Stand: 12.07.2018

Seit dem Beginn menschlicher Kultur besteht die Grundfrage der Religion und auch der Philosophie im Streben nach Erkenntnis der Ordnung des Kosmos, nach der Natur des Menschen und nach der Rolle des Menschen im Kosmos. Alle Religionen und auch die meisten Philosophien suchten zudem von Beginn an nach Wegen, um den Menschen in Übereinstimmung mit dieser Ordnung zu bringen und das Problem seiner Unvollkommenheit zu lösen. Jede Kultur beruht auf einer bestimmten Vorstellung von kosmischer Ordnung und der metaphysischen Beschaffenheit der Welt. Diese Vorstellungen gehen jeweils aus einer bestimmten Religion hervor.

Religion ist somit weit mehr als nur eine psychische Reaktion des Menschen auf seine Angst vor dem Tod, wie einige Agnostiker und Atheisten meinen. Sie ist Ausdruck des Strebens des Menschen nach dem Ewigen und nach der praktischen Beantwortung der großen Fragen des Lebens.

Das Weltbild des Christentums geht davon aus, dass die Wirklichkeit nicht auf ihre materiellen Aspekte beschränkt ist, sondern dass diese sich auch einen immateriellen, für den Menschen nicht unmittelbar wahrnehmbaren Anteil umfasst. Der immaterielle Teil der Wirklichkeit ist vertikal und hierarchisch geordnet, und an seiner Spitze steht Gott. Der Mensch verfügt über eine unsterbliche Seele, weshalb sein Leben nicht nur in der materiellen Welt stattfindet. Das Ziel des Menschen ist der Aufstieg seiner Seele zu Gott.

Die Welt ist nach christlicher Auffassung Schauplatz eines überzeitlichen Kampfes zwischen geistigen Kräften. In diesem Kampf sind Christen dazu aufgerufen, sich dieser Wirklichkeit zu stellen, die Lage und die mit ihr verbundenen Herausforderungen und großen Aufgaben zu erkennen und für sie tauglich zu werden. Christen sind dazu berufen, sich an die Grenzen des Reiches Gottes zu begeben, sich der Herausforderung durch das Chaos und das Böse zu stellen und ihnen mit dienenden Taten bis zum Ende der Zeit zu begegnen.

1. Die Beschaffenheit der Wirklichkeit

Die meisten bedeutenden Religionen gehen von ähnlichen Annahmen und Beobachtungen über die Wirklichkeit aus wie das Christentum. So teilen sie etwa die Annahme, dass die Wirklichkeit nicht nur eine materielle sondern auch eine verborgene immaterielle Dimension umfasse und dass die materielle von der immateriellen Dimension abhängig und ihr bedeutungsmäßig untergeordnet sei.

Die nahezu universelle Verbreitung dieses Weltbildes deutet darauf hin, dass es der Mensch naturgemäß auf seine Erkennung angelegt ist und dieses auf Wahrheiten beruht, die unabhängig von der Wahrnehmung des Menschen existieren.

1.1 Das Übernatürliche

In antiker Philosophie und Kosmologie wurden die geistigen, immateriellen Teile der Wirklichkeit die nicht direkt sinnlich erfahrbar sind und daher geheimnisvoll bleiben, als übernatürlich definiert. Platons Höhlengleichnis beruht auf dem Gedanken, dass die sinnlich Wahrnehmung des Menschen ihm die Wirklichkeit nur sehr unvollständig und unvollkommen erschließt.

Das Leben des Menschen findet vor allem auch in der geistigen Wirklichkeit statt, die für das Schicksal des Menschen und seiner Seele sowie die Gestaltung seines Lebens letztlich bedeutender ist als die materielle Wirklichkeit. Der Mensch muss daher auch nach Erkenntnis der immateriellen Wirklichkeit anstreben. Die Theologie will die Frage beantworten, wie diese Ordnung aussieht, was an ihrer Spitze steht und was dies für den Menschen bedeutet.

Materielle und immaterielle Wirklichkeit folgen jeweils eigenen Gesetzmäßigkeiten. Die Naturwissenschaft untersucht die Eigengesetzlichkeit der materiellen Welt. Dabei kann sie keine Antworten auf die grundsätzlichen Fragen des Menschen geben kann, etwa nach dem Ziel seiner Existenz.

Die Ewigkeit ist ein Teil der Wirklichkeit, der sich jenseits der materiellen Wirklichkeit befindet. Gegenwart und Ewigkeit sind auf eine unbekannte Weise miteinander verschränkt. Romano Guardini zufolge befindet sich die Ewigkeit nicht abseits von oder zeitlich nach der durch den Menschen unmittelbar wahrnehmbaren Wirklichkeit, sondern sie leutet in diese hinein.

Der Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould wies darauf hin, dass kein grundsätzlicher Widerspruch zwischen der Annahme Existenz Gottes und naturwissenschaftlichem Denken bestehe, wenn man davon ausgehe, dass die Naturwissenschaften sich ausschließlich mit den materiellen Aspekten der Wirklichkeit auseinandersetzen.1

1.2 Hinweise auf die Existenz des Übernatürlichen

Die Reduzierung der Wirklichkeit auf ihren materiellen Teil bzw. die Erklärung aller Phänomene mit materiellen Ursachen kann wesentliche Teile der Wirklichkeit nicht erklären. Die meisten für das Leben des Menschen existenziell wichtigen Dinge sind materiell kaum greifbar oder erklärbar. Dies gilt unter anderem für Vernunft, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit. Die Existenz der Gesetze der Logik etwa wird auch von den meisten Materialisten nicht bestritten, obwohl diese Gesetze keine materielle Grundlage besitzen. Eine Reduzierung der Wirklichkeit auf ihre materiellen Aspekte wäre irrational und würde dem vernunftorientierten Blick auf die Welt die Grundlage entziehen.

Die Unvollständigkeit einer Weltsicht, die nur materielle Phänomene als real anerkennt, zeigt sich beispielhaft am Phänomen der Kunst. Eine materialistische Weltsicht kann dieses Phänomen nur in Form der damit verbundenen Schallwellen (im Fall der Musik) oder der reflektierten Lichtwellen (im Fall der bildenden Kunst) für real halten, was aber aus der Sicht menschlicher Erfahrung einen verengten Blick darauf darstellt, der den wesentlichen Aspekt des Phänomens ausblendet.

Der Mensch verfügt über eine Reihe von geistigen Eigenschaften, die kein bekanntes Tier mit ihm teilt. Diese Eigenschaften deuten sowohl auf die Existenz eines immateriellen, übernatürlichen Teils der Wirklichkeit als auch auf die Existenz der Seele des Menschen hin.

Insbesondere das Streben des Menschen nach dem Transzendenten stellt einen Hinweis auf die Existenz des Übernatürlichen hin. Alle wesenhaft im Menschen angelegten Bedürfnisse sich auf reale Dinge. C.S. Lewis wies darauf hin, dass das Vorhandensein eines universellen Bedürfnisses, das von weltlichen Dingen nicht gestillt werden könne, ein starkes Indiz dafür sei, dass das Übernatürliche existiere und das Ziel des Menschen nicht in dieser Welt liege.

