Stand: 24.10.2018

Der Dienst ist der Weg des Menschen zu Gott. Das Christentum ist die Religion des Dienstes am Nächsten und am Gemeinwesen. Ein christliches Leben ist ein im Dienst stehendes Leben, das mehr gibt als es nimmt, sich härtere Pflichten auferlegt, mehr Verantwortung übernimmt und größere Opfer erbringt.

1. Das Christentum ist die Religion des Dienstes

Romano Guardini zufolge sei das „die große Lehre von der Selbst-Hingabe und Selbst-Überwindung“. Hans Urs von Balthasar zufolge sei für Christen die Bibel das „Wort, das den volleren Gehorsam lehrt“ und die heilige Messe „die Anbetung ihres Herrn und die Belehnung mit seiner Kraft für seinen Auftrag“. Christ sei von Balthasar zufolge derjenige, der im Dienst stehe. Die Forderung nach Selbstlosigkeit und ständigem „Zur-Verfügung-Stehen“ im Rahmen einer dienenden Berufung würde die Identität des Christentums bestimmen.

Die vorbehaltlose Indienststellung des eigenen Lebens bis hin zum Opfertod im Dienst an Gott und am Nächsten sei das von Jesus Christus gegebene Vorbild, dem Christen zu entsprechen hätten. So würde der einzelne Christ am Auftrag der Gemeinschaft aller Christen mitwirken, in der Welt dem Wort Jesu Christi gemäß „Sauerteig zu sein, der wirkt, indem er verschwindet.“

Papst Franziskus betonte, dass das Christentum eine Religion des Dienstes ist:

Die beiden Begriffe – Apostel und Knecht – stehen beisammen, sie können nicht getrennt werden; sie sind die beiden Seiten ein und derselben Medaille: Wer Jesus verkündet, ist berufen zu dienen, und wer dient, verkündet Jesus. […] Wie er es getan hat, so sind seine Verkünder berufen, es zu tun. Der Jünger Jesu kann keinen anderen Weg gehen als den des Meisters, sondern wenn er ihn verkünden will, muss er ihn nachahmen, wie Paulus es getan hat: danach streben, Diener zu werden. Anders gesagt, wenn das Evangelisieren die Sendung ist, die jedem Christen in der Taufe übergeben wurde, dann ist das Dienen der Stil, mit dem diese Sendung gelebt werden muss, die einzige Art und Weise, ein Jünger Jesu zu sein. Sein Zeuge ist, wer es ihm gleichtut: wer den Brüdern und Schwestern dient, ohne des demütigen Christus müde zu werden, ohne des christlichen Lebens müde zu werden, das ein Leben des Dienens ist. 1

Die Würde des Menschen liegt darin begründet, dass er dazu berufen ist, am Aufbau des Reiches Gottes und am überzeitlichen Kampf mitzuwirken. Der Mensch ist nicht nur passiv der Materie unterworfen, sondern kann in den Dienst Gottes treten und zu seinem Mitarbeiter werden. Jesus Christus berief dazu Apostel in seinen Dienst und sandte sie aus.

Dienende Menschen sind gemäß der biblischen Bilder das „Licht der Welt“ und das „Salz der Erde“, die wie ein Sauerteig in der Welt wirken. Durch gute Werke des Dienstes sorgen sie dafür, dass Menschen sich für Gott interessieren.2

Dienen kann nur wer liebt und anerkennt, dass es etwas wichtigeres gibt als ihn selbst, und der seine eigenen Interessen dem nachordnet. Ein dienendes Leben unterscheidet sich somit deutlich von einem individualistischen und materialistischen Leben, das den eigenen Erfolg oder das eigene Wohlergehen zum Ziel hat. Der Gegensatz zwischen diesen Lebenswegen kann nicht genug betont werden.

Danach hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich antwortete: Hier bin ich, sende mich!3

Der christliche Weg ist kein leichter Weg. Er stößt zudem bei vielen Menschen auf Ablehnung, die sich dadurch provoziert fühlen, dass Christen sich dem Weg dieser Welt nicht unterwerfen wollen und nicht für ihre Leidenschaften leben.

Im Dienst zu stehen ist ein wesentlicher Teil der christlichen Identität. Robert Spaemann zufolge bestehe die Kirche aus denen, die es als ihren Auftrag anerkennen, „im Dienst Christi zu arbeiten“.

Erzbischof Joseph Chaput erinnerte 2018 daran, dass ein männlicher Impuls im Christentum seinen Ausdruck finde. Die Seele des Mannes suche nach Herausforderungen, nach Wettbewerb und nach einem Sinn des Lebens, der größer sei als das bloße eigene materielle Wohlergehen. Männer würden sich unabhängig von ihrer Religion daher stets zu besonders fordernden Arten des Dienstes hingezogen fühlen:

Männer brauchen Herausforderungen. Männer müssen ihren Wert prüfen und beweisen. Männer fühlen sich dann lebendig, wenn sie sich für eine Sache einsetzen können, die größer ist als ihr eigenes Wohlergeben. Dies ist der Grund dafür, warum junge Männer in den Dienst bei den Marines, den Rangern oder den SEALs eintreten. Sie tun dies nicht obwohl es fordernd ist, sondern eben weil es fordernd ist; weil es weh tut; weil sie die Besten sein wollen und sie sich einen Platz unter Brüdern verdienen wollen die ebenfalls die Besten sind.

Männer schlossen sich den frühen Kapuzinern und Jesuiten nicht an um vor der Welt zu fliehen, sondern um sie zu verändern; um die Welt zu konvertieren indem sie alles vom Mann forderten was er zu geben hat – seine ganze Energie, seine Liebe, sein Talent und seine Intelligenz – im Dienst an einem Auftrag, der größer und wichtiger ist als das Ego und jedes triebhafte Streben.

Feminismus und Genderideologie, die den Menschen als fluides, nach materiellen Dingen und nach Befriedigung seiner Triebe strebendes Wesen betrachteten, wirkten destruktiv, weil sie die Berufung des Mannes zu großen Taten leugneten. Jeder Mann müsse sich entscheiden, ob er sich von solchen Ideologien in ein kleines Leben herabziehen lassen oder Jesus Christus nachfolgen und ein Leben im Dienst am Nächsten führen wolle.

Erzbischof Chaput erinnerte zudem daran, dass der westlichen Welt schwere Zeiten bevorstehen würden. Sie werde künftig in noch stärkerem Maße den Dienst christlicher Männer brauchen, die den Kampf um die Seele der Welt aufzunehmen bereit seien. Jeder Mann sei zu diesem Dienst berufen und dieser Dienst beginne damit, selbst zu einem Vorbild traditioneller christlicher männlicher Lebensführung zu werden und korrupte und vulgäre Elemente modernen Lebens aus dem eigenen Leben auszuscheiden. Dieser Dienst setze sich fort mit dem Dienst als Ehemann und Vater, der kommende Generationen präge. Darüber hinaus könne dieser Dienst bis zur vollständigen Hingabe ausgeweitet werden.

2. Dienst und Nächstenliebe

Der Begriff der Liebe bzw. der Nächstenliebe wird aufgrund seiner Überlagerung durch moderne Bedeutungen oft missverstanden. Liebe im christlichen Sinne ist nicht ein angenehmes Gefühl, sondern die Entscheidung zum Dienst. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit oder Egoismus.

Der Christ dient Gott, indem er dem Nächsten dient. Ob er dies getan hat oder nicht ist das Kriterium, nach dem über die Seele des Menschen entschieden werden wird.4

Papst Benedikt XVI. beschrieb die Nächstenliebe als die im Menschen wirkende Kraft, die ihn zum Dienst drängt:

Die Liebe – „caritas“ – ist eine außerordentliche Kraft, welche die Menschen drängt, sich mutig und großherzig auf dem Gebiet der Gerechtigkeit und des Friedens einzusetzen. Es ist eine Kraft, die ihren Ursprung in Gott hat, der die ewige Liebe und die absolute Wahrheit ist.5

Benedikt sprach zudem vom „Dienst praktizierter Nächstenliebe“. Christus nachzufolgen bedeute „das innere Wesen des Kreuzes annehmen: die radikale Liebe, die sich darin ausdrückt, und so Gott selbst nachahmen, der sich am Kreuz offenbart hat als der sich selbst verströmende.“

Christliche Liebe ist laut der Enzyklika Rerum Novarum dadurch gekenzeichnet, „sich selbst für des Nächsten Heil zu opfern“. Liebe beweist sich somit in Opfern.

Jeder Mensch, dem man unter persönlichen Opfern unmittelbar dienen kann, ist der Nächste des Christen. Alle Christen haben dem Nächsten in irgendeiner Form zu dienen. Der Starke dient dem Schwachen, die Eheleute einander und ihren Kindern und der Politiker dient dem Gemeinwohl.

Der hl. Apostel Petrus rief Christen dazu auf, einander zu dienen.6 Hans Urs von Balthasar sagte, dass es für den Christen „nur einen einzigen wahren Einsatz“ gebe, nämlich „den für die Brüder, für die Welt“ und den „Einsatz des Menschen, dem der Bruder mehr wert ist als sich selbst“.

Die Klöster des hl. Benedikts nannte er „Schulen des Herrendienstes“.

Liebe ist die Entscheidung zum Dienst an etwas Gutem weil es gut ist und kein Gefühl. Wer liebt erkennt an, das es Wichtigeres gibt als ihn selbst. Liebe ist mit Pflichtempfinden und dem Willen zur Übernahme von Verantwortung verbunden. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Haß, sondern Egoismus. Wer liebt, bejaht das Gute in einer Sache oder einem Menschen und ist bereit Opfer zu bringen, damit anderen Gutes widerfährt.

Romano Guardini zufolge verwirklicht sich christliche Liebe in „Hüten und Entfalten, Lösen und Befreien, Helfen und Heilen“.

Der katholische Philosoph Josef Pieper schrieb über die Liebe:

Liebe ist nicht dasselbe wie die unterschiedslose Billigung all dessen, was der geliebte Mensch empirisch-faktisch denkt und tut. […] Die bloße Gutherzigkeit, die alles duldet, nur nicht, daß der Geliebte leidet, hat mit wirklicher Liebe nichts zu tun. Augustinus hat das in vielerlei Variationen formuliert: “Die Liebe schlägt zu, Übelwollen redet nach dem Munde“; “der Freund gerät in Zorn und liebt, der getarnte Feind schmeichelt und haßt“. – Kein Liebender kann sich damit abfinden, daß der, den er liebt, dem Guten das Bequeme vorzieht. Wer die jungen Leute liebt, ist außerstande, die Freude zu teilen, die sie dabei zu empfinden scheinen, ihr Marschgepäck sozusagen zu erleichtern und die eiserne Ration wegzuwerfen, die sie einmal brauchen werden, wenn es kritisch wird.

Geliebt werden kann etwas, dessen Wert richtig erkannt und geachtet wird. Etwas Wertloses oder Schlechtes zu lieben wäre falsch. Dem Geliebten wird größerer Wert zugemessen als der eigenen Person. Liebe ist daher eine Form der Erfahrung von Transzendenz.

Der hl. Josemaria Escriva schrieb über Dienst und Nächstenliebe:

Wenn wir Christus in unserer Seele herrschen lassen, werden wir uns nie als Herren aufspielen, sondern Diener aller Menschen sein. Dienen. Wie sehr gefällt mir dieses Wort; meinem König dienen und durch Ihn allen, die durch sein Blut erlöst sind. Verstünden wir Christen es doch zu dienen! Vertrauen wir jetzt dem Herrn unseren Entschluß an, lernen zu wollen, wie man dient, denn nur dienend werden wir fähig sein, Christus zu kennen und zu lieben; nur dann werden wir andere Menschen zu Ihm führen und erreichen, daß auch sie Ihn lieben.

