Stand: 22.05.2018

Der Dienst ist der Weg des Menschen zu Gott. Das Christentum ist die Religion des Dienstes am Nächsten und am Gemeinwesen. Ein christliches Leben ist ein im Dienst stehendes Leben, das mehr gibt als es nimmt, sich härtere Pflichten auferlegt, mehr Verantwortung übernimmt und größere Opfer erbringt.

Hans Urs von Balthasar zufolge sei für Christen die Bibel das „Wort, das den volleren Gehorsam lehrt“ und die heilige Messe „die Anbetung ihres Herrn und die Belehnung mit seiner Kraft für seinen Auftrag“.

Christ sei von Balthasar zufolge derjenige, der im Dienst stehe. Die Forderung nach Selbstlosigkeit und ständigem „Zur-Verfügung-Stehen“ im Rahmen einer dienenden Berufung würde die Identität des Christentums bestimmen.

Die vorbehaltlose Indienststellung des eigenen Lebens bis hin zum Opfertod im Dienst an Gott und am Nächsten sei das von Jesus Christus gegebene Vorbild, dem Christen zu entsprechen hätten. So würde der einzelne Christ am Auftrag der Gemeinschaft aller Christen mitwirken, in der Welt dem Wort Jesu Christi gemäß „Sauerteig zu sein, der wirkt, indem er verschwindet.“

Die Würde des Menschen liegt darin begründet, dass er dazu berufen ist, am Aufbau des Reiches Gottes und am überzeitlichen Kampf mitzuwirken. Der Mensch ist nicht nur passiv der Materie unterworfen, sondern kann in den Dienst Gottes treten und zu seinem Mitarbeiter werden. Jesus Christus berief dazu Apostel in seinen Dienst und sandte sie aus.

Dienende Menschen sind gemäß der biblischen Bilder das „Licht der Welt“ und das „Salz der Erde“, die wie ein Sauerteig in der Welt wirken.

Dienen kann nur wer liebt und anerkennt, dass es etwas wichtigeres gibt als ihn selbst, und der seine eigenen Interessen dem nachordnet. Ein dienendes Leben unterscheidet sich somit deutlich von einem individualistischen und materialistischen Leben, das den eigenen Erfolg oder das eigene Wohlergehen zum Ziel hat. Der Gegensatz zwischen diesen Lebenswegen kann nicht genug betont werden.

Danach hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich antwortete: Hier bin ich, sende mich!1

Der christliche Weg ist kein leichter Weg. Er stößt zudem bei vielen Menschen auf Ablehnung, die sich dadurch provoziert fühlen, dass Christen sich dem Weg dieser Welt nicht unterwerfen wollen und nicht für ihre Leidenschaften leben.

Erzbischof Joseph Chaput erinnerte 2018 daran, dass ein männlicher Impuls im Christentum seinen Ausdruck finde. Die Seele des Mannes suche nach Herausforderungen, nach Wettbewerb und nach einem Sinn des Lebens, der größer sei als das bloße eigene materielle Wohlergehen. Männer würden sich unabhängig von ihrer Religion daher stets zu besonders fordernden Arten des Dienstes hingezogen fühlen:

Männer brauchen Herausforderungen. Männer müssen ihren Wert prüfen und beweisen. Männer fühlen sich dann lebendig, wenn sie sich für eine Sache einsetzen können, die größer ist als ihr eigenes Wohlergeben. Dies ist der Grund dafür, warum junge Männer in den Dienst bei den Marines, den Rangern oder den SEALs eintreten. Sie tun dies nicht obwohl es fordernd ist, sondern eben weil es fordernd ist; weil es weh tut; weil sie die Besten sein wollen und sie sich einen Platz unter Brüdern verdienen wollen die ebenfalls die Besten sind.

Männer schlossen sich den frühen Kapuzinern und Jesuiten nicht an um vor der Welt zu fliehen, sondern um sie zu verändern; um die Welt zu konvertieren indem sie alles vom Mann forderten was er zu geben hat – seine ganze Energie, seine Liebe, sein Talent und seine Intelligenz – im Dienst an einem Auftrag, der größer und wichtiger ist als das Ego und jedes triebhafte Streben.

Feminismus und Genderideologie, die den Menschen als fluides, nach materiellen Dingen und nach Befriedigung seiner Triebe strebendes Wesen betrachteten, wirkten destruktiv, weil sie die Berufung des Mannes zu großen Taten leugneten. Jeder Mann müsse sich entscheiden, ob er sich von solchen Ideologien in ein kleines Leben herabziehen lassen oder Jesus Christus nachfolgen und ein Leben im Dienst am Nächsten führen wolle.

Erzbischof Chaput erinnerte zudem daran, dass der westlichen Welt schwere Zeiten bevorstehen würden. Sie werde künftig in noch stärkerem Maße den Dienst christlicher Männer brauchen, die den Kampf um die Seele der Welt aufzunehmen bereit seien. Jeder Mann sei zu diesem Dienst berufen und dieser Dienst beginne damit, selbst zu einem Vorbild traditioneller christlicher männlicher Lebensführung zu werden und korrupte und vulgäre Elemente modernen Lebens aus dem eigenen Leben auszuscheiden. Dieser Dienst setze sich fort mit dem Dienst als Ehemann und Vater, der kommende Generationen präge. Darüber hinaus könne dieser Dienst bis zur vollständigen Hingabe ausgeweitet werden.

1. Dienst als Forderung der Nächstenliebe

Christliche Liebe ist laut der Enzyklika Rerum Novarum dadurch gekenzeichnet, „sich selbst für des Nächsten Heil zu opfern“.

Hans Urs von Balthasar sagte, dass es für den Christen „nur einen einzigen wahren Einsatz“ gebe, nämlich „den für die Brüder, für die Welt“ und den „Einsatz des Menschen, dem der Bruder mehr wert ist als sich selbst“.

2. Dienst als Berufung

Laut Hans Urs von Balthasar definiere es den Christen, dass er seine Berufung kenne und sein Leben für sie einsetze, wobei diese Hingabe bis zum Opfertod gehen könne. Der Christ praktiziere seinen Glauben, indem er „die ihm geschenkten Gnaden in Umlauf zugunsten der Mitmenschen“ einsetze.

