Stand: 13.12.2018

Es gibt viele unterschiedliche Wege, auf die Berufung zum Dienst zu antworten. Jeder Mensch muss seine Berufung erkennen, und eine davon kann die zum schützenden und bewahrenden Dienst sein, zu dem insbesondere Männer berufen sind. Zu den Formen dieses Dienstes gehören der Schutz der Schwachen, der Schutz der Kirche und des christlichen Erbes, der Schutz des Gemeinwohls und die Verteidigung des Gemeinwesens.

1. Die christliche Spiritualität des schützenden Dienstes

Die Spiritualität des schützenden und bewahrenden Dienstes ist ein Weg, Christus dienend nachzufolgen. Dieser Weg ist mit der Akzeptanz höchster Risiken und Gehorsam gegenüber Gott bis zum Tod1 verbunden.

  • Die Spiritualität des schützenden und bewahrenden Dienstes ist die des hl. Josephs, der die heilige Familie beschützte.
  • Sie ist die des hl. Apostels Paulus, der die ihm anvertrauten Menschen und Werke auf seinen mit Gefahren verbundenen Fahrten sicher durch den Sturm brachte.2
  • Sie ist die Spiritualität des Nehemia, der die schützenden Mauern Jerusalems in Zeiten der äußeren Bedrohung und der inneren Auflösung erneuern, bewachen und verteidigen ließ.
  • Sie ist die Spiritualität des Ezechiel, den Gott im Angesicht von Gefahren und Bedrohungen zum Wächtertum berief3, damit dieses Volk in Sicherheit leben kann.4. Gott beruft mit den Worten im Buch Ezechiel den zum Dienst bereiten Mann, damit er „eine Mauer baut oder für das Land in die Bresche springt“.5 Wo Menschen schützenden Dienst im Gehorsam gegenüber Gott leisten, können die Geschützten dankbar singen: „Wir haben eine starke Stadt. Zum Heil setzt er Mauern und Wall.“6
  • Sie ist die Haltung des Mannes, der Hüter seines Bruders sein will.7
  • Sie ist die Spiritualität des hl. Bernhard von Clairvaux, der zum schützenden Dienst gegen jene aufrief, die daran arbeiten die „unschätzbaren Reichtümer des christlichen Volkes zu rauben, das Heiligtum zu schänden und den heiligen Tempel Gottes in Besitz zu nehmen.“
  • Diese Spiritualität strebt danach, „vertraut mit dem Schwert, geschult für den Kampf […] gegen die Schrecken der Nacht“ zu sein.8
  • Sie orientiert sich an den Erfordernissen des Dienstes in Grenzsituationen, unter Gefahr und im Angesicht von Risiken. Ihr Inhalt ist die immer weiterreichende Indienststellung des eigenen Lebens und der Aufbau und die Pflege von entsprechender Tauglichkeit. Ihr zu folgen ist damit verbunden, Herausforderungen aktiv zu suchen, auf sie zuzugehen und auf den Ruf Gottes zu antworten: „Hier bin ich, sende mich!“9

Diese Spiritualität ist außerdem Teil der apostolischen Pflicht aller Christen zur Verteidigung der Kirche im Sinne der Gesamtheit aller Christen gegen ihre Feinde. Nach christlicher Überzeung ist der Mensch nicht Urheber oder Stifter von Werten, sondern nur ihr gehorsamer Wächter und Bewahrer. Er hat im Dienst an Jesus Christus alle von Gott stammenden wertvollen Dinge zu schützen und zu verteidigen.

Pius XI. rief in diesem Sinne die „ungenannten Soldaten Christi“ dazu auf, im Angesicht der Bedrohung durch totalitäre moderne Ideologien dem heiligen Erbe des Christentums tapfer die Treue zu halten, „im Kampf gegen die Verneiner und Vernichter des christlichen Abendlandes“ dienend tätig zu werden und „alles zu hüten und zu schützen, worauf der Völker Heil und Glück beruht“.

Der Prophet Jesaja beschreibt, dass Gott selbst schützenden Dienst leistete, als den Weinberg, der im Gleichnis für sein Volk steht, mit einem Wachtum und einer schützenden Mauer versah.12 Er praktizierte schützenden Dienst, als er eine Ehebrecherin vor der Steinigung schützte.13

Die Kirche leistet in Europa seit mehr als 1.500 Jahren schützenden Dienst, der alles bewahrte, was es die Kulturen des Kontinents an Wertvollem besitzen. Im Chaos der Spätantike und des Frühmittelalters bewahrte sie die wertvollsten Teile des abendländischen Erbes und beschützte Europa vor den Angriffen der Hunnen, der Muslime, der Wikinger und der Magyaren. Die Päpste Leo der Große und Gregor der Große wendeten durch ihr persönliches Wirken im fünften und sechsten Jahrhundert Angriffe auf Rom ab, welche die Existenz des Abendlandes vielleicht beendet hätten.

1.1 Die Bedingungen dieser Welt erfordern schützenden Dienst

Das Volk Israel musste viele Kriege zu seiner Verteidigung führen. Im alttestamentarischen Verständnis ist Gott im Krieg präsent, und Militär und Kriegführung sind in der Sphäre des Heiligen angesiedelt. Gott ist hier ein Gott der Heerscharen. Viele Texte des Alten Testaments beschreiben Gott als heldenhaften Krieger oder als Feldherrn, der in den Kampf eingreift.14

Auch die Christenheit als Volk Gottes musste sich immer wieder verteidigen. Wo es dies nicht tat oder dies nicht gelang, wurde es oft ausgelöscht. Die Offenbarung des Johannes sagt voraus, dass es Krieg bis zum Ende der Zeit geben wird und dass Christen sein Ziel sein werden. Bis zuletzt wird das „Lager der Heiligen“ und alles, was es wert ist bewahrt zu werden, angegriffen werden und sich verteidigen müssen.15

Als das Wirken Jesu Christi bei seinen Jüngern seinem Ende zugeht, weist er diese an, eine begrenzte Zahl von Schwertern zu beschaffen.16. Dies wird allgemein so interpretiert, dass er dabei ihren Schutz im Sinn hatte. Es geht ihm offenbar darum, sie auf Situationen vorzubereiten, in denen sie sich verteidigen müssen.

An anderer Stelle im Neuen Testament wird berichtet, dass Petrus bei der Verhaftung Jesu Christi ein mitgeführtes Schwert zu dessen Schutz einsetzen wollte, aber auf Weisung  Christi davon ablässt. Christus hatte offenbar keinen grundsätzlichen Einwand gegen defensive Bewaffnung und den entsprechenden Einsatz der Waffen, sondern erkannte, dass in dieser bestimmten Situation seine Gefangennahme notwendig war, damit er seinen größeren Dienst an den Menschen verrichten konnte.

Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen, […] eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.17

Das Neue Testament kündigt „reißende Wölfe“,an welche die christliche „Herde nicht schonen“ werden.18, und es wird dazu aufgerufen, auf die christliche Gemeinde in diesem Zusammenhang „Acht zu geben“. Im Römerbrief heißt es, dass mit allen Menschen Frieden gehalten werden soll, „soweit es euch möglich ist“.19

Das fünfte Gebot verbietet die Tötung Unschuldiger, aber nicht die Anwendung potenziell tödlicher Gewalt zu Schutz und Verteidigung, die sogar durch die Nächstenliebe geboten sein kann.20 Den Nächsten zu lieben wie sich selbst beinhaltet, ihn auch unter Einsatz seines eigenen Lebens gegen Angriffe zu schützen, so wie man sich auch selbst gegen solche Angriffe verteidigen muß.

Wer Unrecht gegenüber dem Nächsten durch schützenden Kampf verhindern könnte und dies unlässt, verweigert dadurch Nächstenliebe. Ebenso verweigert jemand die gebotene Feindesliebe, der einen Feind nicht mit den geeigneten Mitteln davon abhält, Schuld durch Angriffe auf Unschuldige auf sich zu laden.

1.2 Der schützende Dienst im frühen Christentum

Staaten haben als Teil der Ordnung Gottes auch die Aufgabe, Sicherheit zu gewährleisten, wozu sie auch Gewalt einsetzen können.21

Jesus Christus verurteilte die Berufung des Soldaten nicht, zum Beispiel als er über einen römischen Hauptmann, dem er in Kapernaum begegnete sagte, dass er bei keinem anderen solchen Glauben gefunden habe.22 Der von der Tradition Longinus genannte Soldat gehörte zu den ersten, die Jesus Christus nach seiner Kreuzigung als Sohn Gottes anerkannten.23 Der römische Hauptmann Kornelius wird in der Bibel als „fromm und gottesfürchtig“ beschrieben und half dem hl. Apostel Paulus bei seinem Aufenthalt in Cäsarea.24

Auch Johannes der Täufer verurteilte Soldaten, die ihn fragten, was sie tun sollten, nicht. Er forderte sie auf, ihren Dienst ehrenhaft zu verstehen: „Misshandelt niemand, erpresst niemand, begnügt euch mit eurem Sold!“25

Das frühe Christentum lehnte nicht den Dienst als Soldat ab, sondern nur den damit in den römischen Streitkräften verbundenen Kaiserkult. Der um das Jahr 100 verfasste Erste Clemensbrief stellte soldatische Ordnung und Disziplin als Vorbild für christliches Leben dar. Das Christentum verbreitete sich auch unter römischen Soldaten, so dass im Jahre 197 laut einer Beschreibung Tertullians bereits zahlreiche Soldaten Christen waren.

Der hl. Augustinus schrieb unter dem Eindruck des Chaos im zerfallenden Römischen Reich, dass es nicht gegen den Willen Gottes sei, bewaffneten schützenden Dienst am Gemeinwesen zu leisten. Außerdem sei es zu befürworten, einen „Orden für den Kriegsdienst“ zu gründen, der „die öffentliche Gottesverehrung, das Wohl des Vaterlandes, die armen und bedrückten verteidigen will“.

Der hl. Ambrosius, ein Kirchenlehrer, schrieb in seinem Werk „De Officiis“ um 386:

Die Stärke, welche im Kriege das Vaterland vor den Barbaren schützt oder zu Hause schwache Freunde vor Räubern, ist vollgültige Gerechtigkeit.

Im Mittelalter galt der schützende Dienst des Rittertums als notwendiger Teil einer von Gott gewollten Ordnung.26

1.3 Schützender Dienst: Ein Werk der Barmherzigkeit

Schützender Dienst gehört zu den Werken der Barmherzigkeit. Jesus Christus beschreibt einige dieser Werke in Mt 25,34-46. Allen Werken der Barmherzigkeit ist gemeinsam, dass es sich bei ihnen um Taten der Hilfe für Menschen in Not handelt.

Lactantius (ca. 250-320), der zu den Kirchenlehrern zählt, fasste alle im Alten und Neuen Testament von Gott geforderten Taten zusammen. Erwähnt werden unter anderem der Schutz der Witwen, die Verteidigung der Weisen und die Befreiung Unterdrückter.27

Schützender Dienst ist niemals die Anwendung von Gewalt zur Verbreitung des Christentums. Solche Gewalt ist Christen ohne Ausnahme untersagt. Da das Christentum auf freiwilliger Zustimmung des Menschen zu Gott beruht, könnte es gar nicht gewaltsam verbreitet werden. Wegen der oft unumkehrbaren Folgen von Gewalt sind Christen außerdem zu einer allgemeinen Distanz und Wachsamkeit ihr gegenüber aufgerufen.

2. Die Berufung des Mannes zum schützenden Dienst

Die Vorstellung einer christlichen Berufung zum schützenden Dienst geht auf das Alte Testament zurück. Nach Genesis 4,10 soll der Mann der „seines Bruders Hüter“ sein. Kain, der seinen Bruder Abel getötet hatte, verhöhnte Gott, als er diesem gegenüber bestritt, Verantwortung für seinen Bruder zu tragen.

