Stand: 06.10.2018

Der heilige Erzengel Michael bzw. Sankt Michael ist einer der Erzengel genannten, vom Christentum und anderen Religionen beschriebenen nichtmenschlichen Wesenheiten. Er gilt als Führer der Seraphim, die in der Hierarchie dieser Wesenheiten den höchsten Rang einnehmen. In der christlichen Tradition gilt er als Streiter Gottes, der das Volk Gottes und die christliche Ordnung beschützt. Außerdem repräsentiert er die  wehrhaften Aspekte der Kirche und die schützenden männlichen Tugenden.

In der christlichen Kunst wird der Erzengel Michael meist als Krieger dargestellt, der gegen einen Drachen kämpft. Der Drachenkampf symbolisiert dabei den Kampf gegen das Böse. Drachen gelten zudem als allgemeines Symbol für die Bedrohung des Lebens sowie für die den Menschen bedrohenden und angreifenden Kräfte des Bösen.

1. Der hl. Erzengel Michael in der Bibel

In der Bibel wird Sankt Michael vor allen in der Offenbarung des Johannes sowie im Buch Daniel erwähnt.

Die wichtigste Erwähnung findet sich in der Offenbarung des Johannes (Offb 12,7-9):

Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.

Im Buch Daniel (Dan 12,1) wird er als „Engelfürst“ bezeichnet, der für das Volk Gottes kämpft:

In jener Zeit tritt Michael auf, der große Engelfürst, der für die Söhne deines Volkes eintritt. Dann kommt eine Zeit der Not, wie noch keine da war, seit es Völker gibt, bis zu jener Zeit. Doch dein Volk wird in jener Zeit gerettet, jeder, der im Buch verzeichnet ist.

Da die Kirche seit der Ankunft Jesu Christi mit dem Volk Gottes identisch ist, bezeichnete Papst Johannes Paul II. den Erzengel als „Beschützer und Helfer“ der Kirche „in allen ihren Kämpfen für die Verteidigung und Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden“. Papst Benedikt XVI. bekräftigte dies 2007 und sagte über den Erzengel, dass dessen Aufgabe der Bibel nach auch darin bestehe, „Beschützer des Gottesvolkes zu sein“.

Eine weitere kurze Erwähnung findet sich in Judas 9, wo der Erzengel Satan sagt:

Der Herr weise dich in die Schranken.

Als Gott die Engel auf ihre Bereitschaft zu dienen prüfte, antwortete Luzifer der Überlieferung nach, dass er nicht zu dienen bereit sei. Sankt Michael hingegen war gehorsam und stellte sich in den Dienst. Sein Name bedeutet in hebräischer Sprache: „Wer ist wie Gott?“, was sowohl ein Schlachtruf als auch eine Antwort auf die Revolte gegen Gott durch Satan und als Leitsatz des Kampfes der treu zu Gott und seiner Ordnung stehenden geistigen Kräfte zu verstehen ist.

Sankt Michael wird zudem die Antwort „serviam“ („ich werde dienen“) als Antwort auf das „non serviam“ Luzifers zugeschrieben.

2. Die Verehrung des hl. Erzengels Michael

Der heilige Erzengel Michael und der Drache – Schule von Siena, 14. Jhd. (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Pius XII. sagte über die Verehrung des hl. Erzengels Michael:

Noch nie war die Hinwendung zum heiligen Erzengel Michael so dringend wie heute. Denn die Welt, von Lüge und Hass vergiftet und von Terror und Gewalt zerrissen, hat die moralische Gesundheit und Freude verloren.

In der Kunst wird der Erzengel häufig als Krieger mit Schwert und Lanze dargestellt, der gegen den meist als Drachen dargestellten Satan kämpft.

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurden Bezüge auf den hl. Erzengel Michael in der Kirche deutlich reduziert, etwa in der Heiligen Messe, an deren Ende zwischen 1886 und 1964 ein Michaelsgebet gesprochen wurde.

2018 entschlossen sich im Zuge der Krise der Kirche in den USA viele Bischöfe dort dazu, dieses Gebet wieder stärker zu betonen. Es wird nun nach dem Schlußsegen der Heiligen Messe gesprochen und ist damit nicht unmittelbar Teil von ihr.

2.1 Gebete zum hl. Erzengel Michael

Es gibt zwei wichtige Gebete zum hl. Erzengel Michael, die beide von Papst Leo XIII. formuliert wurden:

2.2 Der Michaelistag (29. September)

Das Fest des hl. Erzengels Michael bzw. der Michaelistag wird am 29. September begangen. Im Mittelalter war der Michaelistag ein gebotener kirchlicher Feiertag.