Wer Ja zu Gott sage, erhalte eine solche Berufung und „seine Sendung zu den Menschen“. Diese könne auch ein „Weltauftrag“ sein, der in „Familie, Staat, Gesellschaft“ zu leisten sei.

Laut Romano Guardini würde spätestens um das dreißigste Lebensjahr die eigene Berufung, also der Auftrag Gottes, im eigenen Leben endgültig sichtbar werden. Man trage dann eine hohe Verantwortung und müsse sich für Bindungen entscheiden. Dabei würden Härten hervortreten, die mit inneren Kämpfen verbunden seien.

Mit der Zeit aber machen die Gegensätze sich geltend, und eines Tages stehen sie ganz scharf da. Da sieht man die Aufgabe in ihrer ganzen Schwere. Sieht, wie fern man den Menschen steht, wie tief im Gegensatz zu ihnen, auch zu Gutmeinenden, geschweige denn zu Rücksichtslosen und Feindseligen. […] Da fällt wiederum die Entscheidung; ob man sich fürchtet. Sich fürchtet vor der Aufgabe und ihr untreu wird; vor den Leuten und ihnen weicht; vor der Einsamkeit und zur Herde läuft  – oder ob man standhält. […] Mann sein heißt treu sein.

3. Dienst als Erfüllung des Lebens

Die Annahme der Berufung zum Dienst befreit den Menschen aus dem Gefängnis seines Egoismus. Laut Hans Urs von Balthasar verwirkliche derjenige sein Dasein am besten, „der es, für eine endliche Aufgabe, die ihm wert erscheint, so gründlich wie möglich einsetzt.“

Der Psychologe Jordan B. Peterson hat beschrieben, dass es eine Besonderheit der Natur des Mannes sei, dass er eine große Aufgabe im Leben finden müsse, die ihn über sich selbst hinauswachsen lasse und ihn mit Herausforderungen konfrontiere, die er zu bewältigen habe.

Vaterlos aufwachsende Jungen sowie die Söhne von Vätern, die diesen kein entsprechendes Vorbild gäben, könnten gesunde Männlichkeit kaum entwickeln. Dies bringe für das Gemeinwesen schädliche, entartete Formen von Männlichkeit hervor, die sich in Narzissmus oder Effeminiertheit, aber auch in Frauenverachtung sowie verantwortungslosem und kriminellem Verhalten äußerten.

Petersons praktische Ratschläge behandeln vor allem die Berufung des Mannes in der Welt. Jeder Mann führe in seiner Seele einen Kampf gegen das Chaos, bei dem ihm die Kultur und die von ihr gestiftete Ordnung helfen würden. Der Mann sei zudem dazu berufen, Verantwortung in der Welt zu übernehmen und sich großen Aufgaben zu stellen. Der Sinn des Lebens sowie die Ehre des Mannes würden sich am Maß der Verantwortung, die er übernommen habe, bemessen.

  • Der erste Schritt zur Übernahme von Verantwortung sei es, das moderne Ideal des Strebens nach „Glück“ bzw. nach angenehmen Gefühlen abzulehnen, weil dieses falsch sei und zu Illusionen über das Leben und seine Herausforderungen führe. Die Berufung des Mannes verwirkliche sich auch im Unangenehmen, etwa im Leid, im Opfer oder im Kampf.
  • Der nächste Schritt sei es, im Sinne des Aufrufs des russischen Dissidenten Alexander Solschenizyn „nicht in der Lüge zu leben“, d.h. sich vom Wunschdenken und den Ideologien, welche große Teile der Gesellschaft prägten, innerlich zu befreien, und deren Inhalte nicht zu wiederholen oder zu verbreiten.
  • Verantwortung übernehme der Mann unter anderem in Form der von jeder Generation zu leistenden Erneuerung und Fortsetzung der Kultur, die dazu zunächst aufgenommen und im eigenen Leben verwirklicht werden müsse. Aufgrund der von Peterson beschriebenen Auflösungserscheinungen moderner Gesellschaften sei dieser Dienst des Mannes heute notwendiger denn je.
  • Postmoderne und Neo-Marxismus würden diese grundsätzliche Berufung leugnen, doch da sie dabei die Natur des Menschen bzw. des Mannes ignorieren würden, gebe es gerade in der vom Wirken dieser Ideologien zunehmend gekennzeichneten Gegenwart einen ausgeprägten „Hunger“ junger Männer nach innerer Ordnung, Verantwortung und großen Aufgaben.

Peterson wurde von einigen Beobachtern als geistiger Vater vieler junger Männer beschrieben, denen es durch seine Botschaften gelungen sei, sich von den Illusionen sowie den destruktiven Folgen moderner Weltanschauungen und Lebensstile zu befreien.

Im Buch Jesaja findet sich diese Beschreibung des dienenden Lebens:

Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest, dem Hungrigen dein Brot reichst und den Darbenden satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag. Der Herr wird dich immer führen, auch im dürren Land macht er dich satt und stärkt deine Glieder. Du gleichst einem bewässerten Garten, einer Quelle, deren Wasser niemals versiegt. Deine Leute bauen die uralten Trümmerstätten wieder auf, die Grundmauern aus der Zeit vergangener Generationen stellst du wieder her. Man nennt dich den Maurer, der die Risse ausbessert, den, der die Ruinen wieder bewohnbar macht.

Jesaja 58, 8-12

4. Das Christentum als heroische Religion

Das Christentum ist seinem Wesen nach eine heroische Religion, die davon ausgeht, dass der Sinn menschlicher Existenz auch und gerade in den schwierigsten Lagen darin besteht, durch Dienst und Opfer Jesus Christus nachzufolgen.

Das Christentum ist hingegen kein sicherer Rückzugsraum vor den Herausforderungen des Lebens für diejenigen, die diesen ausweichen wollen. In seinem auf schwierige Lagen eingestellten Realismus verfällt das Christentum außerdem nicht in Pessimismus, der nach Oswald Spengler dadurch gekennzeichnet ist, dass er keine Aufgaben mehr sieht.