Es mache laut Christus den Vater aus, dass er keinen von denen, die ihm anvertraut seien, zugrunde gehen lasse.28

Die Vorstellung der christlichen Berufung zum schützenden Dienst wurde seit dem 9. Jahrhundert zunehmend ausformuliert. Haimon von Auxerre formulierte damals den Gedanken, dass eine gute christliche Gesellschaft Menschen umfassen müsse, die jeweils beteten, kämpften und arbeiteten. Dieser Gedanke wurde durch Bischof Gerhard von Cambrai in einer um 1020 entstandenen Schrift übernommen. Ebenfalls um das Jahr 1020 beschrieb Bischof Adalbero von Laon das Haus Gottes, das aus diesen drei Berufungen bestehe. Die Last aller laste dabei auf dem Amt eines einzigen, und jeder trage dazu bei die Last aller zu tragen.

Mit der Entwicklung des Rittertums schuf das Christentum zudem eine Spiritualität des schützenden Dienstes, die den Schutz der „homines minus potentes“, also der physisch wehrlosen Menschen zum Gegenstand hatte. Diese Spiritualität schuf gleichzeitig das Urbild einer durch den Gehorsam gegenüber Gott veredelten Männlichkeit.29

Erzbischof Charles Joseph Chaput erinnerte 2018 an die allgemeine Berufung des Mannes zum schützenden Dienst:

Als Männer liegt es in unserer durch das Wort Gottes bestätigten Natur, drei Aufträge zu erfüllen: Zu versorgen, zu schützen und zu führen – nicht um unserer selbst willen, nicht für unsere leeren Eitelkeiten und Lüste, sondern im Dienst an anderen.

Das Christentum habe in Form des Rittertums ein zeitloses Bild von dienstbereiter Männlichkeit geschaffen, das angesichts der sich ankündigenden Verwerfungen in westlichen Gesellschaften an Bedeutung gewinne. Für die Formung des Mannes seien Erinnerung und Tradition von besonderer Bedeutung, da Männlichkeit erlernt werden und dazu auf die von der Tradition aufgebauten kulturellen Bestände zurückgreifen müsse. Die christliche Tradition männlicher Spiritualität habe vor exakt 900 Jahren einen entscheidenden Impuls erhalten, als sich neun Männer, die sich als Pilger in Jerusalem aufhielten, dazu entschlossen hätten, den sie umgebenden Nöten entgegenzutreten und Streifen entlang der Straßen nach Jerusalem zum Schutz der Pilger vor Übergriffen durchzuführen. Der dadurch begründete Templerorden habe ein zeitloses männliches Ideal geschaffen, nämlich das der Gemeinschaft wehrhafter Männer, die als Brüder ein Leben der asketischen Strenge, der Disziplin und der Glaubenspraxis führen wollten, um Gott und dem Nächsten vorbehaltlos zu dienen.

In der von Romano Guardini beschriebenen christlichen Weltanschauung ist der Lebensbereich des Mannes der „ritterliche Dienst“ an Gott und am Nächsten.

Wer dient, sagt: Ich bin nicht für mein Behagen da, sondern für einen Menschen oder eine Sache, oder für eine Aufgabe. […] Der Knecht dient, weil er einen Lohn will, oder weil er gezwungen wird. Der Ritterliche dient, weil es einer großen Sache gilt, unabhängig von Vorteil und Zweck. Daß die Sache siege, das ist sein Wille. Er dient nicht gezwungen, sondern aus freier Hingabe.

Der Dienst des christlichen Mannes sei Dienst am Heiligen, also an Gott. Zugleich sei er ein Dienst an denen, die schutzbedürftig seien.

Ritterlichen Dienst schuldet der Mann den Schwachen. Er schützt sie vor Not und äußeren Gefahren; schützt ihre Ehre und ihren guten Namen. Der ritterliche Mensch schlägt sich unwillkürlich auf die Seite des Bedrohten, des Schwächeren, des Unterliegenden. Edelster Ritterdienst gebührt dem Heiligen, das ist Gott und sein Reich.

Sein Leben in den Dienst stellen bedeute, mehr Verantwortung zu tragen als andere und größere Risiken auf sich zu nehmen. Dies zu tun, adele den Mann.

Aus dem Geiste des rechten Mannes, der aufrecht ist, stark und rein, selbstlos und vornehm, zuverlässig, ernst und fröhlich zugleich, muß auch ein Adelsbewußtsein herauswachsen. Denn was heißt das, adelig sein? Mehr Verantwortung in sich tragen als andere. Es heißt wissen, daß man für die Ehre da ist. Daß man dorthin gehört, wo die größere Gefahr ist.

Papst Paul VI. sagte 1965 vor einer Gruppe von Soldaten:

Die Berufung des Soldats — jeder weiß es — ist dem Begriff nach eine Berufung des Dienens; und der Hauptmann des Evangeliums bestätigt uns, dass es zwischen den Forderungen der militärischen Disziplin und denen des Glaubens, zwischen dem Ideal des Soldaten und dem des Gläubigen keine Unvereinbarkeit gibt. Die Verwirklichung der harmonischen Synthese dieses doppelten Ideals sollte das Streben eines jeden Christen sein, der berufen ist — durch persönliche Wahl oder durch Gehorsam gegenüber den Gesetzen — die Uniform anzulegen und ein Teil seiner Kräfte den Tätigkeiten der militärischen Ordnung zu widmen.

Der katholische Schriftsteller, Offizier und Philosoph Ernst Jünger schrieb, dass Schutz zu gewähren „das Kennzeichen der Vornehmen“ sei. Die Welt lebe von seinen Opfern.

Im Zusammenhang mit Terroranschlägen oder vergleichbaren Taten, bei denen zahlreiche Zivilisten getötet werden, wird häufig die Frage gestellt, wie diese aus christlicher Perspektive zu bewerten sind. Dabei wird das Geschehen teilweise zum Anlass genommen, an der Existenz Gottes zu zweifeln, von dem erwartet wird, dass er solches Geschehen verhindere. Das Christentum verspricht aber keine sichere Welt, sondern stellt dem Menschen in Aussicht, durch die Annahme der Berufung zum selbstlosen Dienst am Nächsten und damit verbundene Opfer Gott näher zu kommen.

Das Christentum nimmt das Geschehen in der Welt als Ausdruck eines überzeitlichen Kampfes zwischen Gott und ihm widerstrebenden Kräften wahr, dessen Fronten durch die Seelen der Menschen verlaufen. Die gleiche Willensfreiheit, die den Menschen Gott ähnlich macht, ermöglicht es vor dem Hintergrund menschlicher Schwäche, dass der Wille des Menschen durch das Böse korrumpiert wird, wie es bei islamistischen Terroristen geschieht.

Den korrumpierten, Gott zurückweisenden Seelen der Mörder und Terroristen stehen in diesem in die zeitliche Welt hineinreichenden Kampf die Seelen derjenigen gegenüber, die dem Ruf zum Dienst folgen, sich in den Dienst nehmen lassen, den Kampf zum Schutz des Nächsten aufnehmen und der Gefahr entgegentreten, wo andere fliehen oder zurückweichen. Bei diesen Menschen kann es sich um Rettungssanitäter, Feuerwehrmänner, Polizisten, Soldaten oder andere Personen handeln. Indem sie das Leben anderer höher achten als ihr eigenes und sich in den Dienst stellten, folgten sie Jesus Christus nach.

Mit dem Hervortreten dieser Menschen ist auch eine andere starke Botschaft verbunden, denn im modernen, die Optimierung des eigenen Vorteils und des eigenen Wohlergehens anstrebenden Denken, müsste ihr Handeln als absurd bewertet werden. Da die Größe des Handelns solcher Menschen jedoch offensichtlich ist, widerlegen sie durch dieses Handeln modernes Denken, das solche Taten weder verstehen und begründen noch hervorbringen kann.

Das Phänomen des Hervortretens von Menschen, die in Notsituationen zum Schutz anderer ihr eigenen Leben einsetzen und häufig dabei auch verlieren, tritt dabei kultur- und religionsübergreifend auf. Die Besonderheit des Christentums ist es, dass die sich aufopfernde Form der Liebe und der Dienst am Nächsten unter Einsatz und Aufgabe des eigenen Lebens das Zentrum seiner Religion bilden.

Der amerikanische Militärpsychologe Oberstleutnant Dave Grossman sprach vom Phänomen der „Berufung zum Kampf“. Er habe in seiner Arbeit beobachtet, dass Menschen sehr unterschiedlich auf Bedrohung und Gefahr reagieren würden. Während die meisten Menschen unter solchen Bedingungen handlungsunfähig würden oder die Flucht ergriffen, würde eine Minderheit anders reagieren, sich selbst vergessen und auf die Gefahr zugehen, um ihr zu begegnen. Diese Menschen würden eine Reihe von besonderen Eigenschaften aufweisen:

Er lebt nach einer Regel […]. Seine Regel im Frieden ist die gleiche wie im militärischen Dienst: Tue Deine Pflicht, schütze die Schwachen, schütze die Gemeinschaft, trete dem Aggressor entgegen, stehe aufrecht, denke voraus, sei bereit, sei treu, vermeide es selbst aggressiv zu sein solange es möglich ist und falls nicht, dann kämpfe um zu siegen. […] Die Geschichte kennt tausende militärische Regeln, aber ich glaube, dass sie alle einige Kernaussagen teilen: Lebe ehrenhaft, und lasse deinen Tod nicht von Sargträgern namens Schande, Grausamkeit, Schwäche und Angst begleitet werden.

Nicht jeder ist zum schützenden Dienst berufen und es gibt Männer, die andere Aufträge im Leben haben oder nicht zu diesem Dienst geeignet sind:

Ist unter euch einer, der sich mit einer Frau verlobt und sie noch nicht geheiratet hat? Er trete weg und kehre nach Hause zurück, damit er nicht im Kampfe fällt und ein anderer seine Frau heiratet. […] Ist unter euch einer, der sich fürchtet und keinen Mut hat? Er trete weg und kehre nach Hause zurück, damit er nicht auch noch seinen Brüdern das Herz zerschmilzt.30

2.1 Die Tugenden des schützenden und bewahrenden Dienstes

Diese sind insbesondere die Klugheit und die Tapferkeit.

2.2 Schäferhunde und Wölfe als Berufungsarchetypen

Der amerikanische Militärpsychologe Dave Grossman beschreibt in seinem Buch „On Combat“ ein Ethos des schützenden Dienstes am Nächsten und am Gemeinwesen, wobei er an die christliche Spiritualität des Dienstes anknüpft. So bezieht er sich unter anderem auf das Bild des guten Hirten, seiner Herde und der sie bedrohenden Wölfe, um die Rollen jener zu veranschaulichen, die entsprechenden Dienst leisten.

  • Die meisten Menschen seien in einem guten Sinne mit Schafen vergleichbar. Es handele sich bei ihnen um vergleichsweise harmlose Wesen, die nicht dazu berufen seien ein Leben der Konfrontation mit Bedrohungen zu führen und ein geordnetes und friedliches Leben führen, was jedoch häufig mit physischer und mentaler Schwäche und einer Neigung einhergehe, Bedrohungen auszublenden, um die für ein weniger sorgenvolles Leben erforderliche Vorstellung scheinbaren Friedens zu wahren.
  • Wölfen würden diejenigen Menschen gleichen, die ihre Fähigkeit zur Anwendung von Gewalt dazu nutzen , auf Kosten schwächerer Menschen und des Gemeinwesens zu leben und dabei die moralische Ordnung verletzen.
  • Den Schäferhunden entsprächen die Menschen, die dazu berufen seien, schützenden Dienst am Nächsten zu leisten. Arglose Menschen würden ihnen oft mit Vorsicht oder gar mit Ablehnung begegnen, weil sie ihnen fremd seien und unangenehm an die Präsenz der Bedrohungen erinnern, die sie ausblenden möchten und dadurch die Illusion des Friedens stören. Es gehöre auch zu den Pflichten der Schutz spendenden Menschen, dies auf sich zu nehmen.