Der Michaelistag wurde durch den fränkischen König Ludwig den Frommen, einen Sohn und Nachfolger Karls des Großen, auf dem Konzil von Mainz 813 auf Ende September festgelegt. Er sollte so die heidnische Festwoche zur Verehrung Wotans ablösen, die ab Herbstbeginn zur Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche gefeiert wurde.

In diesem Zusammenhang spielte auch der Herbstbeginn bzw. die Vorbereitung auf den herannahenden Winter eine wichtige Rolle. Am Michaelistag fanden häufig Erntefeste und Jahrmärkte statt. Es sind zudem zahlreiche Bauernregeln rund um den Michaelistag überliefert, die sich auf entsprechende Zeichen beziehen.1

2.3 Das Michaelslied („Unüberwindlich starker Held, Sankt Michael“)

Das bekannteste Michaelslied mit dem Titel „Unüberwindlich starker Held, Sankt Michael“ wird Friedrich Spee (1591–1635) zugeschrieben. Das Lied war im katholischen Gesangbuch „Gotteslob“ von 1975 noch enthalten, wurde in die Fassung von 2013 jedoch nicht mehr aufgenommen.

2.4 Michaelsverehrung durch Menschen in Sicherheitsberufen

Der hl. Erzengel Michael gilt als Schutzpatron der Soldaten, insbesondere auch der Fallschirmjäger, sowie der Polizisten. Im Mittelalter galt er zusammen mit dem hl. Georg als Schutzpatron des Rittertums. Die hl. Johanna von Orleans sah ihn in ihren Visionen, in denen sie ihre Berufung empfing.

In den USA wird am Michaelistag zum Teil eine sog. „Blue Mass“ für Menschen zelebriert, die in Sicherheitsberufen tätig sind, etwa Polizisten, Soldaten, Feuerwehrleute und Personal von Rettungsdiensten. Diese Tradition wurde am Michaelistag 1934 durch Thomas Dade an der St. Patrick’s Catholic Church in Washington D.C. eingeführt.

Der hl. Erzengel Michael spielte im spirituellen Leben des französischen Gendarmerie-Offiziers Arnaud Beltrame eine wichtige Rolle. Beltrame stellte sich am 23.03.2018 bei einem Einsatz gegen einen islamistischen Terroristen im südfranzösischen Trèbes als Austauschgeisel zur Verfügung und starb dabei als christlicher Märtyrer.

2.5 Michaelsverehrung bei katholischen Jugendbünden des 20. Jahrhunderts

Der hl. Erzengel Michael war für die katholischen Bünde der Zwischenkriegszeit, etwa die Sturmschar, eine wichtige Identifikationsfigur, ähnlich wie Sankt Georg für die Pfadfinderbewegung. Die Sturmschar beging seit 1932 ihren Bundestag, bei dem neue Mitglieder feierlich aufgenommen wurden, am Michaelistag.

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten diente die Michaelsverehrung aus der Betonung der Ablehnung des neuheudnisch geprägten Nationalsozialismus. Die Bundestage der Sturmschar galten als kämpferische Glaubenskundgebungen, die Patriotismus und Ablehnung des Nationalsozialismus miteinander verbanden. Unter dem Druck der Nationalsozialisten benannte sich die Sturmschar 1937 in „Gemeinschaft Sankt Michael“ um und behielt diesen Namen bis zu ihrem Verbot 1939 bei.

2.6 Orte der Michaelsverehrung

Ein wichtiger Ort der Verehrung des Erzengels ist der Monte Sant’Angelo in der süditalienischen Provinz Apulien. Der Erzengel wird hier seit dem Jahr 493 verehrt, nachdem er dort mehrmals erschienen sei. Der Ort gilt als eines der wichtigsten Heiligtümer Italiens und wurde von zahlreichen Päpsten, Kaisern und Heiligen besucht. Der hl. Franziskus von Assisi soll beim Besuch so bewegt gewesen sein, dass er sich nicht für würdig gehalten habe, die heilige Grotte des Ortes zu betreten.

Pius XII. beschrieb, dass „der Erzengel Michael diesen Ort unter seinen besonderen Schutz nahm und damit zu gleicher Zeit kundtun wollte, dass hier Gott besonders verehrt werden sollte zu seinem und der Engel Gedächtnis.“2

Papst Johannes Paul II. pilgerte 1987 zum Monte Sant’Angelo und erklärte zu diesem Anlass:

Ich bin gekommen, um den Erzengel Michael zu verehren und ihn anzurufen, damit er die Kirche in einem Moment schütze und verteidige, in dem es schwierig ist, ein authentisches christliches Zeugnis ohne Kompromisse oder Halbheiten zu geben.