Das Christentum hingegen versteht gerade diese Lagen als Auftrag und als Gelegenheit zu dienenden Nachfolge Jesu Christi. Da es dem Christentum letztlich um das Schicksal der menschlichen Seele geht und die Seele durch Dienst und Opfer Gott näher kommen kann, kann ein Christ sein Ziel gerade unter schwierigen Bedingungen erreichen, die diese Dinge von ihm fordern.

Christ sein bedeutet auch, am kosmischen Kampf zwischen Gott und den ihn herausfordernden Mächten als Kämpfer auf der Seite Gottes teilzunehmen. Das “Sacramentum” bezeichnete ursprünglich den Eid des römischen Soldaten. “Pagani” lautete der römische Begriff für Zivilisten.

Von der Annahme ausgehend, dass es in dieser ohnehin zum Untergang verurteilten Welt nur darum geht, Jesus Christus durch Dienst und Opfer nachzufolgen, kann der Christ seinen Auftrag auch auf scheinbar verlorenem Posten ausführen. So schaffen im Dienst stehende Christen in einer sterbenden Welt Räume und Werke, die wie Leuchttürme auf eine andere Welt hinweisen, und deren Licht umso heller wirken wird, je tiefer die Dunkelheit um sie herum ist.

Heroische Aspekte des Christentums, die Themen wie Dienst und Opfer betonen, sind in den vergangenen Jahrzehnten in Teilen der westlichen Welt in den Hintergrund getreten. Wie jedoch etwa Papst Leo XIII. 1890 betonte, sei „der Christ zum Kampf geboren“. Die Herausforderungen seiner Zeit seien für den Christen Gelegenheit, „seine sittlichen Kräfte im Kampfe zu erproben“. Die Kirche habe aufgrund ihres von Jesus Christus erteilten Auftrags zum Dienst die „Pflicht, zum Heile des Menschengeschlechts ‚wie ein wohlgeordnetes Kriegsheer'“ zu handeln.

Dieser Kampf sei in erster Linie einer innerer Kampf gegen die „die Klugheit des Fleisches“ bzw. die eigenen ungeordneten Leidenschaften. Nur so könne der Mensch sein eigenes Leben richtig in den Dienst stellen. Dieser Dienst sei zudem nur dann richtig, wenn er in erster Linie gegenüber Gott geleistet werde.

Kardinal Raymond Burke ist seit 2014 Kardinalpatron des Malteserordens. 2017 betonte er in einem Gespräch die heroische Dimension des Christentums.

  • Der Kern der christlichen Botschaft sei der Ruf zum Dienst. Dieser Dienst umfasse auch gesellschaftliches Wirken, etwa den Einsatz für den Schutz von Ehe und Familie oder den Schutz ungeborener Kinder.
  • Ein im Dienst am Nächsten in dienender, tapferer Treue gegenüber Jesus Christus geführtes und diszipliniertes Leben könne enorme Wirkung zur positiven Veränderung von Kulturen und zum Heil menschlicher Seelen entfalten.
  • Das Beispiele der Heiligen zeige über viele Jahrhunderte zeigten, dass ein solches Leben Menschen zu Helden des Glaubens und der Menschheit mache.

Ein Beispiel für diese Art von Dienst sei das Handeln des hl. José Sánchez del Río, der in den 1920er Jahren im Rahmen der Widerstandsbewegung der Cristeros gegen das christenfeindliche Calles-Regime in Mexiko kämpfte. Er habe auch unter Folter bis zum Tod am Glauben festgehalten, und seine Geschichte sei auch für die Gegenwart beispielgebend.

Auch der britische Historiker und Journalist Tim Stanley betonte 2017 in einem Vortrag die kämpferischen, heroischen Aspekte des Christentums:

Christianity is tough and uncompromising. The modern notion of the Jesus who loves without asking for anything in return, the Jesus who tolerates, the Jesus of the therapeutic encounter, runs totally contrary to the Jesus of the Gospels. […] That’s how we win: we throw ourselves into the battle with a courage that saves us and the people we encounter. It is a matter of living with integrity. To quote St Catherine of Siena: “If you are who you are meant to be, you will set the world on fire!”

Christen seien zum kompromisslosen Dienst am Nächsten und am Gemeinwesen berufen. Der Gradmesser der Qualität ihres Einsatzes sei das Maß der Feindseligkeit, mit der ihnen dabei begegnet werde.

Jeglicher Dienst sei laut Romano Guardini mit der Überwindung von Schwierigkeiten, Widerständen oder Gefahren verbunden, weshalb Dienst immer auch Kampf sei.

Im Werk stellt er seine Sache hin, stark und wohlgebaut. Im Dienst steht er für die Sache ein, für den Menschen, für die Überzeugung, tapfer und selbstlos. Beides aber bringt oft wüsten Kampf mit niedrig denkenden Menschen. […] Fest hinter seiner Sache stehen, aufrecht seinen Weg gehen, das ist eines rechten Mannes Art. Dafür will er freien Raum; und er weiß sich den Raum zu schaffen, wenn der nicht gutwillig gegeben wird. Gott hat ihn so gemacht, also hat er ein Recht, so zu sein.

5. Dienen bedeutet zu Handeln und Wirkung zu erzielen

Christen erkennt man an den Früchten ihres Dienstes, also an der Wirkung, die sie erzielen. Ein Glaube, der sich nicht auch in Taten und Werken äußert, wäre ein toter und steriler Glaube. Jesus Christus sagte, das eine bloße gute Absicht des Christen unzureichend sei:

Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr, wird in das Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut. (Mt 7,21)

Christen streben daher an, dass ihr ganzes Leben vom Glauben durchformt wird, was vor allem dort sichtbar wird, wo dies mit Anstrengung verbunden ist, also im eigenen Handeln. Wer den Glauben nicht im eigenen Leben wirksam werden lässt, verfügt nicht über einen lebendigen Glauben, der „durch die Werke zur Vollendung gebracht wurde“ (Jak 2,22), sondern nur über einen toten Glauben (Jak 2,26).