Dave Grossman beschreibt die Menschen, die ihre Berufung in schützendem Dienst sehen, so:

Also understand that a sheepdog is a funny critter: He is always sniffing around out on the perimeter, checking the breeze, barking at things that go bump in the night, and yearning for a righteous battle. That is, the young sheepdogs yearn for a righteous battle. The old sheepdogs are a little older and wiser, but they move to the sound of the guns when needed right along with the young ones. Here is how the sheep and the sheepdog think differently. The sheep pretend the wolf will never come, but the sheepdog lives for that day. After the attacks on September 11, 2001, most of the sheep, that is, most citizens in America said, “Thank God I wasn’t on one of those planes.” The sheepdogs, the warriors, said, “Dear God, I wish I could have been on one of those planes. Maybe I could have made a difference. […] [I]f you want to be a sheepdog and walk the warrior’s path, then you must make a conscious and moral decision every day to dedicate, equip and prepare yourself to thrive in that toxic, corrosive moment when the wolf comes knocking at the door.

Grossman beschreibt hier ein zeit- und kulturübergreifend vorhandenes Konzept der Berufung des Mannes zum schützenden Dienst. Der Religionswissenschaftler Georges Dumézil etwa sieht dieses Konzept in den Traditionen aller indoeuropäischen Kulturen verankert. Bei der von Grossman beschriebenen Form handelt es sich jedoch um die spezifisch christliche Variante, die hier näher erläutert werden soll.

Während der Drache den geistigen, nichtmenschlichen Feind des Menschen symbolisiert, steht der Wolf in der Symbolsprache der Bibel, auf die sich Grossman bezieht, für die menschlichen Gegner des Christentums. Jesus Christus selbst verwendet dieses Bild in der Überlieferung des Johannesevangeliums, wo er von die Christen als Beute ansehenden Wölfen spricht und von anderen Gegnern die kämen „um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten“. Auch die Apostelgeschichte kündigt „reißende Wölfe“ an, welche die christliche „Herde nicht schonen“ werden.

Ich bin der gute Hirt. Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, lässt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt. (Joh 10, 11-13)

In Anknüpfung an diese Symbolik stehen die Schäferhunde für jene Helfer des sinnbildlichen Hirten, die menschliche Bedrohungen und Gegner erkennen, vor ihnen warnen und schützen, sie notfalls kämpfend abwehren und Tauglichkeit für diese Aufgabe aufbauen und pflegen. Jesus Christus nachzufolgen bedeutet dabei, wie dieser das eigene Leben für seine Herde einzusetzen und, wenn erforderlich, es zu opfern.

Dieser Schutzauftrag geht auf Jesus Christus zurück, der kurz vor seiner Gefangennahme und Kreuzigung seine Jünger auf die Zeit danach vorbereitete und ihnen vielleicht in Erwartung der anstehenden und von ihm angekündigten Christenverfolgungen neben anderen Vorkehrungen auch den Auftrag gab, Schwerter zu beschaffen, die sie von da an laut Lukasevangelium zum Schutz ihrer Gemeinschaft bei sich trugen. Es wird dabei deutlich, dass Jesus Christus sich hier keinesfalls auf ein gewaltsame Ausbreitung der Religion bezieht.

Die symbolischen Schäferhunde sind nach Grossmans Interpretation dabei in manchen Eigenschaften den Wölfen ähnlicher als den Schafen, unterscheiden sich von den Wölfen aber in ihrem Gehorsam gegenüber dem Hirten, also gegenüber Gott und der im Transzendenten wurzelnden und im Dienst an ihr stehenden Ordnung. Die symbolischen Schäferhunde bewegen sich daher innerhalb dieser Ordnung und sind Teil von ihr, während die Wölfe außerhalb dieser Ordung stehen, ihr entgegen handeln und daran gehindert werden müssen.

Dem katholischen Literaturwissenschaftler Anthony Esolen zufolge brauche die Kirche angesichts ihrer inneren Krise in ihrer Hierarchie Menschen, die in ihrem Wesen Wachhunde glichen und über ausgeprägten Dienst- und Kampfgeist verfügten, der darauf ausgerichtet sei, das Gute und das Richtige zu schützen und die Wölfe, die die Kirche bedrohen, abzuwehren. Diesen Menschen bedeute das Wohl der Schafe mehr als ihr eigenes Leben. Ihr Leben sei geprägt von beständiger Wachsamkeit. Ihnen sei mit der Lehre der Kirche ein wertvolles Erbe anvertraut.31

Ein ähnliches Bild findet sich auch in der antiken griechischen Philosophie. Platon etwa beschreibt in seinem Werk „Der Staat“ die Funktion von Wächtern des Gemeinwesens, die er mit „tüchtigen Hunden“ vergleicht. Sie seien anders als ihre Gegner keine Raubtiere, sondern „gegen diejenigen, an welche sie gewöhnt sind und welche sie kennen, so sanft als möglich […], gegen die Unbekannten aber das Gegenteil“.

Diese Vorstellung wurde im Mittelalter auch durch das Christentum in Form des Konzepts der drei Gesellschaftsstände weiterentwickelt, das schützenden Dienst als eine der drei grundlegenden Aufgaben in einem Gemeinwesen ansieht.

Auch dem Politikwissenschaftler und katholischen Naturrechtsexperten J. Budziszewski zufolge gebe es eine eigene Berufung zum schützenden Dienst. Nicht jeder Mann sei dafür geeignet, zum Beispiel als Soldat zu dienen. Für diesen Dienst komme in Frage, werde neben den körperlichen und psychischen Grundvoraussetzungen auch über Eigenschaften wie die Fähigkeit angemessene Entscheidungen zu treffen sowie über emotionale Selbstkontrolle verfüge.

2.3 Die Heiligung der Arbeit und die Heiligung des schützenden Dienstes

Alle Lebensumstände sind dem Menschen von Gott geschenkt, um genau darin zur Heiligkeit zu finden. Es kann eine Form der Nachfolge und Dienstes an Gott und am Nächsten sein, auf Gefahren zuzugehen und sich bis zu ihrem Eintreffen auf die Begegnung mit ihnen vorzubereiten. Jesus Christus selbst ging diesen Weg bis zur letzten Konsequenz.

Der hl. Josemaria Escriva formulierte im frühen 20. Jahrhundert eine Laienspiritualität, welche die Heiligung der Arbeit zum Inhalt hatte. Er ging dabei auch von der Erkenntnis aus, dass nicht nur Priester und Mönche dazu berufen sind, ein geheiligtes Leben zu führen, sondern alle Menschen.

Auch Berufungen im Zusammenhang mit dem schützenden Dienst können in diesem Sinne aus dem Glauben heraus gestaltet werden. Das christliche Rittertum, das ein geheiligtes Leben nicht in der Abwendung von der Welt sondern in der Erfüllung eines Auftrages in ihr anstrebte, ging bereits von diesem Ansatz aus.

Geoffroy de Charny, der eine der wichtigsten zeitgenössischen Schriften über das christliche Rittertum verfasste, schrieb, dass der vom Dienstideal ergriffene Mensch seine Umwelt darauf prüfe, wo er den seinen Fähigkeiten entsprechenden größten Dienst verrichten könne, und in sich den Drang verspüre, sich in entsprechende Lagen zu begeben. Solche Menschen würden unglücklich, wenn sich ihnen nur mindere Aufgaben stellen.

Papst Franziskus verglich die Kirche mit einem Feldlazarett. Es werde aufgeschlagen, „wo die Kämpfe stattfinden“.

2.4 Der Umgang mit Feinden

Dem katholischen Philosophen Robert Spaemann zufolge würde in den Psalmen keine Erfahrung so häufig ausgedrückt wie die der Feindschaft. Dabei gehe es fast nie um die Bekehrung des Feindes, sondern um seine Abwehr oder den Schutz vor ihm:

Feindschaft ist eine Tatsache. […] Jedenfalls gehört zur Welt, wie sie ist, der Unterschied zwischen Freunden und Feinden, sowohl auf privater als auch auf ideologischer und auf religiöser Ebene. […] Christus hat das Phänomen der Feindschaft nie geleugnet. Er hat nicht gelehrt, keine Feinde zu haben. Das hängt nämlich gar nicht immer von uns ab. […] Das Evangelium des Friedens weckt selbst Feindschaft. Es gibt die „Feinde des Evangeliums“, und Christus bedient sich ebenso wie die Apostel ihnen gegenüber der harten Sprache der Feindschaft. […] Er sieht sein Erlösungswerk als Kampf mit einem übermenschlichen Feind […].

Die Feindesliebe beinhaltet die Forderung, den Dienst am Nächsten universell auszuweiten. Die Feindesliebe ist der Prüfstein der christlichen Nächstenliebe, weil es besonders ausgeprägten Gehorsam gegenüber Gott erfordert, den Feind, der einem mit Vernichtung droht, zu lieben. Die Feindesliebe setzt der Bekämpfung des Feindes laut Robert Spaemann Grenzen:

Das Feindsein definiert nicht mehr die Person des Feindes. Nicht um seine Vernichtung geht es, sondern darum, dass er aufhört, Feind zu sein.

Der Feind ist im Sinne der christlichen Feindesliebe der Fernste unter den Nächsten. Der eigentliche Feind des Menschen sind nicht andere Menschen, sondern das Böse, das in den Seelen aller Menschen wirkt.

Der katholische Theologe und Priester Heinrich David sagte über die Feindesliebe:

[U]nser Kampf geht nie gegen einen Menschen, sondern gegen das Böse und das Unrecht. Wenn aber die Verbindung des Bösen mit dem Menschen so eng ist, dass in dem Kampf gegen das Böse auch der Mensch verwundet wird, dann offenbart sich die Größe christlichen Mannestums darin, dass der Mann das Leid, das er in dem Kampf zufügen muss, als sein eigenes empfinde und sich hilfsbereit niederbeugt, um die Wunde zu verbinden.32

Das Konzept der Feindesliebe wird häufig mißverstanden, da „Liebe“ im modernen Sprachgebrauch ein angenehmes Gefühl gegenüber einer Person bedeutet. Das Konzept der Feindesliebe leugnet nicht die Existenz von Feinden und Feindschaftsverhältnissen oder fordert, böses Handeln für gut zu erklären, was eine Lüge wäre. Es geht auch nicht darum, den Feind zu lieben, weil er ein Feind ist und Böses tut, sondern deshalb, weil er ein potentieller Sohn Gottes ist. Vielleicht werden viele der heutigen Feinde des Christentums noch zu Verteidigern des Christentums werden.

Das Konzept der Feindesliebe wird außerdem häufig mißverstanden, weil die deutsche Sprache nicht zwischen dem persönlichen Feind (lat. inimicus) und dem Feind des Gemeinwesens (lat. hostis) unterscheidet. Christliche Feindesliebe bezieht sich immer nur auf den persönlichen Feind.

Es gibt unterschiedliche Arten von Feinden. Nicht jeder Feind handelt in seinem feindlichen Tun böse. Der pesönliche Feind ist nicht immer auch ein Feind Gottes. Manche Menschen werden dazu gezwungen, einander als Feinde zu begegnen, oder sie handeln aus Irrtum oder aus schicksalshafter Verstrickung, etwa im Krieg. Auch eigene Fehler können die Ursache des feindlichen Handelns anderer sein.

Die Bekämpfung des Feinde des Gemeinwesens

Feindesliebe beinhaltet keinesfalls die Forderung nach Passivität und Wehrlosigkeit gegenüber dem Feind. Ihn gewähren zu lassen, wo er böse handelt, wäre falsch. Man kann auch durch Unterlassung sündigen, etwa gegen die Pflicht zur Nächstenliebe, die auch gegenüber den potenziellen Opfern des Feindes gilt. Die Pflicht gegenüber Feind beginnt erst da, wo die Pflichten gegenüber näherstehenden Menschen erfüllt sind.

