Stand: 05.11.2018

Diese Seite beschreibt das christliche Konzept des gerechten Zorns.

Gerechter Zorn führt zu vollständigen und vorbehaltlosem Einsatz gegen das, was das Richtige und Gute bedroht. Er ist mit der leidenschaftlichen Bereitschaft zum Kampf verbunden bzw. stärkt die Entschlossenheit, gegen das nicht zu Duldende zu kämpfen und hilft, entsprechende Widerstände zu überwinden.

1. Allgemeines

Was den Zorn angeht, so können sowohl Mangel als auch Überfluss destruktive Folgen haben. Das Konzept des gerechten Zorns vermeidet beide Extreme.

Wie bei allen Leidenschaften kommt es auch bei der Bewertung des Zorns darauf an, auf welches Ziel er hingeordnet wird. Er kann abhängig davon sowohl gute und edle Taten fördern als auch einen Ansatzpunkt für das Böse darstellen. Leidenschaften stellen im christlichen Denken jedoch grundsätzlich etwas Gutes dar, so auch der Zorn.

Gerechter Zorn hat dabei die folgenden Eigenschaften:

  • Er richtet sich gegen eine Verletzung der Ordnung Gottes, gegen das Böse und gegen das Unrecht und strebt nach Korrektur eines Mißstands sowie nach der Bewahrung oder Herstellung von Gerechtigkeit.
  • Er dient nicht den Interessen des Individuums, sondern bewirkt im Gegenteil, dass diese zurückgestellt werden und Risiken eingegangen werden können.
  • Er führt zu einer das Unrecht oder den Mißstand korrigierenden, im Sinne von Wirksamkeit im Ziel angemessenen Handlung, und nicht zu zielloser Empörung oder bloßem Aktionismus.
  • Er ist mit unbedingtem Konfrontationswillen verbunden, der keine Kompromisse duldet, solange ein Misstand nicht aus der Welt beseitigt ist und der die außergewöhnliche Kraft und Entschlossenheit dazu freisetzt, die zur Überwindung der damit verbundenen Widerstände zu brechen und die erforderlichen Maßnahmen bis zum Ende umzusetzen.

Der hl. Thomas von Aquin hat sich ausführlich mit dem Zorn bzw. dem gerechten Zorn auseinandergesetzt. Er sah in der Abwesenheit von Zorn gegenüber dem Bösen eine Verfehlung, weil das Böse durch mangels Zorn ausbleibenden Widerstand gefördert werde. Eine grundsätzliche Abwesenheit oder Unterdrückung von Zorn im Angesicht von Unrecht kann dementsprechend eine Verweigerung des Dienstes an Gott und dem Nächsten nach sich ziehen und sich dabei moralisch als Ausdruck von Tugend (etwa als Friedfertigkeit) tarnen, wobei es sich tatsächlich aber nur um Feigheit handelt. Zorn setze die Kraft frei, die der Mensch im Extremfall im Kampf gegen das Böse benötige:

Dazu ist die Zürnkraft den Sinnenwesen gegeben, daß die Hindernisse weggeräumt werden, wodurch die Begehrungskraft gehemmt wird, sich auf ihren Gegenstand zu spannen, sei es wegen der Schwierigkeit, ein Gut zu erlangen, sei es wegen der Schwierigkeit, ein Übel zu überwinden.1

Der gerechte Zorn stärkt somit die Tugend der Tapferkeit. Der gerechte Zorn wird dabei durch die Klugheit gelenkt. Ein Soldat, der das falsche Ziel bekämpft oder die falschen Mittel wählt, vergrößert das Übel, das er bekämpfen soll.

Gerechter Zorn steht nicht im Widerspruch zum Dienst am Nächsten bzw. zur Nächstenliebe, da das Gegenteil von Liebe Gleichgültigkeit ist. Wer aus Angst zu werten gerechten Zorn vermeidet, ist auch nicht zur Nächstenliebe fähig.

Der katholische Philosoph Josef Pieper beschrieb in seinem Werk „Zucht und Maß“, dass der gerechte Zorn gut sei, weil den Menschen im Sinne kämpferischer Leidenschaft für das Gute und für große Dinge entflamme, ihn das Widrige und Böse angreifen lasse und ihn dabei unterstütze, innere Schwäche und Trägheit zu überwinden. Zorn grundsätzlich abzulehnen würde bedeuten, die „Grundkräfte unseres Wesens zu schmähen“ und damit auch den Schöpfer. Ungeordneter Zorn hingegen könne den Menschen so zerstören wie andere ungeordnete Leidenschaften

Der christliche Sanftmut sei nicht mit passiver Schwäche zu verwechseln, sondern sei als richtig geordneter Zorn zu verstehen:

Jene blaßgesichtige Harmlosigkeit, die sich, leider oft mit Erfolg, für Sanftmut ausgibt, soll doch niemand für eine christliche Tugend halten.

Eine bloße Abwesenheit von Zorn ist somit nicht erstrebenswert und würde, wo sie vorliegt, zwangsläufig zu Schwäche führen, die das Böse fördert weil sie es gewähren lässt.