Der Theologe Romano Guardini wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Bedeutung des Dienstes des Christen jedoch letztlich nicht von der Wirkung seiner Taten abhänge, auch wenn solche Wirkung anzustreben sei:

Jenes Opfer hingegen, das der Glaubende im Mittvollzug der Gesinnung Christi bringt, hofft zwar auch, es werde im unmittelbaren Leben seine Wirkung tun dürfen – wie sollte es diese Hoffnung aufgeben? -, es ist aber nicht von ihrer Erfüllung abhängig, denn sein eigentlicher Sinn liegt anderswo. Es kann misslingen, es kann ohne jede erkennbare Wirkung im Gefüge des Daseins bleiben, es kann im Dunkel der Unbekanntheit untergehen – das alles hebt seinen eigentlichen Sinn nicht auf. Im letzten wird es vollzogen vor Gott allein, Seinem Wissen anvertraut und Seiner Hand anheimgegeben, daß Er es in die große Rechnung der Welt einfüge, wo Er will.

6. Dienst, Leid und Opfer

Der Dienst des Christen ist Hans Urs von Balthasar zufolge mit Härten verbunden, die als Erprobung der Seele durch Gott verstanden werden sollten. Gott könne sich eines Menschen erst sicher sein, „wenn er ihn, wie Gold im Feuer, erprobt hat.“ Da das Christentum im Dienst erbrachtes Leid unabhängig von der Wirksamkeit des Dienstes als sinnvoll erachte, gebe es für Christen kein sinnloses Opfer. Das Christentum „vertieft die Möglichkeit, sein Leben in einer Aufgabe hinzugeben, fast unendlich, da […] vor allem das Leiden, dort wo man nichts Aktives mehr leisten kann, mit in das Werk, in die Fruchtbarkeit hineinbezogen wird.“

6.1 Dienst auf verlorenem Posten

Der Dienst des Christen ist häufig ein Dienst auf scheinbar verlorenem Posten. Dienende Nachfolge führt Christen jedoch auch dann an ihr Ziel, wenn sie scheinbar keine Wirkung erzielt, da diese Nachfolge aus christlicher Sicht der einzige Weg für die Seele des Menschen ist, zu Gott zu gelangen. Christen können ihren Dienst somit auch und gerade dann verrichten, wenn er nicht mit der Aussicht auf sonstigen Erfolg verbunden ist. Oswald Spengler schrieb dazu:

Wir sind in diese Zeit geboren und müssen tapfer den Weg zu Ende gehen, der uns bestimmt ist. Es gibt keinen andern. Auf dem verlorenen Posten ausharren ohne Hoffnung, ohne Rettung, ist Pflicht. Ausharren wie jener römische Soldat, dessen Gebeine man vor einem Tor in Pompeji gefunden hat, der starb, weil man beim Ausbruch des Vesuv vergessen hatte, ihn abzulösen. Das ist Größe, das heißt Rasse haben. Dieses ehrliche Ende ist das einzige, das man dem Menschen nicht nehmen kann.

Charles Péguy schrieb 1911, die Kirche sei „vereinsamt wie ein Leuchtturm, der seit bald drei Jahrhunderten vergeblich von einem ganzen Meer berannt wird“.

Laut Romano Guardini sei ein dienenden Leben immer damit verbunden, an einem bestimmten Punkt den Eindruck zu haben, einer großen Aufgabe alleine gegenüberzustehen. Man sei jedoch nicht alleine, und andere, auf deren Dienst man aufbaue und an deren Dienst man anknüpfe, hätten diese Erfahrung zuvor durchlaufen. Vor allem Jesus Christus sei diesen Weg vorausgegangen und habe „das Standhalten in der furchtbarsten Einsamkeit vorgelebt: am Kreuz.“ In der Firmung sei der Katholik zu der gleichen  Tapferkeit geweiht worden. Mit ihr ende das „kindliche Sich-Anklammern“ und der Mensch trete in den Dienst ein, den er zu durchlaufen habe, bevor er in die Ewigkeit eintreten könne.

J.R.R. Tolkien schrieb, dass das Christentum die Geschichte als „langsames Erliegen“ wahrnehme.

Es ist eines der schlechten Argumente gegen das Aufhalten, dass man sagt: Naja, man kann ja nur aufhalten, am Ende kommt es ja doch. Das ist gerade kein Argument. Erstens weiß man nicht mit Sicherheit, ob es doch kommt. Denn: Kommt Zeit, kommt Rat. Zeit gewinnen heißt, nochmal nachdenken können. Und außerdem ist das Aufhalten auch dann wertvoll, wenn langfristig alles den Bach runtergeht: Nämlich für eine bestimmte Zeit, eine bestimmte Epoche hat man noch eine gute Form des Lebens. Aufhalten ist alles!

Robert Spaemann

Der jüdische Psychologe Viktor Frankl beschrieb im Zusammenhang mit seiner Auseinandersetzung mit seinen Erfahrungen im Konzentrationslager Auschwitz, dass der Mensch unter solchen Extrembedingungen erkennen könne, dass er nur durch die Entscheidung zu Dienst und Opfer seine Würde auch unter extremen Bedingungen bewahren und dadurch zum Ziel seiner Existenz gelangen könne. Das Leben habe immer und unter allen Umständen einen Sinn, auch unter den Bedingungen von „Leiden und Sterben, Not und Tod“. Die an den Menschen gerichtete Forderung sei damit verbunden, „dass wir nicht armselig, sondern stolz zu leiden und zu sterben verstehen!“ Es läge im Wesen des Opfers, „unter der Voraussetzung gebracht zu werden, dass scheinbar, dass in dieser Welt – in der Welt des Erfolgs – nichts damit erreicht würde. […] Freilich, derjenige unter uns, der im religiösen Sinne gläubig ist, der könne dies leicht einsehen […].“

6.2 Die dienende Aufopferung des eigenen Lebens als Nachfolge Christi

Gemäß eines im Juli 2017 veröffentlichten Erlasses von Papst Franziskus ist auch die heroische Inkaufnahme des eigenen Todes bei der Verrichtung des Dienstes am Nächsten prinzipiell ein Weg, um als Heiliger der Katholischen Kirche anerkannt zu werden.

