Inhalt

Stand: 09.01.2019

Seit dem Beginn menschlicher Kultur besteht die Grundfrage der Religion und auch der Philosophie im Streben nach Erkenntnis der Ordnung des Kosmos, nach der Natur des Menschen und nach der Rolle des Menschen im Kosmos. Alle Religionen und auch die meisten Philosophien suchten zudem von Beginn an nach Wegen, um den Menschen in Übereinstimmung mit dieser Ordnung zu bringen und das Problem seiner Unvollkommenheit zu lösen. Jede Kultur beruht auf einer bestimmten Vorstellung von kosmischer Ordnung und der metaphysischen Beschaffenheit der Welt. Diese Vorstellungen gehen jeweils aus einer bestimmten Religion hervor.

Religion ist somit weit mehr als nur eine psychische Reaktion des Menschen auf seine Angst vor dem Tod, wie einige Agnostiker und Atheisten meinen. Sie ist Ausdruck des Strebens des Menschen nach dem Ewigen und nach der praktischen Beantwortung der großen Fragen des Lebens.

Der katholische Philosoph Josef Pieper schrieb über die Bedeutung religiösen Wissens für den Menschen:

Das Geringste an Erkenntnis, das einer über die erhabensten Dinge zu gewinnen vermag, ist ersehnenswerter als das gewissenste Wissen von den niederen Dingen.

Das Weltbild des Christentums geht davon aus, dass die Wirklichkeit nicht auf ihre materiellen Aspekte beschränkt ist, sondern dass diese sich auch einen immateriellen, für den Menschen nicht unmittelbar wahrnehmbaren Anteil umfasst. Der immaterielle Teil der Wirklichkeit ist vertikal und hierarchisch geordnet, und an seiner Spitze steht Gott. Der Mensch verfügt über eine unsterbliche Seele, weshalb sein Leben nicht nur in der materiellen Welt stattfindet. Das Ziel des Menschen ist der Aufstieg seiner Seele zu Gott.

Die Welt ist nach christlicher Auffassung Schauplatz eines überzeitlichen Kampfes zwischen geistigen Kräften. In diesem Kampf sind Christen dazu aufgerufen, sich dieser Wirklichkeit zu stellen, die Lage und die mit ihr verbundenen Herausforderungen und großen Aufgaben zu erkennen und für sie tauglich zu werden. Christen sind dazu berufen, sich an die Grenzen des Reiches Gottes zu begeben, sich der Herausforderung durch das Chaos und das Böse zu stellen und ihnen mit dienenden Taten bis zum Ende der Zeit zu begegnen.

1. Das Streben des Menschen zum Heiligen, Ewigen und Erhabenen

Das Streben nach dem Wahren, Guten und Schönen sowie die Suche nach dem Absoluten, Ewigen, Uralten und Heiligen und nach Dingen und Aufgaben, die größer und wichtiger sind als die eigene Person, ist in der Seele des Menschen angelegt. Dieses Streben, das den Menschen über sich hinausweist, ist eine seiner besten Eigenschaften und gehört zu den Dingen, die ihn wesentlich ausmachen. Laut Romano Guardini gebe es in der Seele des Menschen „einen sehr edlen Drang: unmittelbar zu dem aufzusteigen, was hoch und vollkommen ist.“

Die damit verbundenen großen Fragen nach der geistigen Beschaffenheit der Welt und der Rolle des Menschen darin sind nur religiös zu beantworten. Sie öffnen den Menschen für das Unendliche sowie den Glauben und führen und führten Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen zu Gott. Diese Suche ist zudem die treibende Kraft hinter aller großen Werken des Menschen und allen Hochkulturen. In der Welt des Glaubens gibt es nichts Banales und Bedeutungsloses.

Die mit dieser Suche verbundene Sehnsucht ist so tief im Menschen verankert wie es sonst nur Impulse sind, die für sein physisches Überleben notwendig sind. Dass es auf diese Sehnsucht keine materielle Antwort gibt belegt, dass der Mensch nicht nur ein materielles Wesen ist. Diese Sehnsucht ist auch der Garant dafür, dass Religion und Glaube nicht aus der Welt verschwinden werden, solange es Menschen gibt.

Materielle Dinge können von dieser Suche ablenken oder die dahinterstehende Sehnsucht betäuben, wie es bei ungeistigen Menschen zu beobachten ist. Diese Dinge können jedoch nicht das Ziel der Suche ersetzen. Materialistische Ideologien ähneln Ersatzreligionen, die keine Antworten auf die großen Fragen geben, sondern die Fragen für illegitim erklären und den betrügen den Menschen indem sie behaupten, dass es keine große Fragen gäbe. Sie führen den Menschen auf falsche Wege, indem sie behaupten, dass die wichtigen Fragen des Menschen sich auf die nach der Befriedigung seiner materiellen Bedürfnisse und Leidenschaften beschränken. Sie leugnen zudem den Menschen, indem sie seine Würde leugnen und das, was ihn vom Tier unterscheidet.

Sören Kierkegaard schrieb:

Denn nichts Endliches, nicht die ganze Welt kann eine Menschenseele befriedigen, in der das Bedürfnis nach dem Ewigen sich regt.

1.1 Die Ansprechbarkeit des Menschen für das Heilige und Erhabene

Der Mensch ist sich seiner Begrenztheit und Unvollkommenheit ebenso intuitiv bewusst wie der Möglichkeit seiner Seele, darüber hinauszuwachsen. Die Seele des Menschen kann das Heilige und Erhabene, das ihm dies ermöglicht, erkennen, wenn es sich ihm Wahren, Guten und Schönen zeigt, und reagiert mit religiösen Empfindungen, wenn sie ihm begegnet.

  • Schönheit: Schönheit kann in vielen Dingen erfahren werden und einen Zugang zum Heiligen ermöglichen. Die ersten Kunsterwerke des Menschen waren von der Erfahrung des Erhabenen und Geheimnisvollen in der Natur und somit religiös inspiriert. Große Kunstwerke sind das Ergebnis des Wirkens von Menschen, die zur Schau des Heiligen besonders befähigt sind und das von ihnen Geschaute anderen Menschen vermitteln können.
  • Philosophische und naturwissenschaftliche Wahrheit: Philosophen und anderen Denker, die wie die Schöpfer großer Kunstwerke zur Schau des Heiligen besonders befähigt sind, drücken dieses in ihren Werken aus. In den Naturwissenschaften ist das Streben nach der Erkenntnis letzter Ursachen auch mit religiösen Impulsen verbunden.
  • Selbstlose Taten: Diese sprechen die Seele des Menschen an, weil sie darin das Wirken und einen Ausdruck des Heiligen erkennt und den Blick des Menschen über die materielle Welt hinausweist, nach deren Regeln solches Handeln meist als sinnlos oder irrational erscheint. Erzbischof Charles Chaput betonte, dass die Seele des Mannes nach Herausforderungen, nach Wettbewerb und nach einem Sinn des Lebens suche, der größer sei als das bloße eigene materielle Wohlergehen. Der Evolutionsbiologe E.O. Wilson bezeichnete Altruismus dementsprechend als eines der größten ungelösten Rätsel seiner Disziplin.
  • Naturerfahrung: In der Schöpfung offenbart Gott etwas von sich selbst. Naturbetrachtung kann im Menschen religiöse Erfahrungen hervorrufen, weil die in der Natur wahrnehmbare Größe und Schönheit dem Menschen die Erfahrung ermöglicht, dass es geheimnisvolle Dinge gibt, die unendlich größer sind als er selbst. Die ersten Religionen waren dementsprechend Naturreligionen.
  • Letzte Dinge: Zu den ältesten Kulturzeugnissen der Menschheit zählen Grabstätten, aus denen sichtbar wird, dass das Geheimnis des Todes in den Menschen die Frage nach der Seele und ihrer Fortdauer nachd dem Tod aufgeworfen hat.

Die Betrachtung dieser Dinge kann im Menschen zudem die Sehnsucht nach dem Heiligen verstärken, weil sie ihm vor Augen führt, dass es keine weltliche Dinge gibt, die diese Sehnsucht stillen können.

1.2 Die Unvollständigkeit des Menschen ohne Bindung an transzendente Dinge

Es ist eine Erfordernis der Natur des Menschen, dass er zum Heiligen, Erhabenen und Transzendenten strebt. Dies ist notwendig, damit er über die niedrigen Aspekte seiner Natur hinauszuwachsen und sie kontrollieren kann. Die Frage nach Möglichkeiten der sinnvollen Gestaltung des Lebens hat zudem nur zum Teil materiell begründbare Antworten.

Ein Leben, das nicht von der Existenz von etwas ausgeht das höher ist als es selbst und sich daran bindet, muss ebenso scheitern wie ein Leben, das nur materielle Dinge als wirklich wahrnimmt.

2. Die Beschaffenheit der Wirklichkeit

Die meisten bedeutenden Religionen gehen von ähnlichen Annahmen und Beobachtungen über die Wirklichkeit aus wie das Christentum. So teilen sie etwa die Annahme, dass die Wirklichkeit nicht nur eine materielle sondern auch eine verborgene immaterielle Dimension umfasse und dass die materielle von der immateriellen Dimension abhängig und ihr bedeutungsmäßig untergeordnet sei.

Die nahezu universelle Verbreitung dieses Weltbildes deutet darauf hin, dass es der Mensch naturgemäß auf seine Erkennung angelegt ist und dieses auf Wahrheiten beruht, die unabhängig von der Wahrnehmung des Menschen existieren.

2.1 Das Übernatürliche

In antiker Philosophie und Kosmologie wurden die geistigen, immateriellen Teile der Wirklichkeit die nicht direkt sinnlich erfahrbar sind und daher geheimnisvoll bleiben, als übernatürlich definiert. Platons Höhlengleichnis beruht auf dem Gedanken, dass die sinnliche Wahrnehmung des Menschen ihm die Wirklichkeit nur sehr unvollständig und unvollkommen erschließt. Der hl. Apostel Paulus sagte ebenfalls, das der Mensch diese Wirklung nur unvollständig wahrnehmen könnte, als sähe er „nur rätselhafte Umrisse“ wie in einem Spiegel, die in der Antike nur sehr unvollkommene Bilder zeigten.1

Das Leben des Menschen findet vor allem auch in der geistigen Wirklichkeit statt, die für das Schicksal des Menschen und seiner Seele sowie die Gestaltung seines Lebens letztlich bedeutender ist als die materielle Wirklichkeit. Wesentliche Aspekte des Lebens des Menschen finden somit in einem Teil der Wirklichkeit statt, über den man nur wenig weiß. Der Mensch muss daher auch nach Erkenntnis der immateriellen Wirklichkeit anstreben. Die Theologie will die Frage beantworten, wie diese Ordnung aussieht, was an ihrer Spitze steht und was dies für den Menschen bedeutet.

Materielle und immaterielle Wirklichkeit folgen jeweils eigenen Gesetzmäßigkeiten. Die Naturwissenschaft untersucht die Eigengesetzlichkeit der materiellen Welt. Dabei kann sie keine Antworten auf die grundsätzlichen Fragen des Menschen geben kann, etwa nach dem Ziel seiner Existenz.

Die Ewigkeit ist ein Teil der Wirklichkeit, der sich jenseits der materiellen Wirklichkeit befindet. Gegenwart und Ewigkeit sind auf eine unbekannte Weise miteinander verschränkt. Romano Guardini zufolge befindet sich die Ewigkeit nicht abseits von oder zeitlich nach der durch den Menschen unmittelbar wahrnehmbaren Wirklichkeit, sondern sie leute in diese hinein.

Der Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould wies darauf hin, dass kein grundsätzlicher Widerspruch zwischen der Annahme Existenz Gottes und naturwissenschaftlichem Denken bestehe, wenn man davon ausgehe, dass die Naturwissenschaften sich ausschließlich mit den materiellen Aspekten der Wirklichkeit auseinandersetzen.2

2.2 Hinweise auf die Existenz des Übernatürlichen

Die Reduzierung der Wirklichkeit auf ihren materiellen Teil bzw. die Erklärung aller Phänomene mit materiellen Ursachen kann wesentliche Teile der Wirklichkeit nicht erklären. Die meisten für das Leben des Menschen existenziell wichtigen Dinge sind materiell kaum greifbar oder erklärbar. Dies gilt unter anderem für Vernunft, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit. Die Existenz der Gesetze der Logik etwa wird auch von den meisten Materialisten nicht bestritten, obwohl diese Gesetze keine materielle Grundlage besitzen. Eine Reduzierung der Wirklichkeit auf ihre materiellen Aspekte wäre irrational und würde dem vernunftorientierten Blick auf die Welt die Grundlage entziehen.

Die Unvollständigkeit einer Weltsicht, die nur materielle Phänomene als real anerkennt, zeigt sich beispielhaft am Phänomen der Kunst. Eine materialistische Weltsicht kann dieses Phänomen nur in Form der damit verbundenen Schallwellen (im Fall der Musik) oder der reflektierten Lichtwellen (im Fall der bildenden Kunst) für real halten, was aber aus der Sicht menschlicher Erfahrung einen verengten Blick darauf darstellt, der den wesentlichen Aspekt des Phänomens ausblendet.