Ein weiterer wichtiger Ort der Michaelsverehrung ist der Mont Saint-Michel in der Normandie.

2.7 Die Michaelshymne von Gertrud Le Fort

Die katholische Schriftstellerin Getrud von Le Fort dichtete 1933 vor dem Hintergrund des beginnenden Unheils der Herrschaft des Nationalsozialismus eine Michaelshymne, in der sie ihrer Hoffnung auf eine christliche Erneuerung Deutschlands Ausdruck verlieh:

Erzener Engel, gedenke deines Erzvolks,
Das du in Dienst genommen am Throne des Völker-Vaters,
Als die Nationen einst ihre ewigen Führer empfingen!
Du unser Feldherr vom Himmel, vergiß nicht Deines Feldheers
Und führe es wieder wie einst,
Da du beim Ansturm der Heiden
Ihm vorgebraust im triumphierenden Banner!
Engel, du selber hattest Deutschland gewaffnet,
Du gabst ihm den Ritterschlag Christi,
Du gabst ihm das heil’ge Panier,
Und unter dem Schild deiner Flügel
Wurde es selber zum Schild
Wider den Drachen des Abgrunds –
Nun liegt dein Volk im Abgrund!!
Ritter-Engel, brich auf,
Held aller Helden,
Gewaffnet mit ehernem Licht
Und mit der Wahrheit
Unerbittlichem Schwert:
O rette dein eigenes Banner!
Mit deinem Namen
Wird uns der Richter einst rufen am letzten Tage der Völker
Mit deinem Namen
Ehrt uns der Spott noch der Welt –
Satanvernichtender Engel,
Vernichte du in unsren Reihen den Satan
Sieger-Engel des unbesieglichen Gottes,
Besiege dein eigenes Volk
Und wirf es im goldnen Gewitter der himmlischen Scharen
In seine ewige Burg!

3. Der hl. Erzengel Michael als Schutzpatron Deutschlands

Der hl. Bonifatius führte im 8. Jahrhundert die Michaelsverehrung im Rahmen seiner Mission unter den Stämmen des späteren Deutschlands ein, weil er vermutete, dass diese sich wegen ihrer martialischen Traditionen gut mit ihm identifizieren können würden. Auf diese Zeit geht auch die Kirche St. Michael auf dem Michaelsberg neben dem Fuldaer Dom zurück.

Im frühen Mittelalter wurde ein Bild des Erzengels in das Reichsbanner aufgenommen, zusammen mit dem Satz: „Ecce Michael, princeps magnus, venit in adiutorium mihi“ („Dies ist Michael, der große Fürst, er kommt mir zur Hilfe“). Seit dem frühen Mittelalter gilt Sankt Michael auch als Schutzpatron der deutschen Nation. Im Jahre 2022 jährt sich die Wallfahrt Kaiser Heinrich II. zum wichtigsten Michaelsheiligtum Monte Sant’Angelo zum tausendsten Mal.

Dem Erzengel wurden zwei wichtige Siege in den Abwehrkämpfen gegen die damals noch heidnischen Ungarn zugeschrieben. Es handelt sich um den Sieg in der Schlacht an der Unstrut (933) und den Sieg in der Schlacht auf dem Lechfeld unter Otto I. im Jahr 955. Bei beiden Schlachten wurde den Truppen des Reiches das Reichsbanner vorangetragen, das den Erzengel zeigte. Ungarischen Chronisten zufolge habe auf deutscher Seite ein „fliegender Gott mit goldenen Flügeln“ gekämpft und die Schlacht entschieden.

4. Der Drachenkampf als universelles religiöses und mythologisches Motiv

Utagawa Kuniyoshi – Susanoo no mikoto und der Wasserdrache (Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Der Psychologe Jordan B. Peterson behandelt in seiner Arbeit mit Schwerpunkt den geistigen Kampf des Menschen gegen die chaotischen Kräfte, die seine Seele angreifen.

Mythologische Bezüge spielen im Werk Petersons, der sich auf die Arbeit des Psychologen C.G. Jung und des von ihm beeinflussten Mythologen Joseph Campbell stützt, eine wichtige Rolle. Mythen seien Erzählungen, die psychologisch fundierte Aussagen über die Natur des Menschen sowie seine Rolle und seinen Auftrag in der Welt beschrieben. Mythen seien der Ausdruck eines tieferen, im Gegensatz zum rationalen Denken größere Teile der Wirklichkeit umfassenden Denkens.