Christen sind dazu verpflichtet, Feinde an bösem Handeln zu hindern, Angriffe gegen Nächste abzuwehren, entsprechenden Feind angemessen zu bekämpfen und nach seiner Niederlage angemessen zu behandeln. Dabei geht es nicht um die Vernichtung des Feindes, sondern darum, dass er aufhört, als Feind zu handeln. Er soll in seinem Vorhaben scheitern oder es beenden und im besten Fall ganz aufhören, ein Feind zu sein.

Christen hassen ihre Feinde niemals, aber die Nächstenliebe erlegt ihnen größere Pflichten gegenüber jenen auf, die ihnen näherstehen als ihre Feinde. Den Feind zum Schaden des eigenen Bruders gewähren zu lassen wäre ein Verstoß gegen das Gebot der Nächstenliebe.

Der hl. Thomas von Aquin schrieb:

Die der eigenen Person als solcher angethaenen Beleidigungen leicht verzeihen, ist etwas Vollkommenes; das den anderen angethaene Unrecht geduldig tragen, ist etwas Unvollkommenes oder auch Sünde, wenn jemand geziemlicherweise dies hindern kann.

Es stellt einen Akt der Nächstenliebe gegenüber dem Feind dar, ihn an bösem Handeln notfalls auch mit Gewalt zu hindern. Jesus Christus sagte laut Mk 9,42, dass es besser wäre für jemandem, der andere zum Bösen verführt, “wenn er mit einem Mühlstein ins Meer geworfen würde.” Jemanden z.B. mit Gewalt an einem Mord zu hindern, rettet nicht nur das potenzielle Opfer vor dem Tod, sondern bewahrt auch den Feind vor einer Todsünde.

Christliche Feindesliebe erfordert es, die Bekämpfung von Feinden so zu gestalten, dass der erzeugte Schaden nicht über das hinausgeht was erforderlich ist, um die von ihnen ausgehende Bedrohung zuverlässig abzuwenden und zu beenden. Im besten Fall verstellt die Bekämpfung des Feindes nicht Wege möglicher späterer Umkehr und Versöhnung.

Die Achtung gegenüber dem Gegner

Der christliche Mann würde laut Romano Guardini seine Gegner achten, also sie ernst nehmen, und sie nicht verleumden oder klein machen. Er sei sogar dankbar für starke Gegner und suche die Auseinandersetzung mit „dem besten Feinde“:

Das sei jener, der so entschlossen kämpfe, daß er einen zwinge, alle Kraft zusammenzunehmen. Er nötigt, die eigenen Ansichten immer tiefer zu durchdenken, damit sie bestehen können; fordert zu unermüdlicher Wachsamkeit; schreckt aus aller faulen Sicherheit auf und stellt einen dorthin, wo des Mannes Platz ist: In den Kampf. Im scharfen Waffengang sich seines Gegners freuen zu können, das ist ein hoher Beweis wahrer Manneskraft.

Besiegte Feinde zu demütigen widerspricht den Erfordernissen der Klugheit, da man künftig mit ihnen auskommen müssen wird und in ihnen durch Demütigung nur Haß und ein Motiv für Rache erzeugt.

Die Überwindung des Bösen durch das Gute

Christen sollen Feindschaft nach Möglichkeit überwinden und sie nicht pflegen. Dies ist Teil ihres Dienstes und öffenet viele Menschen für das Christentum. Feindesliebe erfordert es, auch dem Feind gegenüber bestimmte Pflichten anzuerkennen. Christen begegnen somit auch Feinden mit grundsätzlichem Wohlwollen und streben eine spätere Versöhnung mit ihnen an. Deshalb reagieren Christen auch versöhnlich auf mindere Akte der Feindseligkeit wie etwa Schmähungen (1 Kor 4,12).

Benedikt XVI. deutete die Worte Jesu Christi über Feindesliebe folgendermaßen:

Hier wird der Geist der Rache von uns weggenommen.Wir sollen im Feind den Menschen, das Geschöpf Gottes, erkennen. Das bedeutet nicht, daß wir das Böse wehrlos an uns ergehen lassen müssen. Wohl aber, daß wir in unserem eigenen Tun diesen tieferen Respekt vor ihm wahren. Daß wir versuchen, auch für den Feind das Gute zu erreichen, ihn zu dem Guten zu bringen, letzten Endes auf Christus hin zu  orientieren. In diesem Sinn ist das Gebet für ihn bereits eine grundlegende Komponente, durch die wir ihm wohltun. Indem wir vor Gott positiv für ihn einstehen und darum ringen, daß er nicht mehr Feind sei, sondern daß er aus der Haltung der Feindschaft heraustrete, verändern wir bereits unser inneres Verhältnis zu ihm.

Der hl. Paulus beschrieb die Anforderungen christlichen Verhaltens gegenüber Feinden so:

Segnet eure Verfolger; segnet sie, verflucht sie nicht! […] Vergeltet niemandem Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden! Übt nicht selbst Vergeltung, Geliebte, sondern lasst Raum für das Zorngericht Gottes; denn es steht geschrieben: Mein ist die Vergeltung, ich werde vergelten, spricht der Herr. Vielmehr: Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken; tust du das, dann sammelst du glühende Kohlen auf sein Haupt. Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!33

Es gibt im Christentum keinen keinen heiligen Krieg, aber man muß sich bemühen auch den Krieg bzw. den Kampf zu heiligen. Das Alte Testament spricht von der „Reinheit des Heerlagers“:

Denn der Herr, dein Gott, hält sich in der Mitte deines Lagers auf, um dich der Gefahr zu entreißen und dir deine Feinde auszuliefern. Dein Lager soll heilig sein, damit er bei dir nichts Anstößiges sieht und sich nicht von dir abwendet.34

Das Gebet für den Feind

Christen sollen für ihre Feinde beten, etwa dafür, dass Gott ihnen unabhängig von ihrem Tun oder ihrer Einsicht vergeben möge. Dies ist Ausdruck der Tatsache, dass kein Mensch sich die Vergebung seiner Sünden durch eigenes Tun verdienen könnte. Man selbst verdient diese Vergebung somit nicht mehr und nicht weniger als selbst der böseste und uneinsichtigste Feind.

Zudem sollen Christen für die Bekehrung ihrer Feinde beten, damit sie aufhören gegen Gott zu handeln und ihre Seele dadurch zu zerstören.

3. Gott im Ernstfall begegnen

3.1 Die Existenz des Bösen bezeugt die Existenz Gottes

Die nichtmaterielle Wirklichkeit und dadurch auch Gott ist für viele Menschen durch die Konfrontation mit dem Bösen leichter zu erkennen als durch die direkte Begegnung mit dem Wirken Gottes. Je extremer die Lage ist, mit der man konfrontiert wird, desto deutlicher tritt die vertikale Natur der geistigen Dimension der Wirklichkeit bzw. die Tatsache der Existenz des Guten und des Bösen hervor. In der Begegnung mit dem Bösen kann man erkennen, dass das absolut Gute existieren muss, dessen Verneinung das Böse ausmacht. Man braucht von hier aus nur noch den Blick in die andere Richtung zu wenden.

Je extremer die Not und das Böse sind, dem man gegenüber steht, desto deutlicher tritt bei diesem Blick auf die Dinge Gott im Kontrast hervor.  Letztlich gibt es keinen Teil der Wirklichkeit, aus dem man nicht zu Gott zurückfinden könnte. Der katholische Philosoph Nicolás Gómez Dávila schrieb diesbezüglich:

An der Transzendenz könnte man vielleicht zweifeln, wäre nicht ihr Schatten sichtbar: der Irrtum, die Hässlichkeit, das Böse.

Falls man diese Entscheidung nicht schon vorher getroffen hat, wird man dann vor der Entscheidung stehen, ob man ebenfalls zu denen gehören möchte, die Verneinen, oder ob man dienen will. Wer aber Gott mehr dienen will als allem anderen, der kann ihm aber gerade im Ernstfall und in den Extremsituationen begegnen, in denen andere an Gott zweifeln.

Anders als Karl Marx behauptete, wirkt Glaube nicht wie ein Betäubungsmittel, sondern schärft den Blick des Menschen für die höchsten Fragen des Lebens und treibt ihn zur Tat im Angesicht des Bösen und des Unrechts.

Ohne das Böse gebe es keine Gelegenheit zum Dienst an Gott und dem Nächsten und keine Möglichkeit, seine Treue gegenüber Gott durch Opfer unter Beweis zu stellen.35

3.2 Der Ernstfall konfrontiert den Menschen mit den letzten Fragen

Viele Menschen, die Extremsituationen erfahren haben, erklärten später, dass sie in ihnen gelernt hätten, von falschen Hoffnungen und Bindungen, etwa an materiellen Besitz, Abstand zu nehmen. Im Ernstfall könne man lernen, dass die Berufung des Menschen nicht in der Erfüllung seiner materiellen Hoffnungen liege. Diese Erfahrung befreie Menschen auch von einem naiven Glauben, der davon ausgeht, dass ein guter Gott dem Menschen ein Leben in Wohlstand und Sicherheit zu garantieren habe.

Der Religionswissenschaftler William James beschrieb, dass der Mensch in Extremsituationen Einsicht in die letzte Fragen und die tieferen Dimensionen des Lebens erhalten könne.

Der jüdische Psychologe Viktor Frankl beschrieb im Zusammenhang mit seiner Auseinandersetzung mit seinen Erfahrungen im Konzentrationslager Auschwitz, dass der Mensch unter solchen Extrembedingungen erkennen könne, dass er nur durch die Entscheidung zu Dienst und Opfer seine Würde auch unter extremen Bedingungen bewahren und dadurch zum Ziel seiner Existenz gelangen könne. Unter solchen Bedingungen werde deutlich, dass der Sinn des menschlichen Lebens offensichtlich nicht in individuellem Wohlergehen bestehe. Zudem werde unter solchen Bedingungen erkennbar, dass der Mensch über keinerlei natürliche Ansprüche gegenüber dem Leben verfüge. Das Leben bestehe stattdessen aus einer Serie von Forderungen an den Menschen. Es stelle Fragen an ihn, die er in Form von Entscheidungen und Taten zu beantworten habe:

Was hier not tut, ist eine Wendung der Fragestellung nach dem Sinn des Lebens: Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren, dass es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet!

Es läge in der Natur des Lebens, dass es Menschen „vor ein großes Schicksal“ stelle und ihnen heroische Entscheidungen abfordere. Dazu erlege es dem Menschen Leid auf, das als Auftrag erkannt werden müsse. Der Mensch sei dabei vor die Entscheidung gestellt, „aus seinem bloßen Leidenszustand eine innere Leistung zu gestalten“.

  • Das Leben habe immer und unter allen Umständen einen Sinn, auch unter den Bedingungen von „Leiden und Sterben, Not und Tod“. Die an den Menschen gerichtete Forderung sei damit verbunden, „dass wir nicht armselig, sondern stolz zu leiden und zu sterben verstehen!“
  • Die vom Menschen geforderte Entscheidung sei die zu Dienst und Opfer. Nur auf diesem Weg behalte er auch unter Extrembedingungen seine Würde, entgehe dem seelischen Tod und verhindere, dass er „im bis aufs äußerste zugespitzten Kampf um die Selbsterhaltung sein Menschentum vergisst und vollends zum Herdentier wird“. Im Konzentrationslager habe Dienst etwa darin bestanden, Menschen zu versorgen, deren Lage besonders schwierig gewesen sei.
  • Es läge im Wesen des Opfers, „unter der Voraussetzung gebracht zu werden, dass scheinbar, dass in dieser Welt – in der Welt des Erfolgs – nichts damit erreicht würde. […] Freilich, derjenige unter uns, der im religiösen Sinne gläubig ist, der könne dies leicht einsehen […].“

Einen Rest an innerer Freiheit und die Möglichkeit der Entscheidung zum Dienst habe es „auch noch in den schwierigsten Situationen und noch bis zur letzten Minute des Lebens“ gegeben. Frankl schreibt, dass er Menschen beobachtet habe, die Leid und Tod sogar dankbar angenommen hätten, weil sie erst unter Extrembedingungen erkannt hätten, dass sie in ihrem früheren, materialistisch geprägten bürgerlichen Leben seelische Fragen nicht ernst genug genommen hätten.