Die Moderne hat kulturelle Grundbegriffe wie „Liebe“ weitestgehend ihrer eigentlichen Bedeutung beraubt, sie dabei entstellt und sie für viele Menschen unverständlich gemacht. Tatsächlich beruht jegliche Kultur aber auf Liebe im Sinne des griechischen Begriffes „Agape“. Ohne eine Gemeinschaft von Menschen, die über rationales Verstehen hinaus von dem Gedanken ergriffen ist, dass es etwas gibt, das höheren Wert besitzt als ihr eigenes Leben und bereit dazu ist diesem höchsten Gegenstand auch gegen Widerstand und unter Opfern zu dienen, kann Kultur weder entstehen noch bestehen. Solche Gemeinschaften müssen somit auf Glaube beruhen um im Sinne tätiger, dienender Liebe zu wirken; und damit dies gelingt, müssen sie sich von modernem Gleichheitsdenken trennen, denn wenn man allen Dingen Gleichwertigkeit unterstellt, werden Glaube und vor allem Liebe im eigentlichen Sinne dieser Begriffe unmöglich.

Der hl. Johannes Chrysostomos, einer der Kirchenlehrer, sagte, dass Christen dazu berufen seien, „dass wir Sterne seien“ und dienend unter den Menschen leben. Es bedürfe keiner Lehrer, wenn Christen mit Taten predigen würden.

Der katholische Theologe und Priester Harald Bienek sagte, dass die Taufe „nicht der Einstieg in das rettende Boot, sondern der Beginn der Ausbildung zum Rettungsschwimmer“ sei.

Der hl. Josemaria Escriva schrieb, dass Christen dazu berufen seien, anderen zu dienen, indem sie zum Heil ihrer Seelen beitragen:

Kinder Gottes sind wir. Träger der einzigen Flamme, die die Wege der Menschen auf Erden zu erhellen vermag; des einzigen Lichtes, vor dem Finsternis, Dämmerung, Schatten für immer entweichen. Der Herr bedient sich unser als Fackeln, damit dieses Licht hell erstrahlt… An uns liegt es, daß viele Menschen nicht im Dunkeln stehenbleiben, sondern Wege gehen, die zum ewigen Leben führen.

3. Dienst und Berufung

Berufungen sind individuelle Aufträge Gottes und Forderungen, die Gott an den Menschen stellt. In seinen Berufungen ist der Mensch Teil einer höheren Ordnung, in die er sich einfügt, wenn er ihnen folgt.

Laut Hans Urs von Balthasar definiere es den Christen, dass er seine Berufung kenne und sein Leben für sie einsetze, wobei diese Hingabe bis zum Opfertod gehen könne. Der Christ praktiziere seinen Glauben, indem er „die ihm geschenkten Gnaden in Umlauf zugunsten der Mitmenschen“ einsetze.

Wer Ja zu Gott sage, erhalte eine solche Berufung und „seine Sendung zu den Menschen“. Diese könne auch ein „Weltauftrag“ sein, der in „Familie, Staat, Gesellschaft“ zu leisten sei.

Laut Romano Guardini würde spätestens um das dreißigste Lebensjahr die eigene Berufung, also der Auftrag Gottes, im eigenen Leben endgültig sichtbar werden. Man trage dann eine hohe Verantwortung und müsse sich für Bindungen entscheiden. Dabei würden Härten hervortreten, die mit inneren Kämpfen verbunden seien.

Mit der Zeit aber machen die Gegensätze sich geltend, und eines Tages stehen sie ganz scharf da. Da sieht man die Aufgabe in ihrer ganzen Schwere. Sieht, wie fern man den Menschen steht, wie tief im Gegensatz zu ihnen, auch zu Gutmeinenden, geschweige denn zu Rücksichtslosen und Feindseligen. […] Da fällt wiederum die Entscheidung; ob man sich fürchtet. Sich fürchtet vor der Aufgabe und ihr untreu wird; vor den Leuten und ihnen weicht; vor der Einsamkeit und zur Herde läuft  – oder ob man standhält. […] Mann sein heißt treu sein.

Jesus Christus sucht für seinen Dienst nur Freiwillige. Wenn er sich im Leben eines Menschen zeigt und sein Ruf zum Dienst ergeht, kann sich der Mensch frei dafür oder dagegen entscheiden, ihm zu folgen.

Was ist eine Berufung?

Eine Berufung ist ein Auftrag Gottes, für den man auf der Welt ist, und die von Gott in seiner Ordnung vorgesehene Platz für den einzelnen Menschen. Sie ist ein persönlicher Weg, Jesus Christus nachzufolgen, und eine Aufgabe, bei der man seine Fähigkeiten und Stärkem am besten für einen guten Zweck und zum Dienst am Nächsten nutzen kann. Sie ist der Posten, auf den Gott einen Menschen gestellt hat, damit er auf diesem seinen Dienst verrichte.

Fast jeder Mensch will ein Erbe hinterlassen, das über sein Leben hinausgreift. Einem dienenden Leben kann dies gelingen. Ein Mensch, der seiner Berufung folgt, schafft dabei ein Lebenswerk.

Ein Mensch kann mehrere Berufungen haben. Es kommt im Leben vor allem auch darauf an, diese Aufträge Gottes zu erkennen und zu erfüllen und weniger darum, was man selbst vom Leben erwartet. Jeder Mensch hat solche Aufträge von Gott. Berufene sind keine Freiwilligen, sondern werden laut Jesus Christus ausgewählt:

Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt.7

Einer Berufung zu folgen ist die christliche Form der Selbstverwirklichung und bedeutet, das eigene Leben in den Dienst zu stellen und an höheren Zielen auszurichten. Der Berufungsgedanke unterscheidet sich dabei radikal vom modernen Konzept der Selbstverwirklichung, das den Menschen im Gefängnis seines Ich einsperrt.

Einer Berufung zu folgen bedeutet, zum Instrument der Ausführung einer großen und guten Aufgabe in der Welt zu werden, die häufig über ein Menschenleben hinausreicht. Die Weitergabe des Lebens oder des Glaubens sind solche Berufungen.

Eine Berufung erfasst den ganzen Menschen in allen Aspekten seines Wesens und seiner Existenz. Der katholische Philosoph Nicolás Gómez Dávila schrieb dazu:

Jeder Mensch wird mit einer eigenen Pflicht geboren, und seine einzige Freude besteht darin, sie zu erfüllen. Uns entgeht die Fülle des Daseins, wenn wir andere als jene Taten ausführen, für die wir geboren wurden.

Der hl. Josemaría Escrivá schrieb:

Wenn du auf den Ruf antwortest, den der Herr an dich hat ergehen lassen, wird dein Leben – dein kleines unbedeutendes Leben – in der Geschichte der Menschheit eine tiefe und breite, leuchtende und fruchtbare Spur des Ewigen und Göttlichen hinterlassen.

Im Buch Jesaja wird Berufung so beschrieben:

Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt. Er machte meinen Mund zu einem scharfen Schwert, er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Er machte mich zum spitzen Pfeil und steckte mich in seinen Köcher.8

Einer Berufung zu folgen bedeutet, die Ewigkeit als Maßstab des eigenen Lebens anzuerkennen. Papst Benedikt XVI. schrieb dazu:

Damit dieses Leben gelingt, muss ich mitten darin auf das ewige Leben zugehen. Ich muss daran denken, dass Gott mir eine Aufgabe in der Welt zugedacht hat und dass er mich einmal danach fragen wird, was ich mit meinem Leben angefangen habe.

Eine Berufung anzunehmen bedeutet immer auch Opfer zu bringen, weil man sich von dem trennen muss, was dieser Berufung widerspricht oder ihr entgegensteht.

Weil Gott keine Sklaven will sondern Menschen, die ihm in Freiheit dienen, ist man frei, eine Berufung anzunehmen oder abzulehnen. Eine Berufung sollte nicht aus falscher Demut zurückgewiesen werden. Als Christ ist man dazu aufgefordert, sich nach hohen Zielen auszustrecken. Man ehrt dadurch Gott, von dem die Fähigkeiten und Stärken kommen, die man in der Berufung einsetzt.

Der Berufene unterscheidet sich vom Getriebenen, der sein Leben von seinen Leidenschaften oder den Erwartungen anderer kontrollieren lässt.

Berufung und Charisma

Charismen sind Geschenke des Heiligen Geistes, die der einzelne zum Dienst am Nächsten einsetzen kann. Solche Geschenke können alle nur denkbaren Eigenschaften sein. Man kann sich Charismen nicht aus eigener Kraft aneignen.

Arten von Berufung

Alle Menschen sind zur Heiligkeit berufen. Die meisten Menschen sind zur Ehe berufen. Darüber hinaus gibt zahlreiche Berufungen, in denen sich christliches Leben gestalten kann. Arbeit ist Teil der Berufung des Menschen, der geschaffen wurde, damit er die Welt „bebaue und hüte“ (Gen 2,15).

  • Politik
  • Militär, Polizei
  • Wirtschaftsleben: Verhandeln, Umgang mit Zahlen, Organisieren, Streit schlichten
  • Religiöse Berufungen
  • Wissenschaft und Lehre
  • Handwerk und Ingenieurwesen: Entwerfen, Dinge schaffen
  • Kunst
  • Heilende und pflegende Berufe

Alle Berufungen sind vor Gott prinzipiell gleichwertig. Eine Berufung kann auf den ersten Blick unscheinbare Dinge zum Gegenstand haben. Es geht weniger darum große Dinge zu tun, als das, wozu man berufen ist, möglichst vollkommen zu tun. Eine Berufung erfasst den Menschen vollständig und ist kein „Job“ den man hinter sich bringen will, um sich der Freizeit zu widmen.

Eine Berufung sollte als Selbstzweck verstanden werden. Ihre Wirkung und ihr Sinn sind für den Menschen oft nicht unmittelbar erkennbar. Eine Berufung kann mit extremem Leid verbunden sein. Der Inhalt von Berufungen ist höchst ungleich verteilt, und der Mensch hat darauf keinen Einfluss.

Die eigene Berufung erkennen

Die Frage nach der eigenen Berufung ist die Frage nach der eigenen Identität. Da die Anlagen der Menschen unterschiedlich sind, kann es für sie auch keine einheitliche Berufung geben. Der sich im Dienst entfaltende Mensch entwickelt individuellen Charakter, den sein Dienst weiter freilegt, stärkt und veredelt. Vor hohe Ziele gestellt, wächst der Mensch.

Der hl. Ignatius von Loyola schrieb, dass Menschen bestimmte individuelle Aufträge in der Nachfolge Jesu Christi hätten. Sie müssten im Gebet erkunden, „in welchem Leben oder Stand seine göttliche Majestät sich unser bedienen will“.

Eine Berufung ist damit verbunden, dass Gott den Berufenen mit den für seinen Auftrag erforderlichen Fähigkeiten ausstattet, und zwar mit Neigung, Eignung und Absicht.

Weiterhin erkennt man eine Berufung daran, dass die eigene Gesinnung rein ist und man dienend zum Segen für die Welt und den Nächsten wirken möchten anstatt für eigene oder als schlecht erkannte Ziele. Über starke Neigung und Tauglichkeit könnte auch ein fähiger Verbrecher verfügen. Eine Berufung sollte hingegen mit den tiefsten und besten Motiven verbunden sein, zu denen man fähig ist.

