Stand: 31.08.2018

Das Streben nach dem Wahren, Guten und Schönen sowie die Suche nach dem Absoluten, Ewigen, Uralten und Heiligen und nach Dingen und Aufgaben, die größer und wichtiger sind als die eigene Person, ist in der Seele des Menschen angelegt. Dieses Streben, das den Menschen über sich hinausweist, ist eine seiner besten Eigenschaften und gehört zu den Dingen, die ihn wesentlich ausmachen. Laut Romano Guardini gebe es in der Seele des Menschen „einen sehr edlen Drang: unmittelbar zu dem aufzusteigen, was hoch und vollkommen ist.“

Die damit verbundenen großen Fragen nach der geistigen Beschaffenheit der Welt und der Rolle des Menschen darin sind nur religiös zu beantworten. Sie öffnen den Menschen für das Unendliche sowie den Glauben und führen und führten Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen zu Gott. Diese Suche ist zudem die treibende Kraft hinter aller großen Werken des Menschen und allen Hochkulturen. In der Welt des Glaubens gibt es nichts Banales und Bedeutungsloses.

Die mit dieser Suche verbundene Sehnsucht ist so tief im Menschen verankert wie es sonst nur Impulse sind, die für sein physisches Überleben notwendig sind. Dass es auf diese Sehnsucht keine materielle Antwort gibt belegt, dass der Mensch nicht nur ein materielles Wesen ist. Diese Sehnsucht ist auch der Garant dafür, dass Religion und Glaube nicht aus der Welt verschwinden werden, solange es Menschen gibt.

Materielle Dinge können von dieser Suche ablenken oder die dahinterstehende Sehnsucht betäuben, wie es bei ungeistigen Menschen zu beobachten ist. Diese Dinge können jedoch nicht das Ziel der Suche ersetzen. Materialistische Ideologien ähneln Ersatzreligionen, die keine Antworten auf die großen Fragen geben, sondern die Fragen für illegitim erklären und den betrügen den Menschen indem sie behaupten, dass es keine große Fragen gäbe. Sie führen den Menschen auf falsche Wege, indem sie behaupten, dass die wichtigen Fragen des Menschen sich auf die nach der Befriedigung seiner materiellen Bedürfnisse und Leidenschaften beschränken. Sie leugnen zudem den Menschen, indem sie seine Würde leugnen und das, was ihn vom Tier unterscheidet.

Sören Kierkegaard schrieb:

Denn nichts Endliches, nicht die ganze Welt kann eine Menschenseele befriedigen, in der das Bedürfnis nach dem Ewigen sich regt.

1. Die Ansprechbarkeit des Menschen für das Heilige und Erhabene

Der Mensch ist sich seiner Begrenztheit und Unvollkommenheit ebenso intuitiv bewusst wie der Möglichkeit seiner Seele, darüber hinauszuwachsen. Die Seele des Menschen kann das Heilige und Erhabene, das ihm dies ermöglicht, erkennen, wenn es sich ihm Wahren, Guten und Schönen zeigt, und reagiert mit religiösen Empfindungen, wenn sie ihm begegnet.

  • Schönheit: Schönheit kann in vielen Dingen erfahren werden und einen Zugang zum Heiligen ermöglichen. Die ersten Kunsterwerke des Menschen waren von der Erfahrung des Erhabenen und Geheimnisvollen in der Natur und somit religiös inspiriert. Große Kunstwerke sind das Ergebnis des Wirkens von Menschen, die zur Schau des Heiligen besonders befähigt sind und das von ihnen Geschaute anderen Menschen vermitteln können.
  • Philosophische und naturwissenschaftliche Wahrheit: Philosophen und anderen Denker, die wie die Schöpfer großer Kunstwerke zur Schau des Heiligen besonders befähigt sind, drücken dieses in ihren Werken aus. In den Naturwissenschaften ist das Streben nach der Erkenntnis letzter Ursachen auch mit religiösen Impulsen verbunden.
  • Selbstlose Taten: Diese sprechen die Seele des Menschen an, weil sie darin das Wirken und einen Ausdruck des Heiligen erkennt und den Blick des Menschen über die materielle Welt hinausweist, nach deren Regeln solches Handeln meist als sinnlos oder irrational erscheint. Erzbischof Charles Chaput betonte, dass die Seele des Mannes nach Herausforderungen, nach Wettbewerb und nach einem Sinn des Lebens suche, der größer sei als das bloße eigene materielle Wohlergehen. Der Evolutionsbiologe E.O. Wilson bezeichnete Altruismus dementsprechend als eines der größten ungelösten Rätsel seiner Disziplin.
  • Naturerfahrung: In der Schöpfung offenbart Gott etwas von sich selbst. Naturbetrachtung kann im Menschen religiöse Erfahrungen hervorrufen, weil die in der Natur wahrnehmbare Größe und Schönheit dem Menschen die Erfahrung ermöglicht, dass es geheimnisvolle Dinge gibt, die unendlich größer sind als er selbst. Die ersten Religionen waren dementsprechend Naturreligionen.
  • Letzte Dinge: Zu den ältesten Kulturzeugnissen der Menschheit zählen Grabstätten, aus denen sichtbar wird, dass das Geheimnis des Todes in den Menschen die Frage nach der Seele und ihrer Fortdauer nachd dem Tod aufgeworfen hat.

Die Betrachtung dieser Dinge kann im Menschen zudem die Sehnsucht nach dem Heiligen verstärken, weil sie ihm vor Augen führt, dass es keine weltliche Dinge gibt, die diese Sehnsucht stillen können.

2. Die Unvollständigkeit des Menschen ohne Bindung an transzendente Dinge

Es ist eine Erfordernis der Natur des Menschen, dass er zum Heiligen, Erhabenen und Transzendenten strebt. Dies ist notwendig, damit er über die niedrigen Aspekte seiner Natur hinauszuwachsen und sie kontrollieren kann. Die Frage nach Möglichkeiten der sinnvollen Gestaltung des Lebens hat zudem nur zum Teil materiell begründbare Antworten.

Ein Leben, das nicht von der Existenz von etwas ausgeht das höher ist als es selbst und sich daran bindet, muss ebenso scheitern wie ein Leben, das nur materielle Dinge als wirklich wahrnimmt.