Darüber hinaus gibt es die folgenden Hinweise auf die Existenz des Übernatürlichen:

  • Willensfreiheit: Diese dürfte in einer nur materiellen Wirklichkeit nicht existieren, da in ihr alle Abläufe nur deterministische Prozesse von Ursache und Wirkung wären. Algorithmen können einige geistige Funktionen simulieren, sich anders als z.B. der Wille des Menschen aber nicht selbst transzendieren. Die Naturwissenschaften können die Existenz des freien Willens zudem nicht bzw. nur als nützliche Illusion erklären. Dabei geraten sie jedoch in einen Widerspruch, da es ohne einen freien Willen auch keine Wissenschaft geben könnte. Experimente, die z.T. als Beleg für die Nichtexistenz des freien Willens angeführt werden, beziehen sich ausschließlich auf vegetative Abläufe.
  • Vernunft: Der Mensch hat die Fähigkeit zur Erkenntnis von Wahrheit, die für ihn keinen praktischen Nutzen hat oder seinem Eigennutz sogar entgegensteht.
  • Gewissen: Gott wirkt in jedem Menschen über dessen Gewissen.
  • Die Erfahrung des Wahren, Guten und Schönen: Menschen sind kultur- und religionsübergreifend dazu in der Lage, Gut und Böse zu identifizieren. Dies ist auch dann der Fall, wenn die Praktizierung des Bösen für sie mit einem Vorteil verbunden ist. Kulturelle Unterschiede bei der Beschreibung des Bösen sind vorwiegend gradueller, aber nicht grundsätzlicher Natur. Dies gilt auch für die Wahrnehmung von Gerechtigkeit oder Wahrheit. Die Erfahrung des Erhabenen, Reinen und Fürchtenswerten kann den Menschen dabei aufs Äußerste innerlich berühren und die Grenze zur religiösen Erfahrung überschreiten. Das Geschaute weist dann über die physische Welt hinaus und lässt einen anderen, ansonsten verborgenen Teil der Wirklichkeit erkennbar werden.
  • Religiöse Erfahrung: Dass das Phänomen religiöser Erfahrung in allen Kulturen existiert ist ebenso unbestritten wie die Tatsache, dass religiöse Motive zu den stärksten Motiven des Menschen gehören. Die Wahrnehmung des Menschen kann zwar getäuscht werden, aber es ist keine Wahrnehmungsstörung oder Illusion bekannt, die vergleichbare positive Wirkung auf das Leben des Menschen oder das Wachstum von Kulturen hätte. Die Beschreibung religiöser Erfahrungen durch Mystiker ähnelt sich dabei über die Jahrtausende und die Kulturen hinweg auf eine Weise, die darauf hindeutet, dass es sich bei ihnen nicht um willkürliche Phantasieprodukte handelt. Die Veränderung des Gläubigen durch die in ihm wirkende Kraft belegt auch für die nicht Glaubenden die Wirklichkeit des Glaubens.

Einen möglichen Hinweis auf die Existenz des Übernatürlichen stellen auch Nahtoderfahrungen dar, die jedoch noch unzureichend erforscht sind. Falls einige diesbezügliche Behauptungen zutreffen, könnten solche Erfahrungen jedoch zumindest ein starkes Indiz für die Existenz einer vom Körper unabhängigen Seele des Menschen sein.

Hinweise in der Natur

  • Ein Argument für die Existenz einer immateriellen Wirklichkeit ist auch, dass alle materiellen Phänomene eine Ursache benötigen. Die Existenz der materiellen Welt ist somit kaum ohne die Existenz von etwas erklärbar, was außerhalb von ihr steht und ihr übergeordnet ist.
  • Dass das Universum überhaupt geordnet und rational verstehbar ist, gibt einen möglichen Hinweis auf die Natur seiner Ursache.
  • Ein Hinweis darauf, dass das Universum das Ergebnis absichtlicher Gestaltung ist, ist die scheinbare Feinabstimmung zahlreicher Naturkonstanten, die bei geringster Abweichung mit einem Universum verbunden wären, in dem kein Leben möglich wäre.

Der Genetiker Francis Collins sieht in der Ordnung des Universums und der scheinbaren Feinabstimmung der Naturkonstanten ein Argument für die Existenz eines Schöpfergottes.2

1.3 Das Übernatürliche ist nur symbolhaft beschreibbar

Da die Sinne des Menschen nur die materielle Wirklichkeit direkt wahrnehmen, braucht der Mensch zur Beschreibung des über diesen Horizonts hinausgehenden Teils der Wirklichkeit Bilder und Symbole aus der materiellen Welt. Diejenigen, die Zugang zu Teilen der geistigen Wirklichkeit haben, müssen zu solchen Bildern greifen, um sich verständlich zu machen. Diese Herausforderung kann man sich so vorstellen wie den Versuch, einem Blinden die Erfahrung eines Sehenden mit Worten zu verdeutlichen.

In allen Kulturen werden dabei unabhängig voneinander ähnliche Bilder und Symbole verwendet, was auf ähnliche Erfahrungen der geistigen Wirklichkeit hindeutet, was ein Argument dafür ist, dass diese tatsächlich existiert. So werden etwa Bilder von Licht und Dunkelheit oder oben und unten allgemein verwendet. Solche Bilder sind jedoch notwendigerweise unvollkommen.

2. Die vertikale, hierarchische Ordnung des Kosmos

Alle Religionen und Mythologien der Menschheit beschreiben einen vertikal und hierarchisch geordneten Kosmos, an deren Spitze sich eine Sphäre des Heiligen sowie eine für den Menschen direkt nicht direkt wahrnehmbare Vollkommenheit befindet, die das Maß und die Vollendung allen Wahren, Schönen und Guten darstellt. Wer die Frage nach dem Wesen und dem Ursprung dieser Dinge stellt, hat sich somit auf die Suche nach Gott begeben.

Alle Phänomene der immateriellen Wirklichkeit deuten auf die Existenz dieser für den Menschen nicht direkt sichtbaren Vollendung der vertikalen Ordnung des Kosmos hin, sogar das Böse, das Teil dieser Ordnung ist und durch seine Existenz sichtbar macht, dass es auch das Gute geben muss.

Aufwärts oder hinab! herrschet in heiliger Nacht, Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt, Herrscht im schiefesten Orkus Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?
Friedrich Hölderlin

Die geistige Dimension der Wirklichkeit wird als vertikal und hierarchisch geordnet verstanden und davon ausgegangen, dass sich an ihrer Spitze ein für den Menschen physisch nicht wahrnehmbares höchstes Element befinde, das den Maßstab aller für das Leben des Menschen entscheidenden geistigen Dinge und des Wahren, Guten und Schönen darstelle, und das mit dem Gott der jeweiligen Religion identisch ist.

Durch rationale Überlegungen ist diese Ordnung der Welt grundsätzlich erkennbar. Aufgrund der Begrenztheit des Menschen ist aber die Gestalt der geistigen Welt und dessen, was an ihrer Spitze steht, auf diesem Wege nicht zu erkennen. Entsprechende Erkenntnis erfordert eine Offenbarung, auf deren Grundlage aber rationale Überlegungen zur geistigen Ordnung der Welt beruhen können.

Unterschiedliche Weltbilder sind mit unterschiedlichen Ziel- und Fortschritsvorstellungen verbunden. Im vertikalen Weltbild ist Fortschritt gleichbedeutend mit dem Aufstieg in der Vertikalen, also mit größerer Durchdringung durch das Wahre, Gute und Schöne. In materialistischen Weltbildern hingegen wird Fortschritt meist mit größerer wirtschaftlicher oder technischer Leistung gleichgesetzt.

2.1 Was ist Gott?

In der beschriebenen vertikalen und hierarchischen Ordnung stellt Gott die Ursache aller anderen Dinge und die höchste Vollkommenheit dar, deren Gestalt und Wesen für den Menschen aufgrund seiner Begrenztheit nicht fassbar sind. Alle Aussagen über Gott müssen daher mangelhaft sein.

Die christliche Theologie unterscheidet drei Arten, etwas über Gott zu erfahren: Vernunft, Offenbarung und religiöse Erfahrung.

Zu den wenigen positiven Aussagen, die Religion und Philosophie über Gott getroffen haben gehört, dass er in der Ewigkeit existiert, einem Zustand jenseits der Zeit und der materiellen Welt. Gott ist heilig, weil er jenseits der materiellen existiert, und Gott ist furchterregend und gewaltig weil nichts größeres existiert oder existieren kann als er. Alles, was nicht Gott ist, ist von Gott abhängig, auch der Mensch und die materielle Welt, deren Sein aus Gott hervorgeht. Da Gott vollkommen ist, ist er keinem Wandel unterworfen. Da es nur eine Vollkommenheit geben kann, kann es auch nur einen Gott geben.

Kein lebender Mensch hat Gott je gesehen, aber die Suche nach Gott und die Auseinandersetzung mit der Frage nach seinem Wesen ist eine Grundfrage aller Kulturen. Da das Wirken Gottes Spuren in der materielen Welt sowie in den für den Menschen erkennbaren Teilen der geistigen Welt hinterlassen hat, etwa in der Ordnung des Universums oder im Wahren, Schönen und Guten, ist eine ansatzweise Auseinandersetzung mit der Frage nach Gott auch ohne Zugang zu anderer Offenbarung möglich.