Der Mensch verfügt über eine Reihe von geistigen Eigenschaften, die kein bekanntes Tier mit ihm teilt. Diese Eigenschaften deuten sowohl auf die Existenz eines immateriellen, übernatürlichen Teils der Wirklichkeit als auch auf die Existenz der Seele des Menschen hin.

Insbesondere das Streben des Menschen nach dem Transzendenten stellt einen Hinweis auf die Existenz des Übernatürlichen hin. Alle wesenhaft im Menschen angelegten Bedürfnisse sich auf reale Dinge. C.S. Lewis wies darauf hin, dass das Vorhandensein eines universellen Bedürfnisses, das von weltlichen Dingen nicht gestillt werden könne, ein starkes Indiz dafür sei, dass das Übernatürliche existiere und das Ziel des Menschen nicht in dieser Welt liege.

Darüber hinaus gibt es die folgenden Hinweise auf die Existenz des Übernatürlichen:

  • Willensfreiheit: Diese dürfte in einer nur materiellen Wirklichkeit nicht existieren, da in ihr alle Abläufe nur deterministische Prozesse von Ursache und Wirkung wären. Algorithmen können einige geistige Funktionen simulieren, sich anders als z.B. der Wille des Menschen aber nicht selbst transzendieren. Die Naturwissenschaften können die Existenz des freien Willens z nur als nützliche Illusion erklären. Dabei geraten sie jedoch in einen Widerspruch, da es ohne einen freien Willen auch keine Wissenschaft geben könnte. Experimente, die z.T. als Beleg für die Nichtexistenz des freien Willens angeführt werden, beziehen sich ausschließlich auf vegetative Abläufe.
  • Vernunft: Der Mensch hat die Fähigkeit zur Erkenntnis von Wahrheit, die für ihn keinen praktischen Nutzen hat oder seinem Eigennutz sogar entgegensteht.
  • Gewissen: Gott wirkt in jedem Menschen über dessen Gewissen.
  • Die Erfahrung des Wahren, Guten und Schönen: Menschen sind kultur- und religionsübergreifend dazu in der Lage, Gut und Böse zu identifizieren. Dies ist auch dann der Fall, wenn die Praktizierung des Bösen für sie mit einem Vorteil verbunden ist. Kulturelle Unterschiede bei der Beschreibung des Bösen sind vorwiegend gradueller, aber nicht grundsätzlicher Natur. Dies gilt auch für die Wahrnehmung von Gerechtigkeit oder Wahrheit. Die Erfahrung des Erhabenen, Reinen und Fürchtenswerten kann den Menschen dabei aufs Äußerste innerlich berühren und die Grenze zur religiösen Erfahrung überschreiten. Das Geschaute weist dann über die physische Welt hinaus und lässt einen anderen, ansonsten verborgenen Teil der Wirklichkeit erkennbar werden.
  • Religiöse Erfahrung: Dass das Phänomen religiöser Erfahrung in allen Kulturen existiert ist ebenso unbestritten wie die Tatsache, dass religiöse Motive zu den stärksten Motiven des Menschen gehören. Die Wahrnehmung des Menschen kann zwar getäuscht werden, aber es ist keine Wahrnehmungsstörung oder Illusion bekannt, die vergleichbare positive Wirkung auf das Leben des Menschen oder das Wachstum von Kulturen hätte. Die Beschreibung religiöser Erfahrungen durch Mystiker ähnelt sich dabei über die Jahrtausende und die Kulturen hinweg auf eine Weise, die darauf hindeutet, dass es sich bei ihnen nicht um willkürliche Phantasieprodukte handelt. Die Veränderung des Gläubigen durch die in ihm wirkende Kraft belegt auch für die nicht Glaubenden die Wirklichkeit des Glaubens.

Einen möglichen Hinweis auf die Existenz des Übernatürlichen stellen auch Nahtoderfahrungen dar, die jedoch noch unzureichend erforscht sind. Falls einige diesbezügliche Behauptungen zutreffen, könnten solche Erfahrungen jedoch zumindest ein starkes Indiz für die Existenz einer vom Körper unabhängigen Seele des Menschen sein.

Hinweise in der Natur

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) sagte: In „großartigen Mathematik der Schöpfung […] vernehmen wir die Sprache Gottes“.3

  • Ein Argument für die Existenz einer immateriellen Wirklichkeit ist auch, dass alle materiellen Phänomene eine Ursache benötigen. Die Existenz der materiellen Welt ist somit kaum ohne die Existenz von etwas erklärbar, was außerhalb von ihr steht und ihr übergeordnet ist.
  • Dass das Universum überhaupt geordnet und rational verstehbar ist, gibt einen möglichen Hinweis auf die Natur seiner Ursache.
  • Ein Hinweis darauf, dass das Universum das Ergebnis absichtlicher Gestaltung ist, ist die scheinbare Feinabstimmung zahlreicher Naturkonstanten, die bei geringster Abweichung mit einem Universum verbunden wären, in dem kein Leben möglich wäre. Der Genetiker Francis Collins sieht in der Ordnung des Universums und der scheinbaren Feinabstimmung der Naturkonstanten ein Argument für die Existenz eines Schöpfergottes.4

2.3 Das Übernatürliche ist nur symbolhaft beschreibbar

Da die Sinne des Menschen nur die materielle Wirklichkeit direkt wahrnehmen, braucht der Mensch zur Beschreibung des über diesen Horizonts hinausgehenden Teils der Wirklichkeit Bilder und Symbole aus der materiellen Welt. Diejenigen, die Zugang zu Teilen der geistigen Wirklichkeit haben, müssen zu solchen Bildern greifen, um sich verständlich zu machen. Diese Herausforderung kann man sich so vorstellen wie den Versuch, einem Blinden die Erfahrung eines Sehenden mit Worten zu verdeutlichen.

In allen Kulturen werden dabei unabhängig voneinander ähnliche Bilder und Symbole verwendet, was auf ähnliche Erfahrungen der geistigen Wirklichkeit hindeutet, was ein Argument dafür ist, dass diese tatsächlich existiert. So werden etwa Bilder von Licht und Dunkelheit oder oben und unten allgemein verwendet. Solche Bilder sind jedoch notwendigerweise unvollkommen.

3. Die vertikale, hierarchische Ordnung des Kosmos

Der Begriff „Kosmos“ bedeutet „geordnete Wirklichkeit“. Alle Religionen und Mythologien der Menschheit beschreiben einen vertikal und hierarchisch geordneten Kosmos, der sowohl die materielle als auch die geistige Welt umfasst und an deren Spitze sich eine Sphäre des Heiligen sowie eine für den Menschen direkt nicht direkt wahrnehmbare Vollkommenheit befindet, die das Maß und die Vollendung allen Wahren, Schönen und Guten darstellt. Wer die Frage nach dem Wesen und dem Ursprung dieser Dinge stellt, hat sich somit auf die Suche nach Gott begeben.

Alle Phänomene der immateriellen Wirklichkeit deuten auf die Existenz dieser für den Menschen nicht direkt sichtbaren Vollendung der vertikalen Ordnung des Kosmos hin, sogar das Böse, das Teil dieser Ordnung ist und durch seine Existenz sichtbar macht, dass es auch das Gute geben muss.

Aufwärts oder hinab! herrschet in heiliger Nacht, Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt, Herrscht im schiefesten Orkus Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?
Friedrich Hölderlin

Die geistige Dimension der Wirklichkeit wird als vertikal und hierarchisch geordnet verstanden und davon ausgegangen, dass sich an ihrer Spitze ein für den Menschen physisch nicht wahrnehmbares höchstes Element befinde, das den Maßstab aller für das Leben des Menschen entscheidenden geistigen Dinge und des Wahren, Guten und Schönen darstelle, und das mit dem Gott der jeweiligen Religion identisch ist.

Durch rationale Überlegungen ist diese Ordnung der Welt grundsätzlich erkennbar. Aufgrund der Begrenztheit des Menschen ist aber die Gestalt der geistigen Welt und dessen, was an ihrer Spitze steht, auf diesem Wege nicht zu erkennen. Entsprechende Erkenntnis erfordert eine Offenbarung, auf deren Grundlage aber rationale Überlegungen zur geistigen Ordnung der Welt beruhen können.

Unterschiedliche Weltbilder sind mit unterschiedlichen Ziel- und Fortschritsvorstellungen verbunden. Im vertikalen Weltbild ist Fortschritt gleichbedeutend mit dem Aufstieg in der Vertikalen, also mit größerer Durchdringung durch das Wahre, Gute und Schöne. In materialistischen Weltbildern hingegen wird Fortschritt meist mit größerer wirtschaftlicher oder technischer Leistung gleichgesetzt.

3.1 Was ist Gott?

Laut dem hl. Thomas von Aquin kann der Mensch mittels der Vernunft erkennen, dass es Gott gibt, aber nicht, was Gott ist. Die christliche Theologie unterscheidet drei Arten, etwas über Gott zu erfahren: Vernunft, Offenbarung und religiöse Erfahrung.

In der beschriebenen vertikalen und hierarchischen Ordnung stellt Gott die Ursache aller anderen Dinge, den einzigen festen und somit absoluten Referenzpunkt und die höchste Vollkommenheit dar, deren Gestalt und Wesen für den Menschen aufgrund seiner Begrenztheit nicht fassbar sind. Alle Aussagen über Gott müssen daher mangelhaft sein.

Zu den wenigen positiven Aussagen, die Religion und Philosophie über Gott getroffen haben gehört, dass er in der Ewigkeit existiert, einem Zustand jenseits der Zeit und der materiellen Welt. Gott ist heilig, weil er jenseits der materiellen existiert, und Gott ist furchterregend und gewaltig weil nichts größeres existiert oder existieren kann als er. Alles, was nicht Gott ist, ist von Gott abhängig, auch der Mensch und die materielle Welt, deren Sein aus Gott hervorgeht. Da Gott vollkommen ist, ist er keinem Wandel unterworfen. Da es nur eine Vollkommenheit geben kann, kann es auch nur einen Gott geben.

Kein lebender Mensch hat Gott je gesehen, aber die Suche nach Gott und die Auseinandersetzung mit der Frage nach seinem Wesen ist eine Grundfrage aller Kulturen. Da das Wirken Gottes Spuren in der materielen Welt sowie in den für den Menschen erkennbaren Teilen der geistigen Welt hinterlassen hat, etwa in der Ordnung des Universums oder im Wahren, Schönen und Guten, ist eine ansatzweise Auseinandersetzung mit der Frage nach Gott auch ohne Zugang zu anderer Offenbarung möglich.

Jeder denkende Mensch hat eine Vorstellung von Gott bzw. eine Vorstellung von geistigen Absolutheiten. Auch Atheisten haben entsprechende Vorstellungen, wobei für sie in der Regel der Mensch oder die Natur bzw. Naturprinzipien oder -Gesetze diese Absolutheit darstellen. Im Grunde bestreiten Atheisten und Agnostiker nicht, dass Gott existiert, sondern nur, dass es sich bei ihm um einen persönlichen Gott handelt.

Der hl. Paulus beschreibt Gott als den, „der in unzugänglichen Lichte wohnt“. Im vierten Hochgebet der katholischen Kirche heißt es über Gott: „Du bist vor den Zeiten und lebst in Ewigkeit.“

Romano Guardini schrieb über die Darstellung Gottes in der Offenbarung des Johannes:

Im Himmel, in der Entrückheit, steht ein Thron. Der auf dem Throne sitzt, ist wie ein funkelndes Edelstein anzusehen. Es wird nichts Näheres über Ihn gesagt, weder über seine Gestalt noch über sein Antlitz. […] Der Thron meint die Majestät des in reiner Gegenwart seienden Gottes. Den in ewiger Stille Lebendigen. Den, der in der zeitlosen Einfachheit seines Willens alles geschaffen hat, alles trägt, alles regiert. Vor Ihm ist irdisches Schaffen und Kämfen nur Vorübergang, und sein Anspruch, das eigentliche Leben zu sein, ist töricht. […] Dieser Gott redet nicht, aber Er hält den Sinn aller Dinge; das fünfte Kapitel berichtet vom Buche in seiner Hand, das sieben Siegel verschließen und keiner öffnen kann, nur das Lamm. er handelt nicht, aber von Ihm kommt alle Macht, Alles ist durch Ihn geschaffen; und alles was geschieht, geschieht durch seinen Willen. Nicht einmal seine Gestalt wird deutlich; sondern da ist nur ein Funkeln von Kostbarkeit, das der Blick nicht zu gliedern vermag, aber alles, was an Bildern auftaucht, hat Gestalt und Sinn von Ihm.5

Der Kulturphilosoph Egon Friedell schrieb über das Gottesbild der christlichen Mystik:

In undurchdringlicher Finsternis, in unbeweglicher Ruhe thront die Gottheit, nur in Negationen beschreibbar, unendlich, unerforschlich, ungeschaffen, jede positive Aussage macht daraus einen Abgott.

