Stand: 28.04.2018

Die Klugheit ist die höchste christliche Kardinaltugend. Sie ist die Fähigkeit dazu, die Wirklichkeit, die eigene Lage und das Gute zu erkennen, um ihnen entsprechend handeln zu können.

1. Die christliche Kardinaltugend der Klugheit

Klugheit ist laut Josef Pieper die Tugend, die „mit ihrem sachlichen Blick auf das objektive Sein die Wirklichkeitsgemäßheit“ des Handelns erkenne. Die Klugheit erkenne „die ewigen, gottgegebenen Gesetze der Wirklichkeit“ und sehe sie als verbindlich an.

  • Das Maß der Klugheit ist die Wirklichkeit. Sie bringe laut Pieper die Subjektivität des Menschen zum Schweigen, damit er die Umstände erkenne, in denen „er den Auftrag seines Wesens erfüllen muß“. Klugheit beinhaltet somit Wirklichkeitssinn und nüchterne Sachlichkeit. Die Forderung Jesu Christi an die Jünger, „klug wie die Schlangen“ zu sein (Mt 10,16), kann so gedeutet werden, dass die christliche Tugend der Klugheit vor allem auch einen ernsten, nüchternen und emotionslosen Blick auf die Wirklichkeit erfordert. Auch der hl. Apostel Paulus rief insbesondere christliche Männer dazu auf, „nüchtern“ und „besonnen“ zu sein (Titus 2,1).
  • Vernunft ist laut Pieper der „Durchlass zur Wirklichkeit“ und eine der Voraussetzungen der Klugheit. Eine Voraussetzung der Klugheit ist auch die Erkenntnis, dass der Mensch Teil einer nicht seinem Willen unterworfenen Wirklichkeit ist und in einer Welt lebt, deren Regeln er nur zu seinem Schaden ignorieren kann.
  • Klug ist, wer nach Risiken und Gefahren Ausschau hält, sie nicht ausblendet und die Möglichkeit ihres Eintritts in seine Entscheidungen mit einbezieht. (Weiterlesen: Realismus und Wachsamkeit in der Weltanschauung des Christentums). Kluges Denken und Handeln ist somit von Vorsicht (lat. prudentia) geprägt. Die Vorsorge für schwierige Zeiten ist ebenfalls ein Ausdruck von Klugheit. Klug handekt außerdem, wer das Bewährte dem schön Klingenden gegenüber bevorzugt.
  • Die Klugheit ist zudem die Tugend der Unterscheidung (lat. discretio). Der Kluge benennt die Dinge ihrem Wesen nach richtig und unterscheidet zwischen ungleichen Dingen.

Der katholische Theologe Romano Guardini betonte, dass Ernst ein Teil der Klugheit sei:

Dieser Ernst will wissen, worum es wirklich geht, durch alles Gerede von Fortschritt und Naturerschließung hindurch, und übernimmt die Verantwortung, welche die neue Situation ihm auferlegt.

Guardini sprach von einem guten Pessimismus, ohne den nichts Großes entstehen könne:

Er ist die bittere Kraft, die das tapfere Herz und den schaffensfähigen Geist zum dauernden Werk befähigt.

Die Klugheit wirkt der Tendenz der schwachen Natur des Menschen zum Wunschdenken entgegen, welches das für ihn Unangenehme ausblendet und sich in Illusionen einrichtet und Entscheidungen ausweicht. Die Tugend der Klugheit hilft dem Menschen, sich der Härte seines Daseins zu stellen.

Klugheit bezieht sich außerdem stets auf die Wahrnehmung und Anerkennung der gesamten Wirklichkeit und nicht nur ihres materiellen Anteils. Indem christliche Weltanschauung einen vollständigen Blick auf die Wirklichkeit anstrebt und den verkürzten Blick materialistischer Weltanschauungen vermeidet, ist es prinzipiell dazu in der Lage, wirklichkeitsgerechter zu agieren als jene. Eine gute Entscheidung ist nach christlicher Weltanschauung immer auch eine wirklichkeitsgemäße Entscheidung.

2. Das Klugheitsdefizit spät- und postmodernen Denkens

Menschen neigen allgemein dazu, Dinge auszublenden, die sie nicht hören wollen. Einige spät- und postmoderne Ideologien stellen Rechtfertigungen dafür zur Verfügung, indem sie behaupten, dass die Geschichte des Menschen von stetigem Fortschritt gekennzeichnet sei und die Wahrnehmung von grundsätzlichen Problemen nur ein Ausdruck von Rückwärtsgewandtheit und Ängstlichkeit sei.

Dabei setzen diese Ideologien häufig kluge Voraussicht mit irrationaler Angst gleich und schalten dadurch ein wichtiges Korrektiv menschlicher Entscheidungen aus. Die jüdische Philosophin Hannah Arendt hatte vor dieser Tendenz moderner Ideologien gewarnt:

Die größte Gefahr in der Moderne geht nicht von der Anziehungskraft nationalistischer und rassistischer Ideologien aus, sondern von dem Verlust an Wirklichkeit.

Christliche Weltanschauung lehnt zudem die Teile des modernen Fortschrittsnarrativs, die von der Verbesserbarkeit des Menschen und der Welt ausgehen und auf dieser Grundlage ein „Ende der Geschichte“ und ihrer Konflikte erhoffen, ausdrücklich ab. Der damalige Papst Paul VI. beschrieb 1972 das utopische Denken als eines der Einfallstore des Bösen in die Seele des Menschen.

Insbesondere das 20. Jahrhundert, in dem diese sich als Höhepunkt der geistigen Entwicklung der Menschheit wähnenden Ideologien ganze Kontinente verwüsteten und eine dreistellige Millionenzahl von Menschen töteten, hat dieses Fortschrittsnarrativ widerlegt. Bei ihm handelt es sich um einen Ausdruck von Wunschdenken, der auf Schwächen im Menschen- und Weltbild der Moderne beruht.