  • Was sind Spuren des Wirkens Gottes im eigenen Leben? Eine Berufung kann durch die Suche nach Zeichen für den eigenen Auftrag erkannt werden. Diese Suche kann durch Gebet und das Hören auf den Willen Gottes erfolgen.
  • Welche Aufgaben stellen sich im eigenen Umfeld?
  • Das, wofür man Opfer zu bringen und Leid zu ertragen bereit ist: Wofür ist man bereit, sein Leben vollständig einzusetzen?
  • Die eigenen Stärken und Fähigkeiten, die in den Dienst gestellt werden können: Bei welchen Themen wird man häufig um Rat gefragt und um Hilfe gebeten? Welche Aufgaben gelingen einem besonders gut?
  • Die dienende Aufgabe, zu der man in höchstem Maße motiviert ist: Welche Art von Dienst und Arbeit empfindet man nicht als Belastung und verrichtet sie mit Freude? Womit beschäftigt man sich in seiner Freizeit? Wenn man sich unabhängig von allen anderen Faktoren eine Tätigkeit oder Aufgabe aussuchen könnte: Was wäre diese? Was würde man tun, wenn man finanziell vollständig abgesichert wäre oder fünf Jahre Urlaub hätte? Was sind die besten Motive, die man empfindet? Welche Mißstände empören einen am meisten? Welchen Weg würde man einschlagen, wenn man sein Leben mit seinem heutigen Wissen nocheinmal beginnen könnte?
  • Das Leben von seinem Ende her denken: Was will man am letzten Tag des Lebens sagen was man erreicht haben möchte? Was sollen die eigenen Nachkommen und spätere Generationen über einen sagen?

Berufungen sollten möglichst frühzeitig erkannt werden, damit sie entwickelt werden können und man in ihr zur Meisterschaft gelangt. Sie müssen nicht sofort erkannt werden, sondern können auch zunächst praktisch ausprobiert werden. Beim Erkennen der eigenen Berufung helfen auch das betrachtende Gebet sowie der Austausch mit geeigneten Menschen.

Berufung als Einbruch des Schicksals in die eigene Welt

Es gibt zudem mit Gewalt in die eigene Welt einbrechende Berufung, die zuvor nicht erkannt wurde. Hier kommt es darauf an zu erkennen, was die Lage von einem erfordert, und die damit verbundenen Auftrag anzunehmen und so gut auszuführen wie möglich.

Die Stunde kommt da man dich braucht
Da sei du ganz bereit
und in das Feuer das verraucht
wirf dich als letztes Scheit.

Friedrich Gundolf

Auf diese Art der Berufung sollte man innerlich vorbereitet sein, denn es könnte nicht viel Zeit zur Verfügung stehen, um sie anzunehmen, und die eigene Trägheit oder Schwäche könnten zu zu langem Zögern verleiten. In dieser Art von Berufung liegt eine besondere Form der Prüfung, die zuverlässig die innere Qualität eines Menschen offenbart.

Solche Berufungen sind mit schwerer Bedrängnis und harten Prüfungen verbunden.

4. Der Dienst als Weg zu Gott und Erfüllung des Lebens

Die Annahme der Berufung zum Dienst befreit den Menschen aus dem Gefängnis seines Egoismus. Die Entscheidung zu dienen erhebt den Menschen hin zum Ewigen. Schon die kleinste Entscheidung zu dienen löst den Menschen aus seinen Fesseln und macht ihn Jesus Christus ähnlicher. Der im Dienst stehende Mensch verbrennt wie eine Kerze und verströmt Licht in der Welt. Dabei verschwindet der alte Mensch.

Josef Ratzinger (Benedikt XVI.) zufolge sei der Weg zur Gotteserkenntnis ein Weg der dienenden Nachfolge, wie es Jesus Christus selbst sagte:

Wenn jemand hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz und folge mir nach.9

Laut Hans Urs von Balthasar verwirkliche derjenige sein Dasein am besten, „der es, für eine endliche Aufgabe, die ihm wert erscheint, so gründlich wie möglich einsetzt.“

Laut Benedikt XVI. werde der Mensch frei, indem er in den Plan einwillige, den Gott für ihn habe. Dieser Plan habe immer mit der Verwirklichung dienender Liebe durch den Menschen zu tun. Im Dienst läge die Selbstverwirklichung des Menschen.10

Im Dienst kann der Mensch sich wahrhaft selbst verwirklichen. Der Mensch ist zur Heiligkeit berufen und nicht für nachrangige Dinge wie Konsum, Anhäufung von Besitz, Unterhaltung und die Befriedigung seiner körperlichen Bedürfnisse. Die Behauptung, dass Selbstverwirklichung auf dem Weg des Egoismus möglich sei, ist eine Täuschung, die den Menschen herabzieht.

Nach der Logik dieser Welt erscheint die Entscheidung des Christen als irrational. Die Entscheidung für die Glücksversprechen der Welt hat jedoch unglückliche Gesellschaften hervorgebracht. Das immer stärker von Gott bestimmte und an Jesus Christus angeglichene Leben ist ein erfülltes Leben. Es entfaltet Wirkung in der Welt.

Der Psychologe Jordan B. Peterson hat beschrieben, dass es eine Besonderheit der Natur des Mannes sei, dass er eine große Aufgabe im Leben finden müsse, die ihn über sich selbst hinauswachsen lasse und ihn mit Herausforderungen konfrontiere, die er zu bewältigen habe.

Dem Psychologen Jordan B. Petersons zufolge führe jeder Mann in seiner Seele einen Kampf gegen das Chaos, bei dem ihm die Kultur und die von ihr gestiftete Ordnung helfen würden. Der Mann sei zudem dazu berufen, Verantwortung in der Welt zu übernehmen und sich großen Aufgaben zu stellen. Der Sinn des Lebens sowie die Ehre des Mannes würden sich am Maß der Verantwortung, die er übernommen habe, bemessen.

  • Der erste Schritt zur Übernahme von Verantwortung sei es, das moderne Ideal des Strebens nach „Glück“ bzw. nach angenehmen Gefühlen abzulehnen, weil dieses falsch sei und zu Illusionen über das Leben und seine Herausforderungen führe. Die Berufung des Mannes verwirkliche sich auch im Unangenehmen, etwa im Leid, im Opfer oder im Kampf.
  • Der nächste Schritt sei es, im Sinne des Aufrufs des russischen Dissidenten Alexander Solschenizyn „nicht in der Lüge zu leben“, d.h. sich vom Wunschdenken und den Ideologien, welche große Teile der Gesellschaft prägten, innerlich zu befreien, und deren Inhalte nicht zu wiederholen oder zu verbreiten.
  • Verantwortung übernehme der Mann unter anderem in Form der von jeder Generation zu leistenden Erneuerung und Fortsetzung der Kultur, die dazu zunächst aufgenommen und im eigenen Leben verwirklicht werden müsse. Aufgrund der von Peterson beschriebenen Auflösungserscheinungen moderner Gesellschaften sei dieser Dienst des Mannes heute notwendiger denn je.
  • Postmoderne und Neo-Marxismus würden diese grundsätzliche Berufung leugnen, doch da sie dabei die Natur des Menschen bzw. des Mannes ignorieren würden, gebe es gerade in der vom Wirken dieser Ideologien zunehmend gekennzeichneten Gegenwart einen ausgeprägten „Hunger“ junger Männer nach innerer Ordnung, Verantwortung und großen Aufgaben.

Peterson wurde von einigen Beobachtern als geistiger Vater vieler junger Männer beschrieben, denen es durch seine Botschaften gelungen sei, sich von den Illusionen sowie den destruktiven Folgen moderner Weltanschauungen und Lebensstile zu befreien.

Im Buch Jesaja findet sich diese Beschreibung des dienenden Lebens:

Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest, dem Hungrigen dein Brot reichst und den Darbenden satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag. Der Herr wird dich immer führen, auch im dürren Land macht er dich satt und stärkt deine Glieder. Du gleichst einem bewässerten Garten, einer Quelle, deren Wasser niemals versiegt. Deine Leute bauen die uralten Trümmerstätten wieder auf, die Grundmauern aus der Zeit vergangener Generationen stellst du wieder her. Man nennt dich den Maurer, der die Risse ausbessert, den, der die Ruinen wieder bewohnbar macht.11

5. Der Eintritt in den Dienst und die Verwandlung des Menschen

Mit seiner Entscheidung zur Nachfolge Jesu Christi tritt der Mensch in dessen Dienst ein und beginnt den Weg der Heiligung. Romano Guardini schrieb dazu:

Das wirkliche Verständnis beginnt mit der Beunruhigung durch das Unerhörte. Er setzt sich fort in der Einsicht, dass das scheinbar Unsinnige den letzten Sinn von allem bildet. Es vollendet sich in der Hingabe des Glaubens an das, was über allem Irdischen ist.

Der Mensch, der bereit dazu ist in den Dienst Gottes einzutreten, kehrt um und erhebt seinen Blick zu Gott. Er bejaht das, was Gott von ihm fordert, und ist bereit dazu, mit seinem bisherigen Leben radikal zu brechen. Dadurch wird ein Tor aufgestoßen. Gott verspricht, dass der der Ihn sucht, von Ihm gefunden werden wird. Wenn es soweit ist, geschieht im Menschen etwas, das er als Erweckung oder als geistige Wiedergeburt erfährt. Er wird dann von der gewaltigen und erhabenen Kraft Gottes ergriffen und sein Leben gewinnt an Intensität. Der hl. Apostel Petrus sprach diesbezüglich vom Augenblick, an dem „der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in eurem Herzen“.12

Der Eintritt in den Dienst ist der Beginn der Befreiung des Menschen aus dem Gefängnis des Ich durch Gott und eine Wiedergeburt des Menschen durch den Heiligen Geist in ein neues Leben, in dem nicht mehr er selbst, sondern Gott im Mittelpunkt steht. Joseph Ratzinger (Benedikt XVI.) sprach vom „Untergehen des bloßen Ich und damit gerade ein Auferstehen des wahren Ich, ein Selbstwerden durch Freiwerden vom bloßen Ich in die Gemeinschaft mit Gott hinein“. Der Mensch wird dadurch zu einem Sohn Gottes13 und zu einem Teil seines Reiches. Er tritt aus der Dunkelheit in das Licht und erlangt seine wahre Identität durch einen Akt der Selbstaufgabe.

Mit seinem Eintritt in den Dienst Gottes tritt der Mensch in die Gemeinschaft der Erwählten ein, die das Licht der Welt sein sollen. Er wird Teil von Gottes heiligem Volk und tritt ein in ein „auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft“.14

Der hl. Bernhard sagte, die von Gott gefundenen Menschen seien „zu Kindern des Lichts geworden, zu Kindern des Tages und nicht mehr der Finsternis und der Nacht“ in einer vom Bösen beherrschten Welt.15 Sie gehören zu jenen, die „sich retten lassen aus diesem verkehrten Geschlecht“, um „mitten unter einem verkehrten und verdrehten Geschlecht zu leuchten wie die Sterne im Weltall“.16 Seiner dienenden Gefolgschaft verspricht Jesus Christus hoheitliche Würde.17

Das Leben des Menschen wird dadurch auf eine andere Ebene gehoben und greift von der materiellen, horizontalen Wirklichkeit in die übernatürliche, vertikale Welt und von der Zeit in die Ewigkeit aus. Er hat nun einen Auftrag, um den herum sich sein ganzes Leben neu ordnet. Alles in seinem Leben hat nun eine höhere Bedeutung.

Danach hörte ich die Stimme des Herrn, der sagte: Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen? Ich antwortete: Hier bin ich, sende mich!18

Voraussetzung dafür ist, dass dieser Auftrag und diese Sendung in einem Menschen lebendig sind und er vom Glauben ergriffen ist. Nur wenn er Feuer gefangen hat, kann er zum Licht in der Dunkelheit der Welt werden.19 Es reicht nicht, nur vom Licht der Welt zu sprechen. Christen müssen selbst die Qualität des Lichts besitzen und von ihm durchdrungen werden. Dies ist ein Geschenk, um das man nur bitten kann, und nichts, was man aus eigener Kraft bewirken kann.

Der hl. Josemaria Escriva schrieb, dass die „die christliche Berufung darin besteht, aus der Prosa des Alltags epische Dichtung zu machen.“

Wer im Dienst steht, beansprucht nicht in erster Linie Rechte von anderen, sondern empfindet Pflichten gegenüber sich selbst und gegenüber anderen, die ihn zur Tat drängen.