Im Buch Exodus wird dieses Wort wiedergegeben: „Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben.“ (2. Mose 33,20)

Der Psychoanalytiker C.G. Jung beschrieb Gott als eine „Urerfahrung des Menschen“.

Gott wird im Christentum als Person beschrieben, d.h. als Wesen, das über Wille und Verstand verfügt. Es wäre jedoch falsch, sich Gott als Menschen mit erweiterten Eigenschaften vorzustellen. Gott ist transzendent und befindet sich außerhalb der von ihm abhängigen materiellen Welt. Gott ist somit nicht das größte und mächtigste Wesen des Universums, sondern noch wesentlich größer und mächtiger.

3.2 Falsche Götter

Bei der Betrachtung der vertikalen Ordnung des Kosmos kommt es auch darauf an, falsche Unbedingtheiten als solche zu erkennen und zu vermeiden. Bei diesen handelt es sich um transzendente Dinge, die fälschlicherweise für die Spitze der vertikalen Ordnung gehalten werden.

Frühe Religionen sahen Gott in den Kräften der Natur oder der Seele wirken oder identifizierte diese mit Gott oder Göttern. Ihr Gottesbild war jedoch falsch, weil es sich auf Kräfte bezog, die von noch größeren Kräften abhängig waren. Wenn etwas noch größeres existiert oder denkbar ist als das, was als Gott beschrieben wird, kann es sich bei dem Beschriebenen nicht um Gott handeln. Auch ein angenommener Gott, der kleiner als das Universum oder identisch mit diesem ist, könnte nicht der wirkliche Gott sein, sondern nur ein sehr mächtiges Wesen oder eine mächtige Kraft, die von einem noch größeren Schöpfer abhängig wäre. Der echte Gott muß selbst noch über den größten Dingen stehen, die der Mensch kennt oder sich vorstellen kann.

Es kommt häufig vor, dass Weltanschauungen sich auf mutmaßlich höchste geistige Bezugspunkte hin orientieren, die nicht mit Gott identisch sind. Auf diese Weise können auch prinzipiell gute Dinge zu falschen Absolutheiten bzw. zu Götzen werden. Das Maß, in dem der gewählte höchste Bezugspunkt von Gott abweicht, entscheidet dann über den Grad der Wahrheit oder des Irrtums dieser Weltanschauung.

4. Der kosmische Kampf

Die Vorstellung eines kosmischen Kampfes steht im Zentrum des Christentums. Es davon aus, das sich in der übergeordneten immateriellen Welt ein Konflikt zwischen Gott und seinen Herausforderern abspiele. Über die Details dieses Konflikts ist nur wenig bekannt.

  • In diesem Konflikt stehen sich Gott und die Gott verneinenden Kräfte gegenüber.
  • Das Ziel dieser Kräfte ist es mutmaßlich, sich einen Bereich ihrer Herrschaft in der Ordnung Gottes zu schaffen und diesen zu behaupten. Dieser Bereich ist mutmaßlich identisch mit der materiellen Welt.
  • Gott selbst ist in diesem Konflikt nicht gefährdet, aber unter anderem die Seelen der Menschen, über welche die Herausforderer Gottes ihre Herrschaft errichten wollen. Die Fronten dieses Konflikts, der auch auf die zeitliche Welt übergreift, verlaufen durch die Seelen der Menschen. In diesem Kampf kann und darf der Mensch nicht neutral bleiben, schon weil es auch um ihn geht und er dem Kampf auch gar nicht ausweichen könnte.
  • Dieser Konflikt findet ohne Unterbrechung oder die Aussicht einer Beilegung durch friedliche Einigung statt. Er wird bis zum Ende der Zeit dauern und erst mit der Vernichtung des Feindes, des Rebellen Satans und seiner Kräfte, enden. Licht und Finsternis sind zwei einander ausschließende Prinzipien.
  • Für die Menschen wird es in dieser Welt niemals Frieden geben. Sie sind dazu berufen, in diesem Konflikt auf der Seite Gottes und seines Reiches zu dienen. Die Kämpfer und Helden Gottes sind die Heiligen, die ihren Kampf mit den Waffen des Geistes führen.

In der Bibel wird dieser Konflikt, der hier mit dem Bild des Kampfes gegen einen Drachen bzw. eine Schlange beschrieben wird, zu Beginn (Genesis 3) und am Ende (u.a. Offenbarung 20) erwähnt. Vor allem die Offenbarung des Johannes handelt überwiegend von diesem Konflikt. Hier wird die gesamte Geschichte des Menschen als Schauplatz eines kosmischen Kampfes dargestellt, in dem ein Drache, „die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt“, Krieg führt gegen „eine Frau, mit der Sonne bekleidet“ sowie gegen ihren zur Herrschaft über die Welt bestimmten Sohn und jene, die die „Gebote Gottes bewahren und an dem Zeugnis für Jesus festhalten“:

Da erhob sich ein großer Kampf im Himmel. Michael und seine Engel kämpften mit dem Drachen, und der Drache und seine Engel kämpften. Aber sie vermochten nicht standzuhalten, und ihr Platz im Himmel ging verloren. So wurde der große Drache gestürzt: die alte Schlange, die Teufel und Satan heißt und welche die ganze Welt verführt. […] Als der Drache sich auf die Erde hinabgestürzt sah, verfolgte er die Frau, die den Knaben geboren hatte. […] Da geriet der Drache in Zorn über die Frau und ging hin, um Krieg zu führen gegen ihre übrigen Kinder, die Gottes Gebote beobachten und am Zeugnis Jesu festhalten. (Offenbarung 12)

Die katholische Kirche betont in ihrer Lehre (Dokument „Gaudium es Spes“), dass das Leben des Menschen Teil dieses kosmischen Kampfes ist:

Das ganze Leben des Menschen, das einzelne wie das kollektive, stellt sich als Kampf dar, und zwar als ein dramatischer, zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis. […] Die ganze Geschichte der Menschheit durchzieht ein harter Kampf gegen die Mächte der Finsternis, ein Kampf, der schon am Anfang der Welt begann und nach dem Wort des Herrn bis zum letzten Tag andauern wird. Der einzelne Mensch muss, in diesen Streit hineingezogen, beständig kämpfen um seine Entscheidung für das Gute

Das Christentum stehe im “unaufhörlichen Kampf zwischen Gut und Böse” sowie zwischen Ordnung und Auflösung, der die ganze Geschichte der Menschheit durchziehe. Jegliches Geschehen sei Teil dieses Kampfes, „der die Geschichte der Menschheit auf Erden und auch die Heilsgeschichte selbst begleitet“ und der bis zum Ende der Zeit dauern wird.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) schrieb:

Wie ihr wohl wißt […] ist unsere Welt Schauplatz eines Kampfes zwischen dem Guten und dem Bösen; da sind mächtige negative Kräfte am Werk, die jene dramatischen Situationen geistiger und materieller Versklavung unserer Zeitgenossen verursachen, gegen die ihr, wie ihr wiederholt erklärt habt, ankämpfen wollt, indem ihr euch zum Dienst am Glauben und zur Förderung der Gerechtigkeit verpflichtet. Solche negativen Kräfte treten heute in vielfältiger Weise in Erscheinung, aber besonders offenkundig durch kulturelle Strömungen, die häufig vorherrschend werden, wie der Subjektivismus, der Relativismus, der Hedonismus, der praktische Materialismus.

Dämonen beschrieb er als gegengöttliche Mächte bzw. geistiger Wesen, für deren Wirken auf die Seele sich der Mensch durch Sünde verwundbar mache. Die Beschreibung solcher Wesen findet sich kulturübergreifend. Die älteste Beschreibung findet sich in den ab ca. 1.500 v. Chr. entstandenen indischen Veden, wo diese Wesen als Asuras bezeichnet werden.

Kardinal Clemens August Graf von Galen schrieb in einer seiner letzten Predigten kurz nach dem Zweiten Weltkrieg:

Das Böse und das Gute liegen in einem gigantischen Kampfe, und wir müssen stolz sein, Zeugen dieses gewaltigen Ringens und Mitwirkens in demselben zu sein. Freilich hat jetzt niemand mehr das Recht, ein Mittelmäßiger zu sein.

C.S. Lewis schrieb über diesen Konflikt und darüber, wie er vor rund 2.000 Jahren eine entscheidende Wendung nahm:

Vom Feind besetztes Land – das ist diese Welt. Das Christentum berichtet davon, wie der rechtmäßige König gelandet ist, in Tarnung, könnte man sagen, und wir er uns alle aufruft, uns an einem großen Sabotagefeldzug zu beteiligen.

Der katholische Philosoph Robert Spaemann schrieb dazu:

Man muß klar sehen, daß sich der christliche Glaube in der Welt seit jeher im Kampf befindet. Schon der heilige Petrus sprach von einer übermenschlichen Gegenmacht, die „umhergeht wie ein brüllender Löwe“ […].

Der hl. Josefmaria Escriva schrieb über diesen Kampf und die Rolle des Menschen darin:

Der Krieg! – Der Krieg hat ein übernatürliches Ziel, sagst du, das der Welt verborgen ist: der Krieg ist für uns… Der Krieg ist das größte Hindernis für einen bequemen Weg. – Aber schließlich werden wir ihn lieben müssen wie ein Mönch seine Bußgeißeln.

Der hl. Ignatius von Loyola beschrieb den kosmischen Kampf als einen Kampf zwischen „zwei Bannern“ bzw. als Kampf zwischen den Armeen zweier verfeindeter Staaten:

Es gibt zwei Staaten, Jerusalem und Babylon, und zwei Völker: diejenigen, die Gott lieben, die Bürger Jerusalems, und diejenigen, die die Welt lieben, die Bürger Babylons; und es gibt zwei Könige, Christus, den König von Jerusalem, und den Teufel, den König von Babylon. Zwischen diesen beiden Staaten, Völkern und Königen ist ständig Krieg, Zwietracht und Kampf. Beide kennzeichnen ihre Soldaten […], damit diese erkennen, wer jeweils ihr König ist und damit sie von ihm erkannt werden und ihm folgen. Jerusalem nämlich ist Staat im Himmel, Babylon unten auf der Erde; ähnlich ist Christus oben, der Teufel unten. Die Soldaten Christi folgen ihrem König, die Soldaten des Teufels folgen ihrem König.6

Der eigene Staat sei auf die Liebe zu Gott gegründet, während der feindliche Staat auf Egoismus aufbaue. Die Armee des eigenen Staates werde von Jesus Christus geführt, während der Führer der feindlichen Kräfte Luzifer sei.

4.1 Das Übergreifen des Kampfes auf die materielle Welt

Der katholische Ordenspriester und Gründer des Hilfswerks „Kirche in Not“ Werenfried van Straaten schrieb:

Nachdem ich mich 40 Jahre angestrengt habe, um den Opfern des Kommunismus zu helfen, glaube ich mit einiger Sachkenntnis über den Kommunismus mitreden zu können. Und ich sage euch: Jenseits des Spieles der Diplomaten und des endlosen Geredes der internationalen Konferenzen wütet der Kampf, den Johannes in der Vision der Frau und des Drachens geschildert hat. Der Anführer der höllischen Geister ist Satan. An der Spitze des himmlischen Heeres steht die Königin der Engel. Er, der zu Gott „Nein“ gesagt hat, kämpft gegen sie, die „Ja“ gesagt hat. Das ist der wahre Sinne des heutigen Zeitgeschehens und die einzige Geschichtsphilosophie, die die letzten Ursachen erklärt.

4.2 Der kosmische Kampf in den Mythen der Menschheit

Die Vorstellung eines kosmischen Kampfes ist in vielen Mythen der Menschheit zu finden. Der Psychologe Jordan B. Peterson deutet diese Mythen in diesem Zusammenhang als Erzählungen, die psychologisch fundierte Aussagen über die Natur des Menschen sowie seine Rolle und seinen Auftrag in der Welt beschrieben. Mythen seien der Ausdruck eines tieferen, im Gegensatz zum rationalen Denken größere Teile der Wirklichkeit umfassenden Denkens.

Dies gelte insbesondere für den in vielen Kulturen zu findenden Kampfmythos. Dieser beschreibt eine Auseinandersetzung zwischen göttlichen Wesenheiten auf kosmischer Ebene. In diesem Kampf stehen sich ein die kosmische Ordnung verteidigender göttlicher Held sowie ein diese Ordnung bedrohender und herausfordernder, das Chaos repräsentierender Drache gegenüber. Im Kampf zwischen beiden geht es um die Herrschaft über den Kosmos.

In der griechischen und römischen Tradition kämpft Apollo gegen Python und Zeus gegen Typhon. In der babylonischen und assyrischen Tradition kämpft Marduk gegen den Chaosdrachen Tiamat. In nordischen Mythen kämpft ein Adler, der in den Zweigen des Weltenbaums wohnt, täglich mit dem Drachen Nidhöggr. In indischen Mythen kämpft Garuda gegen einen Drachen.

