube als Erfahrung transzendenter Wirklichkeit und Ergriffenheit von Gott

Der Glaube ist ein Geschenk, dass der Suchende von Gott erhält. Der Mensch kann sich den Glauben nicht selbst erarbeiten oder ihn aus eigener Kraft gewinnen. Wer aber auf die Wahrheit der Aussagen der Religion vertraut und von dieser Grundlage aus weitersucht, der kann von Gott erfasst werden und zu ihm in ein persönliches Verhältnis treten. Bruder Lorenz sagte, dass Gott „sein inneres Licht jedem, der Ihm ernstlich dienen will“ gebe.

Zum Glauben zu finden ist mit einem Erwachen vergleichbar. Der Mensch erkennt, dass es transzendente Wirklichkeit gibt.

Fortgeschrittener Glaube beruht auf der direkten Erfahrung des Heiligen und Ergriffenheit von ihm. Er ist eine den Menschen fundamental und für immer verändernde Erfahrung, die ihm einen Zugang zur vertikalen Dimension der Wirklichkeit verleiht. Der Glaube öffnet dem Menschen ein Tor aus dem Gefängnis des Ich und den engen Grenzen der physischen Welt und führt ihn über sich selbst hinaus. Er ist ein Schritt in das Unendliche und in die Ewigkeit hinein.

Rudolf Otto beschrieb diese Erfahrung als eine der Erfahrung Ergriffenheit von der überwältigenden Macht Gottes und des Ausgeliefertseins dieser gegenüber. Diese Erfahrung könne erschütternd sein und Schrecken auslösen und den Menschen zugleich auf eine bis zur Extase reichende Weise faszinieren. Das Erfahrene sei völlig fremdartig und gleiche nichts, was der Menschen schon kenne.

Jesus Christus beschrieb die Kraft des Glaubens mit dem Bild des Feuers:

Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!22

Der hl. Johannes vom Kreuz beschrieb den Glauben als „eine geheime, friedliche und liebevolle Eingießung Gottes, die in der empfänglichen Seele den Geist der Liebe entzündet.“

Im Glauben erfährt der Mensch seine Einbindung in größere Zusammenhänge. Der Gläubige erfährt Gott als etwas, das größer und mächtiger ist als alles, was er bis zu diesem Zeitpunkt kannte oder sich auch nur vorstellen konnte. Vor Gott nimmt der Gläubige sich als verschwindend klein wahr, und doch wird er durch den Glauben erhoben. Der Glaube ist die stärkste im Menschen wirkende Kraft, die ihn auch die Furcht vor dem Tod überwinden lässt und sein Leben auf ein neues, höheres Ziel ausrichtet. Er ist das, was Menschen über alle Generationen und Kulturen hinweg zu den großen Werken der Menschheit inspirierte und antrieb. Ein korrumpierter Glaube kann jedoch auch großen Schaden bewirken.

Der Gläubige will Gott verehren und anbeten, weil er erkennt, dass Gott über allen anderen Dingen steht und der Verehrung und Anbetung würdig ist. Der Gläubige will zudem in den Dienst Gottes eintreten.

Der Glaube kann zu einer den ganzen Menschen tragenden Kraft werden, die sein Leben vollständig bestimmt, seinen Blick ständig auf Gott wendet, ihm einen festen Standpunkt und die Bereitschaft zu Dienst und Opfer gibt. Der Gläubige tritt somit in den Dienst Gottes ein.

Der Theologe Romano Guardini schrieb dazu:

Glauben heißt, so zu Christus zu stehen, daß er zur Grundlage des eigenen Daseins, zum Anfang und Ziel der Lebensbewegung, zum Maßstab und zur Kraft wird. Wie weit einer das vollzieht, hängt von seiner Treue und Opferbereitschaft ab; daher tut der Glaubende gut, nicht zu sagen, er sei Christ, sondern er suche einer zu werden. Im Maße er es aber wird, öffnet sich ihm die Tür des Daseins.

Der Psychoanalytiker C.G. Jung sagte über den Glauben:

Es ist gleichgültig, was die Welt über die religiöse Erfahrung denkt; derjenige, der sie hat, besitzt den großen Schatz einer Sache, die ihm zu einer Quelle von Leben, Sinn und Schönheit wurde und die der Welt und der Menschheit einen neuen Glanz gegeben hat. […] Niemand kann wissen, was die letzten Dinge sind. Wir müssen sie hinnehmen, wie wir sie erfahren. Und wenn eine solche Erfahrung dazu hilft, das Leben gesünder oder schöner oder vollständiger oder sinnvoller zu gestalten, für einen selbst und für die, die man liebt, so kann man ruhig sagen: „Es war eine Gnade Gottes.“

Romano Guardini betonte, dass Glaube in diesem Sinne nicht das Ergebnis eines intellektuellen Prozesses ist, sondern ein Ereignis, das auf einen zukommt.