Laut Franziskus sei die dienende Inkaufnahme des eigenen Todes eine „vollkommene und beispielhafte Nachahmung Jesu“ und „der Bewunderung würdig, welche die Gemeinschaft der Gläubigen denjenigen vorbehält, die freiwillig das Martyrium angenommen oder mit heroischer Tugend ein christliches Leben gelebt haben“.

Der Titel des päpstlichen Erlasses „Maiorem hac dilectionem“ bezieht sich auf einen im Johannesevangelium überlieferten Satz von Jesus Christus, in dem dieser sagt: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“

Heilige sind Menschen, die nach dem Verständnis der katholischen Kirche im besonderem Maße vorbildhaft lebten. Durch die Entscheidung von Papst Franziskus sind die christliche Spiritualität des schützenden Dienstes und der Glaubensweg, der damit verbunden ist sich dienend Risiken zu stellen, in diesem Sinne als besonders vorbildhaft anerkannt und dadurch deutlich gestärkt worden.

Franziskus knüpft mit seiner Entscheidung an frühere Päpste an, die dienenden Opfertod auch ohne damit verbundene Verfolgung als Märtyrer in bestimmten Fällen als Beispiel heroischer Tugend anerkannt hatten und auf dieser Grundlage Selig- und Heiligsprechungen vollzogen hatten.

Papst Franziskus hatte bereits 2013 die 800 Märtyrer von Otranto heiliggesprochen, die im Jahre 1480 von osmanischen Invasoren in Süditalien ermordet worden waren, nachdem sie sich geweigert hatten, zum Islam zu konvertieren. Zu den künftigen Heiligen der katholischen Kirche könnten nach seiner Entscheidung nun auch jene Menschen gehören, die ihr Leben dafür einsetzen, andere vor solchen Übergriffen zu schützen, die gegenwärtig Ausmaße erreicht haben wie niemals zuvor in der Geschichte des Christentums. Alternativ könnten auch Menschen als Heilige anerkannt werden, die verfolgten Christen allgemein unter Einsatz ihres Lebens helfend zur Seite stehen.

6.3 Dem Tod begegnen

Die Haltung des Menschen gegenüber dem Tod prägt sein Leben, denn die Frage nach dem Tod ist eng mit der Frage nach Sinn und Ziel des Lebens und der Bestimmung des Einzelnen verbunden. Der Mensch ist das einzige bekannte Lebewesen, das sich der Endlichkeit seines Lebens bewusst ist, und die Auseinandersetzung mit dem Tod ist die Grundfrage aller Philosophie. Das Sterben zu lernen ist dabei ein wesentlicher Inhalt praktischer Philosophie und Ausdruck der Erkenntnis, dass man das eigene Sterben aktiv gestalten und dadurch zu einer höheren Form des Lebens gelangen kann.

Der im Dienst stehende Mensch muss in besonderem Maße darauf gefasst sein, dass sein Leben nicht durch Alter und Krankheit endet, sondern durch die Risiken, denen er in seinem Dienst gegenübersteht. Das Leben prüft den dienenden Menschen bis zur Vernichtung, aber alles Leben beruht darauf, dass sich über viele Generationen lang immer wieder Menschen dieser Prüfung gestellt haben. Der hl. Apostel Paulus beschrieb diese Form des bis zur eigenen Zerstörung gehenden dienenden Lebens:

Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. […] Darum werden wir nicht müde; wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag für Tag erneuert. Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, uns, die wir nicht auf das Sichtbare starren, sondern nach dem Unsichtbaren ausblicken; denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig.

Die Bereitschaft, den Tod als Konsequenz des Dienstes in Kauf zu nehmen, ist fester Bestandteil der Nachfolge Christi. Dem hl. Augustinus wird diese Predigt zugeschrieben:

Du fürchtest den Tod, der du doch zum Leben eilst? Wenn du gut bist, gehst du auf diesem Weg. Der Tod ist für dich die Pforte. Er weist dir den Weg, er versperrt ihn nicht. Geh also Christus, den Weg! Er ist der Weg für dich geworden, er führte dich durch seine eigene Person zu sich hin. Er „ist der Weg, die Wahrheit und das Leben“.

Die Bereitschaft zum Tod ist eine Voraussetzung innerer Freiheit. Wer davon ausgeht, dass der Tod das Schlimmste ist, was ihm wiederfahren kann, ist nicht frei, denn er wird äußerem Druck am Ende immer nachgeben müssen.

Josef Pieper schrieb, dass christlicher Märtyrer Leid und Opfer akzeptiert hätten, um „eine tiefere, wesentlichere Unversehrtheit zu gewinnen“. Durch im Kampf für das Gute ertragenes Leid und Opfer sei es ihnen gelungen, „einer Unversehrtheit teilhaft zu werden, die der Lebensmitte des Menschen näher und inniger verknüpft ist als alles naturhafte Beruhigtsein“.

Die Konfrontation mit dem Tod kann das Beste oder das Schlechteste im Menschen freilegen, und in seiner Gegenwart wird der Charakter eines Menschen freigelegt. Nichts ist ehrlicher als eine Handlung, die im Bewusstsein der Möglichkeit des Verlusts des eigenen Lebens vollbracht wird. Im Tod kann der Mensch dabei eine besondere Würde haben. Nur der Mensch kann sterben oder sogar fallen, während das Tier nur verendet oder eingeht.

Der Moment der Begegnung mit dem Tod kann über den Wert eines ganzen Lebens entscheiden, und er ist die letzte Gelegenheit, sich noch einmal ganz Gott zuzuwenden. Einem der beiden mit Jesus Christus gekreuzigten Verbrecher, der im Sterben Glauben und Reue zeigte, sagte Christus: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

Der Tod verleiht dem Handeln des Menschen besondere Bedeutung, weil er Entscheidungen unwiderruflich macht. Der Tod ist etwas Absolutes, das Halbheiten als Lügen entlarvt. Der Theologe Hans Urs von Balthasar betonte, dass man dem Leben nur von der Möglichkeit des eigenen Todes ausgehend eine christliche Gestalt geben und offene Lebens- und Glaubensfragen zuverlässig beantworten könne. Die eigene Antwort auf die Möglichkeit des Todes lasse den Menschen zudem zuverlässig wissen, wer er wirklich sei.

