Stand: 23.10.2018

Die Tapferkeit ist im christlichen Verständnis die Tugend, die Menschen dazu befähigt, bei der Verfolgung des Guten Risiken einzugehen und Opfer zu bringen. Sie ist somit die Tugend des Kampfes für das Gute und gegen das Böse. Sie ist außerdem die Fähigkeit, im Angesicht von Gefahren und Risiken das richtige zu tun und die Selbstkontrolle zu behalten. Sie befähigt den Mann dazu, in schwierigen Lagen standzuhalten. Sie festigt außerdem die Entschlossenheit, inneren Versuchungen zu widerstehen und im sittlichen Leben Hindernisse zu überwinden.

Die Tugend der Tapferkeit befähig dazu, im Kampf für das Gute die Angst, selbst die vor dem Tod, zu besiegen und allen Prüfungen und Verfolgungen die Stirn zu bieten. Sie macht bereit, für eine gerechte Sache auch das eigene Leben zu opfern. Tapferkeit ist letztlich Risikobereitschaft im Einsatz für das Gute.

Tapferkeit ist die Tugend, die alle anderen Tugenden unterstützt, sobald diese auf die Probe gestellt werden. Sie führt zu Großmut, also dem Wunsch, große Taten zu vollbringen sowie zum Ausstrecken nach Dingen, die Ehre bringen.

1. Die Tapferkeit als Tugend des christlichen Mannes

Ein an seiner Tonsur erkennbarer Mönch beim Kampfsport (Darstellung aus dem Walpurgis-Fechtbuch des Mönches Liutger, ca. 1320, Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Die christliche Tugendlehre, welche die Tapferkeit als eine der vier Kardinaltugenden beinhaltet, stützt sich auf Impulse antiker griechischer Philosophie. Diese Philosophie ging davon aus, dass die Tugenden vor allem die Eigenschaften seien, die der Mann zur Bewältigung des Ernstfalls entwickeln müsse.

  • Der klassische Philologe Werner Wilhelm Jaeger (1888-1961) hatte in seinem Hauptwerk „Paideia – Die Formung des griechischen Menschen“ betont, dass Tugend (altgr. Arete) im Verständnis antiker griechischer Philosphie gleichbedeutend mit soldatischer Mannhaftigkeit gewesen sei. Arete, zu der auch die Tapferkeit gehöre, sei die Bezeichnung „des höchsten ritterlichen Mannesideals mit seiner Verbindung von höfisch vornehmer Sitte und kriegerischem Heldentum“.
  • Der hl. Apostel Paulus, der von hellenischer Kultur geprägt war, ging von dem von Jaeger beschriebenen Tugendverständnis aus und verwendete in seinen Briefen dementsprechend zahlreiche militärische und athletische Bilder zur Beschreibung der Tugenden. In seinen Beschreibungen Jesu Christi hob er dessen Treue und Tapferkeit hervor. Der hl. Apostel und Evangelist Johannes betonte die Tugend der Tapferkeit sowohl in seinen Beschreibungen Jesu Christi als auch in seiner Wiedergabe dessen Forderung nach Tapferkeit im Glauben. Ein Mangel an Tapferkeit führte zur ersten Sünde Adams, als er die Verführung Evas durch die Schlange tatenlos duldete.
  • Der hl. Thomas von Aquin, der das christliche bzw. das katholische Verständnis von Tugend maßgeblich prägte, knüpfte unmittelbar an die oben beschriebenen Gedanken der antiken griechischen Philosophie an und entwickelte sie im christlichen Sinne weiter.
  • Im 20. Jahrhundert hatte der katholische Theologe Romano Guardini die zeitlose Gültigkeit dieser Gedanken in einem Aufsatz über die Tugenden des Mannes betont.

Die Abkehr von diesem Verständnis von Tugend macht Männer nicht nur individuell weniger fähig zur Bewältigung schwieriger Situationen und zum Dienst am Nächsten in solchen Situationen, sondern schwächt auch das Gemeinwesen insgesamt. Da Deutschland und Europa mit hoher Wahrscheinlichkeit schwere Zeiten bevorstehen, werden Männer unter anderem die vielfach vergessene Tugend der Tapferkeit wieder lernen müssen.

Die Kirche kann einen wertvollen Dienst an den Menschen und der Kultur leisten, indem sie Männern diesen Teil des christlichen Kulturerbes vermittelt. Dabei kann sie auch auf aktuelle Vorbilder herausragender Tapferkeit aus ihren Reihen wie den französischen Gendarmerie-Oberst Arnaud Beltrame verweisen.

Der Mut als Grundlage der Tapferkeit

Mut ist als Fähigkeit zur Überwindung der Furcht vor Gefahren Grundlage der Tapferkeit. Für den katholischen Offizier und Philosophen Ernst Jünger war Mut „der Wind, der zu fernen Küsten treibt, der Schlüssel zu allen Schätzen, der Hammer, der große Reiche schmiedete, der Schild, ohne den keine Kultur besteht.“ Er bezeichnete den Mut als „Ansprung der Idee gegen die Materie, ohne Rücksicht, was daraus werden mag.