Das, was der Glaube im Menschen bewirkt, ist für den Menschen nicht kontrollierbar. Der Glaube kann den Menschen an Orte und in Situationen führen, die er nicht erwartet hätte.

8. Religion: Die Kultur des Glaubens

Religon ist die Kultur des Glaubens. Das Christentum wäre auch ohne Religion denkbar, da es in seiner einfachsten und unmittelbarsten Form in der Nachfolge Jesu Christi besteht.

Der Religionswissenschaftler Hans-Joachim Schoeps definierte Religion als die in Handlungen und Ideen, aber auch in Empfindungen erlebte Beziehung zwischen dem Mensch und dem Transzendenten. Das Christentum ist in erster Linie der Weg der dienenden Nachfolge Jesu Christi, aber in zweiter Linie ist es auch die darauf gegründete Kultur.

Religion ist die Konsequenz des Glaubens und die Form, in der der Mensch das Heilige und seine Erfahrung damit auszudrücken versucht. Religion beinhaltet die aus dem Glauben heraus geschaffene kulturelle Substanz bzw. die Kultur des Glaubens, die in der Kirche als Institution sowie in Theologie, Kunst, Moral, Ritus, Fest und Feier und anderen Werken erfahrbar wird. Die Kirche als Institution spricht das Bedürfnis des Menschen nach Sinn und Gedächtnis an, während die Theologie seinen Verstand anspricht und die Mystik als Erfahrungsanteil der Religion sein Gefühl anspricht.  Es gibt kaum eine Kultur in der Geschichte der Menschheit, die nicht in erster Linie religiös gewesen wäre.

Nur im Rahmen einer Religion können religiöse Gedanken systematisch und generationenübergreifend entwickelt werden. Religion wirkt außerdem fundamentalistischen, den Kontext der Schrift und verschiedene Bedeutungsbenen ignorierenden Tendenzen entgegen, die mit dem Verzicht auf eine religiöse Lehre verbunden sind. Die Bibel in ihrer Tiefe und Komplexität fordert den Menschen zu ihrer Ergründung und Deutung heraus, was nur im Rahmen von Religion möglich ist. Der Kanon der Bibel ist selbst das Ergebnis der organisierten geistigen Auseinandersetzung mit der Lehre Jesu Christi im religiösen Rahmen. Die Bibel ist das Werk der christlichen Religion.

Anders als der Glaube entwickelt sich Religion, weil sie vom Glauben getrieben wächst. Eine Religion ohne Glauben droht zu erstarren und zu einem toten System zunehmend unverstandener Regeln und Formalismen zu werden.

8.1 Der Wahrheitsanspruch der Religion

Die ernstgemeinte Suche nach Wahrheit setzt einen Wahrheitsanspruch voraus. Das Christentum erhebt diesen Anspruch, da es nicht in sich aufnehmen könnte, was es nach sorgfältiger Prüfung nicht für wahr hält. Nur wer nicht nach Wahrheit strebt und Gedanken nicht darauf prüft, ob sie der Wahrheit entsprechen, erhebt keinen Anspruch darauf, dass der gegenwärtige Stand seiner Überlegungen der Wahrheit nicht hinreichend nahekommt.

Jedes geistige System, das auf der organisierten, rationalen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand seiner Betrachtungen beruht, muss einen solchen Wahrheitsanspruch erheben. Die Behauptung, dass unterschiedliche Aussagen gleichermaßen wahr sein können oder dass es keine objektive Wahrheit gibt, wäre irrational, weil sie den Gesetzen der Logik widerspräche.

Dogmen sind auf dem Weg des rationalen Strebens nach Wahrheit herausgearbeitete religiöse Bestände. Eine undogmatische Religion wäre eine ungeistige, irrationale Religion, die sich nur auf Gefühle stützen würde. Christliche Religion geht von der Unvollkommenheit des Menschen aus. In ihrer Suche nach Wahrheit ist sie demütig, weil sie sich der Grenzen des Menschen bewusst ist.

8.2 Falsche Religion

Es kann aus christlicher Sicht falsche Religion geben, in der die Kultur sich verselbstständigt und nicht mehr auf Gott ausgerichtet ist. Jesus Christus griff mehrere Verfallsformen von Religion an. Dazu gehörte religiöse Selbstgerechtigkeit, die sich im Wunsch äußert, als moralisch überlegen wahrgenommen zu werden anstatt dienen zu wollen. Jesus Christus wurde auf Entscheidung korrumpierter religiöser Führer gekreuzigt, nicht auf Entscheidung weltlicher Herrscher.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) zufolge entstehen „entstellte Formen der Religion“, „wenn der reinigenden und strukturierenden Rolle der Vernunft im Bereich der Religion zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird“. 23