Mit dem Eintritt in den Dienst beginn die Transformation des Menschen zu dem, was er sein soll. Er muss dabei vieles von dem aufgeben, was ihm gewohnt ist und was er vielleicht lieb gewonnen hat.

Der Priester Walter J. Ciszek, der lange im verdeckten Dienst in der Sowjetunion wirkte und lange Zeit in kommunistischen Lagern verbrachte, beschrieb die Erfahrung der totalen Hingabe an den Willen Gottes so:

There was but a single vision, God, who was all in all; there was but one will that directed all things, God’s will. I had only to see it, to discern it in every circumstance in which I found myself, and let myself be ruled by it. God is in all things, sustains all things, directs all things. To discern this in every situation and circumstance, to see His will in all things, was to accept each circumstance and situation and let oneself be borne along in perfect confidence and trust. Nothing could separate me from Him, because He was in all things. No danger could threaten me, no fear could shake me, except the fear of losing sight of Him. The future, hidden as it was, was hidden in His will and therefore acceptable to me no matter what it might bring. The past, with all its failures, was not forgotten; it remained to remind me of the weakness of human nature and the folly of putting any faith in self. But it no longer depressed me. I looked no longer to self to guide me, relied on it no longer in any way, so it could not again fail me. By renouncing, finally and completely, all control of my life and future destiny, I was relieved as a consequence of all responsibility. I was freed thereby from anxiety and worry, from every tension, and could float serenely upon the tide of God’s sustaining providence in perfect peace of soul.

Der Eintritt in den Dienst ist die vollständige Hinordnung aller Aspekte des eigenen Lebens auf Gott. Nur das Höchste, Edelste und Größte, also Gott, kann den totalen Dienst des Menschen beanspruchen. Nur der im Gehorsam gegenüber Gott geleistete Dienst unterwirft den Menschen nicht, sondern befreit ihn.

Der Glaube wirkt nicht wie betäubendes Opium, wie Karl Marx behauptete, sondern lässt ihn erwachen und die Nöte der Welt stärker wahrnehmen.

Anfänglich ist der christliche Teil des Menschen nur etwas an seiner Oberfläche, während er in seiner Tiefe noch ungeordnet ist. Der Eintritt in den Dienst ist keine einmalige Entscheidung, sondern muss immer wieder neu vollzogen werden. So wird der Mensch, der dem immer wieder zustimmt, mit der Zeit durch das Wirken Gottes verändert, bis im besten Fall eines Tages „der ganze Mensch nur noch Funktion des göttlichen Auftrags ist“20

Mit dem Eintritt in den christlichen Dienst tritt der Mensch auch in die christliche Kultur des Dienstes ein. Diese ersetzt nicht die bisherige kulturelle Prägung eines Menschen, sondern verbindet sich mit dieser und veredelt sie.21

6. Dienen bedeutet zu Handeln und Wirkung zu erzielen

Christen erkennt man an den Früchten ihres Dienstes, also an der Wirkung, die sie erzielen. Ein Glaube, der sich nicht auch in Taten und Werken äußert, wäre ein toter und steriler Glaube. Jesus Christus sagte, das eine bloße gute Absicht des Christen unzureichend sei:

Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr, wird in das Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut. (Mt 7,21)

Dem katholischen Theologen Hugo Rahner zufolge wäre ein Rückzug aus der Welt unter Berufung auf das Christentum „fromm getarnte Weltunfähigkeit“.22

Christen streben daher an, dass ihr ganzes Leben vom Glauben durchformt wird, was vor allem dort sichtbar wird, wo dies mit Anstrengung verbunden ist, also im eigenen Handeln. Wer den Glauben nicht im eigenen Leben wirksam werden lässt, verfügt nicht über einen lebendigen Glauben, der „durch die Werke zur Vollendung gebracht wurde“ (Jak 2,22), sondern nur über einen toten Glauben (Jak 2,26).

Der Theologe Romano Guardini wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Bedeutung des Dienstes des Christen jedoch letztlich nicht von der Wirkung seiner Taten abhänge, auch wenn solche Wirkung anzustreben sei:

Jenes Opfer hingegen, das der Glaubende im Mittvollzug der Gesinnung Christi bringt, hofft zwar auch, es werde im unmittelbaren Leben seine Wirkung tun dürfen – wie sollte es diese Hoffnung aufgeben? -, es ist aber nicht von ihrer Erfüllung abhängig, denn sein eigentlicher Sinn liegt anderswo. Es kann misslingen, es kann ohne jede erkennbare Wirkung im Gefüge des Daseins bleiben, es kann im Dunkel der Unbekanntheit untergehen – das alles hebt seinen eigentlichen Sinn nicht auf. Im letzten wird es vollzogen vor Gott allein, Seinem Wissen anvertraut und Seiner Hand anheimgegeben, daß Er es in die große Rechnung der Welt einfüge, wo Er will.

7. Dienst, Leid und Opfer: Das Christentum als heroische Religion

Leid und Opfer sind mit Geheimnissen verbunden. Ihre Bedeutung sind nur teilweise nachvollziehbar oder erklärbar, weil sie offenbar mit Abläufen und Gesetzmäßigkeiten in Teilen der Wirklichkeit verbunden sind, in die der Mensch nur sehr begrenzten Einblick besitzt.

Jesus Christus nachzufolgen ist zwangsläufig mit Leid bzw. damit verbunden, „das Kreuz auf sich zu nehmen“.23 Eine Hoffnung, dass Gott einen Menschen für christliche Lebensführung mit einem angenehmen Leben oder mit Wohlstand und Gesundheit belohnt, wäre unbegründet. Häufig werden gerade von den Selbstlosesten auch die größten Opfer gefordert. Ein gelingendes Leben ist für den Christen zudem kein Selbstzweck, sondern dafür da, um in den Dienst gestellt zu werden.

Das Christentum bewertet Leid positiv, strebt es aber nicht an.

Leid und Gnade sind auf geheimnisvolle Weise miteinander verbunden. Jesus Christus erlöste durch sein Opfer und sein Leid die Menschheit, und ihm nachzufolgen und sein Kreuz auf sich zu nehmen bedeutet vor allem auch Leid zu ertragen.

Die christliche Spiritualität des Hochmittelalters verstand das Leid weniger als individuelle Erfahrung und eher als kosmische Kraft und Gefährt der Gnade. Leid wurde als notwendig für die Rettung der Seele und als Gelegenheit zur Buße betrachtet. Diese Vorstellung sei auch im einfachen Volk verbreitet gewesen. Heilige seien als eine Elite des Leidens wahrgenommen worden. 24

Buße besteht in den guten Dingen die man tut und dem Ertragen der Schwierigkeiten, die dies mit sich bringt. Buße kann auch durch unangenehmen Verzicht geleistet werden.

Die Behauptung, dass ein christliches Bekenntnis zu einem angenehmerem und sicheren Leben führe und eine Welt ohne Konflikte zwischen dem Christentum und der Welt möglich sei, sind Ausdruck von Wunschdenken über das Wesen dieser Welt.

Jesus Christus berief zwölf Apostel in seinen Dienst25 von denen alle bis auf einen als Märtyrer staben. Diejenigen, die Christus beruft, sendet er „unter die Wölfe“.26 Dabei forderte er vorbehaltlosen Einsatz:

Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren, wer aber um meinet- und des Evangeliums willen sein Leben verliert, der wird es erhalten.27

Den Jüngern gefiel nicht, was Jesus Chrisus ihnen sagte, weil es ihnen als zu fordernd erschien. Sie entgegneten ihm:

Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören?28

7.1 Das Christentum als heroische Religion

Das Christentum als Religion des Dienstes und des Opfers ist seinem Wesen nach eine heroische Religion, die radikale und totale Anforderungen an den Menschen stellt, ihm große Aufgaben gibt und ein gefährliches Leben bejaht. Es geht davon aus, dass der Sinn menschlicher Existenz auch und gerade in den schwierigsten Lagen darin besteht, durch Dienst und Opfer Jesus Christus nachzufolgen. Jede Entscheidung des Menschen für Gott und gegen den eigenen Egoismus ist heroisch.

Das Christentum ist kein sicherer Rückzugsraum vor den Herausforderungen des Lebens für diejenigen, die diesen ausweichen wollen. Wer Christ werden will sollte dies nicht tun, weil er sich nach einem bürgerlichen Leben sehnt.

Das Christentum steht im radikalen Gegensatz zu einer Welt, die sich „in der Gewalt des Bösen“ befindet. 29 Seine Botschaft stieß zu allen Zeiten auf Haß und Ablehnung, weil sie die in den Seelen vieler Menschen wirkenden Kräfte des Bösen herausfordert und provoziert. Von Christen wird erwartet, dass sie dem standhalten und keinen falschen Frieden mit Kräften suchen, mit denen es keinen Frieden geben kann. Christ sein bedeutet, nicht die Zustimmung dieser Welt zu suchen und sich nicht ihren Maßstäben zu unterwerfen.

Jesus Christus berief zunächst zwölf Apostel in seinen Dienst30 von denen alle bis auf einen als Märtyrer staben. Diejenigen, die Christus beruft, sendet er „unter die Wölfe“.31 Den Jüngern gefiel nicht, was Jesus Chrisus ihnen sagte, weil es ihnen als zu hart und zu fordernd erschien.32

In einer dem hl. Augustinus zugeschriebenen Predigt heisst es:

Geht durch das enge Tor! Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit, und viele gehen auf ihm. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng, und der Weg dahin ist schmal, und nur wenige finden ihn.

Hans Urs von Balthasar betonte die totalen Forderungen die das Christentun an denjenigen stelle, der Jesus Christus nachfolgen wolle:

Wer folgen will, zieht Jesus vor […], wer aber Jesus vorzieht, wählt das Kreuz als den Ort, wo nicht eventuell, sondern todsicher gestorben wird.

Charles Péguy schrieb 1911, dass die Kirche „vereinsamt wie ein Leuchtturm, der seit bald drei Jahrhunderten vergeblich von einem ganzen Meer berannt wird“ sei. Mehr denn je bedeute dies, dass Christen Kämpfer sein müssen:

Jeder Christ ist heute Soldat. Kämpfer Christi. Es gibt keine ruhigen Christen mehr. Diese Kreuzzüge, die unsere Väter in den Ländern der Ungläubigen suchten, sie kommen heute von selbst auf uns zu, wir haben sie bei uns zu Hause. Unsere Glaubenstreue ist ein Kastell. Jene Kreuzzüge, die ganze Völker versetzten, die einen Erdteil auf den anderen warfen, sind zurückgeflutet auf uns, bis in unsere Häuser. […] Wir alle sind Inseln, gepeitscht von einem unaufhörlichen Sturm, und alle unsere Häuser sind Festungen im Meer. Und das heißt, daß die Tugenden, die einst von einer bestimmten Fraktion der Christen verlangt waren, heute von der gesamten Christenheit eingefordert werden. […] Die schwächsten Frauen, die Kinder in der Wiege sind schon belagert. Der Krieg steht auf der Schwelle und klopft an unsere Pforten. Wir müssen ihn nicht suchen, wir müssen ihn nicht hinaustragen. Er ist es, der uns sucht. Er ist es, der uns findet. Die Tugenden, die einst den Soldaten, den bewaffneten Männern, den Edelleuten in ihren Rüstungen vorbehalten waren, sie werden heute von dieser Frau und von diesem Kind abverlangt. […] Wir werfen uns heute alle in die Bresche. Wir stehen heute alle an der Front. Ihre Grenze ist überall. Der Krieg ist überall, in tausend Stücke aufgespalten, zerteilt, zerbröselt.

In seinem auf schwierige Lagen eingestellten Realismus verfällt das Christentum nicht in Pessimismus, der nach Oswald Spengler dadurch gekennzeichnet ist, dass er keine Aufgaben mehr sieht.

