Stand: 12.12.2017

Die Feindesliebe gehört zu den schwierigsten, nach weltlicher Logik am wenigsten nachvollziehbaren Konzepten des Christentums. Sie beinhaltet die Forderung, den Dienst am Nächsten universell auszuweiten. Der Feind ist in diesem Sinne der Fernste unter den Nächsten. Der eigentliche Feind des Menschen sind nicht andere Menschen, sondern das Böse, das in den Seelen aller Menschen wirkt.

Die Feindesliebe ist der Prüfstein der christlichen Nächstenliebe, weil es besonders ausgeprägten Gehorsam gegenüber Gott erfordert, den Feind, der einem mit Vernichtung droht, zu lieben.

Der Begriff der Feindesliebe wird häufig mißverstanden, da „Liebe“ im modernen Sprachgebrauch ein angenehmes Gefühl gegenüber einer Person bedeutet. Das Konzept der Feindesliebe leugnet nicht die Existenz von Feinden und Feindschaftsverhältnissen oder fordert, böses Handeln für gut zu erklären, was eine Lüge wäre. Es geht auch nicht darum, den Feind zu lieben, weil er ein Feind ist und Böses tut, sondern deshalb, weil er ein potentieller Sohn Gottes ist. Vielleicht werden viele der heutigen Feinde des Christentums noch zu Verteidigern des Christentums werden.

Es gibt unterschiedliche Arten von Feinden. Nicht jeder Feind handelt in seinem feindlichen Tun böse. Der pesönliche Feind ist nicht immer auch ein Feind Gottes. Manche Menschen werden dazu gezwungen, einander als Feinde zu begegnen, oder sie handeln aus Irrtum oder aus schicksalshafter Verstrickung, etwa im Krieg. Auch eigene Fehler können die Ursache des feindlichen Handelns anderer sein.

1. Verhalten gegenüber Feinden

1.1 Die Bekämpfung des Feindes

Feindesliebe beinhaltet keinesfalls die Forderung nach Passivität und Wehrlosigkeit gegenüber dem Feind. Ihn gewähren zu lassen, wo er böse handelt, wäre falsch. Man kann auch durch Unterlassung sündigen, etwa gegen die Pflicht zur Nächstenliebe, die auch gegenüber den potenziellen Opfern des Feindes gilt. Die Pflicht gegenüber Feind beginnt erst da, wo die Pflichten gegenüber näherstehenden Menschen erfüllt sind.

Christen sind dazu verpflichtet, Feinde an bösem Handeln zu hindern, Angriffe gegen Nächste abzuwehren, entsprechenden Feind angemessen zu bekämpfen und nach seiner Niederlage angemessen zu behandeln. Dabei geht es nicht um die Vernichtung des Feindes, sondern darum, dass er aufhört, als Feind zu handeln. Er soll in seinem Vorhaben scheitern oder es beenden und im besten Fall ganz aufhören, ein Feind zu sein.

Der hl. Thomas von Aquin schrieb:

Die der eigenen Person als solcher angethaenen Beleidigungen leicht verzeihen, ist etwas Vollkommenes; das den anderen angethaene Unrecht geduldig tragen, ist etwas Unvollkommenes oder auch Sünde, wenn jemand geziemlicherweise dies hindern kann.

Es stellt einen Akt der Nächstenliebe gegenüber dem Feind dar, ihn an bösem Handeln notfalls auch mit Gewalt zu hindern. Jesus Christus sagte laut Mk 9,42, dass es besser wäre für jemandem, der andere zum Bösen verführt, “wenn er mit einem Mühlstein ins Meer geworfen würde.” Jemanden z.B. mit Gewalt an einem Mord zu hindern, rettet nicht nur das potenzielle Opfer vor dem Tod, sondern bewahrt auch den Feind vor einer Todsünde.

Christliche Feindesliebe erfordert es, die Bekämpfung von Feinden so zu gestalten, dass der erzeugte Schaden nicht über das hinausgeht was erforderlich ist, um die von ihnen ausgehende Bedrohung zuverlässig abzuwenden und zu beenden. Im besten Fall verstellt die Bekämpfung des Feindes nicht Wege möglicher späterer Umkehr und Versöhnung.

1.2 Die Überwindung des Bösen durch das Gute

Christen sollen Feindschaft nach Möglichkeit überwinden und sie nicht pflegen. Dies ist Teil ihres Dienstes und öffenet viele Menschen für das Christentum. Feindesliebe erfordert es, auch dem Feind gegenüber bestimmte Pflichten anzuerkennen. Christen begegnen somit auch Feinden mit grundsätzlichem Wohlwollen und streben eine spätere Versöhnung mit ihnen an. Deshalb reagieren Christen auch versöhnlich auf mindere Akte der Feindseligkeit wie etwa Schmähungen (1Kor 4,12).

Benedikt XVI. deutete die Worte Jesu Christi über Feindesliebe folgendermaßen:

Hier wird der Geist der Rache von uns weggenommen.Wir sollen im Feind den Menschen, das Geschöpf Gottes, erkennen. Das bedeutet nicht, daß wir das Böse wehrlos an uns ergehen lassen müssen. Wohl aber, daß wir in unserem eigenen Tun diesen tieferen Respekt vor ihm wahren. Daß wir versuchen, auch für den Feind das Gute zu erreichen, ihn zu dem Guten zu bringen, letzten Endes auf Christus hin zu  orientieren. In diesem Sinn ist das Gebet für ihn bereits eine grundlegende Komponente, durch die wir ihm wohltun. Indem wir vor Gott positiv für ihn einstehen und darum ringen, daß er nicht mehr Feind sei, sondern daß er aus der Haltung der Feindschaft heraustrete, verändern wir bereits unser inneres Verhältnis zu ihm.

Der hl. Paulus beschrieb die Anforderungen christlichen Verhaltens gegenüber Feinden so:

Segnet eure Verfolger; segnet sie, verflucht sie nicht! […] Vergeltet niemandem Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden! Übt nicht selbst Vergeltung, Geliebte, sondern lasst Raum für das Zorngericht Gottes; denn es steht geschrieben: Mein ist die Vergeltung, ich werde vergelten, spricht der Herr. Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt. Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!
Römer 12, 14-21

1.3 Das Gebet für den Feind

Christen sollen für ihre Feinde beten, etwa dafür, dass Gott ihnen unabhängig von ihrem Tun oder ihrer Einsicht vergeben möge. Dies ist Ausdruck der Tatsache, dass kein Mensch sich die Vergebung seiner Sünden durch eigenes Tun verdienen könnte. Man selbst verdient diese Vergebung somit nicht mehr und nicht weniger als selbst der böseste und uneinsichtigste Feind.

Zudem sollen Christen für die Bekehrung ihrer Feinde beten, damit sie aufhören gegen Gott zu handeln und ihre Seele dadurch zu zerstören.