Dies gelte insbesondere für den in vielen Kulturen zu findenden Kampfmythos. Dieser beschreibt eine Auseinandersetzung zwischen göttlichen Wesenheiten auf kosmischer Ebene. In diesem Kampf stehen sich ein die kosmische Ordnung verteidigender göttlicher Held sowie ein diese Ordnung bedrohender und herausfordernder, das Chaos repräsentierender Drache gegenüber. Im Kampf zwischen beiden geht es um die Herrschaft über den Kosmos.

Peterson geht davon aus, dass dieses mythologische Motiv zu den ältesten Überlieferungen des Menschen gehört. Es stamme aus unbekannter Quelle, sei in vielen Kulturen zu finden und erstmals vor rund 6.000 Jahren aufgetaucht.

Das Bild des Drachenkampfes im Christentum

Eine herausgehobene Rolle spielt dieser Kampfmythos im Christentum bzw. in der Bibel, wo das Motiv des Drachenkampfes sich sowohl im Buch Genesis als auch in der Offenbarung des Johannes findet. Hier wird die gesamte Geschichte des Menschen als Schauplatz eines kosmischen Kampfes dargestellt, in dem ein Drache, „die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt“, Krieg führt gegen „eine Frau, mit der Sonne bekleidet“ sowie gegen ihren zur Herrschaft über die Welt bestimmten Sohn und jene, die die „Gebote Gottes bewahren und an dem Zeugnis für Jesus festhalten.“

Das Bild des Drachen als Feind des Menschen findet sich im christlichen Kontext im Alten Testament (etwa in Gen 3,1) sowie in der Offenbarung des Johannes (etwa in Offb 12), wo der heilige Erzengel Michael als Drachentöter beschrieben wird. Der Drache ist hier insbesondere der Feind Evas (in Gen 3,1) sowie der Feind der als Maria gedeuteten apokalyptischen Frau. In der Kunst wird auch Jesus Christus bzw. das Lamm Gottes vereinzelt als Drachentöter dargestellt.

Drachentöter treten in der christlichen Überlieferung darüberhinaus in vielfacher Gestalt auf. Der bekannteste legendäre Drachentöter ist der heilige Georg. Die hl. Margareta von Antiochia ist eine der seltenen Drachentöterinnen. Der hl. Martha von Bethanien wird die Zähmung des Drachen Tarasque zugeschrieben, ebenso dem hl. Marcellus von Paris.

Das Motiv des Drachenkampfes außerhalb des Christentums

Das Bild des Drachens und des Drachentöters ist in den Mythen der Menschheit nahezu universell verbreitet. Einige Beispiele sind:

  • Marduk besiegt den Chaos-Drachen Tiamat in der babylonischen Mythologie;
  • Apollon besiegt Python und Herakles besiegt Hydra in der griechischen Mythologie;
  • In indischen Mythen kämpft Garuda gegen einen Drachen.
  • In der japanischen Mythologie tötet Gozu-Tenno einen Drachen, um die Prinzessin Inada zu retten. Gozu-Tenno wird verbreitet mit der schintoistischen Schutzgottheit Susanoo no mikoto („Tapfer-schneller-ungestümer Mann“) gleichgesetzt, die ebenfalls gegen Drachen kämpft.
  • Bayajidda tötet in der Ursprungslegende der afrikanischen Hausa den Drachen Sarki, der den Zugang zum Wasser eines Brunnens behindert;
  • Siegfried tötet in der germanischen Mythologie den Drachen Fafnir.

Bei den Drachentötern der Legenden und Mythen handelt sich um Männer, die gegen das Böse kämpfen und dazu Tugend aufbringen müssen. Ein Drachentöter befreit zumeist durch seine Tat die Menschen aus der Umgebung vor Überfällen und Verwüstungen durch den feindseligen Drachen oder aus einer langanhaltenden Dürre. Manchmal rettet er Frauen aus der Gefangenschaft in der Drachenhöhle oder gewinnt Zugang zu einem Schatz, der vom Drachen verwahrt und bewacht wurde.

Die Motive des Drachens und des Drachentöters sind so tief in der europäischen Kultur verwurzelt, dass sie auch in Unterhaltungsfilmen der Gegenwart eine promimente Rolle spielten.