Der Offizier, Mystiker und Schriftsteller Ernst Jünger, der später Katholik wurde, sagte in diesem Zusammenhang, der Mann müsse „die äußersten Gewässer aufsuchen, die Katarakte, den Malstromwirbel, die großen Abgründe“, in deren Angesicht Illusionen keinen Bestand hätten und der Mensch mit höheren Fragen konfrontiert werde, wodurch er Zugang zu höheren Teilen der Wirklichkeit finden könne. Es sei ein zudem „geistiges Exerzizium“, „die Katastrophe ins Auge zu fassen und auch die Art, auf die man in sie verwickelt werden kann.“ Der Ernstfall zwinge den Menschen zu Entscheidungen, wobei es hier auch falsche Entscheidungen gebe und man zudem von ihm überwältigt werden könne. Die Auseinandersetzung mit Krisen und Notlagen bzw. „die scharfe Umschreibung dessen, was verloren gegangen ist“, könne Menschen zudem deutlich machen, woran es an der Welt mangele, und sie sich auf die Suche machen lassen.

3.3 Die Konfrontation mit der Gefahr und die Entwicklung der Seele des Menschen

Der hl. Thomas spricht laut Josef Piper vom „Geschenk der Furcht“ (lat. Donum Timoris). Die existenzbedrohende Herausforderung und die „gnadenvolle Erfahrung der innersten Gefährung des Menschen“ an den Grenzen des Daseins oder in der Nähe zum Tod reinigten die Seele des Menschen von falschen Zielvorstellungen und der Suche nach falschen Erfüllungen. Diese Form der Reinigung sei „furchtbar vielleicht und tödlich“. Wenn sie jedoch mit der „kühnen Offenheit eines vertrauenden Herzens“ angenommen werden, entfalte sie im Menschen verwandelnde Kraft. Mit der so gewonnenen Reinheit könne der Mensch sich ganz in den Dienst Gottes stellen, so wie es Maria tat, die ihren von Gott erteilten Auftrag mit vorbehaltlosem Gehorsam annahm.

Die Gefahrt verhindert das man sich zu sehr an weltliche Dinge bindet. Sie gibt dem Menschen einen Grund, nicht für sich, sondern für andere zu leben und zu dienen, und zwingt ihn dazu, stark im Glauben zu sein. Ohne Gefahr und Risiko würde der Dienst an Wert und Bedeutung verlieren, und nur durch sie kann er zu einem echten Opfer werden.

Der Widerstand, den die Welt dem Menschen entgegenwirft, ist für die Entwicklung seiner Seele notwendig. Ohne die Existenz und das Wirken des Bösen wären die Taten der Heiligen nicht möglich gewesen, und es wäre bedeutungslos gut zu handeln, weil dies mit keinerlei Opfern verbunden wäre.

Der „Tempel des Mars“ und der Ernstfall als Ort der Begegnung mit Gott

Mit den spirituellen Aspekten des schützenden Dienstes am Nächsten setzte sich auch Karl Marlantes, der als Offizier der amerikanischen Marineinfanterie im Vietnamkrieg diente und mehrfach für seine Tapferkeit ausgezeichnet wurde, in seinem Werk „Was es heißt, in den Krieg zu ziehen“ auseinander. Er sprach in diesem Zusammenhang vom „Tempel des Mars“ als dem spirituellen Zustand, in den jene einträten, die sich im Angesicht der Bedrohung von etwas über dem Menschen stehenden in den Dienst nehmen ließen.

Er habe es häufig erlebt, dass der Wille, seinen Nächsten (etwa einen verwundeten Kameraden) zu schützen, von Menschen Besitz ergriffen und sie über sich selbst hinaustreten lassen habe. In solchen Situationen hätten Soldaten unter feindlichem Feuer ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben und ohne einen Befehl erhalten zu haben ihre Deckung verlassen und seien aufgestanden, um den Verwundeten zu bergen. Dies sei mit intensiven Transzendenzerfahrungen und dem Verlust der Wahrnehmung als Individuum verbunden gewesen. Die damit verbundenen elementaren Erfahrungen würden Menschen ein Leben lang prägen.

Damit ist jedoch auch eine Gefahr verbunden, denn die mächtigen Kräfte, die hier in der Seele des Menschen wirken, können, wenn sie nicht in den Dienst Gottes gestellt werden, sondern für säkulare oder eigene Zwecke instrumentalisiert werden, umso größeren Schaden für alle Beteiligten anrichten.

4. Formen des schützenden und bewahrenden Dienstes

Der schützende und bewahrende Dienst des Christen kann Menschen in Not, dem christlichen Erbe und dem Gemeinwesen dienen. Das Kompendium der Soziallehre der Kirche beschreibt alle Felder des gesellschaftlichen Lebens als Gebiete, auf denen Christen ihren Dienst zu verrichten hätten. Neben dem christlichen Dienst am Menschen gebe es auch einen christlichen Dienst an der Kultur oder an der Politik.

Allen Formen des schützenden Dienstes ist gemeinsam, dass sie Grenzen errichten und verteidigen, hinter denen das, wofür man Verantwortung trägt, sicher vor Bedrohung ist.

4.1 Selbstschutz und Notwehr

Christen sollen den Nächsten lieben wie sich selbst. Selbstschutz steht nicht im Widerspruch zur Nächstenliebe.

Jesus Christus befahl den Jüngern, dass sie sich in Vorbereitung für die Zeit nach seiner Kreuzigung offenbar zu ihrem Selbstschutz bewaffnen sollten.36

Die Bischöfe Nigerias riefen die Christen des Landes im April 2018 angesichts des Unvermögens des Staates, die christliche Bevölkerung vor den Übergriffen radikaler Muslime zu schützen, dazu auf, Vorkehrungen zur Selbstverteidigung zu treffen.

4.2 Der allgemeine Kampf gegen das Böse, Not und Elend

Es gibt einen allgemeinen christlichen Auftrag zum Kampf gegen das Böse sowie gegen Not und Elend. Joseph Ratzinger (Papst Benedikt XVI.) schrieb über diesen Auftrag:

Der Kampf, der das Böse in Schranken hält, muss von jeder Generation neu bestanden werden und ist ihr nicht durch die Institution einer vorausgegangenen Generation abzunehmen.

Laut der 1964 promulgierten dogmatischen Konstitution Lumen Gentium bestehe der Auftrag des Christentums auch im Kampf „gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die Geister des Bösen“ (Eph 6,12) und gegen entsprechende Strukturen in der Welt.

Papst Johannes Paul II. schrieb über den Kampf gegen das Böse:

Ihr seid auch stark für den Kampf: nicht für den Kampf gegen den Menschen im Namen irgendeiner Ideologie oder Praxis, die sich von den Wurzeln des Evangeliums entfernt hat, sondern stark für den Kampf gegen das Böse, gegen das wahre Übel: gegen alles, was Gott beleidigt, gegen jede Ungerechtigkeit und jede Ausbeutung, gegen jede Falschheit und Lüge, gegen alles, was verletzt und demütigt, gegen alles, was das menschliche Zusammenleben und die menschlichen Beziehungen verschlechtert, gegen jegliches Verbrechen am Leben, gegen jede Sünde.37

Christen haben aus der Sicht der katholischen Soziallehre zudem die Pflicht zum „harten und leidenschaftlichen Ankämpfen“ gegen Not und Elend.38

Papst Franziskus betonte 2018, dass diejenigen, die das Böse nicht bekämpften, es dadurch fördern würden. Wo der Christ dem Wirken des Bösen begegne, müsse er ihm daher entgegentreten.39

4.3 Der Schutz der Schwachen

Der schützende Dienst des Christen gilt vor allem den Menschen in Not, die sich nicht selbst schützen können. Lactantius, einer der Kirchenväter, betonte, dass zu den helfenden Werken des Christentums auch gehöre, die Unterdrückten zu befreien, die Waisen zu verteidigen und die Witwen zu schützen. Er bezog sich hier auch auf Psalm 82:

Verschafft Recht den Unterdrückten und Waisen, verhelft den Gebeugten und Bedürftigen zum Recht! Befreit die Geringen und Armen, entreißt sie der Hand der Frevler!40

Der katholische Philosoph Robert Spaemann schrieb, dass der hl. Petrus bei der Gefangennahme Christi sein Schwert aus Liebe zu Jesus Christus gezogen habe:

Aber es war ja Liebe in diesem Ziehen des Schwerts. Nur reichte die Liebe nicht aus, im Zustand der Wehrlosigkeit Christus nicht zu verleugnen. Wie viele ziehen aber ihr Schwert nur deshalb nicht, weil ihre Liebe nicht einmal so weit reicht?

Die Schwächsten der Gesellschaft sind die ungeborenen Kinder. Der Einsatz zu ihrem Schutz ist daher eine wichtige Form des schützenden Dienstes im Christentum.

4.4 Der Schutz der Kirche und des christlichen Erbes

Alle Christen habe die apostolische Pflicht zur Verteidigung der Kirche im Sinne der Gesamtheit aller Christen gegen ihre Feinde. Der Christ soll der Hüter seines Bruders sein41

Das Christentum existiert, weil Christen ihm immer wieder durch schützenden Kampf dienten. Ohne die Taten von Männern wie Karl Martell bei der Abwehr der islamischen Invasion im Jahre 732, Andrea Dorias und Don Juans in der Schlacht von Lepanto 1571 oder Jan Sobieksis bei der Verteidigung Wiens 1683 würde es das Christentum in Europa vermutlich nicht mehr geben.

Piux XI. rief im Angesicht der Bedrohung durch totalitäre moderne Ideologien die „ungenannten Soldaten Christi“ dazu auf, dem heiligen Erbe des Christentums tapfer die Treue zu halten, „im Kampf gegen die Verneiner und Vernichter des christlichen Abendlandes“ dienend tätig zu werden und „alles zu hüten und zu schützen, worauf der Völker Heil und Glück beruht“.

Leo III. schrieb 1890, dass das Naturrecht den Menschen zur Verteidigung seiner Heimat auch unter Einsatz seines Lebens verpflichte. Noch größer sei jedoch die Pflicht des Christen gegenüber der Kirche.

Papst Johannes Paul II. würdigte 1996 den Widerstand in der Vendée gegen den Terror und den Genozid durch die Truppen der Französischen Revolution. Die Widerstandskämpfer seien Männer und Frauen gewesen, „die mutig genug waren, um der Kirche Jesu Christi treu zu bleiben zu einer Zeit, als ihre Freiheit und Unabhängigkeit bedroht waren“.

Alles, was in der Welt Wert besitzt, wuchs aus der Bindung des Menschen an die höchsten Dinge, die über dem Menschen stehen. Das Christentum und alles Wahre, Gute und Schöne werden bedroht und herausgefordert bleiben, solange es diese Welt gibt. Es besteht nur deshalb fort, weil sich in jeder Generation Menschen fanden, die den damit verbundenen Auftrag annahmen, ihr Leben in den Dienst stellten, an die Grenzen gingen, die im Heiligen wurzelnde Ordnung auch unter den härtesten Bedingungen und in den schwierigsten Umfeldern errichteten und sie gegen die unablässig angreifenden Kräfte des Chaos unter großen Opfern behaupteten.

Der schützende und bewahrende Dienst am dabei geschaffenen Erbe und seine Fortsetzung gehört zu den größten Aufgaben, denen sich ein Mensch stellen kann. Das Versagen einer einzigen Generation würde ausreichen, dieses Erbe für immer zu beenden.

G.K. Chesterton beschrieb die Kirche als Trägerin und Hüterin dieses Erbes und seiner kulturellen Kontinuität. Der Glaube war dabei zu allen Zeiten die heroische Gegenposition zu den Kräften der Auflösung, die Menschen Jesus Christus dienend nachfolgend auch unter scheinbar aussichtslosen Bedingungen den Kampf gegen diese aufnehmen ließ.