Jeder denkende Mensch hat eine Vorstellung von Gott bzw. eine Vorstellung von geistigen Absolutheiten. Auch Atheisten haben entsprechende Vorstellungen, wobei für sie in der Regel der Mensch oder die Natur bzw. Naturprinzipien oder -Gesetze diese Absolutheit darstellen. Im Grunde bestreiten Atheisten und Agnostiker nicht, dass Gott existiert, sondern nur, dass es sich bei ihm um einen persönlichen Gott handelt.

Der hl. Paulus beschreibt Gott als den, „der in unzugänglichen Lichte wohnt“. Im vierten Hochgebet der katholischen Kirche heißt es über Gott: „Du bist vor den Zeiten und lebst in Ewigkeit.“

Romano Guardini schrieb über die Darstellung Gottes in der Offenbarung des Johannes:

Im Himmel, in der Entrückheit, steht ein Thron. Der auf dem Throne sitzt, ist wie ein funkelndes Edelstein anzusehen. Es wird nichts Näheres über Ihn gesagt, weder über seine Gestalt noch über sein Antlitz. […] Der Thron meint die Majestät des in reiner Gegenwart seienden Gottes. Den in ewiger Stille Lebendigen. Den, der in der zeitlosen Einfachheit seines Willens alles geschaffen hat, alles trägt, alles regiert. Vor Ihm ist irdisches Schaffen und Kämfen nur Vorübergang, und sein Anspruch, das eigentliche Leben zu sein, ist töricht. […] Dieser Gott redet nicht, aber Er hält den Sinn aller Dinge; das fünfte Kapitel berichtet vom Buche in seiner Hand, das sieben Siegel verschließen und keiner öffnen kann, nur das Lamm. er handelt nicht, aber von Ihm kommt alle Macht, Alles ist durch Ihn geschaffen; und alles was geschieht, geschieht durch seinen Willen. Nicht einmal seine Gestalt wird deutlich; sondern da ist nur ein Funkeln von Kostbarkeit, das der Blick nicht zu gliedern vermag, aber alles, was an Bildern auftaucht, hat Gestalt und Sinn von Ihm.3

Der Kulturphilosoph Egon Friedell schrieb über das Gottesbild der christlichen Mystik:

In undurchdringlicher Finsternis, in unbeweglicher Ruhe thront die Gottheit, nur in Negationen beschreibbar, unendlich, unerforschlich, ungeschaffen, jede positive Aussage macht daraus einen Abgott.

Im Buch Exodus wird dieses Wort wiedergegeben: „Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben.“ (2. Mose 33,20)

Der Psychoanalytiker C.G. Jung beschrieb Gott als eine „Urerfahrung des Menschen“.

Gott wird im Christentum als Person beschrieben, d.h. als Wesen, das über Wille und Verstand verfügt. Es wäre jedoch falsch, sich Gott als Menschen mit erweiterten Eigenschaften vorzustellen.  Gott ist transzendent und befindet sich außerhalb der von ihm abhängigen materiellen Welt. Gott ist somit nicht das größte und mächtigste Wesen des Universums, sondern noch wesentlich größer und mächtiger.

2.2 Falsche Götter

Bei der Betrachtung der vertikalen Ordnung des Kosmos kommt es auch darauf an, falsche Unbedingtheiten als solche zu erkennen und zu vermeiden. Bei diesen handelt es sich um transzendente Dinge, die fälschlicherweise für die Spitze der vertikalen Ordnung gehalten werden.

Frühe Religionen sahen Gott in den Kräften der Natur oder der Seele wirken oder identifizierte diese mit Gott oder Göttern. Ihr Gottesbild war jedoch falsch, weil es sich auf Kräfte bezog, die von noch größeren Kräften abhängig waren. Wenn etwas noch größeres existiert oder denkbar ist als das, was als Gott beschrieben wird, kann es sich bei dem Beschriebenen nicht um Gott handeln. Auch ein angenommener Gott, der kleiner als das Universum oder identisch mit diesem ist, könnte nicht der wirkliche Gott sein, sondern nur ein sehr mächtiges Wesen oder eine mächtige Kraft, die von einem noch größeren Schöpfer abhängig wäre. Der echte Gott muß selbst noch über den größten Dingen stehen, die der Mensch kennt oder sich vorstellen kann.

Es kommt häufig vor, dass Weltanschauungen sich auf mutmaßlich höchste geistige Bezugspunkte hin orientieren, die nicht mit Gott identisch sind. Auf diese Weise können auch prinzipiell gute Dinge zu falschen Absolutheiten bzw. zu Götzen werden. Das Maß, in dem der gewählte höchste Bezugspunkt von Gott abweicht, entscheidet dann über den Grad der Wahrheit oder des Irrtums dieser Weltanschauung.

3. Der kosmische Kampf

Die Vorstellung eines kosmischen Kampfes steht im Zentrum des Christentums. Es davon aus, das sich in der übergeordneten immateriellen Welt ein Konflikt zwischen Gott und seinen Herausforderern abspiele. Über die Details dieses Konflikts ist nur wenig bekannt.

  • In diesem Konflikt stehen sich Gott und die Gott verneinenden Kräfte gegenüber.
  • Das Ziel dieser Kräfte ist es mutmaßlich, sich einen Bereich ihrer Herrschaft in der Ordnung Gottes zu schaffen und diesen zu behaupten. Dieser Bereich ist mutmaßlich identisch mit der materiellen Welt.
  • Gott selbst ist in diesem Konflikt nicht gefährdet, aber unter anderem die Seelen der Menschen, über welche die Herausforderer Gottes ihre Herrschaft errichten wollen. Die Fronten dieses Konflikts, der auch auf die zeitliche Welt übergreift, verlaufen durch die Seelen der Menschen. In diesem Kampf kann und darf der Mensch nicht neutral bleiben, schon weil es auch um ihn geht und er dem Kampf auch gar nicht ausweichen könnte.
  • Dieser Konflikt findet ohne Unterbrechung oder die Aussicht einer Beilegung durch friedliche Einigung statt. Er wird bis zum Ende der Zeit dauern und erst mit der Vernichtung des Feindes, des Rebellen Satans und seiner Kräfte, enden. Licht und Finsternis sind zwei einander ausschließende Prinzipien.
  • Für die Menschen wird es in dieser Welt niemals Frieden geben. Sie sind dazu berufen, in diesem Konflikt auf der Seite Gottes und seines Reiches zu dienen. Die Kämpfer und Helden Gottes sind die Heiligen, die ihren Kampf mit den Waffen des Geistes führen.

In der Bibel wird dieser Konflikt, der hier mit dem Bild des Kampfes gegen einen Drachen bzw. eine Schlange beschrieben wird, zu Beginn (Genesis 3) und am Ende (u.a. Offenbarung 20) erwähnt. Vor allem die Offenbarung des Johannes handelt überwiegend von diesem Konflikt. Hier wird die gesamte Geschichte des Menschen als Schauplatz eines kosmischen Kampfes dargestellt, in dem ein Drache, „die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt“, Krieg führt gegen „eine Frau, mit der Sonne bekleidet“ sowie gegen ihren zur Herrschaft über die Welt bestimmten Sohn und jene, die die „Gebote Gottes bewahren und an dem Zeugnis für Jesus festhalten“:

Da erhob sich ein großer Kampf im Himmel. Michael und seine Engel kämpften mit dem Drachen, und der Drache und seine Engel kämpften. Aber sie vermochten nicht standzuhalten, und ihr Platz im Himmel ging verloren. So wurde der große Drache gestürzt: die alte Schlange, die Teufel und Satan heißt und welche die ganze Welt verführt. […] Als der Drache sich auf die Erde hinabgestürzt sah, verfolgte er die Frau, die den Knaben geboren hatte. […] Da geriet der Drache in Zorn über die Frau und ging hin, um Krieg zu führen gegen ihre übrigen Kinder, die Gottes Gebote beobachten und am Zeugnis Jesu festhalten. (Offenbarung 12)

Die katholische Kirche betont in ihrer Lehre (Dokument „Gaudium es Spes“), dass das Leben des Menschen Teil dieses kosmischen Kampfes ist:

Das ganze Leben des Menschen, das einzelne wie das kollektive, stellt sich als Kampf dar, und zwar als ein dramatischer, zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis. […] Die ganze Geschichte der Menschheit durchzieht ein harter Kampf gegen die Mächte der Finsternis, ein Kampf, der schon am Anfang der Welt begann und nach dem Wort des Herrn bis zum letzten Tag andauern wird. Der einzelne Mensch muss, in diesen Streit hineingezogen, beständig kämpfen um seine Entscheidung für das Gute

Das Christentum stehe im “unaufhörlichen Kampf zwischen Gut und Böse” sowie zwischen Ordnung und Auflösung, der die ganze Geschichte der Menschheit durchziehe. Jegliches Geschehen sei Teil dieses Kampfes, „der die Geschichte der Menschheit auf Erden und auch die Heilsgeschichte selbst begleitet“ und der bis zum Ende der Zeit dauern wird.