Die Betrachtung von Lebensfragen vor dem Hintergrund des Todes lässt diese aus der richtigen Perspektive sichtbar werden, nämlich aus der er Ewigkeit. Manche scheinbaren Probleme werden kleiner, wenn man sich die Frage stellt, ob man sich auch dann noch über sie sorgen würde, wenn man müsste, dass man morgen sterben wird. Der hl. Josemaria Escriva, der sich intensiv mit dem Tod auseinandergesetzt hat, sagte dazu:

Stell dir deine Todesstunde vor Augen – wenn es auch nur einmal am Tag ist -, und erwäge in ihrem Licht die Ereignisse des Tages. Ich versichere dir: Du wirst erfahren, wieviel innerer Frieden von diesem Gedanken ausgeht.

Der hl. Thomas von Kempen sagte:

Selig, wer die Stunde seines Todes immer vor Augen hat und sich täglich zum Sterben bereitet….Ist’s Morgen, so glaube, daß den den Abend nicht erreichen wirst; ist es aber Abend geworden, dann getraue dir nicht, noch einen Morgen zu versprechen. Immer also sei bereit und lebe also, dass niemals der Tod dich unbereit finde.

Einige Heilige haben dazu geraten, sich die Möglichkeit des eigenen Todes ständig vor Augen zu führen und sich geistig auf ihn vorzubereiten, so dass man bereit sei, wenn man ihm gegenüberstehe. Der hl. Josemaria Escriva sagte:

Der wahre Christ ist immer bereit, vor Gott zu erscheinen. Denn wenn er sich bemüht, als Jünger Christi zu leben, dann ist er in jedem Augenblick darauf vorbereitet, seine Pflicht zu erfüllen.

Ein Leben im Bewusstsein der Gegenwart des Todes kann das Leben erheben und ihm gesteigerte Intensität verleihen. Wer im Bewusstsein der Möglichkeit lebt, dass der heutige Tag vielleicht sein letzter ist, wird sinnvoller und bewusster handeln als derjenige, der meint, mit wichtigen Entscheidungen noch lange warten zu können.

Menschen haben eher Angst vor dem Sterben als vor dem Tod, aber der im Dienst stehende Mensch sollte vor allem fürchten, in seinem Dienst zu versagen. Für ihn bemisst sich ein erfülltes Leben nicht an dessen Dauer, sondern an der Größe des Dienstes, für das es eingesetzt wird. Der Tod an sich sollte für Christen keinen Schrecken haben, denn für sie ist er der Übergang der Seele in die Ewigkeit. Der hl. Josemaria Escriva beschrieb dies so:

Hast du an einem trüben Nachmittag im Herbst die Blätter fallen sehen? So fallen jeden Tag die Seelen in die Ewigkeit. Eines Tages bist du das fallende Blatt. Hörst du wie die Menschen der Welt traurig klagen, „dass jeder vergehende Tag ein wenig sterben heiße“? Aber ich sage dir: Freue dich, apostolischer Mensch, denn jeder vergehende Tag bringt dich näher zum Leben. […] Für sie ist er Ende, für uns Anfang.

Der Christ könne ihm zufolge Angesicht des Todes gelassen bleiben, denn er wisse: „sein Leben wird verwandelt, nicht genommen…Sterben? Nein: Leben!“ Der Dichter Hermann Hesse beschrieb es ähnlich:

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Nur wer davon ausgeht, dass es Dinge gibt, die größer und bedeutsamer sind als sein eigenes Leben, ist zu einer entsprechenden Begegnung mit dem Tod in der Lage. Für den katholischen Schriftsteller und Offizier Ernst Jünger waren manche Tote lebendiger als viele Lebende, weil sie das Äußerste auf sich genommen hätten, wozu Menschen in der Lage wären, und in ihrem Dienst an die Grenze des Möglichen gelangt seien.

Man kann in Situationen geraten, in denen man sich dem Tod bewusst stellen und ihn annehmen muss, um handlungsfähig zu bleiben und seinen Dienst fortsetzen zu können. Menschen, die diese Erfahrung gemacht haben, berichten von erhabenen inneren Zuständen, die mit der Entscheidung verbunden gewesen seien, das Leben hinter sich zu lassen und dadurch über diese Welt hinauszugreifen. Das Sterben kann aber mit Härten verbunden sein, die den stärksten Menschen zerbrechen.

Auch die Entscheidung für eine bestimmte Art zu sterben kann noch eine Form des Dienstes darstellen. Der Kapitän eines Schiffes, der nicht von Bord geht bis Passagiere und Besatzung in Sicherheit sind und deshalb den Tod findet, hat mehr getan als nur denen gedient, die seinem Schutz befohlen waren. Er inspiriert durch sein Opfer auch andere dazu, es ihm gleich zu tun.

Besonders hart ist der Tod, wen er einen geliebten Menschen nimmt. Dies gilt insbesondere für Mütter, Ehefrauen und Kinder. Rituale helfen diesen Menschen dabei, diesen Verlust besser zu bewältigen. Der im Dienst stehende Mensch kann ihnen dabei helfen, indem er im Vorfeld dafür sorgt, dass für diejenigen, die er im Fall seines Todes zurücklässt, materiell und in anderer Hinsicht aufgefangen werden.

6.4 Christliches Märtyrertum

Märtyrer sind die Christen, die im Angesicht der Bedrohung durch die Feinde des Christentums am Glauben festhielten und deshalb einen gewaltsamen Tod starben. Verfolgung und Tod waren in der Geschichte häufig die Folgen eines christlichen Lebens und sind es auch heute in vielen Teilen der Welt.