Der ungarische Erzbischof Gyula Marfi schrieb:

Wir wollen den Wölfen nichts Schlechtes, da auch sie Geschöpfe Gottes sind, aber wir lassen sie deshalb doch nicht unter die Schafe.

Die Bibel beschreibt das christliche Erbe mit dem Bild des Weinbergs, der zu pflegen und an die nächste Generation weiterzugeben sei. An anderen Stellen wird erwähnt, dass der Weinberg mit einer Mauer umgeben und mit einem Wachturm versehen werden solle.

Das Buch Nehemia beschreibt die militärische Verteidigung Jerusalems gegen seine Feinde bzw. den Verteidigungskampf des Volkes Gottes für seine „Brüder und Söhne“ sowie seine „Töchter und Frauen“ und seine Häuser42 Auch das erste Makkabäerbuch beschreibt einen solchen Verteidungskampf, der geführt werden muss, damit das Volk Gottes nicht vernichtet wird.43

Der katholische Philosoph Robert Spaemann schrieb im zweiten Band seiner „Meditationen eines Christen“ auch über christliche Identität und ihre Weitergabe durch „heilige Erzählungen“. Diese würden nicht nur Inhalte der Bibel umfassen, sondern auch die Traditionsbestände der ersten zwei Jahrtausende christlicher Geschichte umfassen. Dies gelte vor allem für die Geschichten der christlichen Heiligen und Märtyrer, von denen man lernen könne, was Nachfolge Christi bedeute, und wie vielfältig diese Nachfolge aussehen könne. Auch der „tausendjährige Abwehrkampf der christlichen Zivilisation gegen den islamischen Imperialismus“, also schützender Dienst, sei so eine Form der Nachfolge.

Menschen wie der im Alten Testament beschriebene Nehemia übernahmen aus dem Glauben heraus in schwieriger Zeit Verantwortung, erneuerten und bewachten die schützenden Mauern der heiligen Stadt und traten dem Verfall in ihrem  inneren entgegen, damit sie nicht von seinen Gegnern überwältigt wurde. Wo es an solchen Menschen mangelt, sind Not und Chaos die Folgen. Wo sie hingegen hervortreten, entfaltet sich das Reich Gottes in Räumen der Ordnung, des Lebens, der Kultur und des Friedens.

Der katholische Theologe Romano Guardini beschrieb in seinem Werk „Das Ende der Neuzeit“ die besonderen spirituellen Herausforderungen, die mit der Krise Europas verbunden seien. Tapferkeit, „die sich dem heraufdrohenden Chaos entgegenstellt“, beschrieb er dabei als eine zentrale Eigenschaft einer dieser Lage gerecht werdenden Spiritualität. Sie habe gegen „den universellen Feind, das im Menschenwerk selbst aufsteigende Chaos zu bestehen“ und dabei „die Öffentlichkeit, die in Parolen und Organisationen verdichtete Unwahrheit“ gegen sich.

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick hatte 2018 Christen zum Einsatz für die Bewahrung der christlichen Identität Europas aufgerufen. Das Christentum sei die kulturelle Grundlage Europas. Die auf ihm aufbauende Kultur „macht unsere Identität aus, bewahrt unser gutes Leben und ist Fundament für eine gute Zukunft“:

Bei der Entwicklung unserer Kultur haben die Christen und die Kirche entscheidend mitgewirkt, zu ihrer Bewahrung und ihrem Fortschritt können und sollen wir alle beitragen. […] Diese unsere Kultur ist geprägt von einem Wertekanon, der in der guten Botschaft Jesu seine wichtigste Quelle hat. Sie ist entstanden und wird gespeist aus den Zehn Geboten, die fordern, nicht zu lügen, zu stehlen, zu töten sowie dass Ehepaare sich treu sind, Eltern und Kinder sich gegenseitig achten. […] Unsere Kultur ist von der Verantwortung für das Gemeinwohl und von der Solidarität, von den Werten der Treue und Verlässlichkeit, der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, der Freiheit und Sicherheit geprägt. Sie sind aus dem Hauptgebot Jesu, der Gottes- und Nächstenliebe, sowie der Goldenen Regel hervorgegangen, die lautet: „Alles, was ihr wollt, das euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!“ (Mt 7,12).

Christen hätten den Auftrag, diese Kultur und Identität zu bewahren und zu erneuern:

Diese Kultur zu erhalten, ist ein wichtiger Auftrag. Der Apostel Paulus fasst sie im Brief an die Philipper so zusammen: „Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht“ (Phil 4,8).

In den verschiedenen Facetten der christlichen Kultur Europas könne man das Wirken des Heiligen Geistes erkennen und erfahren. Jesus Christus helfe Christen, in der Kultur das Wahre, Gute und Schöne zu sehen, es zu erhalten und zu fördern sowie das Böse aufzudecken und zu überwinden.

Die Weitergabe des christlichen Erbes erfolgt vor allem innerhalb der Familie und der Kirche, also der Gemeinschaft der Christen.

Dem katholischen Theologen Hugo Rahner zufolge diene der Christ auch durch „sein kulturerhaltendes Werk in und an der Welt“. Er spricht diesbezüglich von einer „christlichen Kulturverantwortung“, die mit dem Auftrag verbunden sei, alle Bereiche des Leben mit dem Wahren, Guten und Schönen zu durchdringen. Dies könne nur gläubigen Menschen gelingen, die weltliche Dinge nicht absolut setzen würden:

Diese Jenseitigkeit ist das Salz, das jede Kultur vor Fäulnis bewahrt […]. Nur wer im Ewigen eingegründet ist, kann das Irdische nicht nur tragen oder ertragen, sondern auch pflegen, kann es lieben, ohne ihm zu verfallen.44

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) zufolge sei der Dienst am christlichen Erbe auch ein Dienst am Gemeinwohl:

In der Tat können Institutionen nicht halten und wirken ohne gemeinsame sittliche Überzeugungen. Diese aber können aus bloßer empirischer Vernunft nicht kommen. […] Solche Überzeugungen verlangen entsprechende menschliche Haltungen, und die Haltungen können nicht gedeihen, wenn der geschichtliche Grund einer Kultur und die darin verwahrten sittlich-religiösen Einsichten nicht geachtet werden. Sich von den großen sittlichen und religiösen Kräften der eigenen Geschichte abzuschneiden ist Selbstmord einer Kultur und einer Nation. Die wesentlichen moralischen Einsichten zu pflegen, sie als gemeinsames Gut zu wahren und zu schützen, ohne sie zwanghaft aufzuerlegen, scheint mir eine Bedingung für das Bleiben der Freiheit gegenüber allen Nihilismen und ihren totalitären Folgen zu sein.45

4.5 Der Schutz des Gemeinwohls und des Gemeinwesens

Christliche Weltanschauung geht davon aus, dass der Mann in der Welt Verantwortung übernehmen muß. Jedes dauerhafte Gemeinwesen braucht Menschen, die sich bewahrend für es einsetzen, etwa durch den Dienst in Verwaltung und Politik. Eine gute und gerechte Ordnung ist das Ergebnis des Zusammenwirkens einer sich ihrer Verantwortung vor Gott bewussten politischen Führung mit einer die Kultur durchdringenden Kirche sowie des Dienstes von Christen in allen Bereichen der Gesellschaft.

Die katholische Soziallehre betont, dass ein Gemeinwesen, das in Achtung der gottgesetzten Ordnung zur Blüte gelangt sei, ein „verwirklichter Gottesgedanke“ sei und zur „Ehre und Verherrlichung des Schöpfers“ beitrage. Es sei unbedingt schützenswert.46

Dem hl. Thomas von Aquin zufolge ist ein Minimum an Sicherheit erforderlich, damit geistliches Leben sich entfalten könne. Im Dienst am Gemeinwesen solle notfalls alles geopfert werden, nur nicht die eigene Seele.

Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) betonte dass Christen in allen Staaten in denen Patrioten sein müssten, auch in solchen, die ihnen ablehnend gegenüberstehen. In jeder Lage müssten Christen versuchen, Staaten aufzubauen und das Gute in ihnen zu stärken:

Der Christ ist in dem Sinn immer staatserhaltend, dass er das Positive, das Gute tut, das die Staaten zusammenhält. Er hat nicht die Furcht, dass er damit die Macht des Bösen begünstigt, sondern er ist überzeugt, dass immer nur die Stärkung des Guten das Böse abbauen und die Macht des Bösen die der Bösen verringern kann.47

Ein christlicher Dienst am Gemeinwohl bestehe im Engagement gegen totalitäre und utopische Ideologien:

So ist der erste Dienst des christlichen Glaubens an der Politik, dass er den Menschen von der Irrationalität der politischen Mythen befreit, die die eigentliche Bedrohung unserer Zeit sind.48

Der französische Staatsphilosoph Louis de Bonald, der im 19. Jhd. zu den Begründern des Konservatismus gehörte, bezeichnete das Eintreten für den Schutz von Familie und Gemeinwesen als den Kern konservativen Denkens und Handelns.

Papst Benedikt XVI. sagte über den Auftrag des Politikers zum schützenden Dienst:

Dem Recht zu dienen und der Herrschaft des Unrechts zu wehren ist und bleibt die grundlegende Aufgabe des Politikers. In einer historischen Stunde, in der dem Menschen Macht zugefallen ist, die bisher nicht vorstellbar war, wird diese Aufgabe besonders dringlich.

Politische Ordnungen und Staaten beruhen auf kulturellen Grundlagen, die intakt sein müssen, damit sie funktionieren. Der katholische Rechtsphilosoph und ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht Ernst-Wolfgang Böckenförde hatte in seinem Böckenförde-Diktum darauf hingewiesen, dass der freiheitliche Staat auf kulturellen Grundlagen beruhe, die er selbst nicht erzeugen oder regenerieren könne:

Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. […] Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.

Das Grundgesetz und die freiheitlich demokratische Grundordnung der Bundesrepublik sind nicht weltanschaulich neutral, sondern im Wesentlichen ein Werk des christlichen Konservatismus, der Deutschland nach der Herrschaft des Nationalsozialismus und angesichts der Herausforderung durch totalitäre Ideologien wieder an seine abendländischen Wurzeln anbinden wollte. Die Vorstellung einer unverfügbaren Würde des Menschen oder der Naturrechtsbezug des Grundgesetzes sind nur zwei Beispiele für die christlich-weltanschauliche Prägung der freiheitlichen Ordnung. Auch der Rechtstaatsgedanke sowie das Ziel der Einhegung unrechtmäßiger Gewalt (lat. violentia) durch rechtmäßige Gewalt (lat. potestas) beruhen auf christlicher Weltanschauung.

Die Deutsche Bischofskonferenz betonte angesichts der Bedrohung der öffentlichen Ordnung in Deutschland durch Linksterroristen in den 1970er Jahren, dass die katholische Soziallehre den Staat und seine Ordnung als schutzwürdig einstufe, weil die Alternative dazu ein Chaos sei, in dem auch der Einzelne nicht mehr geschützt sei und zugrunde gehen müsse.49

Die Aufrechterhaltung dieser Ordnung kann durch Institutionen und Gesetze alleine nicht gewährleistet werden. Sie beruht auf dem Dienst von sie tragenden kulturellen Kräften. Zum schützenden und bewahrenden Dienstes von Christen am Gemeinwesen gehört daher auch der Einsatz für die Aufrechterhaltung der Bindung der staatlichen Ordnung an ihre kulturellen Grundlagen.

Der katholische Philosoph Josef Pieper sprach im Zusammenhang mit den Taten der Männer des 20. Juli 1944 von den „unsichtbaren Fundamenten“, derer es bedarf, „damit das Leben eines Volkes gesund oder doch der Gesundung fähig bleibt“, sowie von „Opferhandlungen“, von denen sich „das wahrhafte Leben eines Volkes nährt“:

In ihnen allein bleibt, wenn das Unrecht regiert, unvergessen, was Gerechtigkeit ist. Indem sie sich opfert, ergreift und übt die wahre Elite das natürliche, von den tatsächlichen Machthabern verratene Amt echter Herrschaft: Sorge zu tragen für die Gerechtigkeit.