Der Philosoph Peter Sloterdijk bezeichnete Zivilcourage als „die Magerstufe des Muts für Verlierer“.1

2. Das Gute muß immer erkämpft werden

Josef Pieper betonte, dass das Gute nach christlicher Vorstellung immer erkämpft werden müsse. Die christliche Vorstellung von Tapferkeit gehe von der Existenz des Bösen aus.

Dem weltlich denkenden Liberalismus fehle die Voraussetzung dafür, die Voraussetzung dieser Tugend richtig zu erkennen. Mit seiner optimistischen Sicht der Natur des Menschen könne der Liberalismus das Böse nicht verstehen und unterschätze seine Kraft. Auch die Vorstellung des Eingehens von Risiken für das Gute sei liberalem Denken, das Ausdruck „metaphysischer Bürgerlichkeit“ und seinem Wesen nach unheroisch sei und nach individuellen Vorteilen und materiellen Glückvorstellungen strebe, fremd.2

Pieper betonte außerdem, dass eine Tapferkeit, die nicht mit Klugheit und Gerechtigkeit verbunden sei, eine falsche Tapferkeit und ein Werkzeug des Bösen sei. Tapferkeit sei immer an das Gute gebunden, das Klugheit und Gerechtigkeit erkennen lassen würden.

3. Tapferkeit ist Opfer- und Risikobereitschaft beim Kampf für das Gute

Josef Pieper beschrieb die Tapferkeit als die Tugend des Kampfes gegen die Macht des Bösen, „durch Standhalten wie durch Angriff“. Der tapfere Mensch lasse sich durch Gefahr und Risiko nicht dazu bringen, seine höchsten Güter aufzugeben. Die Tapferkeit beginne zu wirken, wenn Sicherheiten versagen und die Gefahr in der Situation des „unbedingten Ernstfalles“ sichtbar werde. Die Tugend befähige dann dazu, auf das Furchtbare zuzugehen und Risiken bei der Verfolgung des Guten zu akzeptieren. Es liege im Wesen der Tapferkeit, „auf das Äußerste zu blicken“.

Das Wesen der Tapferkeit bestehe außerdem darin, „im Kampfe für die Verwirklichung des Guten Verwundungen hinzunehmen“. Jesus Christus in seinem Dienst an Gott und den Menschen nachzufolgen erfordere Tapferkeit, deren Vorbild Jesus Christus sebst sei:

Eine ‘Tapferkeit’, die nicht hinabreicht bis in die Tiefe der Bereitschaft zu fallen, ist in der Wurzel verdorben und ohne Wirklichkeitsmacht. Bereitschaft erweist sich im Einsatz, und die Tapferkeit vollendet sich im Blutzeugnis. Das Martyrium ist die eigentliche und höchste Tat der Tapferkeit. Die Bereitschaft zum Martyrium ist die Wesenswurzel aller christlichen Tapferkeit. Es gibt keine christliche Tapferkeit ohne diese Bereitschaft. […] Die Todesbereitschaft ist also eines der Fundamente christlichen Lebens.3

Weil alle Tapferkeit „im Angesichte des Todes“ stehe, sei Tapferkeit „im Grunde die Bereitschaft zu sterben, genauer gesagt: die Bereitschaft zu fallen, das heißt: im Kampfe zu sterben.“ Eine Tapferkeit, die nicht prinzipiell die Bereitschaft zum Tod umfasse sei „ohne Wirklichkeitsmacht“.

Dabei schätze der Christ sein Leben und seine Gesundheit nicht gering, denn er brauche sie, um zu dienen. Wenn der Tapfere sein Leben nicht schätzen würde, müsste er die Angst vor dem Tod nicht überwinden. Der Tapfere „liebt nicht den Tod, und er verachtet nicht das Leben“. Er schätze Leben und Gesundheit allerdings geringer als Gott. Nach Joh 12,25 wird derjenige, der sein irdisches Leben zu sehr liebt, sein ewiges Leben verlieren. Die Tapferkeit helfe dem Menschen so zu leben, dass sein ewiges Leben nicht gefährde. Der

4. Die Quellen der Tapferkeit

Ein Mensch kann dann tapfer sein, wenn es in seinem Leben etwas gibt, das wichtiger für ihn ist als sein eigenes physisches Überleben. Die ausgebildete Fähigkeit zur Bewältigung von Herausforderung stärkt ebenfalls die Tapferkeit, weil der so ausgebildete Mann sich größeren Herausforderungen gewachsen sieht.

Der Christ kann tapfer sein, weil er weiß, dass es wichtigeres gibt als sein physisches Überleben. Er fragt nur nach dem Ziel, nicht nach dem Einsatz. In der Bibel wird Tapferkeit als Wirkung der Gnade Gottes und als Ausdruck des Wirkens seiner Kraft im schwachen Menschen dargestellt.