Papst Benedikt XVI. schrieb:

Wie ihr wohl wißt […] ist unsere Welt Schauplatz eines Kampfes zwischen dem Guten und dem Bösen; da sind mächtige negative Kräfte am Werk, die jene dramatischen Situationen geistiger und materieller Versklavung unserer Zeitgenossen verursachen, gegen die ihr, wie ihr wiederholt erklärt habt, ankämpfen wollt, indem ihr euch zum Dienst am Glauben und zur Förderung der Gerechtigkeit verpflichtet. Solche negativen Kräfte treten heute in vielfältiger Weise in Erscheinung, aber besonders offenkundig durch kulturelle Strömungen, die häufig vorherrschend werden, wie der Subjektivismus, der Relativismus, der Hedonismus, der praktische Materialismus.

Kardinal Clemens August Graf von Galen schrieb in einer seiner letzten Predigten kurz nach dem Zweiten Weltkrieg:

Das Böse und das Gute liegen in einem gigantischen Kampfe, und wir müssen stolz sein, Zeugen dieses gewaltigen Ringens und Mitwirkens in demselben zu sein. Freilich hat jetzt niemand mehr das Recht, ein Mittelmäßiger zu sein.

C.S. Lewis schrieb über diesen Konflikt und darüber, wie er vor rund 2.000 Jahren eine entscheidende Wendung nahm:

Vom Feind besetztes Land – das ist diese Welt. Das Christentum berichtet davon, wie der rechtmäßige König gelandet ist, in Tarnung, könnte man sagen, und wir er uns alle aufruft, uns an einem großen Sabotagefeldzug zu beteiligen.

Der katholische Philosoph Robert Spaemann schrieb dazu:

Man muß klar sehen, daß sich der christliche Glaube in der Welt seit jeher im Kampf befindet. Schon der heilige Petrus sprach von einer übermenschlichen Gegenmacht, die „umhergeht wie ein brüllender Löwe“ […].

3.1 Die zwei Banner

Der hl. Ignatius von Loyola beschrieb den kosmischen Kampf als einen Kampf zwischen „zwei Bannern“ bzw. als Kampf zwischen den Armeen zweier verfeindeter Staaten:

Es gibt zwei Staaten, Jerusalem und Babylon, und zwei Völker: diejenigen, die Gott lieben, die Bürger Jerusalems, und diejenigen, die die Welt lieben, die Bürger Babylons; und es gibt zwei Könige, Christus, den König von Jerusalem, und den Teufel, den König von Babylon. Zwischen diesen beiden Staaten, Völkern und Königen ist ständig Krieg, Zwietracht und Kampf. Beide kennzeichnen ihre Soldaten […], damit diese erkennen, wer jeweils ihr König ist und damit sie von ihm erkannt werden und ihm folgen. Jerusalem nämlich ist Staat im Himmel, Babylon unten auf der Erde; ähnlich ist Christus oben, der Teufel unten. Die Soldaten Christi folgen ihrem König, die Soldaten des Teufels folgen ihrem König.4

Der eigene Staat sei auf die Liebe zu Gott gegründet, während der feindliche Staat auf Egoismus aufbaue. Die Armee des eigenen Staates werde von Jesus Christus geführt, während der Führer der feindlichen Kräfte Luzifer sei.

3.2 Das Übergreifen des Kampfes auf die materielle Welt

Der katholische Ordenspriester und Gründer des Hilfswerks „Kirche in Not“ Werenfried van Straaten schrieb:

Nachdem ich mich 40 Jahre angestrengt habe, um den Opfern des Kommunismus zu helfen, glaube ich mit einiger Sachkenntnis über den Kommunismus mitreden zu können. Und ich sage euch: Jenseits des Spieles der Diplomaten und des endlosen Geredes der internationalen Konferenzen wütet der Kampf, den Johannes in der Vision der Frau und des Drachens geschildert hat. Der Anführer der höllischen Geister ist Satan. An der Spitze des himmlischen Heeres steht die Königin der Engel. Er, der zu Gott „Nein“ gesagt hat, kämpft gegen sie, die „Ja“ gesagt hat. Das ist der wahre Sinne des heutigen Zeitgeschehens und die einzige Geschichtsphilosophie, die die letzten Ursachen erklärt.

3.3 Der kosmische Kampf in den Mythen der Menschheit

Die Vorstellung eines kosmischen Kampfes ist in vielen Mythen der Menschheit zu finden. Der Psychologe Jordan B. Peterson deutet diese Mythen in diesem Zusammenhang als Erzählungen, die psychologisch fundierte Aussagen über die Natur des Menschen sowie seine Rolle und seinen Auftrag in der Welt beschrieben. Mythen seien der Ausdruck eines tieferen, im Gegensatz zum rationalen Denken größere Teile der Wirklichkeit umfassenden Denkens.

Dies gelte insbesondere für den in vielen Kulturen zu findenden Kampfmythos. Dieser beschreibt eine Auseinandersetzung zwischen göttlichen Wesenheiten auf kosmischer Ebene. In diesem Kampf stehen sich ein die kosmosmische Ordnung verteidigender göttlicher Held sowie ein diese Ordnung bedrohender und herausfordernder, das Chaos repräsentierender Drache gegenüber. Im Kampf zwischen beiden geht es um die Herrschaft über den Kosmos.

In der griechischen und römischen Tradition kämpft Apollo gegen Python und Zeus gegen Typhon. In der babylonischen und assyrischen Tradition kämpft Marduk gegen den Chaosdrachen Tiamat. In nordischen Mythen kämpft ein Adler, der in den Zweigen des Weltenbaums wohnt, täglich mit dem Drachen Nidhöggr. In indischen Mythen kämpft Garuda gegen einen Drachen.

Auch Naturkräfte wurden in diesem Sinne gedeutet. Der Winter wird z.T. mit den Kräften des Chaos und des Todes identifiziert, während der Frühling mit dem Sieg über sie verbunden wird. Das Christentum hat dies in den Jahreskreis seiner Feiern integriert. Der sich ankündigende Sieg über Chaos und den Feind des Menschen durch die Geburt Jesu Christi wird hier um den Zeitpunkt der Wintersonnenwende auf der Nordhalbkugel der Erde herum gefeiert, während der Sieg in Form der Aufstehung Jesu Christi um den Zeitpunkt des Frühlingsbeginns herum gefeiert wird.

Peterson geht davon aus, dass das mythologische Motiv des Drachenkampfes zu den ältesten Überlieferungen des Menschen gehört. Es stamme aus unbekannter Quelle, sei in vielen Kulturen zu finden und u.a. in der Proto-Indoeuropäischen Religion, die vor rund 6.000 Jahren entstand, nachweisbar.

4. Der Mensch als Teil des Kosmos

Der Mensch ist seiner Natur nach auch ein  geistiges Wesen, das über eine Seele verfügt, die mehr ist als nur ein biologischer Mechanismus. Der unsterbliche Teil des Menschen, seine Seele, berührt bereits jetzt die Ewigkeit, aus der heraus wiederum Wirkung auf die Seele des Menschen ausgeübt werden kann. Das Leben des Menschen ist in die Ewigkeit verlängert. Nach dem körperlichen Tod des Menschen existiert seine Seele.

Nicht alle Menschen besitzen gleichermaßen Zugang zur geistigen Welt. Je stärker ein Mensch seinen sinnlichen Erfahrungen und der materiellen Welt zugewandt ist, desto schwächer ist in der Regel sein Zugang zur geistigen Welt.

