Stand: 07.08.2018

Die christliche Kardinaltugend der Mäßigung ist die Fähigkeit der Kontrolle des Strebens nach der Befriedigung der eigenen Leidenschaften und ihre Unterwerfung unter den von der Vernunft geteuerten Willen. Mäßigung ist weitgehend identisch mit dem, was der Sprachgebrauch der Gegenwart als „Disziplin“ beschreibt.

1. Disziplin als christliche Kardinaltugend

Mäßigung ist im Katechismus als die Tugend definiert, „welche die Neigung zu verschiedenen Vergnügungen zügelt und im Gebrauch geschaffener Güter das rechte Maß einhalten läßt. Sie sichert die Herrschaft des Willens über die Triebe und läßt die Begierden die Grenzen des Ehrbaren nicht überschreiten.“1

Pieper bezieht sich in seinem Werk „Zucht und Maß. Über die vierte Kardinaltugend“ vor allem auf das Denken des hl. Thomas von Aquin (115-1274), der durch seine Integration antiker Philosophie in das Christentum zu einem der Begründer der abendländischen Philosophie wurde. Er definierte anknüpfend an Aristoteles die Tugend der „Temperantia“ neben Klugheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit als eine der vier Kardinaltugenden.

Pieper übersetzt „Temperantia“ nicht, wie es verbreitet geschieht, mit „Mäßigung“, sondern mit „Zucht“. Im Sprachgebrauch der Gegenwart würde man von „Disziplin“ sprechen.

2. Die Natur des Menschen erfordert Disziplin

Das Leben erfordert die Überwindung von Widerständen. Seine Natur legt dem Menschen jedoch das Gegenteil nahe und strebt nach Lustmaximierung und Unlustvermeidung sowie nach Vermeidung von Belastung und Risiken. Aus dem Umfeld ihrer Entstehung entfernt, funktionieren die Triebe des Menschen nicht immer so wie sie sollten, weshalb Impulskontrolle in der modernen Gesellschaft in besonderem Maße notwendig ist.

Der hl. Thomas von Kempen schrieb, dass der Mensch aufgrund seiner schwachen Natur Selbstkontrolle benötige.  „Selbstüberwindung“, „Widerstehen der Sinnlichkeit sowie „Zucht und Ordnung“ seien Ergebnisse des Wirkens der Gnade Gottes in der Seele des Menschen.

Triebkontrolle ist die Wurzel jeder Kultur. Die Leidenschaften des Menschen entfalten wie die Kräfte des Feuers oder des Wassers oder die einer Waffe nur dann gute Wirkung, wenn sie geordnet werden und kontrolliert eingesetzt werden. Wo diese Kontrolle fehlt, können sie destruktiv wirken.

Psychologische Forschung bestätigt, dass Selbstbeherrschung ein besonders verlässlicher Indikator für den Lebenserfolg eines Menschen ist. Je stärker Beharrlichkeit, Geduld oder Sorgfalt schon bei Kindern ausgeprägt waren, desto eher hatten sie später Erfolg im Leben.

Disziplin und Freiheit

Freiheit beruht auf der Herrschaft des Willens. Frei ist nicht, wer tun kann was er möchte, sondern wer werden kann, was er soll, und tun kann, was getan werden muß.

Handlungsfreiheit ohne Selbstkontrolle führt zur Selbstzerstörung. Wer nicht über Selbstkontrolle verfügt, für den ist die Gewährung von Entscheidungsspielraum schädlich, etwa für Kinder. Menschen mit schwachem Charakter können nicht frei sein. Der hl. Augustinus schrieb dazu:

Der Gütige ist frei, auch wenn er ein Sklave ist. Der Böse ist ein Sklave, auch wenn er ein König ist. Denn er dient nicht einem Mann alleine, sondern hat so viele Herren wie er Laster hat.

3. Disziplin als Voraussetzung des dienenden Lebens

Gegenstand der Disziplin sei die Herstellung innerer Ordnung, ohne die ein dienendes Leben nicht möglich sei. Während die Tapferkeit die nach außen wirkende dienende Tugend sei, sei die Disziplin nach innen gerichtet und bewirke „selbstlose Selbstbewahrung“, indem sie sich gegen die „schlappe Zuchtlosigkeit eines unkeuschen Genusswillens“ richte.