Pieper zitiert in diesem Zusammenhang den hl. Gregor den Großen, einen der Kirchenväter der Spätantike:

Mit größerer Wucht stellt sich die Vernunft dem Bösen entgegen, wenn Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.

Die Verbindung von Disziplinlosigkeit und Abwesenheit kämpferischer Leidenschaft hingegen bringe zum Dienst untaugliche Menschen hervor:

Erst die Verbindung der Zuchtlosigkeit des Genießenwollens mit der faulen Unkraft zu zürnen ist das Kenn-Mal völliger und eigentlich hoffnungsloser Entartung. Sie zeigt sich, wo immer eine Gesellschaftsschicht, ein Volk, eine Kultur reif ist zum Untergang.

Toleranz ist keine christliche Tugend, weil sie auch die Duldung des Bösen beinhaltet, wes dem Gebot der Nächstenliebe und der Kardinaltugend der Gerechtigkeit widerspricht. Das Christentum befürwortet statt dessen Demut, die von der Möglichkeit des eigenen Irrtums ausgehend zurückhaltend ist, was vorschnelle Ablehnung anderer Positionen angeht.

2. Gerechter Zorn als Eigenschaft Gottes

Giotto di Bondone – Jesus vertreibt die Händler aus dem Tempel (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Gerechter Zorn ist eine Eigenschaft Gottes, die im Alten Testamtent besonders betont wird, aber auch im Neuen Testament erwähnt wird. Gott antwortet hier mit gerechtem Zorn auf Verfehlungen der Menschen.

Jesus Christus handelte etwa aus gerechtem Zorn, als er die Händler und Geldwechsler aus dem Tempel in Jerusalem vertrieb. Jesus Christus reagierte zudem mit „Zorn und Trauer“ auf das Unverständnis, das ihm die Phärisäer entgegenbrachten und drohte auch voller Zorn jenen, die Verfehlungen an Kindern begehen. In allen Fällen richtete sich sein Zorn gegen in die Kirche eingedrungene korrupte Elemente.

Der Regisseur Franco Zeffirelli stellte den gerechten Zorn Christi in seinem Film „Jesus von Nazareth“ besonders eindrucksvoll dar.

Im Alten Testement wird häufig der aus Liebe zum sündigenden Menschen diese Sünde mit dem Ziel der Herbeiführung einer Umkehr strafende Zorn Gottes beschrieben.

3. Abgrenzung zu falschem Zorn

Moralisch falscher blinder Zorn wird weder durch die Kardinaltugenden Klugheit und Mäßigung noch durch Demut und Nächstenliebe kontrolliert. Er beschränkt sich auf ein Streben danach, Schaden für einen anderen Menschen zu erzeugen, etwa in Form von Rache, ohne das hierdurch darüber hinaus etwas Gutes bewirkt wird, etwa eine Korrektur von Fehlverhalten oder eine Beseitigigung eines Mißstands. Diese Art von Zorn kann zu schweren Verfehlungen führen und ist zudem Ausdruck von innerer Schwäche und Unordnung sowie eines Mangels an Haltung und Disziplin.

Die Aufforderung Christi in der Bergpredigt, die andere Wange hinzuhalten (Matthäus 5,39), ist in diesem Sinne zu verstehen. Augustinus wies darauf hin, dass die heilige Schrift von dem her zu verstehen sei, was Christus selbst verwirklicht habe. Christus war jedoch durchaus zornig, aber ohne Bitterkeit oder Rachegedanken gegenüber den Zielen seines Zornes.

Es stellt eine Versuchung für Christen dar, egoistischen und ungeordneten Zorn für gerecht zu erklären. Im Epheserbrief heisst es, dass Zorn nicht zu Verfehlungen führen solle. Eine ähnliche Aufforderung findet sich in den Psalmen.

Haß ist von Zorn zu unterscheiden, da Haß auf die Verwirklichung des Bösen gerichtete Leidenschaft ist, während gerechter Zorn auf die Verwirklichung des Guten gerichtet ist.

4. Gerechter Zorn in der Philosophie der Antike

In der Philosophie Platons, deren Gedanken später über dem Umweg der Werke seines Schülers Aristoteles von der christlichen Theologie und Philosophie aufgegriffen wurden, gilt der Zorn (Thymos) neben dem Logos (Vernunft) und dem Eros (Begehren) als eine der drei grundlegenden Eigenschaften der menschlichen Seele.

Platon beschreibt Thymos als charakterliche Voraussetzung des im schützenden Dienst am Gemeinwesen stehenden Mannes. Diesem Mann verleihe ein durch den Verstand kontrollierter Thymos Tapferkeit, Entschlossenheit und das Streben nach Gerechtigkeit.  In den Werken Homers, etwa in den Beschreibungen des Achilles in der Ilias, ist Thymos die Kraft, die den Helden in seinem Kampf antreibt und ihm Tapferkeit gibt, die in ihn aber auch überwältigen, in ihm Destruktives freisetzen und ihn zu blinder Grausamkeit führen kann.