Für den Menschen geht es in allen Religionen darum, sein Leben im richtigen Verhältnis zu Gott zu gestalten und die Frage zu beantworten, wie seine Seele in der vertikalen Ordnung des Kosmos zu ihrem Ziel gelangen kann. In dieser Ordnung gibt es Wege, die den Menschen aufwärts- oder abwärts führen sowie Kräfte, die ihm helfen und solche, die ihn hinabziehen können.

Gleichzeitig sei der Mensch nicht ohne Berücksichtigung seines biologischen Erbes, etwa seiner geschlechtlichen Identität als Mann oder Frau, zu verstehen. Möglicherweise haben materielle Vorgänge das Substrat hervorgebracht, das als Träger der Seele des Menschen fungiert.

4.1 Die unsterbliche Seele des Menschen

Christliche Weltanschauung geht davon aus, dass der Mensch eine Einheit aus seinem physischen Körper und seiner immateriellen Seele darstellt. Die Seele ist dabei die Essenz des Menschen und sein unsterblicher Anteil, der den körperlichen Tod überdauert. Über die Seele wirkt Gott im Menschen, und in ihr weist der Mensch göttliche Eigenschaften auf. Die Seele des Menschen kann sich anders als sein Körper im vertikalen, immateriellen Teil der Wirklichkeit bewegen und daher zu Gott gelangen, wobei sich die Seele entweder aufwärts oder abwärts bewegen kann. Im Tod trennt sich die Seele vom Körper.

Die Seele wird während des Lebens des Menschen durch seine Entscheidungen geformt und nach dem physischen Tod des Menschen geprüft. Da Leib und Seele eine Einheit bilden und die Existenz des Menschen einen Körper erfordert, wird der Mensch auch im Jenseits wieder über einen neuen Körper verfügen.

Die genaue Beschaffenheit der Seele stellt weiterin ein Geheimnis dar. Im Deutschen ist das Wort „Seele“ mit dem Begriff „See“ verwandt. Das Wort soll zum Ausdruck bringen, dass die Seele über unsichtbare Tiefen verfügt und nur das Geschehen an ihrer Oberfläche bewusst wahrgenommen wird. Heraklit schrieb:

Der Seele Grenzen kannst du durchwandernd nicht ausfindig machen, auch wenn du jeden Weg abschrittest.

Die christliche Mystik spricht von einem „Seelengrund“, in dem der Mensch mit Gott verbunden sei. Meister Eckhard sprach davon, dass Gott im Seelengrund in die Seele des Menschen hineinrage. Je stärker der Mensch seinen Egoismus und seine Vorbehalte zurücknehme, desto stärker könne Gott in der Seele wirken. Das Wirken Gottes werde dann von einem „Fünklein“ zu einer Flamme. Die hl. Theresa von Avila sprach davon, dass sich im Zentrum jeder Seele etwas befindet, das sie mit einer strahlenden Sonne verglich.

Dem hl. Thomas von Aquin zufolge seien Wille (zu dem auch die Fähigkeit gehöre zu lieben) und Verstand die Eigenschaften, welche die unsterbliche Seele des Menschen von den sterblichen Seelen anderer höherer Lebewesen unterscheiden würden. Diese Eigenschaften würden sich auf ein materielles Substrat stützen, das diese Eigenschaften aber nicht erzeuge. Die unsterbliche Seele des Menschen könne unabhängig von dieser materiellen Grundlage existieren und daher auch den Tod des Körpers überdauern. Darüber hinaus würde die menschliche Seele wie die der Tiere aber auch materiell erzeugte Eigenschaften besitzen, etwa vegetative Eigenschaften wie die Atmung.

Auf den Wille des Menschen wirkten laut dem hl. Thomas sein Verstand und seine Leidenschaften ein. Diese müssten durch den Aufbau tugendhafter guter Gewohnheiten geordnet werden, damit die Seele des Menschen sich gut entwickeln könne. Die Seele des Menschen ist umkämpft, und der Mensch ist wegen seiner Schwäche angreifbar. Das Böse setzt häufig an den niedrigen Bereichen der Seele an, um den Menschen zu korrumpieren.

Die Seele des Menschen muß gepflegt werden. Sie ist der Schauplatz eines Kampfes und kann vergiftet und korrumpiert werden. Aus eigener Kraft kann dem Menschen der Kampf um seine Seele nicht gelingen. Er benötigt für die gute Entwicklung seiner Seele vor allem das Wirken der Gnade Gottes durch die Sakramente sowie die Einwilligung des Menschen in das Wirken Gottes.

Der Irrtum der Naturalisten über die Natur des Menschen

Es gibt keinen grundsätzlichen Konflikt zwischen christlicher Religion und Wissenschaft, sondern nur einen zwischen Christentum und Naturalismus bzw. Materialismus.

Naturalistische Weltanschauung hält die Seele des Menschen für eine Illusion, die von Abläufen im Gehirn erzeugt wird. Sie verweist als Argument auf naturwissenschaftlich gut erklärbare Eigenschaften der Seele. Die Seele ist nach christlicher Vorstellung jedoch nicht identisch mit diesen, etwa vegetativen Funktionen, Erinnerungen oder Sinneseindrücken. Beim Versuch der Erklärung des freien Willens scheiterten die Naturwissenschaften bislang und ihren führenden Vertretern zufolge sei es unmöglich, dass dieser überhaupt existieren könne.

Naturalisten halten den Menschen außerdem für eine Art biologischer Maschine. Transhumanisten wie Ray Kurzweil (Leiter der technischen Entwicklung bei Google) gehen daher davon aus, das der Inhalt des Gehirns von Menschen langfristig auf Rechner übertragen werden könne.5

Der Psychologe Robert Epstein wies jedoch darauf hin, dass der Mensch nicht wie ein biologischer Computer funktioniere. Das Gehirn sei kein Speicher von Informationen und funktioniere auch nicht auf der Grundlage von Algorithmen.6 Der Neurowissenschaftler Kenneth Miller unterstrich 2015, dass entsprechende Analogien mit zunehmenden Erkenntnisfortschitt in seiner Disziplin zunehmend als untauglich erscheinen würden.7

Umgekehrt entwickeln Computer trotz immer größerer Rechenleistung und leistungsfähigerer Algorithmen nicht die Eigenschaften einer Person, also Bewusstsein, Verstand oder freien Willen, sondern bleiben Maschinen zur Verarbeitung von Informationen. Die Beschreibung des Wesens des Menschen mit den Begriffen der Informationsverarbeitung sei laut Epstein der Versuch, einen auf Grundlage untauglicher Erklärungsansätze unverständlichen Sachverhalt mit untauglichen Metaphern zu beschreiben.

4.1.1 Satan: Der Feind des Menschen
Gustave Doré – Aus dem Bilderzyklus Paradise Lost (gemeinfrei)

Der Feind des Menschen ist Satan, was „Widersacher“ oder „Feind“ bedeutet. Es handelt sich bei ihm um ein geistiges, nichtmenschliches Wesen, das älter, mächtiger, intelligenter und stärker ist als der Mensch. Dieser hat auf sich gestellt nicht die Kraft, seinen Angriffen zu widerstehen.

Satan ist kein Gegengott, der das Böse als eine dem Guten gleichwertig gegenüberstehende Kraft verkörpert, sondern ein ehemaliger Diener Gottes, der sich aus freiem Willen gegen Gott stellte und einen Aufstand gegen ihn anführte. Er unterlag den durch den Erzengel Michael geführten Engeln, die auf der Seite Gottes kämpften, und wurde zusammen mit den anderen aufständischen Engeln aus der Sphäre Gottes verbannt (Offb 12,8).

Der Einflussgebiet Satans ist die Welt des Menschen. Jesus Christus bezeichnete ihn als „Herrscher dieser Welt“ (Joh 12,31; 14,30; 16,11). Der heilige Apostel Paulus nannte ihn den „Gott dieser Welt“ (2 Kor 4,4). Das Wirken Satans war der Auslöser der im Buch Genesis beschrieben ersten Sünde des Menschen.