Das Martyrium ist im Katechismus der Katholischen Kirche so definiert:

Das Martyrium ist das erhabenste Zeugnis, das man für die Wahrheit des Glaubens ablegen kann; es ist ein Zeugnis bis zum Tod. Der Märtyrer legt Zeugnis ab für Christus, der gestorben und auferstanden ist und mit dem er durch die Liebe verbunden Er legt Zeugnis ab für die Wahrheit des Glaubens und die christliche Glaubenslehre. Er nimmt in christlicher Stärke den Tod auf sich.

Laut dem hl. Johannes Paul II. ist die Hingabe des eigenen Lebens durch den Märtyrer „die radikalste und erhabenste Manifestation jenes lebendigen und heiligen Opfers, das Gott gefällt und das der wahre Gottesdienst ist (vgl. Röm 12, 1) – Ursprung, Seele und Höhepunkt jeder christlichen Gottesdienstfeier.“

  • Das Martyrium ist laut dem hl. Thomas von Aquin ein Ausdruck von Tapferkeit im Angesicht des Todes. Der Märtyrer sei ihm zufolge ein Zeuge des christlichen Glaubens, weil er durch sein Handeln glaubwürdig belegt habe, dass es für ihn Dinge gab, die wichtiger waren als sein eigenes Leben. Der Märtyrer weise den Blick anderer Menschen über die materielle Welt hinaus, weil er sich durch seine Tat über deren scheinbare Absolutheiten erhebe.
  • Der Märtyrer widerlegt zudem durch sein Handeln das materialistische Menschenbild, das den freien Willen des Menschen leugnet und in ihm nur ein besseres Tier sieht, das nach Maximierung seiner Lebensdauer und seines materiellen Wohlbefindens strebe. Der Märtyrer stellt durch seine Tat den wahren Menschen dem durch Sünde und falsche Weltanschauungen geschaffenen Zerrbild des Menschen gegenüber.
  • Der katholische Philosoph Robert Spaemann betonte, dass die Geschichten der Märtyrer zu den „heiligen Erzählungen“ des Christentums zählen würden. Von den Märtyrern könne man lernen, was die Nachfolge Christi bedeute, und wie vielfältig diese Nachfolge aussehen könne.

Ein Martyrium kann sich über viele Jahre hinziehen und mit extremen Härten verbunden sein. Viele christliche Märtyrer starben nach langen Zeiten der Haft und der Folter.

Der katholische Philosoph Nicolás Gómez Dávila wies jedoch darauf hin, dass es durchaus möglich sei, seinen Dienst als Christ bewusst unter der Inkaufnahme höchster Risiken zu verrichten:

Es gibt immer Thermopylen, bei denen man sterben kann.

Als erster bekannt gewordener christlicher Märtyrer gilt der hl. Stephanus, der als Diakon der Urgemeinde in Jerusalem wegen seines christlichen Glaubens gesteinigt wurde.

Die um das Jahr 150 n. Chr. entstandene frühchristliche Schrift “Der Hirte des Hermas” unterscheidet zwischen Märtyrern, die den Tod bereits gefunden haben, und Christen, die durch ihre Taten unter Beweis gestellt haben, dass sie zur Annahme des Todes bereit seien. Letztere seien “Bekenner” (confessores), die im Frühchristentum besondere Autorität besaßen. Im Frühchristentum wurden zudem jene, die in der Prüfung der Verfolgung versagten und dem Christentum abschworen anstatt den Tod in Kauf zu nehmen und am Christentum festzuhalten, als „Gefallene“ (lapsi) bezeichnet.

Der Todestag eines Märtyrers wurde im frühen Christentum als dies natalis („Tag der Geburt“) gefeiert. Zu diesem Anlass versammelten sich die Mitglieder einer Gemeinde zur Feier der Liturgie, wobei vermutlich auch die Taten des Märtyrers vorgelesen wurden.

Weil Märtyrer häufig unbekannt bleiben, bezeichnete Papst Johannes Paul II. sie als die „unbekannten Soldaten“ der Sache Gottes.

Angesichts der zunehmenden Feindseligkeit gegenüber Kirche und Christentum gab es im 20. und 21. Jahrhundert bislang mehr christliche Märtyrer als in der gesamten vorherigen Geschichte des Christentums. Hunderttausende Christen wurden alleine in dieser Zeit als Märtyrer vor allem durch Kommunisten, Nationalsozialisten, radikale Muslime und andere Feinde des Christentums getötet.

6.4.1 Todesbereitschaft als Anforderung des Christentums

Todesbereitschaft ist im Kern des christlichen Glaubens angelegt und zwingend Teil der Nachfolge Christi. Jesus Christus selbst forderte seine Jünger zu unbedingter Treue auch in Extremsituationen auf als er sagte, dass er sie „wie Schafe mitten unter die Wölfe” sende (Lk 10,3). Jesus Christus sagte zudem:

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.

Der Theologe Hans Urs von Balthasar betonte, dass ein christliches Bekenntnis ohne diese Todesbereitschaft, also die Bereitschaft zum vorbehaltlosen Dienst gegenüber Gott, nur eine bedeutungslose Oberflächlichkeit sei und ein Glaube ohne Todesbereitschaft drohe, zu „einem seichtem humanistischen Geplätscher“ voller Unverbindlichkeiten zu werden. Die Bereitschaft zum Tod  sei der höchste und eigentliche Maßstab des Glaubens. Der Ernstfall sei für die Klärung von Glaubensfragen „das beste Kriterium […] weil er vor die christliche Wahrheit zwingt“ indem er die Frage stelle, ob man persönlich die richtige Antwort auf den dienenden Opfertod Jesu Christi gebe, die nur „meine Bereitschaft, für Christus zu sterben“ sein könne:

Warum hat Jesus Christus seinen Nachfolgern kein anderes Schicksal vorausgesagt als das seine: Verfolgung, Misserfolg und Passion? […] [W]er aber Jesus vorzieht, wählt das Kreuz als den Ort, wo nicht eventuell, sondern todsicher gestorben wird. […] Nach dieser Rede Christi ist der Stand der Verfolgung der Normalzustand für die Kirche in der Welt, und das Martyrium seine normale Bekenntnislage. […] Was soll der Christ sein? Einer, der sein Leben einsetzt für seine Brüder, weil er selbst sein Leben dem Gekreuzigten verdankt.2

Dabei müsse nicht jeder Christ als Märtyrer sterben; es käme vielmehr auf die dienende Grundhaltung im Leben und dessen vorbehaltslose Indienststellung an.