Der Theologe Romano Guardini sprach davon, dasss christliche Weltanschauung ein Konzept von Macht hervorgebracht habe, das diese als „dienende Stärke“ definiere:

Es gibt aber noch eine andere Form, wie Macht geübt wird, nämlich die des Dienstes. Damit ist nicht die Unterordnung des Schwächeren gemeint; dieser Dienst ist im Gegenteil Sache der Stärke, die sich für das Leben verantwortlich fühlt – für alles das, was Leben heißt: Mensch, Volk, Kultur, Ordnung des Landes und der Erde.

Dieses Machtverständnis könne jedoch nicht auf Grundlage modernen, säkularen Denkens entstehen, da es von der Legitimation politischen Handelns durch einen göttlichen Auftrag ausgehe, in dessen Rahmen der Dienst ausgeübt werde, und an dem er sich zu messen habe. Die politischen Eliten, die das künftige Europa schaffen, sollten dies in Abgrenzung von den Entwürfen der Moderne auf Grundlage des Gedankens der „dienenden Stärke“ tun:

Dienende Stärke, die will, dass die Dinge der Erde wieder Recht werden. In dieser Form der Machtübung ist kein Glanz, keine Erhabenheit, sondern schlichte Sachlichkeit.

In seinem Text „Die Waage des Daseins“, in dem sich Guardini sich mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus auseinandersetzte, schrieb er zudem dass es eine tätige Form des Dienens gebe, die Nöte bewältige und in ihnen Rettung bewirke, Ordnung schaffe oder Recht begründe. Dieser Dienst verlange besondere Tugenden, etwa“ Mut, der den geschützten Bereich verlässt und ins Offene geht, weil er einen Ruf vernimmt“ oder „Bereitschaft, die sich dem zur Verfügung stellt, was noch nicht ist, aber werden soll.“

Helmuth James Graf von Moltke, einer der Männer des 20. Juli, wies die Behauptung zurück, dass dieser schützende und bewahrende Dienst ohne Glaube an Gott möglich sei:

Der Grad von Gefährdung und Opferbereitschaft, der heute von uns verlangt wird, setzt mehr als gute ethische Prinzipien voraus.

Der Gedanke der „Heiligung der Welt“ beschreibt christliche Anstrengungen dazu, die Welt in eine Beziehung zur göttlichen Ordnung zu bringen.

Der Politiker ist in der Lage, durch kluge und gerechte Entscheidungen mit dem ihm zur Verfügung stehenden Machtmitteln Frieden zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Der hl. Thomas sagte, dass die Begründung des Friedens „das Amt ordnender Weisheit“ sei.

Der hl. Augustinus und der hl. Thomas definierten echten Frieden dabei als „tranquilitas ordinis“ („Ruhe der Ordnung“) bzw. als die Ruhe, die durch dienende Liebe sowie durch die gute und gerechte Ordnung aller Dinge entstehe.

In einem Gemeinwesen ist ein ständiger Kampf gegen die Kräfte des Chaos und der Entropie erforderlich, die nach der Auflösung aller Werke des Menschen streben.

4.5.1 Der Schutz der christlichen Grundlagen des Gemeinwesens als politischer Auftrag

Der Verfassungsrechtler und ehemalige Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof hat daran erinnert, dass ein Staat die Pflicht habe, seine kulturelle Identität zu schützen. Ein Staat wie Deutschland müsse „in seinem Personal, seinen Erscheinungsformen und seinen Institutionen seine Identität wahren und braucht auch seine gewachsene Kultur – einschließlich christlicher Feiertage, kultureller Symbole und Zeichen – nicht infrage zu stellen“.

Der Rechtswissenschaftler Reinhard Merkel betonte die moralische Pflicht des Staates, seine kulturellen Grundlagen zu schützen und zu bewahren, weil diese die Grundlage des Gemeinwohls seien. Es sei im Wesen der Kultur angelegt, dass diese sich entwickele und wandele. Ein Gemeinwesen müsse diesen Wandel jedoch aktiv gestalten und sich die Frage stellen, ob er in die richtige Richtung verlaufe. Wer jeglichen kulturellen Wandel prinzipiell für gleichermaßen gut erkläre, sei blind für mögliche negative Folgen seiner Entscheidungen und könne nicht im Sinne des Gemeinwohls handeln.

Der Staatsrechtler und Katholik Ernst-Wolfgang Böckenförde betonte, dass der säkularisierte Staat „zunehmend auf vorhandene und gelebte Kultur als die Kraft angewiesen“ sei, „die eine relative Gemeinsamkeit vermittelt und ein die staatliche Ordnung tragendes Ethos hervorbringt“. Diese Kultur habe sich „weithin aus bestimmten religiösen Wurzeln, aus davon geprägten Traditionen und Verhaltensweisen geformt.“ Migration und die Präsenz fremder Kulturen könnten potenziell dazu führen, dass „der kulturelle Sockel“, auf dem ein Staat beruht, „sich zunehmend parzelliert, aushöhlt und seine verbindende Kraft einbüßt“.

Böckenförde zitiert den damaligen Präfekten der Glaubenskongregation Kardinal Joseph Ratzinger und späteren Papst Benedikt XVI. aus einem Briefwechsel zu diesem Thema:

In einem weltanschaulich neutralen Staat müssten nicht alle öffentlich erscheinenden Symbole gleich behandelt werden, so dass entweder alle gleichmäßig oder keines öffentlich erscheinen könne. Ein Staat habe doch seine eigenen kulturellen und religiösen Wurzeln, die auch dann für ihn in gewisser Hinsicht konstitutiv blieben, wenn er selbst sich den Religionen gegenüber zur Neutralität verpflichtet wisse. Andernfalls, so der Kardinal, müssten die Privilegien des Sonntags verschwinden, die Gesetzgebung in Sachen Ehe und Familie gleichermaßen der muslimischen wie der christlichen Tradition Rechnung tragen. Abschließend heißt es: „Ein Staat kann sich nicht völlig von seinen eigenen Wurzeln abschneiden und sich sozusagen zum reinen Vernunftstaat erheben, der ohne eigene Kultur und ohne eigenes Profil alle für Ethos und Recht relevanten Traditionen gleich behandelt und alle öffentlichen Äußerungen der Religionen gleich einstuft. Was in der Diskussion der letzten Jahre ziemlich unzulänglich mit dem Wort »Leitkultur« angesprochen war, ist in der Sache fundiert.“

Freiheiten könne ein Staat laut Böckenförde nur bedingt gewähren „gegenüber Religionen und religiösen Überzeugungen, die ihrerseits eine grundsätzliche Trennung von Staat und Religion und damit den säkularen Staat nicht akzeptieren und meinen, dies aus theologischen Gründen nicht tun zu können“. Eine Religion müsse zumindest „die Religionsfreiheit als gesetzlich bestehend respektieren und sich entsprechend verhalten“.

Auf der anderen Seite kann und darf der säkularisierte Staat keiner religiösen Überzeugung, welchen Rückhalt bei den Menschen sie auch haben mag, die Chance einräumen, unter Inanspruchnahme der Religionsfreiheit und Ausnutzung demokratischer Möglichkeiten seine auf Offenheit angelegte Ordnung von innen her aufzurollen und schließlich abzubauen. Daraus folgt: Wäre davon auszugehen, dass eine Religion, aktuell der Islam, sich gegenüber der Religionsfreiheit auf Dauer aktiv resistent verhält, sie also abzubauen suchte, sofern sich politische Möglichkeiten, etwa über Mehrheitsbildung, dazu bieten, so hätte der Staat dafür Sorge zu tragen, dass diese Religion beziehungsweise ihre Anhänger in einer Minderheitsposition verbleiben. Das würde gegebenenfalls entsprechende politische Gestaltungen im Bereich von Freizügigkeit, Migration und Einbürgerung notwendig machen.

Die Präsenz von Strömungen im Islam, die dieses Minimalkriterium nicht erfüllten, müsste entsprechend minimiert werden. In diesem Fall sei „der Staat ungeachtet seiner Freiheitlichkeit und Offenheit gehalten, Barrieren zu errichten, die die Anhänger des Islam hindern, direkt oder indirekt aus der Minderheitsposition herauszutreten. Darin läge kein Selbstwiderspruch, sondern nur die Selbstverteidigung des säkularisierten Staats.“

Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat in der Vergangenheit bei seinen Entscheidungen ähnlich argumentiert:

Jedenfalls kann sich auf die Glaubensfreiheit nicht berufen, wer die Schranken übertritt, die die allgemeine Wertordnung des Grundgesetzes errichtet hat. Das Grundgesetz hat nicht irgendeine, wie auch immer geartete freie Betätigung des Glaubens schützen wollen, sondern nur diejenige, die sich bei den heutigen Kulturvölkern auf dem Boden gewisser übereinstimmender sittlicher Grundanschauungen im Laufe der geschichtlichen Entwicklung herausgebildet hat.

Walter Kardinal Brandmüller betonte 2018, dass das Recht eines Volkes, seine eigene Kultur zu schützen „eine naturrechtlich begründete Selbstverständlichkeit“ sei.50

Da ein Gemeinwesen auf einer geteilten Kultur beruht und jede Kultur auf einer Religion beruht, ist der Schutz der religiösen Bindung der Kultur ein wichtiger Dienst am Gemeinwesen. Der hl. Johannes Paul II. erklärte dazu:

Im Mittelpunkt jeder Kultur steht die Haltung, die der Mensch dem größten Geheimnis gegenüber einnimmt: dem Geheimnis Gottes. Die Kulturen der einzelnen Nationen sind im Grunde nur verschiedene Weisen, sich der Frage nach dem Sinn der eigenen Existenz zu stellen; wird diese Frage ausgeklammert, entarten die Kultur und die Moral der Völker. Deshalb hat sich der Kampf für die Verteidigung der Rechte der Arbeit spontan mit dem Kampf für die Kultur und die Rechte der Nation verbunden.51

Ein Gemeinwesen oder eine Ordnung, die blind gegenüber ihren religiösen Vorausetzungen ist oder sich ihnen gegenüber für neutral erklärt, trägt einen fatalen Defekt in sich.

Der christliche Dienst am Gemeinwesen besteht auch in der Vermittlung der für jegliches gesellschaftliche Leben relevanten Grundwahrheiten, die Russell Kirk als „first principles“ bezeichnete.

Jedes dauerhafte Gemeinwesen beruht auf einer dienenden Elite von Geistlichen, Gelehrten, Verwaltern und Beschützern, die seine Bindung an die transzendente Ordnung aufrechterhalten und schützen. Christen können diesen Dienst als „kreative Minderheit“ bzw. als gesellschaftliche und kulturelle Elite leisten.

Bischof Fulton J. Sheen erklärte, das Versuche zur Bewahrung der Früchte des Christentums vergeblich seien, nachdem man dessen Wurzeln ausgerissen habe.52

4.5.2 Wachsamkeit gegenüber den Kräften der Auflösung als christliche Aufgabe

Alle kulturelle Substanz wurde gegen den Widerstand der schlechteren Teile der menschlichen Natur aufgebaut und muss unablässig gegen die von ihnen ausgehenden Auflösungstendenzen behauptet werden. Wo kulturelle Substanz nicht verteidigt und gepflegt wird, löst sie sich auf.

Die durch Erneuerungsbewegungen geschaffenen Werke und Institutionen verlieren zwangsläufig irgendwann an innerer Kraft, etwa wenn sie von Folgen ihres eigenen Erfolges wie Reichtum und Macht korrumpiert werden.