Auch Naturkräfte wurden in diesem Sinne gedeutet. Der Winter wird z.T. mit den Kräften des Chaos und des Todes identifiziert, während der Frühling mit dem Sieg über sie verbunden wird. Das Christentum hat dies in den Jahreskreis seiner Feiern integriert. Der sich ankündigende Sieg über Chaos und den Feind des Menschen durch die Geburt Jesu Christi wird hier um den Zeitpunkt der Wintersonnenwende auf der Nordhalbkugel der Erde herum gefeiert, während der Sieg in Form der Aufstehung Jesu Christi um den Zeitpunkt des Frühlingsbeginns herum gefeiert wird.

Peterson geht davon aus, dass das mythologische Motiv des Drachenkampfes zu den ältesten Überlieferungen des Menschen gehört. Es stamme aus unbekannter Quelle, sei in vielen Kulturen zu finden und u.a. in der Proto-Indoeuropäischen Religion, die vor rund 6.000 Jahren entstand, nachweisbar.

5. Der Mensch in der Ordnung des Kosmos

Der Mensch ist seiner Natur nach ein an die Materie gebundenes geistiges Wesen, das über eine Seele verfügt, die mehr ist als nur ein biologischer Mechanismus. Der unsterbliche Teil des Menschen, seine Seele, berührt bereits jetzt die Ewigkeit, aus der heraus wiederum Wirkung auf die Seele des Menschen ausgeübt werden kann. Das Leben des Menschen ist in die Ewigkeit verlängert. Nach dem körperlichen Tod des Menschen existiert seine unsterbliche Seele weiter.

Nicht alle Menschen besitzen gleichermaßen Zugang zur geistigen Welt. Je stärker ein Mensch seinen sinnlichen Erfahrungen und der materiellen Welt zugewandt ist, desto schwächer ist in der Regel sein Zugang zur geistigen Welt.

Für den Menschen geht es in allen Religionen darum, sein Leben im richtigen Verhältnis zu Gott zu gestalten und die Frage zu beantworten, wie seine Seele in der vertikalen Ordnung des Kosmos zu ihrem Ziel gelangen kann. In dieser Ordnung gibt es Wege, die den Menschen aufwärts- oder abwärts führen sowie Kräfte, die ihm helfen und solche, die ihn hinabziehen können.

Gleichzeitig sei der Mensch nicht ohne Berücksichtigung seines biologischen Erbes, etwa seiner geschlechtlichen Identität als Mann oder Frau, zu verstehen. Möglicherweise haben materielle Vorgänge das Substrat hervorgebracht, das als Träger der Seele des Menschen fungiert.

5.1 Die unsterbliche Seele des Menschen

Christliche Weltanschauung geht davon aus, dass der Mensch eine Einheit aus seinem physischen Körper und seiner immateriellen Seele darstellt. Die Seele ist dabei die Essenz des Menschen und sein unsterblicher Anteil, der den körperlichen Tod überdauert. Über die Seele wirkt Gott im Menschen, und in ihr weist der Mensch göttliche Eigenschaften auf. Die Seele des Menschen kann sich anders als sein Körper im vertikalen, immateriellen Teil der Wirklichkeit bewegen und daher zu Gott gelangen, wobei sich die Seele entweder aufwärts oder abwärts bewegen kann. Im Tod trennt sich die Seele vom Körper.

Die Seele wird während des Lebens des Menschen durch seine Entscheidungen geformt und nach dem physischen Tod des Menschen geprüft. Da Leib und Seele eine Einheit bilden und die Existenz des Menschen einen Körper erfordert, wird der Mensch auch im Jenseits wieder über einen neuen Körper verfügen.

Die genaue Beschaffenheit der Seele stellt weiterin ein Geheimnis dar. Im Deutschen ist das Wort „Seele“ mit dem Begriff „See“ verwandt. Das Wort soll zum Ausdruck bringen, dass die Seele über unsichtbare Tiefen verfügt und nur das Geschehen an ihrer Oberfläche bewusst wahrgenommen wird. Heraklit schrieb:

Der Seele Grenzen kannst du durchwandernd nicht ausfindig machen, auch wenn du jeden Weg abschrittest.

Die christliche Mystik spricht von einem „Seelengrund“, in dem der Mensch mit Gott verbunden sei. Meister Eckhard sprach davon, dass Gott im Seelengrund in die Seele des Menschen hineinrage. Je stärker der Mensch seinen Egoismus und seine Vorbehalte zurücknehme, desto stärker könne Gott in der Seele wirken. Das Wirken Gottes werde dann von einem „Fünklein“ zu einer Flamme. Die hl. Theresa von Avila sprach davon, dass sich im Zentrum jeder Seele etwas befindet, das sie mit einer strahlenden Sonne verglich.

Dem hl. Thomas von Aquin zufolge seien Wille (zu dem auch die Fähigkeit gehöre zu lieben) und Verstand die Eigenschaften, welche die unsterbliche Seele des Menschen von den sterblichen Seelen anderer höherer Lebewesen unterscheiden würden. Diese Eigenschaften würden sich auf ein materielles Substrat stützen, das diese Eigenschaften aber nicht erzeuge. Die unsterbliche Seele des Menschen könne unabhängig von dieser materiellen Grundlage existieren und daher auch den Tod des Körpers überdauern. Darüber hinaus würde die menschliche Seele wie die der Tiere aber auch materiell erzeugte Eigenschaften besitzen, etwa vegetative Eigenschaften wie die Atmung.

Auf den Wille des Menschen wirkten laut dem hl. Thomas sein Verstand und seine Leidenschaften ein. Diese müssten durch den Aufbau tugendhafter guter Gewohnheiten geordnet werden, damit die Seele des Menschen sich gut entwickeln könne. Die Seele des Menschen ist umkämpft, und der Mensch ist wegen seiner Schwäche angreifbar. Das Böse setzt häufig an den niedrigen Bereichen der Seele an, um den Menschen zu korrumpieren.

Die Seele des Menschen muß gepflegt werden. Sie ist der Schauplatz eines Kampfes und kann vergiftet und korrumpiert werden. Aus eigener Kraft kann dem Menschen der Kampf um seine Seele nicht gelingen. Er benötigt für die gute Entwicklung seiner Seele vor allem das Wirken der Gnade Gottes durch die Sakramente sowie die Einwilligung des Menschen in das Wirken Gottes.

Der Irrtum der Naturalisten über die Natur des Menschen

Es gibt keinen grundsätzlichen Konflikt zwischen christlicher Religion und Wissenschaft, sondern nur einen zwischen Christentum und Naturalismus bzw. Materialismus.

Naturalistische Weltanschauung hält die Seele des Menschen für eine Illusion, die von Abläufen im Gehirn erzeugt wird. Sie verweist als Argument auf naturwissenschaftlich gut erklärbare Eigenschaften der Seele. Die Seele ist nach christlicher Vorstellung jedoch nicht identisch mit diesen, etwa vegetativen Funktionen, Erinnerungen oder Sinneseindrücken. Beim Versuch der Erklärung des freien Willens scheiterten die Naturwissenschaften bislang und ihren führenden Vertretern zufolge sei es unmöglich, dass dieser überhaupt existieren könne.

Naturalisten halten den Menschen außerdem für eine Art biologischer Maschine. Transhumanisten wie Ray Kurzweil (Leiter der technischen Entwicklung bei Google) gehen daher davon aus, das der Inhalt des Gehirns von Menschen langfristig auf Rechner übertragen werden könne.7

Der Psychologe Robert Epstein wies jedoch darauf hin, dass der Mensch nicht wie ein biologischer Computer funktioniere. Das Gehirn sei kein Speicher von Informationen und funktioniere auch nicht auf der Grundlage von Algorithmen.8 Der Neurowissenschaftler Kenneth Miller unterstrich 2015, dass entsprechende Analogien mit zunehmenden Erkenntnisfortschitt in seiner Disziplin zunehmend als untauglich erscheinen würden.9

Umgekehrt entwickeln Computer trotz immer größerer Rechenleistung und leistungsfähigerer Algorithmen nicht die Eigenschaften einer Person, also Bewusstsein, Verstand oder freien Willen, sondern bleiben Maschinen zur Verarbeitung von Informationen. Die Beschreibung des Wesens des Menschen mit den Begriffen der Informationsverarbeitung sei laut Epstein der Versuch, einen auf Grundlage untauglicher Erklärungsansätze unverständlichen Sachverhalt mit untauglichen Metaphern zu beschreiben.

5.1.1 Die Seele des Menschen und der kosmische Kampf

Der Mensch ist Teil des kosmischen Kampfes, dessen Fronten in der Seele jedes Menschen verlaufen. Das Christentum ist eine Relgion vor allem des inneren Kampfes bzw. des ständig erneuerten Bemühens darum, Gott mehr zu lieben, die Eigenliebe auszumerzen und allen Menschen zu dienen. Das Gelingen dieses inneren Kampfes ist die Voraussetzung für das Gelingen seines äußeren Kampfes bzw. seines Dienstes in der Welt.10

Die Didache bzw. die „Lehre der zwölf Apostel“, eine frühchristliche Zusammenfassung der christlichen Lehre, spricht von zwei Wegen:

Zwei Wege gibt es, einen zum Leben und einen zum Tode; der Unterschied zwischen den beiden Wegen aber ist groß. Der Weg des Lebens nun ist dieser: „erstens du sollst deinen Gott lieben, der dich erschaffen hat, zweitens deinen Nächsten wie dich selbst „alles aber, von dem du willst, daß man es dir nicht tue, das tue auch du keinem anderen.

5.1.2 Satan: Der Feind des Menschen

Der Feind des Menschen ist Satan, was „Widersacher“ oder „Feind“ bedeutet. Es handelt sich bei ihm um ein geistiges, nichtmenschliches Wesen, das älter, mächtiger, intelligenter und stärker ist als der Mensch. Dieser hat auf sich gestellt nicht die Kraft, seinen Angriffen zu widerstehen.

Satan ist kein Gegengott, der das Böse als eine dem Guten gleichwertig gegenüberstehende Kraft verkörpert, sondern ein ehemaliger Diener Gottes, der sich aus freiem Willen gegen Gott stellte und einen Aufstand gegen ihn anführte. Er unterlag den durch den Erzengel Michael geführten Engeln, die auf der Seite Gottes kämpften, und wurde zusammen mit den anderen aufständischen Engeln aus der Sphäre Gottes verbannt (Offb 12,8).

Der Einflussgebiet Satans ist die Welt des Menschen. Jesus Christus bezeichnete ihn als „Herrscher dieser Welt“ (Joh 12,31; 14,30; 16,11). Der heilige Apostel Paulus nannte ihn den „Gott dieser Welt“ (2 Kor 4,4). Das Wirken Satans war der Auslöser der im Buch Genesis beschrieben ersten Sünde des Menschen.

Das Wirken Satans

Jesus Christus nennt Satan den „Vater der Lüge“ (Joh 8,44). Der heilige Ignatius von Loyola verglich Satan mit dem Führer einer Armee, die eine Festung belagere und diese an ihrer schwächsten Stelle angreife.11

In seinem Wirken, das alle Schwächen des Menschen gegen ihn wendet, geht es darum, den Menschen von Gott abzuwenden, seine Seele zu korrumpieren und zerstören, die Kontrolle über ihn zu übernehmen, ihn als Ebenbild Gottes durch Entstellung zu demütigen und ihn untauglichlich für seinen Dienst zu machen. Der Feind strebt zudem die Zerstörung der Werke Gottes an.

  • Der Feind wirkt durch falsche Versprechen, die an den Schwächen des Menschen wie seiner Neigung zu Stolz, Gier und Lust oder zu utopischem Denken ansetzen und ihn zur Sünde verführen. Satan kennt den Menschen und seine Schwächen und konzentriert sich bei seinem Angriff auf diese. Sogar den ansonsten tugendhaften Menschen kann sein Wirken korrumpieren, etwa über die Neigung zum Stolz.
  • Satan wirkt vital und stark und erscheint dem Menschen wie ein „Engel aus Licht“ (2 Kor 11,14), ist aber tatsächlich die „Macht der Finsternis“ (Lk 22,53; Kol 1,13).
  • Er wirkt auch durch Verzweiflung und Scham, die den Menschen, dessen Leben von der Sünde geprägt ist, zur Kapitulation vor der Sünde und zur Wahrnehmung führen können, dass er nicht würdig für die große Aufgabe sei, die Gott für ihn vorgesehen hat.

Schicksalsschläge, die zur Wahrnehmung der Sinnlosigkeit des Lebens sowie ein geligendes Leben, das zu Stolz auf die eigene Leistung führen können, können das Wirken des Feindes begünstigen.