Dem Philosoph Josef Pieper zufolge, dass christliche Tapferkeit mit der Bereitschaft verbunden sei, bei der Verfolgung des Guten Risiken einzugehen. Jesus Christus in seinem Dienst an Gott und den Menschen nachzufolgen erfordere Tapferkeit, deren Vorbild Jesus Christus sebst sei:

Eine ‘Tapferkeit’, die nicht hinabreicht bis in die Tiefe der Bereitschaft zu fallen, ist in der Wurzel verdorben und ohne Wirklichkeitsmacht. Bereitschaft erweist sich im Einsatz, und die Tapferkeit vollendet sich im Blutzeugnis. Das Martyrium ist die eigentliche und höchste Tat der Tapferkeit. Die Bereitschaft zum Martyrium ist die Wesenswurzel aller christlichen Tapferkeit. Es gibt keine christliche Tapferkeit ohne diese Bereitschaft. […] Die Todesbereitschaft ist also eines der Fundamente christlichen Lebens.

Weil alle Tapferkeit „im Angesichte des Todes“ stehe, sei Tapferkeit „im Grunde die Bereitschaft zu sterben, genauer gesagt: die Bereitschaft zu fallen, das heißt: im Kampfe zu sterben.“ Eine Tapferkeit, die nicht prinzipiell die Bereitschaft zum Tod umfasse sei „ohne Wirklichkeitsmacht“.

Dabei schätze der Christ sein Leben und seine Gesundheit nicht gering, denn er brauche sie, um zu dienen. Er schätze beides allerdings geringer als Gott. Nach Joh 12,25 wird derjenige, der sein irdisches Leben zu sehr liebt, sein ewiges Leben verlieren. Die Tapferkeit helfe dem Menschen so zu leben, dass sein ewiges Leben nicht gefährde.

6.4.2 Das Martyrium darf nicht aktiv gesucht werden

Josef Pieper warnte vor „geschwätziger Begeisterung für das Martyrium“, da dies deutlich leichter gesagt als getan sei. Er verweist aus Berichte aus dem frühem Christentum über Personen die leichtfertig sich und andere in gefährliche Situationen brachten und dann doch unter Druck nachgaben. In der Verfolgungszeit des Frühchristentums sei das Tabu betont worden, das Martyrium aktiv zu suchen, weil dies Ausdruck von Eitelkeit und anderen schlechten Motiven sei und kein Ausdruck des Dienstes in der Nachfolge Christi.

Das Martyrium darf nicht aktiv gesucht oder angestrebt werden, denn der Tod ist nicht das Ziel des Dienstes des Christen, sondern nur seine im Extremfall in Kauf zu nehmende Begleiterscheinung. Wer tot ist, kann nicht mehr dienen.

7. Ewiger Dienst

Der Dienst des Christen ist ein ewiger Dienst, der nicht mit dem körperlichen Tod endet.

Gott hat Interesse am Schicksal jeder einzelnen Seele und jeden Menschen zum Dienst berufen. Möglicherweise dient das Leben des Menschen in der Welt dem Zweck, Seelen heranzubilden, die Gott für andere Aufgaben einsetzen will. Das Leben wäre dann in erster Linie eine Schule des Dienstes um den Menschen auf seine eigentlichen Aufgaben vorzubereiten, die ihn in seiner eigentlichen Heimat erwarten.

Nach katholischer Lehre ist der körperliche Tod des Menschen die Trennung des Leibes von der Seele. Die nicht mehr an die materielle Welt gebundene Seele findet sich nach dem Tod Gott gegenüber. Sie tritt anschließend als Ergebnis ihrer Entscheidung im Leben nach Maßgabe Gottes entweder in die Gemeinschaft mit Gott, einen zur Gemeinschaft mit Gott erforderlichen Zwischenzustand der Reinigung oder in einen Zustand der Ablehnung Gottes und der Gemeinschaft mit ihm ein. Der Endzustand ist der leiblichen Auferstehung des Menschen in einer anderen, erneuerten Welt, die im Neuen Testament mit dem Bild des „himmlischen Jerusalems“ beschrieben wurde.

Welche Aufgaben den Christen dort genau erwarten ist unbekannt, aber die Offenbarung des Johannes berichtet davon, dass es sich dabei um große Aufgaben für diejenigen handelt, die Jesus Christus als ihrem König dienen. Über sie heisst es dort: „Und sie werden herrschen in Ewigkeit.“ Sie werden Macht über Völker erhalten und „Säulen im Tempel meines Gottes“ seien sowie „mit mir auf meinem Thron sitzen“. Jesus Christus sagte: „Mein Vater arbeitet bis jetzt und auch ich arbeite.“ (Joh 5,17) In der Sphäre Gottes gibt es also keine Untätigkeit. Gott, der Schöpfer, ist tätig, und seine Tätigkeit geht weiter. Jesus Christus sagte auch dass diejenigen, welche die Anliegen Gottes auch in scheinbar kleinen Dingen zuverlässig und gut verwaltet haben, große Aufgaben erhalten werden. (Mt 25,23)

Diese Vorstellung strahlte vom Christentum auch auf andere Religionen aus. Die in der germanischen Religion vorhandene Vorstellung, dass eine Auslese der tapferen gefallenen Kämpfer (die „Einherjer“) Teil einer Armee im Jenseits werde, die sich in Walhall auf Odins Burg Gladsheim in Asgard auf einen letzten endzeitlichen Kampf gegen ein Riesenheer vorbereite, entstand vermutlich erst im 9. Jahrhundert unter dem Einfluss des Christentums. Sie weist deutliche Anklänge an die christliche Vorstellung des Dienstes der Heiligen im Jenseits auf, so wie auch die späte Darstellung Odins Elemente von Christus-Darstellungen aufweist.

  1. Jesaja 6,8
  2. Hans Urs von Balthasar: Cordula oder der Ernstfall, Einsiedeln 1966, S. 8ff.