Stand: 04.12.2017

1. Die Realität des Bösen bezeugt die Existenz Gottes

Die nichtmaterielle Wirklichkeit und dadurch auch Gott ist für viele Menschen durch die Konfrontation mit dem Bösen leichter zu erkennen als durch die direkte Begegnung mit dem Wirken Gottes. Je extremer die Lage ist, mit der man konfrontiert wird, desto deutlicher tritt die vertikale Natur der geistigen Dimension der Wirklichkeit bzw. die Tatsache der Existenz des Guten und des Bösen hervor. In der Begegnung mit dem Bösen kann man erkennen, dass das absolut Gute existieren muss, dessen Verneinung das Böse ausmacht. Man braucht von hier aus nur noch den Blick in die andere Richtung zu wenden.

Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.

Joh 1,5

Je extremer die Not und das Böse sind, dem man gegenüber steht, desto deutlicher tritt bei diesem Blick auf die Dinge Gott im Kontrast hervor.  Letztlich gibt es keinen Teil der Wirklichkeit, aus dem man nicht zu Gott zurückfinden könnte.

An der Transzendenz könnte man vielleicht zweifeln, wäre nicht ihr Schatten sichtbar: der Irrtum, die Hässlichkeit, das Böse.

Nicolás Gómez Dávila

Falls man diese Entscheidung nicht schon vorher getroffen hat, wird man dann vor der Entscheidung stehen, ob man ebenfalls zu denen gehören möchte, die Verneinen, oder ob man dienen will. Wer aber Gott mehr dienen will als allem anderen, der kann ihm aber gerade im Ernstfall und in den Extremsituationen begegnen, in denen andere an Gott zweifeln.

Anders als Karl Marx behauptete, wirkt Glaube nicht wie ein Betäubungsmittel, sondern schärft den Blick des Menschen für die höchsten Fragen des Lebens und treibt ihn zur Tat im Angesicht des Bösen und des Unrechts.

2. Auf die Gefahr zugehen als Forderung des christlichen Dienstes

Alle Lebensumstände sind dem Menschen von Gott geschenkt, um genau darin zur Heiligkeit zu finden. Es kann eine Form der Nachfolge und Dienstes an Gott und am Nächsten sein, auf Gefahren zuzugehen und sich bis zu ihrem Eintreffen auf die Begegnung mit ihnen vorzubereiten. Jesus Christus selbst ging diesen Weg bis zur letzten Konsequenz.

Geoffroy de Charny, der eine der wichtigsten zeitgenössischen Schriften über das christliche Rittertum verfasste, schrieb, dass der vom Dienstideal ergriffene Mensch seine Umwelt darauf prüfe, wo er den seinen Fähigkeiten entsprechenden größten Dienst verrichten könne, und in sich den Drang verspüre, sich in entsprechende Lagen zu begeben. Solche Menschen würden unglücklich, wenn sich ihnen nur mindere Aufgaben stellen.

Papst Franziskus verglich die Kirche mit einem Feldlazarett. Es werde aufgeschlagen, „wo die Kämpfe stattfinden“.

3. Der Ernstfall konfrontiert den Menschen mit den letzten Fragen

Viele Menschen, die Extremsituationen erfahren haben, erklärten später, dass sie in ihnen gelernt hätten, von falschen Hoffnungen und Bindungen, etwa an materiellen Besitz, Abstand zu nehmen. Im Ernstfall könne man lernen, dass die Berufung des Menschen nicht in der Erfüllung seiner materiellen Hoffnungen liege. Diese Erfahrung befreie Menschen auch von einem naiven Glauben, der davon ausgeht, dass ein guter Gott dem Menschen ein Leben in Wohlstand und Sicherheit zu garantieren habe.

Der Religionswissenschaftler William James beschrieb, dass der Mensch in Extremsituationen Einsicht in die letzte Fragen und die tieferen Dimensionen des Lebens erhalten könne.

Der jüdische Psychologe Viktor Frankl beschrieb im Zusammenhang mit seiner Auseinandersetzung mit seinen Erfahrungen im Konzentrationslager Auschwitz, dass der Mensch unter solchen Extrembedingungen erkennen könne, dass er nur durch die Entscheidung zu Dienst und Opfer seine Würde auch unter extremen Bedingungen bewahren und dadurch zum Ziel seiner Existenz gelangen könne. Unter solchen Bedingungen werde deutlich, dass der Sinn des menschlichen Lebens offensichtlich nicht in individuellem Wohlergehen bestehe. Zudem werde unter solchen Bedingungen erkennbar, dass der Mensch über keinerlei natürliche Ansprüche gegenüber dem Leben verfüge. Das Leben bestehe stattdessen aus einer Serie von Forderungen an den Menschen. Es stelle Fragen an ihn, die er in Form von Entscheidungen und Taten zu beantworten habe:

Was hier not tut, ist eine Wendung der Fragestellung nach dem Sinn des Lebens: Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet!

Es läge in der Natur des Lebens, dass es Menschen „vor ein großes Schicksal“ stelle und ihnen heroische Entscheidungen abfordere. Dazu erlege es dem Menschen Leid auf, das als Auftrag erkannt werden müsse. Der Mensch sei dabei vor die Entscheidung gestellt, „aus seinem bloßen Leidenszustand eine innere Leistung zu gestalten“.