Das Christentum hingegen versteht gerade diese Lagen als Auftrag und als Gelegenheit zu dienenden Nachfolge Jesu Christi. Da es dem Christentum letztlich um das Schicksal der menschlichen Seele geht und die Seele durch Dienst und Opfer Gott näher kommen kann, kann ein Christ sein Ziel gerade unter schwierigen Bedingungen erreichen, die diese Dinge von ihm fordern.

Das Christentum ist auch eine Religion der großen Aufgaben, wie Asfa-Wossen Asserate betinte:

Das Grab Christi zu befreien konnte über Jahrhunderte die Herzen der Armen und der Reichen mit wilden Träumen und der Bereitschaft zu äußersten Opfern erfüllen; der Traum vom heizbaren Swimmingpool bewegt die müden Hinterteile schon heute nicht mehr zehn unbezahlte Schritte über die Straße.

Christ sein bedeutet auch, am kosmischen Kampf zwischen Gott und den ihn herausfordernden Mächten als Kämpfer auf der Seite Gottes teilzunehmen. Das “Sacramentum” bezeichnete ursprünglich den Eid des römischen Soldaten. “Pagani” lautete der römische Begriff für Zivilisten.

Von der Annahme ausgehend, dass es in dieser ohnehin zum Untergang verurteilten Welt nur darum geht, Jesus Christus durch Dienst und Opfer nachzufolgen, kann der Christ seinen Auftrag auch auf scheinbar verlorenem Posten ausführen. So schaffen im Dienst stehende Christen in einer sterbenden Welt Räume und Werke, die wie Leuchttürme auf eine andere Welt hinweisen, und deren Licht umso heller wirken wird, je tiefer die Dunkelheit um sie herum ist.

Heroische Aspekte des Christentums, die Themen wie Dienst und Opfer betonen, sind in den vergangenen Jahrzehnten in Teilen der westlichen Welt in den Hintergrund getreten. Wie jedoch etwa Papst Leo XIII. 1890 betonte, sei „der Christ zum Kampf geboren“. Die Herausforderungen seiner Zeit seien für den Christen Gelegenheit, „seine sittlichen Kräfte im Kampfe zu erproben“. Die Kirche habe aufgrund ihres von Jesus Christus erteilten Auftrags zum Dienst die „Pflicht, zum Heile des Menschengeschlechts ‚wie ein wohlgeordnetes Kriegsheer'“ zu handeln.

Dieser Kampf sei in erster Linie einer innerer Kampf gegen die „die Klugheit des Fleisches“ bzw. die eigenen ungeordneten Leidenschaften. Nur so könne der Mensch sein eigenes Leben richtig in den Dienst stellen. Dieser Dienst sei zudem nur dann richtig, wenn er in erster Linie gegenüber Gott geleistet werde.

Kardinal Raymond Burke ist seit 2014 Kardinalpatron des Malteserordens. 2017 betonte er in einem Gespräch die heroische Dimension des Christentums.

  • Der Kern der christlichen Botschaft sei der Ruf zum Dienst. Dieser Dienst umfasse auch gesellschaftliches Wirken, etwa den Einsatz für den Schutz von Ehe und Familie oder den Schutz ungeborener Kinder.
  • Ein im Dienst am Nächsten in dienender, tapferer Treue gegenüber Jesus Christus geführtes und diszipliniertes Leben könne enorme Wirkung zur positiven Veränderung von Kulturen und zum Heil menschlicher Seelen entfalten.
  • Das Beispiele der Heiligen zeige über viele Jahrhunderte zeigten, dass ein solches Leben Menschen zu Helden des Glaubens und der Menschheit mache.

Ein Beispiel für diese Art von Dienst sei das Handeln des hl. José Sánchez del Río, der in den 1920er Jahren im Rahmen der Widerstandsbewegung der Cristeros gegen das christenfeindliche Calles-Regime in Mexiko kämpfte. Er habe auch unter Folter bis zum Tod am Glauben festgehalten, und seine Geschichte sei auch für die Gegenwart beispielgebend.

Auch der britische Historiker und Journalist Tim Stanley betonte 2017 in einem Vortrag die kämpferischen, heroischen Aspekte des Christentums:

Christianity is tough and uncompromising. The modern notion of the Jesus who loves without asking for anything in return, the Jesus who tolerates, the Jesus of the therapeutic encounter, runs totally contrary to the Jesus of the Gospels. […] That’s how we win: we throw ourselves into the battle with a courage that saves us and the people we encounter. It is a matter of living with integrity. To quote St Catherine of Siena: “If you are who you are meant to be, you will set the world on fire!”

Christen seien zum kompromisslosen Dienst am Nächsten und am Gemeinwesen berufen. Der Gradmesser der Qualität ihres Einsatzes sei das Maß der Feindseligkeit, mit der ihnen dabei begegnet werde. Heroisch ist dabei ein Glaube, der in seinem Träger keine Vorbehalte und Rücksichtnahme mehr übriglässt. Romano Guardini wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass vor allem der Mystiker kein Bewusstsein mehr für seine Grenzen kenne, weil in ihm ein Überschuß an Kraft wirke.

Jeglicher Dienst sei laut Romano Guardini mit der Überwindung von Schwierigkeiten, Widerständen oder Gefahren verbunden, weshalb Dienst immer auch Kampf sei.

Im Werk stellt er seine Sache hin, stark und wohlgebaut. Im Dienst steht er für die Sache ein, für den Menschen, für die Überzeugung, tapfer und selbstlos. Beides aber bringt oft wüsten Kampf mit niedrig denkenden Menschen. […] Fest hinter seiner Sache stehen, aufrecht seinen Weg gehen, das ist eines rechten Mannes Art. Dafür will er freien Raum; und er weiß sich den Raum zu schaffen, wenn der nicht gutwillig gegeben wird. Gott hat ihn so gemacht, also hat er ein Recht, so zu sein.

Josef Pieper wies darauf hin, dass es für den Christen wegen seines umfassenden Blicks auf die Wirklichkeit „nicht nur höhere Möglichkeiten des Glückes“ gebe, „sondern auch abgründigere Tiefen der Traurigkeit.“

7.2 Verfolgung als historischer Normalzustand des Christentums

Am Beginn des Christentums steht die Kreuzigung Christi, die alle Christen daran erinnert, was ihr Glaube von ihnen fordert. Jesus Christus sagte denen, die ihm nachfolgen, Verfolgung voraus:

Man wird euch um meines Namens willen den Gerichten der Synagogen übergeben, ins Gefängnis werfen und vor Könige und Statthalter bringen. […] Sogar eure Eltern und Geschwister, eure Verwandten und Freunde werden euch ausliefern und manche von euch wird man töten. Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden.33

Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat. Wenn ihr von der Welt stammen würdet, würde die Welt euch als ihr Eigentum lieben. Aber weil ihr nicht von der Welt stammt, sondern weil ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt. […] Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen; wenn sie an meinem Wort festgehalten haben, werden sie auch an eurem Wort festhalten. Das alles werden sie euch um meines Namens willen antun; denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat.34

Geht hin! Siehe, ich sende euch wie Lämmer mitten unter Wölfe!35

Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden; wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet.36

Von den Aposteln starb nur Johannes eines natürlichen Todes.

Für das Christentum wird es in dieser Welt niemals dauerhaften Frieden geben, weil es im radikalen Widerspruch zu den Kräften steht, die diese Welt beherrschen. Diese Kräfte und jene, die sich von ihnen kontrollieren lassen, werden das Christentum daher unablässig angreifen.

Bekämpfung und Verfolgung werden für Christen bis zum Ende der Zeit Konstanten ihres Lebens bleiben, und nur ein Christentum, das sich aufgibt und der Welt anpasst, könnte dem aus dem Weg gehen. Der Impuls zur Vermeidung des Leides ist somit ein Impuls, der von Gott wegführt.

7.3 Der Sinn von Leid und Opfer

Leid und Opfer sind mit einem Geheimnis verbunden. Es scheint sich bei ihnen um Grundprinzipien der Ordnung Gottes zu handeln, die mit geheimnisvoller Wirkung verbunden sind.

Die Bedeutung des Opfers

Das lateinische Wort für Opfer, sacrificium, kommt von sacrum facere, was „heilig machen“ bedeutet. Bereits Abraham erhielt seine Verbindung zu Gott durch Opfer aufrecht.

Der hl. Apostel Paulus betonte, dass Christen danach streben sollten, ihre „Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen – als euren geistigen Gottesdienst.“37

Jesus Christus sagte:

Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt38

Das von Christen geforderte Opfer ist somit eine Erfordernis der christlichen Nächstenliebe.

Romano Guardini schrieb über das Opfer:

Was bedeutet das Opfer? In ihm bringt der Mensch etwas was ihm gehört und wertvoll ist – Letzteres wird betont, die Gabe soll fehlerfrei sein – dar. Er gibt es weg; gibt es Gott, Es soll Gott gehören. […] Diese Gesinnung bedeutet Anbetung, Dank, Bitte, Reue, Lobpreis. […] Im Opfer löscht der Mensch sich gleichsam aus, damit Gott alles sei, […] Im Tiefsten meint das Opfer den Hinübergang in das Leben Gotte durch den Verzicht auf das Leben hier.

Die Bedeutung des Leides

Leid ist die Reaktion der Seele auf Schmerz bzw. auf den unangenehmen Zustand, den der Mensch in Folge körperlicher und psychischer Belastung oder eines Übels empfindet.

Es ist offensichtlich nicht der Sinn des Lebens, dass dieses angenehm ist, weshalb die Frage, warum Gott Leid zulässt, von der falschen Voraussetzung ausgeht, dass ein guter Gott kein Leid zulassen dürfte.

Der hl. Josemaria Escriva begleitete zeitweise Sterbende. Bei diesen beobachtete er die Wirkung geistlicher Energien bzw. der Gnade Gottes, als diese ihr Leid aufopferten. Er schrieb daraufhin:

Gesegnet sei der Schmerz. – Geliebt sei der Schmerz. – Geheiligt sei der Schmerz… Verherrlicht sei der Schmerz!

Durch die Existenz des Leides werde laut dem hl. Johannes Paul II. erkennbar, dass der Menschen dazu bestimmt ist, „über sich selbst hinauszugehen, und dazu auf geheimnisvolle Weise aufgerufen wird.39 Das Leid habe eine „heilbringende Kraft“ bzw. eine „siegreiche Kraft“, die auch in der Auferstehung Christi sichtbar werde.40