Das Wirken Satans

Jesus Christus nennt Satan den „Vater der Lüge“ (Joh 8,44). Der heilige Ignatius von Loyola verglich Satan mit dem Führer einer Armee, die eine Festung belagere und diese an ihrer schwächsten Stelle angreife.8

In seinem Wirken, das alle Schwächen des Menschen gegen ihn wendet, geht es darum, den Menschen von Gott abzuwenden, seine Seele zu korrumpieren und zerstören, die Kontrolle über ihn zu übernehmen, ihn als Ebenbild Gottes durch Entstellung zu demütigen und ihn untauglichlich für seinen Dienst zu machen. Der Feind strebt zudem die Zerstörung der Werke Gottes an.

  • Der Feind wirkt durch falsche Versprechen, die an den Schwächen des Menschen wie seiner Neigung zu Stolz, Gier und Lust oder zu utopischem Denken ansetzen und ihn zur Sünde verführen. Satan kennt den Menschen und seine Schwächen und konzentriert sich bei seinem Angriff auf diese. Sogar den ansonsten tugendhaften Menschen kann sein Wirken korrumpieren, etwa über die Neigung zum Stolz.
  • Satan wirkt vital und stark und erscheint dem Menschen wie ein „Engel aus Licht“ (2 Kor 11,14), ist aber tatsächlich die „Macht der Finsternis“ (Lk 22,53; Kol 1,13).
  • Er wirkt auch durch Verzweiflung und Scham, die den Menschen, dessen Leben von der Sünde geprägt ist, zur Kapitulation vor der Sünde und zur Wahrnehmung führen können, dass er nicht würdig für die große Aufgabe sei, die Gott für ihn vorgesehen hat.

Schicksalsschläge, die zur Wahrnehmung der Sinnlosigkeit des Lebens sowie ein geligendes Leben, das zu Stolz auf die eigene Leistung führen können, können das Wirken des Feindes begünstigen.

Der heilige Josemaria Escriva schrieb über das Wirken Satans:

Welt, Teufel und Fleisch sind drei Landstreicher. Sie nützen die Schwäche des Wilden aus, den du in deinem Innern mit dir herumträgst. Sie sind darauf aus, dir für das armselige, wertlose Geglitzer eines Vergnügens das blanke Gold und die Perlen und Brillanten und Rubinen abzunehmen, die vom lebendigen und erlösenden Blut deines Gottes durchglüht sind und die das Lösegeld und den Schatz darstellen für deine Ewigkeit.

Das Böse, dass der Feind bewirkt, ist keine eigenständige Kraft, sondern besteht aus der Verneinung des Guten.

4.1.2 Die Sünde und die Zerstörung der Seele

Der heilige Augustinus definierte die Sünde als „ein Wort, eine Tat oder ein Begehren im Widerspruch zum ewigen Gesetz“. Sünden verwunden die Seele und entfernen sie von Gott. Sünde ist die Folge der Ausrichtung des eigenen Handelns an und die Bevorzugung von etwas anderem als Gott. Sie ist zudem Ausdruck der Weigerung, in Übereinstimmung mit den Erfordernissen der Wirklichkeit zu leben. Wer sündigt, zieht das Niedrigere dem Höheren vor. Er blendet die Wahrheit aus oder leugnet sie und zieht es vor, zumindest vorübergehend einer Lüge zu folgen.

Sünden können im Mangel oder in der Übertreibung von etwas sowie in Unterlassung oder Tat bestehen. Sie können gegen Gott und sein Gesetz, gegen andere Menschen oder gegen einen selbst gerichtet sein.

Der Feind des Menschen setzt häufig an den niedrigen Bereichen der Seele an, um den Menschen zu korrumpieren. Sünde ist dementsprechend oft die Folge eines nicht auf Gott hingeordneten Strebens nach Besitz und Geld, Befriedigung von Trieben sowie nach Macht oder Bestätigung. Der Apostel Paulus nannte Sünden „die Werke des Fleisches“. Der heilige Antonius (ca. 251-356), einer der Väter des christlichen Mönchtums, beschrieb das Wirken des Feindes in ihm wie einen „gewaltigen Sturm“ von Gedanken, die mit dem Wunsch nach solchen Dingen verbunden gewesen seien.

Die Sünde entwickelt dabei eine Eigendynamik. Sie verfestigt sich bei Wiederholung und schafft weitere Ansatzpunkte, über die der Feind des Menschen immer größere Macht über die Seele eines Menschen erlangen und umso größeren Schaden in ihr anrichten kann. Dabei verstrickt sie den Menschen in einem immer stärkeren Geflecht, das es für ihn zunehmend schwieriger macht, sicht daraus zu befreien. Das Wirken der Sünde gleicht einem Strudel, der den Menschen herabzieht oder einer Krebsgeschwulst, die in der Seele wächst und sie vergiftet.

Die Kräfte, denen sich der Mensch durch die Sünde öffnet, sind stärker als er und lassen sich nicht kontrollieren. Todsünden trennen die Verbindung des Menschen von Gott, während geringere Sünden das Wirken des Lichtes Gottes in der Seele beeinträchtigt. Auch geringere Sünden sind ein Problem, denn sie machen ermöglichen größere Sünden, indem sie den Menschen blind machen und ihn schwächen.

Oft ist die Sünde damit verbunden, dem Weg des geringsten Widerstandes zu folgen. Zu sündigen fühlt sich daher zunächst meist angenehm und befriedigend an. Es kann jedoch kein Glück des Menschen gegen den Willen Gottes geben, sondern allenfalls die Illusion von Freude und Gewinn. Sünden wirken immer destruktiv, und die Sünde trägt durch ihre schmerzhaften mittelfristigen Folgen ihr eigenes Gegengift in sich. Die Erkenntnis des Schadens, den der Mensch durch die Sünde für sich und andere erzeugt, kann den Menschen durch den mit ihr verbundenen Schmerz zur Umkehr führen.

Der Mensch zerstört durch seine Sünden nicht nur seine Seele, sondern erzeugt auch Böses in der Welt bzw. Unheil für andere Menschen, was wiederum weitere Sünden begünstigt.

4.1.3 Die Hölle und die Trennung der Seele von Gott

Gott achtet den freien Willen des Menschen vollständig. Wer Gott entscheiden zurückweist, der wird den als „Hölle“ bezeichneten Zustand größter Gottesferne der Seele erreichen, der das Ergebnis einer freien Willensentscheidung ist. Wer Gott als das Wahre, Gute und Schöne zurückweist, aus dessen Verneinung lebt und es bekämpft und wie Satan den Dienst an Gott verweigert und dies zum Prinzip seines Leben macht, kann sich in einen solchen Zustand entwickeln.

Die Didache, eine der wichtigsten frühchristlichen Schriften, beschreibt diesen Weg daher als den „Weg des Todes“. Wer sich dazu entscheidet, in die Dunkelheit zu gehen, und alle Warnungen und Hilfsangebote auf dem Weg dorthin zurückweist und sein Leben immer mehr durch die Sünde kontrollieren lässt, wird sein Ziel wahrscheinlich auch erreichen.

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) schrieb über die Hölle, dass sie der Zustand des vollständig gescheiterten Menschen sei:

Es ist eine Situation, die eine Welt der in die Droge und in die orgiastischen Ekstasen verfallenen Menschen beschreibt, denen im Augenblick des Herausfallens aus der Betäubung die totale Widersprüchlichkeit ihres Lebens deutlich wird.

Das Konzept der Hölle beinhalte das „Bild eines Ausgesetztseins in die Kälte, in die man sich mit der Absage an die Liebe begeben hat.“

4.1.4 Die Gnade: Gottes Hilfe für den Menschen

Die Gnade ist die Hilfe, die Gott dem Menschen zu seiner Heiligung schenkt. Die Gnade Gottes wirkt durch den Heiligen Geist in der Seele des Menschen. Sie kann die durch die Sünde erzeugten Wunden in der Seele des Menschen heilen und stärkt den Menschen.

Der heilige Augustinus schrieb, dass bereits der Wille des Menschen und seine Bereitschaft zur Mitwirkung an seiner Heiligung Gnade, also ein helfendes Geschenk Gottes, darstelle. Zur Gnade gehören auch die Gaben des Heiligen Geistes, mit denen Gott den Menschen dazu befähigt, in seinem Dienst zu wirken.

Durch Gebet, Empfang der Sakramente und Kampf gegen die Sünde öffnet sich der Mensch für die Gnade Gottes, während er sich dieser durch die Sünde verschließt.