  • Das Leben habe immer und unter allen Umständen einen Sinn, auch unter den Bedingungen von „Leiden und Sterben, Not und Tod“. Die an den Menschen gerichtete Forderung sei damit verbunden, „dass wir nicht armselig, sondern stolz zu leiden und zu sterben verstehen!“
  • Die vom Menschen geforderte Entscheidung sei die zu Dienst und Opfer. Nur auf diesem Weg behalte er auch unter Extrembedingungen seine Würde, entgehe dem seelischen Tod und verhindere, dass er „im bis aufs äußerste zugespitzten Kampf um die Selbsterhaltung sein Menschentum vergisst und vollends zum Herdentier wird“. Im Konzentrationslager habe Dienst etwa darin bestanden, Menschen zu versorgen, deren Lage besonders schwierig gewesen sei.
  • Es läge im Wesen des Opfers, „unter der Voraussetzung gebracht zu werden, dass scheinbar, dass in dieser Welt – in der Welt des Erfolgs – nichts damit erreicht würde. […] Freilich, derjenige unter uns, der im religiösen Sinne gläubig ist, der könne dies leicht einsehen […].“

Einen Rest an innerer Freiheit und die Möglichkeit der Entscheidung zum Dienst habe es „auch noch in den schwierigsten Situationen und noch bis zur letzten Minute des Lebens“ gegeben. Frankl schreibt, dass er Menschen beobachtet habe, die Leid und Tod sogar dankbar angenommen hätten, weil sie erst unter Extrembedingungen erkannt hätten, dass sie in ihrem früheren, materialistisch geprägten bürgerlichen Leben seelische Fragen nicht ernst genug genommen hätten.

Der Offizier, Mystiker und Schriftsteller Ernst Jünger, der später Katholik wurde, sagte in diesem Zusammenhang, der Mann müsse „die äußersten Gewässer aufsuchen, die Katarakte, den Malstromwirbel, die großen Abgründe“, in deren Angesicht Illusionen keinen Bestand hätten und der Mensch mit höheren Fragen konfrontiert werde, wodurch er Zugang zu höheren Teilen der Wirklichkeit finden könne. Es sei ein zudem „geistiges Exerzizium“, „die Katastrophe ins Auge zu fassen und auch die Art, auf die man in sie verwickelt werden kann.“ Der Ernstfall zwinge den Menschen zu Entscheidungen, wobei es hier auch falsche Entscheidungen gebe und man zudem von ihm überwältigt werden könne. Die Auseinandersetzung mit Krisen und Notlagen bzw. „die scharfe Umschreibung dessen, was verloren gegangen ist“, könne Menschen zudem deutlich machen, woran es an der Welt mangele, und sie sich auf die Suche machen lassen.

4. Krisen zwingen den Menschen zur Umkehr

Gott führt Menschen in Krisen, um sie zur Umkehr zu bewegen. Die Sünde trägt ihr eigenes Gegengift in sich.

5. Josef Pieper: Die Reinigung der Seele durch die Konfrontation mit der Gefahr

Der hl. Thomas spricht laut Piper vom „Geschenk der Furcht“ (lat. Donum Timoris). Die existenzbedrohende Herausforderung und die „gnadenvolle Erfahrung der innersten Gefährung des Menschen“ an den Grenzen des Daseins oder in der Nähe zum Tod reinigten die Seele des Menschen von falschen Zielvorstellungen und der Suche nach falschen Erfüllungen. Diese Form der Reinigung sei „furchtbar vielleicht und tödlich“. Wenn sie jedoch mit der „kühnen Offenheit eines vertrauenden Herzens“ angenommen werden, entfalte sie im Menschen verwandelnde Kraft. Mit der so gewonnenen Reinheit könne der Mensch sich ganz in den Dienst Gottes stellen, so wie es Maria tat, die ihren von Gott erteilten Auftrag mit vorbehaltlosem Gehorsam annahm.

6. Karl Marlantes: Der „Tempel des Mars“ und der Ernstfall als Ort der Begegnung mit Gott

Mit den spirituellen Aspekten des schützenden Dienstes am Nächsten setzte sich auch Karl Marlantes, der als Offizier der amerikanischen Marineinfanterie im Vietnamkrieg diente und mehrfach für seine Tapferkeit ausgezeichnet wurde, in seinem Werk „Was es heißt, in den Krieg zu ziehen“ auseinander. Er sprach in diesem Zusammenhang vom „Tempel des Mars“ als dem spirituellen Zustand, in den jene einträten, die sich im Angesicht der Bedrohung von etwas über dem Menschen stehenden in den Dienst nehmen ließen.

Er habe es häufig erlebt, dass der Wille, seinen Nächsten (etwa einen verwundeten Kameraden) zu schützen, von Menschen Besitz ergriffen und sie über sich selbst hinaustreten lassen habe. In solchen Situationen hätten Soldaten unter feindlichem Feuer ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben und ohne einen Befehl erhalten zu haben ihre Deckung verlassen und seien aufgestanden, um den Verwundeten zu bergen. Dies sei mit intensiven Transzendenzerfahrungen und dem Verlust der Wahrnehmung als Individuum verbunden gewesen. Die damit verbundenen elementaren Erfahrungen würden Menschen ein Leben lang prägen.

Damit ist jedoch auch eine Gefahr verbunden, denn die mächtigen Kräfte, die hier in der Seele des Menschen wirken, können, wenn sie nicht in den Dienst Gottes gestellt werden, sondern für säkulare oder eigene Zwecke instrumentalisiert werden, umso größeren Schaden für alle Beteiligten anrichten.