Der heilige Josemaria Escriva schrieb über das Wirken Satans:

Welt, Teufel und Fleisch sind drei Landstreicher. Sie nützen die Schwäche des Wilden aus, den du in deinem Innern mit dir herumträgst. Sie sind darauf aus, dir für das armselige, wertlose Geglitzer eines Vergnügens das blanke Gold und die Perlen und Brillanten und Rubinen abzunehmen, die vom lebendigen und erlösenden Blut deines Gottes durchglüht sind und die das Lösegeld und den Schatz darstellen für deine Ewigkeit.

Das Böse, dass der Feind bewirkt, ist keine eigenständige Kraft, sondern besteht aus der Verneinung des Guten.

5.1.3 Die Sünde und die Zerstörung der Seele

Der hl. Augustinus definierte die Sünde als „ein Wort, eine Tat oder ein Begehren im Widerspruch zum ewigen Gesetz“. Sünden verwunden die Seele und entfernen sie von Gott. Sünde ist die Folge der Ausrichtung des eigenen Handelns an und die Bevorzugung von etwas anderem als Gott. Sie ist zudem Ausdruck der Weigerung, in Übereinstimmung mit den Erfordernissen der Wirklichkeit zu leben. Wer sündigt, zieht das Niedrigere dem Höheren vor. Er blendet die Wahrheit aus oder leugnet sie und zieht es vor, zumindest vorübergehend einer Lüge zu folgen.

Die Sünden aller Menschen aus allen Zeiten machten den Opfertod Christi erforderlich, ohne den es keine Versöhnung zwischen den Menschen und Gott hätte geben können. Jede einzelne Sünde trägt zu dem bei, was Christus auf sich nehmen musste.

Die Erbsünde wirkt wie ein Widerstand, der es dem Menschen erschwert so zu leben wie er soll. Die Erbsünde gleicht einer seelischen Wunde, die durch Sünden entzündet wird.

Sünden können im Mangel oder in der Übertreibung von etwas sowie in Unterlassung oder Tat bestehen. Sie können gegen Gott und sein Gesetz, gegen andere Menschen oder gegen einen selbst gerichtet sein.

Der Feind des Menschen setzt häufig an den niedrigen Bereichen der Seele an, um den Menschen zu korrumpieren. Sünde ist dementsprechend oft die Folge eines nicht auf Gott hingeordneten Strebens nach Besitz und Geld, Befriedigung von Trieben sowie nach Macht oder Bestätigung. Der Apostel Paulus nannte Sünden „die Werke des Fleisches“. Der heilige Antonius (ca. 251-356), einer der Väter des christlichen Mönchtums, beschrieb das Wirken des Feindes in ihm wie einen „gewaltigen Sturm“ von Gedanken, die mit dem Wunsch nach solchen Dingen verbunden gewesen seien.

Die Sünde entwickelt dabei eine Eigendynamik. Sie verfestigt sich bei Wiederholung und schafft weitere Ansatzpunkte, über die der Feind des Menschen immer größere Macht über die Seele eines Menschen erlangen und umso größeren Schaden in ihr anrichten kann. Dabei verstrickt sie den Menschen in einem immer stärkeren Geflecht, das es für ihn zunehmend schwieriger macht, sicht daraus zu befreien. Das Wirken der Sünde gleicht einem Strudel, der den Menschen herabzieht oder einer Krebsgeschwulst, die in der Seele wächst und sie vergiftet.

Die Kräfte, denen sich der Mensch durch die Sünde öffnet, sind stärker als er und lassen sich nicht kontrollieren. Todsünden trennen die Verbindung des Menschen von Gott, während geringere Sünden das Wirken des Lichtes Gottes in der Seele beeinträchtigt. Auch geringere Sünden sind ein Problem, denn sie machen ermöglichen größere Sünden, indem sie den Menschen blind machen und ihn schwächen.

Oft ist die Sünde damit verbunden, dem Weg des geringsten Widerstandes zu folgen. Zu sündigen fühlt sich daher zunächst meist angenehm und befriedigend an. Es kann jedoch kein Glück des Menschen gegen den Willen Gottes geben, sondern allenfalls die Illusion von Freude und Gewinn. Sünden wirken immer destruktiv, und die Sünde trägt durch ihre schmerzhaften mittelfristigen Folgen ihr eigenes Gegengift in sich. Die Erkenntnis des Schadens, den der Mensch durch die Sünde für sich und andere erzeugt, kann den Menschen durch den mit ihr verbundenen Schmerz zur Umkehr führen.

Der Mensch zerstört durch seine Sünden nicht nur seine Seele. Durch die Sünde kann das Böse in der Welt Form annehmen und erzeugt Unheil für andere Menschen, was wiederum weitere Sünden begünstigt. Sünde zerstört die Seele des Menschen auch und gerade dann, wenn sie scheinbar für einen guten Zweck begangen wird. Der Zweck heiligt niemals die Mittel.

Die Versuchung ist die Bedrohung des Menschen durch das Böse. Die Sünde ist die Präsenz des Bösen in der Seele des Menschen, der der Versuchung nachgegeben hat. Physische Übel wie Unrecht und Tod werden durch die Sünde verursacht.

5.1.4 Die Hölle und die Trennung der Seele von Gott

Gott achtet den freien Willen des Menschen vollständig. Wer Gott entscheiden zurückweist, der wird den als „Hölle“ bezeichneten Zustand größter Gottesferne der Seele erreichen, der das Ergebnis einer freien Willensentscheidung ist. Wer Gott als das Wahre, Gute und Schöne zurückweist, aus dessen Verneinung lebt und es bekämpft und wie Satan den Dienst an Gott verweigert und dies zum Prinzip seines Leben macht, kann sich in einen solchen Zustand entwickeln.

Die Didache, eine der wichtigsten frühchristlichen Schriften, beschreibt diesen Weg daher als den „Weg des Todes“. Wer sich dazu entscheidet, in die Dunkelheit zu gehen, und alle Warnungen und Hilfsangebote auf dem Weg dorthin zurückweist und sein Leben immer mehr durch die Sünde kontrollieren lässt, wird sein Ziel wahrscheinlich auch erreichen.

Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) schrieb über die Hölle, dass sie der Zustand des vollständig gescheiterten Menschen sei:

Es ist eine Situation, die eine Welt der in die Droge und in die orgiastischen Ekstasen verfallenen Menschen beschreibt, denen im Augenblick des Herausfallens aus der Betäubung die totale Widersprüchlichkeit ihres Lebens deutlich wird.

Das Konzept der Hölle beinhalte das „Bild eines Ausgesetztseins in die Kälte, in die man sich mit der Absage an die Liebe begeben hat.“

5.1.5 Die Gnade: Gottes Hilfe für den Menschen

Die Gnade ist die Hilfe, die Gott dem Menschen zu seiner Heiligung schenkt. Die Gnade Gottes wirkt durch den Heiligen Geist in der Seele des Menschen. Sie kann die durch die Sünde erzeugten Wunden in der Seele des Menschen heilen und stärkt den Menschen.

Der heilige Augustinus schrieb, dass bereits der Wille des Menschen und seine Bereitschaft zur Mitwirkung an seiner Heiligung Gnade, also ein helfendes Geschenk Gottes, darstelle. Zur Gnade gehören auch die Gaben des Heiligen Geistes, mit denen Gott den Menschen dazu befähigt, in seinem Dienst zu wirken.

Durch Gebet, Empfang der Sakramente und Kampf gegen die Sünde öffnet sich der Mensch für die Gnade Gottes, während er sich dieser durch die Sünde verschließt.

Die Gnade ist eine Waffe, die Gott den Menschen im Kampf gegen übernatürliche Feinde zur Verfügung stellt. Dieser Kampf wäre mit den Kräften des Menschen alleine nicht zu gewinnen.

5.2 Die Natur des Menschen

5.2.1 Der Mensch als Ebenbild Gottes

Im Buch Genesis (1 Mose 1,27 ) heißt es:

Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn.

Der hl. Thomas von Aquin sah in der Gottesebenbildlichkeit vor allem das Ziel, auf das hin der Mensch erschaffen worden sei. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschenkäme zudem in seinem freien Willen und in seinem Verstand zum Ausdruck, wodurch er zum Guten fähig sei.

Die Personalität des Menschen ist Folge seiner „Teilnahme am Licht des göttlichen Geistes“.12 Der Mensch verfügt über Verstand und ist dazu in der Lage, Gott zu erkennen und ihm zu dienen. Er ist von Gott „zum Herrn über alle irdischen Geschöpfe gesetzt“.13

Dass jedem Menschen etwas Göttliches innewohnt, begründet die Würde des Menschen und die Vorstellung der Gleichheit der Menschen vor Gott. Der Mensch kann sich dazu entscheiden, in dieser Gottesebenbildlichkeit zu wachsen oder ihr entgegenzuwirken, aber er kann sie niemals ganz zerstören oder sie aus anderen Gründen verlieren.

5.2.2 Der freie Wille des Menschen

Der Mensch verfügt über einen freien Willen, der potenziell stärker ist als seine biologische Natur. Mit der Kraft eines durch die Gnade Gottes gestärkten und entwickelten Willens kann der Mensch sein Leben für andere opfern, ein Leben lang einem Partner treu bleiben oder zölibatär leben. Weil der Mensch über Verstand und einen freien Willen verfügt, ist er für seine Entscheidungen verantwortlich.

Der Mensch kann in die Ewigkeit wirkende Entscheidungen treffen. Jedes gehaltene Eheverbrechen erhebt den Menschen über das Materielle und stellt eine kraftvolle Zurückweisung materialistischer Welt- und Menschenbilder dar. Die Stärkung des Menschen dazu, sich für das Gute entscheiden, ist ein Akt zu seiner Befreiung von seiner Unterwerfung unter seine Triebe und Leidenschaften.

An dieser Freiheit des Menschen scheint Gott alles gelegen zu sein. Er greift niemals in sie ein und achtet sie soweit, dass für den Menschen sogar eine vollständige Trennung von Gott möglich ist. Gott zwingt niemandem zum Glauben.

In der Didache, einem der wichtigsten Texte des frühen Christentums, wird die Bedeutung der Entscheidungen des Menschen betont:

Zwei Wege gibt es, einen zum Leben und einen zum Tode; der Unterschied zwischen den beiden Wegen aber ist groß.

Sören Kierkegard zufolge bestehe Reinheit des Herzens darin, nur eine Sache zu wollen.

5.2.3 Die Schwäche des Menschen

Die Grunderfahrung des moralisch reifen Menschen ist die Erkenntnis seiner fundamentalen Mängel und Schwächen. Die Spannung zwischen menschlichen Neigungen und den Forderungen der durch die Vernunft gewonnenen Einsichten ist für jeden Menschen unabhängig von seiner Religion erfahrbar. Kein Mensch könnte selbst unter den günstigsten Bedingungen aus eigenem Willen und eigener Kraft auch nur einen Tag lang ausschließlich das Gute und Richtige tun. Die korrumpierte Natur des Menschen ist zu schwach, als dass er den Kämpfen seines Lebens und der Versuchung zur Sünde aus eigener Kraft hinreichend wirksam begegnen könnte.

Wer dies versucht, wird entdecken, dass seine egoistische Natur sich dagegen wehrt, ihn immer wieder in die andere Richtung zieht und Hindernisse errichtet, die ihn daran hindern, sein Ziel zu erreichen. Die Natur des Menschen stellt sich ihm in den Weg und schiebt sich immer wieder machtvoll zwischen ihn und sein Ziel. Der hl. Apostel Paulus schrieb, dass es die Erfahrung aller Christen sei, dass ihre alte Natur dem Wirken Gottes in der Seele den Krieg erklärt.14 Der hl. Ignatius von Loyola schrieb, dass es „auf der ganzen Welt keine so wilde Bestie wie den Feind der menschlichen Natur“ gebe.15

Die Fähigkeit des Menschen, das Gute und Richtige mit den Mitteln seines Verstandes zu erkennen, ist zudem begrenzt und korrumpierbar. Aus eigener Kraft kann der Mensch nicht vollkommen werden und in der vertikalen Ordnung der immateriellen Wirklichkeit zu Gott aufsteigen.

5.3 Das Ziel des Menschen

Das Ziel des Menschen ist es, zur Spitze der vertikalen Ordnung des Kosmos und somit zu Gott zu gelangen. Gott fordert vom Menschen: „Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig.“16 Laut dem hl. Josemaria Escriva müsse der Mensch dazu zunächst erkennen, dass er eine „göttliche, auf die Ewigkeit hinzielende Bestimmung hat“.17

Der Mensch kann dieses Ziel unabhängig von religiösen Überzeugungen oder Offenbarungen erkennen, da es für ihn auch ohne diese einsichtig ist, dass das Gute dem Schlechten und Bösen vorzuziehen ist. Es naheliegend, sich zum Licht und nicht zur Dunkelheit hin zu bewegen.

Den Weg zu Gott hat Gott dem Menschen nach christlicher Überzeugung durch Jesus Christus ermöglicht und gezeigt.