Die Gnade ist eine Waffe, die Gott den Menschen im Kampf gegen übernatürliche Feinde zur Verfügung stellt. Dieser Kampf wäre mit den Kräften des Menschen alleine nicht zu gewinnen.

4.2 Die Natur des Menschen

4.2.1 Der Mensch als Ebenbild Gottes

Dass jedem Menschen etwas Göttliches innewohnt, begründet die Würde des Menschen und die Vorstellung der Gleichheit der Menschen vor Gott.

4.2.3 Die Freiheit des Menschen

Der Mensch kann in die Ewigkeit wirkende Entscheidungen treffen. Jedes gehaltene Eheverbrechen erhebt den Menschen über das Materielle und stellt eine kraftvolle Zurückweisung materialistischer Welt- und Menschenbilder dar. Die Stärkung des Menschen dazu, sich für das Gute entscheiden, ist ein Akt zu seiner Befreiung von seiner Unterwerfung unter seine Triebe und Leidenschaften.

An dieser Freiheit des Menschen scheint Gott alles gelegen zu sein. Er greift niemals in sie ein und achtet sie soweit, dass für den Menschen sogar eine vollständige Trennung von Gott möglich ist. Gott zwingt niemandem zum Glauben.

In der Didache, einem der wichtigsten Texte des frühen Christentums, wird die Bedeutung der Entscheidungen des Menschen betont:

Zwei Wege gibt es, einen zum Leben und einen zum Tode; der Unterschied zwischen den beiden Wegen aber ist groß.

4.2.3 Die Schwäche des Menschen

Die Grunderfahrung des moralisch reifen Menschen ist die Erkenntnis seiner fundamentalen Mängel und Schwächen. Die Spannung zwischen menschlichen Neigungen und den Forderungen der durch die Vernunft gewonnenen Einsichten ist für jeden Menschen unabhängig von seiner Religion erfahrbar. Kein Mensch könnte selbst unter den günstigsten Bedingungen aus eigenem Willen und eigener Kraft auch nur einen Tag lang ausschließlich das Gute und Richtige tun. Die korrumpierte Natur des Menschen ist zu schwach, als dass er den Kämpfen seines Lebens und der Versuchung zur Sünde aus eigener Kraft hinreichend wirksam begegnen könnte.

Wer dies versucht, wird entdecken, dass seine egoistische Natur sich dagegen wehrt, ihn immer wieder in die andere Richtung zieht und Hindernisse errichtet, die ihn daran hindern, sein Ziel zu erreichen. Die Natur des Menschen stellt sich ihm in den Weg und schiebt sich immer wieder machtvoll zwischen ihn und sein Ziel. Der hl. Apostel Paulus schrieb, dass es die Erfahrung aller Christen sei, dass ihre alte Natur dem Wirken Gottes in der Seele den Krieg erklärt.9 Der hl. Ignatius von Loyola schrieb, dass es „auf der ganzen Welt keine so wilde Bestie wie den Feind der menschlichen Natur“ gebe.10

Die Fähigkeit des Menschen, das Gute und Richtige mit den Mitteln seines Verstandes zu erkennen, ist zudem begrenzt und korrumpierbar. Aus eigener Kraft kann der Mensch nicht vollkommen werden und in der vertikalen Ordnung der immateriellen Wirklichkeit zu Gott aufsteigen.

4.3 Das Ziel des Menschen

Das Ziel des Menschen ist es, zur Spitze der vertikalen Ordnung des Kosmos und somit zu Gott zu gelangen. Gott fordert vom Menschen: „Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig.“11 Laut dem hl. Josemaria Escriva müsse der Mensch dazu zunächst erkennen, dass er eine „göttliche, auf die Ewigkeit hinzielende Bestimmung hat“.12

Der Mensch kann dieses Ziel unabhängig von religiösen Überzeugungen oder Offenbarungen erkennen, da es für ihn auch ohne diese einsichtig ist, dass das Gute dem Schlechten und Bösen vorzuziehen ist. Es naheliegend, sich zum Licht und nicht zur Dunkelheit hin zu bewegen.

Den Weg zu Gott hat Gott dem Menschen nach christlicher Überzeugung durch Jesus Christus ermöglicht und gezeigt.

Ein Leben, das dieses Ziel erreichen kann, hat zum Inhalt, die Seele auf Gott hin zu entwickeln. Dies kann dem Menschen aufgrund seiner Schwäche nicht aus eigener Kraft heraus, aber auch nicht gegen seinen Willen gelingen. Aufgrund seiner Unvollkommenheit benötigt selbst der beste Mensch außerdem die Gnade der Vergebung seiner Sünden.

Auf dieser Grundlage kann der Mensch mit der Hilfe Gottes den Kampf um seine Seele und seine Heiligung aufnehmen, um sein Ziel erreichen zu können.

4.4 Die Heiligung des Menschen und der geistige Kampf

Die Leiter des Aufstiegs zu Gott – Ikone aus dem 12. Jhd., Katharinenkloster auf dem Sinai (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Heiligung ist der lebenslange Prozess der Vereinigung mit Gott, in dessen Verlauf man anstrebt Jesus Christus immer ähnlicher zu werden. Die Heiligung eines Menschen beginnt mit der Taufe und endet mit dem Anblick Gottes durch den Menschen nach seinem körperlichen Tod.

Um das Ziel seines Daseins erreichen und zu Gott gelangen zu können, muß sich der Mensch sich zunächst dafür entscheiden, überhaupt zu Gott gelangen zu wollen. Anschließend muß er mit der Hilfe Gottes und aus Liebe zu Gott den „guten Kampf“13 um seine Seele aufnehmen.

In diesem Kampf geht es um die Heiligung des Menschen, also seine innere Umwandlung hin zu größerer Ähnlichkeit mit Gott. Heiligung bedeutet die Entwicklung des Menschen in die Richtung der Vollkommenheit Gottes.14

Im Zuge der Heiligung des Menschen entfaltet seine Seele das in ihr von Gott angelegte Potenzial. Heiligung bedeutet auch Reinigung, durch welche die Seele von den durch die Sünde erzeugten Verunreinigungen befreit wird. Im Zuge der Heiligung eines Menschen tritt sein Ego immer stärker in den Hintergrund.

Christliches Leben bedeutet in diesem Sinne mit der Hilfe Gottes dem standzuhalten, was die Berufung des Menschen verneint und bekämpft, und das damit verbundene Leid auf sich zu nehmen. Der Kampf um die Heiligung er Seele ist der Kampf gegen alles in ihr, was nicht im Dienst steht oder diesen Dienst behindert.

Christliche Mönche haben dies mit dem Kampf eines Schiffes in rauher See verglichen, das von Außen durch Sturm und Wellen und von innen durch Lecks bedroht sei. Nur ständiger Kampf und Wachsamkeit könnten dieses Schiff retten, und so sei es auch mit der Seele. Wachsamkeit und die Fähigkeit, schlechte Einflüsse zu erkennen, beschreibt auch der hl. Apostel Paulus als wichtige Eigenschaften des geistigen Kampfes.15

Jesus Christus betonte, dass dieser Weg kein leichter Weg sei:

Geht durch das enge Tor! Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit, und viele gehen auf ihm. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng, und der Weg dahin ist schmal, und nur wenige finden ihn. 16

Heiligkeit ist das wichtigste im Leben des Menschen, weil sie die einzige positive Größe ist, die in der Ewigkeit Bestand hat.

Reinheit ist der Zustand, in dem man sich dem Heiligen nähern kann, ohne es zu entweihen.

Askese schafft innere Ordnung und Freiheit

Durch Abtötung bzw. Askese schafft Gott mit Zustimmung und Unterstützung des Menschen Ordnung im Inneren des Menschen und befreit ihn von den Dingen, die ihn von Gott fernhalten.

Ordnung ist ein Grundprinzip des Kosmos. Der hl. Thomas von Aquin nannte das Schöne den „Glanz der Ordnung“.

Heiligung ist ein Kampf, der Opfer fordert

Es gibt hier keinen leichten Weg, denn die eigenen Wünsche sind oft nicht zuverlässig als Wegzeiger zum Guten. Sünde ist oft der Weg des geringsten Widerstands, während die Verwirklichung des Guten immer gegen innere und äußere Widerstände erfolgt und Kampf erfordert. Es gehört zu den harten Geheimnissen des Lebens, dass man lernen muß, diesen Kampf zu lieben und seine Härten anzunehmen und sogar auf sie zuzugehen. Dies ist viel leichter gesagt als getan.