5. Tapferkeit ist nicht Abwesenheit, sondern Überwindung von Furcht

Josef Pieper zufolge setze Tapferkeit Verwundbarkeit voraus: „Tapfer sein nämlich heißt: eine Verwundung hinnehmen können.“ Sie setze auch voraus, Schmerz und Angst empfinden zu können.

Die Tugend der Klugheit, also die Fähigkeit zum Erkennen der Lage, ist mit einer naiven Furchtlosigkeit unvereinbar. Die Tugend der Tapferkeit ist erforderlich, weil die Klugheit Risiken und Gefahren erkennen lässt, die oft gute Gründe für Furcht darstellen. Furcht ist keine Schande, sondern ein Ausdruck des Lebenswillens und Vorsicht ist nicht Feigheit, sondern ein Ausdruck von Klugheit. Tapferkeit ist die Fähigkeit, entgegen der Furcht zu handeln und auf das Furchtbare zuzugehen, wenn die Pflicht es erfordert.

Gegenteile von Tapferkeit sind die Feigheit, die der Angst nachgibt, sowie der Kleinmut, der das Eingehen von Risiken nicht wagt. Der Tapfere spielt nicht mit dem eigenen Leben, sondern setzt es planvoll ein. Die bloße Lust an der Gefahr und das unkluge Eingehen von Risiken ist Ausdruck von Tollkühnheit und stellt eine entartete Form der Tapferkeit dar.

6. Tapferkeit als Haltung

Der Begriff der „Désinvolture“ (wörtlich „Unverdrehtheit“) beschreibt eine tapfere Haltung, die bei der Verteidigung des Wahren, Guten und Schönen auf gelassene und anmutige Weise Stärke zeigt. Ernst Jünger sprach diesbezüglich von einer „göttergleichen Überlegenheit“, die jederzeit vermittelt, Herr der Lage sein und in der eigenen Haltung keinerlei Kompromissbereitschaft gegenüber allem Niedrigen erkennen lässt.

7. Tapferkeit als Neigung zur Tat

Wille und Tat sind die Werkzeuge, mit denen der Tapfere große Werke schafft. Alle Worte und Ideeen bleiben bedeutungslos, wenn sie keine praktischen Folgen haben. Die beste Lehre bleibt irrelevant, wenn ihre Aneignung nicht auch praktisch erfolgt. Die Tugend der Tapferkeit kann nicht vorgetäuscht werden, da sie sich ausschließlich im Handeln beweist.

7.1 Initiative

Die Initiative zu übernehmen ist Teil der Tugend der Tapferkeit. Initiative zu zeigen bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, wenn ein Problem erkannt wird und nicht auf Anweisungen oder eine Eskalation des Problems zu warten. Der Tapfere steuert und kontrolliert Situationen aktiv und weicht unausweichlichen Konflikten nicht aus.

In schwierigen Lagen ist es meistens besser zu handeln als nichts zu tun. Wer handelt, durchbricht den Plan des Gegners.

7.2 Entschlossenheit

Jesus Christus sagte über Entschlossenheit bei der Verfolgung guter Ziele:

Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.4

Entschlossenheit hat etwas Übernatürliches, weil sie den Schwächen der menschlichen Natur trotzt. Die hl. Theresa von Avila schrieb über die Entschlossenheit, dass derjenige, der zum Wasser des Lebens finden wolle, „eine große, höchst entschlossene Entschlosenheit“ brauche, „nicht anzuhalten, bevor die Quelle erreicht ist, käme unterwegs auch der Tod, wäre auch der Mut den Mühsalen des Weges nicht gewachsen und ginge auch die Welt unter.“

Entschlossenheit ist als Führungstugend die Fähigkeit, gute Entscheidungen rasch zu treffen und an ihnen festzuhalten, bis sich entweder die Lage ändert oder das Ziel erreicht wird. Entschlossenheit sollte auf Klugheit und der ruhigen Bewertung der relevanten Informationen beruhen.

Insbesondere in schwierigen Lagen ist es wichtig, dass jemand, der Verantwortung für andere trägt, Entschlüsse klar und eindeutig mittteilt und seine Entschlossenheit auch nach außen hin ausstrahlt. Dies ist Voraussetzung dafür, dass andere dem Entschluss vertrauen, was ihre Tapferkeit bei seiner Umsetzung stärkt.

Diese Ausstrahlung entsteht durch die Vermittlung des Eindrucks von der unbedingten Überzeugheit von der Richtigkeit des Entschlusses und durch das eigene Vorbild bei der Umsetzung des Entschlusses. Der Entschlossene strahlt eine Verbindung aus ruhiger Gelassenheit und energischer Tatkraft aus, die sich nur in Ausnahmefällen auch laut äußern muß. Je größer die ausgestralte Entschlossenheit ist, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass Entscheidungen herausgefordert werden. Selbstvertrauen und der Verzicht darauf, Unsicherheit und Zweifel nach außen zu zeigen, sind Teil dieser Entschlossenheit.