  • Leid bringt Menschen Gott näher und lässt seine Gnade in ihm wirken: Im Dienst am Gott und dem Nächsten ertragenes Leid bringt den Menschen Gott näher. Das „vom Opfergeist Christi durchdrungene Leiden“ ist laut Johannes Paul II. „der unersetzliche Mittler und Urheher der für das Heil der Welt unerläßlichen Güter“. Es „bahnt es der Gnade den Weg, die die menschlichen Seelen verwandelt“.
  • Leid als geistliche Waffe: Laut Johannes Paul II. bewirkt das „vom Opfergeist Christi durchdrungene Leiden“, das „in der Geschichte der Menschheit die Kräfte der Erlösung gegenwärtig werden“. Im kosmischen „Kampf zwischen den geistigen Kräften von Gut und Böse […] bilden die mit dem Erlöserleiden Christi verbundenen Leiden des Menschen eine besondere Unterstützung für die Kräfte des Guten, weil sie dem Sieg dieser heilbringenden Kräfte den Weg eröffnen.“
  • Leid als Probe der Ernsthaftigkeit: Der Dienst des Christen ist Hans Urs von Balthasar zufolge mit Härten verbunden, die als Erprobung der Seele durch Gott verstanden werden sollten. Gott könne sich eines Menschen erst sicher sein, „wenn er ihn, wie Gold im Feuer, erprobt hat.“ Die hl. Mutter Theresa sagte, das Liebe nur dann wirklich sei, wenn man für sie einen Preis zahlen müsse. Sie müsse daher mit Leid verbunden sein und weh tun. Ein Glaube, der nicht mit persönlichen Vorteilen verbunden ist sondern mit Leid, ist ein erprobter und gefestigter Glaube. Leid ist in diesem Zusammenhang eine Prüfung, welche die „Standfestigkeit im Glauben, die kostbarer ist als Gold, das im Feuer geprüft wurde und doch vergänglich ist, herausstellen“ soll.41
  • Leid trägt zur Entwicklung der Seele bei: Der hl. Apostel Paulus schrieb, dass ertragenes Leid zu innerer Stärke führe.42 Im Leid liegt etwas Stärkendes und ohne Leid werden Jungen nicht zu Männern, Männer nicht zu Helden und Helden nicht zu Heiligen. Viele Heilige, z.B. der hl. Ignatius von Loyola, verdanken dem Leid außerdem ihre innere Umkehr und Hinwendung zu Christus, weil Leid zur Trennung von falschen Hoffnungen beiträgt.
  • Leid ruft zum Dienst: Das Leid anderer erzeugt Mitleid.
  • Leid erzieht: Leid als Folge von Sünde erzieht, weil es dazu zwingt, sich mit der Sünde auseinanderzusetzen.
  • Leid als Buße
  • Leid als Mitwirkung des Menschen an Dienst und Opfer Christi: Christus bewirkte durch Leid und sein Opfer die Erlösung der Menschen. Nach katholischem Verständnis hat er die Erlösung vollständig vollbracht, aber sie nicht abgeschlossen. Menschen können Christus ihr eigenes Leid aufopfern, um an seinem Opfer mitzuwirken. Der hl. Apostel Paulus sagte, dass er in seinem Leben ergänze, „was an den Leiden Christi noch fehlt. (Kol 1, 24)
  • Leid ist notwendig zur Schaffung und Verteidigung von Werten: Alles Gute muss gegen Widerstand geschaffen und bewahrt werden. Dies ist mit Leid verbunden.

Da es ohne Leid keinen Weg des Menschen zu Gott gebe, schrieb der hl. Josemaria Escriva über es:

Gesegnet sei der Schmerz. – Geliebt sei der Schmerz. – Geheiligt sei der Schmerz… Verherrlicht sei der Schmerz!

Der Christ solle „den Leidenskelch bis zum letzten Tropfen leeren“:

Ich nenne dir die wahren Schätze des Menschen auf dieser Erde, damit du sie dir nicht entgehen läßt: Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Schmerz, Schande, Armut, Einsamkeit, Verrat, Verleumdung, Gefängnis.

Jesus Christus ertrug am Kreuz des Schmerz, der die Folge der Sünde aller Menschen ist, die jemals lebten und leben werden.

Leid ist auch eine Prüfung für den im Dienst stehenden Mann:

Mein Sohn, wenn du dem Herrn dienen willst, dann mach dich auf Prüfung gefasst! Sei tapfer und stark,zur Zeit der Heimsuchung überstürze nichts! Hänge am Herrn und weiche nicht ab,damit du am Ende erhöht wirst. Nimm alles an, was über dich kommen mag, halt aus in vielfacher Bedrängnis! Denn im Feuer wird das Gold geprüf und jeder, der Gott gefällt, im Schmelzofen der Bedrängnis.43

7.4 Dienst auf verlorenem Posten

Der Dienst des Christen ist häufig ein Dienst auf scheinbar verlorenem Posten. Charles Péguy schrieb 1911, die Kirche sei „vereinsamt wie ein Leuchtturm, der seit bald drei Jahrhunderten vergeblich von einem ganzen Meer berannt wird“.

Dienende Nachfolge führt Christen jedoch auch dann an ihr Ziel, wenn sie scheinbar keine Wirkung erzielt, da diese Nachfolge aus christlicher Sicht der einzige Weg für die Seele des Menschen ist, zu Gott zu gelangen. Christen können ihren Dienst somit auch und gerade dann verrichten, wenn er nicht mit der Aussicht auf sonstigen Erfolg verbunden ist. Oswald Spengler schrieb dazu:

Wir sind in diese Zeit geboren und müssen tapfer den Weg zu Ende gehen, der uns bestimmt ist. Es gibt keinen andern. Auf dem verlorenen Posten ausharren ohne Hoffnung, ohne Rettung, ist Pflicht. Ausharren wie jener römische Soldat, dessen Gebeine man vor einem Tor in Pompeji gefunden hat, der starb, weil man beim Ausbruch des Vesuv vergessen hatte, ihn abzulösen. Das ist Größe, das heißt Rasse haben. Dieses ehrliche Ende ist das einzige, das man dem Menschen nicht nehmen kann.

Selbst in der aussichtslosesten Lage kann der Mensch noch durch Aufopferung seines Leides Gott dienen. Es gibt in der Nachfolge Christi kein sinnloses Leben. Alles, was der Mensch tut, hat eine ins Ewige reichende Bedeutung. Der Psychiater Viktor Frankl schrieb, dass auch in Konzentrationslagern einigen Menschen gelungen sei, „noch im äußeren Scheitern und auch noch im Sterben zu einer menschlichen Größe zu gelangen, die ihnen früher, in ihrer Alltagsexistenz, vielleicht niemals beschieden gewesen wäre“.

Das Ziel eines Lebens kann nur nach seinem Ende und sein Sinn erst im Zusammenhang des gesamten Lebens erkannt werden.

Laut Romano Guardini sei ein dienenden Leben immer damit verbunden, an einem bestimmten Punkt den Eindruck zu haben, einer großen Aufgabe alleine gegenüberzustehen. Man sei jedoch nicht alleine, und andere, auf deren Dienst man aufbaue und an deren Dienst man anknüpfe, hätten diese Erfahrung zuvor durchlaufen. Vor allem Jesus Christus sei diesen Weg vorausgegangen und habe „das Standhalten in der furchtbarsten Einsamkeit vorgelebt: am Kreuz.“ In der Firmung sei der Katholik zu der gleichen  Tapferkeit geweiht worden. Mit ihr ende das „kindliche Sich-Anklammern“ und der Mensch trete in den Dienst ein, den er zu durchlaufen habe, bevor er in die Ewigkeit eintreten könne.

J.R.R. Tolkien schrieb, dass das Christentum die Geschichte als „langsames Erliegen“ wahrnehme.

Hans Urs von Balthasar sagte: Das Christentum „vertieft die Möglichkeit, sein Leben in einer Aufgabe hinzugeben, fast unendlich, da […] vor allem das Leiden, dort wo man nichts Aktives mehr leisten kann, mit in das Werk, in die Fruchtbarkeit hineinbezogen wird.“ Da das Christentum im Dienst erbrachtes Leid unabhängig von der Wirksamkeit des Dienstes als sinnvoll erachte, gebe es für Christen kein sinnloses Opfer.

Robert Spaemann schrieb, dass der Dienst des Christen auch unter scheinbar aussichtslosen Bedingungen einen Sinn habe:

Es ist eines der schlechten Argumente gegen das Aufhalten, dass man sagt: Naja, man kann ja nur aufhalten, am Ende kommt es ja doch. Das ist gerade kein Argument. Erstens weiß man nicht mit Sicherheit, ob es doch kommt. Denn: Kommt Zeit, kommt Rat. Zeit gewinnen heißt, nochmal nachdenken können. Und außerdem ist das Aufhalten auch dann wertvoll, wenn langfristig alles den Bach runtergeht: Nämlich für eine bestimmte Zeit, eine bestimmte Epoche hat man noch eine gute Form des Lebens. Aufhalten ist alles!

Der jüdische Psychologe Viktor Frankl beschrieb im Zusammenhang mit seiner Auseinandersetzung mit seinen Erfahrungen im Konzentrationslager Auschwitz, dass der Mensch unter solchen Extrembedingungen erkennen könne, dass er nur durch die Entscheidung zu Dienst und Opfer seine Würde auch unter extremen Bedingungen bewahren und dadurch zum Ziel seiner Existenz gelangen könne. Das Leben habe immer und unter allen Umständen einen Sinn, auch unter den Bedingungen von „Leiden und Sterben, Not und Tod“. Die an den Menschen gerichtete Forderung sei damit verbunden, „dass wir nicht armselig, sondern stolz zu leiden und zu sterben verstehen!“ Es läge im Wesen des Opfers, „unter der Voraussetzung gebracht zu werden, dass scheinbar, dass in dieser Welt – in der Welt des Erfolgs – nichts damit erreicht würde. […] Freilich, derjenige unter uns, der im religiösen Sinne gläubig ist, der könne dies leicht einsehen […].“

Der Mensch könne sein Leben bis zum letzten Atemzug sinnvoll, also dienend, gestalten. Am Ende läge der letzte Sinn des Lebens vielleicht im erbrachten Leid. Hingegen sei „ein Leben, dessen Sinn damit steht und fällt, daß man mit ihm davonkommt oder nicht…solch ein Leben wäre nicht eigentlich wert, überhaupt gelebt zu werden“:

In der Art, wie ein Mensch sein unabwendbares Schicksal auf sich nimmt, mit diesem Schicksal all das Leiden, das es ihm auferlegt, darin eröffnet sich auch noch in den schwierigsten Situationen und noch bis zu letzten Minute des Lebens eine Fülle von Möglichkeiten, das Leben sinnvoll zu gestalten. […] Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren, daß es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet!

Außergewöhnlich schwierige Lagen seien auch Gelegenheiten, über sich selbst hinauszuwachsen. Im Konzentrationslager sei es manchen gelungen, „noch im äußeren Scheitern und auch noch im Sterben zu einer menschlichen Größe zu gelangen, die ihnen früher, in ihrer Alltagsexistenz, vielleicht niemals beschieden gewesen wäre“.

Wer in scheinbar aussichtslosen Lagen daran festhält, dass sein Leben dem Dienst gewidmet ist und Verantwortung für andere Menschen übernimmt, bewahre laut Frankl zudem seine eigene Würde, indem er es verweigere, sich auf seine Grundbedürfnisse reduzieren zu lassen.

In jedem Fall soll der Christ niemals aufgeben und seinen guten Kampf bis zuletzt kämpfen. Über den Wert seines Lebens entscheidet vor allem dessen Abschluß.

7.5 Todesbereitschaft als Anforderung des Christentums

Todesbereitschaft ist im Kern des christlichen Glaubens angelegt und zwingend Teil der Nachfolge Christi. Jesus Christus selbst forderte seine Jünger zu unbedingter Treue auch in Extremsituationen auf als er sagte, dass er sie „wie Schafe mitten unter die Wölfe” sende (Lk 10,3). Jesus Christus sagte zudem:

Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.

Der Theologe Hans Urs von Balthasar betonte, dass ein christliches Bekenntnis ohne diese Todesbereitschaft, also die Bereitschaft zum vorbehaltlosen Dienst gegenüber Gott, nur eine bedeutungslose Oberflächlichkeit sei und ein Glaube ohne Todesbereitschaft drohe, zu „einem seichtem humanistischen Geplätscher“ voller Unverbindlichkeiten zu werden. Die Bereitschaft zum Tod  sei der höchste und eigentliche Maßstab des Glaubens. Der Ernstfall sei für die Klärung von Glaubensfragen „das beste Kriterium […] weil er vor die christliche Wahrheit zwingt“ indem er die Frage stelle, ob man persönlich die richtige Antwort auf den dienenden Opfertod Jesu Christi gebe, die nur „meine Bereitschaft, für Christus zu sterben“ sein könne:

Warum hat Jesus Christus seinen Nachfolgern kein anderes Schicksal vorausgesagt als das seine: Verfolgung, Misserfolg und Passion? […] [W]er aber Jesus vorzieht, wählt das Kreuz als den Ort, wo nicht eventuell, sondern todsicher gestorben wird. […] Nach dieser Rede Christi ist der Stand der Verfolgung der Normalzustand für die Kirche in der Welt, und das Martyrium seine normale Bekenntnislage. […] Was soll der Christ sein? Einer, der sein Leben einsetzt für seine Brüder, weil er selbst sein Leben dem Gekreuzigten verdankt.44

Dabei müsse nicht jeder Christ als Märtyrer sterben; es käme vielmehr auf die dienende Grundhaltung im Leben und dessen vorbehaltslose Indienststellung an.