Heiligung ist das Ergebnis des erfolgreichen Kampfes gegen den Feind des Menschen. Der hl. Apostel Paulus beschreibt diesen Kampf so:

Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn! Zieht die Rüstung Gottes an, damit ihr den listigen Anschlägen des Teufels widerstehen könnt. Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Darum legt die Rüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils standhalten, alles vollbringen und den Kampf bestehen könnt.17

Der heilige Paulus spricht vom „guten Kampf“, der mit dem „Schwert des Geistes“ geführt werde.

Im Katechismus heißt es dazu:

Der Weg zur Vollkommenheit führt über das Kreuz. Es gibt keine Heiligkeit ohne Entsagung und geistigen Kampf […]. Der geistliche Fortschritt verlangt Askese und Abtötung, die stufenweise dazu führen, im Frieden und in der Freude der Seligpreisungen zu leben.

Solange man nicht opferbereit ist, meint man es nicht ernst genug. Abraham erhielt seine Verbindung zu Gott durch Opfer aufrecht.

Es schieben sich laufend Hindernisse zwischen den Menschen und sein Ziel. Frieden und Ruhe wird es in diesem Leben für den zu Gott strebenen Menschen nicht geben, nur Kampf. Das christliche Leben steht in ständiger Spannung zu dem, was einen verneint, und ist damit verbunden, dem Widerstand entgegenzugehen anstatt ihm nachzugeben. Dieses Leben ist eines der ständigen Begegnung mit dem inneren Drachen und dem Kampf gegen ihn.

Der hl. Josemaria Escriva beschrieb den Prozess der Heiligung als Teilnahme an einem übernatürlichen Krieg:

Der Krieg! – Der Krieg hat ein übernatürliches Ziel, sagst du, das der Welt verborgen ist: der Krieg ist für uns… Der Krieg ist das größte Hindernis für einen bequemen Weg. – Aber schließlich werden wir ihn lieben müssen wie ein Mönch seine Bußgeißeln.

Welche Bedeutung der geistige Kampf bereits im frühen Christentum hatte zeigt die Tatsache, dass zentrale christliche Begriffe der militärischen Sprache entnommen wurden. Sacramentum war z.B. ursprünglich die Bezeichnung des Eides des römischen Soldaten, der diesen zu totalem Einsatz verpflichtete. Als Pagani bezeichnete man ursprünglich Zivilisten und später Heiden.

Jedes erbrachte Opfer ist ein Schritt des Menschen über sich selbst und aus den Grenzen der materiellen Welt hinaus.

Heiligung ist Entwicklung hin zu Gott

Heiligung ist nicht das Ergebnis einer einzelnen Entscheidung. Es gibt im geistigen Leben Stufen der Reife. Je früher man diesen Weg einschlägt, desto besser. Man hat nur wenig Zeit.

Der Prozeß der Heiligung bewirkt den Aufstieg des Menschen in der Vertikalen, der traditionell mit dem Bild der Jakobsleiter beschrieben wurde.

Heiligung als seelischer Ausdauersport

Der geistige Kampf stellt ein lebenslanges Training der Seele bzw. einen Marathon dar, nicht einen Sprint. Der hl. Apostel Paulus verglich Christen mit den griechischen Athleten der Antike. Christen müssten ihre Seele so sorgsam trainieren wie die Athleten ihren Körper, damit sie in ihrem Wettlauf ans Ziel gelangen können.

Wisst ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt! Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen. Darum laufe ich wie einer, der nicht ziellos läuft, und kämpfe mit der Faust wie einer, der nicht in die Luft schlägt; vielmehr züchtige und unterwerfe ich meinen Leib, damit ich nicht anderen verkünde und selbst verworfen werde.18
Er sagte außerdem:
Übe dich in der Frömmigkeit! Denn körperliche Übung nützt nur wenig, die Frömmigkeit aber ist nützlich zu allem: Ihr ist das gegenwärtige und das zukünftige Leben verheißen.19

Der Begriff „Askese“ bezeichnete ursprünglich die Vorbereitung von Sportlern auf Wettkämpfe.

Benedikt XVI. verglich die Askese mit einem Sport, der die Seele für Gott bereitet. Auch der hl. Josemaria Escriva nannte die Heiligung einen „übernatürlichen Sport“ und bezeichnete sie als „übernatürliches Training“.

Heiligung erfolgt durch Gott mit Zustimmung und Mitwirkung des Menschen

Heiligung geschieht durch das Wirken Gottes in der dazu bereiten, der Heiligung zustimmenden und sie unterstützenden Seele des Menschen. Sie ist das Eintauchen in die Liebe und Bleiben in der Liebe Gottes.

Der Mensch wirkt auf die folgende Weise an seiner Heiligung mit:

  • Zustimmung zum Wirken Gottes in der eigenen Seele durch Gehorsam und Aufgabe des eigenen Stolzes und des Eigenwillens gegenüber Gott;
  • Schaffung der Voraussetzungen für das Wirken Gottes in der Seele durch Glaubenspraxis (Empfang der Sakramente, Gebet, asketische Praxis und Abtötung etc.);
  • Nachfolge Jesu Christi durch Dienst am Nächsten: Bereits die kleinste dienende Tat löst die Bindung des Menschen an sein Ego.

Dies setzt Vertrauen voraus, weil Gott den Menschen dabei auf einen anderen Weg führen kann als der Mensch es zunächst will.

Die Fortschritte in diesem Kampf zeigen sich über längere Zeiträume, so wie beim Trockenlegen eines Sumpfes. Der heilige Franz von Sales verglich den Prozess der Heiligung damit, „das Erdreich unserer Seele getreulich zu bearbeiten“, damit nichts Böses darin Wurzeln schlagen kann.

Der hl. Augustinus formulierte dieses Gebet um Heiligung:

Atme in mir, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke.
Treibe mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue.
Locke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges liebe.
Stärke mich , du Heiliger Geist, dass ich Heiliges hüte.
Hüte mich, du Heiliger Geist, dass ich das Heilige nimmer verliere.

4.4.1 Die Heiligen

Das immer stärker von Gott bestimmte und an Jesus Christus angeglichene Leben ist ein frohes und erfülltes Leben. Es entfaltet Wirkung in der Welt.

Die Heiligen sind nicht fehlerlose Menschen, sondern Menschen, die immer wieder aufstehen und weiterkämpfen, wenn sie auf dem Weg zu Gott fallen. Die Heiligen sind die Helden Gottes in einer von ihm abgefallenen Welt. Über den heiligen Franziskus dichtete Dante:

Er ging der Welt auf wie eine Sonne.

Der katholische Theologe Romano Guardini schrieb über die Heiligen

Das Leben dieser Menschen hat verschiedensten Inhalt, immer aber trägt es den Charakter des Außerordentlichen. Sie kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft, sind Könige oder Bauern, Ritter oder Handwerker, Frauen, Männer, junge Menschen, Kinder – doch eines ist ihnen gemeinsam: die Forderung der Liebe Gottes führt sie aus dem Allltäglichen hinaus und drängt sie, Außergewöhnliches zu vollbringen. Dadurch sind sie Zeugen für die ewig neue Größe dessen, was durch Christus möglich geworden ist. Sie brechen gewissermaßen die göttliche Einfachheit seines Lichtes in die verschiedensten Formen der Verwirklichung auf; prägen Vorbilder, weisen Ziele und Wege, lösen Kräfte aus, die dann durch Jahrhunderte weiterwirken. Das ist die Vorstellung vom Heiligen, wie sie das christliche Bewußtsein bis in unsere Zeit bestimmt hat. Sie wird auch immer gültig bleiben, denn sie ist wahr; und unser Alltag bedarf großer Bilder, in denen die alles übersteigende Gnadenmacht Gottes offenbar wird […] Bilder des christlichen Heroismus, der sich in einem Leben vorbehaltlosen Wagens, Duldens und Vollbringens ausdrückt.

5. Die Ordnung des Kosmos in den Mythen der Menschheit

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