Der Erzbischof von Sarajewo, Vinko Kardinal Puljic, erklärte, warum Christen die Pflicht hätten, ständig gegen die Kräfte der Auflösung anzukämpfen:

Ein Schwimmer, der gegen eine starke Strömung schwimmt, glaubt auf der Stelle zu stehen. Derselbe Schwimmer wäre aber, wenn er nicht kräftig mit den Armen gerudert hätte, längst weit abgetrieben worden. Die gerechte Gesellschaft lässt sich auf Erden nicht verwirklichen. Das ist unmöglich. Aber wenn wir aufhören, es zu versuchen, dann enden wir in der finstersten Barbarei. Denn die läßt sich verwirklichen!

Ein Prinzip verantwortungsvoller und realistischer Politik ist daher Wachsamkeit gegenüber Auflösungstendenzen. Ein naiver Optimismus, der sie und ihre Kraft leugnet, macht Gesellschaften ihnen gegenüber unnötig verwundbar und gefährdet die kulturelle Substanz, auf der sie beruhen.

  • Entsprechende Wachsamkeit, die nach Bedrohungen und Herausforderungen Ausschau hält, ist ein guter Impuls insbesondere in der Seele des Mannes und stellt eine Art kulturelles Immunsystem des Gemeinwesens dar.
  • Kulturelle Auflösungstendenzen vollziehen sich in der Regel schrittweise. Ihre Durchsetzung beruht auch auf einem Mangel an Bewusstsein für ihre langfristigen Folgen, weshalb sie oft zunächst als Ausnahmen geduldet werden, deren destruktive Folgen kurzfristig unsichtbar bleiben, weshalb die Ausnahmen mit der Zeit zur Norm werden können.
  • Eine resiliente Gesellschaft muss Herausforderungen möglichst frühzeitig und vollständig erkennen, um ihnen angemessen begegnen zu können. Der Unwille, Bedrohungen, Herausforderungen und Konflikte wahrnehmen zu wollen und diese Schwäche zu einem Ausdruck moralischen Denkens zu erklären, kann gravierende negative Folgen für eine Gesellschaft haben. Mit diesem Unwillen ist oft auch eine Abwertung männlicher, heroischer und asketischer Tugend verbunden, die diesem Denken bestenfalls als überflüssig erscheint. Wer Verantwortung für ein Gemeinwesen trägt, darf sich diese Schwäche jedoch nicht leisten.

4.6 Die Verteidigung des Gemeinwesens

Christen können und sollen unter bestimmten Bedinungen auch in einem nicht-christlichen Gemeinwesen schützenden Dienst an diesem und seinen Menschen leisten.

Im Katechismus heißt es dazu:

Der Schutz des Gemeinwohls der Gesellschaft erfordert, daß der Angreifer außerstande gesetzt wird schaden. Aus diesem Grund hat die überlieferte Lehre der Kirche die Rechtmäßigkeit des Rechtes und der Pflicht der gesetzmäßigen öffentlichen Gewalt anerkannt, der Schwere des Verbrechens angemessene Strafen zu verhängen […]. Aus analogen Gründen haben die Verantwortungsträger das Recht, diejenigen, die das Gemeinwesen, für das sie verantwortlich sind, angreifen, mit Waffengewalt abzuwehren.53

Während das Christentum von Anfang an den Dienst von Soldaten und Polizisten zum Schutz des Gemeinwesens grundsätzlich befürwortete, dienten Christen in der Frühzeit der Religion selbst nicht in den Streitkräften des Römischen Reiches. Der Grund dafür war, dass dies einen Eid auf den sich als Gott verstehenden Kaiser erfordert hätte, was für Christen eine Gehorsamsverweigerung gegenüber dem tatsächlichen Gott bedeutet hätte.

Dies änderte sich mit dem Wandel des Selbstverständnisses des Kaisertums und des Römischen Reiches im Zuge seiner Christianisierung. Christen übernahmen von da an die Aufgabe der Verteidigung dieses Reiches, und der hl. Augustinus entwickelte seine Lehre des gerechten Krieges.

Bereits der hl. Paulus sagte über die im Dienst Gottes stehende weltliche Ordnung, dass sie das Schwert „nicht ohne Grund“ trage:

Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die böse Tat zu fürchten; willst du also ohne Furcht vor der staatlichen Gewalt leben, dann tue das Gute, sodass du ihre Anerkennung findest. Sie steht im Dienst Gottes und verlangt, dass du das Gute tust. Wenn du aber Böses tust, fürchte dich! Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert. Sie steht im Dienst Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der Böses tut.

Papst Leo III. schrieb 1890 in seinem Dokument „Sapientiae Christianae“, dass das Naturrecht den Menschen zur Verteidigung seiner Heimat auch unter Einsatz seines Lebens verpflichte.

Papst Johannes Paul II. bezeichnete Soldaten als „Diener und Mitverantwortliche für das höchste Gut der Menschen“ und forderte sie aufm ihren Dienst auf Gott auszurichten.

Der katholische Philosoph Robert Spaemann schrieb im ersten Band seiner „Meditationen eines Christen“:

Seit Christus den Zaun niedergerissen hat, der den Baum Gottes in seinen jungen Jahren vor Verbiss schützen sollte, ist es keinem Volk mehr erlaubt, seine Sache a priori für die Sache Gottes zu halten. Aber jedes Volk hat das dieses Recht, wenn es in seiner Freiheit und Existenz bedroht wird. Jeanne d’Arc wusste: Solange die Engländer in Frankreich regieren, ist die Sache des Königs von Frankreich die Sache Gottes, weil es die Sache der Gerechtigkeit ist. Und ein Volk, das sich von Fremdherrschaft oder von der Bedrohung durch sie befreit hat, darf auch heute das Te Deum oder den neunten Psalm singen: „Meine Feinde sind rückwärts gewichen, nieder sind sie gestürzt, vor Deinem Antlitz zunichte geworden.“

Der christliche Schriftsteller J.R.R. Tolkien schrieb in seinem Werk „Der Herr der Ringe“:

Krieg muss sein, solange wir unser Leben verteidigen gegen einen Zerstörer, der uns alle verschlingen würde; aber das blanke Schwert liebe ich nicht um seiner Schärfe willen, den Pfeil nicht um seiner Schnelligkeit willen, den Krieger nicht um seines Ruhmes willen. Ich liebe nur das, was sie verteidigen.

4.6.1 Die Lehre des gerechten Krieges

Es gibt in christlicher Weltanschauung die Vorstellung eines gerechten Krieges, nicht jedoch (wie im Islam) die Vorstellung eines heiligen Krieges. Krieg stellt aus christlicher Sicht immer ein Übel dar, jedoch nicht zwangsweise das größte Übel.

Der hl. Augustinus entwickelte unter Anknüpfung an die Gedanken antiker Philosophen im 5. Jhd. die Lehre des gerechten Krieges die beschreibt, unter welchen Bedingungen ein Gemeinwesen nach christlicher Weltanschauung Krieg führen darf oder muß. Der hl. Thomas von Aquin entwickelte diese Lehre im 13. Jhd. weiter.

  • Der hl. Thomas definierte Frieden als geordnetes Zusammenleben mit Aussicht auf religiöses Heil sowie die Sicherheit der Menschen eines Gemeinwesens vor äußeren Freinden, die erforderlich sei, damit diese religiöses Heil erlangen könnten.
  • Krieg könne erforderlich sein, um das Gemeinwohl (zu dem Frieden gehört) und die gerechte, den christlichen Glauben schützende Ordnung zu bewahren. Staaten, in denen eine gerechte Ordnung herrsche, dürften sich daher auf den Krieg vorbereiten, denn sie seien dazu in der Lage, einen gerechten Krieg zu führen. An einem solchen Krieg teilzunehmen könne für Christen unter Umständen sogar geboten sein.

Der hl. Thomas zitierte in diesem Zusammenhang das im 12. Jhd. erschienene kirchenrechtliche Werk „Decretum Gratiani“:

Wenn einer für die Wahrheit des Glaubens oder für die Rettung des Vaterlandes und zur Verteidigung der Christenheit sein Leben läßt, wird er von Gott himmlischen Lohn erlangen.

Geistliche dürften jedoch keinen Dienst als Soldat leisten, da es ihre Aufgabe sei, en Krieg auf höhere Güter auszurichten und „andere dazu vorzubereiten und dazu zu bringen, gerechte Kriege zu führen“.

Demnach müssen drei Kriterien erfüllt sein, damit Krieg aus christlicher Sicht gerecht sein kann:

  • Erklärung durch eine legitime politische Autorität;
  • Vorliegen eines gerechten Grundes: Dies kann etwa ein Angriff auf ein Gemeinwesen oder eine gerechte Ordnung sein, der nur durch Krieg erfolgreich abgewendet werden kann.
  • Richtige Absicht der Kriegführenden: Diese dürften nicht von Motiven wie Habgier, Haß, Rache oder Ehrgeiz geleitet werden und Unbeteiligte nicht direkt bekämpfen.
4.6.2 Guter und schlechter Frieden

Schlechter Frieden ist nur vorläufiger Art und ist das Ergebnis des Ausweichens vor Konflikten.

4.6.3 Das Problem des Pazifismus

Pazifismus kann Ausdruck einer egoistischen Weltverneinung und Weltflucht sein, der es nicht um den Dienst am Nächsten gehe, sondern um die Erlangung einer falschen Vorstellung persönlicher Reinheit ohne Rücksicht auf andere oder die Folgen des eigenen Handelns.

Solcher Pazifismus ist zudem Ausdruck einer Verneinung des Menschen. Alle Aspekte menschlichen Daseins stammen von Gott und sind  prinzipiell gut, solange sie auf Gott hingeordnet sind. Dies auch für die Fähigkeit des Menschen zur Ausübung von Gewalt.

Es ist falsch, einen Aspekt des Menschen deshalb grundsätzlich abzulehnen, weil aus ihm Unheil entstehen könne. Gewalt kann gut und sogar geboten sein, wenn sie auf angemessene Weise dem Schutz des Nächsten sowie dem Gemeinwohl diene.

Die absolute Ablehnung der Anwendung von Gewalt kann hingegen das Böse fördern, zum Beispiel indem sie Kräfte des Bösen durch Schwäche zum Angriff provoziert.

5. Risiken im Rahmen der Spiritualität des schützenden Dienstes

Die Spiritualität des schützenden Dienstes befasst sich mit der Bewältigung von Grenzsituationen, in denen der Mensch in besonderer Weise anfällig für das Wirken korruptiver Kräfte in seiner Seele ist. In solchen Grenzsituationen kann es unter anderem schwer fallen, das richtige Maß zu wahren.

Der hl. Athanasios der Große (ca. 300-373) gilt als ein einer der bedeutendsten Kirchenlehrer des frühen Christentums und verteidigte die Lehre der Kirche mit besonderer Vehemenz. Sein Zeitgenosse Epiphanios von Salamis schrieb über ihn:

Er überredete, er mahnte, er griff zur Gewalt. Wenn er angegriffen wurde, verteidigte er sich. Wenn er der Stärkere war, dann erlebte sein Gegner eine böse Stunde. Es ist die Schwäche der Unerschrockenen, ihre Kraft nicht zu messen und so bisweilen das rechte Maß zu verfehlen.

Zudem sind Ansätze der Spiritualität des schützenden Dienstes in der Vergangenheit durch säkulare Ideologien zur Legitimation ungerechter Kriege oder zur inneren Stärkung von Soldaten in solchen Kriegen missbraucht worden.

Der katholische Philosoph Josef Pieper kritisierte in seiner 1934 erschienenen Schrift über die Tapferkeit wohl unter Bezug auf den Nationalsozialismus jene Ideologien, die Tugenden wie die der Tapferkeit nicht in den Dienst des Guten, sondern in den Dienst einer als Selbstzweck verstandenen weltlichen Macht stellen wollten. Die in diesem Rahmen verfolgten „unchristlichen Maßstäbe eines heroisch-aktivistischen Tapferkeitsideals“ seien falsch. Es sei aber ebenso falsch, das Konzept der Tapferkeit wegen der Möglichkeit seines Mißbrauchs aufzugeben.