Disziplin ist ein wesentlicher Bestandteil des militärischen Ethos. Die Auseinandersetzung mit diesem Ethos erfolgt in den Streitkräften westlicher Nationen zunehmend auf der Grundlage postmoderner Weltanschauungen. Dabei zeigt sich jedoch, dass diese aufgrund ihrer Betonung individueller Ansprüche als Grundlage eines Dienstethos ungeeignet sind. Dass das Christentum auch auf diesem Gebiet wertvolle Impulse liefern kann, belegt das Werk „Zucht und Maß. Über die vierte Kardinaltugend“ des katholischen Philosophen Josef Pieper (1904-1997).

Disziplin als Kardinaltugend

Pieper bezieht sich in seinem Werk vor allem auf das Denken des hl. Thomas von Aquin (115-1274), der durch seine Integration antiker Philosophie in das Christentum zu einem der Begründer der abendländischen Philosophie wurde. Er definierte anknüpfend an Aristoteles die Tugend der „Temperantia“ neben Klugheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit als eine der vier Kardinaltugenden.

Pieper übersetzt „Temperantia“ nicht, wie es verbreitet geschieht, mit „Mäßigung“, sondern mit „Zucht“. Im Sprachgebrauch der Gegenwart würde man von „Disziplin“ sprechen.

Disziplin als Voraussetzung des dienenden Lebens

Gegenstand der Disziplin sei die Herstellung innerer Ordnung, ohne die ein dienendes Leben nicht möglich sei. Während die Tapferkeit die nach außen wirkende dienende Tugend sei, sei die Disziplin nach innen gerichtet und bewirke „selbstlose Selbstbewahrung“, indem sie sich gegen die „schlappe Zuchtlosigkeit eines unkeuschen Genusswillens“ richte.

Unzucht hingegen sei die „Selbstzerstörung durch selbstische Entartung der auf Selbstbewahrung zielenden Kräfte“. Der Drang des Menschen nach sinnlichem Genuss in Form von Essen oder sexueller Betätigung sei Teil seines Strebens nach Selbstbewahrung und somit prinzipiell gut. Diese Impulse seien jedoch so stark, dass sie in ungeordnetem Zustand die Kontrolle über den Menschen übernehmen und ihn schwächen oder sogar zerstören könnten. Disziplin hingegen ordne sie der Vernunft als Ordnungskraft unter. Keuschheit im christlichen Sinne sei der Zustand der gelungenen Unterordnung sinnlicher Impulse unter den Verstand. Dies befähige den Menschen durch Befreiung von der Herrschaft seiner Triebe zum Dienst.

Zucht ist ja, als die Quelle und Voraussetzung der Tapferkeit, die Tugend reifer Mannhaftigkeit. Die infantile Unordnung der Zuchtlosigkeit dagegen zerstört nicht nur die Schönheit, sie macht auch unbeherzt; durch Unzucht am meisten wird der Mensch unfähig und ungeneigt, sich ‚ein Herz zu fassen‘ wider die verwundende Macht des Bösen in der Welt.

Pieper zitiert Ernst Jünger, demzufolge Disziplin keine andere Bedeutung habe als das Leben in ununterbrochener Fühlung mit den Schmerz und dadurch in der Bereitschaft zu halten, „zu jeder Stunde im Sinn einer höheren Ordnung zum Einsatz gebracht“ zu werden.

Disziplin und Schönheit

Disziplin und das von ihr getragene Streben nach guten und großen Dingen würden dem Menschen zudem Schönheit verleihen; nicht in Form von sinnlicher Gefälligkeit, sondern durch die Verleihung des Glanzes des Wahren und Guten. Während man die Tugend der Gerechtigkeit nicht äußerlich erkennen könne, erkenne man den disziplinierten Menschen auch an seinem Äußeren:

Die Schönheit der Zucht hat ein geistigeres, strengeres, männlicheres Gesicht.

Die geistliche Dimension der Disziplin

Die Vereinnahmung des Menschen durch seine Leidenschaften mache ihn nicht nur selbstbezogen und zum Dienst an Gott und am Nächsten unfähig, sondern verhindere auch zunehmend, dass die Seele sich überhaupt Gott öffnen könne. Unzucht sei Folge des Suchens nach einer falschen Erfüllung in den Leidenschaften anstatt im Glauben, und Unkeuschheit mache die Seele blind. Man müsse seinen inneren Raum durch Disziplin vor ihr schützen.

Wisst ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt. Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen. Darum laufe ich nicht wie einer, der ziellos läuft, und kämpfe mit der Faust nicht wie einer, der in die Luft schlägt; vielmehr züchtige und unterwerfe ich meinen Leib, damit ich nicht anderen predige und selbst verworfen werde.

1. Korinther 9

Stand: 21.10.2017