Dem Philosoph Josef Pieper zufolge, dass christliche Tapferkeit mit der Bereitschaft verbunden sei, bei der Verfolgung des Guten Risiken einzugehen. Jesus Christus in seinem Dienst an Gott und den Menschen nachzufolgen erfordere Tapferkeit, deren Vorbild Jesus Christus sebst sei:

Eine „Tapferkeit“, die nicht hinabreicht bis in die Tiefe der Bereitschaft zu fallen, ist in der Wurzel verdorben und ohne Wirklichkeitsmacht. Bereitschaft erweist sich im Einsatz, und die Tapferkeit vollendet sich im Blutzeugnis. Das Martyrium ist die eigentliche und höchste Tat der Tapferkeit. Die Bereitschaft zum Martyrium ist die Wesenswurzel aller christlichen Tapferkeit. Es gibt keine christliche Tapferkeit ohne diese Bereitschaft. […] Die Todesbereitschaft ist also eines der Fundamente christlichen Lebens.

Weil alle Tapferkeit „im Angesichte des Todes“ stehe, sei Tapferkeit „im Grunde die Bereitschaft zu sterben, genauer gesagt: die Bereitschaft zu fallen, das heißt: im Kampfe zu sterben.“ Eine Tapferkeit, die nicht prinzipiell die Bereitschaft zum Tod umfasse sei „ohne Wirklichkeitsmacht“.

Dabei schätze der Christ sein Leben und seine Gesundheit nicht gering, denn er brauche sie, um zu dienen. Er schätze beides allerdings geringer als Gott. Nach Joh 12,25 wird derjenige, der sein irdisches Leben zu sehr liebt, sein ewiges Leben verlieren. Die Tapferkeit helfe dem Menschen so zu leben, dass sein ewiges Leben nicht gefährde.

7.6 Die dienende Aufopferung des eigenen Lebens als Nachfolge Christi

Gemäß eines im Juli 2017 veröffentlichten Erlasses von Papst Franziskus ist auch die heroische Inkaufnahme des eigenen Todes bei der Verrichtung des Dienstes am Nächsten prinzipiell ein Weg, um als Heiliger der Katholischen Kirche anerkannt zu werden.

Laut Franziskus sei die dienende Inkaufnahme des eigenen Todes eine „vollkommene und beispielhafte Nachahmung Jesu“ und „der Bewunderung würdig, welche die Gemeinschaft der Gläubigen denjenigen vorbehält, die freiwillig das Martyrium angenommen oder mit heroischer Tugend ein christliches Leben gelebt haben“.

Der Titel des päpstlichen Erlasses „Maiorem hac dilectionem“ bezieht sich auf einen im Johannesevangelium überlieferten Satz von Jesus Christus, in dem dieser sagt: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“

Heilige sind Menschen, die nach dem Verständnis der katholischen Kirche im besonderem Maße vorbildhaft lebten. Durch die Entscheidung von Papst Franziskus sind die christliche Spiritualität des schützenden Dienstes und der Glaubensweg, der damit verbunden ist sich dienend Risiken zu stellen, in diesem Sinne als besonders vorbildhaft anerkannt und dadurch deutlich gestärkt worden.

Franziskus knüpft mit seiner Entscheidung an frühere Päpste an, die dienenden Opfertod auch ohne damit verbundene Verfolgung als Märtyrer in bestimmten Fällen als Beispiel heroischer Tugend anerkannt hatten und auf dieser Grundlage Selig- und Heiligsprechungen vollzogen hatten.

Papst Franziskus hatte bereits 2013 die 800 Märtyrer von Otranto heiliggesprochen, die im Jahre 1480 von osmanischen Invasoren in Süditalien ermordet worden waren, nachdem sie sich geweigert hatten, zum Islam zu konvertieren. Zu den künftigen Heiligen der katholischen Kirche könnten nach seiner Entscheidung nun auch jene Menschen gehören, die ihr Leben dafür einsetzen, andere vor solchen Übergriffen zu schützen, die gegenwärtig Ausmaße erreicht haben wie niemals zuvor in der Geschichte des Christentums. Alternativ könnten auch Menschen als Heilige anerkannt werden, die verfolgten Christen allgemein unter Einsatz ihres Lebens helfend zur Seite stehen.

7.7 Dem Tod begegnen

Die Haltung des Menschen gegenüber dem Tod prägt sein Leben, denn die Frage nach dem Tod ist eng mit der Frage nach Sinn und Ziel des Lebens und der Bestimmung des Einzelnen verbunden. Der Mensch ist das einzige bekannte Lebewesen, das sich der Endlichkeit seines Lebens bewusst ist, und die Auseinandersetzung mit dem Tod ist die Grundfrage aller Philosophie. Das Sterben zu lernen ist dabei ein wesentlicher Inhalt praktischer Philosophie und Ausdruck der Erkenntnis, dass man das eigene Sterben aktiv gestalten und dadurch zu einer höheren Form des Lebens gelangen kann.

Der im Dienst stehende Mensch muss in besonderem Maße darauf gefasst sein, dass sein Leben nicht durch Alter und Krankheit endet, sondern durch die Risiken, denen er in seinem Dienst gegenübersteht. Das Leben prüft den dienenden Menschen bis zur Vernichtung, aber alles Leben beruht darauf, dass sich über viele Generationen lang immer wieder Menschen dieser Prüfung gestellt haben. Der hl. Apostel Paulus beschrieb diese Form des bis zur eigenen Zerstörung gehenden dienenden Lebens:

Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet. […] Darum werden wir nicht müde; wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, der innere wird Tag für Tag erneuert. Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, uns, die wir nicht auf das Sichtbare starren, sondern nach dem Unsichtbaren ausblicken; denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig.

Die Bereitschaft, den Tod als Konsequenz des Dienstes in Kauf zu nehmen, ist fester Bestandteil der Nachfolge Christi. Dem hl. Augustinus wird diese Predigt zugeschrieben:

Du fürchtest den Tod, der du doch zum Leben eilst? Wenn du gut bist, gehst du auf diesem Weg. Der Tod ist für dich die Pforte. Er weist dir den Weg, er versperrt ihn nicht. Geh also Christus, den Weg! Er ist der Weg für dich geworden, er führte dich durch seine eigene Person zu sich hin. Er „ist der Weg, die Wahrheit und das Leben“.

Romano Guardini schrieb über die Haltung des Christen im Angesicht des Todes:

Den Tod würdig zu bestehen, gehört zu den wichtigsten Aufgaben, die dem Menschen gestellt sind. Für eine große Sache oder für einen geliebten Menschen sein Leben zu opfern, drückt einen letzten Adel aus.45

Die Bereitschaft zum Tod ist eine Voraussetzung innerer Freiheit. Wer davon ausgeht, dass der Tod das Schlimmste ist, was ihm wiederfahren kann, ist nicht frei, denn er wird äußerem Druck am Ende immer nachgeben müssen.

Josef Pieper schrieb, dass christlicher Märtyrer Leid und Opfer akzeptiert hätten, um „eine tiefere, wesentlichere Unversehrtheit zu gewinnen“. Durch im Kampf für das Gute ertragenes Leid und Opfer sei es ihnen gelungen, „einer Unversehrtheit teilhaft zu werden, die der Lebensmitte des Menschen näher und inniger verknüpft ist als alles naturhafte Beruhigtsein“.

Die Konfrontation mit dem Tod kann das Beste oder das Schlechteste im Menschen freilegen, und in seiner Gegenwart wird der Charakter eines Menschen freigelegt. Nichts ist ehrlicher als eine Handlung, die im Bewusstsein der Möglichkeit des Verlusts des eigenen Lebens vollbracht wird. Im Tod kann der Mensch dabei eine besondere Würde haben. Nur der Mensch kann sterben oder sogar fallen, während das Tier nur verendet oder eingeht.

Der Moment der Begegnung mit dem Tod kann über den Wert eines ganzen Lebens entscheiden, und er ist die letzte Gelegenheit, sich noch einmal ganz Gott zuzuwenden. Einem der beiden mit Jesus Christus gekreuzigten Verbrecher, der im Sterben Glauben und Reue zeigte, sagte Christus: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

Der Tod verleiht dem Handeln des Menschen besondere Bedeutung, weil er Entscheidungen unwiderruflich macht. Der Tod ist etwas Absolutes, das Halbheiten als Lügen entlarvt. Der Theologe Hans Urs von Balthasar betonte, dass man dem Leben nur von der Möglichkeit des eigenen Todes ausgehend eine christliche Gestalt geben und offene Lebens- und Glaubensfragen zuverlässig beantworten könne. Die eigene Antwort auf die Möglichkeit des Todes lasse den Menschen zudem zuverlässig wissen, wer er wirklich sei.

Die Betrachtung von Lebensfragen vor dem Hintergrund des Todes lässt diese aus der richtigen Perspektive sichtbar werden, nämlich aus der er Ewigkeit. Manche scheinbaren Probleme werden kleiner, wenn man sich die Frage stellt, ob man sich auch dann noch über sie sorgen würde, wenn man müsste, dass man morgen sterben wird. Der hl. Josemaria Escriva, der sich intensiv mit dem Tod auseinandergesetzt hat, sagte dazu:

Stell dir deine Todesstunde vor Augen – wenn es auch nur einmal am Tag ist -, und erwäge in ihrem Licht die Ereignisse des Tages. Ich versichere dir: Du wirst erfahren, wieviel innerer Frieden von diesem Gedanken ausgeht.

Der hl. Thomas von Kempen sagte:

Selig, wer die Stunde seines Todes immer vor Augen hat und sich täglich zum Sterben bereitet….Ist’s Morgen, so glaube, daß den den Abend nicht erreichen wirst; ist es aber Abend geworden, dann getraue dir nicht, noch einen Morgen zu versprechen. Immer also sei bereit und lebe also, dass niemals der Tod dich unbereit finde.

Einige Heilige haben dazu geraten, sich die Möglichkeit des eigenen Todes ständig vor Augen zu führen und sich geistig auf ihn vorzubereiten, so dass man bereit sei, wenn man ihm gegenüberstehe. Der hl. Josemaria Escriva sagte:

Der wahre Christ ist immer bereit, vor Gott zu erscheinen. Denn wenn er sich bemüht, als Jünger Christi zu leben, dann ist er in jedem Augenblick darauf vorbereitet, seine Pflicht zu erfüllen.

Ein Leben im Bewusstsein der Gegenwart des Todes kann das Leben erheben und ihm gesteigerte Intensität verleihen. Wer im Bewusstsein der Möglichkeit lebt, dass der heutige Tag vielleicht sein letzter ist, wird sinnvoller und bewusster handeln als derjenige, der meint, mit wichtigen Entscheidungen noch lange warten zu können.

Menschen haben eher Angst vor dem Sterben als vor dem Tod, aber der im Dienst stehende Mensch sollte vor allem fürchten, in seinem Dienst zu versagen. Für ihn bemisst sich ein erfülltes Leben nicht an dessen Dauer, sondern an der Größe des Dienstes, für das es eingesetzt wird. Der Tod an sich sollte für Christen keinen Schrecken haben, denn für sie ist er der Übergang der Seele in die Ewigkeit. Der hl. Josemaria Escriva beschrieb dies so:

Hast du an einem trüben Nachmittag im Herbst die Blätter fallen sehen? So fallen jeden Tag die Seelen in die Ewigkeit. Eines Tages bist du das fallende Blatt. Hörst du wie die Menschen der Welt traurig klagen, „dass jeder vergehende Tag ein wenig sterben heiße“? Aber ich sage dir: Freue dich, apostolischer Mensch, denn jeder vergehende Tag bringt dich näher zum Leben. […] Für sie ist er Ende, für uns Anfang.