Ein Leben, das dieses Ziel erreichen kann, hat zum Inhalt, die Seele auf Gott hin zu entwickeln. Dies kann dem Menschen aufgrund seiner Schwäche nicht aus eigener Kraft heraus, aber auch nicht gegen seinen Willen gelingen. Aufgrund seiner Unvollkommenheit benötigt selbst der beste Mensch außerdem die Gnade der Vergebung seiner Sünden.

Auf dieser Grundlage kann der Mensch mit der Hilfe Gottes den Kampf um seine Seele und seine Heiligung aufnehmen, um sein Ziel erreichen zu können.

5.4 Die Heiligung des Menschen und der geistige Kampf

Heiligung ist der lebenslange Prozess der Vereinigung mit Gott, in dessen Verlauf man anstrebt Jesus Christus immer ähnlicher zu werden. Die Heiligung des Menschen ist die Freilegung des Urbilds, das Gott von ihm geschaffen hat. Sie  beginnt mit der Taufe und endet mit dem Anblick Gottes durch den Menschen nach seinem körperlichen Tod.

Um das Ziel seines Daseins erreichen und zu Gott gelangen zu können, muß sich der Mensch sich zunächst dafür entscheiden, überhaupt zu Gott gelangen zu wollen. Anschließend muß er mit der Hilfe Gottes und aus Liebe zu Gott den „guten Kampf“18 um seine Seele aufnehmen.

In diesem Kampf geht es um die Heiligung des Menschen, also seine innere Umwandlung hin zu größerer Ähnlichkeit mit Gott. Heiligung bedeutet die Entwicklung des Menschen in die Richtung der Vollkommenheit Gottes.19

Im Zuge der Heiligung des Menschen entfaltet seine Seele das in ihr von Gott angelegte Potenzial. Heiligung bedeutet auch Reinigung, durch welche die Seele von den durch die Sünde erzeugten Verunreinigungen und vom befreit wird, was ihn von Gott entfernt und trennt. Im Zuge der Heiligung eines Menschen tritt sein Ego immer stärker in den Hintergrund.

Hier stellen sich die Schwächen des Menschen immer wieder in den Weg. Alle was nicht auf Gott hingeordnet ist, kann jedoch korrumpiert werden. „Gehorchen, Überwinden, Entsagen, Streben und Kämpfen“ sind daher die Aufgaben des Menschen nach seinem Eintritt in den Dienst.20 Dies ist eine  „große, schwere, nie abreißende Forderung“ an den Menschen. Wo er versagt, entstehen Lücken in seinem Leben, was nicht rückgängig gemacht werden kann. In seiner Tiefe bleibt der Mensch daher „von Bösem und Unreinen voll“ und sein Leben trägt „überall die Lücken des Unvollbrachten und die Zerstörung des falsch Getanen in sich“21

Christliches Leben bedeutet in diesem Sinne mit der Hilfe Gottes dem standzuhalten, was die Berufung des Menschen verneint und bekämpft, und das damit verbundene Leid auf sich zu nehmen. Der Kampf um die Heiligung er Seele ist der Kampf gegen alles in ihr, was nicht im Dienst steht oder diesen Dienst behindert.

Heiligung gleicht einem Training, in dessen Verlauf der Mensch durch regelmäßige Korrektur in seinen Tugenden wächst und stärker wird. Christliche Mönche haben dies mit dem Kampf eines Schiffes in rauher See verglichen, das von Außen durch Sturm und Wellen und von innen durch Lecks bedroht sei. Nur ständiger Kampf und Wachsamkeit könnten dieses Schiff retten, und so sei es auch mit der Seele. Wachsamkeit und die Fähigkeit, schlechte Einflüsse zu erkennen, beschreibt auch der hl. Apostel Paulus als wichtige Eigenschaften des geistigen Kampfes.22

Jesus Christus betonte, dass dieser Weg kein leichter Weg sei:

Geht durch das enge Tor! Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit, und viele gehen auf ihm. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng, und der Weg dahin ist schmal, und nur wenige finden ihn. 23

Heiligkeit ist das wichtigste im Leben des Menschen, weil sie die einzige positive Größe ist, die in der Ewigkeit Bestand hat. Reinheit ist der Zustand, in dem man sich dem Heiligen nähern kann, ohne es zu entweihen.

Heiligung ist ein Kampf, der Opfer fordert

Der Christ kann Gott nicht lieben ohne zu kämpfen weil es Anstrengung erfordert, sich für Gott zu entscheiden. Es gibt hier keinen leichten Weg, denn die eigenen Wünsche sind oft nicht zuverlässig als Wegzeiger zum Guten. Auf dem Weg zur Heiligung stellen sich dem Menschen Widerstände entgegen. Sünde ist oft der Weg des geringsten Widerstands, während die Verwirklichung des Guten immer gegen innere und äußere Widerstände erfolgt und Kampf erfordert. Es gehört zu den harten Geheimnissen des Lebens, dass man lernen muß, diesen Kampf zu lieben und seine Härten anzunehmen und sogar auf sie zuzugehen. Dies ist viel leichter gesagt als getan.

Heiligung ist das Ergebnis des erfolgreichen Kampfes gegen den Feind des Menschen. Der hl. Apostel Paulus beschreibt diesen Kampf so:

Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn! Zieht die Rüstung Gottes an, damit ihr den listigen Anschlägen des Teufels widerstehen könnt. Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Fürsten und Gewalten, gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister des himmlischen Bereichs. Darum legt die Rüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils standhalten, alles vollbringen und den Kampf bestehen könnt.24

Der heilige Paulus spricht vom „guten Kampf“, der mit dem „Schwert des Geistes“ geführt werde.

Im Katechismus heißt es dazu:

Der Weg zur Vollkommenheit führt über das Kreuz. Es gibt keine Heiligkeit ohne Entsagung und geistigen Kampf […]. Der geistliche Fortschritt verlangt Askese und Abtötung, die stufenweise dazu führen, im Frieden und in der Freude der Seligpreisungen zu leben.

Solange man nicht opferbereit ist, meint man es nicht ernst genug. Abraham erhielt seine Verbindung zu Gott durch Opfer aufrecht.

Es schieben sich laufend Hindernisse zwischen den Menschen und sein Ziel. Frieden und Ruhe wird es in diesem Leben für den zu Gott strebenen Menschen nicht geben, nur Kampf. Das christliche Leben steht in ständiger Spannung zu dem, was einen verneint, und ist damit verbunden, dem Widerstand entgegenzugehen anstatt ihm nachzugeben. Dieses Leben ist eines der ständigen Begegnung mit dem inneren Drachen und dem Kampf gegen ihn.

Der hl. Josemaria Escriva beschrieb den Prozess der Heiligung als Teilnahme an einem übernatürlichen Krieg:

Der Krieg! – Der Krieg hat ein übernatürliches Ziel, sagst du, das der Welt verborgen ist: der Krieg ist für uns… Der Krieg ist das größte Hindernis für einen bequemen Weg. – Aber schließlich werden wir ihn lieben müssen wie ein Mönch seine Bußgeißeln.

Welche Bedeutung der geistige Kampf bereits im frühen Christentum hatte zeigt die Tatsache, dass zentrale christliche Begriffe der militärischen Sprache entnommen wurden. Sacramentum war z.B. ursprünglich die Bezeichnung des Eides des römischen Soldaten, der diesen zu totalem Einsatz verpflichtete. Als Pagani bezeichnete man ursprünglich Zivilisten und später Heiden.

Jedes erbrachte Opfer ist ein Schritt des Menschen über sich selbst und aus den Grenzen der materiellen Welt hinaus.

Heiligung ist Entwicklung hin zu Gott

Heiligung ist nicht das Ergebnis einer einzelnen Entscheidung. Es gibt im geistigen Leben Stufen der Reife. Je früher man diesen Weg einschlägt, desto besser. Man hat nur wenig Zeit.

Der Prozeß der Heiligung bewirkt den Aufstieg des Menschen in der Vertikalen, der traditionell mit dem Bild der Jakobsleiter beschrieben wurde. Im geistlichen Kampf geht es darum, langfristig von dort, wo man sich befindet, aufwärts zu Gott zu gehen. Man beginnt am Fuß eines Berges, dessen Gipfel sich weit über den Wolken befindet.

Heiligung als seelischer Ausdauersport

Der geistige Kampf stellt ein lebenslanges Training der Seele bzw. einen Marathon dar, nicht einen Sprint. Der hl. Apostel Paulus verglich Christen mit den griechischen Athleten der Antike. Christen müssten ihre Seele so sorgsam trainieren wie die Athleten ihren Körper, damit sie in ihrem Wettlauf ans Ziel gelangen können.

Wisst ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen, aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt! Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen. Darum laufe ich wie einer, der nicht ziellos läuft, und kämpfe mit der Faust wie einer, der nicht in die Luft schlägt; vielmehr züchtige und unterwerfe ich meinen Leib, damit ich nicht anderen verkünde und selbst verworfen werde.25
Er sagte außerdem:
Übe dich in der Frömmigkeit! Denn körperliche Übung nützt nur wenig, die Frömmigkeit aber ist nützlich zu allem: Ihr ist das gegenwärtige und das zukünftige Leben verheißen.26

Der Begriff „Askese“ bezeichnete ursprünglich die Vorbereitung von Sportlern auf Wettkämpfe.

Benedikt XVI. verglich die Askese mit einem Sport, der die Seele für Gott bereitet. Auch der hl. Josemaria Escriva nannte die Heiligung einen „übernatürlichen Sport“ und bezeichnete sie als „übernatürliches Training“.

Heiligung erfolgt durch Gott mit Zustimmung und Mitwirkung des Menschen

Heiligung geschieht durch das Wirken Gottes in der dazu bereiten, der Heiligung zustimmenden und sie unterstützenden Seele des Menschen. Sie ist das Eintauchen in die Liebe und Bleiben in der Liebe Gottes.

Der Mensch wirkt auf die folgende Weise an seiner Heiligung mit:

  • Zustimmung zum Wirken Gottes in der eigenen Seele durch Gehorsam und Aufgabe des eigenen Stolzes und des Eigenwillens gegenüber Gott;
  • Schaffung der Voraussetzungen für das Wirken Gottes in der Seele durch Glaubenspraxis (Empfang der Sakramente, Gebet, asketische Praxis und Abtötung etc.);
  • Nachfolge Jesu Christi durch Dienst am Nächsten: Bereits die kleinste dienende Tat löst die Bindung des Menschen an sein Ego.

Dies setzt Vertrauen voraus, weil Gott den Menschen dabei auf einen anderen Weg führen kann als der Mensch es zunächst will.

Die Fortschritte in diesem Kampf zeigen sich über längere Zeiträume, so wie beim Trockenlegen eines Sumpfes. Der heilige Franz von Sales verglich den Prozess der Heiligung damit, „das Erdreich unserer Seele getreulich zu bearbeiten“, damit nichts Böses darin Wurzeln schlagen kann.

Der hl. Augustinus formulierte dieses Gebet um Heiligung:

Atme in mir, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke.
Treibe mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue.
Locke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges liebe.
Stärke mich , du Heiliger Geist, dass ich Heiliges hüte.
Hüte mich, du Heiliger Geist, dass ich das Heilige nimmer verliere.

5.4.1 Die Heiligen

Heilige sind Kämpfer im überzeitlichem Kampf. Sie werden verfolgt, weil sie für die andere Seite gefährlich sind. Ihr Wirken ist niemals harmlos und immer umstritten. Wer als Christ in den Augen der Welt nicht kontrovers und umstritten ist, macht wahrscheinlich etwas falsch.

Die Heiligen sind nicht fehlerlose Menschen, sondern Menschen, die immer wieder aufstehen und weiterkämpfen, wenn sie auf dem Weg zu Gott fallen. Die Heiligen sind die Helden Gottes in einer von ihm abgefallenen Welt. Über den heiligen Franziskus dichtete Dante:

Er ging der Welt auf wie eine Sonne.

Der katholische Theologe Romano Guardini schrieb über die Heiligen

Das Leben dieser Menschen hat verschiedensten Inhalt, immer aber trägt es den Charakter des Außerordentlichen. Sie kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft, sind Könige oder Bauern, Ritter oder Handwerker, Frauen, Männer, junge Menschen, Kinder – doch eines ist ihnen gemeinsam: die Forderung der Liebe Gottes führt sie aus dem Allltäglichen hinaus und drängt sie, Außergewöhnliches zu vollbringen. Dadurch sind sie Zeugen für die ewig neue Größe dessen, was durch Christus möglich geworden ist. Sie brechen gewissermaßen die göttliche Einfachheit seines Lichtes in die verschiedensten Formen der Verwirklichung auf; prägen Vorbilder, weisen Ziele und Wege, lösen Kräfte aus, die dann durch Jahrhunderte weiterwirken. Das ist die Vorstellung vom Heiligen, wie sie das christliche Bewußtsein bis in unsere Zeit bestimmt hat. Sie wird auch immer gültig bleiben, denn sie ist wahr; und unser Alltag bedarf großer Bilder, in denen die alles übersteigende Gnadenmacht Gottes offenbar wird […] Bilder des christlichen Heroismus, der sich in einem Leben vorbehaltlosen Wagens, Duldens und Vollbringens ausdrückt.