Unzucht hingegen sei die „Selbstzerstörung durch selbstische Entartung der auf Selbstbewahrung zielenden Kräfte“. Der Drang des Menschen nach sinnlichem Genuss in Form von Essen oder sexueller Betätigung sei Teil seines Strebens nach Selbstbewahrung und somit prinzipiell gut. Diese Impulse seien jedoch so stark, dass sie in ungeordnetem Zustand die Kontrolle über den Menschen übernehmen und ihn schwächen oder sogar zerstören könnten. Disziplin hingegen ordne sie der Vernunft als Ordnungskraft unter. Keuschheit im christlichen Sinne sei der Zustand der gelungenen Unterordnung sinnlicher Impulse unter den Verstand. Dies befähige den Menschen durch Befreiung von der Herrschaft seiner Triebe zum Dienst.

Zucht ist ja, als die Quelle und Voraussetzung der Tapferkeit, die Tugend reifer Mannhaftigkeit. Die infantile Unordnung der Zuchtlosigkeit dagegen zerstört nicht nur die Schönheit, sie macht auch unbeherzt; durch Unzucht am meisten wird der Mensch unfähig und ungeneigt, sich ‚ein Herz zu fassen‘ wider die verwundende Macht des Bösen in der Welt.

Pieper zitiert Ernst Jünger, demzufolge Disziplin keine andere Bedeutung habe als das Leben in ununterbrochener Fühlung mit den Schmerz und dadurch in der Bereitschaft zu halten, „zu jeder Stunde im Sinn einer höheren Ordnung zum Einsatz gebracht“ zu werden.

4. Die geistliche Dimension der Disziplin

Die Vereinnahmung des Menschen durch seine Leidenschaften mache ihn laut Piper nicht nur selbstbezogen und zum Dienst an Gott und am Nächsten unfähig, sondern verhindere auch zunehmend, dass die Seele sich überhaupt Gott öffnen könne. Unzucht sei Folge des Suchens nach einer falschen Erfüllung in den Leidenschaften anstatt im Glauben, und Unkeuschheit mache die Seele blind. Man müsse seinen inneren Raum durch Disziplin vor ihr schützen.

Der hl. Apostel Paulus schrieb über die Disziplinierung der Leidenschaften:

Wisst ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt. Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen. Darum laufe ich nicht wie einer, der ziellos läuft, und kämpfe mit der Faust nicht wie einer, der in die Luft schlägt; vielmehr züchtige und unterwerfe ich meinen Leib, damit ich nicht anderen predige und selbst verworfen werde.2

Der stoische Philosoph Epiktet formulierte dies ähnlich:

Und alles, was dir als das Beste erscheint, sei dir ein unverbrüchliches Gesetz. Mag es sich um Mühevolles oder Angenehmes, um ein Ruhmvolles oder Ruhmloses handeln, denke immer: jetzt gilt es zu kämpfen, hier sind die Olympischen Spiele, da gilt kein Aufschub. Und in einem Tag und in einer Handlung ist der ganze Fortschritt vernichtet oder gerettet.

5. Disziplin als männliche Tugend

Disziplin und das von ihr getragene Streben nach guten und großen Dingen würden dem Menschen laut Pieper Schönheit verleihen; nicht in Form von sinnlicher Gefälligkeit, sondern durch die Verleihung des Glanzes des Wahren und Guten. Während man die Tugend der Gerechtigkeit nicht äußerlich erkennen könne, erkenne man den disziplinierten Menschen auch an seinem Äußeren. Die „Schönheit der Zucht hat ein geistigeres, strengeres, männlicheres Gesicht.“

Die Contenance ist die Haltung, die auch und gerade in extremen Situationen auf die Zurschaustellung von Emotionen verzichtet. In der Antike galt die emotionale Selbstbeherrschung als ein zentraler Bestandteil der römischen gravitas oder des Ideals der Philosophie der Stoa. Der eigene innere Zustand sollte dieser Vorstellung nach soweit wie möglich von äußerlichen Eindrücken unabhängig gemacht werden. Die christliche Kultur integrierte diese Vorstellung, weil es einer christlichen Haltung entspricht, sich selbst und den eigenen Gefühlen nicht die höchste Bedeutung einzuräumen.

Weil der Mann in besonderer Weise dazu berufen ist, andere zu schützen, muß er sich jedes Zeigen von Schwäche nach außen soweit es möglich ist verweigern, weil dies das Vertrauen anderer beeinträchtigen und ein schlechtes Beispiel geben würde, das eine Gemeinschaft schwächt.