Der Christ könne ihm zufolge Angesicht des Todes gelassen bleiben, denn er wisse: „sein Leben wird verwandelt, nicht genommen…Sterben? Nein: Leben!“ Der Dichter Hermann Hesse beschrieb es ähnlich:

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden …
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Nur wer davon ausgeht, dass es Dinge gibt, die größer und bedeutsamer sind als sein eigenes Leben, ist zu einer entsprechenden Begegnung mit dem Tod in der Lage. Für den katholischen Schriftsteller und Offizier Ernst Jünger waren manche Tote lebendiger als viele Lebende, weil sie das Äußerste auf sich genommen hätten, wozu Menschen in der Lage wären, und in ihrem Dienst an die Grenze des Möglichen gelangt seien.

Man kann in Situationen geraten, in denen man sich dem Tod bewusst stellen und ihn annehmen muss, um handlungsfähig zu bleiben und seinen Dienst fortsetzen zu können. Menschen, die diese Erfahrung gemacht haben, berichten von erhabenen inneren Zuständen, die mit der Entscheidung verbunden gewesen seien, das Leben hinter sich zu lassen und dadurch über diese Welt hinauszugreifen. Das Sterben kann aber mit Härten verbunden sein, die den stärksten Menschen zerbrechen.

Auch die Entscheidung für eine bestimmte Art zu sterben kann noch eine Form des Dienstes darstellen. Der Kapitän eines Schiffes, der nicht von Bord geht bis Passagiere und Besatzung in Sicherheit sind und deshalb den Tod findet, hat mehr getan als nur denen gedient, die seinem Schutz befohlen waren. Er inspiriert durch sein Opfer auch andere dazu, es ihm gleich zu tun.

Besonders hart ist der Tod, wen er einen geliebten Menschen nimmt. Dies gilt insbesondere für Mütter, Ehefrauen und Kinder. Rituale helfen diesen Menschen dabei, diesen Verlust besser zu bewältigen. Der im Dienst stehende Mensch kann ihnen dabei helfen, indem er im Vorfeld dafür sorgt, dass für diejenigen, die er im Fall seines Todes zurücklässt, materiell und in anderer Hinsicht aufgefangen werden.

7.8 Christliches Märtyrertum

Märtyrer sind die Christen, die im Angesicht der Bedrohung durch die Feinde des Christentums am Glauben festhielten und deshalb einen gewaltsamen Tod starben. Verfolgung und Tod waren in der Geschichte häufig die Folgen eines christlichen Lebens und sind es auch heute in vielen Teilen der Welt. Jesus Christus, elf der zwölf Jünger und 30 der ersten 31 Päpste starben als Märtyrer.

Das Martyrium ist im Katechismus der Katholischen Kirche so definiert:

Das Martyrium ist das erhabenste Zeugnis, das man für die Wahrheit des Glaubens ablegen kann; es ist ein Zeugnis bis zum Tod. Der Märtyrer legt Zeugnis ab für Christus, der gestorben und auferstanden ist und mit dem er durch die Liebe verbunden Er legt Zeugnis ab für die Wahrheit des Glaubens und die christliche Glaubenslehre. Er nimmt in christlicher Stärke den Tod auf sich.

Laut dem hl. Johannes Paul II. ist die Hingabe des eigenen Lebens durch den Märtyrer „die radikalste und erhabenste Manifestation jenes lebendigen und heiligen Opfers, das Gott gefällt und das der wahre Gottesdienst ist (vgl. Röm 12, 1) – Ursprung, Seele und Höhepunkt jeder christlichen Gottesdienstfeier.“

  • Das Martyrium ist laut dem hl. Thomas von Aquin ein Ausdruck von Tapferkeit im Angesicht des Todes. Der Märtyrer sei ihm zufolge ein Zeuge des christlichen Glaubens, weil er durch sein Handeln glaubwürdig belegt habe, dass es für ihn Dinge gab, die wichtiger waren als sein eigenes Leben. Der Märtyrer weise den Blick anderer Menschen über die materielle Welt hinaus, weil er sich durch seine Tat über deren scheinbare Absolutheiten erhebe.
  • Der Märtyrer widerlegt zudem durch sein Handeln das materialistische Menschenbild, das den freien Willen des Menschen leugnet und in ihm nur ein besseres Tier sieht, das nach Maximierung seiner Lebensdauer und seines materiellen Wohlbefindens strebe. Der Märtyrer stellt durch seine Tat den wahren Menschen dem durch Sünde und falsche Weltanschauungen geschaffenen Zerrbild des Menschen gegenüber.
  • Der katholische Philosoph Robert Spaemann betonte, dass die Geschichten der Märtyrer zu den „heiligen Erzählungen“ des Christentums zählen würden. Von den Märtyrern könne man lernen, was die Nachfolge Christi bedeute, und wie vielfältig diese Nachfolge aussehen könne.

Ein Martyrium kann sich über viele Jahre hinziehen und mit extremen Härten verbunden sein. Viele christliche Märtyrer starben nach langen Zeiten der Haft und der Folter.

Der katholische Philosoph Nicolás Gómez Dávila wies jedoch darauf hin, dass es durchaus möglich sei, seinen Dienst als Christ bewusst unter der Inkaufnahme höchster Risiken zu verrichten:

Es gibt immer Thermopylen, bei denen man sterben kann.

Als erster bekannt gewordener christlicher Märtyrer gilt der hl. Stephanus, der als Diakon der Urgemeinde in Jerusalem wegen seines christlichen Glaubens gesteinigt wurde.

Die um das Jahr 150 n. Chr. entstandene frühchristliche Schrift “Der Hirte des Hermas” unterscheidet zwischen Märtyrern, die den Tod bereits gefunden haben, und Christen, die durch ihre Taten unter Beweis gestellt haben, dass sie zur Annahme des Todes bereit seien. Letztere seien “Bekenner” (confessores), die im Frühchristentum besondere Autorität besaßen. Im Frühchristentum wurden zudem jene, die in der Prüfung der Verfolgung versagten und dem Christentum abschworen anstatt den Tod in Kauf zu nehmen und am Christentum festzuhalten, als „Gefallene“ (lapsi) bezeichnet.

Der Todestag eines Märtyrers wurde im frühen Christentum als dies natalis („Tag der Geburt“) gefeiert. Zu diesem Anlass versammelten sich die Mitglieder einer Gemeinde zur Feier der Liturgie, wobei vermutlich auch die Taten des Märtyrers vorgelesen wurden.

Weil Märtyrer häufig unbekannt bleiben, bezeichnete Papst Johannes Paul II. sie als die „unbekannten Soldaten“ der Sache Gottes.

Angesichts der zunehmenden Feindseligkeit gegenüber Kirche und Christentum gab es im 20. und 21. Jahrhundert bislang mehr christliche Märtyrer als in der gesamten vorherigen Geschichte des Christentums. Hunderttausende Christen wurden alleine in dieser Zeit als Märtyrer vor allem durch Kommunisten, Nationalsozialisten, radikale Muslime und andere Feinde des Christentums getötet.

Das Martyrium darf nicht aktiv gesucht werden

Das Martyrium darf nicht aktiv gesucht oder angestrebt werden, denn der Tod ist nicht das Ziel des Dienstes des Christen, sondern nur seine im Extremfall in Kauf zu nehmende Begleiterscheinung. Wer tot ist, kann nicht mehr dienen.

Josef Pieper warnte vor „geschwätziger Begeisterung für das Martyrium“, da dies deutlich leichter gesagt als getan sei. Er verweist aus Berichte aus dem frühem Christentum über Personen die leichtfertig sich und andere in gefährliche Situationen brachten und dann doch unter Druck nachgaben. In der Verfolgungszeit des Frühchristentums sei das Tabu betont worden, das Martyrium aktiv zu suchen, weil dies Ausdruck von Eitelkeit und anderen schlechten Motiven sei und kein Ausdruck des Dienstes in der Nachfolge Christi.

8. Ewiger Dienst

Der Dienst des Christen ist ein ewiger Dienst, der nicht mit dem körperlichen Tod endet.

Gott hat Interesse am Schicksal jeder einzelnen Seele und jeden Menschen zum Dienst berufen. Möglicherweise dient das Leben des Menschen in der Welt dem Zweck, Seelen heranzubilden, die Gott für andere Aufgaben einsetzen will. Das Leben wäre dann in erster Linie eine Schule des Dienstes um den Menschen auf seine eigentlichen Aufgaben vorzubereiten, die ihn in seiner eigentlichen Heimat erwarten.

Nach katholischer Lehre ist der körperliche Tod des Menschen die Trennung des Leibes von der Seele. Die nicht mehr an die materielle Welt gebundene Seele findet sich nach dem Tod Gott gegenüber. Sie tritt anschließend als Ergebnis ihrer Entscheidung im Leben nach Maßgabe Gottes entweder in die Gemeinschaft mit Gott, einen zur Gemeinschaft mit Gott erforderlichen Zwischenzustand der Reinigung oder in einen Zustand der Ablehnung Gottes und der Gemeinschaft mit ihm ein. Der Endzustand ist der leiblichen Auferstehung des Menschen in einer anderen, erneuerten Welt, die im Neuen Testament mit dem Bild des „himmlischen Jerusalems“ beschrieben wurde.

Diese Vorstellung strahlte vom Christentum auch auf andere Religionen aus. Die in der germanischen Religion vorhandene Vorstellung, dass eine Auslese der tapferen gefallenen Kämpfer (die „Einherjer“) Teil einer Armee im Jenseits werde, die sich in Walhall auf Odins Burg Gladsheim in Asgard auf einen letzten endzeitlichen Kampf gegen ein Riesenheer vorbereite, entstand vermutlich erst im 9. Jahrhundert unter dem Einfluss des Christentums. Sie weist deutliche Anklänge an die christliche Vorstellung des Dienstes der Heiligen im Jenseits auf, so wie auch die späte Darstellung Odins Elemente von Christus-Darstellungen aufweist.

C.S. Lewis beschrieb auf der Grundlage dieses christlichen Gedankens, dass das Ende dieses Weltzeitalters nicht das Ende der Geschichte des Menschen darstellen werde, sondern ihren eigentlichen Beginn. In einem seiner Romane beschrieb er das Leben der Menschen nach ihrem körperlichen Tod so:

Für sie […] aber war es nur der Anfang der wahren Geschichte. Ihr ganzes Leben in dieser irdischen Welt und alle ihre Abenteuer […] waren nur der Umschlag und das Titelblatt gewesen. Nun erst begannen sie das erste Kapitel der großen Geschichte, die noch keiner auf Erden gelesen hat, der Geschichte, die ewig weitergeht und in der jedes Kapitel besser ist als das vorangegangene.46

Welche Aufgaben Christen in dieser neuen Welt genau erwarten ist unbekannt, aber die Offenbarung des Johannes berichtet davon, dass es sich dabei um große Aufgaben für diejenigen handelt, die Jesus Christus als ihrem König dienen. Über sie heisst es dort: „Und sie werden herrschen in Ewigkeit.“ Sie werden Macht über Völker erhalten und „Säulen im Tempel meines Gottes“ sein sowie „mit mir auf meinem Thron sitzen“. Jesus Christus sagte: „Mein Vater arbeitet bis jetzt und auch ich arbeite.“ (Joh 5,17) In der Sphäre Gottes gibt es also keine Untätigkeit. Gott, der Schöpfer, ist tätig, und seine Tätigkeit geht weiter. Jesus Christus sagte auch dass diejenigen, welche die Anliegen Gottes auch in scheinbar kleinen Dingen zuverlässig und gut verwaltet haben, große Aufgaben erhalten werden (Mt 25,23).