6. Die Ordnung des Kosmos in den Mythen der Menschheit

„Mythos“ ist das griechische Wort für „Erzählung“. Der Mythos ist eine heilige Geschichte, die von dem berichtet, was sich auf der Ebene höchster Dinge abspielt. Die Mythen des Menschen beschreiben die für ihn nicht unmittelbar sinnlich wahrnehmbare geheimnisvolle metaphysische Wirklichkeit, ihren Aufbau, ihre Abläufe sowie die Rolle des Menschen in ihr. Entsprechende Sachverhalte sind nur symbolhaft bzw. mit mythischen Bildern darstellbar.

Mythen entstehen durch das Wirken geistiger Kräfte im Menschen. Sie sprechen mit ihrer universellen Sprache Bilder an, die in der Seele des Menschen angelegt sind und von ihr wiedererkannt werden können.

Mythen werden durch Überlieferung und Entwicklung umso stärker, je weiter sie sich von ihrem Ursprung entfernen, weil durch die traditionelle Weitergabe über viele Generationen geistige Kräfte in ihnen wirken können. Im Zuge der Weitergabe fließen Impulse der weitergebenden Kultur in den Mythos ein und werden in diesen integriert, so dass dieser auch Ausdruck und Teil dieser Kultur ist. Dabei wird in der Regel jeweils das weitergegeben, was die Seelen der Menschen am stärksten anspricht.

Religionswissenschaftliche Perspektiven

Im frühen 20. Jahrhundert begann die Religionswissenschaft damit, religiöse Erfahrung ernster zu nehmen und von der Möglichkeit auszugehen, dass sie sich kultur- und religionsübergreifend auf reale Sachverhalte beziehen könnte, aus denen etwas anderes spricht aus psychologisch erklärbares subjektives Empfinden. Zu den entsprechenden Autoren gehören etwa William James („Die Vielfalt religiöser Erfahrung“), Rudolf Otto („Das Heilige“) und Mircea Eliade („Die Religionen und das Heilige“).

Der Religionswissenschaftler Mircea Eliade erstellte im Rahmen seiner Arbeit eine Art Geographie der immateriellen Welt. Dazu verglich er wiederkehrende und parallele Elemente in den Mythen der Menschheit. Die Universalität vieler Bilder und Motive legt dabei nahe, dass diese nicht das Produkt kreativer Erfindungsgabe sind, sondern einer Wahrnehmung des Immateriellen, die sich jeweils auf den gleichen Gegenstand bezog. Ähnlichkeiten in den Mythen von Völkern, die nachweislich keinen Kontakt hatten, deuten dabei darauf hin, dass die Mythen kulturunabhängig geistige Wirklichkeit beschreiben. Laut Eliade beschreiben Mythen heilige Sachverhalte, wozu sie Bilder und Motive aus der materiellen Welt nutzen. Mythen versuchen hingegen nicht, historische Wahrheit zu beschreiben.

Christliche Perspektiven

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) zufolge vollende das Christentum das Geschehen, das die Mythen der Menschheit zum Teil angekündigt und welche die Menschen damit auf das Christentum vorbereitet hätten. Solche Mythen könnten zudem positiv zu bewertende Visionen darstellen, „in denen die Menschheit Wahrheit erschaut hat und Lebenswege gefunden hat“.

In einem Austausch zwischen J.R.R. Tolkien und C.S. Lewis bezeichneten diese Mythen als ein Echo göttlicher Wahrheit. Sie stimmten darin überein, dass der Inhalt der Evangelien ein „wahres Mythos“ darstelle, weil es sowohl geistige als auch historische Wahrheit enthalte. Heidnische Mythen könnten jedoch ebenfalls geistige Wahrheit enthalten und ausdrücken. Lewis zufolge würden Evangelien das „Mythos Gottes“ wiedergeben, während heidnische und andere Überlieferungen menschliche Mythen seien. Gott könne sich durch sie mit dem ausdrücken, was in den Seelen jener vorhanden sei, die das Mythos weitergeben.

John Henry Kardinal Newman wies darauf hin, dass in allen Religionen und Kulturen „Samen der Wahrheit“ vorhanden seien. Bereits das frühe Christentum betrachtete heidnische Religionen nicht als Gegner, sondern als „Wegweisung auf den Logos“ hin. Clemens von Alexandria (150-215) habe etwas die antike griechische Philosophie mit einer Lampe verglichen, die der Mensch in der Nacht vor dem Erscheinen Christi entzündet habe. Mit dessen Erscheinen sei der Tag angebrochen und eine gewaltige Sonne aufgegangen, was die Lampe jedoch nicht abwerte. 27

Vertikalität als Grundmotiv

Vertikalität ist ein mythologisches Grundmotiv. Im Mythos geht es um das Verhältnis des Menschen zu den ihn übergeordneten Dingen und Auf- oder Abstieg seiner Seele zu ihnen hin oder von ihnen weg. Dementsprechend dominieren vertikale Symbole und Bilder wie Berge und Bäume. Alternativ wird dies mit polaren oder zentralen Bildern ausgedrückt.

Mythos und Religion

Kulturellen und religiöse Praktiken können sich auf Inhalte von Mythen und ihre Bilder und Symbole beziehen, etwa in Feiern und Ritualen oder sakraler Architektur.

Risiken

Da es nicht nur gute geistige Kräfte gibt, ist in der Auseinandersetzung mit Mythen besondere Vorsicht geboten. Wenn man diese Mythen vor dem Hintergrund des Lichtes der Offenbarung und des christlichen Glaubens betrachtet, können sie jedoch dabei helfen, Zugänge zur geistigen Welt zu erschließen.

Grenzen moderner Ansätze

Der moderne bzw. materialistische Ansatz, der in Mythen nur um unterhaltende Formen fiktiver Erzählung, Gerüchte oder primitive, faktisch falsche und abergläubische Versuche der Erklärung der Welt oder verzerrte historische Überlieferung sieht, ist in jedem Fall unzureichend. Anhänger solcher Ansätze versuchen, den „wahren Kern“ von Mythen durch Freilegung möglicher materieller oder historischer Hintergründe freizulegen, und suchen daher z.B., wenn sie den Hintergrund des Gralsmythos ergründen wollen, nach einem Becher.

Es stellt einen Irrtum dar anzunehmen, dass Entmythologisierung bei der Beschreibung des Heiligen mit einem Gewinn an Erkenntnis oder Wahrheit verbunden wäre. Dem entgegengesetzt ist zum Teil der Irrtum zu beobachten, der die Wahrheit heiliger Überlieferung dadurch zu verteidigen meint, dass er

6.1 Vertikale Ordnung

6.1.1 Der Himmel

Viele Mythologien verwenden vertikale Bilder, in denen der Himmel die Sphäre des Gottes darstellt, die sich von der Welt des Menschen abhebt.

6.1.2 Die Weltachse

Das mythische Bild

An der Weltachse (Axis Mundi) befindet sich in vielen Mythen der Weltenbaum, der Nabel der Welt, der Weltenberg oder eine heilige Quelle.

Die Weltachse verbindet die verschiedenen Ebenen der Wirklichkeit, etwa die materielle und die immaterielle Welt. Das Heilige strömt entlang der Weltachse in die materielle Welt, etwa über heilige Quellen, die sich einigen Mythen zufolge an der Weltachse bzw. am Weltenbaum befinden. Entlang der Weltachse ist zudem eine Bewegung zwischen den Ebenen der Wirklichkeit möglich.

Einige Mythen weisen eine polare Symbolik auf. In Mythen der Nordhalbkugel wird die mythische Weltachse und der Weltenberg häufig im hohen Norden verortet. Dies unterstreicht das Motiv, das den Weltenbaum als den festen Ort im Kosmos an der Weltachse verortet.

Vorkommen im Christentum

  • Psalm 48 erwähnt den Berg Zion als heiligen Berg. Er „liegt weit im Norden“ und ist der Ort der Stadt Gottes, die dieser „fest auf ewig“ gemacht habe. Sie solle umkreist und umschritten werden. In diesen Bildern verbindet sich das Motiv des Weltenbergs und das Motiv der Weltachse.
6.1.3 Der Nabel der Welt

Das mythische Bild

Der Nabel der Welt ist in Mythen der Mittelpunkt der Welt und Ort, an dem das Heilige in die Welt gelangt. Durch den Nabel der Welt gelangt das Heilige bzw. das Wirken Gottes in die materielle Welt und erhält sie.

Der Nabel der Welt ist auch der Schnittpunkt von Weltachse und materieller Welt. In Verbindung mit dem Motiv der Weltachse ist der Nabel der Welt der Mittelpunkt, um den die Welt kreist, und somit ihr Bezugspunkt in Relation zum Heiligen.

  • Die antike römische Tradition identifiziert den Nabel der Welt mit dem physischen Umbilicus Urbis genannten Tempel auf dem Forum Romanum in Rom. Dieser galt als „Nabel der Stadt“, der von Romulus errichtet worden sei, sowie und Mittelpunkt des Reiches. Zugleich galt er als der Ort, an dem sich Oberwelt und Unterwelt berühren.
  • Einer jüdischen Überlieferung zufolge befindet sich im Zentrum des Felsendoms in Jerusalem der „Gründungsfels“, auf dem die Welt gegründet worden sei. Auf ihm habe Abraham seinen Sohn Isaak opfern wollen, und der Fels sei der Standort der Bundeslade gewesen.

Vorkommen im Christentum

Die Stätte der Kreuzigung Jesu Christi, der Berg Golgatha, weist symbolische Bezüge zum Motiv des Nabels der Welt auf.

6.1.4 Der Weltenbaum/Baum des Lebens

Das mythische Bild

  • Der Weltenbaum oder Lebensbaum befindet sich in der Regel in der Mitte der Welt bzw. der Wirklichkeit an einem schwer zugänglichen Ort, der nur Auserwählten zugänglich ist. Oft müssen diese Untiere überwinden, die den Baum bewachen, oder andere Proben bestehen, um an dessen Unsterblichkeit verleihende Früchte zu gelangen, etwa die goldenen Äpfel im Garten der Hesperiden.
  • Der Weltenbaum ist zum Teil mit der Weltachse (siehe unten) identisch.
  • In der altbabylonischen Mythologie wird der heilige Baum von Eridu beschrieben, der in der Mitte des ersten Gartens wächst. Seine Wurzeln ragen in die Unterwelt, und seine Krone trägt die Sonne.
  • In der sumerischen Mythologie entstand vermutlich im dritten Jahrtausend vor Christus das Bild des Weltenbaums, den die Himmelsgöttin Inanna im heiligen Garten von Uruk pflanzte, und dessen Äste bis zu den Sternen ragen. In seinen Wurzeln lebt eine Schlange, die den Tod bringt.
  • In nordischen Mythen befindet sich am Fuß des Weltenbaumes Yggdrasil der Brunnen der Urdbrunnen, an dem sich die Nornen Urd, Verdandi und Skuld befinden. Odin gelangt am Weltenbaum hängend zu höherer Erkenntnis. Die Wurzeln des Baumes ragen in das dunkle Niflheim hinein, in der die Schlangen Goin und Moin an der Wurzel des Baumes nagen. Sie ragen zudem nach Helheim hinein, dem Totenreich. In den höchsten Zweigen des Baumes befindet sich Asgard, das Land der Götter. In der Mitte des Baumes befindet sich Midgard, die Heimat des Menschen.
  • Der Weltenbaum wird in einigen Mythen auch als Pfahl oder Säule beschrieben. Er stellt den einzigen festen Punkt des Kosmos, absolute Realität und die Verbindung zum Himmel dar.

