Stand: 14.12.2017

Ambrogio Lorenzetti – Die Allegorie der guten Regierung – Die Tugend der Klugheit (gemeinfrei)

Die Klugheit ist die höchste Kardinaltugend und beschreibt die Fähigkeit, die Wirklichkeit, die eigene Lage und das Gute zu erkennen, um ihnen entsprechend handeln zu können.

1. Die christliche Kardinaltugend der Klugheit

Klugheit ist laut Josef Pieper die Tugend, die „mit ihrem sachlichen Blick auf das objektive Sein die Wirklichkeitsgemäßheit“ des Handelns erkenne. Die Klugkeit erkenne „die ewigen, gottgegebenen Gesetze der Wirklichkeit“ und sehe sie als verbindlich an.

  • Das Maß der Klugheit ist die Wirklichkeit. Sie bringt laut Pieper die Subjektitvität des Menschen zum Schweigen damit er die Umstände erkenne, in denen „er den Auftrag seines Wesens erfüllen muß“ Klugkeit ist somit im Wesentlichen identisch mit Wirklichkeitssinn und nüchterner Sachlichkeit..
  • Die Klugheit ist die Tugend der Unterscheidung (lat. discretio). Der Kluge benennt die Dinge ihrem Wesen nach richtig und unterscheidet zwischen ungleichen Dingen.
  • Klug ist, wer Risiken und Gefahren klar erkennt, sie nicht ausblendet und die Möglichkeit ihres Eintritts in seine Entscheidungen mit einbezieht. Kluges Denken und Handeln ist somit von Vorsicht (lat. prudentia) geprägt.

Der katholische Theologe Romano Guardni schrieb in diesem Zusammenhang über die Bedeutung des Ernstes:

Dieser Ernst will wissen, worum es wirklich geht, durch alles Gerede von Fortschritt und Naturerschließung hindurch, und übernimmt die Verantwortung, welche die neue Situation ihm auferlegt.

Dabei ist Klugheit nicht mit Intelligenz gleichzusetzen. Vernunft ist laut Pieper der „Durchlass zur Wirklichkeit“ und eine der Voraussetzungen der Klugheit.

Kluges Denken und Handeln orientiert sich am Ernstfall und steht jeglichem utopischen Denken sowie Wunschdenken ablehnend gegenüber. Klug ist, wer das Bewährte gegenüber dem schön Klingenden bevorzugt.

  • Der Theologe Romano Guardini sprach diesbezüglich von einem guten Pessimismus, ohne den nichts Großes entstehen könne: „Er ist die bittere Kraft, die das tapfere Herz und den schaffensfähigen Geist zum dauernden Werk befähigt.“
  • Der hl. Apostel Paulus rief Christen u.a. zur Wachsamkeit auf. (1 Kor 16,10). Er oder einer seiner Mitarbeiter rief insbesondere christliche Männer zudem dazu auf, „nüchtern“ und „besonnen“ zu sein (Titus 2,1).

Die Klugheit wehrt der Tendenz der schwachen Natur des Menschen zum Wunschdenken entgegen, welches das für ihn harte und unangenehme ausblendet, sich in Illusionen einrichtet und Entscheidungen ausweicht. Die Tugend der Klugheit hilft dem Menschen, sich der Härte seines Daseins zu stellen.

2. Krisenerwartung als Voraussetzung guter Entscheidungen

Der Philosoph Rolf Dobelli, der vor allem durch sein Werk „Die Kunst des klaren Denkens“ bekannt geworden ist, beschrieb, warum Krisenerwartung ein Ausdruck wirklichkeitsgerechten Denkens und eine Voraussetzung guter Entscheidungen sei:.

  • Nur wer Gefahren und Risiken im Voraus erkenne, könne diesen präventiv begegnen. Er sei dadurch in der Lage, sie zu vermeiden oder auf ein Minimum zu reduzieren.
  • In modernen Gesellschaften fände die erfolgreiche präventive Reduzierung von Risiken nur wenig Anerkennung und bleibe häufig unsichtbar. Zudem könne man mit erfolgreicher Prävention und Vermeidung sowie mit risiko- und krisenorientiertem Denken nicht angeben, weshalb dieses vielen Menschen als unattraktiv erscheine.
  • Außerdem werde solches Denken häufig als Ausdruck einer negativen Grundeinstellung abgelehnt.

Es sei jedoch ein Ausdruck von Weisheit und eine Voraussetzung wirklichkeitsgerechten Handelns, regelmäßig und intensiv über katastrophale Risiken nachzudenken, denen man in der Zukunft begegnen könnte.

3. Der Realismusmangel moderner Ideologien

Menschen neigen allgemein dazu, Dinge auszublenden, die sie nicht hören wollen. Einige moderne Ideologien stellen Rechtfertigungen dafür zur Verfügung, indem sie behaupten, dass die Geschichte des Menschen von stetigem Fortschritt gekennzeichnet sei und die Wahrnehmung von grundsätzlichen Problemen nur ein Ausdruck geistiger Beschränktheit bzw. von Rückwärtsgewandtheit und Ängstlichkeit sei. Dabei setzen diese Ideologien häufig kluge Voraussicht mit irrationaler Angst gleich und schalten dadurch ein wichtiges Korrektiv menschlicher Entscheidungen aus. Die jüdische Philosophin Hannah Arendt hatte vor dieser Tendenz moderner Ideologien gewarnt:

Die größte Gefahr in der Moderne geht nicht von der Anziehungskraft nationalistischer und rassistischer Ideologien aus, sondern von dem Verlust an Wirklichkeit.

Im Zuge des Scheiterns dieser Ideologien sind von ihren Vertretern immer schrillere Forderungen nach Optimismus zu hören.

Christliche Weltanschauung lehnt zudem die Teile des modernen Fortschrittsnarrativs, die von der Verbesserbarkeit des Menschen und der Welt ausgehen und auf dieser Grundlage ein „Ende der Geschichte“ und ihrer Konflikte erhoffen, ausdrücklich ab. Der damalige Papst Paul VI. beschrieb 1972 das utopische Denken als eines der Einfallstore des Bösen in die Seele des Menschen.

Insbesondere das 20. Jahrhundert, in dem diese sich als Höhepunkt der geistigen Entwicklung der Menschheit wähnenden Ideologien ganze Kontinente verwüsteten und eine dreistellige Millionenzahl von Menschen töteten, hat dieses Fortschrittsnarrativ endgültig widerlegt. Bei ihm handelt es sich um einen Ausdruck von Wunschdenken, der auf dem fundamental fehlerhaften Menschen- und Weltbild der Moderne beruht.