Vorkommen im Christentum

  • Im Alten Testament befindet sich in der Mitte des Paradieses ein Baum des Lebens sowie ein Baum des Wissens bzw. ein „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“, an dessen Stammen sich die Schlange befindet, die als Versucherin auftritt.
  • Der Baum des Lebens wird im Alten Testament zunächst nicht erwähnt. Laut Eliade sei es ein Aspekt dieses Motives, dass der Baum verborgen und nicht leicht zu erreichen sei. Er sei erst zugänglich gewesen, nachdem Adam und Eva die Früchte vom Baum des Wissens gegessen hatten. Eliade deutet dies so, dass die Schlange, der der Baum des Lebens nicht zugänglich gewesen sei bzw. den sie unter den Bäumen des Paradieses nicht hätte erkennen können, den Menschen verführt habe, damit er sie zu diesem Baum führe. Die Schlange ähnele den Motiven anderer Mythen, in denen der Baum des Lebens von Untieren bewacht wird, die der zu ihm gelangende Held überwinden muss. Adam habe diesen Kampf jedoch verloren, weil die Schlange ihn erfolgreich dazu verführte, sich gegen Gott zu stellen.
  • Im Christentum weist das Kreuz Jesu Christi Parallelen zum mythischen Bild des Lebensbaums auf. Die Kirchenväter deuteten das Kreuz als kosmisches Symbol, das die Umfassung der ganzen Welt von ihrem Mittelpunkt aus darstelle.
  • Das Kreuz wird in der Überlieferung auch als „Lignum Vitae“ bezeichnet. Cyrill von Jerusalem (gest. 386) bezeichnete das Kreuz Jesu Christi als „Holz des Lebens“, das „in die Erde gepflanzt“ wurde, „damit die verfluchte Erde Segen genießt und die Toten erlöst werden“. Durch seinen Tod am Kreuz habe Jesus Christus die Menschen erlöst und ihnen das ewige Leben ermöglicht.
  • Der hl. Hippolyt (gest. 235) ist vermutlich Autor der Schrift mit dem Titel „Der Weltbaum“, die zeitweise dem hl. Chrysostomos zugeschrieben worden war. Sie beschreibt das Kreuz als Symbol des vertikalen Aufstiegs der Seele zu Gott: „Dieser himmelweite Baum ist von der Erde empor zum Himmel gewachsen“ und sei ein „unsterbliches Gewächs, reckt er sich auf mitten zwischen Himmel und Erde“. Das Kreuz Jesu Christi bzw. der Weltbaum sei „der feste Stützpunkt des Alls, der Ruhepunkt aller Dinge, die Grundlage des Weltenrunds, der kosmische Angelpunkt“. Von diesem Baum „nähre ich mich ins ewige Leben“ und „in seine Wurzeln wurzele ich mich ein“, er sei ein „schmaler Weg, meine enge Straße, er ist die Jakobsleiter, auf der die Engel auf- und niedersteigen“ zu Gott.
  • Der hl. Bonaventura veröffentlichte um das Jahr 1260 herum geistliche Betrachtungstexte unter dem Titel „Baum des Lebens“.  Dieser ist bei ihm identisch mit dem Kreuz Christi. Die Wurzeln des Baumes des Lebens wachsen ihm zufolge aus der Tiefe, und er strebe zum Licht hin.
  • In einigen orientalischen Legenden, ist das Kreuz laut Eliade die Brücke oder die Leiter, auf der Seelen zu Gott aufsteigen. Es liege am Mittelpunkt der Welt, der den Ort des Übergangs zwischen Himmel, Erde und Unterwelt darstellt.
  • Im Alten wie im Neuen Testament kommt das Bild des Weinstocks häufig vor. Er gilt auch als ein Symbol für Jugend und ewiges Leben.

Materielle Bezüge

Materieller Bezug des Bildes ist möglicherweise, dass Bäume zum Licht wachsen und sich laufend regenerieren. Ihre Zweige reichen in den Himmel und ihre Wurzeln in unbekannte Tiefen.

6.1.5 Der Weltenberg und heilige Berge/Höhlen

Das mythische Bild

In vielen Mythen befindet sich in der Mitte der Welt ein heiliger Berg, wo sich Himmel und Erde berühren.

Im zentral- und ostasiatischen Raum sind der Meru und der Kailash heilige Berge. Diese werden entweder in physischen Bergen verortet oder an unzugänglichen Orten entlang der Weltachse, die im hohen Norden verortet wird.

In vielen Religionen wurden heilige Berge nachgebildet, etwa in den Pyramiden des alten Ägyptens sowie im mittelamerikanischen Raum. Eine Nachbildung heiliger Berge gibt es zudem in Form von Tempelbergen.

Zudem gibt es das mythologische Motiv der Höhle, die sich im Inneren von Bergen befindet. Höhlenheiligtümer sind weltweit in vielen Kulturen nachgewiesen.

Vorkommen im Christentum

  • Auf dem Berg Sinai erhielt Moses die Tafeln mit den Zehn Geboten von Gott.
  • Auf dem Berg Ararat landete die Arche Noah nach der Sintflut.
  • Der Berg Golgotha ist der Ort, an dem Adam der christlichen Tradition zufolge erschaffen und begraben wurde. Während der Kreuzigung Christi sei ein Tropfen des Blutes Christi auf den Schädel Adams gefallen, um ihn zu erlösen.
  • Jesus Christus betete häufig auf Bergen.
  • Psalm 24 erwähnt einen „Berg des Herrn„. Nur wer ein reines Herz habe, dürfe zu diesem Berg hinaufziehen.
  • In Jesaja 14,13 wird ein „Berg der Versammlung“ im hohen Norden beschrieben. Psalm 48 erwähnt den Berg Zion als heiligen Berg. Er „liegt weit im Norden“ und ist der Ort der Stadt Gottes, die dieser „fest auf ewig“ gemacht habe. Sie solle umkreist und umschritten werden. In diesen Bildern verbindet sich das Motiv des Weltenbergs und das Motiv der Weltachse.
  • Das Motiv des heiligen Berges findet sich im Christentum zudem in Kirchtürmen und Altären wieder.
  • Berichte über Marienerscheinungen beinhalten häufig die Erwähnung von Höhlen (u.a. Fátima, Lourdes).

Materielle Bezüge

Materieller Bezug des Bildes ist möglicherweise die Beständigkeit von Bergen und ihre physische Größe sowie ihre Nähe zum Himmel. Ihre Gipfel sind oft hinter Wolken verborgen, von besonders reiner Luft umgeben und (falls sie von Eis und Schnee bedeckt sind) in helles Licht getaucht. Man muß zu Bergen aufschauen, um sie zu sehen. Während das Wasser das Chaos symbolisiert und das Land der Ort des Menschen ist, steht der Berg für die Steigerung des Landes.

6.1.6 Heilige Quellen und Flüsse

Das mythische Bild

Heilige Quellen befinden sich in Mythen meist in der Nähe der Weltachse oder an den Wurzeln des Weltenbaums.

In nordischen Mythen befindet sich am Fuß des Weltenbaumes Yggrasil der Brunnen der „Urdbrunnen“ bzw. Schicksalsbrunnen. Das aus ihm strömende Wasser ist so heilig, dass alles, was damit in Berührung kommt, weiß wird.

Vorkommen im Christentum

Berichte über Marienerscheinungen beinhalten häufig die Erwähnung von Quellen (u.a. Lourdes, Guadelupe, Covadonga).

Bei einigen Formen der Taufe symbolisiert das Untertauchen bzw. das Wiederauftauchen Tod und Wiedergeburt.

Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen.

Alfred Delp

6.2 Der kosmische Kampf

Das mythische Bild

Kampfmythen sind sehr verbreitet und finden sich in sehr ähnlicher Form u.a. in der jüdischen, ägyptischen, syrisch-phönizischen und griechisch-römischen Tradition. Sie beschreiben eine Auseinandersetzung zwischen göttlichen Wesenheiten auf kosmischer Ebene. Einer der Gegner ist dabei ein Monster, häufig in Form eines Drachen, der das  Chaos oder Sterilität repräsentiert. Sein Gegner ist häufig ein göttlicher Held, der Ordnung oder Fruchtbarkeit repräsentiert. Im Kampf zwischen beiden geht es um die Herrschaft über den Kosmos.

In der griechischen und römischen Tradition kämpft Apollo gegen Python und Zeus gegen Typhon. In der babylonischen und assyrischen Tradition kämpft Marduk gegen den Chaosdrachen Tiamat. In nordischen Mythen kämpft ein Adler, der in den Zweigen des Weltenbaums wohnt, täglich mit dem Drachen Nidhöggr. In indischen Mythen kämpft Garuda gegen gegen Drachen.

Vorkommen im Christentum

Elemente des Kampfmythos kommen auch in Offenbarung 12 vor. Dort greift der das Böse repräsentierende Drache die Frau und ihren Sohn an. Anders als in anderen Kampfmythen wird der Sohn vor seiner Wiedergeburt hier jedoch nicht getötet, sondern gerettet bevor er nach der vorübergehenden Herrschaft des Drachen wiederkehrt um den letzten Kampf zu führen.

6.2.1 Die Heldenreise

Der Mythologe Joseph Campbell beschrieb die Heldenreise als universelles mythologisches Motiv. Auf seiner Reise begegner der Held Prüfungen und Herausforderungen und kehrt von ihr mit einer Erkenntnis zurück, die eine Hilfe für die Welt und die Menschen darstellt, etwa dem Geheimnis der Unsterblichkeit.

Die Darstellung des Lebens Jesu Christi weist Ähnlichkeiten zum Motiv der Heldenreise auf.

Auch im Gralsmythos spielt das Motiv eine zentrale Rolle (Weiterlesen: Der Gralsmythos und die Spiritualität des Rittertums).

6.2.2 Der entrückte König

Das mythische Bild

Mit dem Begriff Entrückung bezeichnet man in einem religiösen oder mythologischen Zusammenhang das Phänomen, dass eine Person leibhaftig aus der irdisch-konkreten Erscheinungswelt in eine nicht-irdische Sphäre versetzt wird.

Vor allem europäischen Mythen, aber auch darüber hinaus (Montezuma in der aztekischen Mythologie sowie der Mahdi bzw. der „verborgene Imam“ im Islam), gibt es das Motiv des Helden, Königs oder sonstigen Herrschers, der nicht stirbt, sondern in eine Unterwelt, an einen verborgenen Ort oder in einen Berg entrückt wird, bis er zurückkehrt, um das Land von seinen Feinden oder es von der Herrschaft des Antichrist zu befreien und es zum Frieden führt.

Dass Könige in einem Berg weiterleben, ist dabei ein speziell deutsches Motiv, das mutmaßlich auf eine vermutlich vorchristliche Vorstellung, wonach die Toten im Berg (außerhalb der irdischen Zeit) weiter fortleben, zurückgeht. Das bekannteste Beispiel ist die Kyffhäusersage, derzufolge Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, in einer Höhle des Kyffhäuserbergs (in einer Variante in einer Höhle im Untersberg) mitsamt seinen Getreuen schlafe, um eines Tages zu erwachen und das Reich in einer Notlage zu retten.

In der keltischen Mythologie befinden sich Herrscher, wie etwa König Artus oder König Dunmail, bis zu ihrer Rückkehr an anderen Orten, aber nicht in Bergen. Der sterbende britische König Artus wird bei Malory von seiner Halbschwester Morgan le Fay auf die mythische Insel Avalon gebracht, von der er einst als König wiederkehren wird.

  • Das Motiv des endzeitlichen Erlösers: Dieses Motiv gibt es in Verbindung mit dem Motiv der Entrückung, aber auch ohne dieses, in vielen Religionen. Im Judentum findet es in der Erwartung des Messias seinen Ausdruck. Der indische Vishnu kam in neun Avataras herab, um die in Unordnung befindliche Welt zu erretten. In seiner zehnten Erscheinungsform als Kalki soll er am Ende des gegenwärtigen Weltzeitalters wiederkehren. Ihm entspricht im Buddhismus der zukünftige Buddha Maitreya. Im Zoroastrismus wird die Erneuerung der Welt eine Saoschjant genannte Figur bewirken und das Böse besiegen. Der Prophet Zarathustra ist demnach nicht gänzlich verschwunden, aus seinem Samen wird dereinst Saoschjant geboren.
  • Das Motiv des Friedenskaisers: Mit dem Motiv des entrückten Königs verbunden ist das des Friedenskaisers, der nach einer im Mittelalter verbreiteten eschatologischen Erwartung eine messianische Herrschergestalt aus der Reihe der fränkischen Könige ist, deren Erscheinen das Ende der Welt vorbereite. Der Friedenskaiser werde das Heilige Römische Reich über die ganze Welt ausdehnen, bevor er seine Herrschaftsinsignien am Ölberg in Jerusalem niederlegen werde und nach seinem Verzicht und dem damit einhergehenden Ende des Reichs die Schreckensherrschaft des Antichristen begänne, die mit dem Weltgericht Gottes ende. Unter den Herrschern, deren Wiederkunft als Friedenskaiser erwartet wurden, waren Friedrich II., später sein Großvater Friedrich I. (genannt Barbarossa) und Karl der Große.

Vorkommen im Christentum

Das Christentum geht davon aus, dass Jesus Christus als Weltrichter wiederkehren wird.

6.2.3 Die Weltzeitalter und die Apokalypse

Inhalt folgt

6.3 Sonstige mythische Bilder und Symbole im Christentum

Für einige möglicherweise mythische Bilder, die in christlicher Offenbarung und Tradition auftauchen, gibt es keine bislang bekannten Parallelen in anderen Mythen.

Umgekehrt kommen einige ansonsten verbreitet zu findende mythische Bilder im Christentum kaum oder gar nicht vor, z.B. solche, die sich auf Erd- und Naturkräfte (Fruchtbarkeit etc.) beziehen. Die Muttergottes des Christentums unterscheidet sich zudem deutlich vom Bild der „großen Mutter“, das in den Mythologien anderer Religionen und Kulturen zu finden ist.